Walter Benjamin
Briefe i
Herausgegeben und mit Anmerkungen
versehen von Gershom Scholem
und Theodor W. Adorno
Suhrkamp Verlag
edition suhrkamp 930
Erste Auflage 1978
© Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1966. Printed in Germany-. Alle
Rechte vorbehalten, insbesondere das der Obersetzung, des offentlichen
Vortrags und der Obertragung durdi Rundfunk und Fernsehen, audi ein-
zelner Teile. Druck Nomos Verlagsgesellsdiaft, Baden-Baden,* Gesamtaus-
stattung "Willy Fleckhaus.
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VORREDEN DER HERAUSGEBER
Als ichTheodor Adornovorschlug, gemeinsam eine Samm-
lung der Brief e Walter Benjamins zu veroffentlichen, dessen
natiirliche und ungemeineBegabung zum Briefschreiben eine
der bezauberndsten Facetten seiner Natur war, konnte ich
davon ausgehen, daB in der ausfuhrlichen Korrespondenz, die
Benjamin durch 25 Jahremitmir gefiihrt hatte, und in seinen
Brief en an die Mitglieder des Instituts fur Sozialforschung in
den Jahren seiner Emigration, vor allem an Max Horkheimer
und Adorno, ein bedeutender und durchaus charakteristischer
Grundstock vorlag, um den sich eine solche Auswahl wiirde
gruppieren konnen. Wir wuBten von anderem Material, das
erhalten war, Briefen an Florens Christian Rang, Hofmanns-
thal und den spateren Briefen an Werner Kraft, die uns zu-
ganglich sein wiirden. Als wir den Plan aufnahmen, konnten
wir damit rechnen, daB auch anderes sich noch finden wiirde,
das die Stiirme dieser Jahrzehnte und deren Katastrophen
iiberstanden hatte. In dieser Erwartung sind wir nicht ge-
tauscht worden. Benjamin war wohl fast alien, die ihn naher
gekannt haben, eine viel zu eindrucksvolle und bedeutende
Erscheinung, als daB sie nicht Schriftliches von ihm ganz
oder teilweise aufbewahrt hatten, Dazu kam die natiirliche
Anmut und der Glanz einer noch in der spontanen Mitteilung
sich niederschlagenden Kraft der Formulierung, die diese
Briefe den Adressaten kostbar machen muBten. So kamen
wir dazu, iiber ein, trotz allem, iiberraschend reiches Material
verfiigen zu konnen, aus dem diese Bande eine Auswahl von
erheblichem Umfang vorlegen. Durch die, in sich sehr ver-
schiedenartigen Briefe, an Freunde seiner Jugendjahre und
an Manner und Frauen, mit denen er spater literarische und
personliche Beziehungen unterhielt, ergab sich so fur uns die
gliickliche Situation, eine fast liickenlose Reihe von Briefen
bringen zu konnen, die sich iiber dreiBig Jahre erstreckt, von
seinem achtzehnten Geburtstag bis kurz vor seinen Selbst-
mord auf der Flucht vor den Mordern. Diese Briefe bieten
eine reiche Dokumentation zu seiner persbnlichen und intel-
lektuellen Biographie und lassen zugleich das Bild seiner
Person, das sich uns so unvergeBlich eingepragt hat, auch fur
den Leser, wie wir hoff en, in genauen Konturen hervortreten.
Von der „Jugendbewegung" der letzten Jahre vor dem ersten
Weltkrieg, in der Benjamin an einer besonders sichtbaren
Stelle, als Hauptmitarbeiter des von Gustav Wyneken her-
ausgegebenen „Anfang", als Hauptsprecher des Berliner
„Sprechsaal der Jugend" und als President der Freien Stu-
dentenschaft an der Universitat Berlin eine bei allem Uber-
schwang und jugendlicher Unklarheit doch scharf profilierte
Haltung einnahm, fiihren diese Brief e durch die Jahre vol-
liger Zuriickgezogenheit, man konnte sagen Verborgenheit,
hiniiber zu den Jahren seines literarischen und publizistischen
Wirkens. Sie begleiten seine Auseinandersetzungen mit gro-
Ben geistigen Bewegungen und Phanomenen dieser Jahre und
bezeugen eindringlich die Wandlungen seines Genius, vora
Metaphysiker, der von einer Kommentierung groBer hebra-
ischer Texte traumte, zum Marxisten, der er in seinen spate-
ren Jahren sein wollte. * Es ist die Absicht dieser Sammlung,
den Lebensgang und die Physiognomie eines der tiefsten und
zugleich ausdrucksmachtigsten Menschen sichtbarzumachen,
den die Judenheit des deutschen Sprachkreises in der Genera-
tion vor ihrer Vernichtung hervorgebracht hat.
Natiirlich ist sehr vieles verloren gegangen. Dazu gehoren
Benjamins Brief e an seine Eltern und Geschwister Georg
und Dora, an Kurt Tuchler, Franz Sachs, Gustav Wyneken,
Fritz Heinle und Georg Barbizon aus der Zeit der Jugend-
bewegung, an Wolf Heinle, Erich Gutkind, Ernst Bloch und
Siegfried Kracauer aus der Zeit des ersten Weltkrieges und
den zwanziger und dreiBiger Jahren. Was Brecht aufbewahrt
hat, war von uns aus nicht zu ixbersehen. Von Briefen an
Frauen, die ihm nahestanden, sind die an Grete Cohn-Radt,
seine erste Verlobte und an Dora Benjamin, seine 1964 ver-
storbene Frau, vollstandig verloren. DaB seine Freundin Asja
Lacis, der die „EinbahnstraBe" gewidmet ist, in Riga lebt,
gelangte erst unmittelbar vorDruckbeginn zu unsererKennt-
nis. Von denen an Jula Cohn, die Schwester seines Jugend-
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freundes Alfred Cohn, der er sich Jahre hindurch besonders
nahe fiihlte, haben sich nur eine Anzahl Brief e aus der Zeit
nach ihrer Eheschliefiung mit Fritz Radt (1925) erhalten.
Von Brief en an franzosische Korrespondenten sind zum Bei-
spiel die an Andre Breton verloren oder nicht auffindbar, und
nur sehr weniges an franzosische Bekannte ist erhalten oder
ims zuganglich geworden. Mit Werner Kraft unterhielt Ben-
jamin zwischen 1915 und 1921 einen zeitweise intensiven
Briefwechsel, in dem er sich vor allem auch uber literarische
Fragen ausfuhrlich auBerte, ja er dachte manchmal daran,
wie er mir damals sagte, sie als Grundlage fur eine Folge von
„ Brief en zur neuern Literatur" zu verwenden. Diese Brief e
sind durch besonders ungliickliche Umstande verloren gegan-
gen, und erst Benjamins Brief e aus der Zeit der Wiederauf-
nahme ihrer Beziehung in den dreiBiger Jahren sind erhalten.
Ich mochte hier ein Wort iiber seine Briefe an mich sagen,
die fur viele Jahre eine Art Ruckgrat der vorliegenden Aus-
wahl bilden. Ich lernte Walter Benjamin drei Monate nach
seinem endgiiltigen Bruch mit Wyneken kennen, und meine
leidenschaftliche Bindung an das Judentum und die Sache
des Zionismus eroffnete mir den Weg zu seiner Person nicht
weniger als das intensive Interesse an philosophischen und
literarischen Dingen, in dem wir uns trafen. Ich war damals
sehr jung, studierte Mathematik und Hebraisch mit gleicher
Intensitat und iiberschuttete ihn mit Mitteilungen, Fragen
und Gedanken, die meine jxidischen Studien, aber auch meine
jugendliche Auseinandersetzung mit der Mathematik und
Philosophie betrafen. In unserm Briefwechsel vereinigten
sich von vornherein sachliche und personliche Interessen, und
diese Verbindung bestimmt die etwa 300 Briefe, die ich von
ihm besitze. Da wir meistens nicht am gleichen Orte lebten
und besonders, seitdem ich 1923 nach Palastina ging, fast
ausschliefilich auf briefliche Mitteilung angewiesen waren,
bildeten Briefe in besonders exemplarischer Weise das Medium
unserer spateren Beziehung, fur das personliches Gesprach
nur noch zweimal wieder substituiert werden konnte. Wah-
rend daher in seinen Beziehungen zu anderen Menschen das
meiste sich im Medium des produktiven Gesprachs und der
spontanen Miindlichkeit vollzog, muBten die Briefe an mich
fur alles einstehen, was uns an persbnlichem Zusammensein
versagt war. Dadurch ist ebenso vieles von seinen Berichten
und Reflexionen iiber sich selbst erhalten geblieben, was sonst
wohl verloren ware, wie freilich auch, eben der raumlichen
Entfernung wegen, vieles doch in diesem Medium nicht zur
Sprache zu bringen war. Ich bin auch iiberzeugt, daB er sich
mit demselben kritischen Freimut und derselben ironischen
Scharfe, mit der er sich iiber andere in Briefen an mich
geauBert hat, zu andern iiber mich ausgesprochen haben wird.
Wir wuBten stets, woran wir dabei waren.
Aus dem uns vorliegenden Material von etwa 600 Briefen
haben wir mehr als 300 ausgewahlt, die, wie wir glauben,
sich zu einem Ganzen fugen. Gerade die verschiedene Far-
bung, ja der verschiedene Tonfall, den diese Briefe, je nach
der Person der Adressaten, haben, spiegeln den Reichtum
von Benjamins Personlichkeit, in ihm gemaBen Medien ge-
brochen, wider. Die Briefe sind zum groBen Teile lang, wie
das seinem Reflexions- und Mitteilungsbediirfnis seinen
Freunden gegeniiber entsprach. Kurze Briefe sind oft nur
technischer Natur und konnten ohne Verlust ausgeschieden
werden. Bei anderm muBten wir, wo es um minder wichtige
Mitteilungen oder um Wiederholungen von Dingen ging,
die in hier vorliegenden Briefen geniigend behandelt sind,
verzichten. Besonders von den Briefen an mich habe ich,
schon aus Raumgriinden, vieles zuriickstellen miissen. Aus-
lassungen in den auf genommenen Briefen wurden stets durch
Punkte in eckigen Klammern [. . .] sichtbar gemacht. Sie be-
treffen rein Technisches, Finanzielles, seine Beziehungen zu
seinen Eltern und personliche AuBerungen iiber Lebende, zu
deren Mitteilung wir uns nicht befugt hielten. Sachliche
Kritik an Personen, auch solche ironischen Charakters, haben
wir aufgenommen; dariiber hinaus schien uns Zuriickhaltung
geboten.
In den Anmerkungen haben wir uns auf das Notwendige
beschrankt. Benjamins Satze in seinem Brief an Ernst Schoen
vom 19. September 1919 gegen Anmerkungen zu Briefwech-
seln als einem AderlaB an der Korrespondenz muBten von
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uns als eine an die Herausgeber gerichtete Warnung auf-
gefaBt werderi, vorsichtig zu verfahren. Der Erklarung von
literarisch allgemein Eekanntem haben wir keinen Raum
gegeben. Bei manchen Stellen, die eine Erklarung verlangt
hatten, waren die genauen Umstande, die vorausgesetzt wer-
den, nicht mehr festzustellen. Das gilt vor allem von den
Brief en bis 1915, bevor ich Benjamin naher kennenlernte.
Von da an konnte ich fur die nachsten fiinfzehn Jahre auf
meine eigene, fur die weitere Zeit auf Adornos und meine
ziemlich prazise Erinnerung sowie auf anderes Schriftliches
(wie meine Tagebiicher von 1915 bis 1919) zuriickgreifen.
Vieles hat mir im Lauf der Jahre auch seine Frau, die wah-
rend des zweitenWeltkrieges und nachher bis zu ihrem Tode
in London lebte, erzahlt. Fur die Jugendbriefe verdanke ich
zudem Herbert Belmore (Rom), Franz Sachs (Johannesburg)
und Jula Radt-Cohn (Naarden, Holland) wertvolle Auskiinf te
liber Einzelheiten. Leider starb Ernst Schoen, der mit Benja-
min noch von jenen friihen Jahren her befreundet war, bevor
die Sammlung des Briefmaterials vorlag und er iiber Details,
die nur er in der Lage war aufzuklaren, befragt werden
konnte.
Das Datum ist in alien Brief en einheitlich an die rechte
Kopfseite gesetzt worden. Benjamin selbst pflegte es meistens
links unten neb en seine Unterschrift zu setzen. Die Zeichen-
setzung des Kommas nach der Anrede haben wir vereinheit-
licht. Die Interpunktion der Brief e selbst bildete ein schwie-
riges Problem. Jahre hindurch, vor allem zwischen 1914 und
1924, hielt sich Benjamin prinzipiell nicht an die „amtliche
Rechtschreibung" und verfuhr vollig nach seinem Gefiihl,
das sich besonders gegen den Gebrauch des Kommas in Pri-
vatbriefen sperrte. Nur wo es sich um mehr oder weniger
formelle Brief e handelte, benutzte er einigermaBen konven-
tionelle Interpunktion. Nach 1921 begann er, zuerst sehr zo-
gernd, dann fortschreitend, der orthographischen Konvention
sich auch hierin anzupassen. Ich habe daher in den Brief en bis
1921 nur sehr selten, wo es durch syntaktische Verhaltnisse
durchaus geboten schien, die Interpunktion verbessert; spater
haben wir sie starker der Konvention angeglichen.
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Die Briefe an Benjamin sind bisher so gut wie vollstandig
verloren, soweit nicht aus seinen allerletzten Jahren Briefe
Horkheimers und Adornos, die mit der Maschine geschrieben
waren, in Durchschlagen erhalten geblieben sind. Von den
hunderten Briefen, die ich an ihn gerichtet habe, besitze ich
abschriftlich nur noch fiinf. Im Zusammenhang der vorlie-
genden Verbffentlichung haben wir uns entschlossen, in den
zweiten Band drei Briefe von mir und zwei von Adorno auf-
zunehmen und an den jeweiligen Daten einzureihen, weil sie
fur die zwischen uns und ihm verhandelten theoretischen
Fragen von besonderem Gewicht schienen, fiir das Verstand-
nis seiner eigenen Briefe, ja dariiber hinaus seiner Person
selbst, Wichtiges beizutragen haben und ein Bild von der
lebendigen Rede und Gegenrede in dieser Korrespondenz
iiberliefern. AuBerdem habe ich zwei Gedichte von mir, auf
die in mehreren Briefen Benjamins Bezug genommen wird,
an den betreffenden Stellen eingeschaltet: ein Gedicht iiber
das Bild „Angelus Novus" von Paul Klee, nach dem Benja-
min die von ihm geplante Zeitschrift nennen wollte, sowie
ein „Lehrgedicht" iiber Kafkas „ProzeB".
In die Bearbeitung haben wir uns folgendermaBen geteilt
und tragen dementsprechend die Verantwortung fiir die Ge-
staltung der Briefe und die Anmerkungen: Ich habe samt-
liche Briefe bis 1921 sowie die weiteren Briefe an mich, Max
Rychner, Martin Buber, Alfred Cohn, Jula Radt, Werner
Kraft, Fritz Li eb, Kitty Steinschneider-Marx und Hannah
Arendt bearbeitet. Adorno hat die Briefe anFlorens Christian
Rang, Hofmannsthal, Brecht und Personen aus dem Kreise
von Brecht, an Karl Thieme, Adrienne Monnier, sowie die
Briefe an Horkheimer und ihn selbst und seine Frau zu ver-
antworten. Zu den Anmerkungen des von Adorno bearbei-
teten Teils trug Rolf Tiedemann Wesentliches bei. Jeder
von uns hat die von dem andern bearbeiteten Teile gelesen
und seine Bemerkungen dazu gemacht.
Ich mochte schlieBlich all denen, die durch Beistellung von
Briefen zum Zustandekommen dieses Buches geholfen haben,
den herzlichen Dank der Herausgeber sagen, vor allem Herrn
Herbert Belmore (Rom), Frau Hansi Schoen (Grafin Johanna
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Rogendorf* London), Frau Jula Radt-Cohn (Naarden), Frau
Grete Cohn-Radt (Paris), Herrn Dr. Werner Kraft (Jeru-
salem), Frau Dr. Kitty Steinschneider (Jerusalem), Professor
Fritz Lieb (Basel), Frau Susanne Thieme (Lorrach), sowie
den Erben und NachlaBverwaltungen von Brecht, Hof-
mannsthal und Rang. Unser warmster Dank gilt dem Suhr-
kamp Verlag, der unsern Anregungen und Wiinschen bereit-
willig entgegengekommen ist, und seinem Lektor Walter
Boehlicb, der uns in vielen Dingen sehr geholfen hat. Die
Arbeit an der Sammlung des Materials, der Vorbereitung des
Manuskripts und der Drucklegung hat mehr als vier Jahre
in Anspruch genommen. Nicht wenige Briefe sind uns erst
wahrend der Drucklegung, ja noch nach Abschlufl der Fah-
nenkorrekturen zur Verfiigung gestellt worden. So erscheint
denn diese Sammlung, die unserm toten Freund ein leben-
diges Denkmal setzen soil, f iinfundzwanzig Jahre nach seinem
Tode.
Jerusalem Gershom Gerhard Scholem
1 Eingehender iiber Benjamin haben sich Adorno, „Charakteristik
Walter Benjamins" in „Prismen", und in der Vorrede zu den „Schrif-
ten"; Scholem, „Walter Benjamin" in der „Neuen Rundschau" 1965,
S. 1-21, geauflert.
13
II
Walter Benjamins Person war von Anbeginn derart Medium
des Werkes, sein Gliick hatte er so sehr an seinem Geist, daB,
was immer sonst Unmittelbarkeit des Lebens heiBt, gebrochen
wurde. Ohne daB er asketisch gewesen ware, auch nur in
seiner Erscheinung so gewirkt hatte, eignete ihm ein fast
Korperloses. Der seines Ichs machtig war wie wenige, schien
der eigenen Physis entfremdet. Das ist vielleicht eine der
Wurzeln der Intention seiner Philosophic, mit rationalen
Mitteln heimzubringen, was an Erfahrung in der Schizo-
phrenie sich anmeldet. Wie sein Denken die Antithesis bildet
zum Personbegriff des Existentialismus, scheint er empirisch,
trotz extremer Individuation, kaum Person sondern Schau-
platz der Bewegung des Gehalts, der durch ihn hindurch zur
Sprache drangte. MiiBig waren Reflexionen iiber den psycho -
logischen Ursprung jenes Zuges; setzten sie doch jene Nor-
mal vorstellung vom Lebendigen voraus, die Benjamins Spe-
culation sprengte und an der das allgemeine Einverstandnis
desto verstockter festhalt, je weniger das Leben noch eines ist.
Eine AuBerung von ihm iiber seine eigene Handschrift — er
war ein guter Graphologe — : sie sei vor allem darauf an-
gelegt, nichts merken zu lassen, bezeugt zumindest, wie er zu
sich in dieser Dimension stand, ohne daB er im iibrigen um
seine Psychologie viel sich gekummert hatte.
Schwerlich ist es einem anderen gelungen, die eigene Neu-
rose, wenn es denn eine war, so produktiv zu machen, wie
ihm. Zum psychoanalytischen Begriff der Neurose gehort die
Fesselung der Produktivkraft, die Fehlleitung der Energien.
Nichts dergleichen bei Benjamin. Die Produktivitat des sich
selbst Entfremdeten ist erklarbar nur dadurch, daB in seiner
diffizilen subjektiven Reaktionsform ein objektiv Geschicht-
liches sich niederschlug, das ihn befahigte, sich umzuschaffen
zum Organ von Objektivitat. Was ihm an Unmittelbarkeit
mangeln mochte oder was zu verbergen ihm von friih zur
zweiten Natur muB geworden sein, ist in der vom abstrakten
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Gesetz der Beziehungen zwischen den Menschen beherrschten
Welt verloren. Nur urn den Preis des bittersten Sch'merzes
oder nur unwahr, als tolerierte Natur, darf es sich zeigen.
Benjamin hat daraus, langst ehe ihm dergleichen Zusam-
menhange bewuBt waren, die Konsequenz gezogen. In sich
und seinem Verhaltnis zu anderen setzte er riickhaltlos den
Primat des Geistes durch, der anstelle von Unmittelbarkeit
sein Unmittelbares wurde. Seine private Haltung naherte zu-
weilen dem Ritual sich an. Man wird den EinfluB Stefan
Georges und seiner Schule, von der ihn philosophisch schon
in seiner Jugend alles trennte, darin zu suchen haben: er
lernte von George Schemata des Rituals. In den Brief en reicht
es bis ins typographische Bild hinein, ja bis in die Wahl des
Papiers, das fur ihn eine ungemeine Rolle spielte; noch wah-
rend der Emigrationszeit beschenkte ihn sein Freund Alfred
Cohn, wie langst, mit einer bestimmten Papiersorte. Die
ritualen Ziige sind am starksten in der Jugend; erst gegen
Ende seines Lebens lockerten sie sich, als hatte die Angst vor
der Katastrophe, vor Schlimmerem als dem Tod, die tief ver-
grabene Spontaneitat des Ausdrucks erweckt, die er durch
Mimesis an den Tod bannte.
Benjamin war ein groBer Briefschreiber; offensichtlich hat
er passioniert Briefe geschrieben. Trotz der beiden Kriege,
des Hitlerreichs und der Emigration erhielten sichsehr viele;
auszuwahlen war schwierig. Der Brief wurde ihm zur Form.
Die primaren Impulse laBt sie durch, schiebt aber zwischen
diese und den Adressaten ein Drittes, die Gestaltung des Ge-
schriebenen gleichwie unterm Gesetz von Objektivation, trotz
der Anlasse von Ort und Stunde und dank ihrer, als wiirde
dadurch erst die Regung legitimiert. Wie bei Denkern von
bedeutender Kraft Einsichten, die aufs treueste ihr Objekt
treffen, vielfach zugleich solche iiber den Denkenden selbst
sind, so bei Benjamin: ein Modell dafiir ist die beruhmt ge-
wordene Formel iiber den alten Goethe als Kanzlisten des
eigenen Inneren. Solche zweite Natur hatte nichts Posiertes;
iibrigens hatte er den Vorwurf gleichmiitig hingenommen.
Der Brief war ihm darum so gemaB, weil er vorweg zur ver-
mittelten, objektivierten Unmittelbarkeit ermutigt. Briefe
15
schreiben fingiert Lebendiges im Medium des erstarrten
Worts. Im Brief vermag man die Abgeschiedenheit zu ver-
leugnen und gleichwohl der Feme, Abgeschiedene zu bleiben.
Auf das Spezifische des Brief schreibers Benjamin mag ein
Detail Lictit werfen, das mit Korrespondenz zunachst gar
nichts zu tun hat. Die Unterhaltung fiihrte einmal auf Un-
terschiede zwischen dem geschriebenen und dem gesproche-
nen Wort wie den, dafi man in der lebendigen Konversation,
aus Humanitat, an sprachlicher Form etwas nachlaBt und des
bequemeren Perfekts sich bedient, wo grammatisch das Pra-
teritum gefordert ware. Benjamin, der das feinste Organ fur
sprachliche Nuancen besaB, machte gegen den Unterschied
sich sprode und bestritt ihn mit einem gewissen Affekt, so
als ob eine Wunde beriihrt worden ware. Seine Briefe sind
Figuren einer redenden Stimme, die schreibt, indem sie
spricht.
Fur den Verzicht, der sie tragt, sind aber diese Briefe aufs
reichste belohnt worden. Das rechtfertigt, sie einem groBen
Leserkreis zuganglich zu machen. Der das gegenwartige
Leben wahrhaft an seinem farbigen Abglanz hatte; dem war
Macht gegeben iiber die Vergangenheit. Die Form des Briefes
ist anachronistisch und begann es schon zu seinen Lebzeiten
zu werden; die seinen ficht das nicht an. Bezeichnend, daB er,
wenn irgend es moglich war, seine Briefe, als langst die
Schreibmaschine dominierte, mit der Hand zu Papier brachte;
ebenso bereitete ihm der physische Akt des Schreibens Lust
- er fertigte gern Exzerpte und Reinschriften an — ,wie ihn
Abneigung beseelte gegen mechanische Hilf smittel : die Ab-
handlung iiber das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen
Reproduzierbarkeit war insofern, wie manches in seiner gei-
stigen Geschichte, Identifikation mit dem Angreifer. Das
Briefschreiben meldet einen Anspruch des Individuums an,
dem es heute so wenig mehr gerecht wird, wie die Welt ihn
honoriert. Als Benjamin bemerkte, daB man von keinem
Menschen mehr eine Karikatur machen konne, kam er jenem
Sachverhalt nahe; auch in der Abhandlung iiber den Erzah-
ler. In einer gesellschaftlichen Gesamtverfassung, die jeden
Einzelnen zur Funktion herabsetzt, ist keiner langer legiti-
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miert, so im Brief von sich selbst zu berichten, als ware er
noch der unerfaBte Einzelne, wie der Brief es doch sagt: das
Ich im Brief hat bereits etwas Scheinhaftes.
Subjektiv aber sind die Menschen, im Zeitalter des Zerfalls
der Erfahrung, zum Briefs chreiben nicht mehr aufgelegt.
Einstweilen sieht es aus, als entzoge die Tecbnik den Brief en
ihre Voraussetzung. Weil Briefe, angesichts der prompteren
Moglichkeiten der Kommunikation, der Schrumpfung zeit-
raumlicher Distanzen, nicht mehr notwendig sind, zergeht
auch ihre Substanz an sich. Benjamin brachte fur sie eine an-
tiquarische und ungehemmte Begabung mit; ein Vergehen-
des vermahlte sich ihm mit der Utopie seiner Wiederherstel-
lung. Was ihn verlockte, Brief e zu schreiben, hing wohl auch
insofern mit seiner Erfahrungsweise zusammen, als er ge-
schichtliche Formen - und der Brief ist eine - wie Natur sah,
die zu entratseln, deren Gebot zu folgen sei. Seine Haltung
als Briefschreiber neigt sich der des Allegorikers zu: Brief e
waren ihm naturgeschichtliche Bilder dessen, was Vergangnis
iiberdauert. Dadurch, daB die seinen eigentlich gar nicht
ephemeren AuBerungen des Lebendigen gleichen, gewinnen
sie ihre gegenstandliche Kraft, die zu menschenwurdiger Pra-
gung und Differenzierung. Noch ruht das Auge, trauernd um
ihren heraufdammernden Verlust, so geduldig und intensiv
auf den Dingen, wie es wieder einmal moglich sein imiBte.
Eine private AuBerung Benjamins fiihrt ins Geheimnis sei-
ner Brief e: ich interessiere mich nicht fiir Menschen, ich
interessiere mich nur fiir Dinge. Die Kraft der Negation, die
davon ausgeht, ist eins mit seiner Produktivkraft.
Die friihen Briefe sind durchweg an Freunde und Freun-
dinnen aus der Freideutschen Jugendbewegung gerichtet,
einer radikalen, von Gustav Wyneken geleiteten Gruppe,
deren Vorstellungen die Wickersdorfer Freie Schulgemeinde
am nachsten kam. Auch am „Anfang", 'der Zeitschrift jenes
Kreises, die 1913—14 viel Aufsehen machte, arbeitete ermaB-
gebend mit. Paradox, den durch und durch idiosynkratisch
reagierenden Benjamin in einer solchen Bewegung, iiber-
haupt in irgendeiner, sich vorzustellen. DaB er so vorbehaltlos
sich hineinsturzte, die heute dem AuBenstehenden nicht mehr
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verstandlichen Auseinandersetzungen innerhalb der ,Sprech-
sale' und alle Beteiligten so ungemein wichtig nahm, war
wohl ein Kompensationsphanomen. Geschaffen, das Allge-
meine durchs Extrem des Besonderen, sein Eigenes auszu-
driicken, litt Benjamin daran so sehr, daB er, gewiB vergeb-
lich, kramphaft nach Kollektiven suchte; auch noch in seiner
reifen Zeit. Uberdies teilte er die selbst wiederum allgemeine
Neigung des jungen Geistes, die Menschen, mit denen er zu-
nachst zusammentraf , zu iiberschatzen. Die Anspannung zum
AuBersten, die ihn vom ersten bis zum letzten Tag seiner
intellektuellen Existenz beseelte, ubertrug er, wie es dem
reinen Willen ansteht, als ein Selbstverstandliches auf seine
Freunde. Nicht die geringfiigigste unter seinen schmerzlichen
Erfahrungen muB gewesen sein, daB nicht nur die meisten
nicht die Kraft der Elevation haben, auf die er von sich aus
schloB, sondern jenes Aufierste gar nicht wollen, das er ihnen
zutraute, weil es das Potential der Menschheit ist.
Dabei erfuhr er die Jugend, mit der er instandig sich iden-
tifizierte, und auch sich selbst als Jungen, bereits in der Refle-
xion. Jungsein wird ihm zu einer Position des BewuBtseins.
Er war souveran gleichgiiltig gegen den Widerspruch darin;
daB der Naivetat negiert, welcher sie als Standpunkt bezieht
und gar eine ,Metaphysik der Jugend' plant. Spater hat Ben-
jamin, was den Jugendbriefen ihre Signatur verlieh, schwer-
miitig auf seine Wahrheit gebracht mit dem Satz, er habe
Ehrfurcht vor der Jugend. Die Kluft zwischen seiner eigenen
Beschaffenheit und dem Kreis, dem er sich anschloB, scheint
er versucht zu haben, durch Herrschbediirfnis zu iiberbruk-
ken; noch wahrend der Arbeit am Barockbuch sagte er ein-
mal, ein Bild wie das des Konigs habe ihm urspriinglich sehr
viel bedeutet. Herrische Anwandlungen durchfahren das viel-
fach Wolkige der Jugendbriefe wie Blitze, die ziinden wollen;
die Gebarde antizipiert, was spater die geistige Kraft leistet.
Prototypisch muB fiir ihn gegolten haben, was junge Men-
schen, etwa Studenten, leicht und gem an den Begabtesten
unter ihnen tadeln: sie seien arrogant. Solche Arroganz ist
nicht zu verleugnen. Sie markiert den Unterschied zwischen
dem, was Menschen obersten geistigen Ranges als ihre Mog-
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lichkeit wissen, und dem, was sie bereits sind; jenen Unter-
schied gleichen sie durch ein Verhalten aus, das von auBen
notwendig AnmaBung diinkt. Der reife Benjamin lieB so
wenig mehr Arroganz wie Herrschbegierde erkennen. Er war
von vollkommener, iiberaus anmutiger Hof lichkeit; sie hat
audi in den Brief en sich dokumentiert. Darin ahnelte er
Brecht; ohne jene Eigenschaft ware die Freundschaft zwi-
schen den beiden kaum bestandig gewesen.
Mit der Scham, die Menschen solchen Anspruchs an sich
selbst vor der Unzulanglichkeit ihrer Anfange haufig befallt
— einer Scham, die ihrer friiheren Selbsteinschatzung gleich-
kommt — , hat Benjamin unter die Periode seiner Teilnahme
an der Jugendbewegung den SchluBstrich gezogen, als er
seiner selbst ganz innewurde. Nur mit wenigen, wie Alfred
Cohn, blieb der Kontakt erhalten. Freilich auch der mit Ernst
Schoen; die Freundschaft dauerte bis zum Tod. Die unbe-
schreibliche Vornehmheit und Sensibilitat Schoens muB ihn
bis ins Innerste betroffen haben; sicherlich war er einer der
ersten ihm Ebenburtigen, die er kennenlernte. Die wenigen
Jahre, die Benjamin spater, nach dem Scheitern seiner akade-
mischen Plane und bis zum Ausbruch des Faschismus, einiger-
maBen sorgenf rei existieren konnte, hatte er in nicht gerin-
gem MaB der Solidaritat Schoens zu verdanken, der, als
Programmleiter des Radios Frankfurt, ihm die Moglichkeit
dauernder und haufiger Mitarbeit gewahrte. Schoen war
einer der Menschen, die, tief ihres eigenen Wesens sicher,
ohne alles Ressentiment zuriickzutreten liebten bis zur Selbst-
ausloschung; um so mehr AnlaB, seiner zu gedenken, wenn
vom Personlichen bei Benjamin die Rede ist.
Entscheidend war, in der Zeit der Emanzipation. auBer der
Heirat mit Dora Kellner die Freundschaft mit Scholem, der
ihm geistig gewachsen war; wohl die engste im Leben Benja-
mins. Dessen Begabung zur Freundschaft glich in vielem der
szum Brief schreiben, noch in exzentrischen Ziigen wie der
Geheimniskramerei, die ihn dazu bewog, soweit es nur an-
ging, seine Freunde voneinander f ernzuhalten, die dann regel-
maBig, innerhalb eines notwendig begrenzten Kreises, doch
einander kennenlernten. Wehrte Benj amin, aus Aversion
19
gegen geisteswissenschaftliche Cliches, den Gedanken einer
En twicklung seiner Arbeit von sich ab, so zeigt der Unterschied
der ersten Brief e an Scholem von alien vorhergehenden, neben
der Kurve des Werkes selbst, wie sehr er sich entwickelte; hier
plotzlich ist er von aller veranstalteten Superioritat frei. An
ihre Stelle tritt jene unendlich zarte Ironie, die ihm, trotz des
seltsam Objektivierten, Unberiihrbaren der Gestalt, ebenso
im privaten Umgang den auBerordentlichen Reiz verlieh.
Eines ihrer Element e war, daB der empfindlich Wahlerische
mit Volkstumlichem, etwa Berliner oder judisch-idiomati-
schen Redewendungen, spielte.
Die Briefe seit den friihen zwanziger Jahren sind nicht so
fern geriickt wie die vor dem Ersten Krieg geschriebenen. In
ihnen entfaltet Benjamin, sich in liebevollen Berichten und
Erzahlungen, in prazisen epigrammatischen Formeln, zuwei-
len auch — nicht gar zu oft — in theoretischen Argumenta-
tionen; zu ihnen fiihlte er sich gedrangt, wo dem Vielgerei-
sten groBe raumliche Entfernung die miindliche Diskussion
mit dem Korrespondenten verwehrte. Die literarischen Bezie-
hungen sind weit verzweigt. Benjamin war alles andere als
ein jetzt erst wiederentdeckter Verkannter. Seine Qualitat
konnte nur dem Neid verborgen bleiben; durch publizistische
Medien wie die Frankfurter Zeitung und die Literarische
Welt wurde sie allgemein sichtbar. Erst im Vorfaschismus
wurde er zuriickgedrangt; noch in den ersten Jahren der Hit-
lerdiktatur vermochte er, pseudonym, in Deutschland weiter
manches zu verbffentlichen. Fortschreitend vermitteln die
Briefe ein Bild nicht nur von ihm, sondern auch vom geistigen
Klima der Epoche. Die Breite seiner sachlichen und privaten
Kontakte war von keiner Politik beeintrachtigt. Sie reichte
von Florens Christian Rang und Hofmannsthal bis Brecht;
die Komplexion theologischer und gesellschaftlicher Motive
wird in der Korrespondenz durchsichtig. Vielfach hat er, ohne
daB sein Eigentumliches dariiber gemindert worden ware,
den Korrespondenten sich angepaBt ; Formgef iihl und Distanz,
Konstituentien des Benjaminschen Brief es uberhaupt, treten
dann in den Dienst einer gewissen Diplomatie. Sie hat etwas
Riihrendes, vergegenwartigt man sich, wie wenig die zuwei-
20
len kunstvoll bedachten Satze ihm tatsachlich das Leben er-
leichterten ; wie inkommensurabel und unannehmbar er dem
Bestehenden trotz seiner temporaren Erfolge blieb.
Erlaubt sei der Hinweis darauf, mit welcher Wiirde und,
solange es nicht urns nackte Leben ging, mit welcher Gelas-
senheit Benjamin die Emigration ertrug, obwohl sie ihm
wahrend der ersten Jahre die armlichsten materiellen Bedin-
gungen auferlegte, und obwohl er keinen Augenblick sich
tauschte iiber die Gefahr seines Verbleibs in Frankreich. Um
des Hauptwerks, der Pariser Passagen willen hat er sie in
Kauf genommen. Seiner Haltung damals schlug das Unpri-
vate, fast Apersonale zum Segen an; wie er sich als Instru-
ment seiner Gedanken, nicht sein Leben als Selbstzweck ver-
stand, trotz oder gerade wegen des unfafilichen Reichtums an
Gehalt und Erfahrung, den er verkbrperte^ so hat er sein
Schicksal nicht als privates Ungliick beklagt. DaB er es in
seinen objektiven Bedingungen durchschaute, verlieh ihm die
Kraft, dariiber sich zu erheben; jene Kraft, die ihm noch
1940, fraglos im Gedanken an seinen Tod, die Formulierung
der Thesen iiber den Begriff der Geschichte gestattete.
Nur urns Opfer des Lebendigen wurde Benjamin der Geist,
der lebte von der Idee des opferlosen Standes.
Frankfurt Theodor W. Adorno
21
BRIEFE 1910-1928
Paris 1927
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1 An Herbert Belmore
[Vaduz], 15.7. 101
Lieber Herbert,
Warum soil ich Dir nicbt einmal einen Brief schreiben?
Warum nicht? Das ist leicht zu sagen. Auf so und soviel Post-
karten habe ich noch keine Zeile Antwort von Dir. Indes in
meines Herzens unbeschrankter Giite und alldieweil den
ersten Tag des neuen Lebensjahres ich segnen will durch eine
gute Tat, so will ich's tun und iiber mich gewinnen und
schreiben einen piinktlichen, genauen und langen, regelrech-
ten Schreibebrief. Und also nun zum ersten kiinde ich, daB
ich auf diesen Brief will Antwort haben, postlagernd auf der
Post: St. Moritz (Dorf). Denn Sonntag will ich scheiden von
Vaduz, allwo ich viele schone Zeit verlebt, sei's, daB ich [sic!]
kiihlen Tale ich spaziert und sei's, daB ich geklettert auf des
Berges Gipfel. Von hier nun werden meine Fiifie mich, und
auch vielleicht die rauch'ge Eisenbahn verpflanzen nach
Ragaz, von wo aus ich in wengen Stunden nach St. Moritz
reise. Von hier aus herrscht noch Dunkel: Ob vielleicht ich
nach Italien reise oder auch in kurzem mich zurlick nach
Deutschland wende. - So die Realien. Was den Geist betrifft,
so hat er reiche Nahrung heut erhalten zur Feier meines 18ten
Geburtstags. Ich wiirde gern Dir davon nahr' berichten, je-
doch vertragen diese Stoffe nicht den Zwang der strengen
Rhythmen, die ich iibe. - Und also drangt zum unfreiwillgen
SchluB mich meiner Dichtkunst technische Beschrankung.
1 An W. B.s 18. Geburtstag geschrieben. Herbert B. war sein Mit-
schiiler auf dem Kaiser-Friedrich- Gymnasium in Berlin.
25
2 An Herbert Belmore
St. Moritz, 27. 7. 10
Lieber Herbert,
Mit meiner „Romantika" gehts zu Ende. Teils aus Uberfulle
von Stoff (den ich nicht meistern kann), teils aus Mangel an
Zeit (die ich nicht habe), teils weil ich Dir eine ganze Menge
anderes schreiben muB (was ich nicht tue). Also muB ich doch
die „Romantika" weiterschreiben. Zunachst aber eine redak-
tionelle und eine geographische Bemerkung.
1) Ich hoffe, daB Du auch meine iibrigen Brief e und Kar-
ten (denn Du schreibst - glaub' mir - immer nur von den
ersten) bekommen hast. Sie waren sammtlich an Deine Privat-
wohnung adressiert.
2) Liechtenstein liegt nicht in Osterreich, sondern ist ein
souveranes Fiirstentumchen und hat nur osterreichische Brief -
marken. (Porto 5 Pf.) Das kommt jedoch jetzt nicht mehr in
Betracht, daichinderSchweizbin. Meine Adresse : St. Moritz.
Hotel Petersburg. Bis cr. Donnerstag, d. 29. bin ich hier.
(Porto Karte 10, Brief 20 Pf. ttber d. Porto doppelter Brief e
muBt Du dich bei der Post informieren)
Also:
Am Morgen des 17. Juli anno domini 1910 rollte ein
zweispanniges Fuhrwerk aus dem Dorfchen Vaduz heraus
iiber die LandstraBe hin, die im Sonnenglanze dalag. In der
Luft jubelten die Lerchen, der Himmel war blau und die
Bergspitzen funkelten im Sonnenlichte. Schon lange wird die
aufmerksame Leserin erraten haben, wer in dem Wagen saB
— kein anderer uns [sic] unser wohlbekannter Walter. Male-
risch verdeckte ein gelber Panama zur Halfte sein sonnen-
gebrauntes Gesicht aus dem hinter den dunklen Brauen zwei
stahlblaue unverzagte Augen ihre Blitze schossen. - Die auf-
merksame Leserin, die schon 2-3 Dutzend Romane gelesen
hat, wird wissen, daB selbiger Walter nach 1— 2stiindiger
Fahrt sein Ziel (in dies em Falle Balzers in der Nahe der
Schweizer Grenze) erreichte, daB er seine[n] Schlapphut
— pardon, Panama — tiefer ins Gesicht driickte, seine Stirn in
26
Falten legt'e und in das einsame Wirtshaus an der LandstraBe
(in diesemFalle: Wirtshaus zurPost) einkehrte. Sie wird wis-
sen, daB er sich dort nur eine kurze Rast gonnte und bald
aufbrach um noch vor Abend die feindliche Stadt (in diesem
Falle: Bad Ragaz) zu erreichen. Was sie aber nicht wissen
wird ist, daB er zwei Stunden lang in gliihendster Sonne
gegen den furchterlichsten Fohnwind marschieren muBte,
bis er sich in einem Gasthaus an der LandstraBe erlaben
konnte. Kurz: Gegen Abend war er in Ragaz. Hier hatte
unser Held den Eindruck, daB Ragaz ein schon gelegenes,
schauerlich odes Fremdenbad ist, das er nur deshalb besuchte,
weil er die 1 Stunde weit entfernte Tamina-Schlucht besu-
chen wollte. Dies tat er am folgenden Tage und berichtete
von dem groBartigen Eindruck den staunenden Genossen
nach seiner Riickkehr in die Heimatstadt. Seit gestern abend
ist unser Held in St. Moritz. DaB er wahrend der Fahrt auf
der groBartigen Albula-Bahn die grauenhaftesten Zahn-
schmerzen hatte, braucht denen, die ihn und die Tiicke des
Objekts naher kennen, nicht gesagt zu werden. In St. Moritz
hat er Boninger noch nicht gesprochen, aber er ist noch hier.1
Heute vormittag beobachtete er bei der Kurmusik das Bade-
leben, aus welcher Beobachtung einige Apercus resultieren,
die jedoch aus Platzmangel hier keine Stelle finden konnen. -
Zeitweise macht er immer noch Aphorismen, welche Be-
schaftigung bei geistzerriittenden Zahnschmerzen angemes-
sen und zu empfehlen ist. Heut nachmittag wird er hier ins
Segantini-Museum gehen. Und weil auf diesen Gegenstand
dieser Stil nicht mehr passen wiirde schlieBt er freudigen
Herzens diesen Abschnitt der „Romantika" mit der Hoff-
nung eine „Antiromantika" bald zu erhalten von
Herbert Bl.2
1 Theodor Boninger, Klassenkamerad von W. B. und Herbert B. 1914
im Kriege gefallen, Sohn eines hohen Beamten, Nichtjude.
2 Als Unterschrift geschrieben.
27
3 An Herbert Belmore
St. Moritz, 22. 7. 10.
Lieber Herbert,
Ich erhebe mich von der Lektiire von: „Mauthner: Die Spra-
che", welches Buch ich zum Geburtstag auf meinen Wunsch
bekommen habe, um Dir zu schreiben. Und zwar erhebe ich
mich freudigen Herzens. Weniger deswegen, weil ich Dir
schreiben will, als weil ich nicht mehr lesen muB. Es ist
furchterlich schwer, und ich werde wohl vorlaufig verzichten.
AuBerdem habe ich von Gurlitt: Die Schule bekommen, von
Burkhard: Das Theater1, von Spitteler die zweibandige (neue)
Ausgabe des olympischen Friihlings, 2 Bande Storm. Und
„das zweite Buch der Ernte". Pompos! Unvergleichlich! Die
Vorrede, wie gewohnlich auf denUmschlaggedrucktbeginnt:
„Zwei Jahre sammelnder und sichtender Vertiefung haben
dieses, der Ernte zweites und letztes Buch gezeitigt" Oder so
ahnlich. Kathe Vesper-Waentig hat ein paar neue Rosenkrin-
gel gezeichnet; sonst sind die alten drin. Zwei Gedichte von
Will-Vesper [sic] sind auch wieder drin, iibrigens gut. Sonst
ist auch manches merkwiirdige dabei: Will Vesper hat u. a.
fur diese zweite Sammlung (es ist namlich nicht eine Weiter-
fiihrung nach der Moderne, sondern fangt wieder bei 5000
v. Chr. an) Eichendorff u. Holderlin entdeckt — zufallig
gleichzeitig mit mir. Was von Goethe noch nicht im ersten
Band stand, steht im zweiten. Woraus man zweierlei sieht.
Erstens, daB Goethe ein genialer Dichter ist, zweitens, daB
er nicht in eine Anthologie gehort, sondern, daB man sich
besser seine gesammelten Werke anschafft. In der Zwischen-
zeit zwischen dem ersten u. zweiten Erntebuch sind - wie Du
vielleicht weiBt - bei Diederichs die Gedichte des Angelus
Silesius (mittelalterlicher Dichter) herausgekommen. Selbi-
ger ist nun plotzlich durch einen merkwiirdigen Zufall auch
von Will Vesper in „zwei Jahren sammelnder u. sichtender
Vertiefung" entdeckt worden. Seine Sachen, soweit sie in der
Ernte abgedruckt sind, sind iibrigens wundervoll, nur keine
Lyrik. DaB Will Vesper ferner zwei Jahre gebraucht hat, um
28
von Nietzsche u. Hoffmannstal [sic] ein paar Gedichte zu
entdecken, die in alien anderen Sammlungen schon stehen,
ist traurig. Ferner ist im Gegensatz zum ersten Band auch
nicht alles, was abgedruckt ist, einwandsfrei. Sonst ist wohl
— ich habe noch nicht sehr viel gelesen, sondern mehr durch-
blattert, manches Gute drin. Sehr gut — viel besser als im
ersten Band, sind diesmal die mittelalterlichen Dichtungen.
Das ware ein St. Moritzer Literaturbrief. Jetzt kommt ein
St. Moritzer Naturbrief. - Da kann ich garnichts schreiben.
Zuerst kam mir manches hier ein bischen zu zivilisiert vor,
aber wenn man ein paar Schritte von hier entfernt ist, ist
alles wundervoll. Manchmal frage ich mich, wenn ich so die
Berge sehe, wozu uberhaupt noch die ganze Kultur da ist,
aber man denkt doch nicht daran, wie sehr einen gerade die
Kultur (und sogar t)ber-Kultur) zum NaturgenuB befahigt.
Gestern hat sich Berlin W hier ein Rendevous [sic] gege-
ben. Wir (d. h. unsere Familie) haben mit Teddy2 einen Aus-
flug gemacht und haben Deine Eltern, Deine Schwester und
ein fremdes Individuum mit ihnen getroffen. Deine Eltern
haben mir eine Birne geschenkt. Ich erfuhr zu meinem
Schrecken, daB all meine Brief e an Dich D einen Eltern hier-
her nachgeschickt worden sind — kein Wunder, daB ich keine
Antwort von Dir bekommen habe. Gestern gab mir Dein
Vater noch eine Karte, die ich von Vaduz an Dich geschrie-
ben hatte. Das ist sicher eine der merkwiirdigsten Korrespon-
denzen gewesen, die es gibt. Ist Deinen Eltern librigens durch
viel Strafporto etwas teuer zu stehen gekommen.
Ich habe erfahren, daB Du die Aufraumungsarbeiten bei
Euch zu Hause beaufsichtigst. Ich bemitleide Dich und die
aufraumenden Leute auf's herzlichste.
Dein Walter Benjamin.
* Alles Bande der Sammlung „Die Gesellschaft".
2 Boninger.
29
4 An Herbert Belmore
Weggis, den 18. 7. 11
Gliicklicher! Doppelt Glucklicher,
Namlich 1) der Du schon in Sils-Maria weiltest, als ich in der
Aula (!) der Kaiser-Friedrich-Schule meine Zensur (IIB) in
Empfang nehmen durfte. Nochmals Glucklicher, dem es zu
Gute kommt, daft ich zu faul bin, meine Ansichtspostkarten
herunterzuholen und der auf diese Weise ein langeres Schrei-
ben (Brief) erhalt. Ich teile Dir mit: Zuvorderst, daB auch
ich in der Schweiz bin und zwar heute zum letzten Male in
Weggis (in dem Hotel [Albana], das mir so freigebig die
Briefbogen zur Verfugung stellt) morgen aber, soweit der
sterbliche, reisende Mensch voraussehen kann, in Wengen
(Berner Oberland). Landschaftliche Schilderungen hiesiger
Gegend unterlasse ich, denn sie wiirden dem engadinbewoh-
nenden Reisesnob doch nur ein welkes Lacheln auf den fah-
len Lippen (sic!),hervorlocken. Daher nur das Pragmatische
(Exzerpt aus einem noch zu verfassenden Reisetagebuch) :
Der Vierwaldstatter See ahnelt einem verschobenen Kreuz
(schreibt Badecker) Dampfer sorgen fiir die Reisenden und
den Verkehr auf der Wasserflache (sagt Karlchen1) Dieser
Stil ist ode (sagst Du) Pardon! ...
Also: :: Der junge Morgen fand mich in Luzern. Es ist der
groBartigste Badeort, den ich kennengelernt habe (und zwar
in 3/4 Std.) und ich bin iiberzeugt, daB man in gewissem Al-
ter, an gewissen Orten (falls es Dich interessiert: an der Kur-
promenade) keine 100 Schritt gehen kann, ohne sich zu ver-
loben. Die Alpen sind in dieser Gegend noch auffallend zu-
riickhaltend. — Mittag aB ich schon in Weggis. (Wie soil sich
der Mensch auf Reisen anders orientieren als an den fiinf
(heiligen) Mahlzeiten; da die Stundenmuhle des Berufs ver-
sagt) In Weggis sind die Alpen schon konkreter. Der Rigi ist
hoch und hat **. Hier, wie fast uberail waren wir nicht oben.
Hier, wie fast uberail fiihrt eine Bergbahn hinauf. (Ich glau-
be kein Land der ganzen Erde ist fiir Lahme und Gebrech-
liche so bequem, wie die gebirgige Schweiz.) — Heute bin ich
30
die schonste Strecke der beruhmten Axen-StraBe am Vier-
waldstatter2 See entlang gegangen, die iiber der Gotthard-
bahn entlang fiihrt und stellenweise in den Felsen gesprengt
ist. Wundervolle Ausblicke. Man geht an den ganz hohen
Bergwanden entlang, auf der anderen Seite bewaldete Berge,
Schneeberge und Gletscher, dazwischen der See mit fortwah-
rendem, sehr deutlichem Ubergang von Dunkelgriin in blau-
oder hell-grim; je nach der Sonne. In Fliielen (Ende des Sees)
ist ein alkoholfreies Restaurant. Meine Tageseinteilung f angt
urn 9 Uhr an. Der Vormittag vergeht meist auf einer schat-
tigen Terrasse oder im Hotelpark, traumend mit den Elemen-
ten der lateinischen Sprache in der Hand (beachte den viel-
benutzten „poetischen Kontrast" !) oder hochst angeregt mit
„Der Kultur der Renaissance in Italien" (Burkhardt [sic].)
Ich habe leider nur den ersten Band mit, da ich nicht einmal
diesen zu beendigen hoffte. Doch jetzt habe ich ihn bald aus.
Spannend und oft unglaublich. (Pietro Aretino bekam von
Karl V und Franz I eine Jahrespension, damit er sie mit
Spottgedichten verschone.) cf. Bruhn3. AuBerdem beendige
ich allmahlig „Anna Karenina" und ebenso allmahlig aber
sicher wird mir Tolstoi interessanter als seine Heldin. Dann
habe ich noch manches Scheme mit, u. a. Kaspar Hauser4.
Zum SchluB gebe ich Dir folgenden guten, wahrschein-
lich (iberfliissigen Rat. Nach langjahriger Erfahrung bin ich
mir neulich bewufit geworden, wieviel eigenartiger, vor alien
Dingen, wie ganz anders die Natur nach Sonnenuntergang
(3/4 9 bis 1/4 10) aussieht. Schon und seltsam. Also hast Du
es noch nicht beobachtet, so tu's. Deine Antwort erwarte ich
Wengen, postlagernd.
Dein Walter Benjamin
1 Gemeint ist wohl der damals populare Humorist „Karlchen" [Ett-
linger].
2 Als Rebus gezeichnet: die Ziffer 4, Baume, ein Stadter.
3 Herausgeber einer Berliner Zeitung, uber der en Gebaren ahnliche
Geriichte im Unolauf waren.
4 Wassermanns Roman.
51
5 An Herbert Belmore
Wengen, 19. 7. 1911
Isis . . . Pythia . . . Demeter,
Siehe, offen und frei begab sich meine Seele zu Euch, von
Weggis in den Engadin. Doch sie fand kein liebliches Schwei-
zerhaus, sondern inmitten der ewigen Gletscher erhob sich
ein Altar (auf dem Sockel zwar erblickte ich nichts) aber dar-
unter stand „Isis Moralitas" Und meine Seele legte ihren
Panzer an und spendete Weihrauch . . . Und begab sich von
hinnen, schwang sich auf die Jungfrau, und die Jungfrau
redete f iir sie :
„Erhabene miitterliche Demeter! meinen GruB zuvor und
alle schuldige Achtung; denn aus Deiner unendlichen Hohe
neigst Du Dich und wirkst fur die Mannertracht.
Aber hore, o miitterliche Demeter! Dein Sang von der Mo-
ral dringt nur verworren und schal zu mir, und ob er auch
aus der Feme kommt, so kommt er doch aus der Tiefe. (Und
in Sils, wo ein Mensch „jenseits von Gut und Bose" dachte
und schrieb erhebst Du die Gottin die Messingtrompete der
Moral)
(Und mehr darf ich Dir nicht sagen, denn die Jungfrau
spricht fiir mich)
Die Jungfrau lost das Orakel der Pythia:
Die Pythia spricht doppelsinnig und wenn sie meint, daB
die Materie nichts wiegt und der Geist allzuviel, so ist dies
ein Zeichen, dafi sie die neuere philosophische Terminologie
nicht beherrscht, denn sie meint, die Materie wiegt noch zu
viel und des Geistes ist allzuwenig. Wenn die Pythia aber
meint, das Eine sei erdbeerfarbig, so ist dies erkliirlich, denn
sie hat eine Binde vor den Augen, und die Farbe ist iiber-
haupt schwer zu definieren. Anwendbar aber ist dieses Eine,
und zwar als kunstgewerblicher Entwurf der neuen Secession.
Dieses also ist das Eine und ich habe es schon bekommen,
denn die bunte Tafel steckte im Brief.
Das andere aber ist wirklich unanwendbar, und es ist nur
loblich und natiirlich, daB die Pythia dariiber schweigt.
32
Und ich habe es auch schon bekommen und es ist die an-
dere Postkarte. So dafi ich Gott und der Pythia danke, wenn
ich nichts mehr bekomme.
— Jedoch mein Herz ist weich und der eisige Ton der Jung-
frau verwirrt es und es steigt hernieder und redet menschlich
unter Bestien. Denn daB vor allem die Bestie im Menschen
reist, deB fordere ich zum Zeugnis die Musik, die das berliner
Opernrepertoire importiert und vermittelt. Zwar im Billard-
saal vernahm ich sie nicht, sondern da spielte ich Billard und
habe unter AusschluB der Offentlichkeit meine ersten Balle
gewagt. -
Fur die Ausschnitte danke ich, ich habe noch nicht alles
gelesen. Sehr interessiert hat mich die Kritik des Schaffner-
schen Aufsatzes. In der Volksbibliothek hatte ich keine Zeit
mich in dies Labyrinth zu versenken. Einen Punkt Deiner
Festschrift1 iibergehe ich absichtlich: ich habe fur dies Gebiet
zu viele Wiinsche erhalten und bin einigermaBen deprimiert.
Romantische Schilderungen von Wengen irgendwelcher Art
vermag ich nicht zu.entwerfen, verstehe mich auch nicht auf
Postkartenfabrikation aus freier Hand. Namlich ich bin erst
seit zwei Stunden hier. Im schonen, dichten Regen erblickt
man die Jungfrau.
Und nun hat sich mein Rache durst geklihlt und ich schlieBe
mit einem herzlichen:
Vergelt's Gott!
Dein Walter
1 Offenbar ein Brief zu W. B.s Geburtstag.
6 An Herbert Belmore
Wengen, 24. Juli 1911
Lieber Herbert I
Die fortwahrenden Bulletins iiber meinen Seelenzustand ver-
dankst Du weder Deinen see]envollen Erbauungsschriften,
33
noch den hamischen Morgengaben an meine Zeitungsmappe
noch auch den am Rand des verderblichen Abgrunds gepfluck-
ten getrockneten Alpenblumlein. Sondern einzig meiner
grauenhaften Vereinsamung. Ernstlich : Ich, dem ein lebhaf -
terVerkehr (wie ich bei dieser Gelegenheit merke) leider zum
Bedtirfnis geworden ist, bin hier dermaBen verlassen, daB
ich fiirchte, interessant zu werden und im Laufe der Zeit
seelenvolle Augen zu kriegen. Welchem Zustand auch nicht
eine vom maitre d'hote! veranstaltete Reunion abhelf en
konnte, weil ich sie namlich nicht besuchte. Da ich nun ande-
rerseits (abgesehen vielleicht von meinem Bruder1) so ziem-
lich der einzige „junge Mann" des Hotels bin, so muBte ich
heute, in einer Unterhaltung, die sich in einiger Entfernung
von mir abspielte, vernichtende Worte liber die Blasiertheit
der heutigen Jugend vernehmen. Die Reunion war namlich
auch sonst schwach besucht.
Dabei ist sogar ein weiblicher Mensch hier, mit dem eine
Unterhaltung moglich ware. Jedoch man iBt an kleinen Ti-
schen! Und so schlage ich mich denn, soweit ich nicht drauBen
oder tagebuchend am Schreibtisch sitze mit Biichern herum.
D. h. hauptsachlich mit einem Buch, einem Damon und Aus-
bund (einem Stuck von einem Buch, wiirde Horazio-Schlegel
sagen) mit einer Schlange von einem Buch, auf der ich aber
seit 10 Min. stehe wie weiland St. Georg auf der diesbeziig-
lichen. Ich habe es aus! Aus habe ich Anna Karenina von
Graf Leo Tolstoi! Den zweiten Band: 499 Seiten. Und bei
diesem Buch habe ich es erlebt, daB ich wirklich eine Wut auf
das blaue, dickbauchige Ungeheuer in Reclamformat faBte,
das ich taglich auf die Weide fiihrte resp. in den Wald und
das doch scheinbar immer dicker anstatt magerer in den Stall
(sc. meine Westentasche) zuriickkam. Besagtes Unbuch nahrt
sich von russischer Politik. Von der neuen Methode der
Okonomie, von der Selbstverwaltung, von der Serbenfrage,
den Semstwos, und noch einigen Dutzend anderen Fragen,
worunter bes. hervorzuheben die religiose. Und dies alles laBt
sich der Leser 1000 Seiten lang gef alien in der stillen, leider
unbegriindeten Vermutung, es gehbre irgendwie zum Schick-
sal der Anna Karenina. Als dann aber nach 1000 Seiten die
34
Heldin tod ist und weitere 100 sich mit neuen Diskussionen
iiber politische und soziale Angelegenheiten beschaftigen
(weiBt Du : mit russischen Diskussionen, a la Steinfeld2) als auf
ebendiesen 100 Seiten eine Handlung beendet wird, die all-
mahlich und in homerischer Breite aus der Haupthandlung
hervorkroch, ohne wieder in sie zu miinden, da erfaBt selbst
den gewissenhaftesten Leser die Begier, 1-20 Seiten zu uber-
schlagen. Aber ich hielt mannhaft stand. Und am SchluB
muB ich sagen : So mangelhaft auch die Anlage des Romanes
ist, so viel im Sinne eines Romans Unnotiges, soviel auch an
sich UnersprieBliches wieder in den einzelnen Diskussionen
und Abschweifungen zum Vorschein kommt, so gewaltig ist
das russische Kultur- und Seelengemalde, das sich scheinbar
absichtslos vollig organisch aus allem loslost. Kein Seelen-
gemalde mit unabsehbaren Regionen von Schmutz oder
wenigstens von Elend und Dumpfheit (vorgebracht in psy-
chologischer Schilderung) wie doch zum groBen Teil bei den
modernen Russen. Jedenfalls das nur seiten. Der Roman
spielt im russischen Adel. Aber schlieBlich liegt doch der
soziale Zustand und die Seele des Adels und des Bauern klar,
und von der seelischen Eigenart der ubrigen Bevolkerung
laBt sich die Hauptsache ahnen. Vielleicht miindlich iiber
letzteres mehr. Es ist weitlaufig und schwer auszudriicken.
Schrieb ich Dir schon iiber die „Kultur der Renaissance" ?
Den ersten Band habe ich zu Ende gelesen, den zweiten nicht
hier. Es f ehlt mir zum vollen GenuB historisches Wissen ; bei
Burkhard [sic] vermisse ich eine Darstellung der Griinde
einer Bewegung, die er selbst fortwahrend als „notwendig"
hinstellt. Das Buch ist auBerordentlich sachlich. Zu sachlich
fast fur einen Laien, der hier und da etwas mehr uberschau-
ende und zusammenfassende Riickblicke wiinschte. Wo sie
sind, sind sie sehr klar; und aus alien Einzelheiten des
Buches wird sich doch (besonders fur den, der geschichtliches
Wissen in groBer Menge hat) ein farbiges Bild ergeben.
AuBerdem (!) aber habe ich mich auch noch gebildet.
(Jetzt sehe ich denn doch in erschauernder Achtung Dein
Haupt sich beugen.) Eine Novelle von Zschokke las ich. „Ein
Buckliger". Das Riistzeug und Thermometer des Kritikers
35
erweist sich als unbrauchbar und er muB ins Gebiet des Per-
sonlichen hiniibergreifen. Also stelle Dir eine Novelle des
sanften menschenfreundlichen Korschel3 vor, und Du wirst
einen richtigen Eindruck haben.
Und schlieBlich geniefie ich die unteren Regionen der Zei-
tungen des In- und Auslandes. Die oberen sollen ja bedroh-
lich aussehen! Also fern von Marokko vertiefe ich mich in
„Naturphilosophie" „DasZuchthaus imDiinensande" (Tage-
blatt) „Die Grenzen der Psychoanalyse" (Frankfurter Zei-
tung). Wichtige Ecken und heute kam mir in einer der letz-
ten Nummern der „Neuen Zurcher Zeitung" ein Artikel
Spittelers liber Poesie und Literatur in die Hand. Der Ge-
danke, die literatenmaBige Beschaftigung mit der Poesie sei
ein Hindernis ihrer kraftvollen Entwicklung, ist schon bfter
in den „lachenden Wahrheiten" angedeutet. Auch aus die-
sem Artikel spricht eine gewaltige Verbitterung. Anscheinend
wird der Artikel fortgesetzt und bringt vielleicht dann mehr
Neues in Beispielen.
Mit Schr ecken liberblicke ich mein Scriptum und vernehme
vor dem Forum des Leseabends4 bereits einen mit freund-
schaftlichem Lacheln verbramten Vortrag iiber den „Stuben-
hocker", erwarte auch in Deinem nachsten Schreiben einen
Wink dariiber, „wie der Aufenthalt in freyer Natur zur
Niitze des Leibes und Sterkung der Glieder angenehm und
fruchtsam zu machen sey".
Also bleibt mir nichts weiter iibrig, als eine groBangelegte
Schilderung abenteuerlicherFahrten und Bergbeklimmungen
zu entwerfen. (Falls ich nicht etwa Nachrichten iiber verhee-
rende Gewitterregen sende, die durch die Wetterberichte ent-
larvt werden konnten.)
Zugestanden! Das Wetter .ist schon. Bei schonem Wetter
also ein steiler (!!) Abstieg ins Lauterbrunner Tal. Von da
nach Griitschalp eine Steigung von stellenweise 90% an
einem gliihendheiBen Vormittag (welche mittelst der Berg-
bahn zu bewaltigen ist). Von Griitschalp nach Myrrhen ein
rich tiger Engadin-Weg. Das leuchtete mir ganz plotzlich,
nachdem ich schon langere Zeit gegangen war, ein. Und da-
mit glaube ich ein Hauptcharakteristikum der Engadin-Land-
56
schaft gefunden zu haben. Namlich das Spiel groBartiger
Elemente die einander erganzen und harmonisch abschwa-
chen. Denn das wirst Du mir wohl zugeben, daB man nur in
wenigen Fallen von GroBartig-Uberwaltigendem schlecht-
weg reden kann; daB vielmehr eine herbe Art von Lieblich-
keit vorherrscht. Und, wie gesagt, meiner Meinung nach
beruhend inKontrasten: hauptsachlich derKontrast von hell -
griin zu weiB, ferner das Gegeneinander kahler Felspartien
und heller Schneemassen (wobeidieGletscherlieblich erschei-
nen); das Gras der Matten, ganz dunkelblauer Himmel und
graue Felsen ergeben wieder ein Zusammenspiel, das ich
mit „herber Lieblichkeit" bezeichnen wiirde. Nicht zu ver-
gessen natiirlich die Seen.
Einzelne dieser Elemente nun machten den Weg von
Gnitsch- Alp nach Myrrhen so schon. Vorn die Gletscher und
unter ihnen dunkler Tannenwald und wieder davor der Weg
und helle Grasmatten . . . zur einen Seite das Tal, dahinter
Felsberge und vor allem zur anderen die aufsteigende Matte,
die hier und da dunklere Felspartien freilaBt (bewachsen von
einzelnen dunklen Nadelhblzern) und der ganz tiefblaue
Himmel. Dies iibrigens in Mittagshitze. Erinnerst Du Dich
an die Stelle iiber „die sogenannte Mittagshitze" in „Gerold
und Hansli"?5 Je heiBer, desto mehr Farben zwischen Him-
mel und Erde . . . oder so ahnlich. Als ich dann schlieBlich in
der Nahe von Myrrhen immer mehr auf die Gletscher hinzu
wanderte, und eigentlich immer nur ihr WeiB im Gesichts-
feld lag, hatte ich lange Zeit (unbewuBt) das Gefuhl als
machte ich eine Wanderung an einem wunderschonen Win-
termorgen.
Dem schwelgenden Naturfreund liegt nichts ferner, als
pedantische Chronologie. Und so malt er denn jetzt die Reize
einer Wanderung, die nach mitteleuropaischer Zeit wohl
80 Std. vor jener, soeben beriihrten, lag. Es war die Jungfrau-
Wanderung, fur die Deine Warnungen und Ratschlage zu
spat kamen.
Die Wengernalpbahn, die wir bis Scheidegg benutzten,
muB sehr schon sein; und besonders hervorragend wirken
wohl ihre landschaftlichen Reize wenn man nicht riickwarts
37
sitzt - wie natiirlich bei mir der Fall. Von Scheidegg bis
Eiger-Gletscher emanzipierten wir uns einmal von der Bahn,
die als „Jungfrau-Bahn" in ihrem Anfang sicn unerwartet
harmlos ausnimmt. Von einer Restauration steigt man zum
Eiger-Gletscher hinunter, den man nun ganz dicht vor sich
hat, ein sehr groBes Massiv, von drei Seiten ist man von
Schnee eingeschlossen. Eine Eisgrotte (auf deren Besuch wir
verzichteten) Fiihrer, Leute mit Rodelschlitten.
Dann die Jungfrau-Bahn. (Die Schilderung wird infolge
der spaten Stunde summarisch und darf ja auch auf alles
lyrische verzichten, da Du mit dem untriiglichen Auge des
Journalist en die Gegend ja schon analysiert hast.) Ich fuhr
mit meiner Schwester6 nur bis „Eigerwand", da meine
Eltern ein en zu plotzlichen starken Hohenwechsel wegen
meines Herzens nicht wiinschten. An den [sic] Tunnel finde
ich schon, daB man das BewuBtsein hat, er fuhre zur Jung-
frau. Damit jedoch ist die Schonheit der Fahrt schon er-
schopft. Auf Eigerwand verbrachte ich eine melancholische
halbe Stunde, allein mit einem Bahnhofsinspektor, einem
ZeiB-Fernrohr und meiner Schwester. Stimmungsmalerei
(Hauptf aktor : Kalte) miindlich. Ein schoner Riickweg von
Eigergletscher bis Wengen. Bisweilen beobachtete man in
einem Fernrohr am Wege eine Besteigung der Jungfrau;
sehr oft vernimmt man das Donnern von Lawinen und sieht
auch anscheinend kleine Mengen von Schneestaub am Berg-
massiv, dem gegeniiber und parallel der Weg 2 Std. hinfiihrt.
(Ich sehe mit Schrecken, daB ich auch hier vergessen habe,
eine aufregendeBergbesteigung rniteinzuflechten; vergib!)
Vergib auch nochmals, daB weder Alpenblumen noch Zei-
tungsfetzen diese Schrift begleiten. Erstere vom Abgrunde zu
pfliicken, habe ich weder Geld noch Phantasie (pfui! wie
gemein!), um die Zeitungen, die das Hotel halt, zu zerschnei-
den bin ich zu feige. (O! wie abscheulich!)
Ich warne Dich freundschaftlich vor der Verbreitung von
Unsinn in Wort und Bild durch ganz Europa! Eine baldige
Erwiderung fiirchtend gegengez:
Walter
38
Entschuldige die Handschrift; das Schreibmaterial ist
schlecht.
1 Georg Benjamin.
2 Alfred Steinfeld, Mitschiiler W.B.S.
3 Ein anderer Mitschiiler.
4 Benjamin, Belmore, Steinfeld, Franz Sachs und Willi Wolfradt (der
spatere Kunstschriftsteller), die alle Klassengenossen waren, hatten
von 1908, als Walter Benjamin aus Han'binda zuriickkam und in die
Kaiser-Friedrich-Schule wieder eintrat, bis zum Anfang des ersten
Weltkrieges einen wbchentlichen Leseabend^ in dem mit verteilten
Rollen Stiicke von Shakespeare, Hebbel, Ibsen, Strindberg, Wedekind
u. a. gelesen wurden. Die Teilnehmer lasen sich auch Kritiken vor,
die sie nach Theaterbesuchen schrieben, „die oft druckreif waren,
aber nie gedruckt wurden" (Brief von Dr. Franz Sachs, Johannes-
burg).
5 Erzahlung von Carl Spitteler.
6 Dora Benjamin (1899-1946).
7 An Herbert Belmore
[Freiburg, 14. 5. 1912]
Im Jahre
MVII zehn C88zich
ein Jahr vor der groflen frz.
Revolution.
Mein teuerer Freund,
Wie ist die Welt doch so mannichfach! Auch heute Nacht
mufite ich wieder Deiner, oDu meinTeurer,gedenken, da der
Mond mit vollen Backen in mein Zimmer schien. Du meine
Gottin! Luna, Geliebte der stillen Nachte. Die Silberwolken
Ziehen am dunklen Himmel wie runde Taler. Verzeih,
mein Lieber, den Sturz der Gefiihle, der wie in einem brau-
senden Katarakte die Feder mir entfuhrt. Doch sage selbst,
wessen Brust vermochte zu schweigen beim Anblick der ewig
erhabenen Natur! Natur, Du Zauberwort, auch in Deinem
Geiste, oh, ich weiB es genau, weckt dieses Wort ein Gotter-
bild, Friedrich Mathisson steigt auf in Deinem Geiste. O
mein Teurer! ich schweige, denn ich bin bei weitem viel zu
stark ergriffen. Ich auch.1
39
Lieber Herr Bert,2
Verzeihen Sie diesen unartikulierten Choral der seelischen
Gefuhle, zu dem mich Ihrfreundschaftgliihendesgefl.Schrei-
ben, das ich mit der heutigen Kaffeepost erhielt, verfiihrte.
Ich will mich fassen. Hier ist es sehr schon. Wie geht es
Dir? Oh mein Teurer halt!! bandige die Wogen meiner
Gefuhle. — Der Friihling lacht aus den Hausern. Der Him-
mel ist blau und nur zur Nacht dunkel, wenn die Sonne ihr
liebliches Licht nicht verbreitet. Auch die freie Studenten-
schaft ist hier und die Stadt, absolut genommen, als Universi-
tatsstadt zu bezeichnen. Doch liegt sie nur zum kleineren
Teile auf der vorstellbaren, zum iiberwiegenden auf der un-
vorstellbaren Welt. Das laBt sich vor allem durch die eigen-
tiimliche Konsistenz der Freiburger Zeit erweisen. Nicht
genug damit, daB sie nicht mitteleuropaisch ist. Zeit ist ja
nirgends ein Konkretum. Sie ist von seltsam fliichtiger Be-
schaffenheit. Aber die Nahe der hiesigen philosophischen
Fakultat3 zwingt sie durchaus, ihr wahres Wesen anzuneh-
men - d. h. immer nur in Vergangenheit und Zukunft, nie
aber inderGegenwartzubestehen. BezeichnetmandieMenge
der in jedem Augenblick verfiigbaren Zeit mit x, so ergibt
sich die Gleichung
x=16-327 + 311.
Desgleichen iibt die fille de Sophie (d.h. Tochter der Weis-
heit [frz.]) ihren demoralisierenden EinfluB auf die Manner
aus. Sie kommen — als echte Liebhaber - immer erst abends
zum BewuBtsein - und ihre Eigenart entspricht dem Lieb-
haber auch in sofern, als sie viel mehr in der Geliebten (Phre-
nologie, Kunst, Literatur, Schulref orm, PistolenschieBen etc.)
leben, als selber eine irgendwie betrachtliche Personlichkeit
darstellen. So sitzen sie urn die Abendspaten in den Cafees
und man macht die Beobachtung, daB [es] viel wertvolle
Dinge und umgekehrt proportional wenig wertvolle Men-
schen gibt.
Lieber Herbert:
Die Wissenschaft ist eine Kuh
Sie macht: muh
.Ich sitze im Horsaal und hbre zu!
40
(tatsachlich komme ich hier lOx weniger wie in Berlin zu
eigenem wissenschaftlichen Denken.)
Und nun verzeihe diesen verriickten Brief. Willst Du
Pragmatisches erfahren, so laB Dir von meinen Eltern einen
20seiten langen Brief zeigen. Du kannst nicht verlangen,
daB ich mich in Schilderungen von tatsachlichem wiederhole.
Auch wirst Du wissen, daB em erstes Semester in jeder Be-
ziehung eine Zeit des Anfangs und des Chaotischen (cum
grano salis . . . mit etwas Sonne) ist - und daB nichts schwerer
ist, als verniinftige Briefe in solchem Zustand zu schreiben.
Hingegen muB Dir ein solches leicht fallen.
GriiBlichst Dein Walter
1 In andrer Handschrift.
2 Scherzhaft fiir Herbert.
3 W. B. studierte bei Heinrich Rickert Philosophie.
8 An Herbert Belmore
[Freiburg, 21. 6. 1912]
Lieber Herbert,
Ich habe von je her eine moralische Achillesferse besessen -
und aus reiner Not, um nicht todlicher getroffen zu werden,
bedecke ich sie mit einer 5 Pf. Postkarte - nicht etwa um Dir
irgend etwas aus Freiburg, geschweige denn Italien zum Ge-
nuB mitzuteilen. Noch dazu weiB ich leider, daB jede Zeile,
und noch vielmehr jeder nicht geschriebene Brief von mir,
die ungeheuerlichsten Erwartungen in Dir weckt von einem
Heros der Schulreform und einem Opfer der Wissenschaft -
Der Anhalter Bahnhof drbhnt von den Schritten des Heim-
kehrenden - und die Satze Kants flieBen aus seinem Munde -
„wie Limonade aus dem Schlund des Raben". (Dies zum Zei-
chen, daB ich mich auch dichterisch nicht weiterentwickelt
habe! Keine Zeile habe ich hier geschrieben: nichts, oooev,
nothing, nihil, rien!) Dagegen kann ich Dir nur die Erwar-
tungen mitteilen, mit denen ich in Berlin ankommen werde:
41
in eine hochst heilsame Arbeitsmaschine zwischen Biicher ge-
preBt zu werden und aufzustohnen in verniinftigen Ge-
sprachen.
Urn mich gleichnisweise darzustellen: Es kann nicht ge-
erntet werden, wenn gepfliigt wird. Oder mit anderen Wor-
ten : Die Freiburger Luft.
Du hast hoffentlich eingesehen, daB ich in einer Antwort
auf Deine Schreiben nur das miiBige und sinnlose Geschaft
betreibe, mich selbst interessant zu machen, anstatt es als Be-
richterstatter zu sein. Duwirst daraus dieLehre Ziehen, kiinf-
tig bildende Berliner Briefe in groBerer Zahl hierher zu rich-
ten - ohne Erpressungen innen und auBen. Denn, o Gott!
kein Saft kommt heraus.
Eine italienische Reise wachst langsam. In einem Schul-
reform-Heft an die Studentenschaft, das sehr bald erscheint
ist ein Aufsatz „Die Schulreform, eine Kulturbewegung" von
mir.1 Zwei grbBere Romane habe ich hier gelesen: Bildnis
des Dorian Gray — es ist vollkommen und ein gefahrliches
Buch - und Gosta Berling - problematisch in seiner Anlage,
voller Schonheiten im einzelnen.
Viele GriiBe. Bitte schreibe!
Dein Walter.
1 Erschien unter dem Pseudonym „Eckart, phil." in dem Heft „Stu-
dent und Schulreform", herausgegeben von der . . . freien Studenten-
schaft Freiburg i. B., 1912.
9 An Herbert Belmore
Stolpmiinde, Park-Hotel. 12. 8. 12
Vorgestern erreichte mich Dein letzter nach Freiburg ge-
sandter Brief, der, auBer manch Interessantem, zwischen den
Zeilen ersehen lieB, daB ein Freiburger Dank-Brief an Dich
sich im hohen Norden nicht zurechtfand. Oder sollte bose
Absicht meine Briefe ignorieren?
Schon diese zusammenhangende Einleitung wird Dir den
42
Gedanken nalie gelegt haben, daB meine A. N. G. (Allge-
meine normale Geistigkeit) aus den Fluten des ersten" Seme-
sters ihr Haupt wieder erhebt, Schlangen des Blbdsinns noch
im Haare, aber ein schucht ernes Liicheln reiferer Erfahrung
um die Mundspitzen.
DeB zum Zeichen:
Hier geht es hoch her mit Wolfflins „Klassischer Kunst"
und den Brief en der Ninon. Wolfflins Buch ist f iir mich eines
der brauchbarsten, die ich liber konkrete Kunst gelesen habe.
Ich stelle gleich hoch: Dilthey, Hblderlin1, einzelne Shake-
speare-Kommentare und nichts, was ich sonst je iiberbildende
Kunst (in concreto) las.
So rette ich mich aus den Meeren der Untatigkeit in den
Hafen der Arbeit und werde gastlich empfangen von meinem
Guten Gewissen, das nicht miide wurde, wahrend dreier
Monate auf mich zu warten.
Wen fiihre ich ihm entgegen. Eine kluge und kluge . . .
liebenswiirdige junge Dame (Erzieherin?) Ich lernte sie ken-
nen in den Scharen der cote d'esprit. Trotz ihrer Jugend wird
ihr Alter allgemein auf 300 Jahre geschatzt - also ein Grad
jugendlicher Gesundheit, den die Metaphysiker mit „Un-
sterblichkeit" (athanasiasempiterna)bezeichnen. — Die Brief e,
die Ninon an mich richtet, (in Anerkennung meiner Ver-
dienste schreibt sie „cher Marquis") sagen alles Kluge und
Irrationelle, was sich iiber eine so - im Grunde so verniinf-
tige Sache wie die Galanterie sagen laBt — unter Vermeidung
einiger wirklich ungalanter [(Akzidentien)] der Liebe.
Eine Dreieinigkeit von Tiefe, Nuchternheit, Schonheit, daB
wir Ninon eine Weisin nennen.
Fefner und eifrigstens lese ich die sehr ausfiihrliche Ent-
stehungsgeschichte eines Dramas „ Andrea Sezno". Lieber
Herbert, obwohl ich taglich lese, ist der SchluB noch garni cht
abzusehen, da die ausgezeichnet erhaltenenManuscripte [sic!]
des anscheinend noch wenig bekannten Verfassers die erste
Scene des 3ten Aktes in immer neuen Varianten wiederholen.
Immerhin scharft man bei so genauem Eindringen in die
Werkstatt eines Verfassers sein oft viel zu nachsichtiges
asthetisches Urteil. — N. B. Ich hatte beinahe vergessen, auf
43
den bibliophilen Wert dieser Entstehungsgeschichte, die nur
in einem Exemplar hergestellt wird, zu verweisen.
Nattirlich glaubst Du das alles nicht, mit einem diaboli-
schen Lacheln fliisterst Du „ Stolpmiinde" und die innere
Verlogenheit obiger Behauptungen ist erwiesen.
Ich kann nur soviel gestehen, daB Stolpmiinde allerdings
meine ehrlichen Rehabilitierungsversuche in einem Rahmen
strandiger Vormittage stand [sic] und die Bilder meiner
Tatigkeit auf den Grund kaffeedurchfeuchteter Nachmittage
wirkt.
Einen ernsten EinfluB kann Stolpmiinde auf mich viel-
leicht noch ausiiben. Hier zum ersten Male ist Zionismus
und zionistisches Wirken als Moglichkeit und damit vielleicht
als Verpflichtung mir entgegen getreten.2
Wie ich trotzdem — wie naturlich — ganz bei der Wickers -
dorfer Sache3 bleiben wiirde — das in Berlin.
Wenn Freiburg jetzt anfangt, der Vergangenheit anzu-
gehoren, wirst Du bald etwas davon erfahren.
Dein Walter.
(Nachste Woche komme ich nach Berlin)4
1 In „Das Erlebnis und die Dichtung"(1905).
2 In Gesprachen mit Kurt Tuchler aus Stolp (geb. 1894), der damals
Oberprimaner war. Tuchler sclireibt: „Franz Sachs, brachte in den
Sommerferien Walter Benjamin mit nach Stolpmiinde. Wahrend die-
ser ganz en Ferien war ich taglich, um nicht zu sagen stiindlich, mit
Benjamin zusammen,und wir hatten einen unerschopflichen Gesprachs-
stoff. Ich versuchte, ihn in meinen zionistischen Vorstellungskreis ein-
zufuhren. Er versuchte seinerseits, mich in seinen Gedankenkreis zu
Ziehen. Wir setzten unseren Gedankenaustausch brieflich mit groBer
Intensitat fort." Dieser Briefwechsel ist in der Nazizeit yerloren gegan-
gen. (Brief Tuchlers vom 26. 2. 1963, Tel Aviv). Wohl' aber hat sich
in Jerusalem die direkt diese Frage des Zionismus umschliefiende
Folge von Brief en Benjamins an Ludwig Strauss erhalten; Brief e
vom 11. September, 10. Oktober, 21. November 1912 und 7. Januar
1913 sind der Auseinandersetzung mit dem Zionismus gewidmet. W.
B. hat sich in dies en Brief en auch uber die „Kunstwart"-Debatte
1912 geaufjert. Zuletzt lehnte er hier den politischen Zionismus ab.
3 Der Bewegung um Wyneken und die radikale Schulreform.
4 Wo er bis April 1913 war.
44
10 An Herbert Belmore
[Freiburg, 29. 4. 1913]
Lieber Herbert, gewiB: ich sollte Dir schreiben. Was nur?
Ich fiihle rnich so unzurechnungsfahig! Der Kirchplatz vor
meinem Fenster mit einer hohen Pappel (in ihrem Grim
liegt die gelbe Sonne) davor ein alter Brunnen und sonnige
Hauserwande, lassen mich viertelstundenlang hinstarren.
Dann — nicht wahr— lege ich mich etwas aufs Sofa und nehme
einen Band Goethe. Wenn ich auf ein Wort wie „Breite der
Gottheit" gerate, bin ich schon wieder auBer Fassung. Du
weiBt: in „GroB ist die Diana der Epheser" - vielleicht der
schonste deutsche Gedichttitel. LaB Dir von Franz1 sagen,
was ich von meinem Zimmer schrieb. Keller2 sagte sehr
schon „hier ist man immer zu Besuch." Diese sonnige Ge-
raumigkeit mit soliden Heiligen an den Wanden. Ich sitze in
einem kleinen Sessel und kenne keinen bessern Ort fur
Philosophie.
Mit was fiir Menschen gehe ich doch urn! Auch davon
wirst Du von Sachs horen. Da ist Keller mit dem Anfang
eines neuen Romans der bedeutend ist; mit einer schonen
Freundin, die ich oft sehe. Da ist Heinle3, ein guter Junge.
„Sauft, friBt und macht Gedichte". Die sollen sehr schon
sein — ich werde bald welche horen. Ewig traumerisch und
deutsch. Nicht gut angezogen.
Englert - ist noch schlechter angezogen. Auch eine Freun-
din. Seine Kindlichkeit hat ungeheure Dimensioned Er ver-
ehrt Keller als Gott und mich schatzt er als Damon.
Da ist letztens Manning. Ein Berliner. Beachte, daB es nur
Christen sind, mit denen ich hier umgehe und sage mir, was
das bedeutet. Ich selbst kann es garnicht bestimmen. Mit
Manning spreche ich meist iiber Madchen und B'rauen. Ich
wundere mich, daB ich ihm (wie im ersten Semester Keller)
hier vieles sagen kann, ohne konkrete Erfahrungen zu haben.
Die gibt er mir wiederum und ich komme so weiter.
All dieses zwingt mich naturlich viel zu arbeiten, denn
sonst wiirde ich dieses Klima nicht vertragen.
Heut abend bin ich im Akademikerheim. Dort ist unser
45
Kreis, noch ein oder der andere Gast und manche Studen-
tinnen. Keller herrscht despotisch und liest dauernd vor. Ich
werde mich bemiihen, audi Diskussion laut werden zu lassen.
Morgen wird hier Ewers „Wundermadchen von Berlin" ur-
aufgefiihrt — und iibermorgen werde ich mit Heinle einen
Berg beklettern.
Abends hat man die langen Gesprache in sehr dunkler,
warmer Luft. Wenn Du sonst etwas wissen willst, frage.
Denn wollte ich nicht 50 Seiten schreiben, so kann ich nicht
mehr als solche Aphorismen Dir geben. Aber damit Du siehst,
daB ich wirklich alles tue, was ich kann, indem ich diese
Erlebnisfetzen Dir vorwerfe, schicke ich Dir eine Art „Ge-
dicht" mit, das Du eben so gut fur Wahnsinn halten kannst.
Herzlichen GruB Walter.
Entfremdetes Land liegt voller Provinzen.
Darinnen betteln die blinden Gefuhle,
Sie gehen schwankend, wie in hohen Stuben.
Planet des Ichs!
Sinnbilderliche
Bewegsamkeit, wie du zur Leerheit wortlos stiirzest,
und wo Du fallst, wird aus Aonen Raum,
glotzende Bildlichkeit wird mich umwogen,
Gedanken zehrend haben alle Zonen
Dahingegeben ihr „dennoch" und „kaum".
Verwitternd sendet letztliche Geriiche
Verniinftigkeit — und ihre buntgebanderten Fliiche
sind fliigelschmetternd mitten innen
starr geworden und heimlich von hinnen.
Die Blindheit hat einen gottlichen Riicken,
und tragt den Hymnischen iiber holzerne Briicken.
Bitte schreib mal. GruB
4
i Franz Sachs.
2 Philip p Keller, mit dem W. B. in Freiburg umging, Autor eines
Romans „Gemischte Gefuhle", Leipzig 1913, den W. B. audi spa'ter
noch ruhmte. Vgl. Gesamraelte Schriften Bd. Ill, 1972, S. 173.
46
3 Friedrich C. Heinle, an den sich W. B. damals enger anschloB.
4 Ein Wort unleserlich.
11 An Carla Seligson
Freiburg i. B., 30. April 1913
Sehr geehrtes Fraulein Seligson,
Sie sahen, daB ich, entgegen meinen Worten, nach meiner
Riickkehr von Schreiberhau1, nichts von mir verlauten lieB.
Das tut mir selbst sehr leid, ich konnte es aber nicht andern.
Mich hatten namlich die paar Tage in einem schbnen Friih-
ling, der im Tal war (und tiefer Schnee auf dem Kamm), in
einen Zustand gebracht, in dem ich nach Mbglichkeit mensch-
liche Gemeinschaft meiden muBte. Ich war ganz zergriibelt,
mit intellektuellen Sprengstoff en angefullt, die jeder ahnungs-
los zur Explosion hatte bringen konnen. Sie fragen sich, ob
dies vielleicht regelmaBig die Wirkung schbner Landschaft
auf mieh sei? Nein - sondern ich hatte es in Schreiberhau so
angefangen: den halben Tag ging ich spazieren und den
andern las ich. Lektiire: Kant, Grundlegung zur Metaphysik
der Sitten. Kierkegaard: Entweder - Oder. Gottfried Keller:
DasSinngedicht. Aber kein normalerMensch kann die gigan-
tische und ausschliefiliche Gemeinschaft mit diesen Schriften
eine Woche aushalten, Wenn ein paar Seiten im Kant mich
ermiidet hatten, fliichtete ich zu Kierkegaard. Sie wissen wohl,
daB er auf dem Boden der christlichen Ethik (oder wenn Sie
wollen, der judischen) so rucksichtslos und Heroisches fordert
wie Nietzsche auf anderem Boden und daB er psychologisch
so vernichtend analysiert wie er. Entweder — Oder ist das
Ultimatum : Asthetentum oder Sittlichkeit? Kurz, dieses Buch,
das mir Frage auf Frage stellte, die ich stets geahnt und nie
mir ausgesprochen hatte, regte mich (selbst) mehr auf als
irgendein andres. Und danach ist es wiederum nicht leicht,
auf Kellers schweren Stil sich zu spannen, der jeden Satz
langsam zu lesen verlangt.
47
Kierkegaard und der Brief eines Freundes veranlaBten
mich auch nach Freiburg zu gehen - aber, wie gesagt, nach
solchem Aufenthalt in Schreiberhau war ich zu einem Ge-
sprach vollkommen unfahig.
Jetzt bin ich hier in einem wundervollen Sommer zur
Ruhe gekommen; und wenn ich auf den Kirchplatz vor mei-
nem Fenster sehe, ein alter Brunnen, eine einzige ganz hohe
Pappel in der Sonne, dahinter Hauser wie aus dem goethe-
schen Weimar (ganz klein) — kann ich mir kaum mehr das
Ungeheuerliche vorstellen, daB ich fast (wenn mich die Fr.
St. gewahlt hatte) in Berlin geblieben ware.
Ich habe hier wenige aber gute Bekannte, ganz andere als
meine Berliner Freunde und meist alter als ich. Nachdem ich
mich gewohnt habe, ist es nun sehr schon. Wir haben hier —
ganz abseits von der fr. Studentenschaft, die arbeitsunfahig
ist — ein Akademikerheim, wo wir — Studenten und Studen-
tinnen - Dienstag abend zusammenkommen. Es wird vor-
gelesen und wir unterhalten uns. Jeder von uns kann Gaste
mitbringen, aber das g^schieht selten, meist sind wir immer
dieselben, sieben bis neun.
Wie gesagt - mit der freien Studentenschaft ist garnichts
zu machen. Schon in Berlin sagte ich Dr. Wyneken, daB ich
nur dann die Abt. fur Schulreform leiten wiirde, wenn ich
eine gut organisierte fr. Studentenschaft schon vorfande.
Davon nicht die Spur. Man sieht hier keine Anschlage am
schwarzen Brett, keine Abteilungen - keine Vortrage. - Jetzt,
im Abstand von Berlin bin ich mir auch iiber die Freistuden-
tenschaft im allgemeinen klarer geworden. In Berlin will ich
Ihnen einmal meine Meinung dariiber sagen.
Jetzt noch eines, was Sie f reuen wird : vor meiner Abreise
besuchte ich Frau Lesser. Aus dem gleichen Grunde, aus dem
ich Ihnen nicht schrieb, war vielleicht auch unser Gesprach
nicht so, wie es das erste Mai war - aber das mag auch am
Ort gelegen haben. Jedenfalls habe ich mich doch wie der sehr
gefreut. Sie fragte mich nach Ihnen und sagte mir, daB Sie
ihr sehr gut gefallen hatten und „wenn ich so viel Zeit fur
Menschen hatte, wie ich es nicht habe" wiirde sie Sie zu sich
bitten. Aber sie hoffte, daB wir doch gelegentlich zusammen-
48
sein wiirden — was ja auch moglich ist — wenn sie im Winter
ihren Jour hat.
In wenigen Tagen wird wohl das erste Heft des Anfang
erscheinen. Ich wiirde mich sehr freuen, wenn Sie mir schrie-
ben, vielleicht auch vom „Anfang" wenn er erschienen ist.
Ich hoffe Ihnen in einigen Wochen eine Arbeit von mir
zuschicken zu konnen. Ich habe diesen Winter einen „ Dialog
iiber die Religiositat der Gegenwart"2 geschrieben, den ich
jetzt typen lasse. Davon gelegentlich.
Mit den besten GriiBen und der Bitte, mich Ihrer Frau
Mutter zu empfehlen
Ihr Walter Benjamin
PS Wenn die Schrift schlecht ist — ich glaube es — entschul-
digen Sie es bitte.
1 Dort war W, B. mit Bruder und Mutter in groBerem Familienkreis
der Joseephys uber Ostern gewesen.
2 Im NachlaB erhalten.
12 An Herbert Belmore
[Freiburg, 2. 5. 1913]
Lieber Herbert,
mich, einen Untatigen und Abwartenden, der bei Philosophic
und Regen vielleicht einen Pfingsten in Freiburg erduldet
hatte (und ruhig erduldet) hat ein Schicksal ereilt. Ich werde
sehr wahrscheinlich am 9ten hier abreisen und bis zum 22ten
in Paris mich aufhalten. Dies in Gemeinschaft mit Kurt
Tuchler und einem gewissen Herrn [Siegfried] Lehmann1, der
jetzt Tuchlers Bundesbruder und vor 12 Jahren mein Spiel-
freund war. Wieder einmal, wie so oft, trifft ein EntschluB
mich nicht kindlich verfreut, sondern wird abwartend und
scharf kontrolliert eingelassen, wie an der Douane. Dieses sei
in einem spatern Brief begrundet. An Dich richte ich dieses,
um Literatur zu erfahren und vielleicht auch sonst Winke
fiir Paris. Karl Schefflers „Paris" wird zunachst auf gemein-
same Kosten beschafft. Aber weiter. Enthalt der „gefuhlvolle
49
Badecker"2 ein Kapitel iiber Paris? 1st es gut, so schreib mir
die Essenz, ich kann ihn hier nicht bekommen. Welche gut en
Kunstfiihrer gibt es fiir Paris. Gute Essays. Biicher iiber Pa-
riser Kultur und Impressionismus. ttber Paris erinnen? Bitte
schreib schleunig. - Meine Eltern brauchen nicht gleich nach
Empfang dieser Karte etwas von ihr zu erfahren. Ich werde
ihnen meine Absicht wohl erst etwas spater schreiben, da ich
einen Brief von Haus noch erwarte. Andrerseits sollen sie
meine EntschlieBung zuforderst von mir horen.
Gestern war ich mit dem 19jahrigen Dichter - jungen
Heinle auf dem Kandel. Wir vertragen uns gut. In der Anto-
logie [sic!] „ Mistral", die bei A. R. Meyer bald erscheint,
steht von ihm 3 und Quentin4 je ein Gedicht.
Aus meinem Wohlbefinden griifie ich Dich.
Dein Walter
1 Er griindete spater das jiidische Volksheim in Berlin und das Kin-
derdorf Ben-Schenaen in Palastina.
2 Kurt Miinzer, Der gefiihlvolle Baedecker. Berlin 1911. (1892-1953).
3 „Tannenwald im Schnee", Der Mistral, S. 22.
4 Franz Quentin, das zeitweise von Ludwig StrauB gebrauchte litera-
rische Pseudonym.
1} An Herbert Belmore
Freiburg, am 5. Mai 1913
Lieber Herbert,
zwar steht die Einleitung zur „Kritik der Urteilskraft" fiir
diesen Morgen auf dem Programm. Doch ich verschiebe sie
einen Augenblick — urn Dir fiir Deinen Brief zu danken um
Dir aber zu sagen, da8 ich mich nicht ganz wohl f utile bei
der groBen Mystik, so Ihr in Berlin um mich hiillet. Ich bin
ein einf aches Menschenkind. Nun will auch ich Euch ein paar
Thesen entgegnen, damit die Euern mich nicht erdriicken.
Zuforderst aber verweise ich auf den letzten 24 Seiten langen
Brief an Franz, der nicht nur Tagebuch enthalt, sondern
eine Beilage, auf der ahnliches steht, als hier an Dich. Seit-
dem allerdings fiel noch ein Gesprach vor, das mir mehr sagte,
50
als ich wuBte und Ihr ahnt : Ich rette mich nicht — ich steige
nicht auf, sondern ich siege auf diesem Boden.
Nun zu den Thesen.
I Ich bin und fiihle mich imZustand der 6ppi<; , der frevel-
haftesten Sicherheit iiber Gottern und Menschen
II Ich kam zu fremden Volkern, die mich nicht ehren, und
sehe, daB mein Wesen auch ohne geehrt zu werden bleibt.
III Ich sehe es sich bewahren, endlich geht es in die Breite
und materialisiert sich im Irdischen, anstatt steil zu steigen.
Dieses geschah durch sinnliche Widerstande.
IV Ich sehe, daB es nicht mein Gewissen, sondern meine
Natur ist, die mich beschrankt. Mein Gewissen ist meine
Natur. Ich kann nicht dagegen handeln: so ist es kein Gewis-
sen mehr. Auf der Schule schrieb ich nie ab : Das war nicht
Gewissen, sondern Klugheit, Kurzsichtigkeit (Natur).
V Wenn man diese Natur einmal resignierend anerkennt,
gewinnt sie Krafte, die sie nicht ahnte: sie gewinnt ihre
eigene Sinnlichkeit, lost sich von Thesen.
VI Daher gehe ich ohne Schaden des Leibes und der Seele
mit Christen und solchen um, und bin ihnen iiberlegen. Bis
auf Keller, dem ich gleich bin, an einem andern Pol, dem ich
jetzt dennoch begegne (Konnt Ihr denn dies nicht verstehen?)
weil ich ihm gewachsen bin, weil wir wissen, daB wir nichts
Gemeinsames haben, als dies: daB wir ich sind. Das Ich ist
keine Gabe, sondern eine Beschrankung. Diese eben ist Reife.
VII Aber es bleibt dabei: ich bin erst frei (sinnlich), ich
bin erst selbst, wenn ich die Grenzen kenne. Das Gewissen
wohnt innerhalb dieser Grenzen. Abgesteckt sind sie von der
Natur (und mag diese Natur friiher einmal Gewissen gewe-
sen sein) (s. These IV)
Mehr kann ich nicht wissen und dies ist die Erleuchtung
von 3 Wochen.
Anschaulicher Teil: ich bin gestern in Littenweiler tanzen
gewesen mit Keller, Englert, Manning, Heinle — es ist mir
vor ihnen gleichgiltig gewesen, ob ich gut oder schlecht tanze.
Ich ging, wann ich wollte. Weiter: es wachst hier eine Revo-
lution, die ich mit Sicherheit befehle. Ich bin der Gegenpol
Kellers und befreie die Leute von ihm, nachdem ich mich
51
selbst von ihm befreite. Ich kann dies nur, weil ich ihn achte
— als Kiinstler (nicht als Bohemien, denn das ist er nicht) Ich
habe hier die Parole der Jugendlichkeit ausgegeben. Folgen-
des geschah:
ich hatte ein Gesprach mit Manning, in dem sagte ich : eins
trennt uns^von Keller: er nimmt die Gesten des 40jahrigen
an, ohne den Inhalt zu haben. (U. dgl., was Du nur verstehen
konntest, wenn ich Dir seinen jetzigen Zustand: er ist in
einerKrisis,ausfuhrlich zeichnenkonnte) Plbtzlich sagt Man-
ning, der seine gleiche Erfahrung mit Keller gegen mich zu
betonen liebte : aber wir sind doch jung. Wir wollen doch nur
21 sein. Ich: „Ich habe garni chts mehr dazu zu sagen, Sie
sagen, was ich denke." Diesen Menschen habe ich an einem
Abend von IO-V22 befreit. Einmal sieht er mich entgeistert
an: „Wie konnen Sie mir das sagen. Damit haben Sie den
Schliissel zu meinem Leben in Handen, bevor Sie es kennen."
. . . Sprichst du nur das Zauberwort1. . . Seitdem weiB ich,
datf ich mich immanent in der Mission Wynekens hier befinde
und die Leute zu ihrer Jugendlichkeit zuruckbringe. / Am
gleichen Abend frage ich Manning: Woher haben Sie diese
grafiliche Angst vor der Sentimentalitat. „Ja, die hat auch
Keller mit Gewalt in mich hineingepreBt". Solche Antworten
erhalte ich, Ich gebe ihm den Mut zur Sentimentalitat — er
■liest aus seinen (tatsachlich ungeheuren) Tagebuchern des
15jahrigen vor. All diese werden befreit, damit sie dazu kom-
men, sich aus zu bilden, unsentimental und nuchtern nach
Ideen, statt sich zu ubertunchen nach Gesten.
Ein ahnlicher Fall, nur leichter, liegt mit dem jungen
Heinle vor, mit dem ich neulich ein lstiindiges Gesprach
liber den Literaten hatte. — Ich sehe, daB diese, wenigstens
Heinle, Keller entfernt nicht so tief achten, wie ich — weil sie
ihm noch nachgehen.
Hoff entlich hat es nicht den Herbst gebraucht, Euch und mir
zu beweisen „wie durchaus notwendig und heilsam diese
Station der Entwicklung war".
Ich verstehe zum ersten Male in meinem Leben Goethes:
„Nur wo du bist sei alles — immer kindlich
So bist du alles - bist uniiberwindlich."2
52
Ich weiB: als anstandiger Mensch muB man diese Weis-
heit (denn es ist eine Weisheit) unendlich oft vergessen — un-
endlich oft wieder begreifen. Ich begriff sie zum ersten Male,
Ob das Semester noch Prinzipielles gibt — glaub ich kaum.
Viel Arbeit. Viel Vergniigen.
Gestern in Littenweiler bewundert Manning meine kind-
liche Vergniigtheit. Ich werde sie ihm wiedergeben. Keller
und ich sind vorlaufig hier die einzig Kindlichen. Darum ver-
wandt.
GriiBe Franz und Willi3! Mogen Wellen dieser schonen
Erfahrung auch ihn erreichen. Im Augenblick kann ich ihm
nicht schreiben.
Und deswegen kam ich her. Nur anders lernte ich sie be-
greifen, als ich dachte.
Dein Walter
PS Franz soil diesen Brief sehen.
1 Triffst du nur das Zauberwort. Eichendorff, „Schlaft ein Lied in
alien Dingen".
2 Marienbader Elegie.
3 Franz Sachs und Willi Wolfradt.
14 An Franz Sachs
Freiburg, den 4. Juni 1913
Lieber Franz,
Diesen Vormittag habe ich kein Colleg und will Brief e schrei-
ben: den ersten an Dich. Die „Epistel der Sommernacht" ist
ein schones Dokument Eurer gegenseitigen Annaherung.
Allein hatte sie keiner von Euch geschrieben; so sicher seid
Ihr denn doch nicht!
In Sachen des „Anfang" x. Ich weiB nicht, ob Du des of tern
mit Barbizon2 zusammenkommst ; jedenfalls wiinschte ich es.
Wenn Du ein Wort mitsprachest, so ware es wohl kaum zur
Ablehnung der dichterischen und jugendlichen Oden Heinles
gekommen, die Barbizon „ungeeignet" nennt. Wenn eine
53
durchaus sichere Personlichkeit die Leitung des „Anfang"
hatte, so ware es wohl moglich, daB Wyneken sich vollig von
der Geschaftstatigkeit zuriickzoge. Aber jetzt sollte er nur
scharf revidieren. Und was ist das mit [Wilhelm] Ostwald?
Ich schrieb an Barbizon: wie ist es moglich einem so notori-
schen „Schulreformer" und Vielschreiber in unserm Anfang
das Wort zu geben. Jetzt hat die Offentlichkeit was sie will:
das bequeme Schlagwort, um den Anfang ins groBe Massen-
grab der „Schulreform" zu weisen. Menschen und Schreiber
wie Ostwald sind die groBten Feinde unsrer Sache, denn wir
wollen eben endlich nicht Schulref orm, sondern etwas andres,
wovon er sich nichts traumt. Oder doch? Wenn der Artikel
des zweiten Heftes uns versteht (ich glaubs nicht!) gut — so
mag er drinstehn. Sonst ist schwerer Schaden angerichtet.
Also kummere Dich bitte um die Redaktion. Dein Urteil
iibrigens iiber die Gedichte von Eleutheros im ersten Heft
teile ich garnicht. Ich, Heinle, Manning — sogar Keller fan-
den sie ganz selten schon. Naturlich darf man sowenig jede
Zeile betrachten wie in Goethes Mailied; aber denselben
Schwung hat dieses Gedicht und dabei den schweren geruhi-
genAusgang:
„Hebt die Stunde stark und stolz
Aus dem Krug der Zeiten."
AuBerdem geht es gefuhlisch betrachtlich in die Tiefe:
. . . darf nicht driiber klagen,
daB er nur erst willenlos
ward emporgetragen" Du kennst meine
Anschauungen und weiBt, daB ich diese Einsicht bejahe.
Wenn ich den Anfang hier hatte, konnte ich es eher analy-
sieren. Auch das zweite Gedicht - nicht gleich dem ersten -
ist tiefer, je ofter man es liest.
Demnachst will ich Dir eine Abschrift der Heinleschen
Oden schicken, damit Du sie in der Redaktion durchsetzt. Die
nichtsbedeutende Kritik von Matthias im Tageblatt, der auch
kein Ohr mehr hat fur den Rhythmus der Gedichte, las ich.
Die ubrigen noch nicht.
Wie Barbizon, so bitte auch ich Dich den Berliner Sprech-
saal zu ubernehmen3. Das ist eine wichtige Einrichtung, die
54
Anfang einer schonen Geselligkeit werden kann. Natilrlich
soil Wyneken nichts damit zu tun haben. Neulich schrieb
Quentin einen Collektivbrief an die Freiburger4, in dem er
mitteilt, Moritz Heimann5 plane eine jiidische Freie Schul-
gemeinde fiir Deutschland. Viel Konsequenz! Was weiBt oder
erfahrst Du davon?
Paul Hoffmann hat mit mir korrespondiert, interessiert
sich fiir uns, wollte kurz vor meiner Abreise mich nodi per-
sonlich sprechen, doch war es zu spat. Ich mutmafie, da£ er
aus dem Kunstwartkreise kommt, also vorsichtig anzufassen!
Nicht zu radikal.
Berichte mir von Herberts Vortrag in der Abteilung!
Und jetzt komme ich meinem „ Brief" (dessen ungewohnte
Bogen mich erheblich stbren) schon naher. Wynekens Be-
griindung der Abstinenz. Du nennst sie „wundervoH"; ahn-
lich schreibt mir mein Bruder: so muB sie auf jeden wirken,
der mit reinem Gewissen dasitzt und abstinent ist. Nicht so
ich. Was hilft Dir
[SchluB f ehlt]
1 Die von Gustav Wyneken herausgegebene „Zeitschrift der Jugend",
an der W. B. unter dem Pseudonym Ardor mitarbeitete. Das erste Heft
war gerade erschienen.
2 Georg Barbizon (eigentlich G. Gretor), einer der zwei Redakteure des
„Anfang",
3 Der „Sprechsaal" war eine 1912 von W, B. und seinen Freunden
begrundete Veranstaltung zur Aussprache iiber die Probleme der Jugend
im Geiste Wynekens, die vor allem 1915 und 1914 viele Schiiler und
Student en anzog. Eine Schilderung hat z. B. Martin Gumpert in seiner
Autobiographie gegeben.
4 Die Abteilung fiir Schulreform in der Freien Studentenschaft.
5 Der Erzahler und Lektor des S. Fischer Verlages, der in der Tat leb-
haftes Interesse an jiidischen Dingen nahm.
55
IS An Carta Seligson
Freiburg, 5 . Juni 1913
Liebes Fraulein Seligson,
ich kam ein.es Abends nach Pfingsten aus Paris zuriick und
fand unter vielen Brief en den Ihren vor, der mich sehr freute.
Vielen Dank! — Ja, ich bin Pfingsten 14 Tage nach Paris
hiniibergef ahren ; an diese Stadt habe ich wenige einzelne
Erinnerungen, von denen ich sagen konnte, sondern nur das
BewuBtsein 14 Tage so intensiv gelebt zu haben, wie man
nur als Kind lebt. Ich war den ganzen Tag unterwegs, ging
fast nie vor 2 Uhr zu Bett. Die Vormittage im Louvre, in
Versailles, Fontainebleau oder im Bois de Boulogne, nachmit-
tags in den StraBen, in einer Kirche — im Cafe. Abends mit
Bekannten oder in irgend einem Theater: vor allem dann
jeden Abend auf dem Grand Boulevard, das man ein wenig
mit den Linden vergleichen konnte, wenn es nicht weniger
breit (germitlicher!) ware und wenn nicht durch die ganze
innere Stadt diese StraBen sich ziehen wiirden, deren Hauser
nicht zum Wohnen zu sein scheinen, sondern steinerne Cou-
lissen zwischen denen man geht. Im Louvre und im Grand
Boulevard bin ich heimischer fast geworden als im Kaiser -
Friedrich-Museum oder in Berliner StraBen. Ich ging zuletzt
(ich war sehr oft im Louvre) nur noch spazierend durch die
Sammlungen und blieb immer wieder vor denselben Bildern
stehen, die ich schon kannte und die ich mir sehr eingepragt
habe, indem ich sie jeden Tag schoner sah. Ich habe niemals
so leicht Kunst verstehen kbnnen, Zum ersten Mai bekam ich
eine Vorstellung vom franzbsischen Rokokko — von Frago-
nard, der der kiihnste und sinnlichste unter diesen Malern
ist. Boucher, Watteau, Chardin und viele unbedeutendere
fiillen da die Wande in der GrbBe von 2 m. Ich gehe haufig
durch den Saal, allmahlich gewohne ich mich, die Bilder zu
isolieren und sehe sie dann beim nachsten Male schon von
weitem.
Die Verehrung unserer Zeit fur Greco ist kein leerer
Schwindel. Zweimal ging ich durch Bildersammlungen, fand
56
mich vor ein Bild gerissen und eswar Greco. Einmal in der
Berliner Galerie Koster (sie wird im Juni von der fr. St. be-
sichtigt - gehen Sie doch hin!) und einmal im Louvre, wo das
konigliche Bild Ferdinands des Ersten hangt, schwermiitig
und pathetisch. Greco ist.der pathetischste Maler den ich
kenne (pathetisch natiirlich ohne Leere).
Auf dem Grand Boulevard kannte ich die Laden, die Licht-
reklamen, die Menschen als ich Paris verlieB. In der Oper
sah ich das altmodischste Ballet, das sich denken laBt, das
uns nicht mehr kunstlerisch beruhrt, aber ich bewunderte die
individuelle Zucht der' Tanzerinnen, die ich in Berliner
Opernauffuhrungen nie so bemerkte, Im Foyer sah ich die
schonsten Toiletten - in Paris schminken sich ubrigens auch
die vornehmsten Frauen.
Als ich dann wieder in Freiburg war, glaubte ich ein vier-
tel Jahr fort gewesen zu sein — aber Paris liegt so wundervoll
abgeschlossen hinter mir, dafl ich keine Unzufriedenheit
fuhlte, vielmehr die Freude, daB sich . . . alles so gut beendete.
Im Brand steht das sehr wahre Wort, das Sie natiirlich hier
nicht so feierlich verstehen diirfen:
Gliick wird aus Verlust geboren
ewig bleibt nur, was verloren. *
Inzwischen war hier manches anders geworden. Vor allem :
Sommer. In Paris war es meist kuhl. Sehr schon war es vori-
gen Sonntag, als ich in der Hitze oben auf einem Berg an-
komme und plotzlich im Ausblick beschneit den Feldberg vor
mir habe.
Unsere Abende, von denen ich Ihnen schrieb, haben sich
auch geandert. Herr Keller, der sie leitete, hat sich zuruck-
gezogen. Da er viele Menschen anzog sind wir jetzt ziemlich
allein und befinden uns besser, weil vorher der Kreis nicht
groB und nicht klein genug war, um Geselligkeit moglich zu
machen. Ich spreche dort manchmal uber Spitteler, oder lese
Aufsatze von Wyneken vor. Sein neues Buch: „Schule und
Jugendkultur" ist bei Diederichs jetzt erschienen. Heute be-
stelle ich es.
Fur den „Anfang" werbe ich hier, habe einen neuen Mit-
arbeiter gewonnen und bin ziemlich zuversichtlich fur die
57
Zukunft. Es ist so wichtig, daB hier unsere Ideen endlich frei
werden von der Dogmatik, die ihnen auBerlich anhaftet: das
ist es im Grunde, was ich von der Zeitschrift erwarte. Ob
man in Berlin auf dem durchaus richtigen Wege ist, weiB
ich nicht - mit Befremden hore ich, daB [Wilhelrri] Ost-
wald (l) im nachsten Heft einen Leitartikel schreiben soil.
Was hat, um Gottes willen, Ostwald mit dem „Anfang"
zu tun!
Der „Anfang" immerhin hat mich nun auch wieder in die
freie Studentenschaft hier hineingetrieben. Ich darf mir in
diesem Semester keine zu hohen Ziele setzen; wie ich Ihnen
schon schrieb ist die Organisation hier unsicher. Nichts wei-
ter soil geschehen, als daB aus der Abteilung am Ende des
Semesters einige Leute gehen, die uns soweit verstanden, daB
sie den „Anfang" abbonieren, wenn auch zuerst vielleicht
noch mehr aus Achtung (die sie jedenfalls empfinden sollen)
als aus Interesse. Ich habe hier nur einen treuen und tuch-
tigen Heifer.
Auch ich denke an die „Mitjugend" in dem Sinn, in dem
Sie schreiben, aber mein-e Arbeit ist hier eben unpersonlicher,
abstrakter als in Berlin, wo ich mehr, wo ich jiingere Men-
schen kannte. Hier habe ich in den ersten seltsamen Wochen
des Semesters den einen jungen Menschen2 kennen gelernt,
von dem ich Ihnen schreibe, seitdem arbeiten wir zusammen.
Aber auch unsere Bekannten schon sind „reif", haben schon
zuviel Leben hinter sich, daB sie kaum mehr unmittelbaren
Zugang zu Ideen haben, hochstens viel Sympathie, die uns
folgt. Aber dann ist die groBe abstrakte freistudentische
Masse da, an deren Geschichte man einfach glauben muB
ohne daB oft ein einzelner Student uns unsere Arbeit durch
nahes Verstandnis bewahrt.
Daher entschloB ich mich so schwer zur Neugriindung der
Abteilung, tue es nun doch fur den Anfang und erwarte was
daraus wird mit groBer Fassung.
Zu dem, was Sie schreiben: woraus sind diese schonen
Worte „voll Weite, Gliick und Wind". Ich erinnere mich, sie
gelesen zu haben und weiB durchaus nicht, wo?3
Horen Sie zum SchluB, da ich nun einmal Philosophie
58
studiere - zwar nichts von Philpsophie (ich lese Kant, Schiller,
Bergson fur Seminarien) - aber von Philosophen.
Gestern geschah es zum ersten Mai solange ich studiere,
daB ich mich in einem kleinen Kreise von Fachphilosophen
fand, eingeladen zumEmpfangsabend bei einem Privatdozen-
ten4. Dies ist ein groteskes Schauspiel gewesen, von innen
und auBen. Innen, das bin ich: ich fiihle mich natiirlich ganz
unziinftig, weil ich zwar viel philosophiere aber dies ist bei
mir doch ganz anders : mein Denken geht immer wieder von
meinem ersten Lehrer Wyneken aus, kommt immer wieder
dahin zuriick. Auch bei den abstrakten Fragen sehe ich im
Gefiihl immer die Antwort in ihm vorgedeutet. Und wenn
ich philosophiere, so ist es mit Freunden, Dilettanten. Also
vollig verlassen unter diesen Menschen, die mit etwas mehr
Bedacht (vielleicht?) und mehr Wissen, denn sie haben schon
ausstudiert, reden.
Aber nun von auBen ist es doch ebenso seltsam. Ich habe
kaum etwas so heiter Tragisches gesehen! Hier im Gesprach,
wo sie sich natiirlich offener, freier als Persbnlichkeiten, jeder
als der Denker, der er ist, bewegen: da sehe ich die kindliche
Urspriinglichkeit, mit der jeder von vorn anfangt. Die „Schu-
len", denen ich in den Zeitschriften begegne und von denen
man weiB, losen sich in lauter Einzelmenschen auf, die sich
frohlich oder erbittert bekampfen. Leute, die nach auBen, im
Colleg, Rationalisten sind, sagen gestern: das ist ja alles
gleich; Ideen brauchen wir, produktive Ideen! Sie sehen diese
Lebendigkeit und dabei immer das Streben zur „Wissen-
schaft", und dagegen wieder der Drang, eine Idee zu fassen,
die unser Leben heute weiterfuhrt.
Ich hielt mich sehr zuriick und stutze mich nur auf den
Trost: manche unausgedachte Gedanken, immerhin: von
denen ich weiB, daB es Gedanken sind, habe ich im Hinter-
halt. Dann fand ich auch einen alteren Studenten, der viel
von Philosophie wuBte und mit dem ich mich im Gesprach
verstiindigte. Aber mein tragisches Schicksal verfolgt mich:
im Hauptf ach war er Historiker !
Bitte entschuldigen Sie einen Brief von so Vielerlei. Aber
soil er schon einheitlich sein, dann miiBte ich Ihnen viermal
59
die Woche schreiben wie Herrn Sachs, der gestern 28 (!) Sei-
ten von mir bekam.
Entschuldigen Sie auch meine schlechte Schrift — ich
schreibe auf Bogen, die mir ungewohnt sind — und warten
Sie mit Ihrer Antwort bitte nicht, bis Sie den „ Dialog iiber
die Religion" haben. Zwar bekommen Sie ihn, doch ich fand
immer noch nicht Zeit, den zweiten Teil typen zu lassen.
Herzlich gruBend Ihr Walter Benjamin
1 SchluBverse des 4. Aktes.
2 Heinle.
3 Der Vers ist aus dem dritten Teil von Rilkes „Stundenbuch".
4 Richard Kroner.
16 An Herbert Belmore
Freiburg [7. 6. 1913]
Lieber Herbert!
Dieser Brief erreicht Dich von der Hbhe der Ereignislosig-
keit. Ich habe namlich in diesem Semester nur inhaltliche
(um nicht zu sagen inhaltvolle) Briefe geschickt, fiihle mich
aber endlich verpflichtet, die Sache mir weniger leicht zu
machen, Euch also von gleicher Hohe her zu erwidern. Ich
ertappe mich also im Zustand vollstandiger Seelenlosigkeit
undversuche:
Hier ist sehr schones Wetter jetzt schon nicht mehr,
es ist etwas wolkiger. Wie ist die Prognose fiir morgen?
(Antworte umgehend!) Neulich — Anfang Juni — gab man
im Stadttheater noch die zuckersiiBe „Maienkonigin" von
Gluck. Die Kulisse hatte Frau Oppler Leyband [?] gemalt.
Am besten spielte der Philinth. - Nachher tanzten die drei
Schwestern Wiesenthal (auBer Grete).
Ich aber las gestern an einem literarischen Abend ein
wenig Rilke vor, auBer diesem lasen Keller und Heinle. Du
weiBt noch nicht, wie Heinle dichtet; hore sein Letztes:
60
Portrait.
Aus gelben Linnen steigt gebraunt und klar
Der schmale Hals grad. Aber sehr bewuBt
Verschenkter Feste sinkt versengtes Paar
In schonen Bogen zu geschweifter Lust.
Wie dunkle Trauben springt der Lippen Paar
Vor jaher Reife zu bewegter Brust.
Natiirlicb ist dies Manuscript! Liest Du Ludwig StrauB'
herrliche Gedichte in der „Freistatt"?J
Schicke mir doch das Manuskr. Deines Vortrags in der
Abt. f. Schulrfeform]. War er gut besucht?
Heute abend sehe ich vielleicht Tegernseer Bauern: Die
Medaille, erster Klasse.
Heute nachmittag fing ich eine Novelle an zu schriftstel-
lern mit dem schtinen Titel: Der Tod des Vaters. Vorwurf :
ein junger Mann verfiihrt bald nach dem Tode seines Vaters
das Dienstmadchen. Wie dann diese beiden Ereignisse zu-
sammenflieBen und eine Schwere die andere (Schwanger-
scbaft des Madchens) in der Wage halt.
Der Stoff ist aus dem Leben von Herrn Manning, das ich
in Mitternachtsstunden ab und zu nach dieser oder jener
seiner unendlichen Dimensionen kennen lerne. Kellers neuer
Roman geht jetzt sehr langsam vorwarts, was aber geschrie-
ben ist, ungefahr 10 Druckseiten, ist gut. Neulich war ich
zum jour beim Philosophen [Richard] Kroner und war horf-
nungslos unziinftig in dem Kreise der Fachleute. Ich lernte
ein Exemplar einer bisher mir fabelhaften Gattung kennen,
ca 26jahrige Jiidin, die Kunstgeschichte studiert und 3 Kate-
gorien von Kunsturteilen hat: wundervoll, suB, groBartig.
[Jonas] Cohns Seminar iiber die „Kritik der Urteilskraft"
und Schillers Asthetik ist chemisch gedankenrein. Man hat
nicht mehr, als daB man die Schriften liest. Spater einmal
werde ich iiber sie nachdenken. In Rickerts Seminar sitze ich
auch da und knabbere meine besondere Wurst. Nach dem
Seminar gehen dann Keller und ich ins Marienbad und sind
uns einig und glauben mehr einzudringen als Rickert. In
seinem Colleg ist jetzt das literarische Freiburg; er liest
augenblicklich als Einleitung in seine Logik eine Skizze sei-
61
seines Systems, welches eine vollkommen neue philosophische
Disziplin begriindet: Philosophie des vollkommnen Lebens.
(Die Frau als seine Reprasentantin) So interessant wie pro-
blematisch.
Betriibt schlieBe ich in der Erkenntnis, daB auch dieser
Brief einzelne interessante und inhaltliche Stellen enthalten.
wird.
GriiBe Willi. GruB. GriiBe Franz.
GriiBend Dich
Dein
ich: Walter
Benjamin (d. h. ich).
1 Einer jiidischen Zeitschrift. Gemeint sind die Gedichte in Band I,
S. 118-120.
17 An Herbert Belmore
[Freiburg] 23. Juni 1913
Lieber Herbert,
es will mir hoflich scheinen, Dir wieder einmal zu schrei-
ben, — obwohl Du die letzte Nachricht von mir empfingst.
Aber ich fiille damit einige Minuten aus und entziehe mich
so anstrengenderer Arbeit. Es fehlt uns ein Gesprachsthema
- nicht wahr? — So daB ich jedesmal unverhaltnismaBig viel
Geist konzentrieren muB, um an Dich zu schreiben.
Diesmal sei es ein Hinweis auf Hauptmanns jugendhaft
gottliches Jubilaumsdrama. DaB eine solche unsterbliche und
frohliche Schopfung entstehen konnte und Hauptmanns Pro-
blematik nun endgiiltig zum groBen Dich'ter und freien
Menschen lost — das als einziges versohnt mich mit dem
Jubilaum, unter dem ich allerdings nicht gelitten habe. Wenn
Du dies Drama noch nicht gelesen hast, dann erlebe nur mog-
lichst bald eine der schonsten Stunden. Seit sehr langer Zeit
- ich glaube seit Spitteler— hat mich Kunst nicht mehr geistig
so erschiittert d. h. gehoben. Schon und erfreulich ist es, daB
62
man dies Stuck verboten hat: eine historisch angemessenere
Einsicht in seine Gro.Be kann ich mir nicht vorstellen. Damit
ist nicht nur ein Stuck Vergangenheit, sondern Gegenwart
rationalisiert.
Morgen schreibe ich an Wyneken. Ich wiederhole ihm auf
das dringendste einen Vorschlag, den ich machte als ich von
dem Verbot erfuhr und erst wenige Zeilen kannte: Das
August-Heft des „Anfang" als Hauptmann-Heft diesem
Festspiel zu widmen. Die Jugend moge einer politisch ver-
kalkten Offentlichkeit antworten. Wir sind tatig : Heinle hat
seinen Artikel iiber das Festspiel bereits [!] (pathetisch-
agitorisch) ich schreibe morgen den meinigen: mein Gedan-
kengang ist schon aufgezeichnet: Das Jahrhundertfestspiel
oder die Jugend und die Geschichte1. Ich glaube einiges We-
sentliche zu sagen zu haben. DaB Ihr Berliner das Stuck
sogleich lest und unsern (Heinles und meinen) Plan fur das
August-Heft energisch unterstiitzt, darauf rechne ich fest.
Ich bin nun einmal nicht in Berlin. Aber werden wir sob aid
wieder Gelegenheit finden, zu zeigen, was jugendliches Urteil
in der Offentlichkeit soil? Dieses Heft wird fur die Sache
wirken. Fur unsere vor allem, auch Hauptmanns, es wird
aktuell.sein und viel gekauft werden! Schreibt Ihr, was Ihr
iiber die Angelegenheit des Jahrhundertspiels zu sagen habt!
Moglichst grundlich und zugleich moglich[s]t wenig tech-
nisch-asthetisch.
Morgen wie gesagt schreibe ich Wyneken, spatestens iiber -
morgen, jedenfalls so, daB ich ihm meinen und Heinle [s]
Artikel beilegen kann. Dann erwarte ich baldige Antwort
auch von Euch. Ihr werdet Euch mit Wyneken in Verbin-
dung setzen und auch mit Barbizon. Uns ist die Sache so
wichtig wie hoffentlich Euch.
Gestern schrieb ich hier einen Artikel „Erfahrung" 2. Ver-
mutlich das Beste, was ich bisher fur den Anfang schrieb. Er
soil ins Septemberheft. Werbt! Werbt! Wir konnen garni cht
wissen, wie viel wir bewegen. Unbedingt muB der „ Anfang"
erhalten bleiben als erstes rein geistiges (nicht asthetisches
od. sonst wie) Blatt, dennoch fernstehend der Politik.
Ich muB schlieBen; wenn ich Dir sage, daB ich gegenwar-
63
tig in diesen Dingen lebe, verbunden mit weitern Gedanken
zur Ethik des Intellektualism. u. s. f . so weiBt Du auch per-
sonlich das Wichtigste.
Was? Im August nach Gibraltar? Dann sehen wir uns ja
nie mehr!
Salve, scriba, valeas
Walter.
1 Erschien unter dem Titel : Gedanken iiber Gerhart Hauptmanns Fest-
spiel, von Ardor, im Augustheft 1913 des „Anfang".
2 Erschien dort im Oktoberheft.
18 An Herbert Belmore
Freiburg, 23. Juni 1913
Lieber Freund, Dein Brief erheischt dringend Beantwortung.
So schreibe ich und lasse michs nicht kummern, daB ich schon
heute vormittag Dir schrieb.
Adressen sind keine Illusion. Indem ich den vorigen Brief,
auf den Du vor allem Dich beziehst, Franz schickte, war das
nicht der gleichgiiltige Empfanger irgendeines gelehrten
Theorems. Dieses muB ich schreiben, damit Du Dich er-
innerst, daB ein Brief, dessen Schwall und Unklarheit Dich
so sehr stort, nicht an Dich war. Ich schrieb diesen Brief und
diese Satze an Franz. Hatte ich diese Ansichten iibrigens
erst in reiferm Stadium ihrer Entwicklung — Dir geschrie-
ben, so waren sie anders geformt. Fur die Ansichten aber bin
ich Dir natiirlich Rechenschaft schuldig. Warum aber ant-
wortete Franz nicht? Oder tat ers durch Dich? 1st er schon
ebenso sicher wie Du? - Dann hatte ich mich getauscht, da
ich doch grade bei ihm tiefere Unklarheit und Zweifel, und
also auch mehr Bereitwilligkeit voraussetzte als bei Dir. Dir,
wie gesagt, waren diese Gedanken erst in entwickelterem Sta-
dium vor Augen getreten. Aber das hilft nichts.
Lang wird dieser Brief wohl nicht werden, denn diese
Zeilen sollen nur Dir die fruhern klarer machen. „Herzlichu
64
aber (bei aller immanenten Herzlichkeit) kann dieser Brief
auch nicht werden, lieber Herbert — sondern vielleicht ein
bischen polemisch. Denn ich mochte doch nicht, daB Du etwa
ira Herb st eine tTberraschung erlebest, und daB doch etwa
nicht alles was Du einem bosen Klima und der heillosen Ent-
fernung zuschreibst, sich als voriibergehende Erscheinung
erwiese. Zuvor erfahre noch, daB mir, der ich iiber diese
Dinge nachgedacht habe, wenig damit gedient ist, daB Du
mir „gereizte Notwehr" diagnostizierst. Und iiber meine
Stimmungen ist zu sagen: LaB diese ersten Freiburger Brief e
nicht langer in Deiner Schublade nachwirken, als in meinem
Gehirn. Jetzt bin ich zwar einmal sehr ernstfljich1 gewesen
— wie in Franzens Brief zu lesen — niemals aber „zum Tode
betriibt".
Und noch eins : Der Auf satz „Romantik" ist unverandert,
wie Du ihn kanntest, gedruckt.2
Zur Sache: was Du iiber die Frau zuerst sagst, das ist im
ganzen auch meine Meinung. „Je weniger wir durch die so
iiblen ,pers6nlichen4 Erf ahrungen getriibt und verwirrt sind."
Wie sehr das meine Ansicht trifft, wirst Du wissen, wenn Du
meinen Auf satz „Erfahrung" kennen wirst. Und sehr schon
sagst du „der Mann muB zart sein, muB weiblich werden
wenn die Frau mannlich wird." So fiihlte ich schon lange.
Auch Deine einfachen Formeln fur Mann und Frau: Geist-
Natur/Natur-Geist mogen wahr sein — ich allerdings ver-
meide hier konkret zu reden und spreche vom Mannlichen
und Weiblichen lieber: Denn wie sehr durchdringen sich
beide im Menschen! Und so verstehst Du, daB ich die Typen
„Mann" „Weibu fiir etwas primitiv imDenken einerKultur-
menschheit erachte. Warum bleiben wir allermeist bei dieser
Teilung stehen (als Begriffsprinzipien? gut!) Aber wenn man
Konkretes meint, so muB die Atomisierung viel weiter gehen,
bis ins Einzelnste Individuum hinein. Europa besteht aus
Individuen (in denen Mannliches und Weibliches ist) nicht
aus Mannern und Weibern.
Wie weit die Geistigkeit des Weibes geht, wer weiB es?
Was wissen wir vom Weibe? So wenig wie von der Jugend.
Wir erlebten noch keine Kultur der Frau, so wenig wir eine
65
Jugendkultur kennen. Aber Du, Herbert, forderst das „un-
bedingte Ja". Wer von uns ist nun eigentlich der Unbedingte?
Ich, der ich sage: Ananke moge es gefiigt haben, wie auch
immer, der ich jede Wirklichkeit verleugne, die sich nicht der
Idee fiigt? Oder Du, der seine Meinung der Frau auf Wirk-
lichkeit griinden muB und den dazu erforderlichen Welt-
plan Ananke in die Schuhe schiebt? „Es ware ja Danaiden-
qual, das Unerlosbare erlosen zu wollen." Wir wissen von
Unerlosbarkeit so wenig wie von Erlosbarkeit. Und unsere
Erlosung geschieht durch die Liebe! - Aber, gewifi; Du
magst es Danaidenqual nennen. Und sicher ist das Dasein
der Menschheit Danaidenqual, welche einen unerdlichen,
selbst-zweckhaften Geist zu erzeugen hat — und einst wird
der Menschheitstod eintreten - oder auch nie. Beides gleich
trostlos. DaB jenes „als-ob" und die Erlosung des Unerlos-
baren Weltsinn ist, den wir verhangen, das sollten wir doch
von Wyneken wissen.
Aber: durch Deinen Brief geht schlecht verhaltene Ent-
riistung iiber meine Ansichten liber Prostitution — jedenfalls
mache nur meine Gedanken dafur verantwortlich nicht
andres. Die Ansichten kann ich Dir nun augenblicklich (wie
niemals!) nicht beweisen. Aber zeigen kann ich Dir, daB Du
selber Dich mit Unklarem begniigst, daB wir bei solchen Be-
quemlichkeiten wie erst Franz sie schrieb und nun Du, nicht
stehen bleiben diirf en. Wirklich mir scheint, daB ich das
Wesentliche schon schrieb.
Welchen sittlichen Sinn hat das Leben der Dime?
Oder glaubst Du, daB wir um diese Frage herum kommen.
Wir fur uns — nicht wahr? - nehmen Sittlichkeit und Per-
sonenwiirde in Anspruch. Aber wir sollen es wagen uns vor
die Dime zu stellen und nennen sie Priesterinnen, Tempel-
gerate, Koniginnen und Symbol. Du muBt wissen, daB mich
das so sehr emport, wie Franzens „Mitleidu. Noch viel mehr.
Denn mit diesem Mitleid, (das immer noch el end genug
bleibt fur den der mit ihr schlaft — aber es kann wenigstens
ehrlich sein) ist die Dime doch noch sittlicher Mensch. Und
der hat noch mehr Gewissen, der sie zum Sittlich-Schlechten
macht als der, der sie unmenschlich, unsittlich macht. Irgend
66
ein schones Ding ist Dir die Dime. Du achtest sie wie die
Mona Lisa, vor der man auch keine gemeine Gebarde maclit.
Aber Du denkst Dir nichts dabei, tausende von Frauen zu
entseelen und sie in die Galerie der Kunstwerke hiniiber zu
schieben. Als ob wir gar so kunstwerksam mit ihnen verfuh-
ren! Sind wir ehrlich, wenn wir die Prostitution „poetisch"
nennen. Ich protestiere im Namen der Poesie. Und unendlicb
bequem sind wir, wenn wir glauben mit subjektiven Selbst-
Erhebungen der Dime einen Lebenssinn geben zu konnen.
— Ich mochte, Du sahest den schalen Asthetizismus in dem
was Du schreibst. Du selber willst nicht auf Menschlichkeit
verzichten. Aber doch soil es Menschen geben, die Sachen
sind. Du privilegierst Dir die Menschenwiirde. Das andere
sind schone Dinge. Und warum? Damit wir eine edle Geste
fur unedle Taten haben.
Wenn wir selber sittlich sein wollen, wenn wir zugleich
die Prostitution anerkennen wollen, so gibt es nur eine Frage :
Welchen sittlichen Sinn hat das Leben der Dime? — Indem es
ein sittlicher ist, kann es kein andrer sein, als der unsres eig-
nen Lebens. Denn Du fragst noch zu schuchtem: „Entweder
sind alle Frauen Prostituierte oder keine?" Nein: „Entweder
sind alle Menschen Prostituierte oder keiner." Nun, ant-
worte wie Du willst. Ich aber sage: wir alle sind es. Oder sol-
len es sein. Wir sollen Ding und Sache sein vor der Kultur.
Wahrlich : Wenn wir selber so eine Art privater Personlich-
keitswiirde uns reservieren wollen, so verstehen wir nie die
Dime. Aber wenn wir selbst all uns ere Menschlichkeit als ein
Preisgeben vordemGeist empfinden und kein privates Gemiit,
keinen privaten Willen und Geist dulden - so werden wir die
Dime ehren. Sie wird sein was wir sind. Jetzt wird das, was
Du dunkel meinst mit „Priesterin und Symbol" wahr werden.
Die Dime stellt dar den vollendeten Kulturtrieb. Ich schrieb:
sie vertreibt die Natur aus ihrem letzten Heiligtum, der Sexu-
alitat. Wir wollen eine zeitlang schweigen von der Vergei-
stigung des Geschlechtlichen. Diesem kbstlichen Manner -
inventar. Und wir reden von der Vergeschlechtlichung des
Geistigen: Dies ist die Sittlichkeit der Dime. Sie stellt im
Eros die Kultur da[r], Eros der der gewaltigste Individualist,
67
der kulturfeindlichste ist, auch er kann pervertiert werden,
auch er der Kultur dienen.
Damit glaube ich meine Meinung kurz und klar gesagt zu
haben. Ohne sie verstehen zu wollen, kannst Du sie nicht ver-
stehen, sondern — . Die Jammerleute [?] reden von „Verherr-
lichung des Dirnentums." Sie haben einen guten Instinkt.
Ich aber hore vielleicht von Dir, daB Deine merkwiirdige
Koordination (einmal) poetisch dann priesterlich — imGrunde
dieses meinte.
Dein Walter
PS Sire, geben Sie Gedankenfreiheit!
Was Deine „chaotische Schamlosigkeit" heiBt, weiB ich
nicht - Du hast wohl nur weniges von meinem letzten Briefe
verstanden.
2tes ps Heute friih erhielt ich einen Brief von Franz; da-
mit gilt alles vorstehende auch fur ihn. Mit gleicher Post
kam ein Brief von Wyneken „betreff end die weibliche Psyche
stimme ich mit Ihnen iiberein: „als ob". Biologisch-psycholo-
gisch ja, das mag Gott wissen."
Denkt iiber die Schriften Wynekens, der vorlaufig noch
uns alien iiberlegen ist, nach.
Mit ihm werde ich gelegentlich Eure Briefe besprechen.
1 Vielleicht ist aber „frohlich" zu lesen.
2 Im „Anfang", Juni 1915.
19 An Herbert Belmore
3. Juli 1913
Lieber Herbert,
nichts sollte Dich kranken in meinem Brief. DaB ich Dir erst
entwickeltere Gedanken geschrieben hatte ist keines — Kran-
kung oder Ehre - sondern ein Instinkt meines Verstandes.
Nur - um gotteswillen - erbffnet keine Geheimniskramerei
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mit meinen Brief en: nach wie vor geht Alles an Euch alle.
Und damit gut!
Nicht ersparen kann ich Dir diesen Schmerz: auch meinen
letzten Brief hast Du nicht verstanden. Aber keine neuen
Widerlegungen. Nachdem ich vieles erwogen, beschloB ich,
Euch auf eine Novelle zu vertrbsten, die ich augenblicklich
schreibe. Wenn sie gelingt, so werdet Ihr sie erhalten; und
vielleicht in sehr versch[w]iegner Sprache verstehen, was
ausgesprochen unverstandlich zu sein scheint. Das wird bes-
ser sein als hoffnungslose Brief erklarungen. Nur dies: stets
handelte es sich fiir mich darum : schon der jetzigen Prostitu-
tion einen absoluten Sinn zu geben. Magst Du dies iibereilt
nennen! ich denke nun einmal nicht anders. Und schlieBe bis
auf mtindliche Besprechung oder bis die Novelle kommt mit
den schonen Worten der Marion aus „Danton's Tod": „Es
lauft auf eins hinaus, an was man seine Freude hat, an Lei-
bern, Christusbildern, Weinglasern, an Blumen oder Kinder-
spielsachen; es ist das namliche Gefiihl; wer am meisten
genieBt, betet am meisten."
Aber: sich freuen konnen und zu tun, als sei man freund-
lich - dies ist die hohe Tugend der Dime. So deute ich Ma-
rion — sonst magst Du ihre Worte getrost fiir Dich bean-
spruchen.
DaB Du mir aber das zutraust: der Mann soil sich bei der
Dime befriedigen, damit er frisch gestarkt (und friedlich-
heiter) an seine Arbeit geht! Hal[t]st Du mich fiir einen
Botokuden?
Wegen eines Hauptmann-Heftes setze Dich mit Barbizon
in Verbindung. Nach langen Erwagungen sind die Griinde
pro und contra fiir mich gleich stark. Bei Barbizon wirst Du
Heinles und meinen Artikel iiber das Festspiel fiir die nach-
ste Nummer finden. Desgleichen meinen Artikel „Erfah-
rung". Die Hauptmann- Artikel jedenfalls sind schon jetzt
Fundament einer Besprechung mit Barbizon: ich verwies
ihn auf Dich — wie Dich auf ihn.
Wie froh ich bin, keine Zeitungen zu lesen: wenn mir der
Schmutz wegen Hauptmanns oder des Anfangs einmal durch
Euch zu Gesicht kommt.
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Von Freiburg ein weniges (aus Pflichtgefiihi).
Endgiltig ist Heinle der einzige Verkehr von Studenten
geworden, den ich wirklich personlich fiihre. Keller ist jetzt
neurasthenisch — selten sehen wir uns und dann sprechen wir
mit BewuBtsein vorsichtig. Neulich wurde ich Zeuge einer
furchtbar peinlichen Szene, in der Freiburger Klatsch zwi-
schen Manning, Englert und Keller ausgetragen wurde - Be-
leidigungen, Verdachtigungen u.s.w. Dinge, die man schrift-
lich garnicht ohne viel Gewasch wiedergeben kann. DaB
Heinle und ich garnicht s hiermit zu tun hatten — sondern
von beiden Parteien als Unbeteiligte geachtet werden, mag
Dir fur unsere sichere und ganzlich isolierte Stellung zeu-
gen.
Zu unsern treuen Gasten am literarischen Abend und in
der Schulreform u. am Dienstag gehbren 2 altere Studenten,
die an Wyneken und uns in riihrender Weise beginnen, ihren
geistigen Menschen aufzubauen, ernst und unentwegt. Die
eine von ihnen ist vielleicht nicht einmal klug. Die Abende
fur Schulreform (8-10 Besucher) sind standig auf hohem
Niveau. Wesentlich ist, daB Abend fur Abend Wyneken be-
sprochen wird, daB wir mit unsrer unbedingten Schuler-
schaft nicht hinterm Berge halten — daraus folgt alles.
Neulich lernte ich eine Studentin aus Essen hier kennen,
die Benjamin heiBt. Wir machten einen Spaziergang auf den
Schonberg, den ich erst in diesem Semester entdeckte und der
einer der schonsten Gipfel ist die ich kenne. Nachstens will
ich nachts mit Heinle hingehen.
Wir sprachen vielerlei unangestrengt und frbhlich — jedes-
mal wenn ich an dies en Spaziergang denke, merke ich, wie
sehr mir hier Menschen fehlen. Denn Heinle ist eben der
einzige.
Solchen Spaziergang machte ich einmal mit der Schwester
von Wolfgang Brandt, die nicht schon ist aber ein braunlich
feines Gesicht hat. Am Sonntag iiber 14 Tage werde ich mit
ihr (und leider noch einem Scheusal von Studentin) eine
Tour auf den Plauen machen.
Willst Du wissen, daB gestern hier Versammlung wegen
Hauptmann war? Es war schandlich. Ein philosophisch ge-
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bildeter Banause schwatz[t]e Unsinn ohne Ehrerbietung.
„Und speziell wir Breslauer hatten gewiinscht, daB . . . (die
Stadt Breslau als Mutter der Bewegung auch vorgekommen
ware)" „Man umgeht nicht ungestraft die geliebten Anekdo-
ten u. Erinnerungen des Volkes" sonst - u. im Ganzen
natiirlich dafiir. Pfui Teufel!
In der Diskussion: Keller. Schlecht aufgelegt - man
merkte, daB er wirken wollte. Esgelang nicht— man rumorte.
Heinle und ich trampeln. Umgeben von Scharrenden. Im
ubrigen sprach Keller die einzigen hoffnungslos verniinfti-
gen Worte. Ich sagte zu Heinle: „Wenn ich diese Menschen
hier im Saal naher kennte - ich miiBte doch empfmden: so-
viel Menschen, soviel erbitterte personliche Feinde."
Ich schlieBe: unsere Arbeit geht vorwarts — ich arbeite
einige Philosophie (nicht sehr viel, leider) lese Heinrich
Manns: kleine Stadt, die fliichtige Lobpreisungen verbietet —
und versuche mich an meiner 2ten Novelle.
Dein Walter.
20 An Carta Seligson
Freiburg, den 8. Juli 1913
Sehr geehrtes Fraulein Seligson,
Haben Sie Dank fur Ihren Brief. - Er traf mich nicht unvor-
bereitet hier in Freiburg. Was Sie schrieben und was ich hier
erlebte, das fasse ich in die Eine Frage: Wie retten wir uns
selbst aus dem Erlebnis unsrer zwanziger Jahre?
Vielleicht wissen Sie nicht, wie sehr Sie recht haben — aber
wir merken wirklich eines Tages, daB uns etwas genommen
wird (nicht, daB wir es zu lange hatten, aber daB man es uns
nicht mehr laBt). Wir sehen all die um uns, die das Gleiche
einmal erlitten und sich in Kalte und Oberlegenheit hinein-
retteten. Wir fiirchten garnicht etwas, was wir erleben, son-
dern die verzweifelte Folge: daB wir danach erstarren, eine
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ewig gleiche und feige Geste annehmen. Ich erinnere mich
in diesen Tagen oft an Hof mannsthals Verse :
„und dafl mein eignes Ich, durch nichts gehemmt
heriiberglitt aus einem kleinen Kind
mir wie ein Hund, unheimlich stumm und fremd"1
Nicht wahr? jetzt handelt es sich fur uns darum, ob dieses
Wort ganz wahr werden soil, und ob wir uns selbst zu solchem
Dasein entschliefien miissen, nur um uns zu wehren vor den
andern, die auch so „unheimlich stumm und fremd" sind.
Wie konnen wir uns treu bleiben, ohne grenzenlos hoch-
miitig und iiberspannt zu werden? Man verlangt von uns
unpathetische Einpassung und wir sind ganz lacherlich in
unserm Allein -Sein, das wir bewahren wollen — und das kon-
nen wir nicht begrxinden.
Dieses fiihlte ich, als ich aus dem gewohnten Kreise Berli-
ner Freunde hier heriiber kani; ich fand Distanzierung, MiB-
verhaltnisse, Nervositat — ich habe jetzt zum ersten Mai die
Einsamkeit kennen gelernt, ich machte sie mir zur Lehre:
indem ich 4 Tage allein durch den Schweizer Jura eine Wan-
derung machte; ganz allein mit meinem angestrengten
Korper.
Ich kann Ihnen noch nicht sagen, bis zu welcher Ruhe ich
dieses Alleinsein gebracht habe. Aber wenn ich Ihnen in
meinem ersten Brief so sehr mein Zimmer mit seinem Fen-
ster auf den Kirchplatz hinaus pries, so bedeutet das nichts
andres, als eben diese Ruhe.
Ich trennte mich hier ganz von einem Menschen2 wegen
dessen ich her gekbmmen war; denn er wollte mit 22 Jahren
der 40jahrige sein, wie viele der geistigsten jungen Menschen
um uns. Es ist auch sehr wahr, daB ich mit 20 Jahren jetzt
nicht die geringste Gewahr fur den Erfolg eines Lebens habe,
wie ich es jetzt fiihre: sehr mit der Unterstiitzung des „An-
f ang" mit Abteilungsorganisationen beschaftigt und getrennt
von meinen Freunden. Diese bekamen in den ersten Freibur-
ger Wochen Briefe, die ungleich, verwirrt, manchmal nieder-
geschlagen waren, und an 2 Tagen hier in Freiburg war ich
ganz vollendet ungliicklich.
In den letzten Wochen also habe ich sehr ruhig fur den
72
„Anfang" gearbeitet. Im nachsten Heft werden Sie von mir
„Gedanken iiber Gerhart Hauptmanns Festspiel" lesen, im
Septemberheft einen Aufsatz „Erfahrung".
Vor ein paar Tagen besuchte mich hier mein Vater, und
ich war iiberrascht, wie sehr zuriickgezogen und freundlich
ich war. (Mein Vater steht naturlich meinem Wollen fremd
gegeniiber). Ich versichere Sie daB dies ohne alien Hochmut
so ist.
Wie kommt es? / Neulich sah ich auf der Strafie einen
Schuljungen. Ich dachte: fiir den arbeitest du jetzt — und wie
fremd ist er dir, wie unpersonlich deine Arbeit. Indem sah
ich ihn noch einmal an. Er trug Biicher in der Hand, hatte
ein offnes kindliches Gesicht, nur von einer leichten Schul-
betriibnis iiberzogen. Er erinnerte mich an , meine eigne
Schulzeit: garnicht abstrakt, garnicht unpersonlich mehr
schien mir meine Arbeit am „Anfang".
Ich glaube wirklich, wir werden zum zweiten Male in
unsrer Kindheit heimisch, die zu vergessen uns diese Tage
lehren wollen. Wir miissen nur ein wenig unbekiimmert um
diese schwierige Gegenwart und um uns selbst ein verniinf-
tiges Allein-Sein leben, wir werden uns ganz fest auf die
Jugend verlassen, die die Formen fur die Zeit zwischen Kind
und Erwachsenem finden, schaffen wird. Diese Zeit leben wir
noch ohne Formen, ohne gegenseitiges Sich-Tragen — eben:
allein. Ich glaube aber, daB wir eines Tages sehr frei und
sicher unter die andern gehen diirfen. Weil wir wissen, daB
diese in ihrer Menge so wenig „unheimlich stumm und
fremd" sind wie wir selbst. Woher wissen wir das?
Weil wir die Offenheit und Herzlichkeit von Kindern, die
spater auch 20 Jahre sein werden, vorbereiten wollten.
Denken Sie an die heimlich-edlen Gesten der Menschen
auf den Bildern der Fruh- Renaissance.
Moge es Sie nicht verstimmen, wenn ich mit diesen Wor-
ten, die ich nur von mir aus sagen konnte, nichts traf, was
Ihnen wesentlich ist, wenn ich im Irrtum zu allgemein
sprach,3 Aber auch Sie werden fuhlen, daB alles darauf an-
kommt, uns nichts von unsrer Warme zu Menschen nehmen
zu lassen. Mag es auch sein, daB wir sie fiir eine Zeit aus-
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drucksloser und abstrakter bewahren miissen; sie wird blei-
ben und doch Gestalt finden.
Seien Sie herzlichst gegriiBt!
Ihr Walter Benjamin
1 Terzinen I (Ober Verganglichkeit).
2 Philipp Keller.
3 Carla S. hatte em schweres Erlebnis gehabt, von dem sie in ihrem
Brief am 2. Juli geschrieben hatte.
21 An Franz Sacks
11. Juli 13
Lieber Franz,
sicher haben wir alien Grund, uns iiber die dritte Anfang-
Nummer zu freuen; Barbizon erhielt meine Kritik schon.
Die Nummer eignet sich alles in allem sehr zur Propaganda,
ist zugleicb aber doch sichrer und interner als die vorherigen.
In Deinen Einzelurteilen gebe ich Dir Recht bis auf Heinle.
Es geniigt doch, daB sein Aufsatz, wie Du zugibst, charak-
teristisch ist - wie oft haben wir auf der Schule ungesagt
jenen maBlosen Zorn gefiihlt, der hier ausgedriickt ist. Als
Ausdruck dieser Stimmung hat Heinles Aufsatz1 sein gutes
theoretisches (und hygienisches) Recht. Er gibt nicht Tat-
sachen sondern Gefiihle. Wynekens Redaktionsbemerkung
besteht gleichwohl zu Recht. — Aber Du sprichst von einem
„herauszubildenden Ton" des Anfang. Wir werden uns hier
wohl einig sein: aber allgemein muB man sich huten, allzu
bestimmte Begriffe von dem was Jugend und Anfang ist, mit-
zubringen. So schrieb ich auch Fritz StrauB 2 auf seine Kritik
von Heft 2.
Ich bitte Herbert, wenn moglich, mir jetzt schon seinen
Aufsatz zu schicken; ich habe hohe Erwartungen und mochte
ihn hier vielleicht in kleinem Kreise schon vor seinem Er-
scheinen im Anfang vorlesen. Also soil er ihn bitte senden!
Nun freut es mich sehr, und ich finde es sehr anstandig
von Dir, daB Du das 1. Presidium3 in Berlin ubernehmen
willst. Hoffentlich wirst Du gewahlt!
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Bei der weitsichtigen Art, mit der ich solche Uberlegun-
gen anstelle und Konsequenzen bis in feme Semester hinein
bedenke, hatte ich ja keine durchgreifenden Griinde: weder
abzulehnen noch anzunehmen. Nur weifi ich, daB ich jetzt
so ein Semester fiir hoffentlich einigermaBen intensive philo-
sophische Arbeit gewinne. DaB Du eins der Deinigen opferst,
ist jedenfalls ein Ersatz fiir mein Wirken dort; und von der
anderen Seite gesehen: es ist auch verniinftig, daB Du Dir
(da Du nun einmal in Berlin studierst) so Dein Semester mit
studentischer Tatigkeit einmal intensiv erfiillst. Einen Rat-
schlag gebe ich Dir mit, simpel wie der eines morgenlandi-
schen* Weisen: sei immer klug bisweilen kiihn.
Sicherlich konnen wir die Fr.St. jetzt auch ideell vertreten.
Vielmehr, sie wartet formlich darauf, dafi die aus unserm
Lager sich ihrer annehmen, wir werden von uns aus der Fr.St.
eine Theorie bauen (im auBern Gewande des Zweckverbandes
vielleicht, s. Kranold u.4 Kiihnert „Wege zur Universitats-
reform"). Daher wird es gut sein, wenn Du bisweilen eine
kluge Kuhnheit, einen wohl durchdachten Radikalismus
manifestierst. Man muB immer imGrunde dasGefiihlhaben,
daB Du zu reich an Einfallen (nicht an Launen) bist, um
ganz berechenbar zu sein. Und wenn die p.p. Universitats-
behorden einen solchen unmaBgeblichen aber durchaus per-
sonlichen Eindruck von Dir bekommen, dann wird das Dei-
nem Wirken nur mitzlich sein. - Mit groBem Interesse las
ich Deine Universitatsmitteilungen, aber - soweit ich von
hier urteilen kann, — eine Candidatur Cohen ware mir (von
der Deinigen natiirl. abgesehen) sehr einleuchtend. Sie ist
ein durchaus resoluter Mensch und wenn jemand ihre Be-
ziehungen zu Miiller-Jabusch5 iiberwachte, so schiene sie mir
sehr geeignet (wie gesagt, indem ich stetig Deine President -
schaft als das beste voraussetze) denn man darf eines durch-
aus nicht vergessen: die p.p. Universitatsbehorden werden
eine junge Dame von der Freundlichkeit Frl. Cohens viel
schwerer iiber den Loffel barbieren als Herrn Saturnus od.
Schneider. Soviet Gewandtheit traue ich ihnen durchaus nicht
besser wohl: griechischen (?)
75
zu; und sie werden die Intelligenz einer jungen Dame viel-
leicht in fur uns sehr forderlicher Weise unterbewerten.
- Im iibrigen ist es mir natiirlich viel lieber, wenn ich in
Miinchen mit ihr zusammenarbeiten kann. Deiner Meinung
bin ich auch: schon aus programmatischen Grtmden ist eine
Frau als Prasidentin der BerL Freien [Studentenschaft] sehr
wiinschenswert.
Warum sind die Deutsch-Volkischen aufgelost? Wegen des
Flugblatts vom vorigen Semester?
— — Im Sommer fahre ich mit meiner Mutter einige
Wochen in die Schweiz oder nach Tirol oder Italien. Anfang
September od. Ende August denke ich in Berlin zu sein.
Hoffentlich sind wir wenigstens in diesem Monat zusammen.
Das Schulreform-Rundschreiben beschleunige bitte, zugl.
bitte ich Dich um Mitteilung, an welch en Frei student en -
schaften es Abt. fur Schulreform gibt, damit ich iiberall
dorthin schicke. Morgen wahrsch. geht der Bericht an Euch
ab, den in der Abt. zu verlesen ich Dich bitte.
Hier ist Hundewetter. Mittwoch in Basel gewesen. Ich sah
die Originale der beriihmtesten Dlirerschen Graphik: Ritter,
Tod u. Teufel, Melancholie, Hieronymus u. vieles andere.
Zufallig waren sie ausgestellt. Erst jetzt habe ich eine Vor-
stellung von Diirers Gewalt und vor allem die Melancholie
ist ein unsagbar tiefes ausdrucksvolles Blatt. Daneben iiber-
rascht die primitive Gewalt Holbeins des alteren. Endlich,
das GroBte der Gemalde dort, Griinewalds Christus am
Kreuz, der mich diesmal noch viel starker ergriff als voriges
Jahr. Ich nahere mich immer mehr der dtsch. Kunst der
Renaissance, sowie ich in Paris bemerkte, daB mich die ita-
lienische Friihrenaissance beriihrte. Da ist ein Maler: Kon-
rad Witz, seine Menschen sind alle wie Kinder in Kostiimen
erwachsen (von jenem ungliicklich-sprechenden Ausdruck
der Bauernkinder, die in den Trachten der Alten stecken.)
Er malt einen unsaglich glucklichen Johannes, der doch von
seinem Gliick garnichts weiB : in sich hinein lachelnd wie ein
spielendes Kind. Und ein Christof orus vom albernstenLacheln,
der einen kugelrunden kleinen Christus voll ebenso ausdrucks-
losen, aber griindlichem unbewuBten Ernstes tragt.
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Welti, Albert u. Keller. Damit sind meine groflten oder
vollkornmensten Eindriicke benannt. Dabei das prachtige
Spiel der Najaden von Bo[c]klin. 2 St. war ich dort.
Gestern habe ich bei Ungers in sehr hiibscher Gesellschaft
gelacht, wie lange nicht mehr. Frl. Brandt und noch eine
stupide Dame (aber niidlich) u. ein Herr waren anwesend.
Die Scherze trugen sich zu angesichts der bibliophilen Biiche-
rei Ungers, in schwarzen Gestellen viele weiBe Pergament-
bande und bunte Biicherriicken. Der Ton war durchaus
erotisch frei und heiter (wie ich es wirklich sehr selten oder
nie fand) Dr. Unger und seine Frau haben sich in ihrer Frei-
burger Studienzeit verlobt; das ermoglicht dies.
Ich las: Heinrich Manns Kleine Stadt, mit innigem
menschlichem und artistischem Anteil.
Ich lese: die Nachtwachen des Bonaventura, die viel mehr
sind als „Bildung" - und den vorziiglichen Hyperion-Alma-
nach von 1910. Dazu jetzt einen Aufsatz von Husserl.6 —
Neulich erhielt ich einen Brief von Carla Seligson, trauri-
gen (aber nicht trostlosen) Inhalts, der schbnste, den mir je-
mals jemand schrieb - einer der schonsten Briefe, die ich
kenne. Es ist ein ganz auBerordentlicher Mensch. Du wirst
den Brief in Berlin sehen; da er fast inhaltlos ist, ist nichts
zu berichten. Selbstverstiindlich (solltest Du sie einmal sehen)
erwahnst Du nicht, daB ich Dir davon schrieb.
Viele GruBe! Dein Walter.
PS Entschuldige das ramponierte Couvert: ich lege noch fol-
gendes fur Barbizon bei, was er mir schickte. Gib es ihm,
wenn Du ihn siehst!
1 C. F. Heinle, „Meine Klasse". Im „Anfang" 1913.
2 Klassenkamerad von W. B., der mit Franz Sachs und ihm das erste
Semester, Sommer 1912, in Freiburg studiert hatte; geboren am 18.
Nov. 1894, lebt in Tel Aviv.
3 Der Freien Studentenschaft.
4 Hermann Kranold und Herbert Kuhnert, „Wege zur Universitats-
reform = Wege zur Kulturbeherrschung", Heft 3. Miinchen 1913.
5 Maximilian Miiller-Jabusch (1889-1961).
6 OfTenbar „Philosophie als strenge Wissenschaft" im „Logos" 1910.
77
22 An Herbert Belmore
Freiburg i. B., 17. Juli 1915
Lieber Herbert,
erst gestern abend kam ich von Freudenstadt zuriick, wo ich
am 15ten mit meinen Eltern und Geschwistern zusammen
war. Darum danke ich Dir erst heute. Fiir Brief und Buch.
Der Titel wirkte auf mich nicht weniger abenteuerhaft als
auf Dich: es ist ein Titel, der geradezu Mut macht, ein unbe-
kanntes Buch, nicht nur zu lesen — auch zu kauf en. Ich danke
Dir sehr dafiir: nicht weil das Buch gute Gedichte enthalt;
es sindderen nur sehr wenige. Aber ichbesitzejetzt ein Buch,
das Dehmel in diesen Tagen herausgab - manche dieser
„neuen" Gedichte sind allerdings schon lange bekannt. Und
so bin ich — im legitimen Besitze dieses Buches — ein wenig zur
Ruhe gekommen iiber das Problem Dehmel. Ich kann nun
nicht mehr anders als mit MiBtrauen kiinftig seine Bucher
aufschlagen. Gestern abend noch las ich in der „schonen wil-
den Welt" in der Erwartung nun endlich den einfachen
schonen unproblematischen Dehmel zu finden. Was ich fand
war zum groBenTeil nicht einmalproblematisch. Er meistert
den Rhythmus. Aber seine Gefuhle sind garnicht ungebro-
chen und gegen Realitaten gespannt, sondern fast konsequent
entwickelt er die Gefuhle. - Bitte aber bereue nicht im ge-
ringsten mich so beschenkt zu haben, so wenig ich es bereue,
dies Buch zu besitzen. ImGegenteil habe ich wie gesagt damit
zum ersten Male einige Sicherheit gegeniiber Dehmel.
Mein Bruder schenkte mir die Auswahl der 100 Gedichte
von ihm. Ich kannte sie schon und beschloB, sie umtauschen
zu lassen, weil ich damals wenig wertvollen Inhalt in ihnen
fand. Wohlmeinende Verwandte beschenkten mich mit Kel-
lermanns ^Tunnel"1. Er soil schlecht sein und ich werde
mich vielleicht kaum entschlieBen ihn zu lesen. Denn ich bin
pedantisch darin, mir nur gute Lektiire zu leisten.
Halms Buch2 erhielt ich 2mal (Du siehst: die Furie der
Konfusion bestiirmt meine Bibliothek!) es bleiben: Hueber,
Organisierung der Intelligenz.3 Kierkegaard: Begrifl der
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Angst. Manches werde ich selbst mir anschaffen. Du liest
doch Kierkegaard in der Diederichschen [sic] Ausgabe; die
andere Ubersetzung ist unleidlich. Aber auch so wirst Du
wohl kaum das Buch in einem lesen. Besonders im 2ten Teil
wird es sehr schwer und dialektisch — wo ich denn auch ab-
brechen muBte. Ich glaube in wenigen andern Biichern
kommt so hohe Kunst im Darstellen und in der Gesamt-
anschauung als Nebenprodukt zum Vorschein wie bei Kierke-
gaard. Er hat wohl einen melancholischen Zyniker in sich
im Leben gewaltig bezwungen, um dieses „Entweder" — vor
allem das „Tagebuch des Verfiihrers" zu schreiben. —
In Freudenstadt las ich meinem Bruder einige Zeilen aus
meinem Hauptmann Artikel vor. In diesem Augenblick tat
es mir sehr leid, daB ich den Aufsatz nicht noch hatte lagern
lassen und sofort Barbizon sandte. Ich merkte, daB damals
mein eigener Anteil mich an einer breitern, lebhaftera Ver-
arbeitung verhindert hatte. Alles schien zu geniigen. Heinle
ist kein Kritiker, der fehlt mir hier. Sicher ware vieles besser
geworden, hatte ich mir mehr MuBe genommen. Wyneken
hat recht. Ich bereue —
Lies bitte „Erfahrung" meinen Aufsatz furs September-
heft. Geniigt er nicht und ist er verbesserungsfahig, so
schicke ihn mit Bemerkungen zu mir. Ab 50ten nach Freu-
denstadt, Villa Johanna. Denn Barbizon, der ihn annahm,
ist ja garnicht kritisch. Langere Zeit will ich mich jetzt, bis
etwa auf die Niederschrift einer Novelle, ganz rezeptiv in
Kunst und Philosophie verhalten. Vor allem: nicht fur den
Anfang schreiben. Es besteht Gefahr, daB Gedanken, die ich
noch nicht in den konkreten Konsequenzen beherrsche, mir
selbstverstandlich werden.
Heinle will ich auch gegen Wyneken verteidigen. Sein
Gedicht ist schwer verstiindlich, auch nicht vollkommen. Es
hat groBe Ahnlichkeit mit den Lizenzen, die Goethe sich im
2ten Faust gibt. Sein Jahrhundertfestspiel sollte ein Aufruf
an die Gemiiter sein und ist es. Er hat hier, nicht nur auf
mich, Eindruck gemacht. Gedanken stehen nicht darin und
gehoren nicht in einen Aufruf, wenigstens nicht unbedingt.
Haltet Ihr einen Aufruf fur unwiirdig, verschmaht Ihr
79
ein Pathos, was man einmal unbegriindet formt, so ist es
strittig. Vielleicht denkt Wyneken so. Aber dann geht es
gegen Heinles Tendenz und Unfahigkeit ist darum nicht zu
konstatieren.
In Berlin werde ich Euch Gedichte von Heinle zeigen, die
Euch vielleicht doch gewinnen. Wir sind hier wohl aggres-
siver, pathetischer, un-besonnener (wortlich!) vielmehr: er ist
es und ich fiihle es nach, mit und bin es oft auch. Daher auch
konnten wir uns nicht iiber Prostitution verstandigen. (Doch
wehe! MiBverstandnisse drohn von Neuem-)
Was Du Franz sagtest, scheint fiir ihn notig — fur mich
ist es erfrischend geradezu. Wie lange habe ich so etwas nicht
gehort, da sich gar keine Ethiker in der Umgegend hier be-
finden. Dafiir Zionisten.
Das Wichtigste: wirst Du nicht wenigstens gegen Mitte
September wieder in Berlin sein? Denn Anfang Oktober mufi
ich nach Breslau - oder kommst Du mit? — und bin dann
wohl nur noch bis gegen den 14. od. 17. in Berlin. Aber: Ich
fahre im August mit meiner Mutter nach Tirol. Wir beab-
sichtigen vielleicht Oberitalien vor allem Venedig gegen
Ende August. Es ware ja herrlich - von allem Nutzen zu
schweigen — wenn wir zusammen in der Academia sein kon-
nen. Ich weiB noch nichts bestimmtes iiber unsre Plane; aber
wiiBte ich, daB Du etwa am 20ten in Venedig bist, so wiirde
ich naturlich wenn nur mdglich, Dich mit meiner Mutter
dort treffen. Also berichte!
DamitSchluB!
Willst Du eine Vorstellung von mir fiir die letzten zwei
Wochen, so denke Dir mich in meinem Zimmer, moglichst
zuriickgezogen, lesend.
GriiBe auch Deine Eltern und Helmut4
Dein Walter
1 Damals ein ausgesprochener „bestseller".
2 „Wege zur Musik" (1913). August Halm (1869-1929), der Schwa-
ger Wynekens, war die musikalische Autoritat des Wynekenschen
Kreises.
3 Von Victor Hueber, erschien Leipzig 1910. Der Autor gehort e dem
Kreis urn Pfemferts „Aktion" an.
< Bruder des Adressaten.
80
23 An Herbert Belmore
Lieber Herbert.
Freiburg, 30. Juli 1915
(leider!)
hiermit erhal[t]st Du den letzten Brief aus Freiburg. Am
Freitag um 9 Uhr friih fahre ich ab; ich werde dann noch
8 Tage in Freudenstadt sein und schlieBlich mit meiner Mut-
ter und wahrscheinlich auch mit meiner Tante Frau Joseephy1
reisen. Zunachst wohl nach San Martino in Tirol. Aber auch
an Venedig denke ich ernstlich fur den SchluB der Reise,
wenn ich Euch nun auch da nicht treffen werden [sic]. "Qbri-
gens gratuliere ich Euch zu Erich Katz als Reisegefahrten.
Auf unsrer italienischen Reise erfuhr ich, daB er der launen-
loseste und liebenswiirdigste Begleiter ist, den man denken
kann. Also vorlaufig im August werden wir ja noch in recht
entf ernten Gegenden sein aber — wenn ich Zeit haben sollte —
will ich im September gern mit Willi und Dir nach Dresden
heriiber fahren.
Meine Reiselektiire 1st abenteuerlich geplant. WeiBt Du,
daB ich mit nachstem anfange die Kritik der reinen Vernunft
mit Kommentaren zu lesen: also habe ich Kant und Riehl
mit. Daneben will ich den Tunnel2 lesen — nun doch — Kurt
Pinthus empfahl ihn neulich in der „Zeitschrift fur Bucher-
freunde["], iibrigens gleich kritisch wie Du. Auch mit ein
paar Inselbiichern habe ich mich umgeben; Du wirst Dich
freuen, daB auch Stendhals „Rbmerinnen" dabei sind; denn
unter diesem anziehenden Titel entdeckte ich jene unmog-
lichen Erzahlungen, die ungelesen zu Hause unter meinen
Reclams stehen. Danach soil der Sturm versucht werden.
In den letzten Tagen las ich viel. Erstens in den fruhern
Jahrgangen des Logos, besonders Rickerts Aufsatz zur Logik
der Zahl3, der hier unter seinen Schulern als sein Genialstes
gilt und den man hier kennen muB. Guy de Maupassant:
Unser Herz. Ein Roman mit unfaBlich schonen Satzen, ich
hatte manche auswendig lernen mogen. Einmal schreibt er
„Und sie, das verlorne, arme, irrende Wesen, das keinen An-
81
halt hatte, aber heiter war, weil sie jung war . . ." (!) auf
dies besinne ich mich eben. Die Geschichte ist ganz einfach,
fast abstrakt erzahlt mit einer Psychologie, die die Menschen
durch und durch sieht und trotzdem sie beriihrt wie die Hand
eines giitigen alten Arztes. Jetzt erst hat der Name Maupas-
sant fur mich Inhalt und ich freue mich auf alles andre, was
ich von ihm lesen werden [sic]. Von Hesse habe ich den
Novellenband: „Diesseits" auf dem Zimmer. Er kann sehr
viel, wenn auch vielleicht nur das Eine: Landschaft zu geben,
ohne sie zU beseelen und dennoch sie zum Mittelpunkt
machen, nicht zur Staffage. Sein Schauen halt eine eigene
Mitte zwischen der Kontemplation eines Mystikers und dem
Scharfblick eines Amerikaners.
DaB es mir nicht schlecht gehen kann, wenn ich solche
Bucher lese, weiBt Du. Es geht mir aber noch viel besser.
Allmahlich habe ich es wirklich erfaBt, daB Sonne ist. Von
einem altmeisterlichen Nachmittag in Badenweiler bekamst
Du eine Karte. Auf der Riickfahrt fand ich unwillkommne
Bekannte. Ein schwatzhafter Student (Rudolf Goldfeld) mit
einem gewissen Frl. Seligson, welche ganz unangenehm bur-
schikos war. Es ist doch Tatsache, daB nur wenige junge
Madchen mit Geist unbefangen sein kbnnen. Am schonsten
Kathe Miillerheim.
Am Montag abend hatte ich mich fur 10 Uhr mit Heinle
auf dem Loretto verabredet, Heinle wollte einen Herrn mit-
bringen. Oben saBen wir in maBiger Dunkelheit zusammen,
Heinle, ich und der Herr, so daB ich ihn garnicht recht sehen
konnte. Raketen eines verendenden Kinderfestes fuhren von
der andern Hiigelseite in den Himmel. Meist sprach ich mit
Heinle - der Herr horte mehr zu. (Du weiBt, daB Dr. Wyne-
ken fur Breslau4 die Berichterstattung von der Frankf. Ztg.
bekommt; er geht also hin) Ich besprach mit Heinle, wie man
irgendeine Dankbezeugung fur Wyneken in Breslau finden
konnte. Es darf garnichts ofTentliches sein; es ist Zeit, daB
man ihm einmal anders gegeniibertritt, als dem Griinder von
Wickersdorf. Es muB sich um einen personlichen Akt han-
deln. Ein Abend in kleinem Kreis (hochstens 12 Menschen
- ich konnte aber von den niichsten nicht einmal 12 zahlen)
82
scheint mir gut. Im Laufe wird einer einfach liber ihn spre-
chen, dieses vor allem betonend: daB wir durch ihn in unsrer
Zeit das Gliick gehabt hatten, im BewuBtsein eines Fuhrers
aufzuwachsen.
Die Notwendigkeit, etwas zu tun, wird Dir jedenfalls audi
klar sein. Und ebenso klar die Verfehltheit einer Offentlich-
keit, der er immer der stellungslose Gninder von Wickers -
dorf sein wiirde.
Nachher gingen wir noch im Walde und sprachen iiber die
Giite.
Gestern kam Heinle zu mir und brachte mir zwei Ge-
dichte, nicht von sich. Ich las sie und sagte: Das kann doch
nur [Ernst] BlaB5 schreiben. Es war aber nicht BlaB, son-
dern Muller. Wir stellten fest, daB die Gedichte uns sehr lieb
waren, daB sie auch weit hinaus gehen in die Freiheit der
Rhythmik iiber BlaB (in Berlin sollst Du sie sehen). Muller
war aber der Herr, mit dem wir zusammen gewesen waren.
Seine Gedichte sprachen beide (alles andere von sich lehnt er
ab und billigt nur 2 Gedichte) von Gladys, die in Paris lebt.
Er selber aber ist der Sohn des Mannes, der den „Freiburger
Boten" redigiert, das ultramontane Blatt. Er sitzt am Tage
in der Redaktion, artikelschreibend — er hat nur das Einjah-
rige gemacht. Heinle telefonierte ihn gestern an, wir wollten
wieder mit ihm zusammen sein. Auch heut abend sind wir
es. Sehr schade, daB wir den Dritten, der zu zweien gehort,
erst jetzt fanden. Wir brauchen keine Anstrengung, uns mit
ihm zu verstehen; er spricht wenig, niemals Leeres und hat
ein wirklich gliihend starkes Kunstempfinden - auch Begriffe.
Gestern stiegen wir von 10-12 V2 im Wald herum und spra-
chen von derErbsiinde-wir fanden wichtigeGedanken-und
vom Grauen. Ich meinte, daB Grauen .vor der Natur die
Probe auf wahrhaftes Naturempfinden ist. Wer kein Grauen
vor der Natur empfinden kann, der weiB uberhaupt nichts
mit ihr anzufangen. Die „Idylle" ist garkein NaturgenuB
— sondern eine Pseudo-Kunst-Naturempfindung.
Das Semester hat das fortissimo warmer tatiger Tage am
SchluB — es tut mir leid zu reisen.
Dank fur Deine Sendung. Deine Entwiirfe6 gefallen mir
83
sehr - heut zeige ich sie Heinle, ich vergaB es bisher. Der mit
dem armen schwarzen Schulknaben freilich noch besser als
der David; wunderschon ist die bizarre Landschaft. Aber
kliiger (als Marke) wird der David sein, audi „positiver"
(Quatsch!). Weil der David einen harten, schlafrigen Aus-
druck hat, der sehr schon ist, mag man ihn nehmen.
Wie ich zwischen Euch und Heinle vermittle, so zwischen
Heinle und Euch. Heinle vermiBt noch Rhythmik in Deinem
Aufsatz. Ich driicke dies folgendermaBen aus: daB mir die
sichere, fast klassische Art, „festzustellen" etwas eines apo-
strophischen d. h. anredenden, den Einzelnen betreffenden
Tones ermangelt. Was Du sagst scheint mehr fiir Erwachsene
als fiir Junge. Der Aufsatz ist sehr gut (denn obiges sind nur
Zweckerwagungen). Aber aus den angedeuteten Griinden
weiB ich nicht, ob Du nicht lieber1 einen neutralern Titel neh-
men sollst, der das programmatische starker betont. Etwa:
Vom (Zum) Gedankenkreis des „Anfang".
Heinle braucht den Aufsatz noch zuPropaganda-Zwecken;
er schickt ihn morgen oder iibermorgen ab. Namlich er be-
miiht sich hier mit geringer Aussicht auf Erfolg um einen
Sprechsaal. Es sind Ferien — und die Wandervogel, die ihm
am zuganglichsten sind, Individualisten.
Viele GriiBe Dein Walter
1 Friederike J., eine Sch wester seines Vaters, die W. B. in seiner Ju-
gend unter den Verwandten am nachsten stand, nahm. sich 1916 das
Leben.
2 Von Bernhard Kellermann, erschien 1913.
3 Im „Logos", 2. Jahrgang, Heft la (1911).
4 Gemeint ist die „Erste studentisch-padagogische Tagung" in Bres-
lau, 6.-7. Oktober 1915.
5 Ernst Blafl (1890-1939), u. a. Herausgeber der spater erwahnten
„Argonauten".
6 Belmore war Student der Innenarchitektur an der Kunstgewerbe-
schule in Berlin, zeichnete und malte daneben.
84
24 An Carta Seligson
Freudenstadt, 4. August 1915
Liebes Fraulein Seligson.
Das Semester ist nun zu Ende, ich bin ein paar Tage hier mit
meinen Eltern und Geschwistern und fahre dann mit meiner
Mutter bis Anfang September nach Tirol - vielleicht kon-
nen wir bei ertraglichem Wetter nach Venedig. Der Abschied
von Freiburg - von diesem Semester - ist mir schlieBlich
doch schwer geworden, was ich so leicht von keinem der letz-
ten Jahre sagen kann. Da war mein Fenster, das Sie kennen,
mit der Pappel und den spielenden Kindern, ein Fenster vor
dem man sich reif und erfahren fuhlt, wenn man noch nichts
geleistet hat, also gefahrlich, aber doch so lieb, dafi ich dort
wieder wohne, wenn ich noch einmal nach Freiburg komme.
Da war Herr Heinle, von dem ich weiB, daB wir iiber Nacht
Freunde geworden sind. Ich las hier gestern abend seine
Gedichte aus diesem Semester und finde sie, entfernt von
ihm, fast doppelt schon. Endlich war es auch das Leben dort,
das mit dem Ende des Semesters plotzlich schon und soramer-
lich bei sonnigem Wetter wurde. Die vier letzten Abende
waren wir (Heinle und ich) stets iiber Mitternacht hinaus zu-
sammen, meist im Walde. Mit uns immer ein junger Mensch
meines Alters, den wir durch Zuf all eben in den letzten Tagen
kennen lernten, von dem wir uns sagten, dafl er der dritte
sei, der zu zweien gehort. Kein Student, sondern er hatte nur
das Einjahrige, arbeitet in der Redaktion seines Vaters, der
die ultramontane Zeitung Freiburgs herausgibt.
Damit endigte dies Semester schon - ich weiB von ihm
wie von keinem andern, daB ich es garnicht ubersehe, son-
dern daB es in Jahren fruchtbar sein wird, etwa wie meine
Pariser Reise vielleicht in Monaten.
Sie haben vielleicht von dem padagogisch studentischen
KongreB gehort, der am 7. Oktober in Breslau sein wird. In
den letzten Tagen erfuhr ich, daB ich dort redenwerde; auBer
mir noch [Siegfried] Bernfeld, Leiter des Acad. Comitees fur
Schulreform in Wien. Drittens ein Herr Mann, der zur
85
Gegengruppe gehort. Zum ersten Male werden auf diesem
CongreB die beiden studentischen Richtungen sich begeg-
nen, die zu Wyneken und auf der anderen Seite zu Prof. Stern
(meinem Vetter) gehoren.1 In Breslau werden wir zum ersten
Male die Schar (denn ich glaube, davon darf man reden)
unsrer weitern Freunde iibersehen. Bis zum KongreB werden
noch 5 Anfanghefte herauskommen; auch auf die darf man
hoffen, soweit ich die Beitrage kenne. —
Nun muB ich Ihnen, so schwer es ist, noch antworten auf
das, was Sie iiber die Form neuer Jugendlichkeit schreiben.
Ich habe dariiber nachgedacht, bis ich hoffte, einigermaBen
klar das sagen zu konnen, was ich von jeher dachte. Es gehort
schon nicht mehr im engen Sinne zu unserer Arbeit — es ist
wohl Geschichtsphilosophie, aber was Sie sagen, beweist ja
den Zusammenhang mit unserm nachsten Gedanken.
Werden wir mit unserm Wollen dem jungen Menschen,
dem Einzelnen, das Geringste nehmen? (Werden wir ihm
— diese Frage ist noch ernster — das Geringste geben?)
Aber vor allem: wird eine neue Jugendlichkeit, wie wir
sie wollen, den Einzelnen weriiger einsam machen? Ich sehe
nicht, wie wir diese Frage, mit allem Ernst aufgefaBt, ver-
neinen konnen. Ja, ich glaube, daB wir in dem, was wir er-
streben, die Not der Einsamkeit (die gewiB wenn nicht eine
Sonne, so ein geheimnisvoller Mond ist) nicht haben werden,
wir wollen sie sogar vernichten, heben.
So konnen wir sagen -dennochdiirf en wir noch etwasganz
andres, scheinbar das Gegenteil behaupten. Denn, sehen wir
uns in unserer Gegenwart urn. Nietzsche sagteinmal: „Meine
Schriften sollen so schwer sein. Ich sollte meinen, daB alle
mich verstehen, die in der Not sind. Aber wo sind die, die in
der Not sind?" Ich glaube wir diirfen fragen: wo sind die,
die heute einsam sind? Auch dazu, zur Einsamkeit, kann erst
eine Idee und eine Gemeinschaft in der Idee sie fiihren. Ich
glaube es ist wahr, daB sogar nur ein Mensch, der die Idee
(gleichviel „welche") aufgenommen hat, einsam sein kann;
dieser muB glaube ich einsam sein. Ich glaube, daB nur in
der Gemeinschaft, und zwar in der innigsten Gemeinschaft
der Glaubigen ein Mensch wirklich einsam sein kann: in
86
einer Einsamkeit, in der sein Ich gegen die Idee sich erhebt,
um zu sich zu kommen. Kennen Sie Rilkes „Jeremia", dort
ist es wundervoll gesagt. Ich mochte Einsamkeit nicht die
Beziehung des idealen Menschen zu den Mitmenschen nen-
nen. Obwohl gewifi auch dies eine Einsamkeit sein kann —
(diese aber verlieren wir in der idealen Gemeinschaft). Son-
dern die tiefste Einsamkeit ist die des idealen Menschen in
der Beziehung zur Idee, die sein Menschliches vernichtet.
Und diese Einsamkeit, die tiefere, haben wir erst von einer
vollkommenen Gemeinschaft zu erwarten.
Aber wie wir auch uber Einsamkeit denken mogen - heute
gibt es weder die eine, noch die andere. Jene „andere" Ein-
samkeit, glaube ich werden nur die Grofiten je vollig errei-
chen.* Fiir die Einsamkeit unter Menschen, die heute nur so
ganz wenige kennen, sind die Bedingungen zu schaff en. Diese
Bedingungen sind „Empfindung der Idee" und „Empfindung
des Ich" und die eine ist unsrer Zeit so unbekannt, wie die
andere.
Ich muB das von der Einsamkeit zusammenf assen : indem
wir Einzelne uns von der Einsamkeit unter Menschen be-
freien wollen, vererben wir dieses unser Alleinsein den Vie-
len, die es noch nicht kannten. Und wir selbst lernen eine
neue Einsamkeit: die der ganz kleinen Gemeinschaft vor
ihrer Idee kennen.**
Im Grunde ist ja Ihre Frage und Ihr Einwand der ernste-
ste, der gegen den Anfang zu erheben ist — nicht nur gegen
den Anfang.2 Und schon bevor diese Zeitschrift erschien,
habe ich ihn oft bedacht. Mit diesem schreibe ich zum erst en
Male davon, also nur ganz unvollstandig und abgebrochen.
Man hat diesen Einwand abstrakter ausgesprochen und ge-
sagt (oder vielmehr gemeint): der Anfang nimmt der Jugend
* Ja, wenn sie — wie der Mystiker — ganz eins mit dem "Dber-
sinnlichen wurden, dann haben sie sie schon verloren, zu-
gleich mit dem Ich.
** Das klingt hochmutiger als es ist. Denn in Wirklichkeit
sind fast in jedem Menschen 2 Einsamkeiten und bleiben es.
87
ein selbstverstandliches Gefuhl der Unbefangenheit, nimmt
ihr Natiirliches - kurz das, was man vielleicht Unschuld nen-
nen darf. Dies ware wahr, wenn die Jugend jetzt Unschuld
hatte. Aber sie steht jenseits von Gut und Bose und dieser
Standort, der fur das Tier erlaubt ist, fiihrt den Menschen
immer zur Siinde. Dies mag die groBte Hemmung sein, die
die heutige Jugend zu iiberwinden hat: ihre Einschatzung
als — Tier, d. h. als das reuelos Unschuldige, Triebgute. Fur
die Menschen aber (wir erleben das taglich) erwachst aus
soldier unbewuBten Jugend eine trage Mannheit. Es ist
wahr, daB die Jugend die Unschuld verlieren muB (die tieri-
sche Unschuld), um schuldig zu werden. Die Erkenntnis, das
SelbstbewuBtsein einer Berufung, ist immer Schuld. Sie kann
nur durch die tatigste, heiBeste und blinde Pflichterfullung
gesiihnt werden. Ich glaube-, es ist nicht zu abstrakt gespro-
chen: alle Erkenntnis ist Schuld, wenigstens alle Erkenntnis
vom Gut en oder Bosen — so sagt auch die Bib el — aber alles
Handeln ist Unschuld:
Goethe sagt im Divan Verse, deren Tiefe ich immer hoch
nicht ermesse:
Denn das wahre Leben ist des Handelns ewge Unschuld,
die sich so erweiset, dafi sie niemand schadet als sich sel-
ber.3
Aber: der Unschuldige kann nicht gut handeln, und der
Schuldige muB es.
Bitte entschuldigen Sie wirklich, wenn ich Ihnen auf eine
einfache Frage eine Metaphysik antworte. Aber vielleicht
sehen Sie diese Gedanken eben so einfach und selbstverstand-
lich, wie sie mir erscheinen. Fur den Menschen muB auch die
Unschuld taglich neu und als eine andre erworben werden.
Wie auch seine Einsamkeiten immer einander aufgeben und
erlosen — um immer tiefer zu werden. Die Einsamkeit des
Tieres* wird erlost von der Geselligkeit des Menschen; der
Mensch, der in der Geselligkeit einsam ist, griindet die Ge-
* Dies ist eine dritte Einsamkeit, von der ich noch nicht
schrieb: ich nenne sie „physiologische". Von ihr sind Strind-
bergs Menschen gequalt.
88
sellschaft. Und nur wenige erst sind sogar mit ihrer Gemein-
schaft einsam?
Ich kann aber nicht schlieBen, ohne Ihnen noch einen ganz
anderen Gedanken zu sagen, den ich auf Ihre Frage nach der
formellen Sicherheit und allzu groBen Leichtigkeit einer
kommenden Jugend antworte. Ich bitte Sie, meinen Aufsatz 4
in der Juli-Nummer der „Freien Schulgemeinde" zu lesen
— ich will ihn beif tigen. Dort versuche ich zu erklaren, daB es
keine GewiBheit einer sittlichen Erziehung gibt, denn der
reine Wille, der das Gute urn des Guten willen tut, ist nicht
zu erfassen mit Mitteln des Erziehers.
Ich glaube, wir miissen immer darauf gefaBt sein, daB
kein einzelner Mensch in Gegenwart und Zukunft in seiner
Seele, da wo er frei ist, von unserm Willen beeinfluBt und
bezwungen wird. Wir haben dafiir keine Gewahr; wir diir-
f en es auch nicht wiinschen — denn das Gute geschieht nur
aus Freiheit. SchlieBlich ist jede guteTat nur das Symbol der
Freiheit dessen, der sie wirkte, Taten, Reden, Zeitschriften
andern keines Mensch en Willen, nur sein Verhalten, seine
Einsicht u. s. f . (Das ist aber im Sittlichen ganz gleichgiltig)
Der Anfang ist nur ein Symbol, alles was er dariiber hinaus
innerlich ivirksam ist, ist Gnade, Unbegreifliches, Sehr wohl
ware es denkbar (und sicher ist es so), daB allmahlich das, was
wir wollen, geschieht, ohne daB die seelische Jugend, die wir
wollten, in den einzelnen erschienen ware. So war es wohl
immer in der Geschichte: ihr sittlicher Fortschritt war nur
die freie Tat ganz weniger. Die Gemeinschaft der Vielen
wurde das iiber- und auBer-menschliche Symbol einer neu-
erfiillten Sittlichkeit. Wahrend die alte Sittlichkeit genau so
symbolische Form war, von wenigen Freien gebaut. Ware es
anders, so hatten niemals „neue" Sittlichkeiten entstehen
konnen, „neue" gibt es nur fur den Unsittlichen, triebhaften
Menschen. — Wahrend die seelischen Menschen ein ganz
Gleiches wollten, ewig es verandernd, damit die andern,
schlafend, ohne es zu wissen, sich in jene symbolische Ge-
meinschaft einfiigten. (Alles andere war ein Einzelakt der
Gnade im Einzelnen) Die Sittlichkeit der Gemeinschaft ist
etwas, das unabhangig von der Sittlichkeit ihrer Glieder,
89
trotz deren Unsittlichkeit, besteht. Also ist sie - vom Men-
schen aus gesehen - nur Symbol. Aber in denen, die den
symbolischen, unniitzlichen Wert der Gemeinscbaft fiihlen,
die eine Gemeinschaft griindeten, „als ob" der einzelne sitt-
lich ware — in diesen Schopfern der Geraeinschaften allein
wurde die sittliche Idee wirklich; sie waren frei. Was ein „als
ob" der Erkenntnis ist, ist ein Absolutes im Handeln. -
Nun bedenken Sie bitte, daB ich mit diesen Gedanken noch
lange nicht f ertig bin, daB sie mir nur notig erscheinen, um
unsre Idee von allem Utopischen zu befreien und noch gegen
das brutalste der Wirklichkeit Recht zu behalten.
Meinen Dialog5, obwohl er f ertig getypt ist, sende ich
Ihnen ein andres Mai, denn ich habe Sie mit Philosophic schon
unbillig uberschiittet, und wenn sie unverstandlich ist, so
schieben Sie es mir zu, nicht Ihnen.
Verleben Sie Ihre Ferien recht froh!
Ihr Walter Benjamin
1 William Stern (1871-1958), bekaxmter Psychology
2 Sie hatte gefragt, ob die neue Jugend nicht ein wenig zu fest und
sicher stehen wurde. „Uns wird das Alleinsein fehlen" (Brief von
C.S. vom 20. 7. 1913).
3 Der Deutsche dankt.
4 „Der Moralunterricht".
5 Uber Religion.
25 An Ernst Schoen
San Martino di Castrozza, 30. August 1913
Lieber Herr Schbn,
es gibt im „Orympischen Friihling" von Spitteler die wun-
derhiibsche Geschichte mit dem Gartchen „Warumdennnicht"
zu dem die StraBe „K6nntichm6chtich(t fiihrt; in diesen Gar-
ten kommt man nie.
Das ist die Mythologie, die ich zu unsrer sommerlichen
Korrespondenz geben mpchte und alles weitere bliebe einer
90
Metaphysik des Schweigens, Schreibens und der Faulheit
iiberlassen. Ich war sehr erstaunt, als ich heut vor allem
andern das Bild von Trafoi auf Ihrer Karte sah und gern
bescheinige ich seine Naturtreue, denn vor ungef ahr 2 Wochen
bin ich selbst in Trafoi angekommen und dort eine Woche
geblieben. Namlich: ich reise mit meiner Mutter und einer
Tante durch Siidtirol. Vermutlich geschieht dies, um einige
Ordnung in mein Leben zu bringen und eine halbjahrige
Periode der Untatigkeit Mai-September zu stabili[si]eren.
Immerhin ist weniges an dieser Untatigkeit freiwillig — ich
erfuhr viel „Schicksal".
Vor allem eine fast humoristisch wirkende Vereinsamung
in Freiburg, aus der ich mir schlieBlich einen guten Freund
und viele schlechte Wochen gewann. Dann die Kaiserfeiern
dieses Sommers, die ich in der Einsamkeit des Schweizer Jura
iiberstand. Zu Pfingsten floh ich nach Paris: Das war das
Schonste, vor allem Restaurants, Louvre und Boulevard.
Vielleicht haben Sie in der Zwischenzeit einmal den An-
fang zu Gesicht bekommen und da haben Sie denn gesehen,
daB „Ardor" eine Ordnung seiner Begeisterung und Denk-
gedanken sehr nbtig hat.
Da auch Sie in diesen Zeiten sich irgendwo mit irgendwas
herumzuschlagen haben — vermutlich? - so mogen Sie iiber-
zeugt sein, dafi Manches mitzuteilen ist, wenn Sie mich in
der Delbriickstr. 23 aufsuchen. Das moge bald geschehen,
am 12. spatestens bin ich zu Hause, Sollten Sie sonst keinen
Grund haben, so bringen Sie Imago1 zuriick.
Ihr Walter Benjamin
1 Von Spitteler.
91
26 An Carta Seligson
Berlin- Grunewald, den 15. September 1913
Liebe Freundin,
Sie werden mir dieses Wort erlauben, nicht wahr? Ich muB
Ihnen so schreiben nach den Worten, die Sie mir gestern und
friiher sandten und es ware unfein, wenn wir, die wir eine
neue Jugend sein wollen, anders zu einander sprachen, als wir
fiihlen.
Als ich heute friih Ihren Brief gelesen hatte, ging ich hin-
aus, dahin wo die Hauser aufhoren und die freien Bauplatze
mit Gittern abgegrenzt sind. Zum ersten Mai dachte ich ernst-
haft iiberdas nach, was Sie michfragten: Wie ist es moglich?
Denn vorher war meine Freude, Hueber zu verstehen, so
groB, daB ich an die Menge nicht dachte, die seine Stimnie
nicht vernimmt. Ich konnte lange nicht s denken, weil mich
auch ganz die Freude erfullte, den ersten Menschen zu fin-
den, der dieses Buch so begreift wie ich. - Noch keiner meiner
Freunde hat es gelesen. Aber dann fand ich schlieBlich die
einfache Antwort: wir, die wir Hueber verstehen, fiihlen erst
vor seinen Gedanken so ganz unsere Jugend — die andern,
die nichts fiihlen, sind nicht jung. Sie sind eben niemals jung
gewesen. Sie freuten sich erst an ihrer Jugend als sie vorbei
war in der Erinnerung. Das groBe Gliick ihrer Gegenwart,
das wir jetzt fiihlen und das ich mit Ihren Worten fiihlte,
kannten sie nicht. Alsoglaube ich wirklich, daB esdarinliegt,
daB es noch schlimmer steht, als Hueber denkt. Aber in jedem
einzigen Menschen, der irgend wo geboren wird und jung
sein wird, liegt - nicht die „Besserung", sondern schon die
Vollendung, das Ziel, von dem Hueber so messianisch emp-
findet, wie nahe es uns ist. Heute fiihlte ich die ungeheure
Wahrheit des Wortes Christi : Siehe das Reich Gottes ist nicht
hier und nicht dort, sondern in uns. Ich mochte mit Ihnen
Platos Gesprach iiber die Liebe lesen, wo das so schon gesagt
und tief gedacht ist, wie sonst wohl nirgends.
Ich dachte heute Vormittag weiter: jung sein heiBt nicht
so sehr dem Geist dienen, als ihnerwarten. Ihn in jedem Men-
92
schen und im fernsten Gedanken zu erblicken. Das ist das
wichtigste: wir diirfen uns nicht auf einen bestimmten Ge-
danken festlegen, auch der Gedanke der Jugendkultur soil
eben fiir uns nur die Erleuchtung sein, die noch den fernsten
Geist in den Lichtschein zieht. Aber fiir viele wird eben auch
Wyneken, auch der Sprechsaal, eine „Bewegung" sein, sie
werden sich festgelegt haben, und den Geist nicht mehr
sehen, wo er noch freier, abstrakter erscheint.
Dies standige vibrierende Gefiihl fiir die Abstraktheit des
reinen Geistes mochte ich Jugend nennen. Dann namlich
(wenn wir uns nicht zum bloBen Arbeiter einer Bewegung
machen) wenn wir uns den Blick frei halten, den Geist wo
immer zu schauen, werden wir die sein, die ihnverwirklichen.
Fast alle vergessen, daB sie selber der Ort sind, wo Geist sich
verwirklicht. Weil sie sich aber starr machten, zu Pfeilern
eines Gebaudes statt zu GefaBen, Schalen, die einen immer
reinern Inhalt empfangen und bergen konnen, darum ver-
zweifeln sie an der Verwirklichung, die wir in uns fiihlen.
Diese Seele ist das Ewig-Verwirklichende. Jeder Mensch, jede
Seele die geboren wird, kann die neue Wirklichkeit bringen.
Wir empfinden sie in uns und wir wollen sie auch aus uns
herausstellen. —
Neulich erkundigte ich mich beim Verlag * nach Huebers
Adresse, urn mich ihm fiir seine Sache anzubieten. Ich erfuhr,
daB alles traurig steht. So lesen Sie die „Wirkung des Auf-
rufes" nur nicht mit Anteilnahme, sondern mit Trotz!
Ich mochte von alledem mit Ihnen sprechen. Bitte sagen
Sie mir telefonisch oder schriftlich Bescheid, ob Sie mich
Donnerstag oder Sonnabend nachmittag besuchen konnen.
Wenn es Ihnen lieber ist, konnen wir auch einen Spazier-
gang machen.
Ich danke Ihnen — wofiir? Fiir Ihre Freude an dem Buche
und daB Sie mir schrieben, und ich griiBe Sie herzlich
Ihr Walter Benjamin
1 Johann Anibrosius Barth, Leipzig.
93
27 An Carla Seligson
Berlin- Grunewald, 25. September 1915
Liebe Freundin,
Sie brauchen nichts aus sich heraus zu stellen, anders als in
wesenhaften Taten. Und das haben Sie ja schon immer getan,
mehr als einer von uns. Denn wer von uns hatte den Willen
gehabt, den Sie hatten? - Wenn ich mit Worten fast zu viel
von unsern Gedanken spreche, so stelle ich im Grunde doch
nichts aus mir heraus, sondem ich sage das, wovon ich hoffe,
es spater einmal als Philosophie denken zu konnen; und also
stelle ich es eigentlich in mich hinein und baue mich daran
auf.
Aber glauben Sie nicht, ich hatte Sie nicht verstanden. Nur
sage ich: Sie haben in Ihrem Leben schon . unendlich viel
mehr getan, als einer von uns. Und wir abstrahieren nichts
von unserm Wesen, jeder von uns stellt das Geistige anders
in sein Leben hinein: Sie indem Sie studieren, ich mit Wor-
ten. Keinem von uns soil es leicht sein. Am wenigsten leicht
sollen die Worte sein.
Ich griiBe Sie mit einem unausgesprochnen GruBe!
Ihr Walter Benjamin
28 An Carla Seligson
17. November 1913
Liebe Carla - ich schreibe im Arbeitsraum der Kgl. Biblio-
thek, die „ernster Berufsarbeit dient" und habe ein paar
Biicher um mich aufgebaut. Eben ist mein Colleg abgesagt,
daher kann ich Ihnen sogleich schreiben. Gestern abend
fuhrte Heinle und mich der Weg bis zum Bahnhof Bellevue
zusammen. Wir sprachen von Nichtigem. Auf einmal sagte
94
er: „Ich hatte Ihnen wohl eigentlich sehr vieles zu sagen".
Darauf bat ich ihn, das gleich zu tun, weil es hohe Zeit sei.
Und da wirklich er mir etwas sagen wollte, so wollte ich es
hbren und ging zu ihm hinauf auf seine Bitte.
Zuerst qualten wir uns beide um das Geschehene herum
und suchten zu erklaren und so fort. Aber wir fiihlten sehr
schnell, worauf es ankam und sagten es audi: daB es uns bei-
den sehr schwer wurde, uns zu trennen. Aber ich sah eines,
was das Wichtigste dieses Gespraches war: er wuBte sehr
genau, was er getan hatte, oder vielmehr, es gab hier fur ihn
garkein „Wissen" mehr, er sah unsern Gegensatz wirklich
so streng und so notwendig, wie ich es von ihm erwartet hatte.
Er stellte sich mir gegeniiber im Namen der Liebe und ich
setzte ihm das Symbol entgegen. Sie werden die Einfachheit
und Fiille der Beziehung fur uns verstehen, die beides fur
uns hat. Es kam ein Augenblick, da wir beide gestanden, auf
Schicksal zu stoBen; wir sagten uns: jeder konnte an der
Stelle des andern stehen.
Mit diesem Gesprach, das ich Ihnen eigentlich in diesem
Briefe kaum sagen kann, haben wir beide die siiBeste Ver-
suchung bestanden. Er bestand die Versuchung der Feind-
schaft, und bot mir Freundschaft mindestens Briiderschaft
von neuem an. Ich bestand, indem ich zuriickwies, was ich
— Sie sehen es "- nicht annehmen durfte.
Manchmal dachte ich, daB wir, Heinle und ich, von alien
die wir kennen, uns am meisten verstehen. Das ist so nicht
richtig. Aber es ist dieses: trotzdem jeder der andere ist, muB
er aus Notwendigkeit bei seinem eignen Geist bleiben.
Noch einmal sah ich die Notwendigkeit der Idee, die mich
gegen Heinle stellt. Ich will die Erfiillung, die man nur er-
warten kann und er erfullen. Aber die Erfiillung ist etwas
zu Ruhiges und Gottliches, als daB sie anders, als aus bren-
nendem Winde folgen konnte. Gestern sagte ich zu Heinle:
jeder von uns ist glaubig, aber es kommt darauf an, wie man
an seinen Glauben glaubt. Ich denke (nicht sozialistisch, son-
dern in irgend einem andern Sinne) an die Menge der Ausge-
schlossenen und an den Geist, der mit den Schlafenden im
Bunde ist, nicht mit den Briidern. Heinle erziihlte mir ein
95
Wort Ihrer Schwester1 „Bniderschaft, fast wieder [sic] bes-
seres Wissen." Sie erinnern sich, dafi ich schon in meinem
Aktions-Vortrag sagte: „keine Freundschaft der Briider und
Genossen, sondern eine Freundschaft der fremden Freunde."
Ich sehe wahrend ich schreibe, daB sich das vielleicht doch
nur sagen laBt — aber Sie verstehen es auch hieraus.
Die Bewegungen gehen in innern Kampfen vor sich.
Gestern sahen Heinle und ich die Art der Jugendbewegung,
die solche Kampfe, wie zwischen uns, bereitet. Noch kenne
ich garkein Wort, das mein Verhaltnis zu Heinle befaBt,
aber inzwischen werde ich die reine Freude an dem reinen
Kampf haben. Ich weiB noch nicht viel von ihm, aber ich
werde ihn bedenken. Denn es bleibt das Ziel: Heinle aus der
Bewegung zu stoBen und dem Geist das iibrige zu uberlassen.
Sie waren gestern unverandert, als ich Ihnen dankte. Aber
in diesen Gedanken darf man auch fur die Wahrheit danken,
ja man muB nur fur sie danken.
Ihr Walter Benjamin
1 Rika (Erika) Seligson, mit der zusammen er nach Kriegsausbruch
aus dem Leben schied.
29 An Carta Seligson
[Berlin-Grunewald23. Nov. 1913]
Liebe Carla,
nun ist alles wieder ganz einfach. Sie wollen zuriicktreten. x
Die letzten Wochen hatten mich miide gemacht, endlich
hatte ich zur Bewegung zuriickgefunden, aber ich war er-
schopft, nachdem ich in der Versammlung am Dienstag
Abend so schrankenlos und wie besinnungslos, gewaltsam
der Sache und mir vertrauend gesprochen hatte. Es war ge-
lungen und ich war enttauscht, niedergedriickt. Dann war es
am Mittwoch, als ich mich ratios zeigte, wie wir von Ihrer
Schwester sprachen. Am nachsten Morgen las ich
„kein Gefiihl ist das fernste"
96
Am Nachmittag, als Sie mit mir sprachen, war das Wort
erfullt. Ich bin weiter gegangen; konnten Sie alles so einfach
nach den verwirrten Tagen sehen, wie ich durch Ihre Worte.
Das nahe und fernste Gefiihl laBt mich so sehen und ich
habe Ihnen, meine Freundin, noch niemals so frei geschrie-
ben wie heute.
Sie treten ja nicht Ihrer Mutter wegen zurtick, nicht wahr?
— Dem allein lieBe sich wohl auch sonst abhelfen. Sie haben
sich von sich selbst her entschlossen. Worte haben Sie wohl
mtide gemacht — und Sie fuhlen sich allein, wo es iiber die
Worte hinausgeht.
Die Worte rmissen wir alle tragen, dagegen hilft Arbeit,
glaube ich und das Schweigen der Freundschaft.
Aber Sie finden sich auch allein und begreifen nicht mehr
die Sicherheit der andern. Sie glauben widerstandslos, was
man Ihnen sagt. Darauf Ihnen zu antworten, schreibe ich.
Der Regen fallt nicht ihm, die Sonne scheint nicht ihr
du auch bist anderen geschaffen und nicht Dir
Angelus Silesius
Wir alle konnten nicht so f roh und ernst vorangehen, wenn
wir nicht wiifiten: Freunde sehen uns. Vielleicht sind sie zu
fremd und schwach um uns zu helfen, aber sie glauben an
uns. Vor diesem Glauben gibt es aber gar kein Zuriicktreten,
so lange er glaubt. Er gibt dem Freund die Weihen, wie
einem Priest er, der sich nicht selbst entheiligen kann. Und
so: ehe der Freund ihn nicht exkommuniziert, gehort der
Freund der Freundschaft.
Ich glaube an Sie ohne Anspruch.
Mogen Sie einen EntschluB fassen oder uns fern bleiben:
Ihre Jugend wird unbewegt von Wortqualen und Familien-
streit unter uns kampfen. Eines Tages werden Sie zu ihr
treten.
Sie griiBt Sie von Herzen!
[ohne Unterschrift]
l Von der Freien Studentenschaft oder dem „Sprechsaal der Jugend".
97
30 AnCarlaSeligson
26. Marx 1914
Liebe Carla,
zuvor: ich hbre, daB Sie nicht wohl sind. Ich wiinsche Ihnen,
daB Sie bald die Schmerzen los werden, vor allem daB Sie am
Sonnabend - nach dem Sprechsaal - mit uns nach Kohlhasen-
briick gehen konnen und diirfen. Des letzteren wegen ist mit
gleicher Post ein Brief an Ihre Mutter gerichtet, den sie in
Gnade aufnehmen moge. Meine Mutter findet ibn „un-
mbglich".
So vieles scheint Ihnen nicht zu gehen. Und doch - ist es
nicht einfach? Von Barbizon miissen Sie erwarten — und dies
ist das Einzige, das auch wir von ihm wiinschen — daB er
endlich einige Feier-, einige Siihnetage einlege, daB er von
sich aus die Schuld, die ihn durch die Vorgange im Sprechsaal
trifft (und sei er personlich lOmal schuldlos) anerkenne, also
siihne. Von diesem Augenblick an wird er im Sprechsaal
stehen, von da an werden wir alle uns mit gleicher Freiheit
zu ihm wenden wie Sie.1
Zu Guttmann aber — der auch dem nachsten Sprechsaal
wohl fernbleiben wird, wenn sich nicht nach Absendung der
„Erklarungen" Guttmanns und Heinles, die Freitag ge-
schieht, alles andert - mbgen Sie sich nicht wenden, so lange
er nicht so still und rein geworden ist, Ihr Vertrauen zu er-
werben. Zu der „Feigheit" von der Sie sprechen, haben Sie
die Pflicht. Scheu verwechseln Sie hier mit Feigheit. GewiB
wiirde ich die Ablehnung gegen Guttmann nicht sogleich
Scheu nennen, aber mit gutem Gewissen rechtf ertige ich Ihre
Ablehnung mit diesem Worte. Erst mbge Guttmann Ihr Ver-
trauen verdienen und bis dahin darf ich vielleicht ein geisti-
ges Medium zwischen Ihnen und ihm sein.
Mbgen Sie es meiner geplagten Zeit verzeihen, wenn auch
dieser Brief noch nicht ganz zu dem herabreichen sollte, was
Sie meinen. Aber darum bitte ich Sie : wenden Sie sich wieder
und wieder fordernd an mich. Bis zu einem solchen Grade
trage ich vor Ihnen und dem Sprechsaal die Verantwortung
98
fur Guttmann, das sagte ich Ihnen gestern. / Es ist spat ge-
worden, ich bin miide. Gute Nacht!
Walter Benjamin
PS Ich habe Sie keinen Augenblick fur „charakterlos" ge-
halten. Audi ich bin Guttmann und BarbizonKamerad. Hof-
fentlich macht Barbizon es mir moglich es ihm zu bleiben.
[Auf dem Umschlag] PS Mich qualt das Gefiihl, als ob
mein etwas angestrengter Kopf mich verhindert, Ihnen alles
auf die beste Art zu sagen; ich muB - vielleicht Sonnabend —
noch einmal wenige.Worte hiervon mit Ihnen sprechen.
1 Im berliner „Sprechsaal" war es zu schweren Zusammenstoflen zwi-
schen Georg Barbizon und einer Gruppe gekommen, deren Wort-
fukrer Heinle und Simon Guttmann waren. Dahinter standen Aus-
einandersetzungen iiber das Gesicht des „Anfang" und Versuche, die
Redaktion zu wechseln. W. B., der gerade zum Prasidenten der Freien
Studentenschaft gewahlt worden war, suchte zu vermitteln, obwohl er
innerlich auf Seiten Heinles und Guttmanns stand. Es wurden viele
Protokolle und andere Schriftstiicke verfaJBt, und die Erregung war
monatelang sehr groB. Eine eingehende Erklarung Barbizons „An den
Kameraden Walter Benjamin" vora 12. 3. 1914 sowie eine „Darstel-
lung" Barbizons der Vorgiinge vom Februar bis zum April 1914 haben
sich abschriftlich erhalten. Es kam zu einer Spaltung im „Sprechsaal",
auf die mehrere der folgenden Brief e Bezug nehmen.
31 An Herbert Belmore
6. Mai abends [1914] Grunewald
Lieber Herbert es scheint leichter, aus London nach Berlin
zu schreiben, als aus Berlin nach London.1 Wenigstens habe
ich das letzte schon einmal ohne Erf olg versucht. Hier in Berlin
kann man seine Tage namlich nicht iibersehen, und wieder-
um: wo lite man aus ihrem Zentrum heraus schreiben, so lau-
tete alles uberschwanglich. Aber wiewohl Berlin einge-
schrankt ist durch Deine Abreise nach London, so bleibt es
Berlin und es bleibt nichts als aus der Fiille zu schreiben.
Da ist nun von dem Eroffnungsabend der Fr[eien] St[uden-
tenschaft] zu sagen, der vorgestern war, der viel weniger
99
Studenten als Freunde von uns im Vortragssaal fand, der
aber — indem er zwar fast auBerhalb der Studentenschaft
stand - doch eigenartig schon war, indem unerwartet an
einem fremden Orte die Freunde sich wieder zusammenfin-
den, die ausgezogen sind, urn neue zu werben. Immerhin hat
mein Vortrag, wie ich nun weiB, nicbt wenige, die uns bis-
her nicht kannten, bewegt.2 Diskussion war freigestellt wor-
den, zwar mit der Bemerkung, daB wir gern auf sie verzich-
teten und so meldete sich denn auch niemand. Natiirlich
waren einige, an denen alles voriiberging. Spater einmal
wirst Du den Vortrag lesen. Dora brachte mir Rosen, weil
meine Freundin nicht in Berlin sei. Nun ist es wahr: noch
niemals haben mich Blumen so begliickt, wie diese, die Dora3
gleichsam von Grete4 brachte. Wenn ich denke, daB ich Dir
nur ein fluchtiges Wort von Dora und Max sagen konnte, ehe
Du abreistest und daB ich sie damals erst einmal gesehen
habe! Ich weiB auch jetzt nicht, was ich hinzufiigen sollte,
nachdem ich Donnerstag bei ihnen zu Abend gewesen bin,
sprach, Max Gedichte las und Klavier spielte, wir Bilder uns
ansahen und Dora mit mir von Franz sprach, nachdem wir
spater nachts am Montag ein Gesprach hatten. Am Tisch
saBen noch andere. Dora hatte den schonen Gegenstand
„Hilfe" fur den Sprechsaal vorgeschlagen, und Franz machte
sie angstlich mit recht angstlichen und kleinlichen Einwan-
den. Bis wir so sehr das reine Wesen des Helfens erkannten,
daB wir sahen: wir konnen, und mit jedem, von Hilfe spre-
chen. Auch nach so tiefem Gesprach oder herzlichem Zusam-
mensein kann ich Dir von beiden nicht mehr sagen, als
damals oder noch das Eine, was ich an Grete schrieb: daB mir
wenige Menschen voh gleicher Giite und dennoch: gleich
sicherem und reinem Blick fur Reinheit oder Getrubtheit
menschlicher Taten und des Taters erschienen. Solche Er-
kenntnis entwickelt sich jetzt an Franz, wie Du wohl weiBt.
Noch am Abend Deiner Abreise sprachen beide mit mir im
Gehen und sagten mir vieles, von dem ich nichts wuBte.
Vielleicht hat Dir Franz dann von dem Gesprach geschrieben,
das ich in Folge dessen am Mittwoch mit ihm fuhrte. An
seiner Beziehung zu Genia5 halt er innig-trotzig fest. So
100
sagte ich: tu, was Du willst und fur Recht hal[t]st. Wenn
Du aber keinen Rat annimmst (sondern er kokettiert nur
standig mit denen, die ihm raten — und dieses Wort ist nicht
zu hart) so handle endlich selbstverantwortlich. Sprich mit
keinem Menschen von Deiner Beziehung zu Genia. Er ver-
sprach es. An jenem Abend und bevor ich so sagte, las er mir
das Scriptum iiber den Beruf z. T. vor. Wer leugnet, daB es
Gedanken enthalt? Ich weiB aber nicht, welche Ehre Du ihm
damit antun willst, daB Du es judisch nennst. Nein — und
das zeigte ich Franz — es ist ganz ohne Mut, ohne letzte Ent-
schlossenheit zu seinem Gegenstande gedacht, mit Begriffen
aus einem ganz fremden Zusammenhang, dem „Tagebuch" 6,
zudem ist der Stil unnotwendig, wie mir scheint, und viel
Verwirrung statt Tiefe. Er revozierte es, dennoch bin ich
nicht ganz sicher, ob er nicht noch daran schreibt. Nein, Her-
bert, ich bin keineswegs ganz sicher an Franz. Ich habe ihn
stets gegen Dora verteidigt. Aber noch in diesen Tagen nach
meinem letzten Gesprach mit ihm, das ich in jeder Hinsicht
zum ersten und letzten iiber ihn und Genia mit ihm machen
wollte, horte ich Worte, die seine seltsame Zweideutigkeit
enthalten, erfuhr ich durch Zufall, daB er sich mit Leni
Wieruszowski verabredet, wahrend er den Sprechsaal meidet
und sich von allem „zuriickziehen" wollte. Du weiBt, daB
Dora sein innerstes Wesen starker in Zweifel zieht, als wir
bisher, die wir es im Gegenteil behaupten. Aber wird er noch
jetzt spielen, weniger meine ich mich obwohl ich entschei-
dend mit ihm sprach - als Dora, die ihm die edelste Hilfe
leisten will, die er erwarten konnte, an die er dennoch einen
nicht eben geistvollen Brief zum Danke richtete — wird er
hier noch spielen und sich diese Situation zur Bequemlichkeit
zurechtlegen, Problematik noch weiter treiben und Unent-
schlossenheit — so weiB ich zwar, daB es Menschen geben
wird, die audi hier ihm noch helfen, ihn erziehend und
vielleicht bist Du sein Erzieher — ich aber werde an der
Grenze ' meines Konnens und das heiBt hier auch meines
Willens stehen. Das ist eine letzte Bereitschaft, die ich bisher
allerdings noch nie hatte. Ob sie notwendig ist, wirst Du
nach einer Zeit erfahren.
101
Freitag beginnen die Fiihrungen der Kunst Abt. [Simon]
Guttmann leitet sie und wir besuchen zuerst die Bilder
Schmidt- Rotluffs bei Gurlitt, iiber die wir sprechen. Gutt-
mann sagte mir neulich: heute vormittag bekam ich einen
Brief von Herbert B., der mi ch - weit mehr als erfreut hat.
Und Heinle sagte mir einmal etwas Ahnliches. Sonnabend
war ein Sprechsaal. Uber Haltung. Vielleicht schrieb Dir
Dora davon, er war unvollkommen wie alle, aber nicht
gedriickt.
Kaum denke ich, wie lange Du schon fort bist. Ich hatte
vieles zu erzahlen: dafi ich [Martin] Buber in einer kostbar
orientalisch eingerichteten Stube besuchte - einmal wird er
dabei sein, wenn man in der Freistudentenschaft iiber einen
Dialog des „Daniel" spricht. Ich muB ihn jetzt lesen, schreibe
mir, wenn Du ihn hier hast7, so daB ich ihn entleihen kann.
DaB die Kollegien unerquicklich sind, und man nur gotisch
lernt, das „Jahr der Seele" aber schon und schoner, Gutt-
mann mit einigen Spinoza lesen will, als endlich sicherste
Grundlegung des Verstandnisses unter einander, und - daB
ich Grete ein Stilleben schicken will, iiber das ich schon eine
Woche griible: 1 Carton Cigaretten Cordon rouge, ganz
lange, herrliche, die ich neulich in einer Gesellschaft ent-
deckte, 1 japanischen Farbenholzschnitt, deren es bei Keller
und Reiner gute fur 2 Mark gibt, wenn man sie auch mit
Hokusai nicht verwechseln kann, Vbgel und Graser, und ein:
Buch, Buch, entziickend, schon, gut, leicht und klein, exotisch
und vertraut, illustriert und farbig, teuer und billig. Ein
Buch, das so ahnlich ist - sicher gibt es nur eines: ein Ideal -
Buch: Bitte sage es mir, wenn Du eins kennst. Es wird Dir
eines einf alien, wenn ich Dir sage, daB dieses Papier, auf
dem ich Dir nun Adieu sage, Dir eine gute Stellung und
mir einen Brief von Dir wunsche - eines Tages aus Mtinchen
kam.
Dein Walter
1 Belmore war seit April 1914 in England. Er war englischer Burger.
2 Es war W. B.s Antrittsrede als Prasad en t der Freien Studentenschaft
in Berlin, von der ein Teil in „Das Leben der Studenten" gedruckt ist.
3 Dora Pollak, geh. Kellner, W. B.s spat ere Frau. Sie war damals mit
102
Max Pollak (gest 1960) verheiratet und nahm lebhaften Anteil am
„Sprechsaal".
4 Grete Radt, mit der W. B. damals verlobt war.
5 Der Schwagerin von Herbert Belmore. Sie war eine Russin aus
St. Petersburg.
6 Ein Teil von W. B.s „Metaphysik der Jugend", die in Abschriften
unter s ein en Freunden kursierte. Scholems Abschrift ist erhalten.
7 Bubers „Daniel, Gesprache von der Verwirklichung" war 1913 er-
schienen. Am 23. Juni 1914 fand eine Auseinandersetzung iiber das
Buch zwischen Buber und W. B. in der Freien Studentenschaft statt.
32 An Herbert Belmore
15.4. [muBheifien: 5.] 14
Grunewald
Lieber Herbert Du hattest mich eben in einer Bemiihung ge-
sehen, wie Du all die Jahre, die wir uns kennen bei mir noch
nicht bemerktest. Ich safi am Klavier, noch dazu ohne Noten,
die ich immer noch nicht lesen kann, und spielte mir hinrei-
fiende Terzen und Oktaven vor. Das Schonste namlich, was
mir der Sommer hier bringen konnte, wird Ereignis: Max
und Dora werden mit mir den Halm1 durchnehmen. Zwi-
schen den Stunden will ich mit meiner Schwester wiederholen,
naturlich wird es erstaunlich langsam gehen. Aber vielleicht
wird der kleinste Anfang der Grund sein, auf dem ich spater
selbststandiger vorwarts komme. Mittwoch begannen wir, es
war ein Abend, an dem auch Simon Guttmann bei ihnen war,
der Dora wundervolle rot-schwarze glanzende Tulpen mit-
brachte. WeiBt Du, daB ich das Vermogen, auf Blumen zu
achten und mich iiber sie zu freuen, erst in diesem Jahre und
plotzlich bei hundert Gelegenheiten zugleich entdeckte. Ge-
stern zum Bei spiel besuchte mich Lisa2 und brachte mir Mai-
glockchen mit. Von neulich abend nun, wie erst Max und
Guttmann eine Stunde im Schreibzimmer waren, und ich
mit Dora in ihrem Zimmer von Sprechsaal, von Dr. Wyneken
objektivem Geist und Religion sprach, wird Dir Dora ge-
schrieben haben, wie es jetzt uberhaupt fur mich die einzige
Sicherheit ist, daB Dora Dir von den Dingen hier schrieb.
103
Hatte ich diese GewiBheit nicht, sondern miiBte denken, daB
vielleiclit Franz und Hertha Levin die einzigen waren, die
schrieben, ich miiBte fortwahrend am Schreibtisch sitzen, so
wiirde ich glauben, und Dir sagen, daB alles klarer einfacher
ruhiger zugeht als Du vermuten muBt. Wenigstens zugehen
konnte. Und selbst Dora finde ich nicht immer so ruhig wie
ich mochte. Sie hat manche Nachte lang wenig geschlafen.
Aber sie fiihlt immer von Neuem das Richtige und Einfache
im Grunde und daher weiB ich, daB wir ubereinstimmen, so
selten zu schreiben ich auch Zeit habe (Briefe zwischen Grete
und mir kreuzten sich, in denen wir uns von Dir griiBten)
So wirst Du nun auch von Barbizons letztem Schreiben wis-
sen, das Du in einer Woche, wenn es mir entbehrlich wird,
zum TJberdruB noch erhalten und lesen wirst. In dem gibt er
erst eine „Darstellung", die am 20ten April geschrieben ist
und danach, als er noch einmal alles Beweismaterial aufge-
hauft hat, laBt er im „SchluBwort" vom 12. Mai veranlaBt
durch Dr. Wynekens Brief, den Verdacht „aus Mangel an
Beweisen" fallen, ist zu jeder neuen Arbeit mit jedem, der
sich auf den Boden von Dr. Wynekens Brief stellt, bereit.3
Vorher, im Absatz vor dem SchluBwort, beteuert er, keinen
Groll gegen mich zu hegen, meine Absichten seien eben nur
auf eine Dimension eingestellt gewesen, das habe er jetzt
verstanden: „namlich viertdimensionalst". Immer ist ihm die
Journalistik noch dazu gut, Gefiihl und Gedanken zu ver-
meiden. Gestern kam nun eine, ohne Unterschrift abgefaBte
Einladung zum Sprechsaal, die mit oden und frechen Wor-
ten wieder einmal „Reinheit der sinnlichen und geistigen
Instinkte" fordert, erwartet, daB jeder im Sprechsaal gewillt
sei, sein Bestes ans Licht zu stellen, mit dem schonen Satze
zur Unterschrift "Wer Sonnabend da ist, bekundet, daB er
sich das zu eigen gemacht hat." Herbert, es widerstrebt mir
sehr, Dir von all dem zu schreiben, weil es ein solcher Wust
von Verwirrung ist und Du doch die GewiBheit und das Ge-
fiihl der Einzelnen, die sich frei gemacht haben, nicht ver-
mittelt erhal[t]st, wenigstens nicht in diesen Worten. Von
Franz zwar ist wieder zu sagen, daB er Kopf und Herz ver-
loren hat. Heute abend spreche ich ihn im Beirat. Ich werde
104
ihn fragen, ob er in den „gemeinsamen" Sprechsaal geht,
bejaht er es, wie ich vermute — nach einem neulich fliichtigen
Gesprach mit mir, als er das Schreiben schon vor mir kannte,
so erinnere ich ihn an das Versprechen, das er mir nach dem
Sprechsaal in meiner Wohnung vor dem Fest bei Heine4 gab.
Ich verlange, ohne mit ihm zu diskutieren, daB er Dir und
mir folgt und nicht geht. Wenn nicht — nun, Dora und ich
halten sich jetzt fern von ihm, denn zu uns zu kommen, muB
er endlich freiwillig sich entschlieBen. So selten er die letzten
Male (wohl 3mal in 5 Wochen) mit mir zusammen war, ge-
schah es wohl auf mein Bitten. Dora meint, er ziehe sich von
mir zuriick, weil es ihn belastet, daB Genia erzurnt auf mich
ist - natiirlich ohne Grund — und erregt von mir spricht, ohne
daB er mich energisch genug verteidigt. Gleichviel: er muB
einmal zu. einer Tat kommen, deren Motive er aus sich
schopft, statt daB einer sie ihm in die Seele hinein diskutiere.
Hast Du jemals an eine Moglichkeit gedacht? Franz durch
Lisa zu erziehen? Fast erschien sie mir gestern als so stark
und fahig, daB sie es konnte. Trotzdem alles sie verwirrt
hatte und sie weniges verstand, sagte sie mir: daB sie nicht
zum Sprechsaal Sonnabend gegangen ware, auch hatte sie
mich nicht gesprochen, denn sie fiihlte, daB zu jenem Sprech-
saal zu gehen auch einem Zweifelnden (in Wahrheit nur die-
sem) moglich sei, daB er nicht wie wir EntschluB und Ver-
trauen verlangt. Und ich war froh ihr sagen zu konnen:
Bezwingen Sie sich, Lisa, nicht mehr hieriiber nachzudenken.
Hierin darf man nicht nachdenken, um zu Ergebnissen zu
kommen, die muB man wissen, und Denken ist nur erlaubt
zum Zwecke, andere vom Denken abzuhalten, sie darauf zu
weisen: daB diese ganze Frage nur deshalb schwer scheint
und unsicher, weil sie an die Voraussetzungen riihrt, die Vor-
aussetzungen zu wissen aber nur Sache der BewuBten sei, der
andern Sache aber: das Vertrauen und die Willenskraft, nicht
selbst zu denken, (denn Voraussetzungen sind nicht erschlieB-
bar und den UnbewuBten unbewuBt), sondern zu folgen oder
— wenn sie nicht so weit vertrauen - abseits zu stehen, wie
Molkentin, aber nicht zu richten. Und hier wollen gerade
immer die Unsichern richten, vermitteln. [Fritz] StrauB,
105
Franz. Oder endlich : sich zur BewuBtheit durchringen. Dies
ist eine geringste, mindeste Qualitat des Fiihrers. Nicht alle
werden es. Hatte es einen unter uns gegeben, der niemals
nachgedacht hatte, der ware am sichtbarsten.5 Danach nun
konnte ich mit ihr Gedichte von Holderlin lesen und sie ging
so ruhig, wie sie unruhig gekommen war. Schon 2 Tage vor-
her hatte sie versucht, Franz dazu zu bringen, nicht am Sonn-
abend in den Sprechsaal zu gehen. Aber Franz hatte undeut-
lich geantwortet. — Von uns werden vielleicht nur Guttmann
und Cohrs6, der von Gottingen auf ein paar Tage zu Heinle
heriiber gekommen ist, zum Sprechsaal Sonnabend gehen.
Guttmann wird ein paar abschlieBende Worte sprechen:
uns ere Kraft reicht nicht hin, die hartnackige Verwirrung
dieser Leute zu klaren, wird auch das sagen, was ich gestern
Lisa sagte, und dann gehen. Aber es ist noch nicht gewiB:
vielleicht spricht auch ein andrer. DaB wir alle wieder hin-
gehen, hat keinen Sinn mehr. Denke Dir, daB es Lisas Ge-
danke war, Guttmann musse sprechen!
Heute werde ich mir aus Deiner Bibliothek den Daniel
holen und hoffe auch das Stundenbuch zu finden, sonst ware
es gut, Du schicktest es mir. Vorher werde ich im Graphischen
Kabinett sein. Dort kaufte ich neulich fur 1 M eine sehr
scheme Reproduktion einer Rodinschen Tuschzeichnung. Wie
ich iiberhaupt bei den Bemuhungen, das Stilleben fur Grete
zusammenzusetzen sehr auf die Graphik komme. Ich setze:
ich miiBte Gliick haben und etwas sehr Schbnes finden. Der
Rodin ist zwar herrlich, aber paBt nicht zu Buch und Ziga-
retten. Als ich iiber dies Buch nachdachte, hatte ich bei aller
Wahl so einen leisen, iiberlegenen, mitschwingenden Buch-
gedanken: — aber, einmal gedachte ich nicht ein so teures
Buch zu kaufen, und es war mir auch fast zu naheliegend. Da
kam die Karte — darauf stand es. Nun gibt es keine Wahl
mehr als zwischen den 2 Ausgaben bei Muller und Bardt.7
Ich kenne jetzt beide und wahle ohne Zogern die von Miil-
ler, ein Faksimiledruck der deutschen Erstausgabe, viel ge-
haltvoller als die grbBere, breitere Ausgabe bei Bardt, die
weit abstehende Zeilen und ganz weiBes Papier hat. Die
Ubersetzung ist bei beiden die der Erstausgabe. Nun brauche
106
ich also noch ein Blatt, das zu der Ausgabe von Miiller paBt.
Heute nachmittag will ich Reproduktionen alter Handzeich-
nungen ansehen.
Ich bin jetzt umgezogen in das Zimmer, das Balkon hat
und neben meinem friihern liegt. Es ist wohnlicher, hat einen
guten Schreibtisch, iiber dem nur leider ein langer Spiegel
hangt, so daB man beim Schreiben nicht aufsehen kann. Man
kann ihn verhangen lassen oder wegschaffen, aber vorlaufig
arbeite ich nicht daran, denn dazu fehlt jede Zeit mir. Zeit-
schriftenaufsatze, kleine Novellen, ein Band George, ein Bal-
zac, Lektiire von Fichtes „Deduzierter Plan einer in Berlin
zu errichtenden hohern Lehranstalt", seine mutige Denk-
schrift zurGriindung der Berliner Universitat. Dies ist meine
Lektiire in grofien Abstanden, scheinbar viel - doch wenig.
Ich lese sie, weil ich vielleicht einiges daraus vorlesen will,
wenn ich heute im Beirat8 angegriffen werde. Es ist sehr
verwandt mit einzelnen Gedanken aus meiner Pvede. Die Du
iibrigens wohl erst in Wochen erhalten wirst, wenn irgend
eine Moglichkeit zur lesbaren Abschrift sich geboten hat.
Vielleicht wird dieser Beirat heute sehr stiirmisch und inter -
essant, bald wirst Du durch Dora davon Nachricht erhalten,
denn sie und Max kommen auch.
In Weimar9 werde ich meine Rede nicht als Festrede, son-
dern wahrend der Tagung halten, weil man sie diskutieren
will. Auch dazu ist Fichte gut und Nietzsche wird gut sein:
von der Zukunft unsrer Bildungsanstalten. Endlich werde ich
im Juni in Munchen sein. 10 Gestern schrieb ich Grete : meine-
Beziehung zu ihr ist das einzig Schopferische in dieser un-
glaublich zerrissenen Arbeitszeit, sie ist der einzige Mensch,
der mich augenblicklich in der Totalitat sieht und erfaBt.
Hatte ich nicht dieses BewuBtsein — ich kbnnte das Zerflat-
ternde dieser Tage, das keiner ernsten Tatigkeit Dauer ge-
stattet, keine menschliche Beziehung ganz frei von Zwang
der Besprechungen und Schlichtungen lafit, kaum ertragen.
Erst gestern abend als Cohrs, Suse Behrend11, Heinle ich
und dann auch Guttmann zusammen im Cafe waren, wurde
mir dies deutlich. So bleibt das Schonste: mit Max und Dora
den Halm zu arbeiten. Und einen Brief von Dir zu erhalten
107
aus einem Dasein, das unser noch unruhiges hundertfach
durch Entriicktheit und Gegenwart iiberwiegt. Von Willi
[Wolfradt] nichts zu horen - als durch Grete, mit der er ofter
spricht.
Ich habe den Auftrag, Dich mit samtlichen GriiBen, die
Du in Berlin so mafilos austeilst, zu iiberschiitten.
Dein Walter.
1 Vgl. zu dem Brief vom 17. Juli 1915.
2 Lisa Bergmann, spater die Frau von Max Pollack,
3 Diese Darstellung ist erhalten.
* Der sozialdemokratische Reich stags abgeor duet e Wolfgang Heine,
der die Freideutsche Jugendbewegung und die Freie Studentenschaft
unterstiitzte.
5 Der Begriff des Fuhrertums in der neuen Jugend spielte in der
Freideutschen Jugend, und besonders in dem Kreis um Wyneken, eine
groJ3e Rolle.
6 Ferdinand Cohrs, damals Theologiestudent.
7 Wohl einer der Bande von Sterne in den Buchern der Abtei Thelem
bei Georg Miiller, Yoricks empfindsame Reise, Munch en 1910. Die
Ausgabe bei J. Bard in Berlin 1910. Vgl. Brief vom 23. 12. 1917.
8 Beirat der Freien Studentenschaft.
9 Aus der Tagung der Freien Studentenschaften, im Juni 1914, an der
W. B. als President der Berliner Freien Studentenschaft teilnahm;
siehe im nachsten Brief, sowie vom 22. Juni.
10 Grete Radt studierte damals in Miinchen.
11 Starb 1918 an der Grippe. Enge Freundin von Wolf Heinle.
33 An Ernst Schoen
25. Mai 1914 Joachimsthalerstr. 14
Lieber Herr Schoen,
ich danke Ihnen herzlicli f iir Ihren Brief und dem, was Sie
uber die Freistudenten sagen, mochte ich erwidern. Es han-
delt sich namlich im Augenblick nicht darum, die unkulti-
vierte Masse zu kultivieren, vielmehr: den Platz, wo sonst
das Schlimmste stattfindet, rein zu behaupten. Vortrage fm-
den statt vor wenigen Leuten, von denen wenige Studenten
108
sind. Diese Studenten aber kommen wieder, horen von Mai
zu Mai aufmerksam zu, drauBen im Lande schweigt man
doch mit einem gewissen Respekt. Diesen Respekt und jenen
bescheidneren Ton der Vortrage, eine gesittete Art von Ver-
sammlungen zu schaffen, ist das, was wesentlich getan wer-
den kann. Es soil zur Folge haben, daB Gemeinheit und
schlechte Erziehung sich kiinftig in der Gemeinschaft von
Freistudenten weniger wohl fiihlen. DaB sie diesen Kreis
meiden miissen, als einen ungewissen, schwerzu iiberschauen-
denOrt seltsam ernsterBestrebungen. Schon jetzt ist sichtbar,
daB dies erfiillt werden kann. Niemals habe ich einen so
ruhigen Beirat erlebt als den letzten und trotzdem gab es
prinzipielle Diskussionen in einigem Umfang. Wie nun die
schopferische Erfiillung, zu der allererst die Moglichkeit ge-
geben wird, dieses Ortes geschehen kann, ist lediglich eine
Frage der Produktiven, die in seinen Kreis geraten. Bis jetzt
gibt es zwar Horende, aber noch wenig Lehrende. Wenn es
unbedingt geschehen muB, bleibt mir nichts, als auch im
nachsten Semester mich wieder aufstellen zu lassen, urn dann
einen Nachfolger zu finden (aus dem Kreise der Abiturienten
unter befreundeten Schiilern) der den Produktiven in der
f reien Studentenschaft eine bereitwillige Gef olgschaft schafft.
Eben um mehr kann es sich nicht handeln, als einen Kreis zu
schaffen, der dem Fiihrenden seinen Charakter zugesteht,
vom Produktiven seine Geistigkeit empfangt ihm folgend.
Dies kann von den geringsten stillsten Anfangen her ge-
schehen, ist ein Vorhang, zudem von sehr behiiteter Unsicht-
barkeit gegen Befeindung (wenn nicht die grobste) geschiitzt;
und so geschieht es. Es wird jetzt in Berlin das Gleiche —
namlich eine Erziehungsgemeinschaf t - begonnen, was Heinle
und mir in Freiburg fur einige, und nicht zum wenigsten
uns, zu schaffen gelang. Mit alldem nun kommt man auf
den Begriff der Akademie heraus, der — mir scheint - heute
nur so fruchtbar gemacht wird. Langsam wird es gelingen,
Produktive heran zu ziehen und die Leitung wird sich dann
auf die Ordnung beschranken diirfen, statt wie jetzt, noch
dynamisch tatig sein zu miissen. Ihr Freund unterstiitzt mich
auBerordentlich schon durch seine bloBe Anwesenheit bei
109
Vortragen u. dgl. Das Presidium muB eine starke Sichtbar-
keit und sozusagen Allgegenwart haben.
Auf dem Weimarer Freistudententage werde ich eine
Rede iiber „die neue Hochschule" halten: eine von einer
neuen Mittelschule aus geforderte Utopie der Hochschule
wird gegeben - so kann man das faBlich machen. In Wahr-
heit handelt es sich allerdings urn die Begriindung einer
neuen Hochschule aus sich selbst, dem Geiste. Die Diskussion
in einem verstandnislosen und unvorbereiteten Kreise wird
in Weimar chaotisch werden, feig, getriibt, wie alles, was
heute von Bestrebungen an die furchterliche Offentlichkeit
gerat. Im innern lag kein Grund vor, das Unerhorte von den
Leuten der „Freideutschen Jugend" zu erwarten, aber daB es
so schmahlich mit ihr zuging ist doch schlimm. Sie wissen,
daB sie sich offiziell von Wyneken trennte (zu schweigen vom
Anfang und den Sprechsalen). Wyneken wird jetzt endlich
- im Oktober so viel ich weiB - in Triberg seine Schule er-
dffnen. Die Jahre der erzieherischen Untatigkeit haben ihm
auBerordentlich geschadet. Ich erfuhr es daran, wie wenig er
den anspannenden Formen die die Bewegung in Berlin an-
nimmt, ihrer sicherlich starksten, kiihnsten und gefahrlich-
sten Kraftanspannung, die sie hier gewinnt, gewachsen ist.
Die Konstituierung, besser Ermoglichung, einer nur noch
innerlich und intensiv, nicht im geringsten mehr politisch
begnindeten Jugendgemeinschaft erfiillt nun schon iiber
V4 Jahr alle hier mit den starksten Spannungen. Bei alledem
und gerade darum glaube ich, daB hier das Ernsthafteste,
vielleicht das einzig emsthafte getan wird. Ich mochte Sie
bitten, „Schule und Jugendkultura zu lesen oder noch einmal
zu lesen, falls Sie es schon taten. Und bedenken Sie bitte: ob
nicht in dem „objektiven Geist" sich anderes noch verbirgt,
als eine Schiefheit der Begriindung, Ich wenigstens, und
Freunde mit mir, kommen immer starker von jenem Bilde
der Erziehung, das Wyneken dort gibt, ab. Mir wird klar: er
war - und ist vielleicht noch — ein groBer Erzieher und in
unserer Zeit ein sehr groBer. Seine Theorie bleibt weit hinter
seiner Schauung zuriick.
Ich danke Ihnen fur die Rucksendung des Buches.1 Ich
110
habe jetzt die gliickliche Gelegenheit, es mit einem befreun-
deten Ehepaar durcharbeiten zu konnen, zu welchem Zwecke
ich Noten und alles andere lerne, auBer klavierspielen, da ich
dazu noch nicht die Zeit finde. Ebenso danke ich Ihnen sehr
fiir die Moglichkeit mein Manuscript2 allgemeiner zugang-
lich zu machen, die Sie mir geben. Herr Cohn 3 hat es bereits
weiter gegeben. Das Drucken hat seine groBen Schwierig-
keiten, ich weiB kaum einen geeigneten Ort, bin ungewiB ob
Robert Musil es fiir die Wiene[r] Rundschau annimmt.
Das Semester ist unbefriedigend wie je, ich aber biiBe auf
entlegnern Gebieten ab als Sie: bei Stefan George, auch so
weit es gelingt bei Balzac, den man allerdings verschlingen
miiBte, wahrend ich zu sehr stiickweisem Lesen genotigt bin.
Martin Buber hat ein unangenehmes, weil undurchdachtes
Buch mit Namen: „Danielu geschrieben.
Werden Sie Pfmgsten verreisen? Ich mache eine Wande-
rung und fahre von Weimar aus noch eine Woche nach
Miinchen.
Mit den herzlichsten GruBen Ihr Walter Benjamin
1 Von A. Halm.
2 Es handelt sich wohl urn die „Metaphysik der Jugend".
3 Alfred Cohn (gest. 1954), der spatere Gatte von Grete Radt; ein
Schulkamerad von W. B.
34 An Ernst Schoen
Berlin, 22. Juni 1914
Lieber Herr Schoen,
ich habe Ihnen fiir Ihren Brief, den ich als ersten und will-
kommendsten in Weimar erhielt, noch nicht gedankt. Das
geschehe hiermit. Sie werden durch Nachrichten IhresFreun-
des in etwas wissen, wie sehr jedes bereite Wort in diesen
Tagen erfreuen muBte. Seit Jahren hat mich nichts so an-
gegrifTen, wie die kompakte Boswilligkeit dieser Versamm-
lung. Es fehlte an intelligenten Leuten nicht, die aus Berlin
111
zugereist waren. Die Inhaber der Stimmen aber waren zum
grbBten Teile von der Art, der man sonst aus dem Wege
geht. Hier suchte man sie auf. Ich beging die Torheit, diesen
Leuten eine Rede iiber die neue Hochschule zu halten, in der
ein gewisser Anstand, eine gewisse geistige Einstellung vor- l
ausgesetzt (anstatt bis zur Bewufitlosigkeit betont) war. Dies
war ein groBer Fehler und ermoglichte trottelhaften Gemii-
tern eine sogenannte Ubereinstimmung mit mir in den prin-
zipiellen Fragen. An den SchluB meiner Rede wollte ich die
Verse setzen, die Ihr Brief enthielt — hatte ich mich nicht
unerwartet im SchluBrhyt[h]mus meiner Rede gefunden. So
werde ich dennoch vielleicht die Niederschrift, die ich in den
groBen Ferien anfertigen werde, damit schlieBen. i Nach tag-
lich wiederholten brutalen Niederstimmungen ist das einzige
Ergebnis: der einsam erhbhte Platz, den unsere Freistuden-
tenschaft - nach auBen - einnimmt und respektvolle Furcht
der andern. Im geheimen wiihlt man. Der (geistige) Fiihrer
der Gegner ist personlich und sachlich ungebildet. (In einer
hoflichen Diskussion in einem Cafe erklarte er mich fur
„sittlich unreif"). Die Aussicht, Berlin im nachsten Semester
zu befestigen, ist nicht gering. Zwar weiB ich noch nicht
sicher, ob ich hier bin. DaB Sie den Winter hier zubrachten,
ware wohl nicht moglich? - Danach war ich in Miinchen und
stellte den gleich schlimmen Zustand der dortigen Freistu-
dentenschaft — die als einzige in Weimar mit uns zusammen
ging - und der Jugendbewegung fest.
23. Juni
(ich werde diesen Brief wohl in kleinen Absatzen weiter
schreiben mussen, so sehr ist meine Zeit auseinandergerissen)
Demnachst sind hier in der Freistudentenschaft einige gute
Abende, wie heute eine Diskussion mit Buber iiber den
Daniel, spater ein Vortrag von Ludwig Klages2 und einer von
Prof. Breysig3. Klages besuchte ich in Miinchen und fand
ihn bereit und hbflich. - Ich ersehne die Ferien, wie Sie sich
denken konnen und werde Ende Juli so friih wie moglich
fliehen, so daB es fraglich ist, ob ich Sie bald nach Ihrer An-
kunft hier begniBen kann, wie ich wollte. Seit ich diesen
Brief begann hat das Berliner Chaos (der „ Jugendbewegung"
112
und Freistudentenschaft in einem), das miihsam und mit
Resignation gebandigt war, von dem ich mich eben etwas in
Munchen erholt hatte, wieder begonnen sich zu regen. Ein
personlicher Bekannter von mir kam in eine Gesellschaft
gestiirzt, in der Buber's Buch besprochen wurde, und be-
schimpfte einen mir nahestehenden Herren laut, verlieB
nicht den Raum, so daB man die Versammlung aufheben und
an einen andern Ort gehen muBte. So etwas ist naturlich
unertraglich aber bei einer gewissen Deutlichkeit des Wol-
lens ist man vor dergleichen sicher. Aber der gleiche Tag hat
mir eines der erfreulichsten Zeugnisse gebracht, die ich jetzt
erwarten konnte — namlich den Brief eines jungen Wieners,
zu dem, ohne daB er mich kannte, soviel aus Berlin gedrun-
gen ist — vielleicht auch mein Schweigen im „Anfang", das
diesen Sinn hat, daB er mich um einen Briefwechsel bittet,
mit Berufung darauf, daB wir beide abseits vom stabilierten
Kurs der Jugendbewegung stehen. Es ist schon zu bemerken,
daB es in einer sehr entfernten Stadt einen jungen Menschen
gibt, der aus dem Larm den Klang heraushort und zu dem
das Schweigen (das schlieBlich eines der deutlichsten Ver-
standigungsmittel ist) dringt. Er heiBt Arno Bronner4 und
hat mit 10 Jahren ein Drama verfaBt: „das Recht auf Ju-
gend" das sehr mutig und begabt ist. Ich kenne es aus dem
Manuscript.
Die groBen Ferien werde ich allein in irgend einem ab-
gelegnen Waldhaus verbringen, um dort Ruhe und Arbeit
in einem, also MuBe, zu finden. Beides habe ich nach dem
Leben hier, das manchmal hollisch aussieht und jedenfalls
keine Zeit zur Vertiefung laBt, notig. Ich bedauere, Ihnen
mehr Klagen als sonst etwas mitzuteilen-, aber da ich Ihres
Verstandnisses in allem positiven Wollen so sicher bin, bleibt
- um Ihnen ein Bild dieses Lebens hier zu geben — nichts als
die engen Tatsachlichkeiten zu nennen. Der Anwesenheit
Ihres Freundes hier verdanke ich sehr viel, nicht nur an
praktischer Hilfe, sondern wirklich an Ermutigung durch
Dasein.
Mit den herzlichsten GriiBen Ihr Walter Benjamin
113
1 In der Tat hat W. B. die Verse Georges an Hofmannsthal aus dem
„Jahr der Seele" ans Ende des Aufsatzes „Das Leben der Studenten"
gesetzt, der im „Neuen Merkur", September 1915, und in Kurt Hillers
Sammelbuch Das Ziel erschien.
2 Klages' Vortrag fand Mitte Juli statt. Vgl. H. Schroders Klages-
Biographie, Bd. II, S. 602.
3 Kurt Breysig (1866-1940).
4 Dies ist der spater ointer dem Namen Arnolt Bronnen bekannt ge-
wordene Autor (1895-1955).
35 An Herbert Belmore
6./7. Juli 1914 Nach Mitternacht
Ich will Dir schreiben, lieber Herbert; warum gerade jetzt?
so spat? da ich garni cht ganz frei von Miidigkeit bin. Viel-
leicht nur weil ich eben merkte, daft es einen nachtlichen
Kurfiirstendamm gibt, Cafes, mich nur selten in ihnen. Oder
weil die nachsten Tage wieder Beschaftigung bringen wer-
den? Den ganzen Abend bin ich miiBig gegangen, ich habe
an die Ferien gedacht. Ich erwarte - ich darf wohl sagen : mit
Inbrunst — eine Arbeitszeit. Mein Zyklus1 soil sein Ende
erreichen und dann soil begonnen werden, niederzulegen, was
ich vom Wesen der Erziehung erfassen kann. Dies wird in
irgend einem kleinen Ort in der Einsamkeit geschehen; auf
Bornholm oder in den Alpen, den Dolomiten vielleicht. Denn
wenn ich nach Bornholm mit Mutter und Sch wester nicht
fahre, so reise ich zuerst auf 8 Tage zu Grete nach Munch en
und dann mit ihr wohl in die Dolomiten. Da wandert sie mit
ihrem B ruder2, wahrend ich ruhe. — Dariiber vergaB ich nun
den Kurfiirstendamm. Ich war im Cafe des Westens um Be-
kannte zu treffen und saB dort lange und traf sie nicht. Das
macht mir nichts, denn meine Gedanken haben so heimat-
liche Ziele, daB sie immer allein sein konnen. (Das heiBt aber
nicht, es ginge mir bequem und ich denke mollig. Vielmehr
bin ich mir der kommenden Wochen mit Strenge bewuBt)
Ich las in einer jiidischen Zeitschrift. Dann sah mich Else
Lasker-Schiiler und bat mich an ihren Tisch; da saB ich
V4 Stunde zwischen zwei jungen Leuten wortlos. Man trieb
114
etwas irrsinnige SpaBe, die Frau Lasker sehr freuten. Sie
kennt mich von einem einstiindigen Gesprach, das wir neu-
lich halb aus Zufall fiihrten. Sie ist im Umgang leer und
krank — hysterisch. Robert Jent[z]sch3 ging vorbei, der
Freund [Georg] Heyms, den ich jetzt wenig kenne, ich be-
griiBte ihn und sprach wegen Biichern, die ich ihm zu leihen
habe, 2 Worte. Er ist der hbflichste, zuriickhaltendste Mensch.
Seine Hbflichkeit ist ganz prezios, er sagte mir neulich: „Das
Buch, das Sie die Giite hatten mir — Das Buch, das Sie mir
giitigst liehen . . .". Er sagt: „Dariiber zu urteilen ware ich
weder befugt noch berufen . . ." bei den einfachsten Dingen.
Seine Bildung scheint groB. Er betragt sich gewahlt und
sympathisch, man fiihlt einen exakten Denker, ich weiB, daB
er Mathematik studiert. Sein Wesen ist formvoll das an-
spruchsvollste. Ich sprach ihn noch selten allein, er geht mit
Heinle viel um. WeiBt Du, daB ich in der Wissenschaft
wieder nicht weiter komme? Du kannst es Dir denken. Ich
lerne gelegentlich von Heinle, wenn er etwa uber Platen
spricht. Ich lese George viel, Kleists Prosa aufmerksam, kiirz-
lich ein Drama von Lenz. Manchmal belehrt mich ein Auf-
satz von Scheffler uber Munch oder den vortrefflichen Karl
Hofer. Ich besuchte Ausstellungen : van Gogh, Heckel,
Schmidt- Rotluff, werde die Sezession besuchen. Vielleicht ist
Anschauung bildender Kunst das einzige, in dem ich in dieser
Zeit fortgeschritten bin. Vor Marees saB ich (vor einem
Bilde) eine Stunde mit Grete und konnte manches bemerken.
Die Hochschule ist eben der Ort nicht, zu studieren. Wieviel
mein Amt Schuld tragt, kannst Du ermessen. Ich verwalte
es nicht erfolglos, aber unter geradezu qualenden Widrig-
keiten. Und dann erscheint alles mit Recht so unendlich
klein, wenn Wolf Heinle4 auf dem Frei student enf est neben
mir steht, in der Wickersdorfer Miitze, mit seinem herrschen-
den, ernsten Blick und mir nur ein paar Worte iiber die Men-
schen sagt, die da tagen — mir, weil ich die Verantwortung
habe. Es war - vorgestern - ein Fest, gut genug um beurteilt
zu werden und - beurteilt: klaglich. Ganz hoch iiber andern
freistudentischen Festen, durch die Anwesenheit schoner
Menschen veredelt, aber doch bef angen und haBlich, wie alle
115
Feste - auBer dem unvergeBlichen Wolfgang Heines.5 Fiir
mich hatte es schone Bedeutung durch Wolf Heinle, Wieland
Herzf eld 6, den ich zum ersten Male sprach und der von mir
sehr tiefes mir sagte, durch ein unerwartetes schones Zusam-
mensein mit Carla Seligson. / Im Winter werde ich hier sein,
vielleicht im gleichen Amte, das ich in dem Augenblick
niederlege, da ich sehe, daB ich meine Zeit nicht starker vor
ihm bewahren kann als in diesen Tagen. Ich weiB nicht, wie
qualend dies Semester mit verbrachter Zeit, unkonzentrierter
Tatigkeit, marternden menschlichen Erfahrungen angefiillt
ware in meinem BewuBtsein, ware es nicht durch die Tage in
Miinchen gleichsam niedergehalten und mit der VerheiBung
kommenden Schaffens getrostet. Von diesen Tagen kann ich
Dir nicht mehr schreiben. Gretes Briefe, ein Briefwechsel
mit Ernst Schoen, einige Stunden vor Buchern, ganz selten
Gesprache mit Heinle, das Sommerwetter, in dem man so
allein herumplatschert, sind hier das Schone. Schon genug
um im Grunde herzlich gesund zu bleiben und mich und die
schmerzlichsten Geschehnisse gut in mir fiir Deine Riickkehr
zu verwahren, die ich nicht vorwegnehmen will aber herbei-
wiinsche mit den allerherzlichsten GriiBen an Dich. Dir
Sonne wiinschend und einen Menschen dort, einen andern
oder Dich selber, der Dir Deine mannliche Ruhe erhalte,
die ich so spat, so f roh erf uhr.
Walter
1 Die „Metaphysik der Jugend", die nicht beendet wurde.
2 Fritz Radt.
3 Mathematiker und Lyriker, dessen Gedichte in den damaligen Zeit-
schriften der Avantgardisten gedruckt sind. Seine Personlichkeit hat
auch spater noch bei W. B. nachhaltigen Eindruck hint erla^s sen.
4 Der jiingere Bruder F, C. Heinles, an dessen Schicksal W. B. bis 2U
seinem fruhen Tod (1923) starken Anteil nahm. Er schrieb Gedichte
und Dramen, mit denen sich W. B. zeitweise stark beschaftigte.
5 Uber dieses Fest hat W. B. eine ausfuhrliche Niederschrift gemacht,
die nicht erhalten ist.
6 Das ist Wieland Herzfelde (geb. 1896), der spater den Malik-Verlag
griindete.
116
36 An Herbert Belmore
[17. Juli 1914]
Lieber Herbert — was bedeutet das, daB ich Dir keinen Brief
schreiben, nichts von dem Leben hier mitteilen kann? Ich
kann es nur auf eine Weise - wenn ich nicht von hier
schreibe, nur von Grete spreche. Aber auch das — wie unmog-
lich. Du hast mich wahr gesehen, wenn ich auf Deinen Spa-
ziergangen schweigend Dich begleitete. Mein Schweigen ist
nun das einzige, an dem meine Freunde mich erkennen. Das
wenige, was ich aus Tagen zu berichten habe, erfahrt meine
Freundin — und alles andere ist doch das Eine. Mein Schwei-
gen fuhle ich abgestuft - aber es ist doch der eine Rhythmus,
der auch die Entfernten noch erreicht, Franz und Dora. Und
es schlieflt sich zusammen, als einzige Melodie der Wochen,
die ich nun erwarte. Ware mir ein strenges Leben, wie Dir,
hier moglich.
Mich bildet die unbegreifliche Liebe der Menschen. Von
Grete kann ich Dir nichts sagen: das innerste Schweigen fin-
det keine Worte. Du kennst mich genug, um zu wissen, was
mir begegnet und welcher Mensch. Aber Du kannst mich
nun nicht mehr einzeln denken, und es ist als ware ich nun
erst in eine gottliche Zeit geboren, in ihr zu werden. Und die
Seele vondrei andernFrauen erreicht mich seltsam. Ichweifi,
daB ich nichts bin, aber in der Welt Gottes stehe.
Sind wir nicht desselben Weges einen Schritt uns unsicht-
bar gegangen. Alles dies fiihlte ich aus den wenigen Worten
heraus, die von Dir im letzten „Anfang" standen. Ich werde
Barbizon um einen Leitartikel bitten: ich will ihn nennen
„Mein Abschied". Ich will zur Scham iiber dieses Blatt mah-
nen und bitten, es verschwinden zu lassen. Aus diesem gro-
Ben Sumpf der ACS, Marburger Tagung, FG, [unleserlich],
bliiht doch nichts Lebendes mehr. Neulich stand mal drin
„die neue Selbstachtung".
Komm im Winter her und hilf mir — da ich die Arbeit in
der freien Studentenschaft fortsetzen werde. Sie geschieht
aufrichtig, ohne den „Erfolg" absehen zu konnen. Mir ge-
117
stattet sie nur Lektiire zweiten Ranges: ein Buch liber die
hohe Charlotte von Kalb1, Bliiher, philosophische Aufsatze.
Grete beschenkte mich wundervoll: mit einer Orchidee,
einer ganz kostbaren dunklen Kravatte, die sehr zu der Orchi-
dee paBt, ein Buch mit leeren Blattern, das sie hatte binden
lassen, die „deutschen Stilisten" und einen Band Anekdoten
von Schafer. Mit dem herrlichsten Brief. Meine Eltern
schenkten mir, was ich verloren hatte: Eine Feldflasche, Spa-
zierstock, dazu groBe schone Manusscriptkasten, Homer, die
griechisch-deutsche Ausgabe, lte Halfte der Odyssee. Ich er-
hielt die Bildersammlung : italienische Friihrenaissance, die
Diederichs verlegt hat.
Seit vielen Jahren, vielleicht mehr als einem Jahrzehnt,
war ich zum ersten Male am 15ten Juli in Berlin. Es kam,
dafi ich vor Freude in den Garten ging, und dort den Som-
mer fand, wie er sonst an diesen Tagen im Schwarzwald
oder Engadin gewesen war. Ich hatte ihn in diesem Jahre
noch nicht gefunden — wenn nicht in den schweren schwulen
Nachten.
Ich danke Dir, Herbert, fur Deinen Gliickwunsch. Ein
Falke ist aufgestiegen.
Walter.
1 Ida Boy-Ed, Charlotte von Kalb, Jena 1912.
37 An Ernst Schoen
Grunewald, [25. 10. 1914]
Lieber Herr Ernst Schoen,
Ihnen, einem Mutigen wiinsche ich das zu sagen, was ich
heute (zum wievieltsten Male) und immer entsetzlicher ent-
deckte. Wogegen Ironie abzulegen ist um den Schmerz so
rein wir seiner fahig sind als Gestalt zu finden. Audi wech-
selten wir hiervon einige Briefe, die will mir scheinen, einer
strengen Entschlossenheit bedurfen. Wir alle nahren doch
118
das Bewufitsein hiervon: DaB Radikalismus zu sehr Geste
war, daB ein harterer, reinerer, unsichtbarer uns unentrinn-
bar werden soil.
Sie haben auf die einzige Weise, die ich leben nenne, bevor
wir dies erwahnten, die Unmoglichkeit in sich gefunden, sich
in die Schule zu begeben, und es ist Ihnen die Unmoglichkeit
geworden, jenen Sumpf in vorgeschriebener Absicht zu be-
schreiten, der heute die Hochschule ist.
Es ist nur dies — was Sie tief er wissen, weil Sie es niemals
so erfuhren, wie ich — daB diese Hochschule fahig ist, noch
unsere Abkehr zum Geist zu vergiften. Es ist wiederum nur
dies: daB ich mich entschloB, die Anschlage der Vorlesungen
durchzugehen ... die grelle Brutalitat sah, mit der die For-
schenden sich vor Hunderten ausstellen, gegenseitig sich
nicht scheuen, sondern beneiden, und endlich raffiniert und
pedantisch Ehrfurcht Werdender vor sich selbst, in Furcht
vor Nun-Gewordenen, Fnihreifen und Verfaulten umfal-
schen. Die unverhiillte Rechnung mit meiner Schuchternheit
Furcht Streberei und was viel mehr 1st meiner Gleichgiiltig-
keit, meiner Kalte und Unbildung erschrak, entsetzte mich.
Kein einzelner von alien hebt sich da heraus, weil er die Ge-
meinschaft der anderen duldet. An dieser ganzen Universitat
kenne ich nur einen Forscher1, und daB er es dahin gebracht
hat, dies wird nur durch seine ganzliche Verborgenheit und
seine Verachtung dieser Dinge (vielleicht) entschuldigt. Die-
sem gegeniiber stehend ist keiner gewachsen, und ich verstehe
die ganze Notwendigkeit; dem eignen Leben muB man die
Moglichkeit nehmen, hierauf zu stoBen, denn der Anblick
dieser Gemeinheit erniedrigt unsaglich.
„0 daB doch alle groBe Manner waren und ich zu ihnen
Du sagen konnte, es wird mir schwer von andern zu lernen"
Aus dem Taschenbuch meines Freundes. 2
Ihr Walter Benjamin
1 Gemeint ist Kurt Breysig,
2 Heinle hatte sich Anfang August das Leben genommen.
119
38 An Ernst Schoen
[Januar 1915]
Lieber Herr Schoen,
ich freue mich sehr, dafi, was Sie mir vor einigen Wochen
schrieben, herzlich Ihnen erwidern zu konnen. Zugleich bitte
ich Sie meine Entschuldigung dafiir anzunehmen, dafi Sie
am letzten Sonntag vergeblich auf Jula Cohn1 gewartet ha-
ben. Ich erhoffe ein Zusammensein mit Ihnen am Anfang
des Februar, da ich bis dahin eine erfreuliche Arbeit liber die
Phantasie und die Farbe beendet haben werde.2 Sie wissen,
daB zu diesem Gegenstande Schones bei Baudelaire zu fin-
den ist.
Mit GruB und Gliickwunsch Ihr Walter Benjamin
1 Enge Freundin von W. B. und Ernst Schoen; Schwester von Alfred
Cohn,
2 Scheint nicht erhalten.
39 An Gustav Wyneken
[Berlin, 9. 3. 15.]
Lieber Herr Doktor Wyneken,
ich bitte Sie diese folgenden Zeilen mit denen ich mich ganz-
lich und ohne Vorbehalt von Ihnen lossage als den letzten
Beweis der Treue, und nur als den, aufzunehmen. Treuc-
weil ich kein Wort zu dem sprechen konnte, der jene Zeilen
iiber den Krieg und die Jugend * schrieb und weil ich doch zu
Ihnen sprechen will, dem ich noch nie - ich weiB es — frei
sagen konnte, daB er mich als erster in das Leben des Geistes
fiihrte. Ich habe zweimal in meinem Leben vor einem Men-
schen gestanden, der mich an das geistige Dasein wies, mich
haben zwei Lehrer auferzogen, deren einer sind Sie. Als
Sprecher einer kleiner Zahl Hirer Schiiler — und nicht Ihrer
nachsten — wollte ich in Breslau im Oktober 1913 wenige
120
Worte an Sie richten. Die Unfreiheit einiger von diesen lieB
es in letzter Stunde nicht dazu kommen. Die Worte, die ich
zu sagen gedachte lauten :
„ Diese Zeit hat keine einzige Form, die uns schweigenden
Ausdruck gestattet. Wir fuhlen uns aber durch die Aus-
druckslosigkeit verknechtet. Wir verschmahen den leichten
unverantwortlichen schriftlichen Ausdruck.
Wir, die wir hier zusammen sind, glauben daB eine Nach-
welt einmal Ihren Namen nennen wird. Das Leben gestattet
diesem BewuBtsein keinen Raum. Dennoch soil es fiir die
Spanne einer Minute Raum geben. Wir nennen Sie den Tra-
ger einer Idee, nach auBen sagen wir so; es ist wahr. Wir
erlebten aber ein anderes als Auserwahlte in dieser Zeit. Wir
erfuhren, dafi auch der Geist ganz allein und unbedingt
lebendige Menschen bindet, daB die Person iiber dem Per-
sonlichen stent; wir durften erfahren, was Fiihrung ist. Wir
haben erfahren, daB es reine Geistigkeit unter Menschen gibt.
Fiir uns ist das, was fast alien unendlich ferner ist, wahr
geworden."
Das Erlebnis dieser Wahrheit lieB uns diese Worte sagen.
Gegen Sie selbst muB ich mich zu Ihnen bekennen wie Sie
mir als der stren'gste Liebende dieser lebenden Jugend vor
Augen sind. Einmal sagten Sie vom Knaben und Madchen
„Die Erinnerung daB sie einmal Kameraden gewesen sind
im heiligsten Werke der Menschheit, daB sie einmal zu
zweien ,ins Tal Eidorzhann', in die Welt der Ideen geblickt
haben, diese Erinnerung wird das starkste Gegengewicht
gegen den sozialen Kampf der Geschlechter bilden, der immer
war, zu unserer Zeit aber in hellen Flammen auszubrechen
und die Giiter zu dessen Hiiterin die Menschheit bestellt ist,
zu gefahrden droht. Hier in der Jugend, wo sie noch Men-
schen im edlen Sinn des Wortes sein diirfen, sollen sie auch
einmal die Menschheit realisiert gesehen haben. Dies groBe
unersetzliche Erlebnis zu gewahren, ist der eigentliche Sinn
der gemeinsamen Erziehung."
Die Oeo>pia in Ihnen ist erblindet, Sie haben den fiirchter-
lichen scheuBlichen Verrat an den Frauen begangen, die Ihre
Schiiler lieben. Sie haben dem Staat, der Ihnen alles genom-
121
men hat, zuletzt die Jugend geopf ert. Die Jugend aber gehort
nur deii Schauenden, die sie lieben und in ihr die Idee iiber
alles. Sie ist Ihren irrenden Handen entf alien und wird weiter
namenlos lei den. Mit ihr zu leben ist das Vermachtnis, das
ich Ihnen entwinde.
Walter Benjamin
1 „Jugend und Krieg", 1914.
40 An Herbert Belmore
[April 1915]
Lieber Herbert,
ich komme vom Besuche bei Alfred Steinfelds Eltern. Ihr
Sohn ist am sechsten April an einer Nierenentziindung die
er sich im militarischen Sanitatsdienst zuzog in der Wohnung
seiner Eltern gestorben. Beim Hinausgehen fiihrte mich die
Mutter in sein Zimmer das - vielleicht nach jiidischer Sitte —
ganz unberiihrt lag daB ich im aufgedeckten Bett den Ab-
druck seines Korpers zu sehen meinte. Seine Uniform und
Militarmutze lag auf einem Sessel. Ich glaube er ist gerade
zu der Zeit gestorben als sein Geist sich sicher wieder auf-
richtete, das letzte Mai das ich ihn vor Monaten sah hatte er
neuen Boden gewonnen. Ich weiB nicht ob Du so sehr die
Erinnerung an ihn hast wie ich daB er als ein sehr edler
sehr unentwickelter Mensch in versprechendem Leid gelebt
hat. Er hat die wenigen Tage seiner furchtbaren Krankheit
so ertragen daB die Eltern ihre Natur erst zu spat ahnten.
Ich kann — nicht aus Uberlegung sondern aus Anschauung —
nicht ungliicklichere Menschen denken als sie da ich nie ein
Zusammenleben kannte das so sehr von dem einzigen Sohne
Licht und Entfaltung empfing. Ich bitte Dich1 darum mit
Nachdruck einige freundliche Worte an sie zu richten.
Walter
1 Belmore befand sich in der Schweiz.
122
41 An Gerhard Scholem
Berlin, 27. Oktober 1915
Lieber Herr Scholem,
ich geriet in den letzten Tage vor meiner Abreise leider in
eine solche Hast, da!3 es mir unmoglich wurde, Sie noch auf-
zusuchen. Ich wiinsche Ihnen fiir die kommenden Wochen
Gutes. Bei meiner letzten Musterung wurde ich auf ein Jahr
zuruckgestellt und trotzdem meine Hoffnung, der Krieg sei
in einem Jahre zu Ende, gering ist, gedenke ich wenigstens
einige Monate in Ruhe in Miinchen arbeiten zu konnen.
Sowie ich eine feste Adresse habe schreibe ich sie Ihnen und
hoffe dann, vom Fortgang Ihrer Angelegenheiten giinstige
Nachricht zu erhalten.
Mit freundlichen GriiBen bis dahin
Ihr Walter Benjamin
42 An Gerhard Scholem
Miinchen, 14. Dezember 1915
Lieber Herr Scholem,
in der Tat vermutete ich Sie beim Militar und wollte unter
diesen Umstanden nicht aufs ungewisse hin einen Brief an
Sie richten. Nun hat mich Ihre Nachricht sehr gefreut. Von
hier habe ich bei dem regelmaBigen, arbeitsamen auch ziem-
lich abgeschlossenen Leben, das ich fuhre, nicht viel zu
berichten. Weihnachten komme ich nicht nach Berlin. Fiir
lange Zeit gedenke ich meinen Aufenthalt hier nur voriiber-
gehend zu unterbrechen und gedenke eine abgeschlossne Zeit
lang meine Studien zu fbrdern. Dazu habe ich hier — als
auBerhalb meiner Heimatstadt - endlich den Ort gefunden,
dessen ich bedurfte. [. . .]
125
Ich erwarte nun bald Ihre Nachricht, auf die hin ich mich
wieder vernehmen lasse. Vielmals griiBe ich.
Ihr Walter Benjamin
43 An Herbert Belmore
Seeshaupt, 25. Marz 1916
Lieber Herbert,
seit der Holderlin- Arbeit1 und dem „Regenbogen" habe ich
wohl mehrere neue Arbeiten begonnen, aber keine auch nur
halbwegs geendet. Das hangt mit der GroBe der Gegenstande,
die mich beschaftigen, zusammen: Organische Natur, Medi-
zin und Moral. Von den vergangenen Arbeiten aber mochte
ich Dir durchaus keine senden. Ich kann mich ihrer Form
nicht mehr anvertrauen und so wichtig sie vielfach fur mich
sind, mochte ich nicht durch sie zu Dir sprechen. Vielmehr
glaube ich - und mogen die europaischen Dinge noch so sehr
ins ScheuBliche wachsen - dafl wir es nicht anders halten
konnen, als zwei Nachbarn im Gewitter, die doch den Augen-
blick erwarten, da es ihnen erlaubt ist, vors Tor zu gehen
und in ihrer Nahe einander selbst zu begriiBen. Nichts was
ich Dir senden konnte, kann die Spannung meiner Erwar-
tung tragen, so muB ich warten, bis ich Deutschland selbst
verlassen kann, zu Dir zu kommen.2 / Es geht mir gut.
Carlas und Deine GriiBe erwidere ich herzlich
Walter
1 Schriften II, S. 375-400 (im Herbst und Winter 1914 entstanden).
Der „Regenbogen" ist verloren.
2 H. Belmore war seit Anfang 1915 in Genf, wo ihn W. B. und Dora
Pollak im Fruhjahr 1915 besuchten. Beim Wiedersehen im Juli 1917
in Zurich kam es zu einer dauernden Trennung.
124
44 An Martin Buber
Munchen
KoniginStr.4 [Mai 1916]
Sehr geehrter Herr Buber,
das Problem des jiidischen Geistes ist einer der groBten und
beharrendsten Gegenstande meines Denkens. Ihr ehrendes
Anerbieten1, fiir das ich Ihnen danke, tragt die Moglichkeit
der AuBerung meiner Gedanken mir nahe, doch deren eigent-
lichste Vorbedingung, die Lockerung dieser Gedanken aus
groBeren Zusammenhangen und das Gewinnen bestimmter
Ausgangspunkte, kann ich nur von einem Gesprache erhof-
fen. Dieses erst konnte iiber meine Mitarbeit und deren Ge-
stalt entscheiden, und aus diesem Grunde darf ich Sie viel-
leicht um die Gewahrung einer Unterredung bitten, sei es,
daB Sie im nachsten Monat nach Munchen kamen, sei es, daB
ich um Weihnachten einen Auf enthalt in Berlin ermogliche —
doch ist dies leider sehr ungewiB.
Ihr sehr ergebener Walter Benjamin
1 Zur Mitarbeit an Buhers Zeitschrift „Der Jude".
45 An Martin Buber
Munchen, Juli 1916
Sehr verehrter Herr Doktor Buber,
Ich muBte ein Gesprach mit Herrn Gerhard Scholem l abwar-
ten, um mir iiber meine prinzipielle Stellung zum „Juden"
und damit iiber die Moglichkeit, selbst einen Beitrag zu
liefern, klar zu werden. Denn vor der Heftigkeit des Wider-
spruches, mit dem mich so viele Beitrage des ersten Heftes
— ganz besonders in ihrem Verhaltnis zum europaischenKrieg -
erfullten, war in mir das BewuBtsein verdunkelt, daB meine
Stellung zu dieser Zeitschrift in Wirklichkeit keine andere
125
war und seinkonnte als zu allempolitischwirksam em Schrift-
tum, wie sie der Eintritt des Krieges mir endlicli und ent-
scheidend er off net hatte. Ich nehme dabei den Begriff „Poli-
tik" in seinem weitesten Sinne, in dem man ihn jetzt standig
gebraucht. Vorher bemerke ich, daB ich mir des Werdenden
in den folgenden Gedanken vollig bewuBt bin, und daB, wo
ihre Formulierung apodiktisch klingen sollte, ich damit zu-
nachst ihre prinzipielle Geltung und Notwendigkeit fiir mein
eigenes praktisches Verhalten im Auge habe.
Es ist erne weitverbreitete, ja die fast allerorten als Selbst-
verstandlichkeit herrschende Meinung, daB das Schrifttum
die sittliche Welt und das Handeln des Menschen beeinflussen
konne, indem es Motive von Handlungen an die Hand gibt.
In diesem Sinne ist also die Sprache nur ein Mittel der mehr
oder weniger suggestiven Vorbereitung der Motive, die in dem
Innern der Seele den Handelnden bestimmen. Es ist das
Charakteristische dieser Ansicht, daB sie eine Beziehung der
Sprache zur Tat, in der nicht die erste Mittel der zweiten
ware, uberhaupt garnicht in Betracht zieht. Dieses Verhaltnis
betrifft gleichermaBen eine ohnmachtige, zum bloBen Mittel
herabgewiirdigte Sprache und Schrift als eine armliche,
schwache Tat, deren Quelle nicht in ihr selbst, sondern in
irgendwelchen sagbaren und aussprechbaren Motiven liegt.
Diese Motive wiederum kann man bereden, ihnen andere
entgegenhalten und so wird (prinzipiell) die Tat wie das
Resultat eines allseitig gepriifteh Rechenprozesses an das
Ende gesetzt. Jedes Handeln, das in der expansiven Tendenz
des Wort-an-Wort Reihens liegt, scheint mir furchterlich
und um so verheerender, wo dieses ganze Verhaltnis von
Wort und Tat wie bei uns in immer steigendem Mafle als
ein Mechanismus zur Verwirklichung des richtigen Absolu-
ten um sich greift.
Schrifttum uberhaupt kann ich mit dichterisch, prophe-
tisch, sachlich, was die Wirkung angeht, aber jedenfalls nur
magisch das heiBt un-mi££eZ-bar verstehen. Jedes heilsame,
ja jedes nicht im innersten verheerende Wirken der Schrift
beruht in ihrem (des Wortes, der Sprache) Geheimnis. In
wievielerlei Gestalten auch die Sprache sich wirksam erweisen
126
mag, sie wird es nicht (lurch die Vermittlung von Inhalten,
sondern durch das reinste ErschlieBen ihrer Wiirde und ihres
Wesens tun. Und wenn ich von anderen Formen der Wirk-
samkeit — als Dichtung und Prophetie — hier absehe, so er-
scheint es mir immer wieder, daB die kristallreine Elimination
des Unsagbaren in der Sprache die uns gegebene und nachst-
liegende Form ist, innerhalb der Sprache und insofern durch
sie zu wirken. Diese Elimination des Unsagbaren scheint mir
gerade mit der eigentlich sachlichen, der niichternen Schreib-
weise zusammenzufallen und die Beziehung zwischen Er-
kenntnis und Tat eben innerhalb der sprachlichen Magie
anzudeuten. Mein Begriff sachlichen und zugleich hochpoli-
tischen Stils und Schreibens ist: hinzufuhren auf das dem
Wort versagte; nur wo diese Sphare des Wortlosen in unsag-
bar reiner Macht sich erschlieBt, kann der magische Funken
zwischen Wort und bewegender Tat iiberspringen, wo die
Einheit dieser beiden gleich wirklichen ist. Nur die intensive
Richtung der Worte in den Kern des innersten Verstummens
hinein gelangt zur wahren Wirkung. Ich glaube nicht daran,
daB das Wort dem Gottlichen irgendwo ferner stiinde als
das „wirkliche" Handeln, also ist es auch nicht anders fahig,
ins Gottliche zu fuhren als durch sich selbst und seine eigene
Reinheit. Als Mittel genommen wuchert es.
Fur eine Zeitschrift kommt die Sprache der Dichter, der
Propheten oder auch der Machthaber, kommen Lied, Psalm
und Imperativ, die wiederum ganz andere Beziehungen zum
Unsagbaren und Quelle ganz anderer Magie sein mogen,
nicht in Frage, sondern nur die sachliche Schreibart. Ob sie
zu ihr gelangt, laBt sich menschlich wohl kaum absehen und
es hat wohl nicht viele gegeben. Ich denke aber an das Athe-
naum. So unmoglich es mir ist, wirken des Schrifttum zu
verstehen, so unfahig bin ich, es zu verfassen. (Mein Aufsatz
irn „Ziel"2 war innerlich durchaus im Sinn des Gesagten
gehalten, aber an diesem Orte, an den er am wenigsten ge-
horte, war das sehr schwer zu bemerken.) In jedem Falle
werde ich aus dem, was im „ Juden" gesagt wird, lernen. Und
so wie mein Unvermogen, zur Frage des Judentums jetzt
etwas klares zu sagen, mit diesem Stadium der Zeitschrift im
127
Werden zusammenfallt, so verbietet nichts zu hoffen, daB es
eine giinstigere Koincidenz der Erfiillung geben moge.
Es ist moglich, daB ich Ende des Sommers nach Heidelberg
kommen kann. Dann wiirde ich sehr gern versuchen, das, was
ich jetzt so unvollkommen nur sagen konnte, im Gesprach zu
beleben, und es ware vielleicht von hier aus moglich, audi
iiber das Judentum manches zu sagen. Ich glaube nicht, daB
meine Gesinnung in diesem unjiidisch ist.
Ich bin mit den ergebensten GriiBen
Ihr Walter Benjamin
1 Scholem war vom 16.-18. Juni mit W. B. zusammen.
2 „Das Leben der Studenten".
46 An Gerhard Scholem
Miinchen, 11. Nov. 1916
Lieber Herr Scholem,
ich bin Ihnen fur die schnelle Auskunft, die Sie mir erteilt
haben, sehr dankbar. — Vor einer Woche begann ich einen
Brief an Sie, der bei achtzehn Seiten Lange abschloB. Es war
derVersuch einige aus der nicht geringen Anzahl derFragen,
die Sie mir vorgelegt haben, im Zusammenhang zu beant-
worten. Indessen muBte ich mich entschlieBen, um den Ge-
genstand genauer zu fassen,ihn zu einer kleinen Abhandlung
umzuarbeiten, mit deren Reinschrift ich jetzt beschaftigt bin.
In ihr ist es mir nicht moglich gewesen auf Mathematik und
Sprache, d. h. Mathematik und Denken, Mathematik und
Zion einzugehen, weil meine Gedanken iiber dieses unendlich
schwere Thema noch ganz unfertig sind. Im iibrigen aber
versuche ich in dieser Arbeit mich mit dem Wesen der Sprache
auseinander zu setzen und zwar — soweit ich es verstehe: in
immanenter Beziehung auf das Judentum und mitBeziehung
auf die ersten Kapitel der Genesis. Ihr Urteil iiber diese Ge-
danken werde ich in der sicheren Hoffnung durch dasselbe
128
sehr gef ordert zu werden erwarten. Die Arbeit kann ich Ihnen
erst in einiger Zeit - wann laBt sich nicht voraussehen - viel-
leicht in einer Woche, vielleicht auch erst spater - schicken-,
sie ist wie gesagt noch nicht ganz beendet. Am Titel „Uber
Sprache iiberhaupt und iiber die Sprache des Menschen"1
sehen Sie eine gewisse systematische Absicht, die fur mich
aber auch das Fragmentarische der Gedanken ganz deutlich
macht, weil ich vieles zu beruhren noch auBer stande
bin. Insbesondere ist die sprachtheoretische Betrachtung der
Mathematik, auf die es mir ja schlieBlich sehr ankommt,
wenn ich sie auch noch nicht versuchen darf von ganz funda-
mentaler Bedeutung fur die Theorie der Sprache iiberhaupt.
Ausdrucklich mochte ich Ihnen mitteilen, dafi mir die
„neunzehn Brief e" 2 sowie die Ubersetzung des Auf satzes von
Zeitlin3 (— was bedeutet: Schechinnah? — ) jederzeit sehr
willkommen sind, gerade in Anbetracht meiner gegenwar-
tigen Arbeit. Kbnnen Sie sich die Miihe machen mir zu den
wichtigsten hebraischen Worten bei Hirsch — ich nehme an
daB es nur wenige sind, sonst wiirde ich Sie nicht darum bit-
ten — das Deutsche hinzu zu schreiben? / In der letzten Num-
mer des „ Reich" steht ein scheinbar orientierter Aufsatz von
Hans Ludwig Held: Uber Golem und Schem eine Untersu-
chung zur hebraischen Mythologie (lter Teil). Ich besitze das
Heft (und kann Ihnen den Aufsatz also schicken) ; ich habe
es mir wegen eines anderen Druckes (den ich allerdings schon
herausgetrennt und gesondert gebunden habe) gekauft: es
steht darin die erste Veroffentlichung einer offenbar sehr
spat en Holderlinschen Handschrift4— von der absoluten GroBe
des Gehalts wie alles was der spate Holderlin schrieb.
In der letzten Nummer der „Kant-Studien" bringt Herr
Zilsel eine Selbstanzeige seines Buches. tJber das „Problem
der historischen Zeit" ist in der letzten oder vorletzten Num-
mer der Zeitschrift fur Philosophic und philosophische Kritik
ein Aufsatz (urspriinglich als Rede zur Erlangung der venia
legendi in Freiburg gehalten5) erschienen, der in exakter
Weise dokumentiert, wie man die Sache nicht machen soil.
Eine furchtbare Arbeit, in die Sie aber vielleicht einmal hinr
einsehen, wenn auch nur um meine Vermutung zu bestati-
129
gen, daB namlich nicht nur das, was der Verfasser iiber die
historische Zeit sagt (und was ich beurteilen kann) Unsinn
ist, sondern auch seine Ausfiihrungen iiber die mechanische
Zeit schief sind, wie ich vermute.
Mein mexikanischer Dozent 6 hat noch nicht angezeigt und
scheint aus irgendeinem Grunde nicht zu lesen. Kierkegaard
habe ich wegen meiner jetzigen Arbeit noch nicht zu Ende,
sondern erst bis zur Mitte, lesen konnen. / Wie ist es mit
Ihrer mathematischen Vorlesung geworden?7
Ich griiBe herzlichst
Ihr Walter Benjamin
1 Schriften II, S. 401-419.
2 „Neunzehn Brief e iiber Judentum", von Samson Raphael Hirsch; be-
ruhmtes, 1836 erschienenes Buch.
3 Es handelt sich um eine ungedruckte Ubersetzung eines 1911 erschie-
nenen} seinerzeit als bedeutend betrachteten hebraischen Essays iiber
die Gegenwart Gottes in der Welt, von Hillel Zeitlin, einem chassidi-
schen Publmsten, die Scholem geinacht hatte.
4 „Das Reich" Jg. I (1916), S. 305 £f. Es handelt sich in Wirklichkeit
um die „ Pindar- Fragmente" (in der Folge nach dem ersten Fragment
als „Untreue der Weisheit" bezeichnet), die vermutlich gegen 1803
entstanden sind. Norbert v. Hellingrath hatte diese kommentierten
"Obersetzungen bereits 1910 („H61derlins Pindar-Uhertragungen") ver-
offentlicht.
5 Die Antrittsvorlesung Martin Heideggers vom 27. Juli 1915.
6 Walter Lehmann, bei dem W. B. aztekische Mythologie gehort hatte.
7 Scholem war in einer vierstiindigen Vorlesung Schottkys der ein-
zige Hbrer.
47 An Herbert Belmore
[Ende 1916]
Lieber Herbert,
ich freue mich sehr daB Du an mich geschrieben hast.
Dein Brief hat aber die Form einer sachlichen Mitteilung
und damit geht er iiber einige tiefe Voraussetzungen hinweg
130
die meine Antwort in Hinsicht auf uns beide machen mufi.
Hatte sie das nicht notig so ware sie das nicht was sie ist: die
innige Bestreitung jener Art von Sachlichkeit die Du zu-
gleich forderst und ausiibst.
Ich habe erfahren dafl in der Nacht nicht Briicken und
Fliige helfen allein der briiderliche Schritt hindurch. Mitten
in der Nacht sind wir. Ich habe es einmal versucht mit Wor-
ten zu kampfen (Thomas Mann hatte seine niedrigen „Ge-
danken im Kriege" veroffentlicht) damals lernte ich daB wer
gegen die Nacht kampft, ihre tiefste Finsternis bewegen muB
ihr Licht herzugeben und in diesem groflen Bemiihen des
Lebens sind Worte nur eine Station: und konnen die letzte
nur sein wo sie niemals die erste sind.
Ich sehe mich eben in Genf auf dem Koffer sitzen Dora
und Du im Zimmer, wie ich vertrete daB Produktivitat in
jedem Sinne gestiitzt werden miisse (ebenso aber Kritik) und
allein mit alien Namen Worten und Zeichen das Leben im
Geiste gesucht werden muB. Seit Jahren strahlt mir aus die-
ser Nacht das Licht Hblderlins.
Es ist alles zu groB um es zu kritisieren. l Es ist alles die
Nacht die das Licht tragt, der blutende Leib des Geistes. Es
ist auch alles zu klein um es zu kritisieren, garnicht da: das
Dunkel die voile Finsternis selbst selbst die Wiirde allein
wer die zu betrachten sucht dem triibt sich der Blick. Soweit
auf unserm Wege uns das Wort erscheint werden wir ihm
die reinste heiligste Statte bereiten: es soil aber bei uns be-
ruhen. Wir wollen es in der letzten kostbarsten Form bewah-
ren die wir ihm zu geben vermogen; Kunst Wahrheit Recht:
vielleicht wird uns alles aus den Handen genommen, dann
soil es wenigstens Gestalt sein: nicht Kritik. Die zu leisten
ist Sache der auBersten Peripherie des Liclitkreises um jedes
Menschen Haupt, nicht der Sprache. Wo diese uns begegnet
gilt es Arbeit. Die Sprache beruht allein im Positiven, ganz
in der Sache die die innigste Einheit mit dem Leben anstrebt;
den Schein der Kritik, des xpto>v, des Unterscheidens von
Gut und Schlecht nicht auf recht halt; sondern alles Kritische
nach innen, die Krisis in das Herz der Sprache verlegt.
Die wahre Kritik geht nicht wider ihren Gegenstand: sie
131
ist wie ein chemischer Stoff der einen andern nur in dem
Sinne angreift, daB er ihn zerlegend dessen innre Natur ent-
hiillt, nicht ihn zerstort. Der chemische Stoff der auf solche
Weise (diathetisch) die geistigen Dinge angreift, ist dasLicht.
Das erscheint nicht in der Sprache.
Die Kritik der geistigen Dinge ist die Unterscheidung des
Echten vom Unechten. Das ist aber nicht Sache der Sprache,
oder nur in einer tiefen Verhullung: im Humor. Nur im
Humor kann die Sprache kritisch sein. Da erscheint dann die
besondere kritische Magie daB das nachgemachte Ding mit
dem Lichte in Benihrung kommt; es zerfallt. Das Echte
bleibt: es ist Asche. Wir lachen dariiber. Wer ganz im Uber-
maBe strahlt dessen Strahlen werden auch jene himmlischen
Entlarvungen vornehmen die wir Kritik nennen. Gerade die
groBen Kritiker sahen so erstaunlich das Echte: Cervantes.
Ein groBer Schriftsteller, der das Echte so sah daB er kaum
mehr Kritik iiben konnte : Sterne. Ehrf urcht vor den Worten
macht noch den Kritiker nicht. Ehrf urcht vor seinem Objekt
vor dem unscheinbaren Echten. Lichtenberg. So, wenn Kritik
ausdriicklich werden soil oder sprachlich. Das ist allein Sache
GroBer. Man miBbraucht den Begriff: Lessing war kein
Kritiker.
Ich griiBe Dich herzlich
Walter
Willst Du von meinen Arbeiten etwas lesen? Ich habe
folgende Aufsatze geschrieben:
Das Gluck des antiken Menschen
Sokrates
Trauerspiel und Tragtidie
Die Bedeutung der Sprache in Trauerspiel und
Tragodie
Uber Sprache iiberhaupt und iiber die Sprache des
Menschen. 2
1 Der Zusammenhang des Folgenden mit dem Gedankengang des Brie-
fes no. 45 an Buber vom Juli ist deutlich.
2 Diese Aufsatze sind alle erhalten. %. T. nur hands chriftlich.
132
48 An Ernst Schoen
Berlin, 27. Februar 1917
Lieber Herr Schoen,
haben Sie herzlichen Dank fur Ihren letzten Brief. Ich hoffe
immer noch daB Sie bald einmal nach Berlin kommen. Dann
werde ich Ihnen audi das Buch von Jammes zuriickgeben,
das Sie mir geliehen haben. Ich fand den Roman du Lievre
sehr schon und auch die beiden Geschichten von den jungen
Madchen. Kenneii Sie die Gedichtbande von Jammes? Wenn
Sie sie fur gut halten und etwa besitzen wiirde ich mich
freuen, wenn Sie sie mir gelegentlich leihen wiirden. „ Exi-
stences" kenne und schatze ich schbn seit langem und babe es
mir unlangst selbst gekauft. Augenblicklich bin ich in der
Lektiire von Flaubert: Bouvart [sic!] et Pecuchet begriffen.
Das Buch ist in jedem Sinne das Schwerste das ich von Flau-
bert kenne. Vor einigen Wochen las ich das ungeheure Buch
von Dostojewski*. der Idiot.
So weit es meine jetzt sehr beschrankten Moglichkeiten
zulassen arbeite ich an meinen Baudelaire -t)bersetzungen.
Auch denke ich viel an eine groBere Arbeit die ich vor einem
Vierteljahr begonnen habe und fortzufuhren mich sehne.1
Meine Ischiasanfalle dauern noch an.
Meine Existenz ist so eingeschrankt daB ich Ihnen schrift-
lich davon nicht mehr mitteilen kann. Doch sollte es mir
leid tun wenn es mir etwa nach diesen Zeilen noch schlechter
zu gehen schiene als es in Wirklichkeit der Fall ist. Das
Schlimmste ist daB ich zur Zeit der Anwesenheit meiner
kunftigen Frau2 bei meinen Eltern wohne und die taglichen
Kampfe auf mich nehmen muB.
Haben Sie gelesen daB Norbert von Hellingrath3 gefallen
ist? Ich wollte ihm bei seiner Riickkehr meine Holderlin-
arbeit zu lesen geben, deren auBerlicher AnlaB die Stellung
ihres Themas in seiner Arbeit iiber die Pindar- tTbersetzung
war. — Ubrigens wollte er ein umfassendes Buch iiber Hol-
derlin schreiben.
Zu den wenigen standig erfreulichen Dingen gehort ein
133
Briefwechsel den ich seit mehr als einem Jahre fast ununter-
brochen mit einem urn mehrere Jahre jiingeren Menschen
fiihre4, der in einer Stellung in einem Lazarett sich befindet
die ihm Denken und Schreiben erlaubt. Ich habe ihn im
Friihjahr des vorigen Jahres einmal besucht. Fiir vieles ist
der Briefwechsel kraft seiner anderen Voraussetzungen die
immer in einem gewissen Grade das Leiden und Pathos des
Schreibers zulassen und gewahren die einzig mogliche Form
der AuBerung.
Ich weiB Ihnen in Ihrer Lage auch nichts besseres zu
wiinschen als daB Sie Briefe oft erfreuen mogen und daB
auch dieser soweit er es kann tue.
Ihr Walter Benjamin
1 Die Arbeit uber die Sprache. .
2 Dora Pollack. Die Heirat fand am 17. April 1917 statt.
3 Der Herausgeber der Georg Miillerschen Holderlinausgabe, den
W. B. sehr hoch schatzte.
4 Werner Kraft, damals in Hannover.
49 An Gerhard Scholem
Dachau, 23. 5. 17
Lieber Herr Scholem,
kaum habe ich Zeit und die auBere Moglichkeit Ihnen zu
schreiben gefunden, als ich auch sogleich deutlich an einen
AnlaB erinnert wurde. Es kamen namlich heute friih die
lange gesuchten samtlichen Schriften Baaders und weil ich
jetzt doch mit einiger Intensitat zu studieren hoffe, so will
ich was zusammen gehort bei einander haben. Anders kann
ich nicht lernen. Und Baader und Molitor1 gehoren so sehr
zusammen, daB gleich unter dem ersten was ich gelesen habe
zwei wichtige Briefe von ihm an Molitor waren, die unter
anderemWesentliches und Sch ones iib er die Schechinnahsagen.
Wie ist es denn also mit dem Exemplar, nach dem Sie fiir mich
fragen wollten. Falls Sie es erhalten haben, bitte ich Sie es mir
154
sofort unter Angabe Ihrer Auslagen die ich postwendend zu-
riickerstatte zu senden. Haben Sie es nicht erhalten, so werde
ich mich auf der Miinchener Universitatsbibliothek darum
bemiihen. Sollte aber auch das umsonst sein, so wiirde ich
unter Umstanden michdazu entschlieBen, Sieumeingeschrie-
bene Zusendung des Buches zu bitten, urn es mir, - wenn es
Ihnen entbehrlich ist, leihweise zu iiberlassen. Das ware nur
fur den Fall, daB meine Arbeit mir dies Studium unentbehr-
lich macht und ich auf keine andere Weise das Werk erhalten
kann. / Sie sollen gelegentlich die Ausziige iiber die Sche-
chinnah bei Baader und vielleicht Uuch anderes erhalten.
Unsere Adresse ist seit einigen Tagen, Dachau bei Mun-
chen Moorbad und Kuranstalt. Es ist Sommer, wir haben ein
schones Zimmer mit einer Loggia auf den griinen Garten
und weil wir im zweiten Stockwerk wohnen, konnen wir
sogar bisweilen die Alpen sehen. Die Kost und Pflege ist gut,
meine Ischias halt aber durchaus an.
Ich lese viel in Friedrich Schlegel und Novalis. Bei dem
ersten wird mir immer deutlicher wie er von alien Roman-
tikern wohl der einzige ist (sein Bruder kommt hier wohl
nicht in Frage) der den Geist dieser Schule ohne konstitutio-
nelle Schwache und Triibung entfaltet hat. Er ist dichterisch
rein, gesund und trage. Im tiefsten Innern des Novalis aber
wie des Brentano wohnt ein Krankheitskeim. Ich hoffe noch
genau zu zeigen, worin eigentlich die Krankheit des Novalis
liegt.
Die mathematische Theorie der Wahrheit2 — oder besser
ihre Entwicklung befindet sich allerorts in guten Handen.
In Miinchen habe ich nach mehr als einem Jahr meinen Be-
kannten (das Genie)3 gesprochen, der indessen in Erlangen
summa cum laude promoviert hat. Er arbeitet — wenn auch
nicht ausdriicklich in der Perspektive des Zionismus — an
demselben Problem wie Sie. Ich habe mit ihm die allerw esent-
lichsten Gesprache iiber die mathematische Theorie der Wahr-
heit und wie diese Disziplin zum ersten Male in Europa sich
bei den Py thagoraern entdeckt, gehabt. Urn aber diese Dinge
in Briefform mitteilen zu konnen — und noch anderes der
gleichen Art, was mir dort gesprachsweise entwickelt wurde
135
und von dem erstaunlichsten Wagemute ist - habe ich es
noch nicht geniigend begrifflich durchdrungen.
In Miinchen habe ich antiquarisch Kants Briefwechsel und
von Scheerbart den Mondroman „Die groBe Revolution" er-
worben. / Wie geht es Ihnen? Bitte schreiben Sie uns das
bald. Wir denken oft an Sie und je mehr es uns selbst einmal
besser geht, desto mehr erhoffen wir es auch fur Sie. Was
Lugano angeht, so erwarten wir von Ihnen noch einmal ge-
naue Weisung - so wie die Adresse Ihrer Mutter.
Wir griiBen Sie herzlichst und hoffen auf baldige Antwort.
Ihr Walter Benjamin
1 Molitor war der Autor des bedeutendsten alteren Werkes iiber die
Kabbala: „Philosophie der Geschichte oder Uber die Tradition" (1827-
1855), das 1916 noch beim Verlag zu haben war.
2 Der Ausdruck stammte von Scholem, der damit seine mathematisch-
philosophischen Spekulationen bezeicbnete,
3 W. B.s standige Bezeichnung fiir Dr. Felix Noeggerath (1886-1961),
mit dem er in seinem Munch ener Jahr 1915-1916 und spater, nach
1925, viel umging.
SO An Gerhard Scholem
[Juni 1917]
Lieber Herr Scholem,
ohne es gerade bewuBt zu haben, habe ich eine Umarbeitung
Ihrer Obersetzung des Hohen Lie des doch wohl immer fiir
wahrscheinlich (weil notwendig) gehalten und auch erwartet,
daB der gedruckte Text - ich habe ihn bei mir — mir fiir die
Beurteilung eines zukunftigen neuen eigentlich wichtig wer-
den wiirde. Ich bin also sehr gern bereit die kritische Arbeit
zu ubernehmen, die Sie mir antragen und ich bin gewiB viel
dabei zu lernen. Ich bitte Sie um moglichst baldige t)ber-
sendung des Manuscripts. / Der Molitor ist gekommen und
das Geld dafiir geht heute an Sie ab. Da meine Frau, die
heute und bis libermorgen in Miinchen ist, es abschickt, so
136
weiB ich nicht ob sie daran denkt, die 1 M fur Porto mitzu-
senden. Falls es* nicht geschehen ist, wird es dann sogleich
nachgeholt. Ich habe mich mit dem Besitz des Buches sehr
gefreut: iibrigens wird es ja, wie der Baader, gemaB der Zeit-
stromung selten, geschatzt und auch teuer werden, wie ich
glaube. Es ist wohl iiber die erste Abteilung des vierten
Bandes hinaus nicht gediehen? Nur um den Uberblick iiber
die Disposition zu haben, frage ich Sie nach dem Thema des
zweiten Bandes.1 / Baader hat gewiB sehr viel mit der Ro-
mantik zutun, so hat er einengroBen vonSchelling verhohle-
nen EinfluB auf diesen ausgeiibt. Gerade von dem Verfasser
des Aufsatzes, den sie erwahnen2, einem jungen Dr., Dichter
und auch philosophisch interessierten Menschen, den ich in
einem Munchener Seminar und auch sonst in Miinchen nicht
selten sprach, bin ich selbst auf Baader hingewiesen worden.
Auch kenne ich einen Aufsatz von ihm iiber diesen, ich weiB
nicht ob es der von Ihnen erwahnte ist. Die Dignitat von
Dr. Pulvers philosophisch en Ansichten ist mir noch sehr pro-
blematisch. Er hat eine recht konfuse wenn auch glanzend
zensierte Dissertation iiber romantische Ironie und roman-
tische Komodie geliefert. / Ich gerate erfreulicherweise zum
ersten Male tief in das Studium der Romantik hinein. - Kant
der in gewisser Weise hochst dringlich ware, muB ich immer
noch liegen lassen und auf eine bessere Zeit warten, denn
ihn (und auch [Hermann] Cohen, der iibrigens ernstlich er-
krankt sein soil) kann ich nur nach dem breitesten Plane, der
also mit groBen Zeitraumen rechnen muB, studieren. Ich
richte mich zunachst auf die Friihromantik, Friedrich Schle-
gel vor allem, dann Novalis, August Willi elm auch Tieck
und spater wenn mbglich Schleiermacher. Von einer Zusam-
menstellung Friedrich Schlegelscher Fragmente nach ihren
systematischen Grundgedanken gehe ich aus; es ist eine Ar-
beit, an die ich schon lange dachte. Sie ist natiirlich rein
interpretierend und welcher objektive Wert in ihr liegt bleibt
abzuwarten. Auch sind die Grenzen fiir diese Arbeit durch
die beschrankte Anzahl der wirklich auf das System hin zu
interpretierenden Fragmente eng gesteckt. Ich verdanke aber
dies em Versuch fiir mein Verstandnis der Friihromantik
137
bisher fast alles. Dazu fertige ich erne Harmonie aus entspre-
chenden Fragmenten des Novalis an, die viel sparlicher aus-
fallt als man nach deren sehr groBer Anzahl (einschlieBlich
der NachlaB-Fragmente) vermuten sollte. Das Zentrum der
Friihromantik ist: Religion und Geschichte. Ihre unendliche
Tiefe und Schbnheit im Vergleich zu alter Spiitromantik: daB
sie fiir die innige Verbindung dieser beiden Spharen nicht
auf die religiosen und historischen Tatsachen sich beriefen,
sondern im eigenen Denken und Leben die hohere Sphare zu
produzieren suchten in der die beiden koinzidieren muBten.
Es ergab sich nicht „die Religion" aber die Atmosphare, in
der alles was ohne sie und was angeblich sie war verbrannte,
zu Asche zerfiel. Wie auch ein solcher stiller Z erf all des
Christentums Friedrich Schlegel vor Augen stand, nicht etwa
weil er dessen Dogmatik bestritt, sondern weil seine Moral
nicht romantisch: das heiBt nicht still und lebendig genug,
weil sie ihm erregt, mannlich (im weitesten Sinne) und letz-
ten Endes unhistorisch erschien. Diese Worte finden sich bei
ihm nicht, sie sind Interpretation: aber die Romantik muj3
man (verstandig) interpretieren. Friedrich Schlegel hat in
dem uberirdischen Feuer dieser Atmosphare langer als ein
anderer geatmet, langer vor alien Dingen als Novalis der aus
seinem im tiefen Sinne praktischen oder besser: pragmati-
schen Ingenium das zu verwirklichen suchte was Schlegel
nezessitierte. Denn freilich ist die Romantik die letzte Bewe-
gung, die noch einmal die Tradition hinuberrettete. Ihr in
dieser Zeit und Sphare verfriihter Versuch gait der unsinnig
orgiastischen Eroffnung aller geheimen Quell en der Tradi-
tion, die unentwegt in die ganze Menschheit iiberstromen
sollte.
In einem Sinne, dessen Tiefe man erst darzulegen hatte,
sucht die Romantik das an der Religion zu leisten was Kant
an den theoretischen Gegenstanden tat: ihre Form aufzeigen.
Aber gibt es eine Form der Religion?? Jedenfalls dachte sich
die Friihromantik etwas dem Analoges unter der Geschichte.
Von dem „Krankheitskeim" des Novalis ein anderes Mai.
Ich denke noch dariiber nach. "Dber die Forschungen des Ge-
nies kann ich Ihnen brieflich wegen der groBen Schwierig-
158
keit, die der Gegenstand fiir mich hat, niclits mitteilen [. . .]
/ Die Identitatsthesen folgen bald.3 / Die Dissertation des
Genies ist noch nicht gedruckt. Ein kleiner Teil, den ich aus
dem Manuscript kenne, ist geradezu hochst bedeutend.
Den Band von Baader, in dem ich die Stelle iiber die Sche-
chinnah gefunden habe, konnen Sie sich wohl in der Biblio-
thek geben lassen: Die Sache steht zers'treut da und es ware
muhsam sie zu exzerpieren. Ich glaube iibrigens, daB seine
Ansicht der Wahrheit nahestehen mag. Samtl. Werke hg. von
F. Hoffmann Bd. IV p 343 ff bis 349. Ubrigens ist in dem-
selben Aufsatz die Auseinandersetzung iiber Zeit und Ge-
schichte S. 356/357 sehr zu beachten. Ich habe sie noch nicht
verstanden. Ferner ist im vorhergehenden Aufsatz der SchluB-
absatz S. 340 vielleicht fiir Sie auch interessant. Sie wiirden
mir einen Dienst leisten, wenn Sie mir einiges iiber die Idee
der zweimaligen Schopfung, die mich sehr interessiert und
aus Griinden schreiben konnten.
Ich bin mit den allerherzlichsten Griifien auch von meiner
Frau und guten Wunschen
Ihr Walter Benjamin
PS Die Geldsendung (16 M) ist im Brief enthalten.
1 Der zweite Band war beim Verlag ver griff en.
2 Max Pulver. Die welter unten erwahnte Arbeit ist seine Frei burger
Dissertation von 1912.
3 Die Thesen iiber das Identitatsproblem sind erhalten. Sie gingen auf
Diskussionen zwischen W. B. und Scholem Anfang 1917 zuriick.
51 An Ernst Schoen
St. Moritz, 30. Juli 1917
Lieber Herr Schoen,
es ist ein schoner, friiher Morgen und die Stunde auf die ich
gewartet habe um Ihnen fiir Ihr en Brief und das Buch zu
159
danken. Der Brief erreichte mich noch in Zurich, ich las ihn
im Bette liegend wahrend neben mir auf dem Nachttisch eine
kleine unzulangliche Ausgabe von Maurice de Guerins Wer-
ken lag, der einzigen, die ich mir vor einigen Monaten in
Deutschland beschaffen konnte. Bevor ich noch umgeblattert
und den Namen Ihres Geschenkes gelesen hatte, wufite ich,
daft es Maurice de Guerins Werke seien. Vor einigen Tagen
hatte ich Le Centaure gelesen. - Wissen Sie iibrigens Rat um
die Rilke'sche Ubersetzung dieses Buches irgendwie, wenn
auch nur voriibergehend, einsehen zu konnen. Sie ist meines
Wissens im Inselverlage erschienen, doch der letzte Gesamt-
katalog enthalt sie nicht mehr. Wunderbar ist Guerins Ein-
dringen in den Geist des Centauren ; nachdem ich ihn gelesen
hatte, schlug ich Holderlins gewaltiges Fragment: „das Be-
lebende" auf (am SchluB der Hellingrath'schen Sonderaus-
gabe der Pindar-tJbertragungen) und die Welt von Gu6rins
Centauren geht in die groBere des Holderlinschen Frag-
ments ein.
Wir sind seit einer Woche hier; ich habe diesen Ort - ich
darf es sagen - nach jahrelangem Ringen gefunden und be-
trat ihn endlich nachdem in Zurich auch die letzte Beziehung 1
die mich unklar mit Vergangnem verstrickte gefallen war.
Ich hoffe die beiden Jahre vor dem Kriege als Samen in mich
aufgenommen zu haben und von da an bis heute geschah
alles zu ihrer Lauterung in meinem Geist. Wenn wir uns
wiedersehen werden wir liber die Jugendbewegung sprechen
deren Sichtbares so vollkommen, mit so erschutternder Ge-
walt untergegangen ist. Alles, aufier dem wenigen wodurch
ich mein Leben zum leben bestimmen lieB, dem ich in den
letzten beiden Jahren mich zu nahern suchte, war Untergang
und ich finde mich hier in vielfachem Sinne gerettet: nicht
zur MuBe Sicherheit Reife des Lebens, wohl aber entronnen
damonischen gespenstischen Einwirkungen die wo wir uns
hinwenden am Herrschen sind und entronnen der rohen
Anarchie, der Gesetzlosigkeit des Leidens.
Ich habe zu meinem Geburtstage die Werke des Gryphius
in einer schonen alten Ausgabe bekommen. Das Werk dieses
Mannes ist ein Wahrzeichen der groBen Gefahr die uns auch
140
heute bedroht: die Flamme des Lebens wenn niclit ersticken
so doch hoffnungslos verdiistem zu lassen; Licht gibt mir die
Besonnenheit im Geist der vergangenen Jahre.
Ich arbeite noch nicht; wann ich dazu komme, hangt von
den Umstanden ab. Wenn ich eine groBe Bibliothek zur Ver-
fiigung hatte konnte ich vieles tun; so versammle ich hoffent-
lich mit der Zeit meine kleine und hoffe nur immer zur
Arbeit imstande zu sein, wenn sie nun nach Jahren wieder
moglich werden wird. / Meine Arbeit uber die Sprache kann
ich Ihnen augenblicklich nicht ubermitteln, das in Deutsch-
land befindliche Exemplar ist zur Zeit unerreichbar.2 Ich
wage die Hofrnung daB wenn Sie sie lesen werden sie schon
liber den ersten Teil hinaus gediehen sein moge. Aber ich
kann Ihnen vielleicht von Zeit zu Zeit kurze Abschriften von
Notizen die ich geschrieben habe senden?
Fur heute leben Sie wohl. Meine Frau und ich senden
Ihnen herzliche GriiBe
Ihr Walter Benjamin
1 Zu Herbert Belmore.
2 Scholem war im Heer.
52 An Gerhard Scholem
Zurich, 17.7. 1917
Lieber Herr Scholem,
Lassen Sie mich einige Worte iiber Ihre Ubersetzung des
Hohen Liedes sagen. Den Text habe ich leider dabei nicht vor
mir, habe ihn nicht einmal vollstandig in der.letzten auf-
reibenden Zeit in Dachau lesen kbnnen: immerhin sind diese
Einschrankungen weniger wichtig als meine Unkenntnis,
nicht allein des Hohen Liedes sondern des Hebraischen. Es
kann sich demnach nur urn ein apercu handeln, des wenigen
was ich sage glaube ich mich aber ziemlich sicher.
Das was die zweite Ubersetzung von der ersten1 unter-
141
scheidet ist die vollstandige und gewissenhafte Applikation
der Kritik; die Umarbeitung ist methodisch begriindet, sie ist
aber zugleich nichts als methodisch. Und das riihrt wenn ich
mir eine Vermutung erlauben darf daher: Ihre Liebe zur
hebraischen Sprache kann sich im Medium der deutschen nur
als Ehrfurcht vor dem Wesen der Sprache und dem Worte
iiberhaupt darstellen, nur in der Anwendung einer guten und
reinen Methode. Das heiBt aber: Ihre Arbeit bleibt eine
apologetische, weil sie die Liebe und die Verehrung eines
Gegenstandes nicht in seiner Sphare ausdriickt. Es ware nun
prinzipiell nicht unmoglich daB zwei Sprachen in eine Sphare
eingehen: im Gegenteil das konstituiert alle groBe Uber-
setzung und bildet die Grundlage der ganz wenigen groBen
Ubersetzungswerke die wir haben. Im Geiste Pindars er-
schloB sich Holderlin die gleiche Sphare der deutschen und
der griechischen Sprache: seine Liebe zu beiden wurde eine.
(UngewiB bin ich mir halte es aber fast fur moglich daB man
liber Georges Dante-Ubersetzung gleich GroBes sagen kann)
Ihnen jedoch ist die deutsche Sprache nicht gleich nahe wie
die hebraische und darum sind Sie nicht der berufene Uber-
setzer des Hohen Liedes, wahrend Sie es eben dem Geiste der
Ehrfurcht und der Kritik verdanken, daB Sie kein Unberufe-
ner geworden sind. Ich glaube letzten Endes werden Sie
selbst dieser Arbeit mehr zu danken haben als jeder andere. -
Ich fand im Friihjahrskataloge des Insel-Verlages Buber,
Martin: Die Lehre, die Rede und das Lied. Nun ist das eben
die Einteilung sprachlicher AuBerung die ich in meinem un-
beantworteten Brief an ihn machte. Steckt nun etwavielleicht
dahinter die Antwort? Etwa eine zustimmende? Etwa ohne
Angabe des Adressaten? Ich werde mich bemiihen diesem
Zusammenhang auf die Beine zu helfen und Sie werden dann
mehr horen.
Wir fahren sehr bald von hier ins Engadin. Bis Sie eine
neue Adresse erhalten schreiben Sie, und bald und oft, hie-
her. Wir denken oft an Sie und sind mit unsern herzlichsten
Wiinschen bei Ihnen.
Ihr Walter Benjamin
142
l Diese Obersetzung war 1916 in einigen Exemplaren gedruckt wor-
den
S3 An Gerhard Scholem
St. Moritz, [September 1917]
Lieber Gerhard,
erlauben Sie daB ich die Erinnerung an Ihren Kampf und
Sieg mit der Einfiihrung des Vornamens unter uns verbinde.
Bei aller Freude iiber Ihren letzten Brief (den ich hier so-
gleich beantworte) habe ich ein geradezu schmerzliches
Gefiihl empfunden bei dem Gedanken daB wir jetzt nicht
zusammen sein sollten. 1st es denn wirklich unmoglich? Wir
sind jetzt wie ich iiberzeugt bin in gewisser Beziehung von
einer Gleichheit, deren Grundfarbe wohl die Dankbarkeit ist,
in der innersten Lage des Lebens die ein hochst fruchtbares
und schones Zusammenarbeiten versprechen wiirde. Dazu
kommt, wie meine Frau und ich hier noch ganz einsam
stehen. Haben Sie nicht die Moglichkeit, durch bescheidene
Tatigkeit sich das bescheidene Geld (in Franken) zu verdie-
nen was zu Ihren monatlichen Beziigen geschlagen eine be-
scheidene aber gesunde Lebenshaltung garantieren wiirde?
Und wie lange wiirden wir sonst noch warten miissen bis
wir uns wiedersahen ?
In wenigen Tagen fahre ich geschaftlich nach Bern, Wo
ich im Winter dann studieren werde weiB ich noch nicht.
Vielleicht in Zurich; unter Umstanden wiirde ich aber auch
Basel wahlen miissen wenn sich das in Sachen meiner Promo-
tion giinstiger erwiese. Dort ist der sehr liberale Prof. [Karl]
Joel. / Nach dem was ich iiber den Konflikt von Prof. Bauch
mit der Kantgesellschaft gehort habe, scheint es mir aus-
geschlossen, daB er mehr als einige Details der philosophi-
schen Forschung ubermitteln kbnnte; Sie werden wohl ge-
legentlich von diesem Konflikt horen. Linke wird meines
Wissens inphanomenologischen Kreisen nicht sehr geschatzt 1 ;
143
doch habe ich einem Aufsatz von ihm einige Belehrung iiber
das Wesen der Phanomenologie oder das was er dafiir ansieht
zu danken. Das ist eine Polemik gegen eine verstandnislose
Kritik der Phanomenologie durch Elsenhans und sie steht im
Jahrgang 1916 der Kant-Studien.
Hier arbeite ich augenblicklich nicht sondern denke nur
bei Gelegenheit iiber manches nach. Es ist hier zu anderm
nicht der Ort und fiir diese Sommerwochen habe ich ihn auch
recht gewahlt. Es ist hier eine groBe anspannende und den
Geist stahlende Landschaft, die mit heilender Gewalt ver-
hindert daB die innere Losung die wir gefunden haben uns
innerlich bis zur Vernichtung erschuttern konnte. Meiner
Frau lese ich „Cardenio und Celinde" von Gryphius vor, ich
selbst lese es dabei zum zweiten mal. Es ist ein sehr schones
Drama. [..-]'
Sie diirf en meinen Aufsatz iiber die Sprache Ludwig StrauB
vorlesen, wenn ich dafiir, wenn irgend moglich, eine Ab-
schrift seiner Arbeit2 leihweise erhalten kann. Ich will Ihnen
sagen daB mir sehr viel daran liegt eine Arbeit iiber Ethik
die Sie betrachtlich finden kennen zu lernen, ich kann mir
kaum Interessanteres und Wichtigeres fiir mich denken und
eben darum wiirde ich die Arbeit gern genau und also ab-
schriftlich fiir einige Zeit vor mir haben. Ich wiirde was
meine Arbeit angeht, Ludwig StrauB, den ich herzlich
griiBen lasse, naturlich Gleiches zugestehen: vollstandiges
gegenseitiges Vertrauen ist hierbei Voraussetzung. / Den
neuen Band der Holderlin Ausgabe werde ich mir kommen
lassen. Das Georgische Gedicht3, das auch Herr Kraft4 mir
schon erwahnte, ist mir bisher leider noch nicht zu Gesicht
gekommen.
6. September
Ich habe Ihren Aufsatz5 erhalten und danke Ihnen dafiir. Er
ist sehr gut. Fiir eine weitere Ausfiihrung mbchte ich Sie auf
folgende Gedanken hinweisen. Sie schreiben: „AUe Arbeit ist
Unsinn, die nicht auf das Beispiel abzielt" „Wenn wir Ernst
machen wollen : ... so ist das heute wie immer die tief ste
144
Beeinflussung der Seelen der Kommenden — und die einzige:
durch das Beispiel." Der Begriff des Beispiels (von dem der
„Beeinflussung" ganz zu schweigen) ist aus der Erziehungs-
lehre vollig auszuschalten. Es haftet ihm einerseits das Em-
pirische und andererseits ein Glaube an die blofle Macht
(durch Suggestion oder ahnliches) bei. Beispiel wiirde bedeu-
ten: durch Vormachen zeigen daB etwas empirisch moglich
ist und zur Nachahmung aneifern. Das Leben des Erziehen-
den wirkt aber nicht mittelbar, durch Aufstellung eines
Beispiels. Weil ich mich sehr kurz fassen muB will ich ver-
suchen das am Unterricht zu erlautern. Unterricht heiBt
Erziehung durch die Lehre im eigentlichen Sinn und muB
deshalb in der Mitte aller Gedanken liber Erziehung stehen.
Die Loslosung der Erziehung vom Unterricht ist das Anzei-
chen vollstandiger Verwirrung in alien bestehenden Schulen.
Der Unterricht ist fur alle iibrigen Bezirke der Erziehung
symbolisch, denn auch in alien iibrigen ist der Erzieher der
Lehrende. Nun kann man zwar das Lehren als ein „beispiel-
haftes Lernen" bezeichnen aber man findet sofort daB der
Begriff Beispiel ganz iibertragen gebraucht wird. Der Lehrer
lehrt nicht eigentlich indem er „vor-lernt", beispielhaft
lernt sondern sein Lernen ist teilweise allmahlich und ganz
aus sich selbst zum Lehren iibergegangen. Wenn man also
sagt der Lehrer gibt das „Beispiel" zum Lernen so verdeckt
man durch deii Begriff Beispiel das Eigentiimliche Autonome
im Begriff solchen Lernens: namlich das Lehren. In einem
gewissen Stadium werden bei dem rechten Menschen alle
Dinge beispielhaft aber sie verwandeln sich damit in sich
selbst und werden neu. Dieses neue schopferische in den
Lebensformen des Mannes sich entf alten zu sehen erofTnet in
die Erziehung den Einblick. Ich wiinschte nun daB Sie in
der Ausarbeitung Ihres Aufsatzes den Begriff des Beispiels
dergestalt eliminierten und zwar in dem der Tradition auf-
heben mochten. Ich bin iiberzeugt: die Tradition ist das
Medium in dem sich kontinuierlich der Lernende in den Leh-
renden verwandelt und das im ganzen Umf ang der Erziehung.
In der Tradition sind alle Erziehende und zu Erziehende und
alles ist Erziehung. Symbolisiert und zusammengefaBt wer-
145
den diese Verhaltnisse in der Entwicklung der Lehre. / Wer
nicht gelernt hat kann nicht erziehen, denn er sieht nicht an
welcher Stelle er einsam ist, wo er also auf seine Weise die
Tradition umfaBt und lehrend mitteilbar macht. Wer sein
Wissen als iiberliefertes begriffen hat in dem allein wird es
uberlieferbar, er wird in unerhorter Weise frei. Hier denke
ich mir den metaphysischen Ursprung des talmudischen
Witzes. Die Lehre ist wie ein wogendes Meer, fur die Welle
aber (wenn wir sie als Bild des Menschen nehmen) kommt
alles darauf an sich seiner Bewegung so hinzugeben, daB sie
bis zum Kamme wachst und uberstiirzt mit Schaumen. Diese
ungeheure Freiheit des Ubersturzes ist die Erziehung, im
eigentlichen : der Unterricht, das sichtbar- und frei werden
der Tradition, ihr Uberstlirzen aus lebendiger Fiille. Es ist
so schwer iiber Erziehung zu reden weil deren Ordnung mit
der religiosen Ordnung der Tradition ganz zusammen fallt.
Erziehen ist nur (im Geiste) die Lehre bereichern; nur wer
gelernt hat kann das: darum ist es unmbglich fur die Kom-
menden anders als lernend zu leben. Die Nachkommen sind
aus dem Geist Gottes (Menschen), sie steigen aus der Bewe-
gung des Geistes wie Wellen auf. Unterricht ist der einzige
Punkt der freien Vereinigung der alteren mit der jiingeren
Generation, wie Wellen die im Ineinandergehen denSchaum-
kamm werfen.
Jeder Irrtum in der Erziehung geht darauf zuriick daB
man in irgend einem letzten Sinn unsere Nachkommen von
uns abhangig denkt. Sie sind von uns nicht anders abhangig
als von Gott und der Sprache in die wir uns daher um irgend
einer Gemeinsamkeit mit unsern Kindern willen versenken
miissen. Junglinge konnen nur ihresgleichen, nicht Kinder
erziehen. Manner erziehen Junglinge.
Hoff entlich geht dieser Brief nicht zu lange. Ich beschlieBe
ihn mit den herzlichsten GriiBen von meiner Frau und mir,
der ich bald von Ihnen zu horen gedenke.
Ihr Walter Benjamin
1 Bruno Bauch und Paul Linke lehrten in Jena, wo Scholem im Win-
ter 1917-1918 studierte.
146
2 Einen (handschriftlichen) Entwurf einer „Ethik",
3 „Der Kxieg".
4 Werner Kraft, mit dem W. B. seit 1915 in lebhaftem (leider ver-
lorenen) Briefwechsel, vor allem uber Literarisches, stand. Sowohl
Kraft wie Scholem waren, unabhiingig voneinander, mit W. B. unter
dem Eindruck einer Diskussion bekannt geworden, die im Juni 1915
iiber einen Vortrag von Kurt Hiller vor Akademikern stattfand und bei
der, unter anderen, alle drei gesprochen hatten.
5 Eine prinzipielle Kritik der judischen Erziehungsarbeit des jiidischen
Wanderbundes „Blau~WeiB", die in dessen „Fuhrerzeitung" im Som-
mer 1917 erschien.
54 An Ernst Schoen
Bern, 10. September 1917
Lieber Herr Schoen,
Ihr letzter Brief liegt wahrend ich dies schreibe nicht neben
mir — ich schreibe dennoch weil alles in dieser Stadt mich
dazu bewegt und weil ich daran denke da!3 das — vielleicht
gliicklose — Semester das Sie hier verlebten einige schtine
Briefe die mich damals tief bewegten mir von Ihnen brachte
[. . .] Fur fast alles ist der briefliche Ausdruck versagt, ich
will Ihnen nur das schreiben was ich der Wahrheit gemaB
aussprechen kann, und wo ich im Schreiben nicht ganz klar
sein konnte schweigen.
Gestern sahen wir hier einen jungen Musiker1 den ich vor
mehreren Jahren als er aus Wicker sdorf kam als einen an-
mutigen und stillen Knaben, den schon damals die Musik
allein beschaftigte, kennen lernte. Ich glaubte meine Frau
und mich mit diesem Wiedersehen erfreuen zu konnen — aber
ich fand einen jungen Mann der (gewifi nicht haBlich war)
aber seine eigentximliche sondere Schbnheit verloren hatte. Ein
vielleicht unverdorbener, ein bildsamer Mensch. Aber lassen
Sie es mich aussprechen: Er hatte einen Buckel bekommen.
In diesem Bilde verdichtete sich der geistige Eindruck den
147
ich von ihm empfing. Spater sprach ich dariiber mit meiner
Frau: es erschien mir dieser Buckel plotzlich eine Eigentiim-
lichkeit der meisten modernen Menschen die sich der Musik
widmen. Sie sind wie innerlich verwachsen; als triigen sie.
etwas Schweres auf etwas Leerem. Dieser „Buckel" und was
mit ihm zusammenhangt ist eine besondere Form der mir
verhaBten Sokratik, der modernen, der ,,SchonhaBlichkeit".
Ganz von selbst gerieten wir in diesem Gesprache auf Sie und
wie in Ihnen das BewuBtsein, in Ihren Bedingungen der
bloBen Beschaftigung mit der Musik noch nicht gewachsen
zu sein, nicht diese bittere und eitle Form annehme. Ihr
Riickgrat wird, weil Sie verzichten konnen und keinesfalls
niemals falsche Fiille behaupten werden gerade bleiben. Ist
Ihnen das denn nicht selbst bewuBt und vermag dieses Be-
wuBtsein nicht, Sie wahrend Ihrer gewiB langen Krisis auf-
recht zu erhalten?
Befreien Sie sich aus der Ihnen nachsten Not.
Das scheint mir gegenwartig der gefahrliche Agon zu sein
in den Ihre Krafte eintreten mussen.
Bern ist eine herrliche Stadt wenn es auch vielleicht un-
moglich sein mag allein in ihr zu leben. Wie lange wir npch
hier bleiben und wohin wir dann gehen ist noch ungewiB.
Ich muB geduldig warten bis ich wieder einmal einen Schreib-
tisch und eigene Arbeit vor mir habe. Aber es drangt Vieles
nach Ausfuhrung.
Hier ist ein Gedicht von mir
beim Anblick des Morgenlichtes
Taucht doch der Mensch aus lindem Wahn empor
Wie konnte sich Erwachen selbst ermessen?
Der Sonne Flut erfullet noch das Ohr
bis ihre Ebbe sich im Tag verlor
Und Traum der wahrgesagt sein selbst vergessen
Vor allein aber wird zuerst Gestalt
dem eine Hand ins Stammgehege greift
der Hort der Traurigkeit der hohe Wald
148
In seinen Wipf eln ist ein Licht gereift
das mude blicket und von Nachten kalt
Wie bald bin ich auf dieser Welt allein
die schaffend ausgreift meine Hand halt ein
Und fiihlt erschauernd ihre eigene BloBe
Ist dieser Raum dem Herzen denn zu klein
Wo atmet er aus seiner rechten GroBe?
Wo sich das Wachen nicht vom Schlafe scheidet
Hebt Leuchten an das ist wie Mond umkleidet
Und dennoch droht ihm keine Helle Spott
Des Menschen Wiese wo er scblummernd weidet
In Traumes altem Dunkel nicht mehr leidet
In alten Raumes Lichte wachet : Gott.
Ich griiBe Sie herzlich. Schreiben Sie mir wie es Ihnen
geht. Auch von meiner Frau viele GriiBe
Ihr Walter Benjamin
l Er hieB Heymann.
55 An Gerhard Scholem
Bern, 22. Oktober 1917
Lieber Gerhard,
Ihre beiden Briefe vom 20ten und 28ten September haben,
um in der Antwort auch nur einigermaBen aufgenommen
und weitergefiihrt werden zu konnen, diese Antwort erst in
groBerem Zeitabstand zugelassen. Ich habe indessen standig
iiber das was Sie schreiben nachgedacht — bis auf Ihre Ge-
danken iiber Kant, von denen ich das nicht sagen kanri, weil
sie schon seit zwei Jahren schlechterdings meine. eigenen sind.
Niemals hat mich unsere Ubereinstimmung erstaunlicher
getroffen als in Ihren Worten dariiber, die ich buchstablich
zu meinen eigenen machenkdnnte. Deshalbbrauche ich Ihnen
149
gerade dariiber vielleicht am wenigsten zu schreiben. Ohne
bisher dafiir irgend welche Beweise in der Hand zu haben,
bin ich des festen Glaubens, daB es sich im Sinne der Philo-
sophie und damit der Lehre, zu der diese gehort, wenn sie sie
nicht etwa sogar ausmacht, nie und nimmer um eine Er-
schiitterung, einen Sturz des Kantischen Systems handeln
kann sondern vielmehr um seine granitne Festlegung und
universale Ausbildung. Die tiefste Typik des Denkens der
Lehre ist mir bisher immer in seinen Worten und Gedanken
aufgegangen, und wie unermeBlich viel vom Kantischen
Buchstaben auch mag fallen miissen, diese Typik seines
Systems, die innerhalb der Philosophie nur mit der Platos
meines Wissens verglichen werden kann, muB erhalten blei-
ben. Einzig im Sinne Kants und Platos und wie ich glaube
im Wege der Revision und Fortbildung Kants kann die
Philosophie zur Lehre oder mindestens ihr einverleibt werden.
Mit Recht werden Sie bemerken daB „im Sinne Kants"
und „die Typik seines Denkens" ganz unklare Ausdriicke
sind. In der Tat sehe ich nur die Aufgabe, wie ich sie eben
umschrieben habe, klar vor mir, daB das Wesentliche des
Kantischen Denkens zu erhalten sei. Worin dieses Wesent-
liche besteht und wie man sein System neugriinden muB, um
es hervortreten zu lassen, weiB ich bis heute nicht. Aber es
ist meine Uberzeugung: wer nicht in Kant das Denken der
Lehre selbst ringen fuhlt und wer daher nicht mit auBerster
Ehrfurcht ihn mit seinem Buchstaben als ein tradendum, zu
IJberlieferndes erfaBt (wie weit man ihn auch spater um-
bilden miisse) weiB von Philosophie garnichts. Deshalb ist
auch jede Bemanglung seines philosophischen Stils pures
Banausentum und profanes Geschwatz. Es ist durchaus wahr,
daB in den groBen wissenschaftlichen Schopfungen die Kunst
mitumfaBt sein muB (wie umgekehrt) und so ist es auch
meine Uberzeugung, daB Kants Prosa selbst einen limes der
hohen Kunstprosa darstellt. Hatte sonst die Kritik der reinen
Vernunft Kleist bis ins Innerste erschiittert?
In dem bisher gesagten weiB ich mich mit dem Genie
einig. Seine gegenwartige Adresse habe ich nicht, kbnnte sie
aber wohl ermitteln. Dabei will ich folgendes bemerken: ich
150
habe es aufs tiefste empfinden miissen, daB bei so tiefreichen-
der Gleichheit des Bildes, das zwei Menschen von der Wahr-
heit in sich tragen, aucb fiir ihre Gemeinschaft in jedem
Sinne und auch in dem der Entdeckung dieser Wahrheit,
innige Verwandtschaft unerlaBlich ist, weil es sonst iiber
gegenseitige freimiitige Mitteilung und Achtung garnicht
hinauskommen kann. Das ware auch das hochste das ich mir,
soweit es noch nicht erreicht ist, von meiner Beziehung zum
Genie versprechen kann; denn in jedem anderen Punkte als
diesem auBersten Beruhrungspunkte in der Intuition, die bei
beiden nicht aus verschiedenen, nein, wahrscheinlich aus ent-
gegengesetzten Quellen flieBt, werden die Arbeitsmethoden
disparat; so daB man nur miteinander sprechen, nicht durch-
aus in Gemeinschaft mit einander wird arbeiten konnen. Dies
glaube ich was meine Beziehung zum Genie angeht bereits
als sicher annehmen zu diirfen; Deutscher und Jude stehen
sich gleich den verwandten Extremen gegeniiber, wie ich es
ihm selbst einmal sagte. Doch wiirde es bei ihm und mir
immer noch auf den mit Ernst unternommenen Versuch
ankommen, wenn das eben moglich ware, und so mag es auch
bei Ihnen sein. Ich brauche Ihnen hiernach kaum zu sagen,
wie sehr ich mir im letzten Sinne von unserem Zusammen-
sein Forderung unserer Selbst im Wissen versprache.
Ich werde in diesem Winter beginnen iiber Kant und die
Geschichte zu arbeiten. Noch weiB ich nicht, ob ich den not-
wendigen durchaus positiven Gehalt in dieser Beziehung bei
dem historischen Kant vorfinden werde. Davon hangt es auch
mit ab, ob ich aus dieser Arbeit meine Doktordissertation
werde entwickeln konnen. Denn ich habe die betreffenden
Schriften von Kant noch nicht gelesen. Neben manchem An-
laBlichen und Interessanten glaube ich jetzt den letzten
Grund der mich auf dieses Thema verwiesen hat darin zu
erkennen, daB immer die letzte metaphysische Dignitat einer
philosophischen Anschauung die wirklich kanonisch sein
will, sich in ihrer Auseinandersetzung mit der Geschichte am
klarsten zeigen wird ; m. a. W. in der Geschichtsphilosophie
wird die spezifische Verwandtschaft einer Philosophic mit
der wahren Lehre am klarsten hervortreten miissen; denn
151
hier wircl das Thema des historischen Werdens der Erkennt-
nis das die Lehre zur Auflosung bringt, auftreten miissen.
Doch ware es nicht ganz ausgeschlossen, dafi in dieser Be-
ziehung Kants Philosophic noch sehr unentwickelt ware.
Nach dem Schweigen, das iiber seine Geschichtsphilosophie
herrscht, miifite man dies (oder das Gegenteil) glauben. Aber
ich denke es wird sich fur den, der mit richtigem Verstand
herarigeht, geniigend und mehr als das finden. Oder aber ich
werde dabei ein anderes Arbeitsgebiet finden. Meine iibrigen
Gedanken dariiber konnte ich Ihnen jetzt am besten miindlich
andeuten.
Bitte lesen Sie unter alien Umstanden Barthel: die geo-
metrischen Grundbegriff e im Archiv fur systematische Philo-
sophic hg von L. Stein Neue Folge der Philos. Monatsh. Bd
XXII Heft 4 November 1916. Ich habe den Aufsatz durch-
blattert und naturlich nur teilweise verstanden. Sie miissen
sich damit auseinandersetzen und mir schreiben was daran ist.
Gegenwartig, ehe ich meine Kantlektiire beginnen kann,
lese ich das Lehrbuch der Dogmengeschichte von Harnack in
drei Banden. Ich stehe am Ende des ersten. Das Buch gibt
mir sehr viel zu denken indem es mich zum ersten Mai be-
fahigt mir eine Vorstellung von dem was Christentum ist
zu machen und mich fortwahrend auf Vergleiche mit dem
Judentum fuhrt, fur die mein Wissen, euphemistisch gesagt,
ganz unzulanglich ist. Trotzdem haben sich mir einige be-
stimmte Probleme ergeben, deren jedes gut darzulegen eben-
soviele Briefe erfordern wiirde. Ich deute zwei in Form von
Fragen an 1) gibt es im Judentum den Begriff des Glaubens
im Sinn des adaquaten Verhaltens zu der Offenbarung?
2) Gibt es im Judentum eine irgendwie prinzipielle Schei-
dung und Unterscheidung zwischen der jiidischen Theologie,
Religionslehre und dem religiosen Judentum des einzelnen
Juden? Beides beantwortet meine Ahnung mit Nein und
beides wiirde dann sehr wichtige Gegensatze gegen den
christlichen Religionsbegriff konstituieren. Von einem ande-
ren groBen Problem des Christentums das sich ergeben hat
ein andermal. Dagegen aber a propos diese Bemerkung: Ein
Hauptstiick der vulgdren antisemitischen wie zionistischen
152
Ideologie ist der HaB des Nicht-Juden gegen den Juden, der
instinktiv und rassenmaBig physiologisch begriindet sei, da
er sich gegen die Physis kehre. Dieser unbewuBt vollzogene
SchluB ist aber falsch, denn es ist eine der erstaunlichen
wesenhaften Eigenarten des Hasses, daB, welchen Grund und
ArilaB er audi immer habe, er in seinen primitivsten und
intensivsten Formen HaB gegen die physische Natur des Ge-
haBten wird. (In dieser Richtung ware auch die Verwandt-
schaft zwischen HaB und Liebe zu suchen) Wenn also von
einem HaB der Nicht-Juden gegen Juden in gewissen Fallen
gesprochen werden kann, so iiberhebt das nicht der Miihe
geistige Gninde fiir dieselben zu suchen. In dieser Hinsicht
ist nun als ein Motiv (zunachst nicht des Hasses aber des
Unwillens gegen Juden und Judentum) zu beriicksichtigen
die historisch gewordene hochst verlogene l und schief e Art
und Weise wie das alte Testament der Anerkenntnis der
kommenden christlichen Jahrhunderte und Volker durch die
altesten Kirchen und Gemeinden aufgezwungen wurde ur-
spriinglich allerdings in der Hoffnung es den Juden zu ent-
reiBen und ohne BewuBtsein historischer Folgen, da man
in Erwartung des nahen Endes lebte, wo durch eine welt-
geschichtliche Verstimmung der Christen gegen das Juden-
tum geschaffen werden muBte. Dies wie gesagt nur a propos.
Von Ludwig StrauB ist noch nichts gekommen. Unter der
Voraussetzung, daB ich in den Besitz seiner Arbeit gelange
und wenn ich dies bestatigt habe, konnen Sie ihm ein Exem-
plar der Abschrift der Spracharbeit zusenden. Ein zweites
kann Herr Kraft, das dritte Sie und wenn Sie keine andere
Verwendung dafur haben, ein viertes ich erhalten. Sonst
lieBe sich fiir mich noch ein fiinftes vielleicht herstellen; aber
wer sollte dann das vierte erhalten? / Ich weiB leider nicht,
lieber Gerhard, wann Ihr Geburtstag ist, zu dem meine Frau
und ich Ihnen zu spat oder zu friih aber niemals zu herzlich
gratulieren konnen. So schreiben Sie uns denn bitte, ob die
Photographien die Sie mit der nachsten Sendung erhalten
werden, zu friih oder zu spat kamen. Sie sind in der schwer-
sten Zeit in Dachau aufgenommen worden, urspriinglich als
PaBaufnahmen gedacht, als die sie aber nicht in Betracht
153
kommen. Im Verhaltnis zu der groBen Schwierigkeit, ein
Bild meiner Frau aufzunehmen, ist es wohl nicht schlecht.
Diese nachste Sen dung soil zugleich die Abschrift eines
Aufsatzes von mir enthalten, iiberschrieben: Uber die Male-
rei der als Antwort auf Ihren Brief iiber Kubismus zu gelten
hatte, obwohl dieser darin kaum erwahnt ist.2 Es ist eigent-
lich kein Aufsatz sondern zu einem solchen erst der Entwurf .
Hier einige Bemerkungen dazu: nachdem ich schon in
St. Moritz, wie ich Ihnen von dort seinerzeit geschrieben
habe, iiber das Wesen der Graphik nachgedacht hatte und bis
zur Aufzeichnung einiger Satze gekommen war, die mir bei
der Abfassung der neuen leider nicht zur Hand waren, hat
Ihr Brief in Verbindung mit den fruheren Uberlegungen
diese Satze als Resultate meines Nachdenkens veranlaBt. Am
unmittelbarsten, indem er mir das Interesse an der Einheit
der Malerei trotz ihrer scheinbar so disparaten Schulen er-
weckte. Indem ich (im Gegensatz zu Ihren Behauptungen)
erweisen wollte, dafi ein Rafaelsches und ein kubistes [sic]
Bild als solche wesenhaft ubereinstimmende Merkmale neben
den trennenden zeigen, ist die Betrachtung der trennenden
fortgeblieben. Dafur habe ich aber versucht denjenigen
Grund aufzufinden, von dem alle Verschiedenheit sich aller-
erst abheben konnte. Wie entschieden ich dabei Ihrer Tricho-
tomie der Malerei in farblose (lineare) farbige und synthe-
tische widersprechen muBte, werden Sie sehen. Das Problem
des Kubismus liegt von einer Seite her gesehen in der
Moglichkeit einer, nicht notwendig farblosen, aber radikal
unfarbigen * Malerei in der lineare Gebilde das Bild beherr-
schen — ohne daB der Kubismus aufhorte Malerei zu sein und
zur Graphik wiirde. Ich habe dies Problem des Kubismus
weder von dieser noch einer anderen Seite beruhrt einerseits,
weil es mir bisher vor einzelnen konkreten Bildern oder Mei-
stern noch nicht entscheidend aufgegangen ist. Der einzige
Maler unter den neuen, der mich in diesem Sinne beruhrt
hat, ist Klee, andrerseits aber war ich mir uber die Grund-
* Dieser Unterschied miiBte natiirlich erst erklart und klar-
gestellt werden
154
lagen der Malerei noch viel zu sehr im unklaren, urn von
dieser Ergriffenheit zur Theorie fortzuschreiten. Ich glaube,
daJ3 ich spater dazu komraen werde. Von den modernen
Malern Klee Kandinsky und Chagall ist Klee der einzige der
offensichtliche Beziehungen zum Kubismus aufweist. Doch
ist er so weit ich dariiber urteilen kann, wohl keiner, wie
eben diese Begriffe im Uberblick der Malerei und ihrer
Grundlegung unentbehrlich sind, jedoch der einzelne groBe
Meister nicht gerade nur durch einen bestimmten dieser Be-
griffe theoretisch erfaBbar wird. Wer in diesen Kategorien
der Schulen als einzelner Maler relativ zulanglich erfaBt
werden kann, wird kein groBer sein, weil Ideen der Kunst
(denn Schulbegriffe sind solche) sich auch in der Kunst nicht
unmittelbar ausdriicken konnen ohne kraftlos zu werden. In
der Tat habe ich bisher vor Picassos Bildern imraer diesen
Eindruck des Kraftlosen und Unzulanglichen gehabt, den Sie
mir zu meiner Freude bestatigen; gewiB weil Sie nicht, wie
Sie es schreiben, zu dem rein kunstlerischen Inhalt dieser
Dinge keinen Zugang hatten, sondern weil, wie Sie schreiben, .
Sie einen solchen zu der geistigen Mitteilung die diese Dinge
ausstromen haben: und beides: Kiinstlerischer Inhalt und
geistige Mitteilung sind doch ganz genau dasselbe! Wie ich
denn auch bei meinen Notizen das Problem der Malerei in
das groBe Gebiet der Sprache einiminden lasse, dessen Urn-
fang ich schon in der Spracharbeit andeute. / Rein polemisch
will ich Ihnen nur schreiben, daB ohne noch eine selbstandige
Einordnung des Kubismus zu versuchen, ich Ihre Charak-
teristik von ihm fur falsch halte. Sie halten fur' die Quint-
essenz des Kubismus „das Wesen des Raumes der die Welt
ist durch Zerlegung mitzuteilen". In dieser Bestimmung
scheint mir ein Irrtum bezuglich des Verhaltnisses der Male-
rei zu ihrem sinnlichen Gegenstande vorzuliegen. Zwar kann
ich in der analytischen Geometrie die Gleichung eines zwei-
oder dreidimensionalen Gebildes im Raume geben ohne durch
sie aus der Analysis des Raumes herauszutreten ; nicht aber
in der Malerei Dame mit Facher (z. B.) 3 malen, und [sic] da-
mit das Wesen des Raumes durch Zerlegung mitzuteilen. Viel-
mehr muB die Mitteilung unter alien Umstanden durchaus
155
„Dame mit Facher" betreffen. Andrerseits ist es wahrschein-
lich, dafi die Malerei audi nicht eigentlich es mit dem
„Wesen" von etwas zu tun hat, denn dann konnte sie mit der
Philosophie kollidieren. Uber den Sinn des Verhaltnisses der
Malerei zu ihrem Gegenstande vermag ich zur Zeit noch
nichts zu sagen; ich glaube aber, dafi es sich da weder um
Nachbildung noch um Wesenserkenntnis handelt. / Ubrigens
aber werden Sie vielleicht aus meinen Notizen entnehmen,
dafi auch ich einen tiefen Zusammenhang etwa zwischen
Kubismus und sakraler Architektur mir denken konnte.
Diirfte ich Sie um zwei Gefalligkeiten bitten? Meine Frau
wiinscht sich zum Geburtstag von Franz Hartwig „Die
Marchenkonigin", das Buch mufi in den letzten 20-40 Jahren
des vorigen Jahrhunderts erschienen sein. Wenn eine Jenenser
Buchhandlung es beschaffen kann, so bestellen Sie es bitte fur
mich. Desgleichen, falls Sie es nicht etwa besitzen und mir
leihweise iibersenden bezw. wenn es ganz kurz ist, abschrei-
ben kb'rmten, von Stefan George: Der Krieg. Was Sie dazu
. sagen, mufi ich leider durchaus glauben, mochte es aber
dennoch einmal vor Augen haben.
Von dem was ich vor einem Jahre Herrn Kraft uber das
Judentum schrieb ein andermal. — [...]/ Dafi ich iiber Hire
Satze iiber den Kubismus nicht unmittelbar eingehen konnte,
sondern in andrer Richtung - prinzipiell zu meinen Notizen
angeregt wurde, verubeln Sie nicht. Es liegt in der Natur der
Sache; Sie hatten Bilder vor sich und ich Ihre Worte.
Mit der stets lebendigen Hoffnung eines freudigen Wie-
dersehens
Ihr Walter
Vom 1 . November ab wohnen wir Hallerstr. 25.
1 Vielleicht auch „verlegene" zu lesen, jedoch diirfte die Lesung „ver-
logene" eher dem Zusammenhang und Sprachgebrauch W. B.s ent-
sprechen.
2 Es handelte sich um ein paar Seiten mit dem Tit el „Zeichen und
Mai", die im NachlaB erhalten sind.
3 Dies Bild Picassos war in der Berliner Ausstellung des „Sturm" im
156
Sommer 1917 gezeigt worden und hatte den Ausgangspuukt von Sch.s
Betrachtungen gebildet.
56 An Gerhard Scholem *
3. Dezember 1917
Mir ist seitdem ich Ihren Brief bekommen habe oft feierlich
zu mute. Es ist als ware ich in eine Festzeit eingetreten und
ich muB in dem was sich Ihnen eroffnet hat die Offenbarung
verehren.2 Denn es ist doch nicht anders daB das was Ihnen
zugekommen ist Ihnen allein eben an Sie gerichtet worden
sein muB und wieder fur einen Augenblick in unser Leben
getreten ist. Ich bin in eine neue Zeit meines Lebens ein-
getreten da das was mich mit planetarischer Geschwindigkeit
von alien Menschen loste und mir auch noch die nachsten
Verhaltnisse auBer meiner Ehe zu Schatten machte unerwar-
tet an einem andern Orte auftaucht und verbindet.
Mehr will ich Ihnen heute wenn auch dieser Brief Ihr Ge-
burtstagsbrief sein soil nicht schreiben.
Ihr Walter Benjamin
1 Ohne Anrede.
2 Scholem hatte das Manuscript des Aufsatzes iiber den Idioten von
Dostojewski (Schriften II, S. 127-131) gesehen und ihn als eine eso-
terische AuBerung iiber F. Heinle gedeutet.
51 An Gerhard Scholem
[7.Dez. 1917]
Lieber Gerhard,
Ihr Brief vom 2ten November 1917 kam mir heute morgen,
am 7ten Dezember zu, „verzogert weil iiber zwei Quart-
157
seiten". Sie miissen so lange Brief e am besten teilen oder
mindestens durch Eilboten gehen lassen. Der erste Bogen
dieses Brief es war gestern geschrieben und ich f iige nun noch
die kiirzeren Antworten bei die ich auf Ihren Brief geben
kann. Denn was die Frage angeht welch e die langste er-
heischt: wie ich bei meiner so beschaffenen Stellung zum
Kantischen System leben konne? so bin ich dauernd an der
Arbeit mir dies Leben durch die Einsicht in die Erkenntnis-
theorie zu ermoglichen und muB fiir die ungeheure Aufgabe
die das fiir Menschen unserer Einstellung bedeutet bei allem
Eifer Geduld haben. Was ich bisher niederschrieb ist so
skizzenhaft daB ich es Ihnen nicht senden kann ehe ich es
nicht etwas besser gerechtfertigt habe. So wie eine gewisse
Stufe erreicht ist erfahren Sie es. Beruht doch meine Hoff-
nung einmal diese Dinge wirklich zu wissen und mitzuteilen
nicht zum wenigsten auf meiner Gewiflheit mit Ihnen arbei-
ten zu konnen. Es war mir sehr schmerzlich daB Sie die Stelle
meines vorletzten Briefes die sich darauf bezog mifiverstan-
den haben: sie hatte genau den entgegengesetzten Sinn.
Meine Frau machte mich als sie den Brief seinerzeit las auf
den Doppelsinn dieser Stelle ausdrucklich aufmerksam; ich
glaube mich zu entsinnen daB ich durch die Unterstreichung
irgend eines Wortes in dem Zusammenhang die Moglichkeit
des MiBverstandnisses ausgeschaltet glaubte. Lesen Sie die
Stelle bitte nochmals: Sie tragen an dem MiBverstandnis
selbstverstandlich keine Schuld aber Sie werden finden daB
die Stelle irgendwie doppelsinnig war; und ich meinte gerade
dieses: daB zwischen uns ein ganz anderes vbllig positives
Verhaltnis stattfinde als zwischen mir und dem Genie. Die-
ses erwahnte ich weil Sie sich damals gerade nach ihm erkun-
digt hatten. Meh-r als an allem andern ist es ja hieran, an
diesem MiBverstandnis, erkennbar wie sehr der Briefwechsel
ein geringer Ersatz fiir das Miteinandersein ist.
Also unsere Auseinandersetzung iiber Kant muB von mir
aus noch aufgeschoben werden. Doch scheint mir zweierlei
von dem was Sie schreiben wahrscheinlich oder vielmehr das
Eine davon sicher: daB namlich zunachst die Beschaftigung
mit dem Buchstaben der Kantischen Philosophic notwendig
158
ist. Gerade das Studium der Kantischen Terminologie, wohl
der einzigen in der Philosophic die im ganzen nicht nur ent-
standen sondern auch geschaffen ist fiihrt auf die Erkenntnis
ihrer auBerordentlichen Potenz und jedenfalls kann man,
indem man sie in sich immanent entwickelt und prazisiert
sehr viel lernen. In diesem Sinne bin ich neulich auf ein
Thema zu einer Doktorarbeit gekommen das eventuell fur
mich in Betracht kame: Der Begriff der „unendlichen Auf-
gabe" bei Kant.* Zweitens aber ist mir im eignen Nachdenken
auch das andere was Sie schreiben naher getreten: DaB man
sich namlich unter Umstanden im eignen Denken zunachst
wo es auf die letzten Probleme ankommt ganz auf eigne
FiiBe stellen muB. Jedenfalls gibt es gewisse Probleme wie
eben die uns zentralen der Geschichtsphilosophie fiir die wir
bei Kant im entscheidenden Sinne wohl erst dann etwas
lernen konnen wenn wir sie fiir uns neu gestellt haben.
Auf den reichen Inhalt Ihres Briefes kann ich im Augenblick
nicht weiter eingehen ohne fliichtig zu sein, denn dies soil
abgehen. Wir werden wie ich hoffe bald kiirzer korrespondie-
ren und vielleicht erreicht Sie schon dieser Brief auf dem
neuen Wege. Uber Tora und Geschichtsphilosophie werden
wir wohl ganz gegenseitig erst sprechen konnen wenn wir
wieder zusammen sind. Gerade iiber den Zerfall christlicher
Begriffe sagte ich neulich Einiges meiner Frau ganz in der
Hinsicht in der Sie es beriihren. In der Lektiire der Dogmen-
geschichte habe ich eine Pause machen miissen. Es ist ein so
sehr umfangreiches Werk und verlangt soviel Konzentration
daB man es sich grimdlich iiberlegen soil ob man es liest,
denn man kann dann nicht eigentlich irgendwie abbrechen
sondern muB es auslesen. / DaB Sie mich iiber Bauch orien-
tieren ist mir sehr lieb; man sieht wieder iiber einen Philo-
sophen klar und es ist so gut als hatte ich in Jena studiert.
/ / Meine Antwort auf Ihre Frage betreffend die Arbeit von
Herrn Kraft l kommt nun wohl etwas spat. Diese Arbeiten
— wie Sie sicher erkannt haben und wie ich ihm seinerzeit es
auf die geziemende Art auch aussprach — als reine Ausge-
* was meinen Sie dazu?
159
burten seines verzweifelten Ergehens konnen weder im auBe-
ren noch diirf en im innern Sinn gedruckt werden. Folgendes
schrieb ich Kraft ohne klare Antwort zu erhalten: Rudolf
Borchardt kennt ihn, er ist sicherlich nicht ohne EinfluB in
dem worauf es ankommt. Er muj3 etwas fiir ihn tun, denn
wenn Borchardt iiberhaupt einem Menschen dieser Genera-
tion verpflichtet ist so ist er es ihm. Er sollte es ihm aus Zu-
neigung sein und er ist es ihm auch aus Schuld.
Urn Ihr Referat iiber Logistik bitte ich dringend.
Leben Sie sehr herzlich wohl und seien Sie nicht bose daB
ich sovieles unberiihrt lassen muB.
Ihr Walter
1 Werner Kraft, der damals Sanitatssoldat in Hannover war, hatte
Scholem in Jena besucht.
58 An Gerhard Scholem
[ca23.XIL 1917]
Lieber Gerhard,
unser Briefwechsel nimmt barocke Dimensionen aus Fulle
an und wenn nun gar ein Brief, wie der Ihrige vom 19fcen
November 1917 wegen seiner Lange auBer der Reihenfolge
eintrifft (erst Mitte Dezember erreichte er uns) so bin ich fast
ratios, wie ich die verschiedenen so wichtigen Gegenstande
ohne Fliichtigkeit und ohne die Wesentlichsten fortzulassen
beriihren soil. / Am leichtesten fallt mir zunachst Ihnen den
herzlichsten Dank fiir die Sorgfalt zu sagen, mit der Sie die
Besorgungen fiir mich erledigen. Ich glaube nicht, daB Sie
sich eine Vorstellung von der Freude machen, die das Ein-
treffen des IV Bandes der Holderlinschen Werke, das so lange
und sehnlich erwartet wurde (ich hatte sie namlich schon im
August (!) bei einer Buchhandlung bestellt) mir machte. Ich
war den ganzen Tag vor Erregung fast zu nichts anderm
160
fahig. Nun steht meine brennende Erwartung auf den VI.
Band, dessen Wert ich nach den Fragmenten des „Reichs" ja
ebenfalls als uberschwanglich vermuten muB und dazu
kommt daB ich gegenwartig fiir meine Auseinandersetzung
mit Holderlin der denkbar breitesten Basis bedarf . Miindlich
ware herrlich hiervon zu reden. Lange schon ist der George
hier. l Verzeihen Sie, daB ich Dank und Bestatigung so lange
vergaB. Ich habe iiber diese Verse etwas zu sagen. Was: das
habe ich sowohl Herrn Kraft als besonders Herrn Gutkind2
geschrieben und mochte mich nicht wiederholen.
Was Kants Geschichtsphilosophie angeht, so bin ich durch
die Lektiire der beiden speziellen Hauptschriften (Ideen zu
einer Geschichte . . ., Zum ewigen Frieden) auf die Enttau-
schung meiner hochgespannten Erwartung geraten. Das ist
mir besonders in Hinsicht meiner Plane fiir das Thema mei-
ner Doktorarbeit sehr unangenehm, aber ich finde garkeinen
wesentlichen Beziehungspunkt zu den uns nachstliegenden
geschichtsphilosophischen Schriften in diesen beiden Arbeiten
Kants und sehe eigentlich nur eine rein kritische Stellung-
nahme zu ihnen ab. Es handelt sich bei Kant weniger um die
Geschichte als um gewisse geschichtliche Konstellationen von
ethischem Interesse. Und noch dazu wird gerade die ethische
Seite der Geschichte als einer besondern Betrachtung unzu-
ganglich hingestellt und das Postulat einer naturwissen-
schaftlichen Betrachtuhgsweise und Methode aufgestellt.
(Einleitung zur „Idee einer Geschichte . . .") Es wiirde
mich sehr interessieren zu erfahren ob Sie hierin anderer
Meinung sind. Als Ausgangspunkt oder eigentlichen Gegen-
stand einer selbstandigen Abhandlung finde ich Kants Ge-
danken ganz ungeeignet. Was haben Sie mit Fraulein [Toni]
Halle dariiber besprochen?3 Fiir den neuen Plan den ich zu
meiner Doktorarbeit habe kann ich es auch nur immer wie-
der bedauern daB Sie nicht hier sind, er gabe mindestens zu
den aufschluBreichsten Gesprachen Stoff. Die Frage lautet
ungefahr: Was heiBt es daB die Wissenschaft eine unendliche
Aufgabe ist. Dieser Satz ist sowie man naher zusieht viel
tief er und philosophischer als man auf den ersten Blick glaubt.
161
Man mufi sich nur klargemacht haben, dafi von einer „un-
endlichen Aufgabe" gesprochen wird und nicht von einer
„unendlich viel Zeit erfordemden Losung" und dafi der erste
Begriff in keiner Weise in den zweiten ubergefuhrt werden
kann und darf. / Vor langerer Zeit las ich Simmel „Das Pro-
blem der historischenZeit",4 ein ganz jammerliches Elaborat,
das mit vielen Kontorsionen des Denkvermogens die lap-
pischsten Dinge unverstandlich ausspricht.
In der Frage des Identitatsproblems konnten wir wohl nur
im Gesprach entscheidend vorwartskommen. Daher messe
ich auch den folgenden Satzen keine unbedingte Sicherheit
bei. Immerhin erscheint mir die Sache so: eine Identitat des
Denkens als eines besonderen, weder „Gegenstandes" nocb
„Gedachten" wiirde ich leugnen, weil ich ein „Denken" als
Korrelat derWahrheit bestreite. Die Wahrheit ist „denkicht"
(ich muB mir dies Wort bilden weil mir keines zur Verfii-
gung steht). „Denken" als absolutes ist vielleicht nur irgend-
wie eine Abstraktion aus der Wahrheit. Die Behauptung der
Identitat des Denkens ware die absolute Tautologies Der
Schein eines „Denkens" entsteht nur durch Tautologien. Die
Wahrheit wird ebensowenig gedacht als sie denkt. / a ist a
bezeichnet meines Erachtens die Identitat des Gedachten,
besser (einzig richtig) gesagt: der Wahrheit selbst. Zugleich
bezeichnet dieser Satz keine andere Identitat als die des Ge-
dachten. Die Identitat des Gegenstandes, angenommen es
gabe irgendeine solche in vollkommener Weise, hatte eine
andere Form (Formen unvollkommener Identitaten, die in
der Vollkommenheit zu einer von der Form a ist a werden).
— Unter konkretem Gegenstand verstehe ich alles was nicht
die Wahrheit selbst und nicht Begriff ist. Z, B. ist der Begriff
ein konkreter Gegenstand. Der Begriff des Begriffes ist ein
abstrakter. Dies fiihrt wahrscheinlich in der Tat auf die
Eidoslehre. A propos: Linkes Ansehn ist in der strengen
phanomenologischen Schule meines Wissens nicht sehr grofi;
natiirlich will das noch nichts weiter besagen. Den Logos-
Aufsatz von Husserl habe auch ich vor mehreren Jahren ge-
lesen; ebenso seinerzeit Linkes Auseinandersetzung mit Elsen-
hanns in den Kant-Studien bei deren Gelegenheit ich zur
162
Berichtigung den Aufsatz uber Begriff und Wesen schrieb,
den Sie wie ich mich bestimmt zu erinnern glaube kennen.5
[...] _ .
Von Werner Kraft liatte ich jiingst wieder einen Brief. Er
war sehr betriibend nicht nur mit Hinsicht auf das eigene
Leiden sondern auch wie ich fiirchte mit Hinsicht auf das
Sinken der inneren Widerstandskraft das daraus sprach.
Haben Sie ihm es noch einmal auf das Dringendste als seine
Pflicht gegen sich und uns nahe gelegt an Borchardt heran
zu treten? Ich weifi nichts sonst was helfen konnte. Sie
brauche ich nicht zu bitten ihm beizustehen soviel Sie kon-
nen. - Traurig — obwohl mir garnicht unvermutet trotz allem
was Sie geschrieben hatten— ist die neue Nachricht von Ihnen.
Wir haben aber zu Ihnen unbegrenztes Vertrauen.
Ich habe seit langen Jahren mein erstes — und abgesehen
von dem schwachen Sylvestre Bonnard iiberhaupt mein erstes
— Buch von Anatole France gelesen „La revolte des anges".
Ich werde mehr von ihm lesen, denn dies Buch fand ich sehr
gut. Es ist tief und scheint mir auf die Totalitat seiner Arbeit
zu verweisen, die ich allmahlich einigermafien kennen zu
lernen trachten werde. Er besitzt ein tiefes Verstandnis fur
Geschichte und man kann darin von ihm wirkliche Anregung
empfangen, wie mir scheint. / Ferner lese ich den erschut-
ternden Briefwechsel Nietzsches mit Franz Overbeck, das
erste wirkliche Dokument seines Lebens das ich kennen lerne.
Meine Frau und ich senden Ihnen die allerherzlichsten
GriiBe
Ihr Walter
1 „DerKrieg".
2 Erich Gutkind (1877-1965) in Berlin, mit W. B. und Scholem seit
1916 befreundet; Autor des Buches „Siderische Geburt", Berlin 1912.
3 Toni Halle (Steinschneider, 1890-1964), eine Freundin Scholems,
machte damals in Jena eine Abschlui3arbeit uber Kant.
4 Berlin 1916.
5 Er ist handschriftlich erhalten.
163
59 An Ernst Schoen
[Locarno, 28. 12. 1917] J
Lieber Herr Schoen,
Ihren Brief erhielt ich in Bern wenige Tage vor der Reise
die meine Frau und mich fur einige Wochen hierher fiihrte
und durch die meine Antwort verzogert wurde weil ich in
einer neuen Umgebung nicht gleich die Stunde fur sie fand.
Endloser Regen beruhigt jetzt Geist und Sinne von der un-
endlich langersehnten Schonheit dieser Landschaft. Regen-
tage mit denen ich mich schwerer versbhnen wiirde wenn sie
mich nicht aufforderten Ihnen endlich zu schreiben und zwar
zuerst auf Ihren Brief mit diesen wenigen Worten denen
meine Frau noch einige hinzufiigen wird:
Was Sie schreiben ist einzig edel gesagt und gesehen und
es tragt in die Dunkelheit die wir alle zu meiden suchen end-
lich Licht. Meine Frau und ich machen uns Ihre Worte vollig
zu eigen besonders in dem Sinne daB wir vertrauen alle einst
als zum ersten Male miteinander zu sein und versohnt diese
Trennung zu verstehen die jedem von uns auf eigne Weise
Schmerz und Notwendigkeit gewesen sein wird.
Ich bitte Sie auch Ihnen sagen zu diirfen wie sehr ich mich
in dem Gedanken freue diesen Briefwechsel fortfiihren zu
diirfen bis ein Wiedersehen uns das Wort von Angesicht zu
Angesicht erlaubt. Aus Ihrem Brief habe ich entnommen
daB Ihre Lebensbedingungen ertraglicher geworden sind ein
Geschehen das mich in jedem Sinne freut indem wir bei den
uns Nahestehenden immer fahiger werden den Zusammen-
hang von Schicksal und Wesen zu sehen.
Von meiner Arbeit ware zur Zeit vielleicht mehr zu sagen
denn je aber freilich desto weniger zu schreiben. Mit Bezie-
hung auf die nachste Zeit ist zu sagen dafi ich wenn es angeht
in Bern meinen Doktor machen will um dann fur die wahre
Forschung die Bahn vollig off en zu haben. Sollten sich aber
in dieser Hinsicht Schwierigkeiten ergeben so werde ich sie als
einen Hinweis darauf auff assen daB es fur mich zunachst gelte
meine eignen Gedanken unter Dach und Fach zu bringen.
164
Mir erschlieBen sich gegenwartig Zusammenhange von der
weitesten Tragweite und ich darf sagen daB ich jetzt zum
ersten Mai zur Einheit dessen was ich denke vordringe. Ich
erinnere mich daB Sie mich einmal auBefordentlich gut zu
verstehen schienen als ich an der Ecke der Joachimstaler- und
KantstraBe (wir kamen aus der Richtung des Zoo) Ihnen
mein verzweifeltes Nachdenken iiber die sprachlichen Grund-
lagen des kategorischen Imperativs mitteilte. Die Denkweise
die mich damals beschaftigte (und deren damaliges Sonder-
problem auch heute fur mich noch nicht gelbst, aber in einen
groBern Zusammenhang getreten ist) habe ich weiter auszu-
bilden gesucht. Dabei handelt es sich um Fragestellungen die
ich brief lich unmoglich beriihren kann. Ferner beschaftigen
mich ununterbrochen diejenigen Gedankenreihen die ich
Ihnen seinerzeit unter dem Titel des „Swastikaproblems"
vortrug. Vor allem: fur mich hangen die Fragen nach dem
Wesen von Erkenntnis, Recht, Kunst zusammen mit der
Frage nach dem Ursprung aller menschlichen GeistesauBe-
rungen aus dem Wesen der Sprache. Dieser Zusammenhang
ist es eben der zwischen den beiden vorziiglichen Gegenstan-
den meines Denkens besteht. In Hinsicht der ersten Gedan-
kenreihe ist auch schon mehreres aufgeschrieben was aber
noch nicht communicabel ist. Kennen Sie eigentlich schon
meine Arbeit vom Jahre 1916 „Uber Sprache uberhaupt und
iiber die Sprache des Menschen". Falls nicht konnte sie Ihnen
vorlaufig leider nur leihweise zugestellt werden. Sie bildet
den Ausgangspunkt einer weiteren Arbeit an den erstge-
nannten Problemen fur mich. - "Qbrigens weiB ich nicht
mehr was ich Ihnen auBer dem „Centauern" das letzte Mai
noch sandte. Bitte schreiben Sie mir das.
Ich las: Anatole France: La revoke des anges, Les dieux
ont soif, L'ile des Pingouins kurz nacheinander ohne vorher
etwas wesentliches von ihm gelesen zu haben. Seine Bucher
stehen meiner Meinung nach erstaunlich hoch, indem ihnen
doch aber immer jenes letzte Wissen fehlt, das die Tiefe und
Homogeneitat eines Kunstwerks allein zu wahren vermag.
Er verliert sich ins Unwesentliche, nicht ohne doch iiber das
Wesentliche klare Rechenschaft geben zu konnen. Charles
165
Louis Philippe: Marie Donadieu. Dieses Buch sollen Sie
unter alien Umstanden lesen. Es gibt nichts Ahnliches auch
bei Louis Philippe selbst nicht. Mir scheint es ganz wunder-
bar - tief und wahr. Doch kann ich nach dem ersten Lesen
mir die letzte Rechenschaft davon noch nicht abgeben. Fried- ,
rich Nietzsche: Brief wechsel mit Overbeck. Diesen haben Sie
vielleicht schon gelesen oder tun es gewiB bald. Auch der
IV. Band der Hellingrath'schen Hblderlinausgabe ist end-
lich in meinem Besitz. Ich las viel Stifter, ein Schriftsteller
hinter dessen wenig auff allender AuBenseite und scheinbaren
Harmlosigkeit sich eingroBes moralisches undgroBes astheti-
sches Problem verbergen. Was kennen Sie von ihm. „Berg-
kristall" und „Die Mappe meines UrgroBvaters" enthalten
eine fast reine Schonheit, als einzige unter dem vielen das
ich von ihm kenne. / Seit September lese ich Harnacks Dog-
mengeschichte in drei Banden, die mir sehr wertvolle und
aufschluBreiche Kenntnisse vermittelte; ich hoffe, sie bald
beendet zu haben. Fur die Universitat hatte ich allerlei Peri-
pheres zu tun: mich hochst eingehend mit der unfruchtbaren
Psychologie von Schleiermacher zu befassen, mit Bergson
und mit Hegel. Hegel scheint furchterlich zu sein!
Ein Regen der das Land uberschwemmt dauert jetzt drei
Tage, Kein Sonnenstrahl unter einem Himmel der vorher
tief und wolkenlos blau war. Diese Stimmung verwehrt die
innere Expansion und so haben Sie diesmal einen allzu kon-
zentrierten Brief erhalten, da doch der Abstand den ich in der
gegenwartigen Erholung von meinem Tun habe eine Kon-
zentration auf bestimmtes nicht zulaBt. Auf das herzlichste
gniBt Sie, mit der Bitte mir bald zu schreiben
Ihr Walter Benjamin
1 Der Poststempel ist nicht deutlich. Vielleicht ist der Brief erst am
28. 2. 1918 geschrieben und gehort hinter Nr. 65.
166
60 An Gerhard Scholem
Bern, 13. I. 1918
Lieber Gerhard,
in meinem — ich glaube vorletzten Briefe, der Sie schnell er-
reichte, lag die Abschrift einer Notiz „Zeichen und Mai" die
anlaBlich Ihrer Bemerkungen iiber Kubismus entstanden war
und einige Grundbestimmungen zur Lehre von der Malerei
geben sollte. Sie haben bisher diese Notiz noch nicht erwahnt,
so daB ich auf den Gedanken kam, Sie hatten sie nicht erhal-
ten, obwohl ich mir nicht denken konnte wie das zugegangen
ware. Haben Sie sie aber erhalten so gestatten Sie mir die
wichtige erganzende Bemerkung: die Ebene des Zeichners
liegt - vom Menschen aus gesehen horizontal, die des Malers
vertikal. — Die Abschrift der Bemerkung iiber Begriff und
Wesen sollen Sie bald erhalten. Dagegen erwarten wir mit
Sehnsucht Obersetzungen und Arbeit iiber das Klagelied und
ich hoffe standhaft Sie mochten mir doch Ihre Gedanken iiber
Logistik mitteilen. Dagegen konnen Sie sich auf die Mittei-
lung der fraglichen philosophischen von meiner Frau abge-
schriebenen Notizen vorlaufig nicht gefaBt machen.1 Es ist
durchaus unerlaBlich, ehe ich diese die weite Reise machen
lasse daB sie durch Uberlegungen fundiert werden die mich
zwar gegenwartig besonders intensiv beschaftigen aber bei
meiner ganzlichen Isoliertheit von mitdenkenden Menschen,
von Ihnen, Gerhard, der Sie der einzige sind den ich iiber -
haupt namhaft machen kann, eine Voraussage iiber den Ter-
min ihres auch nur notdiirftigen Abschlusses nicht zulassen.
Und vorher muB ich mir auch versagen dariiber brieflich
etwas anzudeuten weil es uns nicht weiter fiihren wiirde.
Fruher oder spater hoffe ich mich mitteilen zu konnen. Eben-
falls bemerke ich daB ich von mir aus die schriftliche Diskus-
sion iiber das Identitatsproblem abbreche : es laBt sich da wie
wir gegenseitigdauerndbeteuern, in der Tat nur imGesprach
vorwarts kommen. / / Nicht diese Dinge allein, lieber Ger-
hard, sind es die es mir notwendig machen auf die innre und
geistige Seite des Zustandes unsrer raumlichen Trennung
167
zuriick - oder vielmehr in gewissem Sinne erst zu sprechen
zu kommen. Auf die geistige, nicht auf die technische Seite.
Trotz meines Strebens zu verstehen habe ich den Satz Ihres
letzten Brief es wo Sie sich eine Aufgabe dort vindizieren nicht
verstanden. Es gibt dort Niemanden (wenn Sie mi r erlauben
dariiber zu reden: und was Werner Kraft angeht darf ich es
sicher) es gibt dort Niemanden fur den Sie sich zu opf em hat-
ten. So aber sehe ich die Sache an und so muB sie angesehn
werden. Es hat heute jeder Mensch (wie immer) nur das
nackte geistige Leben. Das Verhalten und sich Aufhalten
laBt sich nicht vom praktischen Fur und Wider aus regeln
und bestimmen; die letzten Griinde aus denen eben dieses
Verhalten und sich Aufhalten auch dem Mit-Menschen mit-
teilbar werden liegen im symbolisch-sichtbaren Ausdruck.
Der Ausdruck Ihres Aufenthaltes ist mir unbegreiflich, ich
muB ihn ablehnen, ich muB ihn dreifach ablehnen wenn Sie
das Opfer Ihres Ausdrucks und vielleicht Ihres Lebens einer
Aufgabe bringen von der Sie sagen, daB Sie sie „vielleicht"
hatten. Es mag sein daB ich Ihre Worte iiberspanne; ich gebe
zu daB sich unter Umstanden hieniber nicht reden laBt aber
das darf mich nicht abhalten, das was Sie mir nun einmal im
letzten Brief hieniber geschrieben haben von mir zu weisen.
Ich weiB daB Sie im Grunde mit mir darin einig sind daB
von welcher Art und Macht Ihre Hilfe (Ihr Dasein) fur Wer-
ner Kraft ist, sich nach .eben dies em Dasein richtet das Sie in
jedem seinen Ausdruck aus Ihnen selbst bestimmen.
Ihr MiBtrauen gegen Borchardt teile ich bei aller Aner-
kennung ja Entziickung durch Teile seiner Leistung. Eben
deshalb verlangt mich ja nach der Entscheidung der inneren
Krisis die Borchardt an seinem Teile nun in seinem Verhalten
zu Werner Kraft geben soil. Weder Sie noch ich konnen
natiirlich schreiben2 und auch mir blieb nichts als es Kraft
so nahe als moglich zu legen.
Ihr letzter Brief ging durch eine Nachlassigkeit der Host
erst nach Bonn. Der Tristram Schandi kam bereits, der Yorik
noch nicht. Sie erhalten demnachst 65 M die ich Sie bitte mit
Ihren Auslagen fur mich zu verrechnen und mir mein Pas-
sivum oder Aktivum bei Ihnen danach mitzuteilen. Lebt
168
Anatole France noch? I Schreckliche Verlegenheit bereitet
mir meine Doktorarbeit. Diese ganz trostlose Situation der
gegenwartigen Universitat. Meine eigenen Gedanken sind
noch nicht reif , eine beliebige historische Arbeit will ich nicht
macben - und wenn noch jemand sie mir gabe! Und auch das
einzig mogliche, im AnschluB an einen Dozenten hier einige
gute, gegriindete Seiten zu schreiben scheint eben unmoglich.
Fur ein Seminar3 (ich verliere Zeit damit mich in den hiesi-
gen Seminaren einzufuhren) mache ich ein Referat iiber
Schleiermachers Psychologie, ein in Notizen und Vorlesun-
gen nachgelassenes Werk das keine philosophische Grundlage
hat und nur in seiner Sprachtheorie negativ interessant ist.
/ Das Gedicht „ David und Jonathan" von der Else Lasker-
Schiiler4 liebe ich sehr. Das entsprechende Gedicht von Rilke5
ist - abgesehen von allem andern — schlecht.
Hier ist ganz laues Fruhjahrswetter. Haben Sie etwas von
Herrn Gutkind gehort? Er hat mir auf einen langeren Brief
noch nicht geantwortet. — Die Fortsetzung Ihres letzten Brie-
fes erwarte ich sehr.
Meine Frau und ich griifien Sie ganz herzlich.
Ihr Walter
1 Es handelt sich anscheinend urn „Das Program m der kommenden
Philosophic", das Scholem in „Zeugnisse" (Festschrift fur Theodor
Adorno) 1963, nach einer Abschrift von Dora Benjamin, die er bei
seiner Ankunft in der Schweiz erhielt, verbffentlicht hat.
2 Gemeint ist: an Rudolf Borchardt.
3 Bei Paul Haberlin.
4 In den „Hebraischen Balladen".
5 In den „Neuen Gedichten".
61 An Gerhard Scholem
[31. Januar 1918]
Lieber Gerhard,
es ist eine traurige Tatsache: aber die Fiille dessen, was ich
Ihnen zu sagen hatte verschlagt mir das Wort. Es wird mir
169
immer mehr schwer Ihnen zu schreiben. Diesmal ist es der
Dank den ich Ihnen zu sagen habe und der sich so wie ich
ihn sagen mochte nur in der lebendigen Gegenwart sagen
lieBe. So will ich lieber schweigen und mich mit dem Gliick
das Ihre Nachricht fur uns (meine Frau und mich) bedeutet
still begniigen. / Sodann hat Ihr letzter Brief mit seiner
Frage: ob ich Ethik ohne Metaphysik fur moglich halte in
mir Gedanken aufgeregt die ich mich wiederum noch nicht
fahigfinde Ihnen mitzuteilen. Ich versage es mir mit Schmer-
zen aber ich kann mich nicht entschlieBen allzu Unfertiges
von mir zu entlassen sondern lege mir dieses Schweigen als
einen Stachel an im Nachdenken nicht abzulassen bis es so-
weit ist daB ich Ihnen schreiben kann. Von den materiellen
Griinden meines „Nein" also noch nichts. Dagegen denke
ich daB uns auch a priori methodisch die verneinende Ant-
wort auf diese Frage f eststehen sollte. Ich wenigstens — wenn
ich sagen sollte welchen verniinftigen Sinn ich vorlaufig und
bis auf nahere Bestimmung mit dem Wort metaphysisch zu
verbinden wiiBte wurde sagen: metaphysisch ist diejenige
Erkenntnis die a priori die Wissenschaft als eine' Sphare in
dem absoluten gottlichen Ordnungszusammenhang, dessen
hochste Sphare die Lehre und dessen Inbegriff und Urgrund
Gott ist zu erkennen trachtet, und die auch die „ Autonomic"
der Wissenschaft als sinnvoll und moglich nur in diesem Zu-
sammenhang betrachtet. Das ist fur mich der methodische
Grund a priori die Ethik so wie jede andere Wissenschaft
ohne Metaphysik, das heiBt auBerhalb dieses angegebenen
Zusammenhanges als unmbglich zu erachten. Von den tiefen
materialen Griinden diesmal noch nichts.
Ich ernte hier Seminarlorber (laurea communis minor) mit
Referaten liber Bergson und uber einen Absatz der Hegel-
schen Phanomenologie und dies geschieht zu einem Zweck
der fiirwahr die Mittel nicht heiligt von welchen ich noch
nicht einmal weiB ob sie tauglich sind. Wegen einer Doktor-
arbeit will ich demnachst mit dem Ordinarius l sprechen. Je-
denf alls hoff e ich im nachsten Semester etwas mehr in Feldern
arbeiten zu konnen die mir naher liegen als was man diesmal
in der Universitat durchackerte und woran ich mich doch zu-
170
nachst einmal beteiligen muBte. Vielleicht werde ich von
Heinrich von Stein, einem Gbttinger Universitatslehrer der
in der zweiten Halfte des vorigen Jahrhunderts in jungen
Jahren starb „Sieben Biicher zur Geschichte des Platonis-
mus" lesenkbnnen, eine Kritik Platos vom christlichenStand-
punkt. Der Verfasser ist bedeutend und die Einleitung die
ich las enthalt Vortreffliches. Von Hegel dagegen hat mich
das was ich bisher las durchaus abgestoBen. Ich glaube wir
wiirden wenn wir uns seine Sachen auf kurze Zeit vorneh-
men wiirden bald auf die geistige Physiognomie kommen die
darausblickt: die eines intellektuellen Gewaltmenschen, eines
Mystikers der Gewalt, die schlechteste Sorte die es gibt: aber
auch Mystiker.
Von Freiburg aus hatten Sie keine Erleichterung mich zu
sehen — meines Wissens. Und es ist doch moglichst zu vermei-
den sich in das Bereich der Fliegerangriff e zu begeben. Wann
fahrt Ihre Mutter? Unsres Erachtens ist die Frage2 jetzt wie
vorher fur Sie eine Frage der Ausdauer und Klugheit. Wir
wollen gern warten wenn wir — und Sie — hoffen. / / Ich lese
L'ile des Pingouins. Meine Bibliothek hat in der letzten Zeit
u. a. folgende Neuerwerbungen gemacht: Stefan George:
Ubersetzungen der Fleurs du Mai, Rudolf Borchardt, Hugo
v. Hofmannsthal, Schroder: Hesperus, ein Jahrbuch das urn
der Beitrage Borchardts willen zu schatzen ist, wegen der des
Schroder zu verabscheuen ware; Baudelaire: Le spleen de
Paris (petits poemes en prose), Baudelaire: Les paradis arti-
ficiels; Charles Louis Philippe: Marie Donadieu, ein hochst
bedeutender Roman den ich meiner Frau zum Geburtstag
schenkte. Lese ich Anatole France3 so werden Sie spater ein-
mal zwei oder drei Romane von Charles Louis Philippe lesen
(aber franzosisch!) und bei diesem Tausch gewiB nichts ver-
lieren. / Das philosophische Biichlein mit den Identitatsthesen
halten Sie in guter Obhut nicht wahr? Wie ist es nun mit
„Zeichen und Mai"? Haben Sie es erhalten? Und den Dosto-
jewski? Und 65 M?
Fur heute schreibe ich nichts mehr. Vielleicht werden Sie
in einigen Monaten mit einer Flut von Arbeiten, die sich
aufhauf en liberschuttet werden. Niemand ware froher als ich.
171
Leben Sie herzlich wohl.
Ihr Walter
PS Erlaube mir kleine Gemaldegalerie auf dem Couvert
beizufiigen.
1 Richard Herberts.
2 Einer Reise in die Schweiz.
3 Dies geschah. auf wiederholtes Drangen Scholems.
62 An Ernst Sckoen
[Ende 1917 oder Anf ang 1918]
Lieber Herr Schoen,
seien Sie nicht bose iiber die lange Pause in meinem Schrei-
ben. Ich will diesen Brief mit dem Wunsche beginnen daB es
Ihnen in der Zeit meines Schweigens gut und besser ergan-
gen ist. Wir haben oft an Sie gedacht. Wir hatten in dieser
Zeit vielerlei zu tun und ich konnte diesen Brief daher nicht
friiher schreiben.
In Ihrem letzten und vorletzten Brief haben Sie von Julas
Arbeit1 gesprochen. Ich antworte Ihnen darauf erst jetzt weil
ich sehe daB von der Klarheit in dieser Beziehung der Be-
st and unsres Brief wechsels abhangt. Sicher glaube ich daB
Jula sich mehr oder weniger klar dariiber ist, daB aller Ver-
suche ungeachtet die wir (Jula meine Frau und ich) gemacht
haben ein harmonisches und gegriindetes Verhaltnis zuein-
ander zu finden umsonst waren [sic] . Jula ist, wie ich glaube,
im Grunde sich kaum weniger klar dariiber als wir daB in der
Losung dieses Verhaltnisses wie sie in dem nun schon lange
wahrenden gegenseitigen Schweigen sich volizogen hat kei-
ner von uns dreien in Wahrheit etwas verloren hat. Das ist
alles was ich Ihnen mundlich oder schriftlich dariiber zu
sagen vermochte; nur leide ich bei dem BewuBtsein daB Sie
etwa auf diese Weise etwas erfahren sollten was Sie nicht
schon durch Jula wuBten.
Endlich bin ich in der Lage mein Versprechen zu erfiillen
172
und Ihnen von meinen Arbeiten etwas senden zu konnen.
Sollten Sie die Kritik des „Idioten" von Dostojewski schon
kennen so bitte ich Sie umso mehr diese Abschrift als Ge-
schenk von mir zu nehmen. Das Buch selbst muB glaube ich
jedem von uns unendlich viel bedeuten und ich bin gliick-
lich wenn ich das fur meinen Teil ausgedriickt habe. Ich
sende Ihnen auBerdem noch eine Notiz uber Malerei, die so
vorlaufig ist daB wir ihren Inhalt sonst im Gesprach behan-
deln wiirden. Wenn Sie — ohne daB ich Ihrem gegenwartigen
Tun und Denken das gewiB anders gerichtet sein muB zu
nahe trete — gelegentlich mir erwidernde Gedanken zu dieser
Notiz s chicken kbnnten wiirde es mich sehr freuen. Mir han-
delte es sich urn folgendes: gegeniiber der widerwartigen
Erscheinung daB heute die unzulanglichen Versuche der
theoretischen Erfassung moderner Malerei sogleich zu Kon-
trast- und Fortschritts-Theorien im Verhaltnis zu der frii-
hern groBen Kunst ausarten zunachst einmal die begrifllich
allgemein giiltige Grundlage fiir das was wir unter Malerei
begreifen zu einer Andeutung zu bringen. Dariiber habe ich
dann die Betrachtung der modernen Malerei beiseite gelassen
obwohl urspriinglich diese Uberlegung durch eine falsche
Verabsolutierung derselben veranlaBt worden war. — Abge-
sehen davon aber denke ich schon lange dariiber nach wo
endlich freier Baum, Entfaltung und GroBe fiir die „Aesthe-
tischen" Grundbegriffe iiberhaupt gefunden werden konn-
ten und sie aus ihrer armlichen Isoliertheit (die in der Aesthe-
tik das ist was bloBe Artistik in der Malerei ist) erlost werden
kbnnten. — Ferner lege ich bei „der Centaur", Gedanken
die ich auf Grund von Holderlins gewaltigem Fragment „das
Belebende"2 verfolgte. Entschuldigen Sie daB ich alles so auf
-einmal sende aber das Ganze ist technisch so kompliziert daB
man es am besten auf einmal erledigt. — GewiB habe ich Sie
schon einmal auf Holderlins Fragmente die unter dem Titel
„Untreue der Weisheit" im vorigen Jahr im ,7Reich" erschie-
nen sind aufmerksam gemacht. Haben Sie sie gelesen? Das
„Belebende" ist auch von der Art dieser Fragmente und fin-
det sich in Hellingraths erst em Abdruck der Pindar- Ober-
tragungen.
173
Ich habe die Universitat hier kennen gelernt und denke,
da sich zum Wesentlichen meiner Arbeit so ziemlich alle
Universitaten gleichverhaltenwerden an eine Promotion hier,
soweit man unter den audi hier taglich schwieriger werden-
den Verhaltnissen iiberhaupt etwas voraussehen kann. Ich habe
Frl. Dr. [Anna] Tumarkin besucht und ihr meine Absicht
mich mit Kants Geschichtsphilosophie in systematischer Hin-
sicht versuchsweise zu befassen gesagt. Ich habe ihre, Haber-
lins undHerbertz3 Vorlesungen gehort und findelhrSchwei-
gen uber diese Dinge, wie es mir wahrscheinlich war, vbllig
gerechtfertigt. Meine ganze Hoffnung setze ich auf die eigne
Arbeit. Wir bewohnen in einer ruhigen StraBe eine ganz
kleine Wohnung nahe der Universitat. Meine Biicher sind
zum bestenTeilhier; wie traurig es aber mitdenBibliotheks-
verhaltnissen steht werden Sie wohl wissen.
Ich lese unter anderm Jacob Burckhardt: die Zeit Constan-
tins des GroBen, ein unglaublich schbnes Buch. Im Theater
gibt es leider garnichts zu sehen aber von Zeit zu Zeit finden
schone Konzerte statt.
Bitte schreiben Sie uns bald von Ihrem Ergehen. Meine
Frau und ich griiBen Sie herzlich.
Mit alien guten Wiinschen Ihr Walter Benjamin
1 Jula Cohn war Bildhauerin.
2 Holderlins Werke ed. Hellingrath, V, S. 272-273.
3 W. B. promovierte schliefilich bei Richard Herbertz.
63 An Oerhard Scholem
l.Februar 1918
Lieber Gerhard,
Ihr am 29ten Dezember 1917 abgesandter Eilbrief kam
heute hier an, nachdem gestern abend ein kurzer Brief von
mir an Sie abgegangen war. Ich fuge nun auf dieser Karte
noch weniges was sich auf Ihr en Brief bezieht bei. Zunachst
174
wiederhole ich die Frage ob „Zeichen und Mai" in Ihren
Handen ist? Es scheint unbegreiflicherweise verloren gegan-
gen zu sein. Der Ausspruch von FrL Kraker hat mich tief
erfreut. Diese habe ich seit meinem Freiburger Semester
1913 m. W. nicht wiedergesehen und sie mich nicht. Sie war
damals Zeuge dieser Zeit in der mein Freund und ich die
Freiburger Studentenschaft aufzurufen suchten und in der
die tiefsten Keime der Jugendbewegung liegen. Sie nahm
an den Dingen bescheiden und passiv Anteil und scheint sich
dabei irgendwie ein Gefuhl von dem um das es ging gemacht
zu haben. — VonFrl. [Alice] Heymann x kann ich Ihnen nichts
gutes sagen. Seit Jahren stak sie bis liber den Hals in der
Verwirrung. Es ist immer schlechter mit ihr gegangen, sie
scheint ohne Anhalt zu sein, und hat keine eigene Kraft.
Eines der jungen Madchen bei denen man am deutlichsten
sieht, daB ihnen nur ihr Mann wenn sie einen finden helfen
kann. Im iibrigen verlocken sie zu alien moglichen „Hilfe"-
leistungen die zu nichts fuhren. DaB ich ihr die Holderlin-
arbeit schenkte war auch so eine Hilfe-, damals war sie noch
in innerlich viel besserer Verfassung als da ich sie in Mun-
chen vor ungefahr IV2 Jahren zum letzten Mai sprach: da
war es schrecklich. / Es tut mir sehr leid daB ich Ihnen mit
der Anfrage liber Barthel2 soviel Miihe gemacht habe. Was
Sie schreiben hatte ich bei Nachdenken auch selbst finden
miissen aber ich hatte nicht das Vertrauen damit zu beginnen
weil ich nicht sah daB die Sache sich so elementar erledigen
laBt. Jetzt bin ich Ihnen dankbar daB Sie mir gezeigt haben
woran man mit ihm ist. Meine Frau der ich von der Sache
erzahlte erklarte sie auch fur Unsinn. Die Idee von einem
endlichen Weltraum ist absurd; Gutkind sprach mir aber
gelegentlich von der Endlichkeit des erfullten Weltraums,
vielleicht ist das gemeint. Das ware eine Tatsachenfrage.
Bleiben Sie nur weiter der mathematischen Theorie der
Wahrheit (und vielleicht auch mir) so zuganglich, so soil es
mich nichts angehen ob Sie andern unzuganglich scheinen.
Zwei andere Bucher von Charles-Louis Philippe: Le pere
Perdrix und Marie Donadieu sind kiinstlerisch noch sehr viel
reifer als Bubu de Montparnasse. Sie lasen es hoffentlich
175
franzosisch? Schleiermacher ist kein Vergmigen, zumal da es
sich um nachgelassene Vorlesungsnotizen und nachgeschrie-
bene Collegien handelt. Es war eine Plage. / Von der „unend-
lichen Aufgabe" im nachsten Brief e. — Von Kants histori-
schen Schriften aus einen Zugang zur Geschichtsphilosophie
zu gewinnen ist schlechterdings unmoglich. Anders ware es
von der Ethik aus; audi das ist nur beschrankt moglich und
Kant selbst ist diesen Weg nicht gegangen. Lesen Sie die
„Ideen zu einer Geschichte in weltbiirgerlicher Absicht" um
sich davon zu iiberzeugen. Vielleicht kann ich Ihnen auch
dariiber einmal schreiben. Rickerts groBes Buch3 kenne ich
nicht; aber ich weiB von seiner Methode: sie ist modern im
allerschlechtesten Sinne des Wortes, sozusagen: modern a
tout prix. Meine Frau und ich griiBen herzlichst.
Ihr Walter
1 Alice Heymston (1890-1937) spater die Frau des Kunsthistoriters
Alfred Schinitx.
2 Siehe Brief vom 22. Okt. 1917 an Gerhard Scholem.
3 „Uber die Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung".
64 An Gerhard Scholem
Locarno, 23. Februar 1918
Lieber Gerhard,
unsre dreijahrige ununterbrochene Sehnsucht nach Sonne hat
nun endlich meine Frau und mich hierhergefiihrt. DaB wir
hier sind diirf en Sie niemandem sagen denn keinesfalls darf
es auf irgend einem Umweg zur Kenntnis unsrerEltern kom-
men. Die Sonne nach der wir uns unbeschreiblich sehnten
hat uns auch der vergangene Sommer nicht gebracht; das
Engadin liegt zu hoch um heiB sein zu konnen. Damals be-
durften wir aber der Anspannung die von dieser erhabenen
Landschaf t ausgeht mehr als alles andere ; nur um unter dem
Eindruck einer unendlichen Befreiung nicht zusammenzu-
brechen muBten wir uns einer neuen Spannung unterwerfen.
Diese wenigen Worte werden Ihnen vielleicht schon begreif-
176
lich macjien daB mein Leben hier von der vollen und befrei-
tenMelodie des Ausgangs einer groBenLebensepoche die nun
hinter mir liegt erfullt wird. Die sechs Jahre [die] seit mei-
nem Austritt aus der Schule bis jetzt verflossen sind sind eine
einzige in ungeheurem Tempo durchlebte Epoche gewesen
die unendlich viel Vergangenheit, mit andern Worten : Ewig-
keit fur mich enthalt. Ich kehre jetzt der sommerlichen Natur
mein Gesicht zu wie seit dieser letzten Schulzeit — meine letz-
ten oder vorletzten Ferien verbrachte ich auch im Engadin
- ich es nicht getan habe.
Da kommt nun an einem dieser Tage die der Uberschau
dessen was mir geblieben und dessen was mir geworden ist
bestimmt sind ein Brief von Ihnen (der vom lten Februar
1918 den die Zensur wieder aufhielt) der meinen nach Klar-
heit strebenden Geist unendlich verwandt beriihrte. Gerade
der Lebenskreis aus dem ich in diesen Tagen nicht heraus-
treten will versagt es mir irgend ein Einzelnes besonders vom
philosophischen Inhalt Ihres Schreibens zu beruhren; fur den
Ton innrer Ruhe den Ihre Briefe, den dieser ganz besonders
an sich hat bin ich aber niemals dankbarer gewesen als heute.
Das mag Ihnen versichern daB ich auch ganz und gar die
Not des Schreibens wie auch den Sinn Ihrer Worte verstehe.
Es ist der Stil: die Fulle des Verantwortungsgefiihls die
Deutlichkeit und die Beschrankung die mich an Ihren Zeilen
eben deswegen entziickt weil sie mir ganz und gar erwidert.
„Eine richtige Antwprt ist wie ein lieblicher KuB" las ich
dieser Tage bei Goethe.
Ich muB Ihnen sagen daB ich neb en mehreren Biichern die
das siidliche Klima hier nicht duldet wie niitzlich und not-
wendig und gut sie auch sein mogen mindestens eines hier
habe das sich mit ihm vortrefflich vertragt das sind die Maxi-
men und Reflexionen Goethes. Oder vielmehr einen Teil von
ihnen in der uniibertrefflichen strengphilologischen Weima-
rer Sophienausgabe. Eine genaue Beschaftigung mit ihnen
befestigt in mir die alte Meinung daB erst unsere Generation
Goethe kritisch gegeniiber [steht?] daB erst sie darauf ihm
dankbar nachfolgt. Die Romantiker standen Goethe viel zu
nahe um mehr als einige Tendenzen seines Schaffens zu erf as -
177
sen: vor allem haben sie nicht das Moralische gesehen mit
dem sein Leben gerungen hat und um seine historische Ein-
samkeit nicht gewuBt. IJbrigens aber iiberzeuge ich mich dafl
Goethe - jedenfalls im Alter - ein ganz reiner Mensch ge-
wesen ist dem keine Liige iiber die Lippen und in die Feder
gekommen ist.
Das Wetter hier war erst kiihl und ist jetzt heifi und som-
merlich. Die Kultur und Sprache der Gegend ist italienisch.
Es wachsen Palmen und Lorbeer in den Garten. Auf den hohen
Bergen in der Nahe liegt noch Schnee der aber wohl taglich
abschmilzt. Oberhalb Locarno auf einem steilen Felsen liegt
ein beruhmter Wallfahrtsort: die Klosterkirche Madonna uel
Sasso (auf dem Felsen). Die Kirche ein zierliches Stuck ita-
lienischen Barocks deren Fassade spielerisch bunt und per-
spektivisch bemalt ist enthalt ganz aufierordentliche Votiv-
bildchen wie sie von Bauern der Gegend im Auftrage Geheilter
und Geretteter gemalt sein mogen und die zu den schonsten
Stiicken jener religios oder kultisch determinierten Volks-
kunst gehoren die jetzt in Europa von den neuen Malern ent-
deckt wird. Vor allem fallt ein merkwurdiger Madonnen-
typus auf der ganz stetig ist und einen unheimlichen Eindruck
erweckt: Die Mutter neigt zum beleibten; ihr Ausdruck ist
ganz verschlafen und seellos; sie wird gleichsam wider Wil-
len sichtbar und tragt die Merkmale einesphysischenSchmer-
zes. Ich vermute daB dies mit dem uralten, prahistorischen
Schonheitsideal der beleibten, fetten Frau zusammenhangt
das auf eine mir unbekannte Weise mythisch bedingt sein
muB. (Nach dem Genie1 hangt dieses Ideal mit der Rolle die
die Leber in der Mythologie spielt zusammen.)
Uber das Mai will ich jetzt nicht schreiben und auch man-
ches andere auf spater verschieben. Dieser Brief sollte nur
das mitteilen was eben von hier mitgeteilt sein will und er
nimmt noch von meiner Frau und mir die allerherzlichsten
GriiBe an Sie auf die Sie an jedem Ort an dem Sie sind er-
reichen sollen.
Ihr Walter
1 Felix Noeggerath.
178
65 An Gerhard, Scholem
[30. III. 1918]
Lieber Gerhard
Auf die drei Briefe vom 23. Februar bis zum 15. Marz bin
ich Ihnen die Antwort schuldig geblieben und die Ankunft
der „Klagelieder" bestatige ich auch erst jetzt. Woran liegt
das? An dem Versuche in Locarno fur ein paar Wochen fiir
alles unterzutauchen : an den schonen Tagen in Sonne, an den
schlechten in Zerstreuungen aller Art. Nicht einmal die ge-
wiinschte Karte haben Sie wie ich jetzt bemerke von dort be-
kommen weil ich Ihnen keine Karten schreiben kann; einem
Briefe hatte ich sie beigelegt. Indem wir unsern Aufenthalt
dort so sehr wir konnten verlangerten ha'ben wir nach man-
chen Regentagen den ersten Hauch des Friihlings dort unten
verspiirt und ich kann Ihnen nicht sagen wie schon das war.
Wir haben billig und angenehm gelebt und das einzig
stadtisch-weltliche unseres Aufenthalts war, da£ am gleichen
Ort eine ganze Anzahl mir bekannter junger Leute unver-
mutet sich fanden mit denen man im Grunde nicht gut aus-
kommen konnte. Frau Lasker-Schuler war auch da. In der
Ahnung durch manches bei meiner Ruckkehr beunruhigt und
beschaftigt zu werden habe ich die Reise so lange als moglich
war ausgedehnt : und als erste Bestatigung dieser Furcht sehe
ich uns zu einem besonders unangenehmen Zeitpunkt die
Wohnung gekiindigt. Ncch steht es nicht ganz fest aber be-
reits die drohende Aussicht ist (iberaus unangenehm denn in
Bern ist (wie in Zurich) ein unglaublicher Mangel an Woh-
nungen und moblierte zu solchem Preise wie ich dafiir aus-
gebenkannsindkaumerhaltlich.IchwiirdeaberBernnurganz
gezwungen verlassen weil ich nun einmal meinen Doktorvor-
bereite. Wenn ich in die Dissertation eingearbeitet bin, was
aber im besten Falle noch einige Monate dauern wird konnte
ich es eher verlassen; doch bleibt der Winter auf dem Lande
sehr einsam. Ich erwarte den Vorschlag eines Themas von
meinem Professor1; indessen bin ich selbst auf eines verfal-
len. Seit der Romantik erst gelangt die Anschauung zur Herr-
179
schaft dafi ein Kunstwerk an und fiir sich, ohne seine Bezie-
hung auf Theorie oder Moral in der Betrachtung erfafit und
ihm durch den Betrachtenden Genii ge geschehen konne. Die
relative Autonomie des Kunstwerkes gegeniiber der Kunst
oder vielmehr seine lediglich transzendentale Abhangigkeit
von der Kunst ist die Bedingung der romantischen Kunstkri-
tik geworden. Die Aufgabe ware, Kants Asthetik als wesent-
liche Voraussetzung der romantischen Kunstkritik in diesem
Sinn zu erweisen.
Auf Ihre Frage hinsichtlich der „unendlichen Aufgabe"
gehe ich mit Absicht nicht mehr ein. Sie gehort auch zu den-
jenigen die brieflich kaum zu behandeln sind — und vor allem
nicht in diesem Briefe, der nicht allein die Aufgabe hat, drei
andere zu beantworten sondern der Ihnen vielleicht fiir lan-
gere Zeit fiir andere Briefe stehen muB die folgen sollten
wenn die auBeren Verhaltnisse — wie es moglich ist — mir
vorlaufig das Schreiben ausfiihrlicher und wesentlicher Briefe
unmoglich machen werden. Ein Colleg iiber Differentialrech-
nung werde ich vorlaufig nicht horen sondern alle Krafte auf
die Erledigung meines Doktors, bezw. den Beginn meiner
Dissertation konzentrieren. Die Mathematik, wie die fernere
Auseinandersetzung mit Kant und Cohen muB verschoben
werden. Meine philosophische Gedankenentwicklung ist in
einem Zentrum angel angt. So schwer es mir wird so muB ich
auch sie in' dem gegenwartigen Stadium belassen um nach
Erledigung des Examens mit voller Freiheit mich vollkom-
men ihr zu widmen. Treten der Erledigung meines Doktors
Hindernisse in den Weg so fasse ich sie als den Hinweis auf
mich mit meinen eigenen Gedanken zu beschaftigen.
Nach halbjahriger, mit Unterbrechungen gefiihrter, Lektiire
habe ich in Locarno die Dogmengeschichte von Harnack aus-
gelesen. Man kann mir dazu in doppeltem Sinne gratulieren:
daB ich die Arbeit getan und daB ich sie beendet habe. Der
Gewinn einer solchen Lektiire ist derart, daB er sich nicht,
wenn man das Buch geschlossen hat, iibersehen laBt. Um nur
eines zu bezeichnen, so habe ich erkannt wie neb en anderem
auch die Unwissehheit eine starke Quelle der neukatholischen
Strbmung in der Gegenwart ist, wie sie besonders auch intel-
180
ligente Juden ergriffen hat. Sie ist selbstverstandlich eine
AuBerung der romantischen Bewegung, die ja — ich weifi
nicht ob ich Ihnen hieriiber meine Anschauung schon mit-
geteilt habe — eine der starksten Bewegungen der Gegenwart
ist. Sie hat wie der fnihere romantische Katholizismus eine
machtpolitische und eine ideenhafte Seite (Adam Miiller —
Friedrich Schlegel) und wahrend die erste unfruchtbar ge-
blieben ist (Scheler reprasentiert sie, Franz Blei und — wenn
auch nicht als Katholik — Walter Rathenau gehoren ihr unter
vielen anderen an) hat sich die zweite aus der lethargischen
und wenig charakterisierten Haltung Schlegels durch Rezep-
tion sozialer Elemente zum Anarchismus entwickelt (Leon-
hard Frank, [Ludwig] Rubin er). Was ich demnachst werde
lesen konnen ist noch unbestimmt. — Uber Goethe habe ich —
wie Sie nach meiner scharfen Rezension des Gundolf er Buches
sich denken konnen, viel zu sagen. 2 Ich warte ab was Sie fin-
den werden.
Ihre Arbeit3 die Sie meiner Frau schickten habe ich drei-
mal, zum letzten Male mit ihr, gelesen. Meine Frau wird
Ihnen noch selbst danken. Ich selbst bin Ihnen zu besonderem
Dank verpflichtet, denn Sie haben, ohne zu wissen daB ich
mich schon vor zwei Jahren um dasselbe Problem bemiiht
habe, mir wesentlich zur Kliirung verholfen. Das stellt sich
nunmehr nachdem ich Ihre Arbeit gelesen mir so dar: aus
meinem Wesen als Jude heraus war mir das eigene Recht, die
„vollkommen autonome Ordnung" der Klage wie der Trauer
aufgegangen. Ohne Beziehung zum hebraischen Schrifttum,
das wie ich nun weiB der gegebene Gegensiand soldier Unter-
suchung ist, habe ich die Frage „wie Sprache iiberhaupt mit
Trauer sich erfullen mag und Ausdruck von Trauer sein
kann" in einem kurzen „Die Bedeutung der Sprache in
Trauerspiel und Tragodie" uberschriebenen Aufsatz an das
Trauerspiel herangebracht. Ich bin dabei im einzelnen und
ganzen zu einer Einsicht gekommen die der Ihrigen nahe
steht, habe mich aber dabei fruchtlos an einem Verhaltnis
abgearbeitet, das ich erst jetzt in seinem wahren Sachverhalt
zu ahnen beginne. Im Deutschen tritt namlich die Klage
sprachlich hervorragend nur im Trauerspiel hervor und dieses
181
steht im Sinne des Deutschen der Tragodie fast nach. Damit
konnte ich mich nicht versohnen und sah nicht daB diese
Rangordnung im Deutschen ebenso legitim ist wie im He-
braischen wahrscheinlich die entgegengesetzte. Jetzt sehe ich
nun in Ihrer Arbeit daB die Fragestellung die mich damals
bewegte auf Grund der hebraischen Klage gestellt werden
muB. Allerdings kann ich Ihre Ausfiihrungen weder als eine
Losunganerkennen, noch befahigen mich Ihre Ubersetzungen
— was auch wohl unmoglich ware — dazu die Sache vor der
Kenntnis des Hebraischen aufzunehmen. Im Gegensatz zu
Ihrem Ausgangspunkt hat der meine nur den einen Vorteil
gehabt, mich von vornherein auf den fundamentalen Gegen-
satz von Trauer und Tragik hinzuweisen, den Sie nach Ihrer
Arbeit zu schlieBen noch nicht erkannt haben. Im Ubrigen
hatte ich sehr viel Bemerkungen zu Ihrer Arbeit zu machen,
die sich aber brief lich ins uferlos Subtile — wegen der termi-
nologischen Schwierigkeiten — verlieren miiBten. Sehr schon
finde ich den SchluBteil der von Klage und Zauber handelt.
Dagegen gestehe ich Ihnen offen, daB mir die Theorie der
Klage in dieser Form noch mit fundamentalen Liicken und
Unklarheiten behaftet scheint. Ihre (und meine) Termino-
logie ist durchaus noch nicht geniigend ausgearbeitet um
diese Frage losen zu konnen. Im Besonderen bemerke ich nur,
daB ich die eindeutige Beziehung von Klage und Trauer in
dem Sinne daB jede reine Trauer in die Klage miinden imisse
noch bezweifle. — Es ergeben sich hier eine Reihe so schwerer
Fragen daB man wirklich von ihrer schriftlichen Erwagung
abstehen muB. — Nur noch ein Wort zu den Ubersetzungen.
Wir - meine Frau und ich — haben uber sie dasselbe zu sagen
wie seinerzeit uber die des Hohen Liedes. Auch diese Uber-
setzungen — uber deren Relation zum Hebraischen ich zwar
nicht urteilen kann, Ihnen aber in dieser Hinsicht vollkom-
m.en vertraue - haben was ihre Relation zum Deutschen an-
geht letztenEndes denCharakter vonStudien. Es handelt [sich]
bei Ihren Ubersetzungen offenbar nicht darum, einen Text fur
das Deutsche gleichsam zu retten, sondern eher darum ihn
regelrecht auf das Deutsche zu beziehen. Sie empfangen in
dieser Hinsicht von der deutschen Sprache keine Eingebung.
182
Ob sich die Klagelieder jenseits einer solchen Beziehung auf
das Deutsche auch noch in diese Sprache iibersetzen lassen
vermag ich naturlich nicht zu entscheiden und Ihre Arbeit
scheint es zu verneinen.
Herrn David Baumgardt4 kenne ich von Berlin her ein
wenig. Er war mir immer sympathisch. Uber seine beson-'
deren philosophischen Fahigkeiten habe ich aber kein Urteil.
Uber Simon Guttmann kann ich Ihnen einmal (vielleicht
wenn wir beide alte Leute sind — falls wir es werden!) mehr
erzahlen als irgend ein andrer Mensch auf der Welt, aus-
genommen vielleicht meine Frau. Zu demselben Kreise5 ge-
horte Herr Robert Jentzsch. Dieser junge Mann der sich vor
einigen Jahren an der Berliner Universitat als Privatdozent
fiir Mathematik habilitierte soil heute auf Grund seiner
Dissertation — die von der Akademie [?] iibersetzt wurde — als
Mathematiker bereits beruhmt sein. Ich kenne ihn ebenfalls
etwas. Haben Sie von ihm gehort oder konnen Sie etwas iiber
ihn (er ist im Felde) erfahren? Ich interessiere mich sehr
dafiir.6 Es folgen zwei weitere Bitten. Ein Brief von mir an
das Genie ist sei es nicht angekommen, sei es unbeantwortet
geblieben.* Ich bin nun auOerst begierig auf seine Disser-
tation** und kann mich nicht gut an ihn wenden. Darf ich Sie
bitten mit f rankiertem Riickkouvert an den Pedell der Univer-
sitat Erlangen zu schreiben und sich bei ihm zu erkundigen ob
und wo die Dissertation des Herrn Felix Noeggerath der dort
im Oktober oder November 1916 an der philosophischen Fa-
kultat promovierte erschienen ist. Ebenfalls ob er die gegen-
wartige Adresse des Herrn wuBte. Ich ware Ihnen sehr dank-
bar wenn Sie diese Anfrage die ich nicht gem unter meinem
Namen tate machen wiirden. Endlich bitte ich Sie noch um
folgendes: die auf meinem letzten Bucherzettel angegebenen
Langenscheidtschen "Dbersetzungen von Tibull und Properz
nicht zu bestellen, oder falls es gdnzlich miihelos geht, die et-
waige Bestellung zuruckzuziehen. Ich habe sie hier namlich
* Ich habe mir eine sehr alte Adresse von ihm und weiB iiber
seinen gegenwartigen Aufenthalt nichts.
** die etwa im Oktober 1917 hatte gedruckt sein rmissen.
183
antiquarischgefunden,will sie aber nicht kauf en be vor ichvon
Ihnen - moglichst umgehend - eine kurze Nachricht habe
ob sie schon in Deutschland bestellt sind oder nicht. Auch
sonst machen Sie mir bitte von alien Dingen die die Biicher-
bestellung betreffen immer Mitteilung. Icb danke Ihnen
nochmals fur Ihre Muhe damit. (Die Bestellung der Langen-
scheidtschen Ubersetzungen von Catull und Pindar bleibt in
Kraft und zwar will ich diejenigen dieser Autoren die nicht
fur sich allein einen oder mehrere Bande ausmachen nur in
den samtlichen Lieferungen da ich sonst noch andere Autoren
bei den einzelnen Banden mit in Kauf nehmen miiBte. Dies
bezieht sich auch auf Tibull und Properz falls sie nicht mehr
abbestellt werden kon-nen.) Das Marchen von Fanferlieschen
SchonefuBchen7 kenne ich, weiB aber unter den vielen die
ich von ihm gelesen habe nicht mehr welches es ist. — Auf die
medizinische Auskunft die Sie meiner Frau geben wird sie
selbst eingehen. — Haben Sie die Papiere von Herrn Kraft
erhalten? Ich habe ihm geschrieben. Wie steht es mit der
Herkunft Ihres Freundes? Er soil uns herzlich willkommen
sein.
Von Buber schreiben Sie fast wortlich dasselbe was mein
Freund nach seiner einzigen Besprechung mit ihm mir
sagte.8
Der Zusammenhang dieses Briefes fehlt nicht so ganzlich
wie es vielleicht scheinen mochte. Er ist durch die Notwen-
digkeit diktiert zu antworten ohne neue Fragen aufzuwerfen,
damit, falls unser Briefwechsel fur einige Zeit meinerseits
ruhen miiBte, ich nicht allzuviel unerledigt lasse. Mein groB-
tes Bedauern bleibt es Ihnen von der philosophischen Bewe-
gung meiner Gedanken nichts mitteilen zu konnen ; aber dies
vertragt sich nicht mit dem Briefe. — Meine Frau schreibt
Ihnen noch. — Ich bitte Sie herzlich mich nicht lange ohne
Nachricht zu lassen. Mit den innigsten "Wunschen fur Sie
Ihr Walter
1 Richard Herbertz.
2 Diese Rezension wurde in ihren Hauptstiicken in die Arbeit iiber
Goethes Wahlverwandtschaften (Schriften I) inkorporiert.
3 „Uber Klage und Klagelied" (ungednickt).
184
4 Mit dem Scholem in Erfurt bekannt geworden war. Er war spater
Privatdozent an der Universitat Berlin.
5 Gemeint ist das „Neopathetische Kabarett" urn Georg Heym, Erwin
Lbwensohn, Kurt Hiller u. a.
6 Einen Tag vor Erhalt dieses Briefes hatte Scholem (der damals
Mathematik studierte) W. B. mitgeteilt, dai3 Jentzsch gefallen sei, zu-
samraen mit der Nachricht vom Tode Hermann Cohens.
7 Von Clemens Brentano.
8 Scholem hatte eine heftige Diatribe gegen den Kult des Erlebnisses
in den Buberschen Schriften dieser Jahre verfai3t.
66 An Gerhard Scholem
11. April 1918
Lieber Gerhard,
lassen Sie mich gegen die beiden Todesnachrichten,1 von denen
mich die zweite die mir noch unbekannt war auf das schmerz-
lichstebetraf, eine Lebensnachricht austauschen. Als ich Ihren
Brief vorfand kam ich eben aus der Klinik nach Hause wo
meine Frau mir an diesem Morgen einen Sohn2 geboren hat.
Es geht beiden gut. — Sie sollten neben den Grofleltern des
Kindes der erste sein der die Nachricht erfahrt. Ich griifle Sie
in Gedanken von dem Kind und der Mutter.
Ihr Walter
1 Ober Hermann Cohen und R. Jentzsch.
2 Stefan B., gestorben am 6. Febr. 1972 in London.
67 An Gerhard Scholem
[17. April 1918]
Lieber Gerhard,
vielen herzlichen Dank von uns beiden fur Ihren schonen
Gluckwunsch; ich habe ihn eben erhalten. Meiner Frau geht
es gut und dem Kind auch. Wir haben es Stefan Rafael ge-
nannt, den zweitenNamen nach einemkurz vor seiner Geburt
185
gestorbenen Grofivater meiner Frau. Dora soil morgen zum
ersten Male etwas aufstehen. - Zu dem Wunderbarsten das
man bemerken kann gehort was ich in diesen Tagen bemerkt
habe: wie sogleich der Vater einen so kleinen Menschen als
Person erkennt, so, daB demgegeniiber seine eigene Uber-
legenheit alien Dingen des Daseins sehr nebensachlich er-
scheint. — Es gibt da einen beriihmten Brief Lessings in dem
ganz ahnliches steht.
Ich lese einen Haufen ungeheuer interessanter Sachen und
noch mehr dergleichen stehen auf meinem Schreibtisch;
unter den ersten: das Athenaeum der Gebriider Schlegel, in
der Originalausgabe entliehen (!). Ferner ein hochst span-
nendes, fast zu spannendes, sehr dokumentiertes Buch: Ber-
nouilli: Franz Overbeck und Friedrich Nietzsche. Das MaB-
gebende was iiber Nietzsches Leben existiert mit sehr viel
sonst ungedrucktem. AuBerdem Heinrich von Stein: Plato-
nismus. Von der zweiten Art (nur auf dem Schreibtisch):
F. Schlegel, Philosophie der Sprache und des Wortes, seine
allerletzten Vorlesungen (da ich nun schon fast Spezialist fur
den alten Schlegel geworden bin, werde ich mit der Lektiire
dieses Buches diesen muhevollenBeruf beschliefien konnen).-
Ich denke gerade jetzt iiber sehr vieles nach: iiber das wor-
iiber am meisten,kann ich noch nicht, iiber das woriiberweni-
ger, will ich noch nicht schreiben. Irgendeinmal erhalten Sie
einen Stop Manuscripte, — von dem bis jetzt allerdings noch
meist sehr Weniges existiert. - Haben Sie Catull Tibull Pro-
perz Ubersetzungen, Langenscheidt abbestellen konnen? Wie
ist es damit: Bitte berichten Sie mir recht bald.
Eine herzliche, dringende Bitte; zahlreiche Bitten an Wer-
ner Kraft, er moge mir einen Brief l den ich ihm ausSt.Moritz
iiber „GroBe" schrieb kopieren und senden, blieben vergeb-
lich. Jetzt benotige ich diese Ausfiihrungen sehr, will ihm
aber von hier aus nicht damit nahe treten, bitte Sie aber recht
sehr, schnell und dringlich ihm meine Bitte, eventuell vor-
iibergehende ttberlassung des eingeschrieben mir zu iiber-
sendenden Originalbriefes, wenn ihm das Kopieren Miihe
macht, zu iibermitteln. Ich brauche dies wirklich. Herzlichen
Dank! Haben Sie Kraft von der Geburt geschrieben? Wenn
186
nein, so tun Sie es bitte audi nicht, wenn ja berichten Sie es
mir bitte, damit ich ihm selbst schreibe — an sich mochte ich
namlich durch nichts AuBeres ihn in seinem sich vorgeschrie-
benen Schweigen bedrangen. — Wissen Sie zufallig etwas was
er sich wiinscht? Wir mochten ihm anonym ein Buch schik-
ken. — Bitte schreiben Sie mir recht bald.
Herzlichst Ihr Walter
1 Dies ist der unter Nr, 69 mitgeteilte Brief uber Stifter.
68 An Ernst Schoen
[Bern, Mai 1918]
Lieber Herr Schoen,
die Antwort auf Ihre beiden Brief e hat sich so lange hinaus-
geschoben daB ich nun in einem besonders reichen aber auch
besonders bedrangten Momente sie abgeben muB. AuBerlich
bedrangt* indem die trostlosen Wohnungsnote hier uns zu
einem Umzug in vierzehn Tagen 1 notigen welches eine Sache
ist die hier mit vielerlei Peinlichem verbunden ist. Innerlich
bedrangt durch eine Fulle von Aufgaben da die gehemmte
Notigung Eignes auszusprechen keine ganzlich freie Bahn
findet. Meine Gedanken sind teils noch zu unentwickelt,
fliichten vor mir bestandig und was ich greife bedarf des ge-
nauesten Fundaments um ausgesprochen werden zu diirfen.
Gewisse - gleichsam revolutionise — Gedanken tragen fur
mich die Notwendigkeit in sich ihre groBen Gegner sehr
griindlich zu studieren um in ihrer Darlegung unentwegt
sachlich bleiben zu konnen. Uberall ist dieser groBte Gegner
Kant. Jetzt bin ich in seine Ethik verbissen — es ist unglaub-
lich wie man diesem Despoten auf die Spur kommen muB,
auf die Spur seines erbarmungslos gewisse Einsichten die ge-
rade in der Ethik zu den verwerf lichen gehoren ^rphiloso-
phierenden Geistes. Er hetzt besonders in seinen spateren
Schriften und schlagt besinnungslos auf seinen Renner, den
Logos, ein.
187
Eine sehr wichtige erkenntnistheoretische Arbeit bin ich
bisher unvermogend zu vollenden, sie liegt schon monate-
lang. Weiter: ich habe mir von meinem Ordinarius der es
hochst bereitwillig tat das Thema meiner Dissertation ge-
nehmigen lassen. Etwa : die philosophischen Grundlagen der
romantisclien Kunstkritik. Ich weiB iiber dies Thema einiges
zu sagen aber der Stoff erweist sich als ungeheuer sprode.
Wenn [ich] ihm das tiefere abgewinnen will und eine Dis-
sertationverlangtQuellennachweise, die doch bei der Roman-
tik fur gewisse ihrer tiefsten Tendenzen kaum zu finden sind.
Ich meine ihre geschichtlich fundamental wichtige Koinzi-
denz mit Kant, die zur „dissertatorischen" Erscheinung zu
bringen sich unter Umstanden als unmbglicherweisenkonnte.
Andererseits gestattet die Arbeit wenn sie geleistet werden
kann mir diejenige innere Anonymitat die ich mir bei jeder
zu solchen Zwecken gemachten sichern muB. Ich will den
Doktor machen und wenn dies nicht oder noch nicht ge-
schehen sollte so darf es nur der Ausdruck tiefster Hem-
mungen sein. Wie viele auf der Hand liegen da von will ich
schweigen und brauche es auch Ihncn nicht zu sagen. - Bei
dieser Gelegenheit bitte ich Sie mir brieflich im Folgenden
nacheinander die Angaben aus Ihrer Fragmentenharmonie2
(vielleicht auf drei bis fiinf Brief e verteilt damit die ein-
zelnen nicht zu lang werden) zu senden. DaB ich Ihnen damit
eine groBe Miihe mache bitte ich Sie herzlich zu verzeihen.
Ich brauche diese Harmonie zu meiner Arbeit unbedingt. Es
steht schlimm daB ich Ihnen von Ihrer kostbaren Zeit auch
noch nehmen muB.
Sie beriihren in Ihren beiden Brief en zwei sehr wichtige
Dinge, Gegenstande meines Nachdenkens seit langem, Gegen-
stande auch des Gespraches zwischen mir und Herrn Scholem,
der inzwischen hier angekommen ist3: Stifter und Borchardt.
Uber den erst en will ich Ihnen heute nichts schreiben weil
ich einiges Wesentliche iiber ihn schon aufgeschrieben habe,
auch bei Gelegenheit erweitern werde und Ihnen also geson-
dert bei Gelegenheit iibersenden kann. — Welche Vorstel-
lungen der Name Borchardt in mir wachruft konnen Sie
sich schwerlich deutlich machen. Er bildet einen integrie-
188
renden Teil des ungliicklichen Lebens eines mir nahestehen-
den jungen jiidischen Menschen, gegenwartig Soldat.4 Es ist
meine und Herrn Scholems (der ihn durch mich wahrend ich
schon hier war kennen gelernt hat) gemeinsame Sorge ihn
verlassen in Deutschland zu wissen. Dieser Mensch der
Borchardt mit einzigem Enthusiasmus verehrte und verehrt
hat mir die genaueste Auseinandersetzung mit ihm auf-
genotigt und iiberdies in einigem ein Bild seines Wesens ver-
schafft. So habe ich Borchardt seit mehr als zwei Jahren nicht
aus dem Gesichtskreis verloren. Ich kenne seine Gedichte und
„ Villa", seine Sachen in „Hesperus" (und die Kriegsreden),
endlich die beruhmte Polemik gegen den Kreis Georges in den
Siiddeutschen Monatsheften. Um vollstandig und verstand-
lich iiber ihn zu reden miiBte ich weit ausgreifen und Dinge
sagen fur die hier in keinem Sinne der Raum ist. So erlauben
Sie da!3 ich Ihnen nur ganz andeutungsweise mitteile, warum
ich Borchardts Person bei allemRespektvor den „Qualitaten"
seines Schaffens (denn bei ihm sind Ztige, die bei andern alles
sein konnten, nicht mehr) ablehne. Tragisch-problematisch
ist mir Borchardt nicht mehr, so wenig wie Walther Rathe -
nau, wenn er auch nicht, wie dieser gemein ist. Im iibrigen
aber sind sie verwandt, vor allem in dem Einen Zug, der
Borchardts moralisches Wesen entscheidet, in dem Wlllen zur
Luge. Er hat statt des Herzens eine Kugel im Leibe. Es gibt
heute kein grofieres Beispiel als ihn fiir das ungeheuer Trii-
gerische des Einzel-schonen, an dem sein Werk reich ist. Die-
ses Werk als ganzes erweist sich aber als der Versuch seinem
Schopfer, in geistiger Hinsicht einen Rang, in geistiger Hin-
sicht Macht, GroBe in geistiger Hinsicht zu vers chaff en. Er
verzehrt sich darin den Deutschen einen Typus hinzustellen,
den sie nicht haben, noch nicht haben konnen, nicht er-
schleichen diirfen und dessen Zukiinftigkeit er wittert ohne
sie zu ahnen: die bffentlich-verantwortliche Person des Vol-
kes, den bestallten Verwalter seines Geist- und Sprachguts.
(Diese Vorstellung was an ihr zukiinftig was an ihr mifiver-
standen ist kann ich hier nicht sagen. Sie werden es sich
denken. In Jacob Grimm scheint er soweit es damals moglich
war in seinem Streben einen Vorganger gefunden zu haben.)
189
Diesem Zwecke sind seine Werke die selbstherrlichen Mittel,
kein Dienst. Auch in ihm ist die „Umkehrung einer Idee"
die Herr Scholem mir in seinem letzten Brief e als Charakte-
ristikum der modern en Biicher angab, zu find en; die objektive
Verlogenheit wie ich es nenne. Bei ihm richtet sie sich auf
dieGeschichte und sieberuhtwiederum auf einer Verkehrung
die mir fur unsere Zeit kanonisch geworden zu sein scheint,
aber [lies: auf] der Verfalschung des Mediums zum Organ.
Er macht die Geschichte, das Medium des Schaffenden zu
dessen Organ. Dies ist nicht miihelos darzulegen, eben darum
ist Borchardt vielleicht heute der einzig noch wiirdige Gegen-
stand zerschmetternder* Polemik (wie er sie wunderbar am
Georgischen Kreise versucht hat) ware nicht alleswaswesent-
lich Polemik ist, heute verworfen. Sie begegnen einer Geste
die den Menschen schirmen und auszeichnen kann, fur den
Dichter aber eine unstatthafte Maske ist, bis tief in Borchardts
Werk hinein, oder es beruft sich darauf sie zu verfassen. Er
hat sich auf einen Turm von Luge gestellt um von der ver-
logenen Menge seiner Zeit gesehn zu werden. Wenn ich recht
sehe kiindigt sich in Ihren Zeilen davon das Gefuhl sehr deut-
lich an.
Die Lektiire der Spracharbeit steht Ihnen frei. Ich habe
noch eine Bitte an Sie. Im „Kreis der Liebe"5 welchen ich
wegen seiner Schrif t nicht hernehmen konnte steht ein Ghasel
von Platen. Jetzt habe ich mir die (leider nicht ganz voll-
standige) Ausgabe seiner Gedichte von Schlosser gekauft.
Darin scheint es sich unglaublicherweise nicht zu befinden.
Das wievielte ist es? Woher haben Sie es? Konnten Sie es mir
gelegentlich abschriftlich senden? — DaB ich selbst Ihnen
eine Bitte nicht erf till en kann, tut mir leid. Bilder von meiner
Frau und mir haben wir hier nicht zur Hand und [Sie] wer-
den es verstehen wenn wir es fiir unstatthaft halten uns aus
solchem Anlafi aufnehmen zu lassen. Endlich bitte ich Sie
umVerzeihung, dafi indem ich Ihre Freundlichkeit undSorg-
falt in einer so wichtigen Sache als die Verwahrung meiner
Papiere ist in Anspruch nehme, ich nachtraglich diese Bitte
* erbarmungslosester
190
vorbringen muB nachdem sielhnen schon vonHerrnScholem
vorgetragenwurde. Die ganzeUbertragung8muBte wegen der
bevorstehenden Abreise von Herrn Scholem so eilig vor sich
gehen, und andererseits war es doch noch ungewifl ob sie
iiberhaupt stattfinden miiBte daB ich erst die Erledigung der
Sache abwarten muBte. Ganz besonders ungliicklich traf es
sich daB bevor ich noch Ihr Einverstandnis zu der Ubertra-
gung einholen konnte ich Sie bereits um eine Sendung bitten
muBte. Ich hoffe Sie werden sowohl mein Verfahren durch
die Umstande fiir entschuldigt ansehen, wie auch den grofien
Dienst den die Aufbewahmng meiner Manuscripte mir be-
deutet erweisen.
Ich studiere also wie Sie sich denken konnen jetzt die
Romantik und zwar, neben der Lektiire des Athenaeums, den
mir bisher am wenigsten bekannten A. W. Schlegel. Wissen
Sie was mich jetzt in den kritischen Schriften dieser Leute
wundernimmt?Esist ihre groBe schone Humanitat. Siehaben
die Scharfe der Rede die sie gegen das Niedrige brauchen,
after sie verfugen iiber eine wunderbare Milde des Geistes an-
gesichts ungliicklicher Menschen. Dies scheint Goethe und
Schiller in der Kritik nicht in dem MaBe erreichbar gewesen
zu sein. Dagegen sind A. W. Schlegels Rezension von Burger
und Schleiermachers von Garve7 wunderbar. Ubrigens haben
diese Leute in ihrer Kritik, wiederum ganz im Unterschied
von Goethe fast immer Recht behalten und also gehabt. —
Wenn Sie Zeit haben und Nietzsche schon ziemlich gut ken-
nen, auch seinen Briefwechsel mit Overbeck (der sehr wichtig
ist) dann, aber nur dann, lesen Sie vielleicht einmal C. A. Ber-
noulli: Franz Overbeck und Friedrich Nietzsche. Das Buch
ist letzten Endes nur eine zweibandige Broschure aber es
enthalt sehr interessantes Material. S. Friedlander nennt
Elisabeth Forster Nietzsche: „die stadtbekannte Schwester
des weltberiihmten Bruders."
Mein Bruder ist verwundet in einem deutschen Lazarett,
es ist scheinbar ein nicht leichter DarmschuB. Meine Frau
und ich erwidern aufs herzlichste Ihre und Julas GriiBe. Uber
Busoni, wir horten ihn vorgestern, schreibt meine Frau spater.
Ihr Walter Benjamin
191
Vielen herzlichen Dank fiir Ihren Gliickwunsch.
PS Ich sehe mich, genotigt, mich uber B or chard t deutlicher
auszusprechen : es ist nicht rich tig daB sein Werk nur „Qua-
litaten" habe. Die Germania-Ubersetzung — soweit ich sie
kenne — ist wahrscheinlich ein Markstein in der Geschichte
der Beziehung des Deutschen zum Lateinischen. Es ist auch
nicht richtig, daB der Wille zur Luge bei ihm zentral sei.
Sondern er ist ein Abenteurer den es nach dem hochsten
Lorbeer geltistet, der ungeheure Fahigkeit in den Dienst ab-
soluten Machtwillens stellt, und der in einem Zeitalter in
dem die letzte Vertiefung und Besinnung unsichtbar macht,
jene Vertiefung und Besinnung auch vor dem Grunde um
der Sichtbarkeit willen, abbiegt, reflektiert. Luge ist nicht er
selbst, sondern Luge ergreift ihn jedesmal wo er seine Rela-
tion zum Publikum bestimmt. - Er wird vielleicht GroBes
hinterlassen aber es wird sein wie in der-im ubrigen in ihrer
„Moral" durchaus nicht hubschen — Geschichte von dem
Manne, der das Gold finden wollte und das Porzellan fand.
Auf der Suche nach falschem Golde konnte Borchardt so
etwas begegnen, aber da er ein Dichter sein will, so ist sein
unreiner Wille die starkste Schranke seiner Moglichkeiten:
er wird sicher kein Werk, er wird Entdeckungen, urbar ge-
machtes Land, philologisch, historisch technisch entdecktes
zurucklassen. Nicht Luge, sondern worauf Sie selbst deutlich
hinweisen, Unlauterkeit ist durchaus in ihm wirksam.
1 Nach Muri bei Bern.
2 W. B. hatte in Dachau im Friihjahr 1917 eine Zusammenstellung
von Schlegels und Novalis1 Fragmenten gemacht, die sich damals bei
Ernst Schoen zur Aufbewahrung hefand.
3 Scholem war vom Anfang Mai bis zum Herbs t 1919 in Bern.
4 Werner Kraft.
5 Gedichte von Ernst Schoen (ungedruckt?).
6 Von Papieren W. B.s, die sich bei Scholem befanden.
7 Im „Athenaum III" (1800), S. 129 ft.
192
69 An Ernst Schoen
Muribei Bern 17. Juni 1918
Lieber Herr Schoen,
Sie haben mich durch die so miihevolle wie sorgfaltige Ab-
schrift der Fragmenten-Notizen die nun schon seit einiger
Zeit in meinem Besitz ist zura groBten Dank verbunden. Als
Zeichen daB ich Ihnen dafiir dankbar bin bitte ich Sie die
Kopie der beiden Aufzeichnungen die ich iiber Stifter ge-
macht habe und welche ich diesem Brief beilege anzunehmen.
Ohne den Wunsch Ihnen eine Freundlichkeit zu erweisen
hatte ich mich vielleicht nicht entschlossen Ihnen die beiden
Stellen zu geben, von denen namlich die eine nur aus einem
Brief e stammt, wahrend die zweite als Hinweis auf eine aus-
fuhrliche Kritik von Stifters Stil die ich mir vorgesetzt habe
zunachst nur fiir mich gemeint war. Weil es aber lange
dauern kann bis ich zu dem Beiliegenden etwas hinzuzufiigen
im Stande sein werde (es ist vor allem moglich im Zusammen-
hang mit dem unter II gesagten die guten Elemente seines
Stils ebenso verstandlich zu machen als die schlechten) so
sende ich es Ihnen heute. Ich habe mein gutes Briefpapier fiir
die Abschrift gewahlt und hoffe daB es nicht so elend zu-
gerichtet bei Ihnen ankommt wie wir die meisten deutschen
Briefe mit den Laugen der Zensur iibergossen erhalten.
Weil ich einmal dabei bin Ihnen meinen herzlichen Dank zu
sagen komme ich gern auf Ihr Geschenk zu meinem vorigen
Geburtstag zuriick urn Ihnen zu erzahlen daB der Guerin in
blaues Saffianleder gebunden einen der schonsten Bande
meiner Bibliothek ausmacht. An deren Ausgestaltung bin ich
so gut es geht tatig. Es ist so gekommen, daB mein inneres
Bediirfnis eine Bibliothek zu besitzen (ja auch nur die Mog-
lichkeit es zu konnen) zeitlich mit den auBerordentlichen
Geld- und Sachschwierigkeiten sie zu erwerben zusammen-
fiel. Erst seit etwas mehr als zwei Jahren bin ich eifrig dabei,
und es ist die trostloseste Zeit, in der die innerlich unzugang-
lichsten Werke, nach deren einem oder anderm ich mich all-
mahlich um es zu besitzen umzusehen wage, Spekulations-
193
objekte des Pdbels geworden sind. Ich muB also auf vieles das
vor wenig Jahren (als ich iibrigens kein Geld es zu kaufen
hatte) erschwinglich war und das mir jetzt begehrenswert ist
verzichten. Vielleicht haben Sie von der Auktion Piloty in
Miinchen gehort (dort ist die Erstausgabe des „Siebenten
Rings*' mit iiber 400 M bezahlt worden - ich hatte 75 darauf
geboten und Alfred [Cohn] hat sie fiir 45 vor mehreren
Jahren gekauft.) Das einzige Buch, das ich dort erwerben
konnte schickt mir eben mein Buchhandler, den Briefwechsel
Goethes und Knebels. Immerhin wiirden Sie einiges Scheme
auch jetzt bei mir finden und in absehbarer Zeit hoffe ich mit
meinen hiesigen Buchern auch die Bibliothek meiner Frau
die noch in Seeshaupt ist vereinigen zu konnen. Den groBern,
oder jedenfalls bessern Teil meiner Biicher aus Deutschland
habe ich jetzt hier. Aber von alien Buchern ganz zu schweigen
ist so vieles Wichtige was ich aus Deutschland bestelle vergrif -
fen. Gelegentlich will ich Ihnen wenn es Sie nicht langweilt
mehr hiervon, von meinen letzten Erwerbungen schreiben.
Ich erzahle so gerne davon.
Von meinen Arbeiten dagegen kann ich heute und viel-
leicht fiir einige fernere Zeit nicht berichten. In meinen
MuBestunden des Abends lese ich seit einigerZeit mit meiner
Frau Catull und wir wollen dabei bleiben und spater zu
Properz iibergehen. Um von dem Fehlerhaften das in dem
kanonischen Ansehen der modernen asthetischen Begriffe,
der modernen Auffassung der Inspiration, der Lyrik liegt
loszukommen gibt es nichts Heilsameres als das Lesen der
alten Dichter — vielleicht sogar in gewisser Hinsicht mehr
noch das der Lateiner als der Griechen. Von der Bibliothek
habe ich eine Ausgabe die in Paris fiir den Dauphin Louis XV
gearbeitet und gedruckt wurde und die jedes Gedicht mit
„Annotationes" und „Interpretatio" begleitet, wovon die
zweite eine komisch plumpe Umschreibung des Gedicht-
inhalts in schlechtem Latein ist.
Borchardt hat wie ich ho re im ersten Heft der „Dichtung"
ein Verzeichnis seiner abgeschlossenen ungedruckten Arbei-
ten veroffentlicht. (Ich habe es zu Gesicht bekommen.) Ein
Bekannter von mir hat dariiber das treffendste Wort gesagt
194
— es bestehen da verschiedene Abteilungen: Ubersetzung,
Dramatik, Lyrik, Prosa, Philosophie, Politik u.s.w. - „Es
fehlt die Abteilung: Brief e" — . — Sie schreiben von [Heinrich]
Mann. Kennen Sie „Die Armen"? Er hat damit (wie sein
Bruder mit den „Gedanken im Kriege") der Zeit den Tribut
dargebracht der es erheischt ihn zu ihren Dienern zu zahlen.
Ein Buch von beispielloser Unreife und Zerfahrenheit. Viel-
leicht werden Sie gemerkt haben daB meine Anfrage nach
dem Platen'schen Gedicht auf dem seitsamen Irrtum beruhte,
das Ghasel im „Kreis der Liebe" sei von Platen selbst (und
Sie hatten es gleichsam als uberschwengliche Huldigung hin-
ein gesetzt). Nun, da ich weiB daB das Ihrige eine Paraphrase
ist, deren schonen SchluB im Gedachtnis ich es bei Platen
vergebens gesucht habe tue ich noch die neue Bitte: mir Ihr
Gedicht in einer Abschrift zu send en. — Fiir, Ihr letztes schemes
Gedicht danke ich Ihnen sehr. Meine Frau und ich griiBen
Sie und Jula mit den herzlichsten GriiBen und Wunschen
und ich selbst f iige noch einen Dank fiir die Fragmente hinzu.
Ihr Walter Benjamin.
Stifter
I
Eine Tauschung iiber Stifter scheint mir hochst gefahrlich
weil sie in die Bahn falscher metaphysischer Grundiiberzeu-
gungen von dem.einmiindet, wessen der Mensch in seinem
Verhaltnis zur Welt bedarf. Es ist nicht zu bezweifeln daB
Stifter ganz wundervolle Naturschilderungen gegeben hat
und daB er auch von dem menschlichen Leben, wo es noch
nicht als Schicksal entfaltet ruht, also von den Kindern wun-
derbar gesprochen hat, wie im „Bergkrystall". Seinen un-
geheuren Irrtum hat er aber selbst einmal ausgesprochen ohne
ihn als solchen zu erkennen, in der Yorrede zu den „Bunten
Steinen", wo er iiber GroBe und Kleinheit in der Welt
schreibt und dieses Verhaltnis als ein trugerisches und un-
wesentliches, ja relatives darzustellen sucht. Es geht ihm in
der Tat der Sinn fiir die elementaren Beziehungen des Men-
schen zur Welt in ihrer gereinigten Rechtfertigtheit ab, mit
andern Worten: der Sinn fiir Gerechtigkeit im hochsten
195
Sinne dieses Wortes. In der Verfolgung dessen, wie er das
Schicksal seiner Menschen in seinen verschiedenen Biichern
entrollt, habe ich jedesmal, im „Abdias", im „Turmalin", in
„Brigitta", in einer Episode aus der „Mappe meines UrgroB-
vaters", die Kehrseite, die Schatten- und Nachtseite jener
Beschrankung auf die kleinen Verhaltnisse des Lebens ge-
funden: Indem er sich eben bei deren Aufzeichnung keines-
wegs bescheidet oder begniigen kann und nun bemuht ist jene
Einfachheit auch in die groBen Verhaltnisse des Schicksals
zu tragen, welche aber notwendigerweise eine ganz anders-
artige sowohl Einfachheit als Reinheit, namlich die welche
simultan ist mit der GroBe oder besser mit der Gerechtigkeit
haben. Und da ergibt es sich daB bei Stifter sich gleichsam
eine Rebellion und-Verfinsterung der Natur ereignet welche
ins hochst Grauenvolle, Damonisch'e umschlagt und so ihren
Einzug in seine Frauengestalten (Brigitta, die Frau des Obri-
sten) halt, wo sie als eine geradezu pervers und raffiniert ver-
borgene Damonie das unschuldige Aussehen der Einfachheit
tragt. Stifter kennt die Natur, aber was er hochst unsicher
kennt und mit schwa chlicher Hand zeichnet ist die Grenze
zwischen Natur und Schicksal, wie es sich zum Beispiel ge-
radezu peinlich im SchluB des „Abdias" findet. Diese Sicher-
heit kann nur die hochste innere Gerechtigkeit geben, aber
in Stifter war ein krampfartiger Impuls auf einem anderen
Wege, der einfacher schien in Wahrheit aber untermensch-
lich damonisch und gespenstisch war, die sittliche Welt und
das Schicksal mit der Natur zu verbinden. In Wahrheit han-
delt es sich um eine heimliche Bastardierung. Dieser unheim-
liche Zug wird sich bei scharfem Zusehen iiberall da finden,
wo er in einem spezifischen Sinne „interessant" wird. — Stif-
ter hat eine Doppelnatur, er hat zwei Gesichter. In ihm hat
sich der Impuls der Reinheit von der Sehnsucht nach Gerech-
tigkeit zu Zeiten losgelost, sich im Kleinen verloren um dann
im GroBen hypertrophisch (das ist moglich!) als ununter-
scheidbare Reinheit und Unreinheit gespenstisch aufzu-
tauchen.
Es gibt keine letzte metaphysisch bestandige Reinheit ohne
das Ringen um den Anblick der hbchsten und auBersten Ge-
196
setzlichkeiten und man darf nicht vergessen dafi Stifter dieses
Ringen nicht kannte.
II
Er kann nur auf der Grundlage des Visuellen schaffen. Das
bedeutet jedoch nicht daB er nur Sichtbares wiedergibt denn
als Kunstler hat er Stil. Das Problem seines Stils ist nun wie
er an allem die metaphysisch visuelle Sphare erf aBt. Zunachst
hangt mit dieser Grundeigentiimlichkeit zusammen daB ihm
jeglicher Sinn fiir Off enbarung fehlt, die vernommen werden
muB, d. h. in der metaphysisch akustischen Sphare liegt. Des
ferneren erklart sich in diesem Sinne der Grundzug seiner
Schriften: die Ruhe. Ruhe ist namlich die Abwesenheit zu-
nachst und vor allem jeglicher akustischen Sensation.
Die Sprache wie sie bei Stifter die Personen sprechen ist
ostentativ. Sie ist ein zur Schaustellen von Gefiihlen und Ge-
danken in einem tauben Raum. Die Fahigkeit irgendwie
„Erschutterung" darzustellen deren Ausdruck der Mensch
primar in der Sprache sucht fehlt ihm absolut. Auf dieser
Unfahigkeit beruht das Damonische das seinen Schriften in
mehr oder weniger hohem Grade eignet und seine offenbare
Hohe dort erreicht wo er auf Schleichwegen sich vor warts -
tastet weil er die naheliegende Erlosung in der befreienden
AuBerung nicht finden kann. Er ist seelisch stumm, das heiBt
es fehlt seinem Wesen derjenige Kontakt mit demWeltwesen,
der Sprache, aus dem das Sprechen hervorgeht. x
1 Die erste dieser Notizen ist seinem (verlorenen) Brief an Werner
Kraft vom Sommer 1917 entnommen. Eine Abschrift daraus, die
erhalten ist, weist nur wenige stilistische Andertmgen auf.
70 An Ernst Schoen
[31. Julil918]
Lieber Herr Schoen,
ich danke Ihnen herzlich fiir Ihren Gluckwunsch. Mem
Geburtstag ist eine schone Gelegenheit Ihnen wieder von
197
Biichern zu erzahlen. Meine Frau beschenkte mich namlich
mit einer kleinen Bibliothek - nicht daB die Biicher in einem
Schrankchen aufgestellt gewesen waren aber sie f (ill en eines.
Vorher miissen Sie wissen daB ich nach Art eines wirklichen
Biichersammlers mir — wenigstens - ein Spezialgebiet ge-
schaffen habe. Dabei stand die Riicksicht auf das was ich
schon hatte und auf das Erschwingliche an erster Stelle. Es
ist ein Gebiet auf dem auch heute noch nicht allgemein ge-
sammelt wird und auf dem also ein gliicklicher Fund noch
moglich ist (wie ich solchen in der Tat vor kurzem zu meiner
unbeschreiblichen Freude gemacht habe.) Es sind alte Kin-
derbiicher, Marchen und auch schone Sagen. Der Stamm der
Sammlung riihrt von einem groBen Raubzug her den ich
noch gerade rechtzeitig in der Bibliothek meiner Mutter,
meiner friihern Kinderbibliothek, gemacht habe. Diesmal
habe ich also auch Marchen bekommen : die von Andersen in
der relativ guten Ausgabe, die jetzt bei Kiepenheuer erschien,
und Hauffs in einer Ausgabe seiner Werke aus der ich sie
mir vielleicht gesondert binden lassen werde. Vor allem aber
Brentanos in der seltenen Erstausgabe von 1846. Brentanos
iibrige Werke habe ich in der von seinem Bruder Christian
herausgegebenen siebenbandigen Gesamtausgabe bekommen
der einzigen bis auf die die gegenwartig wie so viele andere
bei Georg Miiller ausgebriitet wird. Sie enthalt bis auf die
Marchen und den Godwi alles Wesentliche. Sodann erhielt
ich die drei Bandchen „Bambocciaden" von dem roman-
tischen Literaten und Sprachforscher Bernhardi, eines der
seltensten wenn auch nicht der gesuchtesten romantischen
Biicher das ich schon lange zu besitzen strebte. Ich kenne es
noch nicht. Von Flaubert besitze ich nachdem ich diesmal
Trois Contes und die Tentation erhielt nun bis auf Salambo,
Garnet d'un fou (so heiBt es wohl?) und Novembre alle
Romane. - Eine gute Ausgabe von Eckermann, den Decame-
rone in der Inselausgabe, das erotische Werk von Aretin in
einer franzosischen Ubersetzung. Ferner ein kleines Baude-
laire-Erinnerungsbuch das Anekdoten seines Lebens und sehr
viele Bilder von ihm und von s ein en Bekannten enthalt. In
einigen Jahren werde ich wissen was einige dieser Werke mir
198
bedeuten, bei manchen wird es vielleicht sehr lange brauchen.
Zunachst kommen sie gleichsam in den Weinkeller, werden
in der Bibliothek vergraben: ich beriihre sie nicht. Unter
anderm audi aus dem Grunde weil ich mit dem Gedanken
ernes Exils vertraut bin in einer Gegend wo ich auf meine
Bibliothek angewiesen ware, die ich dann kennen lernte. Nur
den Andersen lese ich der mir Lust macht das Wesen der
Sentimentalitat zu ergriinden. Der guten Sachen s.ind sehr
wenige im Vergleich mit dem perversesten Zeug aber das
Schlechte und Gute scheint bei ihm seltsam eng zusammen-
zuhangen.
Ich lese nach Moglichkeit die Biicher der Berner Biblio-
thek, die jedenfalls fur meine Interessengebiete sehr unzu-
langlich ist. Gegenwartig bin ich wieder bei Studien fur
meine Dissertation und zwar studiere ich die Kunsttheorie
Goethes. Davon la'Bt sich brieflich nichts mitteilen, weil es zu
weitschichtig ist, aber ich finde hier die wichtigsten Dinge.
Natiirlich ist das terra incognita. — Zufallig begegnete ich
heute in meiner Lekture fiir die Dissertation dem Buche
einer Frau Luise Zurlinden 1 : Gedanken Platons in der deut-
schen Romantik. Das Grausen das einen uberkommt wenn
Frauen in diesen Dingen entscheidend mitreden wollen ist
unbeschreiblich. Es ist die wahre Niedertracht. Ubrigens ist
iiberhaupt die Schatzung der Romantiker besonders der Brii-
der Schlegel und am meisten Wilhelms (der gewiB nicht so
bedeutend wie Friedrich war) bezeichnend fiir die Schand-
lichkeit des literarwissenschaftlichen Prinzips. Wissenschaft-
lich unfruchtbar, ja unfruchtbarer als unsere Zeit waren
gewiB manche; die Schamlosigkeit in der Wissenschaft ist
aber modern. So gilt den heutigen Fachleuten dieUbersetzung
prinzipiell als eine inferiore Art der Produktivitat (weil sie
sich natiirlich nicht wohl fiihlen bis sie nicht alles nach den
crudesten MaBstaben rubriziert haben) und demgemaB wagt
man es bei der Leistung von Wilhelm Schlegels "Obersetzungs -
werk von „Anempfindungu zu reden. Diese Tonart ist gang
und gebe.
Die Frage nach dem Ergehen und meiner Beziehung zu den
von Ihnen genannten Menschen kann ich (mit Ausnahme
199
Barbizons) im Briefe nur mit einem kurzen kategorischen
Satz beantworten ohne brief lich das was ich iiber diese Men-
schen sagen konnte (aber nicht mag) auch nur andeuten zu
konnen: sie existieren fur mich nicht, und wenn jeder es da-
hin auch auf seine Weise gebracht hat, so ist doch eben in
dieser Beziehungslosigkeit keine Diff erenz mehr. - Mit Bar-
bizon unterhalte ich einen oberflachlichen Verkehr.
Mit den wenigsten Ausnahmen gingen die Beziehungen
die ich zu gleichaltrigen unterhielt ihrem Ende entgegen.
[. . .]
Ich danke Ihnen aufs Herzlichste fur die Gedichte die Sie
mir sandten. Bis ich Ihnen wieder einmal irgend etwas von
mir senden kann dariiber wird vielleicht lange Zeit vergehen,
denn ich sehe augenblicklich nur groBere Arbeiten vor mir —
bitte lassen Sie mich bald von Ihnen horen und leben Sie recht
wohl. Auch meine Frau griiBt Sie.
Ihr Walter Benjamin
l Leipzig 1910.
71 An Gerhard Scholem
Bonigen, 18. September 1918
Lieber Gerhard,
Welche „ungefahre Dauer" soil ich Ihnen schreiben? Die der
Tour? Die begrenzen Sie doch selbst auf ungefahr eine Woche
und ich habe mir bisher noch kein naheres Bild von ihr
gemacht. — Ich bitte Sie bestimmt, hier schon am 26. einzu-
treffen, weil ich die Faulhornbesteigung nicht zu lange hin-
ausschieben will. Das Faulhornhotel in dem wir vielleicht
iibernachten miiBten - wahrscheinlich ist es zwar nicht -
bleibt nur noch unbestimmte Zeit offen, bei gutem Wetter
freilich wahrscheinlich bis Ende Oktober. Ich habe aber den
Plan daB wir am 27. die Schynigeplatte besteigen, wobei uns
meine Frau wohl begleiten wird, dann will ich den Rest des
Tages mit ihr dort oben bleiben und am 28. mit Ihnen aufs
200
Faulhorn (und wenn moglich auch gleich wieder hinunter)
gehen.
Eine damonologische Fakultat gibt es an der Universitat 1
nicht. Wozu ware denn sonst eine Akademie der Wissenschaf -
ten da? — In informierten Kreisen gilt als sicher daB der der-
zeitige Rektor zum Rector mirabilis auf Lebenszeit gewahlt
wird.
Dora griiBt mit mir.
Ihr Walter
1 Die ^Universitat Muri", eine Phantasiegriindung von Benjamin und
Scholem, in Erinnerung an die dort gemeinsam verbrachten drei
Monate. Beide verfaflten eifrig satirische „Akten der Universitat",
darunter ein Vorlesungsverzeichnis, Statuten der Akademie u. a. von
W. B. und ein (1927 gedrucktes) „Lehrgedicht der Philosophischen
Fakultat" von Scholem. W. B. zeichnete als Rektor, Scholem als „Pedell
des Religionsphilosophischen Seminars". Titel aus dem Bibliotheks-
katalog und Rezensionen iiber die hetreffenden Biicher zu erfinden,
war noch Jahre hindurch eine Liehlingsbeschaftigung von W. B.
72 An Ernst Schoen
[8. November 1918]
Lieber Herr Schoen,
Jede Riicksicht die man im eignen Leben auf die Konvention
nimmt, macht sich bis in die Feme Vertrauten stbrend be-
merkbar, namlich wenn man diese Konvention nur als eine
solche empfindet. So ist es mit dem Doktorexamen auf das ich
mich vorbereite. In den letzten Monaten war ich von den Vor-
bereitungen zu meiner Dissertation in Anspruch genommen
und vielleicht hat neben meinem Warten auch die bestandige
Arbeit ein wenig dabei mitgespielt daB Sie von mir fast so
lange nichts gehort haben als ich von Ihnen. Auch in diesem
Briefe wird Ihnen ein Reflex dieser Beschaftigung wahr-
nehmbar sein, denn ich habe nichts Wechselvolles zu berich-
ten. Meine Lektiire ist fast ganz auf das zur Dissertation
notwendige eingeschrankt gewesen. Umgang, wie Sie wissen,
201
haben wir hier nicht, bis auf den jungen Mann der wie ich
Ihnen schrieb aus Deutschland zu mir gekommen ist, da er
aber wohl an meiner, doch nicht ich in dem MaBe an seiner
Arbeit teilnehmen kann, weil er sich mit hebraischen Dingen
befaBt, so ist hiervon in die Feme nichts zu berichten mog-
lich. Nur von hauslichen Wechs elf alien kann ich berichten.
Meine Frau liegt an der Grippe krank ist aber bereits fieber-
frei. Ihren Brief hat sie erhalten und wirdihn wenn sie gesund
ist beantworten; wegen ihres geschwachten Zustandes haben
wir miteinander noch nicht iiber ihn sprechen konnen. Stefan
geht es gut, es ist ein ganz aufierordentlich artiges Kind, das
nie ohne einen sichtlichen Grund weint oder schreit.
Umso freier bin ich auf alles einzugehen was Sie schreiben.
Daran hat mir am meisten Nachdenken das verursacht, was
Sie zu meiner Trennung von den frlihern Bekannten bemer-
ken. Je mehr ich dariiber nachdachte desto mehr wollte mir
scheinen, als ob Ihrem innersten Wesen ganz solche Ziige
eigen waren die uns damals das Verstehen nicht, aber die Ver-
standigung unmoglich machten. Wahrend mein Freund und
ich, nicht ungeduldig, aber der Zeit nicht achtend, nicht blind
aber nicht aufmerksam auf das Gesehene in der Mitte einer
Krisis standen die in Erfiillung oder in Verwandlung enden
muBte, warteten Sie. Sie sahen die Menschen die uns umgaben
ihrer Gestalt nach und darum muBten Sie sie ablehnen. Ich
glaubte zu fiihlen daB Ihr Wesen eine Forderung stellte die
in unsrer zeitlosen geblendeten Frage nicht erfiillt werden
konnte : geduldige Entladung und Entf altung, Ich bin gewiB
daB ich jetzt nicht iiber diese Zeit mit Ihnen sprechen konnte
wenn wir nicht damals dergestalt getrennt gewesen waren.
Wie ich ja hiervon sonst nur mit meiner Frau gesprochen
habe. Uber die Zeit unseres Wiedersehens wage ich nichts zu
vermuten.
[...]■
Meine Arbeit an der Dissertation ist, wenn ich sie auch
nie ohne auBere Veranlassung auf mich genommen hatte,
keine verlorene Zeit. Das was ich durch sie lerne, namlich
einen Einblick in das Verhaltnis einer Wahrheit zur Ge-
schichte, wird allerdings darin am wenigsten ausgesprochen
202
sein, aber hoffentlich fur kluge Leser bemerkbar. Die
Arbeit behandelt den romantischen Begriff der Kritik (der
Kunstkritik). Aus dem romantischen Begriff der Kritik ist
der moderne Begriff derselben hervorgegangen; aber bei den
Romantikem war „Kritik" ein ganz esoterischer Begriff*
der auf mystischen Voraussetzungen beruhte was die Er-
kenntnis betrifft, und der was die Kunst angeht, die best en
Einsichten der gleichzeitigen und spatern Dichter, einen
neuen, in vieler Beziehung unsern Kunstbegriff in sich
schlieBt. Meine Gedanken hieriiber stehen in einem so ge-
nauen Zusammenhang daB ich unmbglich Ihnen schriftlich
einen Begriff vom Ganzen durch einige Bemerkungen geben
kann, so gern ich es tate. Vom eigentlichen Text ist noch
nichts niedergeschrieben aber die Vorarbeit ist ziemlich weit
vorgeschritten. Demnachst werde ich meinem Ordinarius den
Plan mitteilen. Bis jetzt bin ich mit meiner Arbeit durch den
Umstand gefordert worden, daB die Universitat wegen der
Epidemie geschlossen ist; doch wird sie wohl bald eroffnet
werden. Die Beschaffung der Literatur stoBt uberall auf Hin-
dernisse und was man bekommt ist qualvoll langweilig. Die
Hauptwerke, Diltheys: Leben Schleiermachers und Hayms
Romantische Schule, habe ich noch nicht gelesen und werde
Ihnen vielleicht spater davon berichten konnen.
Am folgenden Tage, 9. November 1918
Gestern erhielt ich nachdem ich das Vorstehende geschrieben
hatte die Nachricht von der Ausrufung der bayerischen Repu-
blik. Da wegen eines vierundzwanzigstundigen General streiks
hier in der Schweiz (als Protest gegen militarische Einberu-
fungen zur Abwehr revolutionarer Umtriebe) heute keine
Zeitungen hier erscheinen kenne ich die Entwicklung die sich
inzwischen vollzogen hat nicht. Jedenfalls werden die Auf-
trage fiir die Auktion wohl hinfallig sein, da sie kaum statt-
finden wird.
[. . .]
* Deren sie mehrere gehabt haben, vielleicht aber keinen so
verborgenen.
203
Den Sommer haben wir wie Sie wissen werden sehr still
am Brienzer See in der herrlichsten Landschaft verbracht.
Der Teil des Sees an dem wir waren hat an dem aufsteigen-
den Ufer die herrlichsten Wiesen die ich jemals gefunden
habe. Diese Wiesen erstrecken sich sehr weit und sind mit
Baumgruppen und Hainen bewachsen in denen wir oft Pilze
gesucht haben. Das wichtigste was ich im Sommer gelesen
habe war die Metamorphose der Pflanzen von Goethe. Ich
habe sie zusammen mit meiner Frau gelesen und sehr groBe
Freude daran gehabt obwohl ich das Buch bei meiner man-
gelnden botanischen Kenntnis nicht unmittelbar fruchtbar
machen kann. Ehe ich spater die Farbenlehre lese hoffe ich
noch einmal auf die Meteorologie zuriickzukommen mit der
ich mich schon friiher einmal beschaftigt habe. Seitdem lese
ich wie gesagt nur fiir meine Dissertation, welche gerade in
diesen Zeitlauften abf assen zu miissen eine heilsame und mog-
liche Fixierung meines Geistes ist. Daneben lese ich nur noch
den „Griinen Heinrich" von Gottfried Keller. Alle Biicher
dieses Mannes gehoren zu den zweideutigsten und gefahr-
lichsten Produkten der Literatur. Warum - hoffe ich Ihnen
spater einmal sagen zu konnen.
[. . .]
Meine Frau und ich griiBen Sie herzlich und bitten auch
Jula herzlich von uns zu griiBen.
Ihr Walter Benjamin
73 An Ernst Sckoen
[Bern, 29. Januar 1919]
Lieber Herr Schoen,
Aus Ihren Briefen von Dezember und Januar, vor allem aber
aus dem zweiten, sehe ich daB Sie von Sorgen betriibt werden.
Ich will diesen Brief damit beginnen Ihnen zu sagen wie sehr
ich hoffe daB es Ihnen gelinge bald einen kurzen Weg aus
alien diesen Verlegenheiten herauszufinden ; daB Sie dann auf
204
dem Gange den Mut nicht verlieren werden dessen bin ich
gewiB. Den Menschen wie Sie und ich stehen nach der Ande-
rung der deutschen Verhaltnisse wohl keine an dem Wege
off en als vorher. AuBerlich haben sich meine Lebensumstande
verschlechtert und ich hatte in der langeren Zeit in der ich
Ihnen nicht schrieb vielerlei zu bedenken und manche Auf-
regungen.
[._. .]
Einiges Schone habe ich gelesen. Besonders nenneich Ihnen
den „Zauberer" von Gogol, dessen Stoff (einer der groBten
epischen und zum Epos pradestinierten) freilich noch iiber der
(guten) Behandlung stent. — Neulich waren wir zum Sieg-
fried" von Wagner eingeladen und flugs las ich darauf Nietz-
sches „der Fall Wagner" um von der Einfachheit und Weit-
sichtigkeit des Gesagten ganz iiberrascht zu sein. Die zweite
Wagnerschrift (Nietzsche contra Wagner) kenne ich noch
nicht, aber diese erste hat mich begeistert, was ich, aufs Ganze
blickend, nicht von alien Schriften Nietzsches die ich kenne
sagen kann. Das neue Buch des Berliner Sinologen De Groot
„Universismus" * habe ich gelesen. So wie schon derTitel,mit
dem Unterfangen einer vieltausendjahrigen Religion einen
selbst erfundenen Titel zu geben, zeugt auch der Text von
volliger Blicklosigkeit, Riickstandigkeit, Unbekanntschaft mit
den neuen Fragestellungen der mythologischerrWissenschaft.
Da dieser Mann ein volliger Kenner ist (soweit nach dem
Buch und dem wissenschaftlichen Ruf zu urteilen ist) so kann
man sagen, daB das alte China diesen Mann sich vollig ver-
sklavt hat und ihn geistig unerbittlich gefesselt halt. Natiir-
lich erfahrt man bei der Lekture sehr viel Wissenswertes. -
Kennen Sie Dostojewskis „Doppelgangeru? Diesen habe ich
jetzt zum zweiten Mai gelesen und es wurde sich verlohnen
einmal ausfuhrlicher liber das Buch zu reden. Jetzt lese ich
— ganz Auge und Ohr - zum ersten Male den zweiten Teil
des Faust.
Im April des vorigen Jahres schrieben Sie mir, wie Stifters
„altes Siegel" Sie stark bewegt habe ohne einen ganz kla- •
ren Eindruck zu hinterlassen. Ich habe es nun gelesen und
empore mich dagegen wie gegen Weniges bei Stifter. Die Zei-
205
lcn liber ihn die ich Ihnen damals sandte habe ich mit Hin-
blick auf diese Novelle wieder gelesen und finde sie an wend -
bar: fast Wort fiir Wort. Heute will ich aber noch etwas
hinzusetzen. Vor einiger Zeit flihrte mich eine Kritik von
„Frau Warrens Gewerbe" von Shaw dazu, aus[zu]sprechen,
daB es ein Irrtum sei, eine in sich bestehende nur der Bewah-
rung bediirftige Reinheit irgendwo vorauszusetzen. Dieser
Satz scheint mir wichtig genug ihn durch das Folgende zu
erganzen und auf Stifter anzuwenden. Die Reinheit eines
Wesens ist niemals unbedingt oder absolut, sie ist stets einer
Bedingung unterworfen. Diese Bedingung ist verschieden je
nach dem Wesen um dessen Reinheit es sich handelt; niemals
aber liegt diese Bedingung in dem Wesen selbst. Mit anderen
Worten: die Reinheit jedes (endlichen) Wesens ist nicht von
ihm selbst abhangig. Die beiden Wesen, denen wir vor allem
Reinheit zusprechen sind die Natur und die Kinder. Fiir die
Natur ist die auBerhalb ihrer selbst liegende Bedingung ihrer
Reinheit die menschliche Sprache. Da Stifter diese Bedingt-
heit ivelche die Reinheit erst zur Reinheit macht nicht fiihlt
ist die Schonheit seiner Naturschilderung zuf allig oder anders
gesagt: harmonisch unmoglich. Denn in der Tat ist sie auBer-
halb ihrer Verbindung mit den schief aufgefaBten mensch-
lichen Schicksalen, welche die Stifterschen Werke triiben
literarisch kaum moglich. Was nun das „alte Siegel" angeht,
wo die Schicksale im Vordergrund stehen und wo es sich nicht
einmal um die Reinheit von Kindern sondern von erwach-
senen Menschen handelt, so ist von vornherein anzunehmen,
daB Stifters falsche Idee von ihr angesichts dieses Gegenstan-
des garnicht verborgen bleiben kann. Die Fabel hat einige
Ahnlichkeit mit dem klassischen epischen Stoff von der Rein-
heit, dem Parsifal. Beide sind ganz unschuldig aufgewachsen
und beide bewahren ein ehrfurchtsvolles Schweigen wo die
Frage erlosen wiirde. Aber bei Stifter wird nicht einmal die-
ser Grundzug ganz deutlich und bei ihm wird der Held nie-
mals von seiner Kinderreinheit erlost: denn diese Reinheit ist
absolut gedacht (wenn man bitter sein wollte, konnte man
sagen: sie gehore zum Charakter dieses Menschen). Der Mann
wird mit ihr alt und niemals weise. Ich miiBte die Geschichte
206
vom Toren Parsifal gut kennen um den Vergleich, der glaube
ich fiir die Kritik dieser Geschichte das beste heuristische
Prinzip ist, durchzufiihren. Jedenfalls ist klar, daB in jeder
Beziehung schon die Fabel (von der Minderwertigkeit der
Form zu schweigen) von der f alschen Grundidee wie von einer
Krankheit entstellt blickt. Denn in dieser Geschichte tun die
Menschen immer zugleich das Absurde und das Widerwar-
tige, das Unwahrscheinliche und das Unleidliche. (Der Diener
in der Vermittlung, der junge Mann am Ende, die Frau im
Lindenhaus) — Vielleicht schreiben Sie mir einmal ob Sie in
der Beurteilung und in deren Grund mit mir iibereinstimmen.
Anfang Januar habe ich ein groBeres mich kaum inter -
essierendes Referat iiber Romantische Ironie machen miissen.
Jetzt bin ich wieder an meiner Dissertation. Inzwischen habe
ich ein gutes Regal mit einer Riickwand bekommen und jetzt
sind zu meiner Freude die Bucher die ich hier habe gut auf-
gestellt. Konnten Sie kommen und sie ansehen lesen und mit
mir dariiber sprechen!
Hoffentlich finden Sie auch noch in Berlin die Moglichkeit
ruhig zu leben.
Die herzlichsten GriiBe Ihr Walter Benjamin
1 J. J. Maria de Groot. Berlin 1918.
74 An Gerhard Scholem
15.3.1919
Lieber Gerhard,
Herr [Wolf] Heinle sucht einen Mittagstisch; bitte seien Sie
so f reundlich, mir zu schreiben, wo und zu welchem Preise Sie
den Ihrigen gehabt haben.
In Frankfurt war Herr Heinle in Behandlung bei Prof.
Goldstein *, welcher angab, Sie zu kennen und sogar (vermut-
lich durch Sie) auch mich dem Namen nach. Ich wollte Sie
schon die letzten Male immer fragen, wie Sie Prof. Goldstein
kennen. Es soil ein guter Mensch sein.
207
Bitte antworten Sie mir auf beides. Wann bringen Sie den
Molitor? Warum Sind Sie heute nicht gekommen?
Herzliche GriiBe Ihr Walter
1 Kurt Goldstein (1878-1965) war mit Scholem in Heidelberg 1916
zusammengetroffen.
7 J An Ernst Schoen
7. April 1919
Lieber Herr Schoen,
Vor einigen Tagen habe ich die Rohschrift meiner Dis-
sertation abgeschlossen. Was sie sein sollte ist sie geworden:
ein Hinweis auf die durchaus in der Literatur unbekannte
wahre Natur der Romantik — audi nur mittelbar das weil ich
an das Zentrum der Romantik, den Messianismus - ich habe
nur die Kunstanschauung behandelt - ebenso wenig wie an
irgend etwas anderes, das mir hochst gegenwartig ist heran-
gehen durfte, ohne mir die Moglichkeit der verlangten
komplizierten und konventionellen wissenschaftlichen Hal-
tung, die ich von der echten unterscheide, abzuschneiden.
Nur: daB man diesen Sachverhalt von innen heraus ihr ent-
nehmen konne mochte ich in dieser Arbeit erreicht haben.
Ich will nach dem Examen Sprachen lernen, wie Sie wis-
sen - den europaischen Kreis im Riicken haben. Es wiirde mir
schwer von Europa nicht in Italien Abschied zu nehmen. Von
der Zukunft erwarte ich, wie es mir innerlich und auBerlich
ermoglicht werde, Europa zu verlassen. l Beides hangt durch-
aus zusammen und liegt manchmal schwer auf mir : denn als
Gewaltakt kann ich es nicht vollziehen; als Notwendigkeit
aber sehe ich es vor mir.
Meine Frau, ich und das Kind griiBen Sie aufs herzlichste
Ihr Walter Benjamin
l Scholem war entschlossen, nach Palastina zu gehen; W. B, und seine
Frau erwogen den Gedanken oft, vgl. den Brief vom 20. November
1919 an Hune Caro, Nr. 83.
208
76 An Gerhard Scholem
9.4.1919
Lieber Gerhard,
Stefan gedenkt Ihre Gratulation1 um 6 Uhr abends — jedoch
nicht spater — entgegenzunehmen und laBt Sie durch mich
freundlichst zur Abendtafel um 8 Uhr bitten. Er selbst wird
an derselben teilnehmen, falls nicht dringende Schlafereien
ihn fernhalten.
Herzliche GriiBe von meiner Frau und mir
Ihr Walter
1 Zum einjahrigen Geburtstag von W. B.s Sohn.
77 An Ernst Schoen
[Bern, Mai 1919]
Lieber Herr Schoen,
Ihr kurzer Brief hat mir ein nahes Gefiihl Ihres Lebens ge-
geben. Es ist traurig daB wir nicht fahiger sind, Widerwar-
tigkeiten und Leiden uns aneinander zu vergegenwartigen
und mitzuteilen als voiles Gliick. Das ist auch seltner : aber es
kommt darauf an, im Gliick der ganze Mensch zu sein und ihn
im Gliick zu sehen. Ich habe also gesehen daB Sie nicht gliick-
lich sind, doch fiihle ich mich Ihr em Kampf verwandt und
nah. Ich liebe dieses Freiheitsbedurfnis von dem Sie schrei-
ben, iiberall wo ich das schone Schauspiel sehe, daB es nicht
zu selbstzerstorender Handlung unter dem Schein der Befrie-
digung die Menschen hinreiBt. Eine solche Selbstzerstbrung
habe ich zwei Monate lang — mir von der erschiitterndsten
endlich aber erkaltendsten Art — mit ansehen miissen. Ich
schreibe es Ihnen: bei Wolf Heinle, weil ich nicht mehr daran
denken kann, Ihnen den Wunsch zu erfiillen, den Sie vor eini-
ger Zeit aussprachen, Sie mit ihm bekannt zu machen. Die
209
Entscheidung die die Zeit seines Besuches bei uns fur unser
Verhaltnis brachte, ist verneinend ausgef alien. Wie dies noch
sonst zugegangen ist, kann ich Ihnen wohl einmal erzahlen.
Alfred [Cohn] hat mir geschrieben. Ich habe mich iiber
seinen Brief gefreut, weil dieser ganz unheimliche und ge-
waltsame Plan, Volksschullehrer zu werden, darin wenigstens
suspendiert schien. Es war ein EntschluB, den ich als ersten
in Alfreds neuem Leben nicht begriiBt hatte. Nun schreibt er
ganz einfach, dafi er wartet, daB er auf der Universitat hort,
auch bei Husserl.
Von meiner Arbeit werde ich Ihnen sobald schwerlich etwas
mitteilen konnen, weil sie ja wegen des Examens suspendiert
ist. Ich habe jetzt einfach aufs schulmaBigste zu lernen, weil
das Examen, je weniger Beziehungen ich zu denhiesigenPni-
f ern habe, desto hohere Anforderungen an mich stellt. Konnte
ich iiber die Dissertation mit Ihnen sprechen - ich wiirde
mich freuen. Sie auf so groBe Entfernung in Ihre Hande zu
legen, dazu enthalt sie mich nicht ungeteilt genug. Ich habe
zu ihr ein esoterisches Nachwort fur die geschrieben, denen
ich sie als meine Arbeit mitzuteilen hatte.1 Mit diesem Nach-
wort will ich sie Ihnen einmal geben wenn wir wieder raum-
lich einander niiher sind. Auch hatte ich jetzt kaum ein ent-
behrliches Exemplar — sende allerdings eines an meine Eltern.
Jedenfalls entschlieBe ich mich noch nicht dazu und mochte
noch warten. Hier habe ich sie eben zum Teil meinem Pro-
fessor iibergeben, der davon vielleicht kaum geniigend merkt,
um mir Unannehmlichkeiten zu ersparen. Die Komposition
der Arbeit hat hohe Anspriiche ebenso z. T. die Prosa. Sonst
nichts. Wenn ich wieder iiber meiner eignen Arbeit bin sollen
Sie es an meinen Brief en merken.
Jetzt fiirchte ich, merkten Sie leichter etwas anderes: Mein
Sohn ist sehr krank. [. . .] Das Kind ist in der Krankheit von
der zartesten Liebenswiirdigkeit. Ich bitte Sie unter diesen
Umstanden zu entschuldigen daB Sie nur das Vorstehende und
dies so abgerissen von mir hdren. Sie wiirden mich durch
einen Brief erfreuen.
Meine Frau griiBt herzlichst
Ihr Walter Benjamin
210
1 Gemeint ist das SchluBkapitel der gedruckten Fassung: „Die friih-
romantische Kunsttheorie und Goethe", in das W. B. vieles von dem,
was ihn damals im Denken bewegte, hineingebracht hat.
78 An Gerhard Scholem
15. 6. 1919
Lieber Gerhard,
es ist uns am Donnerstag abend recht. Bitte kommen Sie urn
sieben Uhr.
Aus Miinchen erfuhr ich heute zu meiner groBten Ent-
riistung, daB Noeggerath wegen Hochverrats im Gefangnis
sitzt.1 Ich bitte Sie, wenn es Ihnen mdglich ist, durch Ihre
Bekannten in Munch en, wenn Sie dort gegenwartig solche
haben, etwas Naheres wenn moglich zu erkunden. Herr
Heinle, von dem ich es erfuhr, bleibt nicht dort. - Auch sonst
bestatigt alles die finstersten Zustande. Sehen Sie sich z. B. mal
die „Republik" an, welche nicht zu iibertreiben scheint.
Mit vielen GriiBen Ihr Walter
1 Er war kurze Zeit Mitglied der Regierung Lipp.
79 An Gerhard Scholem
Iseltwald, 19.Juli 1919
Lieber Gerhard,
ich danke Ihnen herzlich fiir Ihre Gliickwunsche zum Ge-
burtstag. Es war ein sehr schoner Tag — Stefans wegen sind
wir nicht mehr so sehr besorgt. Die erhohte Temperatur
dauert noch an, es kommt aber darin kaum eigentliche Krank-
heit zum Ausdruck. Wir haben also den fiinfzehnten nach
Herzenslust gefeiert und ich konnte mich iiber sehr viele
schone Geschenke freuen. DaB Sie mir mit dem Ave-Lalle-
mant1 eine besondere Freude gemacht haben, brauche ich
211
Ihnen kaum noch besonders zu sagen. Ich werde gewifl sehr
viel von dem Buch haben. Friiher sagten Sie mir gelegentlich,
in der Neubearbeitung bzw. Ausgabe fehle der sprachliche
Teil. Ich ersehe aber aus der Vorrede zum Ganzen, daB er
- nur mit starken Veranderungen - doch noch herausgegeben
werden soil.
Noch sonst habe ich an Biichern viele Freude gehabt - be-
sonders viel Franzosisches hat mir Dora geschenkt. Sie werden
ja alles sehen, wenn Sie kommen. Bitte: am Dienstag. Ver-
bindung: Bahn bis Boningen (mit Umsteigen in Interlaken-
Ost) von Boningen: Schiff. Ankunft hier halb 10 Uhr. Zeit
bis abends 5 Uhr, wo Sie hier mit dem Dampf er abf ahren und
am gleichen Abend noch in Bern ankommen (1013). Wenn
Sie von hier um 8 abends abf ahren, kommen Sie zwar nicht
mehr nach Bern, aber noch nach Thun. (Der 8 Uhr- Dampf er
geht nur Dienstag und Sonnabend.) Ubernachten konnen Sie
bei uns diesmal leider nicht. Also kommen Sie bitte! -Warum
kann ich den Lessing nicht haben? Den Agnon2 werden Sie
hoff entlich inzwischen von Bloch 3 erhalten haben.
Dora und ich griiBen Sie herzlich Ihr Walter
Natiirlich werden Sie Ihrer Mutter vom Examen4 nicht
sprechen!
1 Die Neuausgabe seines Werlces „Das deutsche Gaunertum". 1914.
2 S.J. Agnon: „Und das Knimme wird grade", Berlin 1918; aus dem
Hebraischen ubersetzt von Max Straufl.
3 Ernst Bloch, den Scholem in Interlalcen besucht hatte.
4 Von W. B.s unmittelbar bevorstehendem Doktorexamen.
80 An Ernst Schoen
[Iseltwald, 24.Julil919]
Lieber Herr Schoen,
Ihr letzter Brief hat mir eine groBe Freude gemacht. Hof-
f entlich ist Ihnen die Stimmung guter Zuversicht und muti-
ger Plane erhalten geblieben und hat Sie gegen Wetter
212
Ernahrung und andere tagliche Widemisse gefeit. Uns be-
stiirmeii diese hier stark, vereint mit einem andauernden
schwiilen regenschweren Westwind. Das Kind wird, ohne
daB sich sein Zustand verschlimmert, nicht gesund. Meine
Frau leidet unter schwersten monatelang gehauften Anstren-
gungen, auf die sie die erhoffte Erholung jetzt nun nicht fin-
det, schwer; Blutarmut und schlimme Gewichtsabnahme. Ich
selbst bin im Verlauf der letzten sechs Monatelarmkrank ge-
worden und bediirfte zur Arbeit eines Kabinetts mit leder-
bezognen Wanden und schweren Doppeltiiren (eine rabiate
Wunschphantasie!). Daher habe ich an wichtige Arbeiten, die
ihrer Notwendigkeit und zum Teil auch ihrem Inhalt nach
klar vor mir stehen, noch nicht gehen konnen. In den letzten
Tagen habe ich mich wieder den Baudelaire-Obersetzungen
zugewandt. Gern wiirde ich einige von ihnen einmal zur
Probe in gut em Druck in einer Zeitschrift vor mir sehen, ein
Wunsch den ich mir gelegentlich vielleicht erfullen kann.
Ubrigens aber sind die wichtigen Arbeiten die meine Zeit nun
schon des langern vergebens fordern Kritiken.
Wir beabsichtigen Stefan so bald als moglich zu meinen
Schwiegereltern zu schicken um dann noch eine Zeit hier uns
in reiner Stimmung zu erholen. Seit ich hier bin, lese ich nur
Franzosisches. Mich hat ein groBes Verlangen gefaBt in die
gegenwartige franzosische Geistesbewegung, ohne doch je das
BewuBtsein des Zuschauers zu verlieren, einzutauchen. Ich
lese wahllos, nur um Fiihlung zu bekommen; desto dankbarer
ware ich Ihnen fur Fingerzeige. Zuerst las ich die anerken-
nenswerte Baudelaire-Biographie von Crepet; Muster einer
rein biographischen Darstellung. Sie offnet den Blick dafiir,
wie vollig transzendent (noch in anderer Weise als es sonst
zutrifTt) dieses Werk das Leben des Mannes iiberragt. Dann
einen maBlosen Schund von Paul et Victor Margueritte.
Ferner Farrere: Fumee d'opium. Sie sehen, wahllos wie es
mir nach auBern Umstanden in die Hand fallt. Aber das ist
eine Zeit lang notig um dann Einsichten und Hinweise (um
die Sie nochmals gebeten sind) desto verstandiger aufzuneh-
men. Ich halte die „Nouvelle Bevue Francaise". Hier hat fur
mich Vieles, dessen Analogon im Deutschen mir vielleicht bis
213
zur Fadheit durchschaubar ware, noch eine Dichtigkeit, ein
gefarbtes Dunkel, in dessen Klarung ich weiter komme. Ich
glaube, Zeitschriften haben iiberhaupt fast nur fiir den Aus-
lander Wert — nach welcher Praxis iibrigens Goethe ver-
fahren ist. AuBerdem aber hoffe ich auch unmittelbar sub-
stanziell Wertvolles zu finden. So veroff entlicht jetzt die Revue
teilweise Peguy's hinterlassenen Essay iiber Descartes. End-
lich lese ich mit grb'Btem Inter esse aus klarem Unbeteiligt-
sein, was Manner wie Gide iiber Deutschland sagen. Ich
glaube eine erfreuliche Loyalitat bei diesem Kreise zu finden,
sehe aber darin noch nicht klar. Hier ist fiir mich noch Con-
takt mit irgend einer Fiber „Gegenwart" den ich Deutschem
gegeniiber kaum mehr erlange. - Kennen Sie vielleicht die
neuen Sachen von Jammes zufallig?
Angesichts Ihres neuen Verhaltnisses habe ich sogleich
eine kleine Proposition, von der es mich freuen sollte, wenn
fiir die Beteiligten, vor allem fiir Sie, etwas Gutes heraus-
kame. Der Name von Frau Emmy Hennings, mit der wir in
Bern einigen Umgang hatten1, wird Ihnen bekannt sein.
Deren dreizehnjahrige Tochter Annemarie malt seit zwei
oder drei Jahren. Ich halte ihre Bilder fast alle fiir doku-
mentarisch hochst interessant. Ihr Inter esse ist noch im min-
desten Falle das, was wir an der exakten Nacherzahlung von
Traumen oder der genauesten Darstellung irgend einer
augenblicklichen innern Disposition eines Mens ch en nehmen.
Das macht zwar nichts weniger als ein en Kunstwert aus, be-
riihrt sich aber dafiir recht genau mit der bessern Masse des
Expressionismus, der auch nichts anderes, wie ich meine, ist
(— und von der ich allerdings jedenfalls drei grofie Maler, als
Kiinstler, ausnehme: Chagall, Klee, Kandinski -). Damit will
ich sagen dafi diese Bilder, deren Gegenstand meist das Zu-
sammensein von Menschen, sei es mit Damonen, sei es mit
Engeln ist, auf ein hochst lebendiges Interesse gegenwartig
mit Sicherheit rechnen konnen, wenn ich eine einigermaBen
zutreff ende Vorstellung von der Richtung und Sensationslust
des Berliner Publikums habe. Dazu kommt ferner erstens der
Name der Mutter der unter den Literaten vollig bekannt ist,
zweitens die Tatsache, daB Bilder des Kindes mit anderen
214
Kinderbildern zusammen in Zurich ausgestellt worden sind
wo unter denen der Annemarie Hennings auch einige ver-
kauft wurden. Unter giinstigen Umstanden konnten sie auch
in Berlin mit andern Kinderbildern zusammen ausgestellt
werden. Dies die exoterische, geschaftliche Seite der Sache.
Das Ernstere (wenn auch fur die vorliegende Absicht viel-
leicht weniger Wichtige) daran ist, daB einige dieser Bilder
in der Tat durchaus und nach strengem MaBstab wertvoll
mir zu sein scheinen. In diesen kiindigt sich denn auch nicht
nur wie in den ubrigen auch, ein neuer Inhalt, dokumentarisch,
sondern eine hochst eigentiimliche Sicherheit und Genauig-
keit an, ja es kommt bis zu einer neuen und gerechtfertigten
Technik fur gewisse malerische Gegenstande (Gespenster).
Schriftlich kann ich mehr nicht sagen. Ich prakonisiere da-
mit kein kommendes Talent — im Gegenteil ist es mir proble-
matisch, ob diese Tatigkeit die Pubertat iiberdauert (sie laBt
schon jetzt manchmal nach). Aber was da ist, ist — vor allem
auch im Vergleich mit alien andern von den zahlreichen Kin-
derzeichnungen, die ich kenne-interessantgenug. Wirhaben
vierzehn Bilder von ihr gekauft, wobei wir auf einige sehr
schbne, welche die Mutter nicht gab, verzichten muBten.
Vielleicht veranstaltet Herr Moller eine Ausstellung „Ex-
pressionistische Kinderbilder" ? Wurde das nicht sehr ziehen?
— Oder aber er interessiert sich allein fur die fraglichen
Bilder [...]
[. . .] So sehr ich mir Ihre Herkunf t wunsche, so furchte ich,
daB sie durch das Anerbieten des Herrn [Simon] Guttmann,
wenn Sie auf dieses noch in anderer Hinsicht als etwa bei
Erledigung von Postschwierigkeiten, die so wie so nicht un-
iibersteiglich sind, rechnen, nicht erleichtert wird. - Sollte
Ihre Reise dennoch moglich werden, so werden Sie schon
Mittel und Wege finden, sich fiir einen langern Besuch bei
uns Zeit zu nehmen [...].
Zum Geburtstag hat meine Frau mich neb en andern mit
einigen sehr schonen Buchern erfreut. Es sind hauptsachlich
f ranzosische : France, Philippe, Verlaine's Oeuvres completes,
Balzac, von dem ich nun schon die ganze Vie parisienne zu
meiner Freude besitze, Suarez [sic] : ein vollstandiges Exem-
215
plar der Zeitschrift Remarques die er in 12 Heften als Heraus-
geber und alleinigerMitarbeiterwahrend desKrieges drucken
liefi. Ein Kelim, den ich bekam, macht das Zimmer sehr
schon. Dazu ein persisches Kissen.
Fiir mich selbst war der AbschluB des Studiums im Dok-
tor-Examen kein Problem. Die Riicksicht auf meine Familie
forderte ihn. Bei Ihnen liegt es wohl nicht so. Aber kann
man ohne Student zu sein, in Deutschland die Bibliotheken
auch nur in den - Studierenden gesteckten — engen Grenzen
benutzen? Ich weiB es nicht. Und schon urn dieses Vorteils
willen ware, wenn er sonst nicht zu erlangen, das Abiturium
in Betracht zu ziehen. Ob bloBe gesellschaftliche und Brot-
erwerbsgriinde auBerdem fiir Sie diesen Titel notwendig
machen vermag ich nicht zu beurteilen. 1st nicht die heutige
Gesellschaft — und also auch ihr Codex — sehr unstabil?
Denken Sie iibrigens irgendwie an eine Dozentur?
„Erlebnis und Dichtung" habe ich niemals ganz gelesen.
Genau nur den Holderlin-Aufsatz, als ich noch auf der Schule
war und bei Tonndorf jenen Vortrag iiber Holderlin hielt,
von dem ich nicht weiB, ob Sie ihn auch gehort haben. Da bin
ich gar nicht geneigt, am fruchtlosen Lesen Ihnen die Schuld
zu geben. Ich muBte furs Examen sehr genau Diltheys Arbeit
„Ideen zu einer beschreibenden und zergliedernden Psycho -
logie" lesen und fand sie ganzlich vergeblich. Das Wesent-
lichste von ihm werden die groBen Abhandlungen iiber
„ Weltanschauung und Analyse des Menschen im 15ten und
16ten Jahrhundert" sein, in die ich jedoch bisher nur fliichtig
blicken konnte. Doch diirfte es sein, daB es eines so eminenten
Wissens bedarf, um ihn mit der notigen Kontrolle und ttber-
sicht zu lesen, daB aus diesem Wissen heraus mancher Wich-
tigeres zu sagen fande. — Dies ist eine Vermutung auf Grund
meiner minimalen Kenntnis.
Mit den herzlichsten Wiinschen, auch herzlichen Dank fiir
Ihren Gluckwunsch
Ihr Walter Benjamin
1 Emmy Hennings und Hugo Ball wohnten im Nachbarhaus.
216
81 An Gerhard Scholem
Klosters, 15. IX. 1919
Lieber Gerhard,
durch eine gewisse Beengtheit die dem noch immer nicht
weichen wollenden MiBgeschick und sehr ungewissen Zu-
kunftsaussichten zuzuschreiben ist, bin ich nicht in der Lage,
mit diesem Blatt unsern Briefwechsel eigentlich zu eroffnen \
sondern mochte eben mit ihm Ihnen das vorschlagen. Ich
selbst habe an Sie nur eine Anfrage ob Sie mir etwa iiber
ein zahlentheoretisches Problem, das im Zenith einer kum-
mervollen Nacht mir aufstieg, einiges Aufklarende zu sagen
vermochten.
Ich lese seit einer Woche intensiv das Buch von [Ernst]
Bloch2 und werde vielleicht, was daran zu loben ist, ihm
(dem Manne, nicht dem Buche) zulieb bffentlich hervorheben.
Leider ist durchaus nicht alles zu billigen, ja es kommt
manchmal Ungeduld iiber mich. Er selbst hat das Buch sicher
schon iiberholt. Ich las wieder einiges von Peguy. Hier fiihle
ich mich unglaublich verwandt angesprochen. Vielleicht darf
ich sagen: nichts geschriebenes hat mich jemals so aus der
Nahe aus dem Miteinander beriihrt. GewiB hat mich vieles
mehr erschiittert; nicht aus Erhabenheit sondern aus Ver-
wandtschaft riihrt mich dies an. Ungeheure Melancholie
gemeistert.
Aus dem Sohar zitiert Bloch3: „Wisse, daB es einen dop-
pelten Blick fur alle Welten gibt. Der eine zeigt ihr AuBeres,
namlich die allgemeinen Gesetze der Welten nach ihrer auBe-
ren Form. Der andere zeigt das innere Wesen der Welten,
namlich den Inbegriff der Menschenseelen. Demzufolge gibt
es auch zwei Grade des Tuns, die Werke und die Ordnungen
des Gebets; die Werke sind um die Welten zu vervollkomm-
nen in Hinsicht ihres AuBern, die Gebete aber um die eine
Welt in der andern enthalten zu machen und sie zu erheben
nach oben." Nichts las ich jemals iiber das Gebet, das ein-
leuchtend gewesen ware4, als dies.
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Wie geht es Ihnen dort? Bitte schreiben Sie mir.
Unsere herzlichsten GriiBe Ihr Walter
1 Scholem war Anfang September nach Deutschland zuriickgekehrt.
2 „Geist der Utopie". Bloch und W. B. batten sicb 1918 in Bern ken-
nengelernt.
3 Am Schlufi des Buches. Der Satz (bei Molitor zuerst mitgeteilt)
stammt nicht aus dem Sohar, sondern einem Werk der Kabbalisten
von Safed.
4 Bei der sonst so sparlichen Kommasetzung dieser fruhen Briefe be-
weist diese Interpunktion, dai3 nicht etwa „einleuchtender" zu emen-
dieren ist.
82 An Ernst Schoen
Klosters, 19. September 1919
Lieber Herr Schoen,
es ware sehr traurig, wenn mein letzter Brief an Sie — vom
Juli - verloren gegangen ware. Er enthielt Antworten auf
Ihre mancherlei Fragen: den Besuch in der Schweiz, die An-
gelegenheit der Kunsthandlung, und berichtete Ihnen auch
einiges von mir. Oder was ist sonst der Grund Ihres Schwei-
gens? Ich hoff e nicht, daB irgend eine ungiinstige Verande-
rung in Ihren Lebensumstanden eingetreten ist, oder daB es
Ihnen „einfach" schlecht geht.
Jed enf alls soil nichts mich abhalten, Ihnen wieder einige
Worte von mir zu sagen, selbst das nicht, daB noch immer
nichts Erfreuliches zu berichten gelingen will. Es ist mit der
Zeit fast wie eine Schuld an die Menschen, denen man immer
nur schlechte Nachrichten von den eignen Lebensumstanden
gibt. Innen aber sieht es heller aus und deshalb will ich davon
beginnen. Ich habe viel fur mich nachgedacht und dabei Ge-
danken gef aBt, die so War sind, daB ich hoffe, sie bald nieder-
legen zu konnen. Sie betreffen Politik. In vieler Beziehung
- nicht allein in dieser - kommt mir dabei das Buch eines
Bekannten zu statten, welcher der einzige Mensch von Bedeu-
tung ist, den ich in der Schweiz bisher kennen lernte. Mehr
218
als sein Buch noch sein Umgang, da seine Gesprache so oft
gegen meine Ablehnung jeder heutigen politischen Tendenz
sich richteten, dafl sie mich endlich zur Vertiefung in diese
Sache notigten, die sich wie ich hoffe gelohnt hat. Von mei-
nen Gedanken kann ich noch nichts verlauten lassen. Das
Buch heiBt „Geist der Utopie" von Ernst Bloch. Ungeheure
Mangel liegen zu Tage. Dennoch verdanke ich dem Buch
Wesentliches und zehnfach besser als sein Buch ist der Ver-
fasser. Es mag Ihnen geniigen, zu horen, daB dies doch das
einzige Buch ist, an dem ich mich als an einer wahrhaft
gleichzeitigen und zeitgenossischen AuBerung messen kann.
Denn: der Verfasser stent allein und stent philosophisch fur
diese Sache ein, wahrend fast alles, was wir, von Gleich-
zeitigen, heute, philosophisch Gedachtes, lesen sich anlehnt,
sich vermischt und nirgends an dem Punkte seiner Verant-
wortung zu f ass en ist, sondern hochstens auf den Ursprung
des tlbels hin fiihrt, das es selbst reprasentiert.
Einige wenige gute Biicher habe ich gelesen. Ob Sie unter
diesen eines,namlich Laporte etroitevon Gide kennen,wiirde
mich besonders interessieren. Ihr Urteil? Ich bewundere an
ihm die ernste, wunderbare Bewegtheit, es enthalt „Bewe-
gung" im hochsten Sinne, wie wenige Biicher, fast wie „der
Idiot".1 Sein jiidischer2 Ernst spricht mich verwandt an. Und
dann erscheint dennoch das Ganze gebrochen, wie in ein em
triiben Mittel, im Stoff lichen eines engen, christlich-asketi-
schen Geschehens im Vordergrunde, welches tausendfach
lebendig uberragt wird von der Intention des Innern, und
so im Grunde unlebendig verharrt. Ferner habe ich die para-'
dis artificiels von Baudelaire gelesen. Es ist ein gaiiz schiich-
terner, unorientierter Versuch, den „psychologischen" Pha-
nomenen, die sich im Haschisch- oder Opiumrausch zeigen,
das, was sie philosophisch lehren, abzuhoren und diesen Ver-
such wird man, unabhangig von jenem Buch, wiederholen
miissen.3 Aber worin seine Schonheit und sein Wert beruht,
das ist die Kindl^hkeit und Reinheit des Verfassers, die aus
diesem Werk deutlicher strahlt als aus den ubrigen. — Sehr
schon, wegen seiner menschlichen Warme und adeligen
Distanz, die sich in funfundzwanzig Jahren gleich bleiben,
219
ist Goethes Brief wechsel mit dem Graf en Reinhardt, franzo-
sisclien Gesandten in Deutschland. Man gewahrt im Verkehr
sehr ungleicher, an Bedeutung,vollig ungleicher Menschen
von beiden Seiten eine erstaunliche, hochst edle und unbeirr-
bare Sicherheit des Tones mit dem sie von einander und zu
einander reden. An das Thema: Brief wechsel, lieBen sich ver-
schiedene Digressionen anschlieBen. Erstens dariiber, wie sehr
diese unterschatzt werden, weil sie auf den vollig schiefen
Begriff des Werkes und der Autorschaft bezogen werden,
wahrend sie dem Bezirk des „Zeugnisses" angehoren, dessen
Beziehung auf ein Subjekt so bedeutungslos ist wie die Be-
ziehung irgendeinespragmatisch-historischenZeugnisses (In-
schrift) auf die Person seines Urhebers. Die „Zeugnisse"
gehoren zur Geschichte des Fortlebens eines Menschen und
eben, wie in das Leben das Fortleben mit seiner eignen Ge-
schichte hineinragt, laBt sich am Brief wechsel studieren. Fur
die Nachkommenden verdichtet sich der Briefwechsel eigen-
tumlich (wahrend der einzelne Brief mit Beziehung auf
seinen Urheber an Leben einbuBen kann): die Brief e wie
man sie hintereinander in den kiirzesten Abstanden liest,
verandern sich objektiv, aus ihrem eignen Leben. Sie leben
in einem andern Rhythmus als zur Zeit da die Empfanger
lebten, und auch sonst verandern sie sich. — Eine zweite Re-
flexion, die sich auf drangt : heute verlieren schon viele Leute
den Sinn fur Brief wechsel. Man gibt sinnloserweise Brief e
von irgend jemandem heraus. Wahrend Mitte des vorigen
Jahrhunderts, als man sinngemaB wichtige Brief wechsel
edierte, wie z. B. den genannten oder den zwischen Goethe
und Knebel (den ich auch besitze), die Leute keine Anmer-
kungen lief erten, wodurch diese Dokumente soviel und in der
Art Leben verlieren, wie einMensch durch einen AderlaB. Sie
werden blaB. Nun legt man diese Bucher aber nicht neu auf,
bezw. gibt sie nicht neu heraus, weil sie nun einmal da sind,
und so erwarten sie noch immer die Zeit, wo sie zu ihrem
Recht kommen. — Die wichtigste literarische Bekanntschaft,
von der ich Ihnen wohl schon schrieb und die ich noch sehr
zu vertiefen haben werde, ist die durch die Nouvelle Revue
Frangaise vermittelte von Charles Peguy. Aber davon ein
220
andermal. Am Besten miindlich. Es ware sehr zu wiinschen,
dafl wir uns wiedersehen. Aber an eine Reise nach Deutsch-
land kann ich gegenwartig kaum denken. Ware Ihnen im
Laufe des Winters ein Besuch in Osterreich, wo ich, wenn
nicht meine Biicher, so doch meine Manuscripte zu haben
hoffe, moglich? Wann werde ich nur wieder von Ihnen
horen? Ich ware fiir jede Nachricht dankbar.
Wir beide griifien Sie herzlichst
Ihr Walter Benjamin
1 Damals schrieb W. B. die in Schriften II S. 271-273 gedruckte Kritik,
die diese Gedanken ausfiihrt.
2 W. B. benutzt das Wort hier als kategoriale Bezeichnung. Er wuflte,
dafl Gide kein Jude war.
3 "W. B. hat sich mit diesen Phanomenen noch Jahre spater befaJBt, als
er sich zu Versuchen eines ihxa bekannten Arztes, Dr. Ernst Joel, auf
diesem Gebiet zur Verfiignng stellte.
83 An Hiine Caro
[Breitenstein, etwa 20. Nov. 1919]
Lieber Hiine Caro,
Ihnen will ich auf Ihren Brief gleich ein Wort schreiben,
trotzdem zur Zeit meine Korrespondenz ruht, weil ich nicht
einmal meine Schreibmappe bei mir habe. Ihr Brief erreichte
mich in Osterreich, wo meine Tante1 drei Stunden von Wien
ein Erholungsheim besitzt, dort sind wir jetzt alle. Meine
Frau freilich gegenwartig in Wien, wo sie sich bemuht unser
Gepack zu erhalten . . .
Wir sind kaum in der Lage, unser Vorhaben fiir die nach-
ste Zukunft anzugeben. Das einzig gewisse ist, daB ich meine
Studien zu einer Habilitationsschrift so bald wie moglich be-
ginne2; und jedenfalls kehre ich im Fnihjahr in die Schweiz
zuriick, jedoch — auf wie lange? ob mit meiner Frau? und
mit dem Kind? Das alles weiB ich selbst noch nicht. - Werden
221
Sie eigentlich nach Palastina gehen?3 Unter gewissen, gar-
nicht unmoglichen Voraussetzungen, bin ich dazu bereit, um
nicht zu sagen entschlossen. Hier in Osterreich sprechen die
Juden (die anstandigen, die nicht verdienen) von nichts
anderem.
Was werden Sie tun, wenn Sie die Schweiz verlassen? 1st
Ihre Frau Mutter auch dort, oder sind Sie allein. Ich kann
mir den Zwiespalt denken, in dem Sie sind entweder in der
Schweiz ein bitteres Brot zu verdienen oder in Deutschland
sich die Brocken auf der StraBe zusammen zu suchen. Die
Frage wird vielleicht auch fur uns gelt en. Dem Kinde geht
es gut, meiner Frau nicht, Unser Sommer hat uns durch neue
Krankheit und durch einen ganzlich iiberraschenden Besuch
meiner Eltern4 manche schweren Wochen gebracht; zuletzt
doch einige sehr scheme in Lugano.
Hier oben bleiben wir noch ein paar Wochen, dann gehts
wahrscheinlich nach Wien.
Gern wiirde ich wieder mit Ihnen sprechen. Aber nach
Osterreich werden Sie sich wohl keinesfalls wenden; einladen
darf man niemanden.
Herzlichst griiBe ich Sie, auch von meiner Frau
Ihr Walter Benjamin
1 In Wirklichkeit erne Tante seiner Frau Dora.
2 Herbertz hatte W. B. die Habilitation fur Philosophic in Bern ange-
boten, die durch die Inflation sich schon 1920 als unrealisierbar erwies.
3 Caro ging in der Tat spater nach Palastina.
4 In Iseltwald.
84 An Gerhard Scholem
Breitenstein, 23. November 1919
Lieber Gerhard,
groBe Freude iiber Ihren Brief, und mancherlei zu sagen um
unsere Gedanken wieder in Kontakt zu bringen! Natiirlich
fiihle ich wenn ich Ihnen schreibe besonders, daB es bei mir
im pflanzlichen Sinne winterlich aussieht: im buchstablichen
222
Sinne bin ich unentfaltet, da ich mich irgendwie verschlieBen
muB, um unter dem Mangel an Arbeitsbedingungen und
mancherlei Lebensbedingungen nicht zu leiden. Biicher er-
warte ich standig aus Wien, gegenwartig ist alles verliehen
wie mir mein Schwiegervater l schreibt und was ich hier fur
die Zwischenzeit mitgenommen hatte, ein groBes Werk iiber
die Goethesche Metamorphosenlehre, mein Baudelaireexem-
plar und anderes ist verloren. (Meine Ubersetzungen natiir-
lich nicht). Wer weiB wie wir uns herausfinden. Wenn die
Sachen nicht noch kommen oder die Bahn nicht eine sehr
groBe Entschadigung zahlt, ist es ein Verlust am Vermogen.
Auf der Verlustliste steht auch Scheerbart: Lesabendio. Ich
teile es Ihnen mit, weil ich bei Ihnen als dem Geber2 Inter -
esse fur sein Schicksal wie auch fur die verdiente Auferste-
hung voraussehe und ich bitte Sie, jetzt schon sich nach der
Moglichkeit seiner „Auferstehung im Fleische" umsehen zu
wollen. Geistig hat er bei mir seine zweite Metamorphose
durchgemacht, indem ich in Lugano die Prolegomena zur
zweiten Lesabendio -Kritik geschrieben habe. Nach denen
wollte ich ihn wieder lesen (weshalb ich ihn hierher mitnahm)
und dann die groBere Arbeit beginnen in der bewiesen werden
sollte, daB der Pallas die beste aller Welten sei. Nun hat nicht
nur der momentane Verlust des Buches dies Vorhaben ge-
hindert, sondern vor allem sehe ich mich auf Grund der Un-
terredung mit Herbertz veranlaBt, mich sogleich nach einer
Habilitationsarbeit umzusehn, worauf ich in so kurzer Zeit
vordem nicht gerechnet hatte.
Zum „Billionar" 3 herzliche Gluckwiinsche. In Wien habe
ich die Bibliothek meines Schwiegervaters kennen gelernt,
die in Judaicis sicher manches was Sie interessiert, enthalten
diirfte, doch von ihrem einstigen Glanze (eine Erstausgabe
des gesamten Descartes u. a.) durch Diebstahl, sorglosesten
Verleihens[l] und mancher Verkaufe fast alles eingebiiBt
hat. Ich erhalte aus ihr zum Geschenk die Akademieausgabe
von Kants Werken soweit sie jetzt vorliegt. Auch einen latei-
nischen Agrippa von Nettesheim, den ich aber wohl nur mit
Hilfe eines deutschen werde lesen konnen. — Ich habe an Sie
die Bitte, sogleich sich bei Ihrem Munchner Buchhandler
223
nach Borchardt: Swinburne-Ubersetzung im Insel-Verlag
erkundigen zu wollen und an meinige hiesige Adresse alsbald
nach Erscheinen bezw. sofort ein Exemplar im Pappband
(ca 40 M) senden zu lassen . . . Da ich Dora damit ein Ge-
schenk machen mochte so erweisen Sie mir mit der Erledi-
gung der Sache einen groBen Dienst. In Wien bestelle ich es
nicht, weil ich bei der Lassigkeit der Leute fiirchte, sie ver-
zogern die Sache, bis die 600 Exemplare, fiir die ich sehr
groBe Nachfrage vermute, vergriffen sind. — „Weltenmantel
und Himmelszelt" 4 werde ich mir merken. Ubrigens hatte
der Titel friiher schon meine Aufmerksamkeit erregt. Wie-
viel kostet das Buch?
Im Sommer fand sich mehrere Wochen hindurch in der
Fremdenliste von Zuoz im Engadin ein „ Professor" Noegge-
rath mit Frau und Sohn aus Freiburg. Ich mochte sehr gern
wissen, ob dies (wie ich mir nicht anders denken kann) das
Genie ist welches demnach Extraordinarius oder Privatdozent
in Freiburg ware.5 Sie konnen das wohl leicht erfahren.
Ich habe im vorgehenden Sommer nicht sonderlich viel
gearbeitet, aber herrliches gesehen. Mit der Post haben wir in
einem Tage den Ubergang von Thusis iiber den St. Bern-
hardin nach Bellinzona gemacht, und dabei an diesem einen
Tage wirklich herrlich Schones gesehen, da die Fahrt beim
herrlichsten Wetter vor sich ging. Auch in Lugano war es
meistens fiir uns schon. Dort habe ich einen Aufsatz „ Schick -
sal und Charakter" geschrieben, dem ich dann hier die letzte
Form gegeben habe. Er enthalt, was ich Ihnen iiber diese
Dinge in Lungern sagte.6 Ich werde ihn, wenn sich die Mog-
lichkeit bietet, sogleich veroffentlichen. Freilich nicht in
einer Zeitschrift, sondern nur in einem Almanach oder
Ahnlichem. - Mein Plan, eine Kritik von Blochs „Geist der
Utopie" zu schreiben, der vor der Ausfuhrung, die hier er-
f olgen sollte, stand, ist nun auch dahin, da das Buch mit alien
vorbereitenden Glossen verloren ist. Bloch selbst ubrigens ist
noch in Interlaken und wird hochstens auf kurze Zeit ge-
schaftlich in Deutschland sein.
Was betrifft Ihre Seminararbeit bei Baumker? — Brennend
224
wiirde mich alles interessieren was Sie mir liber Lehmann
und das, was man bei ihm treibt, etwa mitteilen. Ich wundere
mich, daB er noch geistig gesund ist. Seine moralische Person
darf wohl nicht allzu hoch eingeschatzt werden. Liest er wie-
der in seiner Wohnung? Die Frage wird nun fur mich wich-
tig, wie hoch Ihr Vater den Druckpreis meiner Dissertation
veranschiagen wiirde. Die Daten, die hoffentlich ausreichen
gebe ich auf einem besondern Zettel, wenn notig wiirde ich
eine Schreibmaschinen-Seite einsenden. (Fran eke wird die
Sache vermutlich verlegen. Doch muB ich naturlich den
Druck zahlen.) Ich lege keinen Wert auf besonders groBe
Type, im Gegenteil es kann so klein es anstandig ist, gedruckt
werden. Dagegen gutes Papier (kein Glacepapier). Fractur
ziehe ich, besonders bei kleinem Druck der Antiqua vor. -
Ich denke Francke wird einverstanden sein, 1000-1 200 Exem-
plare drucken zu lassen. [. . .]
Nun entschuldigen Sie bitte noch die Schrift. Ich habe
groBtenteils im Liegen geschrieben. Wenn Sie mir etwas von
Baumker8 erzahlen, interessiert mich das sehr. Kommt bald
etwas Neues von Agnon (tJbersetztes) heraus?
Fiir heute nur noch unsere herzlichsten GriiBe
Ihr Walter
1 Professor Leon Kellner, Anglist und Herausgeber der Schriften und
Tagebiicher Theodor Herzls.
2 Es war Scholems Hochzeitsgeschenk fiir W. B. gewesen.
3 Ein wei teres Buch von Scheerbart : Kaktox der Billionar.
4 Von Robert Eisler (1909), mit dem Sch. bekannt geworden war.
5 Traf nicht zu.
6 Schriften, Bd. I, S. 31-39.
7 Der Amerkanist Walter Lehmann, der damals Maya-Hymnen inter-
pretierte.
8 Clemens Baumker, eine groBe Leuchte in mittelalterlicher Philoso-
phic, bei dem Sch. zu doktorieren plante.
225
8 J An Ernst Schoen
Breitenstein am Semmering
5. Dezember 1919
Lieber Herr Schoen,
Unsere letzten Brief e haben sich gekreuzt; ich glaube der
meine war aus Klosters an Sie gerichtet. Wir beide werden
keine guten Schliisse auf das Ergehen des andern aus dem
folgenden langen Schweigen gemacht haben. Bei mir bezeich-
net dieser Brief recht genau einen endlichen Augenblick der
Sammlung, da ich erst seit Stunden mich in einem Zimmer,
das ruhiges Denken nicht stort, befinde. Und wie steht es
um Sie? und um Ihre Versorguhg? Das Scheitern Hirer Hoff-
nungen hat uns sehr betriibt ; um Menschen unsrer Art zieht
sich nun das schwangere Dunkel zusammen. Ich bin zuver-
sichtlich daB wir es bestehen werden und von einem Alb be-
freit, es sich ballen zu sehen. Zu lange schon hatte ich dies
- allem Schein, auch meiner eignen Lebensumstande zum
Trotz - als eine Antwort der Natur (von der die heutige
Gesellschaft nur ein Teil ist) auf unser Leben kommen sehen.
Nun avisieren mich die Brief e meines Vaters. Vorlaufig warte
ich ab.
Wir haben es nicht schlecht hier, wo wir in einem Sanato-
rium zu Gast sind, das einer Tante meiner Frau gehort. Wir
leiden keinen Mangel und haben ein warmes Zimmer, das
wir heute in den Stand, in dem es gut bewohnbar ist, gesetzt
haben. Auch das Kind mit einer Pflegerin ist hier und meine
Frau hat Zeit und Ruhe. Aber vier Wochen sind auf andere
Art vergangen, ehe wir das hier so ansehen konnten. Nach
einer teilweise lebensgefahrlichen Fahrt von der Schweizer
Grenze nach Wien, erhielten wir den Bescheid, daB der
Waggon, der unser gesamtes Gepack, soweit es nicht in der
Schweiz geblieben war, enthielt, vermiBt sei. Nach vier
Wochen sind wir nun dennoch in den Besitz der unversehr-
ten Sachen gekommen; der Waggon war nach Budapest ver-
schickt worden. — Sehr schbne, wenn auch nicht immer un-
getriibte Tage haben wir in Lugano gehabt. Es war ein sehr
226
"warmer Oktober. Von Klosters haben wir ins Tessin den
Ubergang iiber Thusis — die Via Mala — den St. Bernhardin-
paB an einem Tage mit der Post gemacht und unter dem
klarsten Himmel einen der herrlichsten Alpeniibergange ge-
sehen — eine Gegend, wo noch nirgends die Eisenbahn fahrt
und die deshalb weniger bekannt ist. Bei Lugano liegen einige
Berge mit sehr verschiednen wunderbaren Ausblicken, von
deren schonstem, dem Monte Generoso wir eine Karte an
Jula gesandt haben, die Sie vielleicht gesehen haben.
Ich beginne eine ausfuhrliche Kritik von Ernst Bloch:
Geist der Utopie; dem Werk eines in der Schweiz gewonne-
nen Bekannten, von dem ich Ihnen wohl schrieb. Sie ist fur
die Veroffentlichung bestimmt. Einen Aufsatz „Schicksal und
Charakter" den ich in Lugano schrieb und zu meinen besten
Arbeiten zahle, hoffe ich ebenfalls erscheinen lassen zu kon-
nen1. Prolegomena zu meiner neuen Lesabendio-Kritik2 und
eine Kritik von „La porte etroite" von Gide sind ebenfalls
dort unten entstanden. Wenn ich an dies und anderes denke,
wird mir doppelt lebendig, wie ich eine Begegnung mit Ihnen
ersehne. Ich fiige hinzu, daB Sie mir am allerwenigsten
schreiben sollten, daB Ihre Freunde Ihrer nicht bediirften;
in welchem Sinne ich Ihrer bedarf wird uns doch in abseh-
barer Zeit, wie ich hoffe, eine Begegnung bestatigen. So lange
ich hier oben bin, freilich, bin ich unzuganglich. Selbst ein
Gast, darf ich niemanden einladen. So bald ich eine Moglich-
keit sehe, schreibe ich Ihnen. Denn meine nachste Zukunft
liegt nicht klar vor mir. In Bern ist mir, ganz wider mein
kiihnstes Erwarten, Aussicht auf eine Habilitation eroffnet
worden. Nun ist dies unannehmbar, wenn nicht eine nach
Art und Gehalt angemessene Stellung fiir meine Frau sich
findet die uns den Aufenthalt in der Schweiz ermoglicht. Ein
Gesandtschaftsposten ist das Beste. Hieriiber kommt Ihnen
wohl kaum etwas zu Ohren? - Jedenfalls will ich, wenn nur
irgend moglich mit meiner Frau, gegen Ende des Winters in
die Schweiz um iiber meine Habilitation und Habitations -
schrift deren Thema noch nicht fest stent, mit dem Professor
zu sprechen. Andrerseits wollen meine Eltern in absehbarer
Zeit das Kind sehen, so daB wir auch einen Besuch in
227
Deutschland im Friihjahr ins Auge fassen. Unter solchen
Umstanden ist von einem Hausstand vorlaufig keine Rede
und Schwierigkeiten der Lebensfiihrung sind vorauszusehen.
Das Buch von Curtius3, das Sie nennen, werde ich auch
lesen. Es ist ja vorderhand das einzige was es hieriiber gibt.
DaB es ahnungslos ist, erweist ja schon die Zusammenstellung
der im Titel genannten Autoren ebendort mit Romain Rol-
land. Die Nouvelle Revue Francaise hat eine groBe Anzahl
wichtiger Werke, die vergriffen waren, wieder neu auflegen
lassen und ich mochte mir einiges anschaffen. Von Claudel
erschien neulich in der Zeitschrift ein Drama „Le pere humi-
lie" in vier Akten, mit denen ich nicht das Geringste an-
fangen kann. Im iibrigen kenne ich Claudel nicht. Hier kann
ich mir allerlei verschaffen, da Wien eine ganz vorziigliche
Leihbibliothek hat. Eben beende ich einen auBerordentlich
schonen Roman von Galsworthy: der reiche Mann.
Hoffentlich bewegt mein Brief Sie, aus welchen Umstan-
den auch immer, mir eine Nachricht von Ihnen zu geben.
Meine Frau und ich griiBen Sie herzlichst. Stefan geht es gut.
Ihr Walter Benjamin
1 Erschien in den „Argonauten", Erste Folge, 1921.
2 Lesabendio von Paul Scheerbart (Miinchen 1913) war eines der von
W. B. am hbchsten geschatzten Biicher der neuesten Literatur. Die
Kritik ist identisch mit dem leider verlorenen Essay iiber den wahren
Politiker, das im Folgenden mehrfach erwahnt wird.
3 Ernst Robert Curtius, „Die literarischen Wegbereiter des Netaen
Frankreich" (1919).
86 An Gerhard Scholem
Breitenstein, 13. Januar 1920
Lieber Gerhard,
den Dank fur das Geschenk wird Dora Ihnen sagen; ich
mochte Ihnen nur sogleich mitteilen, welche Freude ich von
der Dichtung gehabt habe. Nach der Schonheit der Erzahlung
228
und der Sprache muB ich schlieBen, daB Ihre Ubersetzung1
vollkommen ist. Hochst gespannt bin ich auf das „Merk-
wiirdige", das Sie zu dieser Geschichte mitzuteilen verspre-
chen2, denn ich merkte wohl daB es mit einem sogroBenStoff
in so unscheinbarer und so vollkommener Behandlung eine
besondere Bewandtnis haben muB.- WennSie nun erst Doras
Liebe fur alle Erzahlungen von ganz kleinen Wesen kennen
wiirden - oder hat Sie Ihnen einmal die chinesische Ge-
schichte vom kleinen Jagdhund erzahlt? Ich habe zunachst an
dieser Geschichte bewundert, wie es dem Dichter gelingt
aus der ersten unscheinbaren Leiblichkeit des Gadiel die
zweite gewaltige heraufzufiihren, in der er Bestand hat, ohne
ihn doch zu verwandeln. — And ere Marchen die sich zum
Geburtstage eingefunden haben sind gojisch, haben uns aber
sehr gefreut, da wir darin Quellen zu unserm gemeinsamen
Lieblingsmarchenbuch, der Godin3, haben. Sie sind von
Arndt — in einer neuen Ausgabe des Mullerschen Verlages 4,
seit ihrer ersten Auflage im vorigen Jahrhundert wohl erst
die dritte. Die Ausgabe muB sehr selten sein, da ich von dem
Buche nie, weder gehdrt noch es gesehen hatte, als ich es in
die Hand bekam und kaufte. — Wir wiirden uns iiber jede
Zeile Ihrer Agnon-Ubersetzungen freuen: Was ist es mit
dem Gedicht?5
Meine Arbeit ist jetzt eine ausfiihrliche Besprechung vom
„Geist der Utopie" fur eine Zeitschrift. Sie wird das viele
Gute und Vorziigliche fur sich sprechen lassen, die konstitu-
tionellen Fehler und Schwachen aber in einer durchaus eso-
terischen Sprache diagnostizieren; das Ganze der Form nach
akademisch, weil so allein man dem Buch gerecht wird. Da
es dabei zu einer Auseinandersetzung iiber Expressionismus
kommen diirfte, so las ich mit Hinblick darauf „t)ber das
Geistige in der Kunst" von Kandinsky. Dies Buch erfiillt
mich vor seinem Autor mit hochster Achtung, wie dessen
Bilder meine Bewunderung wecken. Es ist wohl das einzige
Buch iiber den Expressionismus sonder Geschwatz; freilich
nicht vom Standpunkt einer Philosophic — , sondern einer
Lehre-von-der-Malerei.
Anfang Marz werden wir wohl in Berlin sein; nach vier
229
Wochen dann in die Nahe von Munchen Ziehen, wo wir
bleiben, bis die Schweizer Angelegenheit geklart ist, und je
nachdem dann fortgehen oder bleiben. Die Entscheidung,
wenigstens die vorlaufige, hangt nicht von Geldfragen allein
(wenn auch sehr wesentlich) ab, sondern auch davon, wie sich
die Arbeit an meiner Habilitationsschrift gestalten wird. Von
dieser besteht bislang nur die Intention auf ein Thema; nam-
licb irgend eine Untersuchung, welche in den groBen Pro-
blemkreis Wort und Begriff (Sprache und Logos) fallt, mit
dem ich mich beschaftigen werde. Vorlaufig suche ich ange-
sichts der ungeheuern Schwierigkeiten nach Literatur, die
wohl nur im Bereich scholastischer Schriften oder von Schrif -
ten iiber die Scholastik zu suchen ist. Wobei in der erstern
mindestens das Latein eine harte NuB ist. Ich bin Ihnen fur
jeden bibliographischen Fingerzeig, den Sie mir auf Grund
dieser An gab en machen konnen, aufierordentlich dankbar.
Die Wiener Bibliotheksverhaltnisse sind so schlecht, daB ich
erstens kaum Bticher bekommen, zweitens kaum im Katalog
welche finden kann. Haben Sie schon in dieser Hinsicht nach-
gedacht? Wenn wir dariiber uns schreiben konnten; so ware
mir das unglaublich viel wert. DaB unter der Zahl der Ab-
grunde dieses Problems der Grund der Logik zu suchen ist,
dariiber sind Sie vielleicht eines Sinnes mit mir. — Schreiben
Sie mir doch bitte, was es mit dem S. Friedlander6 auf sich
hat. Desgleichen mit Baumker; iiber diesen aufschluBreiche
Mitteilungen anzukiindigen, werden Sie nicht mude, aber
niemals finde ich dann eine Zeile iiber ihn.
An einen einjahrigen Aufenthalt in Osterreich haben wir
nie gedacht und vollends jetzt haben wir in Wien auch
familiare MiBstande vorgefunden, die dort den Aufenthalt
erschweren. Allein schon wegen der unmoglichen Wiener.
Bibliothek kommt weder Stadt noch Land fur uns in Oster-
reich in Betracht. — In Seeshaupt haben nicht wir, sondern
nur unsere Mobel eine Wohnung.
Ihrem Bruder [Reinhold] danke ich fur den Preisanschlag
des Druckes vielmals ; falls ich darauf eingehe — was noch von
mehreren Auskiinften abhangt, schreibe ich ihm natiirlich
noch. - Herzlichen Dank fur das Heft des „Juden". Die Notiz
230
liber Analogie und Verwandtschaft ist nunmehr dringend in
Abschrift erbeten. „Schicksal und Charakter" liegt bei. Ich
mufi Sie ausdriicklich bitten, es niemandem weiterzugeben
oder vorzulesen. Dagegen konnen Sie den, leider schlechten,
Abzug behalten, wenn Sie wollen.
Amtlich habe ich mitzuteilen: Die diplomatische Vertre-
tung, sowie Vertretung bei den Friedensverhandlungen der
unterworfenen Volkerschaften der Putzikullen und Abra-
molchen an unserm Hofe hat Herr cand. dipl. Stefan iiber-
nommen. Was von unterworfenen Volkern sonst noch bleibt,
muB sich weiter durch Sie vertreten lassen.7
Kraft hat uns seine Verlobung mit Fraulein Erna Halle8
mitgeteilt.
Bitte schreiben Sie recht bald. Die herzlichsten Griifle
Ihr Walter
1 S. J. Agnons „Geschichte von Rabbi Gadiel dem Kinde" ; erschien in
„Der Jude" V (1920).
2 Scholem war auf die Quelle dieser Geschichte in der kabbalistiscben
Literatur gestoBen, ganz unbeabsichtigt, wahrend er sie ubersetzte.
3 Amelie Godin [d. i. Linz] (1824-1904). Von ihr erschien unter ande-
rem: „Marchen. Von einer Mutter erdacht", 1858; „Neue Marchen",
1869 ; „Marchenbuch", 1874.
4 E. M. Arndt, „Marchen und Jugenderinnerungen", Miinchen 1915.
5 Sch. machte damals eine Reihe solcher Ubersetzungen, die im
„Juden" gedruckt sind. Die eines Agnonschen, sehr melancholischen
Gedichts blieb ungedruckt.
6 „Schbpferische Indifferenz", Miinchen 1918.
7 Bei festlichen Gelegenheiten pflegte sich Scholem als „Vertreter der
unterworfenen Volkerschaften" zu prasentieren.
8 Der Schwester von Toni Halle.
87 An Ernst Schoen
2.Februar 1920
Lieber Herr Schoen,
wir haben uns sehr iiber die giinstige Gestaltung Ihrer
Lebensbedingungen gefreut, von der Sie im letzten Brief
231
schreiben. Hoffentlich ist inzwischen auch die Ruhe gekom-
men die Ihnen fiir die eigne Arbeit MuBe laBt. Was Sie von
dieser andeuten, erfiillt mich mit Spannung. Zunachst selbst-
verstandlich als AuBerung Ihrer Gedanken; daneben noch
aus einem andern Gesichtspunkt. Mich interessiert namlich
sehr das Prinzip der groflen literarisch-kritischen Arbeit: das
gesamte Feld zwischen Kunst und der eigentlichen Philo-
sophic, als welche ich nur das mindestens virtuell systema-
tise]! e Denken bezeichne. Es muB ja ein ganz urspriingliches
Prinzip einer literarischen Gattung geben, der so groBe
Werke angehoren wie Petrarkas Dialog iiber die Welt-
verachtung oder die Aphorismen Nietzsches oder die Werke
Peguys. An diesen letzten einerseits und andererseits an
dem Werden und Ringen eines jungen Menschen meiner
Bekanntschaft ist mir diese Frage nun vor Augen geriickt
worden. AuBerdem werde ich mir eines urspriinglichen
Grundes und Wertes der Kritik auch in meinen eignen Arbei-
ten bewuBt. Die Kunstkritik, deren Grundlage mich in die-
sem Sinne beschaftigt, ist nur ein Ausschnitt aus dem groBen
Gebiete.
Hier bringe ich nicht viel zustande. Teils wegen der Umge-
bung von welch er ich mich, weniger auBerlich als innerlich,
leider nicht ganz zu isolieren vermag; vielmehr aber, weil die
Wiener Bibliothek mich ganzlich im Stich laBt. Auf sie hatte
ich gerechnet als ich in begriindetem MiBtrauen in die Trans-
port verhaltnisse meine wissenschaftlichen Blicher mit den
andern in Bern lieB. Nun habe ich die einzige Arbeit hinter
mich gebracht, die ich hier angriff , die Kritik vom „Geist der
Utopie", welche Sie, vielleicht nicht ganz ohne die Ironie
welche ich in Ihren Wort en suchte, weil sie mir gefallt, in
Ihrem Brief erwahnen. Sollten Sie nicht gefuhlt, ja gemeint
haben, daB eben an derFiille, derMiihelosigkeit in vielen sei-
ner Darlegungen das Buch miBtrauisch macht? Meine Kritik
werden Sie hoffentlich in absehbarer Zeit gedruckt finden l :
hochst ausfiihrlich, hochst akademisch, hochst entschieden
lobend, hochst esoterisch tadelnd. Ich habe sie — hoffentlich —
dem Verfasser, der mich darum sehr bat, zu Dank geschrie-
ben. Ich tat es weil mich mit ihm eine Neigung verbindet,
232
deren Grund ich auch in einigen zentralen Gedanken seines
Buches wiederfinde, so wenig es auch ein feines Medium
unserer Beziehung ist. Denn meinen eignen Uberzeugungen
entspricht es zwar in einigen wichtigen Darlegungen, wie ge-
sagt, nirgends aber meiner Idee der Philosophic Zu ihr ver-
halt es [sich] diametral entgegengesetzt. Aber der Autor
stent, mehr als er es weiB, iiber dem Buch. Ob es ihm gelingen
wird, in dies em Sinne sich philosophisch auszusprechen, ist
die entscheidende Frage fiir ihn. In diesem Buche ist der Ge-
halt vom Bediirfnis sich auszusprechen iiberall getriibt. Des-
halb mochte ich, so sehr ich fiir seinen Autor einstehe, daB es
sich nirgends zwischen mich und Menschen die mir nahe-
stehen drangt. Was ich positiv diesem Buche verdanke, werden
Sie aus der Kritik ersehen, auch in welchem Sinne mein Den-
ken sich schliefllich von ihm entf ernt. Dieses Ref erat war eine
Arbeit, die drei Monate Vorbereitung erforderte. So schwer
fiel es mir, die Sache vollig zu durchdringen.
In den letzten zwei Wochen habe ich eines der herrlichsten
Biicher gelesen: die Chartreuse de Parme von Stendhal. Hof-
f entlich kennen Sie es oder lesen Sie es so bald wie moglich. —
Haben Sie von Odillon [sic] Redon, einem f ranzosischen Maler
aus der zweiten Half te des neunzehnten Jahrhunderts gehort?
Und was wissen Sie von ihm. Mir begegnete das Corpus seiner
Radierungen oder Zeichnungen in Nachbildungen zu einem
unerschwinglichen Preise bei einem Wiener Antiquar. Mir
schienen die Sachen teilweise von ganzgroBerbizarrerSchon-
heit und besser wie fast alles von Kubin, dabei aber diesem
ein wenig verwandt.
Ende dieses Monats oder Anfang des nachsten werden wir
wirklich nach Berlin kommen, eine Reise bei der die Begeg-
nung mit Ihnen, Jula, Alfred und wenigen andern der ein-
zige Lichtpunkt ist. Wir werden nichts weiter bringen als uns
selbst, von allem womit wir in den letzten Jahren uns um
unsert- und unsrer Freunde willen umgaben getrennt. Wie
sehr wir uns dennoch freuen, brauche ich nicht zu sagen. — Sie
werden endlich der Verwahrung meiner Papiere, fiir die ich
Ihnen schon hier von Herzen danke, iiberhoben sein. — Ich
habe vor in Berlin, wenn Heinles Bruder mit den Manuscrip-
253
ten sich dort einfindet, den Text samtlicher von Fritz Heinle
hinterlassner Schriften endlich sicherzustellen.
Leben Sie herzlich wohl und schreiben Sie mir, wenn Sie
MuBe finden, noch an die auf dem Couvert bezeichnete
Adresse. Herzlich griiBen meine Frau und ich.
Ihr Walter Benjamin
1 Diese Arbeit ist nach vielen Wechs el fallen ungedruckt geblieben und
schlieBlich verlorengegangen.
88 An Gerhard Scholem
13. Februar 1920
Lieber Gerhard,
Ihre letzten beiden Brief e, dazu „Analogie und Verwandt-
schaft" habe ich erhalten. Vielen Dank! Was den Ernst Bloch
angeht, so ga.be ich viel darum, wenn wir einander dariiber
miindlich sprechen konnen. Solange das unmoglich ist, nur
soviel: Ich bin vollig mit Ihrer Rritik iiber das Kapitel „Die
Juden" einverstanden, und habe mich, da bei dieser Stellung-
nahme ja das Wissen, welches mir fehlt, nicht die Hauptrolle
spielt, von Anfang an zu seinen Anschauungen ebenso gestellt.
Ich finde Ihren Worten hieriiber nichts hinzuzufiigen. In
meiner Kritik habe ich meine radikale Ablehnung dieser Ge-
danken auf die hoflichste Weise, wie ich hoffe, sichtbar - wie
ich hoffe — gemacht. Aber damit ist j a die Frage nicht erledigt.
Sie werden mich mit Recht nach zweierlei fragen : Erstens wie
ich denn zu andern Dingen stehe, welche dieses Werk generell
betreffen. Zu dem, was Sie vorziiglich *'UnfaI3barkeit der
Distanz" nennen; ich glaube es ist dasselbe, was meine Frau
sehr gut „Verfiihrung zur Wahrheit" nennt. Noch erinnere
ich mich, wie Ihre erste Frage iiber dieses Buch in Bern war,
ob es eine Erkenntnistheorie enthielte. Und das ist nun eben
das Wesentliche : neben einer Auseinandersetzung mit seiner
undiscutierbaren Christologie verlangt das Buch eine iiber
seine Erkenntnistheorie. Dieselbe umfaBt in meiner Kritik
234
die neun Zeilen des Schlusses. Ihren Inhalt gebe ich hier nicht
wieder; Sie werden sie lesen, wir werden dariiber sprechen.
Er ist wichtig. Die neun Zeilen des Schlusses gelten demnach
einer Ablehnung des Buches in seinen Erkenntnispramissen,
einer, verhaltenen, Ablehnung en bloc. Die eigentliche Kritik
umfaBt also nur ein ausfiihrliches und nach Moglichkeit
lobendes Referat uber die einzelnen Gedankengange. Die
Moglichkeit des ehrlichen Lobes fehlt, wie Sie richtig ver-
muten, durchaus nicht immer. — Aber freilich: mein philoso-
phisches Denken hat mit diesem nichts gemein. Damit lege
ich Ihnen die zweite Frage in den Mund: warum kritisiere ich
es, warum habe ich mir die (N B enorme, monatelang vorbe-
reitete) Arbeit dieser Kritik gemacht? Genauer: warum habe
ich der Bitte des Autors - hoffentlich doch ihm zu Dank (er
kennt das Referat noch nicht) entsprochen ? Um dessentwillen,
was ich an ihm mehr als an seinem Werke (in dem es dem-
nach nicht durchaus fehlt) schatze, um einer HofTnung wil-
len, die ich an seine Entwicklung schlieBe. In diesem Buch
hat er etwas Schnellfertiges, tJberfertiges gegeben. Aber ich
finde in unsern Gesprachen, die wir in Interlaken hatten, so-
viel Warme, soviel Moglichkeiten mich auszusprechen, ver-
standlich zu machen, verstanden zu werden, daB ich das Opf er
dieser Kritik meiner Hoffnung bringe.
Wenn Sie mir die erbetenen Literaturangaben durch
Baumker verschaffen, erweisen Sie mir einen sehr groBen
Dienst. Von Heideggers Buch wuBte ich nichts.1 Dagegen ist
(ich glaube von Frey?) eine Monographie lib er die Sprach-
logik des Duns Scotus vorgemerkt; die genauen Daten habe
ich in Wien. Hier hat es seit Beendigung der Kritik mit
Arbeiten, mangels aller Hilfsmittel gehapert. Kein franzbsi-
sches Lexikon, daher konnte ich nur zwei kleinere Baudelaire -
Gedichte ubersetzen. So bin ich ganz auf mich allein ange-
wiesen und entwerfe jetzt einen Aufsatz mit dem anmutigen
Titel „Es gibt keine geistigen Arbeiter".2
[. . j
Wir verlassen Breitenstein vermutlich in drei Tagen und
sind bis Ende Februar in Wien bei Prof. Kellner Wien XVIII
Messerschmiedgasse 28, spater bei mein en Eltern. [. . .] Die
235
Miinchner Plane sind wieder ins Wanken geraten, weil wir
von Hause die kategorische Vorschrift bekommen, bei meinen
Eltern von jetzt ab zu leben, da die schlechten Vermogens-
verhaltnisse meines Vaters ihm nicht gestatten uns ausrei-
chend zu unterstiitzen um auflerhalb des Hauses leben zu
konnen. Natiirlich konnen wir darauf unter gar keinen Um-
standen eingehen, aberunsere Verhaltnisse gestalten sich sehr
schwierig. Vielleicbt wird Dora allein einige Monate in die
Schweiz gehen, um dort Ersparnisse in Franken zu machen,
die wir dann in Deutschland verwenden konnten. Sie wiirde
also eine Stelle annehmen. Es ware uns sehr erwunscht, Daten
liber die bayriscben Preisverhaltnisse zu erhalten, vor all em,
was Pension auf dem Lande durchschnittlich kostet. - Unter
alien Umstanden werde ich versuchen in Bern die venia zu
erhalten, um, wenn ich dort von ihr keinen 1 anger en Gebrauch
machen kann, ihre Ubertragung an eine deutsche Universitat
zu versuchen. Wir sehen unter solchen Umstanden dem Ber-
liner Auf enthalt nicht heiter entgegen.
Eine fernere Frage ist, wann wir Sie sehen werden, wenn
wir im Fruhjahr nicht nach Bayern kommen? Es ware Dora
und mir sehr schmerzlich darauf verzichten zu miissen und
wir wiirden Sie sehr schon bitten, ob Sie im schlimmsten Falle
nicht sogleich nach SchluB des Winter semesters - also doch
wohl um Ostern — auf einige Zeit nach Berlin kommen
konnten?
In der letzten Zeit haben wir uns hier sehr erholt und Dora
geht es, trotzdem sie nicht gut schlaft, zu meiner groflen
Freude besser als seit langem.
Wie alt ist die Braut von Werner Kraft? Wird er Anfang
Marz noch in Berlin sein? In der Tat, sein letzter Brief an
mich war munterer. Dennoch haben wir, mir aus den abge-
rissensten Nachrichten informiert, doch ebensowenig wie Sie
uns iiber ihn beruhigt fiihlen konnen. [. . .]
Also werden Sie vielleicht bei Baumker promovieren?
Wann ungefahr? Ein Doktor bei ihm ist doch wohl recht an-
sehnlich. Nicht so, wie . . . Sollten Sie iiber „Schopferische
Indifferenz" noch irgend etwas Abschlieflendes mitzuteilen
haben, so enthalten Sie es mir bitte nicht vor.
236
Ich hoffe recht bald auf meine wichtigsten Fragen von
Ihnen Antwort zu erhalten.
Herzlichste GriiBe von meiner Frau und mir
Ihr Walter
1 „Die Kategorien- und Bedeutungslehre des Duns Scotus", 1916.
2 Nicht erhalten. Gegen Kurt Hiller.
89 An Gerhard Scholem
Berlin, 17. April 1920
Lieber Gerhard,
Zuletzt von Ihrer ganzen Familie kommen Sie bei meinem
Berliner Aufenthalt daran. Mit Ihrem Bruder Reinhold habe
ich schon einige Beratungen gehabt und bei dieser Gelegen-
heit auch mit Ihrem Vater einige Worte gewechselt. Heute
haben diese Beratungen mit einem niederschmetternden
Resultat zunachst ihren AbschluB gefunden: bei groBen Stei-
gerungen der Druckkosten in der letzten Zeit und groBerer
Bogenzahl als urspriinglich geschatzt war, soil namlich unter
alien moglichen Reduktionen meiner und ihrerseits der
Druck iiber 5000 M kosten. Ich werde wahrscheinlich in Bern
um hohern ZuschuB oder Erlaubnis augenblicklich den Druck
noch nicht machen lassen zu miissen einkommen. Hier ist die
erste Woche fiirchterlich verlaufen.
[. . .]
Ich kann Sie also, wie ich Ihnen schon ankiindigte, sowenig
mit Bestimmtheit auf meinen Miinchner Besuch vorbereiten,
als zur Reise hierher auffordern, weil ich die kommenden
Tage nicht uberblicken kann. Es tut mir sehr leid. Noch habe
ich hier unter den unmittelbar an mich herantretenden An-
forderungen nicht zur Habilitationsschrift kommen konnen
und nichts als eine kurze, sehr aktuelle Notiz iiber „Leben
und Gewalt" zu stande gebracht, von der ich sagen darf, daB
sie mir aus demHerzen geschrieben ist.— Tauscht mich meine
Erinnerung, oder habe ich Sie nicht irgendwann friiher selbst
237
auf ein, mir freilich nie zu Gesicht gekommenes, Buch „Klage
der Natur" 1 hingewiesen?
Max Strauss 2 habe ich in Wien nicht gesehen. Karl Kraus
haben wir gehort, liber dessen Veranderung gegen friiher
manches zu sagen ware - nichts aber dagegen. Herzlichen
Dank fiir Ihre okonomische Auskunft iiber Miinchens Um-
gebung.
Ihr Vater hat im Gesprach mit mir biindig erklart, Sie
seien ein Genie - er wisse es wohl. Aber Gott bewahre jeden
Vater vor einem Genie. Wenn Sie hinzunehmen, daB er mir
dann auseinandersetzen muBte, was die Juden „tachles" 3
nennen, so konnen Sie sich denken, welche Richtung das Ge-
sprach genommen hat. - Ihr Vater macht einen sehr zufrie-
denen Eindruck und sprach von Ihnen mit vielem Wohl-
wollen.
Ubermorgen kommen Gutkinds. Mein Schmerz ist, daB ich
hier niemanden meine Bibliothek zeigen kann — sie ist nur
durch eine winzige, gemischte Gesandtschaft hier vertreten.
In Wien fand ich mancherlei, so ein sehr seltnes Buch
„Extrait d'un catalogue d'une petite bibliotheque romantique"
von Baudelaire's Freund Asselineau, das schon seinerzeit nur
in 350 Exemplaren gedruckt wurde — mit einem sehr schonen
Kupfer und dem Erstdruck eines von mir iibersetzten Son-
netts. Unter den Vorbesitzern des Buches ist Charlotte Wolter!
Wenn ich Ihnen ferner sage, daB ich. hier, bei meinen trauri-
gen Vermogensverhaltnissen fiir schweres Geld schon jetzt ein
„tabuu 4 erstanden habe, so mogen Sie ermessen, was dasheiBt
und daB ich einen Schatz zu besitzen glaube. Doch dariiber
werden bitte Sie und ich schweigen. Sehr spat erfuhr ich, daB
Wertheim, schon seit Jahren, Bestande des [Georg] Miiller-
schen Verlages verkauft, wobei man gute Biicher geschenkt
kriegt. Gerade heute am Morgen des Hochzeitstages konnte
ich Dora noch einige heimbringen, darunter von Scheerbart
„ Asteroiden Novellen" und „Das graue Tuch" . Den „Rakkoxu
konnte ich mir neulich in einem alten Heft der „Insel"
leihen.
Leben Sie herzlichst wohl, lieber Gerhard
Ihr Walter
238
1 Des Scholastikers Alamis ab Insulis.
2 Bruder von Ludwig $trauI3 und Ubersetzer von Agnon.
3 Praktischer Endzweck. Scholems Vater pflegte liber die „brotlosen
Kiinste" (reine Mathematik und Judaistik) seines Sohnes Klage zu
fuhren.
4 So nannte W. B. diejenigen Biicher seiner Bibliotbek, die er nicht
auslieh.
90 An Gerhard Scholem
Berlin/Griinau, 26. Mai 1920
Lieber Gerhard,
Sie werden sich iiber den groBen Hiatus, der in meiner Brief -
schreiberei eingetreten ist, schon allerlei zusammen gereimt
haben. Und wenn Sie dabei auf die Annahme geraten sind,
daB es mir elend gegangen ist wie fast nie in meinem Leben,
so sind Sie nicht auf dem Holzwege. Ich bin ganz auBerstande
iiber diese Zeit — anders als gesprachsweise — irgend etwas
mitzuteilen, teils weil dieDinge an sichbodenlos sind und nur
in der Sphare des Geschwatzes in die wir hineingebannt
waren, ihren Schein haben, teils weil ich die Erinnerung
daran vermeiden muB um iiberhaupt wieder aufzutauchen.
Ich war tief untergetaucht. Geendet hat es mit dem vollstan-
digen Zerwurfnis. [. . .] DaB dieses Verhaltnis zwischen mei-
nen Eltern und mir, das die starksten Belastungsproben
scheinbar langst hinter sich hatte, unter eben diesen nach
Jahren in einer gewissen ruhigen Zeit zusammenbrach - das
ist die eine seltsame aber irgendwie folgerichtige Seite der
Sache. Von den andern schlimmeren und sinnlosen Aspekten
der Sache will ich jetzt nicht reden.
Auch heute konnte ich Ihnen wohl noch nicht diese Zeilen
schreiben, wenn wir nicht durch die sehr groBe Giite von Gut-
kinds eine vorlaufige Unterkunft gefunden hatten. Ihre wun-
dervolle patriarchalische Gastfreundschaft tragt dazu bei, daB
auch meine Frau, die furchterlich hergenommen ist, wieder
zu sich findet. Wir fiihlen uns seit diesen Wochen zum ersten-
239
mal wieder in menschenwiirdigen Verhaltnissen zu leben,
sehr gliicklich. Wir hatten Vorsorge getroffen, auch Stefan
hier herausnehmen zu konnen, [doch] ist ein Zimmer (nicht
bei Gutkinds) unsrer Verfiigung wieder entzogen worden.
Naturlich schreit das Provisorische dieser Dinge zum Him-
mel, und was geschehen soil, ist nicht abzusehen. Fest stent
nur, daB wir irgendwo eine Wohnungbekommen miissen, von
der aus wir uns dann f ur unsern Unterhalt umsehen konnen.
Da auch Gutkinds aus Berlin weg wollen, so haben wir an
eine gemeinsame Wohnstatte gedacht und sehen uns schon
langere Zeit danach um. Wissen Sie irgend etwas? In Bayern
sollen ja die behordlichen Schwierigkeiten so sehr groB sein.
Nach Seeshaupt haben wir schon geschrieben.
Meine Bibliothek lagert nun ganz verpackt, an drei ver-
schiedenen Orten, in Kisten. Noch in der letzten Zeit habe ich
trotz allem einige schone und sehr schone Erwerbungen ge-
macht. Wann werden Sie, wann werde ich das sehen? Ich
kann wie gesagt iiberhaupt keine Vermutungen iiber die kom-
mende Zeit auBern ehe ich nicht eine Wohnung habe [. . .]
Bei [Max] Strauss haben wir neulich Agnon kennen ge-
lernt. Zu [Robert] Eislers Bekanntschaft wiinsche ich viel
Gliick. Mit der Lektiire seines l Werkes hatte ich begonnen,
als ich es nebst allem iibrigen fortpacken muBte. Ich bin bis
zur Proserpinaabhandlung im ersten Band gekommen und
finde die Analysis der Legende von der hi. Agathe freilich
faszinierend. Auch sonst habe ich hie und da Bemerkun-
gen gefunden, die mir sehr aufschluBreich waren, besonders
liber die astrale Bedeutung der Frucht- und Feld-Symbolik.
Meine nachsten Aufgaben hier sind die Abfassung der
Notiz iiber den geistigen Arbeiter sowie die Herausgabe bzw.
textliche Sicherung der Werke meines Freundes. Es ist mir
endlich, iiber meine Hoffnung hinaus, gelungen, den ganzen
NachlaB zu diesem Zweck bei mir zu vereinigen und ich habe
ihn mit heraus genommen. Dann, aber nur wenn ich in halb-
wegs menschlichen Umstanden lebe, muB ich an die „Habili-
tationsschrift" gehen, die diesen wenn nicht ehrenden so doch
fruher hoffnungsreichen Namen behalten soil, trotzdem die
Aussichten auf eine Dozententatigkeit in Bern ja zunichte
240
geworden sind. Es konnte sich hochstens um die Erwerbung
der venia aus Formgriinden hand ein.
Meine Schwiegereltern, der einzige wenn auch auflerlich
nicht sehr starke materielle Riickhalt der uns geblieben 1st,
die aber zu den auBersten Opfern bereit sind, bestehen dar-
auf, daB ich Buchhandler oder Verleger werde. Nun verwei-
gert mir auch dazu mein Vater Kapital. Aber es ist sehr wahr-
scheinlich, daB ich nach auBen hin von der Verfolgung mei-
ner alten Arbeitsziele werde absehen miissen, nicht werde
Dozent werden konnen und jedenfalls bis auf weiteres heim-
lich und nachtlich meine Studien neben irgend einer biirger-
lichen Tatigkeit werde betreiben miissen. Wiederum weiB ich
nicht, neben welcher. (Diesen Monat habe ich 110 M mit
drei graphologischen Analysen verdient).2
Hoffentlich hore ich bald von Ihnen. Sie sollen dann auch
einen froheren (weil in and ere Gebiete gerichteten) Brief von
mir erhalten. Hoffentlich wenigstens bin ich dann schon wie-
der sehr weit. Ubrigens bin ich jetzt wirklich gliicklich iiber
die Ruhe und die Freundlichkeit die wir genieBen. „Gewalt
und Leben" erhalten Sie, wenn meine Frau es abgeschrieben
hat, was noch eine Weile dauern kann.3 Es ist ganz kurz.
Ich bemuhe mich sehr eine Lektorstelle zu find en. An S.
Fischer, der einen sucht, bin ich durch Bloch empfohlen aber
er hat sich doch nicht an mich gewandt. Wissen Sie etwas?
Ich hatte ein sehr gutes Verlagsprogramm.
Herzlichste GriiBe, bitte schreiben Sie bald
Ihr Walter
PS Ernst Bloch ist augenblicklich - und wahrscheinlich nur
noch wenige Tage — in Seeshaupt bei Burschell4.
1 „Weltenmantel und Himmelszelt." Munchen 1909.
2 W. B. war ein aufiergewbhnlich begabter und hellsichtiger Grapho-
loge, der seinen Freunden manchmal erstaunliche Proben seiner Fahig-
Iceiten gab. Er gab 1922 sogar graphologischen Privatunterricht.
3 Es kam nie an,
4 Friedrich Burschell (geb. 1889).
241
91 An Gerhard Scholem
23.Julil920
Lieber Gerhard,
dieser Brief soil nicht nur fur die lange Zeit stehen in der ich
Sie ohne Nachricht lieB, sondern am Beginn einer andern in
der ich Ihnen ofters zu schreiben vorhabe. Nun habe ich frei-
lich niemals ofter und herzlicher an Sie gedacht als in der
ganzen Zeit in der ich geschwiegen habe und in der Ihre
schonen Brief e, die ich alle erhielt, Sie mir sehr gegenwartig
und sehr trostlich zukiinftig hielten. So hat denn vielleicht
— ohne dafi ich dies irgendwie zu entscheiden wagte — Ihr
Brief vom Juni, der meineLage durch und durch erfafit, mich
mit Hebraisch zu beginn en veranlaBt. Davon will ich Ihnen
bei dieser Gelegenheit eine kleine Geschichte erzahlen. Erich
Gutkind fiihrte mich zu Poppelauer und Lamm *, wo ich mei-
nen Schulranzen und den Ranzen einer andern Reise sogleich
mit einigen Werken fiillte. Wie ich unwissend und nichts-
destoweniger zuversichtlich unter den Banden krame, fallt
mir Landau: Chrestomatie (Geist und Sprache der Hebraer)
in die Hand, das Herr Gutkind zu seiner groBten Uber-
raschung fur 25 M erstehen konnte. Er hat mir die Geschichte
Ihres Exemplars erzahlt und ich habe in einer Kombination
mystischer und induktiver SchluBmethoden gefolgert, daB ich
dieses Buch nicht eher besitzen werde, als ich einen Schuler
im Hebraischen habe. Ich habe mir damals den Fiirst2 gekauft,
die kleinen Midraschim, den Midrasch Mechiltha, die Pro-
pheten von Mendel Hirsch und das Buch uber den Chassidis-
mus von Marcus.3 Alles um zu beginnen. Und es hat gegen
350 M gekostet. In der Bibelfrage habe ich wegen fiirchter-
licher Preise nichts machen konnen. Zum Geburtstag hat mir
Erich Gutkind das Buch Kusari 4 geschenkt.
Dora hat Ihnen vielleicht schon vieles von dem genannt
womit sie mich erfreut hat, vor allem mit einem wunder-
schonen Bilde von Klee, betitelt: Die Vorfuhrung des Wun-
ders. Kennen Sie Klee? Ich liebe ihri sehr und dieses ist das
schonste von alien Bildern die ich von ihm sah. Ich hoff e Sie
242
werden es im September bei mir sehen, wenn ich nicht in
einem Monat auch die Reste meiner Habe in einer Kiste (auf
wie lange?) vergraben muB. Denn wir werden nur bis Ende
August hier drauBen bleiben, weil Gutkinds am ersten Sep-
tember nach Italien fahren wollen und wir leider ihr Haus
fur die zwei Monate ihrer Abwesenheit nicht beziehen kon-
nen, weil wir eine Wohnung fur den Winter kaum mehr im
November bekommen konnten. Wir suchen jetzt eifrig eine.
Mobliert oder unmobliert, etwa vier Zimmer. Wissen Sie zu-
fallig durch Bekannte etwas Passendes. Wir konnen auch
nicht langer von Stefan getrennt bleiben, den wir nirgends
so aufgehoben wissen, wie wir es wiinschen, zumal meine
Eltern ihn jetzt wahrend meine Mutter eine Reise macht in
ein Kinderheim geben,
Jetzt macht mir die Lektiire derLewana [sic] dieTrennung
von Stefan noch besonders schwer. In diesem Werke ist einem
wirklich einmal die Miihe abgenommen iiber den Gegen-
stand ein eignes zu schreiben. Man kann, wenn man von der
Einwirkung der Religions- und Volksgemeinschaft abstra-
hiert, also nur von den nachsten Verhaltnissen von Eltern
zum Kinde durchaus nicht einsichtiger und beseelter liber die
Erziehung in der Kindheit reden als Jean Paul es tut. Die
Deutschen wissen auch hier wieder nicht, was sie besitzen.
Wie streng, niichtern und maBvoll der phantasiereichste Geist
die Kinder zu behandeln weiB. (DaB ich dabei das Wort
„ streng" nicht im engern padogogischen Sinne meine, ver-
steht sich von selbst.)
Ich komme dazu, Ihnen fur Ihre wunderschonen Geschenke
zu danken, von denen ich nicht weiB, welches mich mehr er-
freut hat und vor all em erfreuen wird. Denn in der „Niobe"
konnte ich noch nicht lesen. Aber ein mythologisches Werk
das von Ihnen kommt erfiillt mich mit der groBten Erwar-
tung und der Gegenstand ist bedeutend. Fur die Agnonsche
Geschichte scheint mir kein Lob zu hoch, deshalb will ich
mich nicht imLoben versuchen. Ich freute mich als ich sie las,
Agnon gesehen zu haben. Und ich danke dem Ubersetzer.
243
Erinnern Sie sich, dafl ich Ihnen von Charles Peguy in
Iseltwald sprach? Inzwischen ist mir bei Gutkinds ein Band
„oeuvres choisies" in die Hiinde gef alien, der mich nocli be-
gieriger auf vollstandige Arbeit en von ihm gemacht, als das
Fragment in der „Nouvelle Revue". Denn auch er enthalt
nur Fragment e. Es hangt nur davon ab, ob ich endlich die
wesentlichen Sachen von ihm ungekiirzt zu lesen bekomme,
daB ich in einem Aufsatz meiner bewundernden und bestar-
kenden Zustimmung Ausdruck gebe. Vergebens habe ich ver-
sucht, S. Fischer und Kurt Wolff fur eine von mir zu ver-
anstaltende Ubersetzung von ausgewahlten Aufsatzen zu
gewinnen. Die Gebiihren die der franzosische Verlag fordert,
sind zu hoch.
Vor einigen Wochen hat mich Kraft auf einige Stunden
besucht. Wenn der Besuch auch f\ir jede Aussprache zu kurz
war, so gewann ich doch den Eindruck daB sein Geist sich
festigt. Hoffentlich werde ich Ende des Sommersemesters bei
seinem zweiten Besuch in Berlin bessere Gelegenheit haben
ihn zu sprechen.
Bitte schreiben Sie mir wieder sobald Sie konnen.
Da Sie nun einmal die Relationen zwischen Ihrer Promo-
tion und der Kabbala zu klaren trachten5, so formuliere ich:
ich will ein groBer Kabbalist sein, wenn Sie den Doktor nicht
summa cum laude machen.
Herzlichst
stets ihr
Walter Benjamin
1 Die judaistischen Antiquariate in Berlin.
2 Julius Furst, „Hebraisch«s und Chaldaisches Handworterbuch", Leip-
zig 1876.
3 Verus [Pseudonym von Ahron Marcus], „Der Chassidismus", Ple-
schen 1901; ein sehr denkwiirdiges Buch.
^ Ein religionsphilosophisches Werk des Jehuda ha-Levi (12. Jahrhun-
dert), Leipzig 1869.
5 Scholem hatte sich auf das Studium der kabbalistischen Handschrif-
ten der Miinchener Bibliothek geworf en.
244
92 An Gerhard Scholem
[ca. 1.12. 1920]
Lieber Gerhard,
beinah ware es geschehen daB zu Ihrem Geburtstag nichts
eingetroffen ware als diese sehr herzlichen Gluckwiinsche
— und die „Auswahl kleiner Schriften" von der ich mich all-
zuleicht trenne. Denn alles andere fiihrte mich sehr in Ver-
suchung, es zuriickzubehalten, sowohl das Leben Jesu1 mit
seinen schonen Ubersetzungen als auch die offenbar hochst
merkwiirdige Religion der Vernunft.2 Da ich mich aber des
eisernen Regimentes entsann, das ich selbst an diesen Tagen
iiber die unterworfenen Volker ftihre, so sollen aus Gerech-
tigkeit doch diese Geiseln, die Vornehmen unter den Kindern
der Schriftgelehrten, an Sie abgehen.
Eine besondere Uberraschung gedenkt Ihnen zum Geburts-
tage das Kuratorium der Universitat Muri zu machen, in des-
sen Auftrag ich Ihnen mitzuteilen habe, daB zu seiner Feier
das neue Gebaude der Universitat eingeweiht wird, mit sei-
nem Portal iiber dem das Kuratorium den Spruch hat anbrin-
genlassen:LirumlarumL6ffelstiel/kleine Kinder fragen viel.
Die ganzen Baulichkeiten sind aus Schokolade und haben wir
eine Materialprobe beigefugt.
Die Wohnung kommt langsam in Ordnung. Noch ist das
grofie Regal nicht fertig. Und dann, denken Sie, haben wir
vom Spediteur start eine meiner Bucherkisten eine fremde,
gleich bezeichnete bekommen. Unsere hat er, wie er schreibt,
nun schon abgeschickt aber auch die ist noch nicht hier. Ubri-
gens befinden sich angeblich in dieser Kiste: Samtliche Werke
von Schnorr von Frechheitsberg 3, Pontius Pilatus: Hebraisch
fiir Landpfleger, Noeggerath: Miinchner Kindllogik und sie-
ben titanische Kas.
Dora scheint es ebenfalls nur sehr langsam besser gehen zu
wollen. Auf ihr gegenwartiges Aussehen mochte sie sich nicht
festlegen lassen. (Dies zur Erklarung des fehlenden Bildes).
Von Stefans Moraltheologie sind die Tugenden, welche er mit
den Marburgern als unendliche Schulaufgaben definiert hat
noch nicht da und die Siinden alle vergriffen.
245
Ich selbst beginne nach einer langen schlimmen Depres-
sionszeit sehr fleiBig zu werden. Damit sehe ich mich nun vor
eine schwere Entscheidung gestellt. Es zeigte sich namlich,
daB die erste Orientierung in zwei so schwierigen, mir unbe-
kannten und einander entlegenen Gebieten wie es die Schola-
stik und das Hebraische sind, unmoglich in der gleichen
Epoche mir gelingen konnte. Die "Oberlegung ergab, daB die
nahere Bestimmung und Ausfiihrung meiner Habilitations-
schrift so schwierig sein wird, das irgend ein Zwischenschie-
ben einer groBen heterogenen Beschaftigung sie ins unab-
sehbare hinausschieben konnte. Ferner, daB dies, und zwar
nur aus praktischen Griinden, unbedingt nicht sein darf, Dar-
aus folgt, daB ich in dem Augenblick, wo mich die Philoso-
phic ganz ausschlieBlich in Anspruch nehmen wiirde, ich zum
letzten Male das Hebraische (nicht bis zur Habilitation, aber)
bis zur Erledigung der Habilitationsschrift zuriicktreten las-
sen miiBte. Etwas anderes ist bei meinen Arbeitsmoglichkei-
ten und unter den gegenwartigen Umstanden nicht moglich.
Solange es angeht werde ich es aber beim KompromiB be-
wenden lassen, nur glaube ich wird es nicht lange sein. Ich
habe das Buch von Heidegger liber Duns Scotus gelesen. Es ist
unglaublich, daB sich mit so einer Arbeit, zu deren Abfassung
nicht s als groBer FleiB und Beherrschung des scholastischen
Lateins erforderlich ist und die trotz aller philosophischen
Aufmachung imGrunde nur einStiick guterUbersetzerarbeit
ist, jemand hahilitieren kann. Die nichtswiirdige Kriecherei
des Autors vor Rickert und Husserl macht die Lektiire nicht
angenchmer. Philosophisch ist die Sprachphilosophie von Duns
Scotus in dies em Buch unbearbeitet geblieben und damit hin-
terlaBt es keine kleine Aufgabe. Uber die erkenntnistheore-
tische Bedeutung der Sprachphilosophie hielt in der Kant-
gesellschaft vor kurzem einer von den 300 neuen Kolner
Privatdozenten namens [Helmuth] Plessner einen Vortrag,
dessen Niveau zwar nicht hoch, dessen Inhalt aber meist sehr
zutreffend war. In der Diskussion sprach niemand auBer
[Arthur] Liebert, der im Namen der kritischen Philosophie
den Redner herunterputzte, und ich, der vielleicht unter den
Horern allein etwas zur Sache hatte sagen konnen, hatte
246
hinsichtlich Lieberts auBere Griinde, nicht zu reden. Inzwi-
schen bin ich Mitglied der Kantgesellschaft wieder geworden
und alsbald zur Selbstanzeige meiner Dissertation in den
Kantstudien aufgefordert worden. In den „Argonauten" wird
nun von mir die Kritik des „Idioten" und „Schicksal und
Charakter" erscheinen.4 Ich babe die Korrekturbogen bekom-
men. — Eine hochst beachtenswerte, wesentliche Besprechung
von Blochs Buch, welche dessen Schwachen mit groBer Strenge
an den Tag legt, ist in letzter Zeit erschienen. Von S. Fried-
lander.5 Zu dieser werde ich mich wahrscheinlich im ersten
Teil meiner „Politik", welches die philosophische Kritik des
Lesabendio ist, auBern. Sobald ich ein mir noch notwendiges
Buch aus Frankreich erhalten habe, will ich an den zweiten
Teil der „Politik" gehen, deren Titel ist „die wahre Politik"
mit den beiden Kapitelii „Abbau der Gewalt" und „Teleolo-
gie ohne Endzweck".
Jetzt bin ich dabei die Ubersetzung der Tableaux parisiens
fertigzustellen. Dabei verbessere ich auch das Frtihere, sodaB
ich mit gutem Zutrauen in meine Sache einen Verleger
suchen kann.
Bitte schreiben Sie mir, wie es in [Moritz] Geigers Philo-
sophic der Mathematik ist. - Ob ich bei Frl. [Kathe] Hol-
lander nun [hebraische] Stunde nehme, weiB ich noch nicht.
Die Brief e und die Schrift von Lewy6 erhalten Sie, sowie
ich mit meinen Sachen in Ordhung bin, jetzt liegt noch so
vieles herum, daB ich nicht alles gleich finde.
Leben Sie sehr herzlich wohl Ihr Walter
Kraft hat mir geschrieben. Ich kann aber nicht umhin anzu-
nehmen, daB er mit dem Plan einer Dissertation iiber den
Divan (sicher das schwierigste Thema der neuern deutschen
Literatur) auf dem Holzwege ist.
1 Samuel Krauss, Das Leben Jesu nach jiidischen Quellen (1902).
2 Hermann Cohens Nachlafiwerk ^Religion der Vernunft aus den
Quellen des Judentums".
3 W. B. beltlagte sich gern, daB Scholem ihm die besten Bucber seiner
Bibliothek „abzuscbnorren" suche. Schnorr von Carolsfeld - der naza-
renische Maler. Die Titel sind Werke aus der Bibliothek der „Univer-
sitat Muri".
247
4 Das geschah in Heft 10-12 (1921). Jetzt in „Schriften" I, 31 f. und
II, 127 ff.
5 In Band IV des Ziels, S. 103-116.
6 Ernst Lewy, Zur Sprache des alten Goethe (1913). W. B. hatte fur
den Autor (1881-1965) und fur seine waghalsige Schrift viel Bewun-
derung.
93 An Gerhard Scholem
29. Dezember 1920
Lieber Gerhard,
als Sie so lange schwiegen, da habe icb den Grimd davon
vermutet. Bevor ich noch zu einem EntschluB gekommen
war, schrieb ich nur aus der qualenden Unentschiedenheit
heraus an Gutkinds, von denen ich dann bald nach Ihrem
Brief vom achtzehnten Ermahnungen zur Ant wort erhielt.
Was ich auf diese ihnen gestern erwiderte enthalt, wie Sie
sehen werden, die Auseinandersetzung mit Ihrem Briefe und
weil ich mich nicht besser ausdriicken kann, bleibt mir nichts
Besseres iibrig, als was ich Gutkinds schrieb Ihnen abzu-
schreiben. „Als Euer Brief kam, da war das Dilemma, unter
dem ich wochenlang gelitten hatte, gelost und wurde nach
dessen Lektiire noch einmal, mit dem gleichen Ergebnis,
iiberdacht. Nein, es geht nicht anders. Ich kann mich den
jiidischen Dingen nicht mit meiner letzten Intensitat zu-
wenden, bevor ich aus meinen europaischen Lehrjahren das-
jenige gezogen habe, was wenigstens irgend eine Chance
ruhigerer Zukunft, Unterstiitzung durch die Familie und
dergleichen begriinden kann. Ich gestehe es ein, daB ich gei-
stig, und schon etwa seit meinem Doktorexamen, an dem
Punkte bin, daB ich mich fur eine lange neue Lehrzeit vom
Europaischen ab wend en kann. Aber ich weiB auch, daB der
zahe EntschluB, den ich so lange genahrt habe, mir die ruhige
freie Wahl des Augenblicks der Ausfiihrung iiberlaBt. Nun
ist es wahr, daB, wie mir Scholem schrieb, das Alter je hoher
es ist, desto mehr die Ausfiihrung erschwert und schlieBlich
noch im gunstigsten Fall zur Katastrophe macht. Wenn auch
248
zur reinigenden. Aber auch hier wirkt der lang und stetig
gefaBte EntschluB regulierend. AuBerdem wird es sich wohl
nicht um mehr als hochstens zwei Jahre handeln. In dieser
Zeit will ich eine Arbeit aus einem mir irgendwie vorschwe-
benden Komplex abgrenzen und schreiben. Diese Arbeit laBt
sich - wiewohl sie mir wichtig ist - abgrenzen, beschranken.
- Die Tragweite des Eintretens ins Hebraische ist unuberseh-
bar. Also unmoglich, etwa zu sagen: ich lerne erst ein bis
zwei Jahre Hebraisch und mache jene Arbeit erst dann. Ihr
werdet die klaren Griinde meines Entschlusses anerkennen
miissen. Also bitte ich Euch, nicht mit dem Lernen, aber mit
dem Herzen auf mich zu warten." Erst jetzt im Schreiben
sehe ich, wie sehr diese Satze an Sie gerichtet sind. Ich habe
Ihnen nur noch das Versprechen hinzuzufugen, wirklich nach
Beendigung jener Arbeit mich durch keine Gelegenheits-
arbeit, und wenn Herbertz 100 Jahre alt wird oder mit der
Philosophie seine goldeneHochzeit feiert, aufhaltenzu lassen.
Was jene geplante Arbeit angeht, so habe ich mich in letz-
ter Zeit mit einer Analyse des Wahrheitsbegriffs beschaftigt,
die mir einige Grundgedanken zu dieser Arbeit liefert. Als
ich sie neulich Ernst Lewy (dem Sprach-mann) vortrug, war
ich sehr erfreut, sie von ihm, der ja kein Metaphysiker, aber
ein kluger und richtig denken der Mann ist, gebilligtzuhoren.
Er war namlich vorubergehend in Berlin, wo der hiesige
Ordinarius fur vergleichende Sprachwissenschaft, Schulz, sich
iibrigens bemiiht, ihm ein Extra- Ordinariat zu verschaffen.
Leider ist es wegen des Geldmangels schwierig. Von seiner
Person hatte ich wieder den unvergleichlichen, und jedes Mai
gleich inkommensurablen Eindruck. Es ist wirklich meine
groBte Sorge, daB Sie ihn kennen lernen. Jetzt muB er nach
Argentinien, um einen schwer erkrankten Bruder abzuholen.
Was die „kl einen Schriften" angeht, so geben Sie sich, wie
die immer neu anschwellende unersattliche Flut Ihrer Wlinsche
beweist, Illusionen iiber deren Zahl hin. Was ich etwa in den
letzten Jahren an kl einen Schriften verfaBt habe (es ist fast
nichts) ist, auBer der Kritik der Porte £troite, die iibrigens ein
Roman, kein Drama, ist, noch nicht abgeschrieben, bis auf
die „Phantasie iiber eine Stelle aus dem Geist der Utopie" die
249
ich Ihnen vielleicht demnachst schicken werde. Was nun jene
„ Theater kritiken" angeht, so mochte ich sie lieber Notizen
uber Dramen nennen, von denen ich doch die iiber „Wie es
Euch gefallt" mit gutem Gewissen dem Verstandnis emp-
fehlen kann. Den darin ausgesprochenen Anschauungen iiber
Shakespeare gehe ich weiter nach. - Konnen Sie mir einmal
andeuten, warum die Schrift „das Leben Jesu nach jiidischen
Quell en" zu so unerhorteh Konsequenzen fiihrt? Den Gun-
' dolfschen George konnte ich mir noch nicht ansehen und
warte auf eine Gelegenheit, die wohl bald kommen wird.
[...]
[Richard] Weissbach in Heidelberg will meine tlberset-
zung der „ Tableaux parisiens" herausgeben (als Buch) „wenn
ich ihm erfiillbare Forderungen stelle". Auch der Drei-Mas-
ken-Verlag in Munchen hat das Manuscript eingefordert.
Weissbach wird wohl so gut wie nichts zahlen, auch die Sache
nur [in] 250 Exemplare[n] als torichten Biittenschwindel
herausbringen. Ich werde sehen was sich ergibt. Die Gelegen-
heit zum Druck muB ich aus auBeren Griinden, auch meiner
Familie wegen, unbedingt ausnutzen.
Der „wahre Politiker" ist abgeschrieben. Hoffentlich
kommt er bald zum Druck. Nach Neujahr will ich die beiden
folgenden Arbeiten, welche mit ihm zusammen die „Politik"
ausmachen soil en, schreiben. — Hier ist irgendwo das Buch
von Jeremias „Handbuch der altorientalischen Geisteskultur"
fur 15 M antiquarisch zu haben. Lohnt die Anschaffung?
Bitte sagen Sie mir das.
Gutkinds Adresse ist Meran Obermais Langegasse Maya-
burg bei Frau Promberger Italien.
Dora geht vorlaufig nicht ins Biiro und erholt sich all-
mahlich. Sicher nicht zum wenigsten durch die freiere Aus-
sicht.
Die Buntscheckigkeit dieser Mitteilung entschuldigen Sie
bitte. Ich werde Ihneri mehr schreiben konnen, wenn ich
Ihnen weniger mitzuteilen haben werde. — Nun will ich nur
noch sagen, daB mein Bruder mir die Briefe geschenkt hat
die Rosa Luxemburg aus dem Gef angnis wahrend des Krieges
geschrieben hat und daB ich von deren unglaublicher Schon-
250
heit und Bedeutung betroff en war. Kraus hat eine bedeutende
Polemik an die unverschamte Befehdung des Geistes dieser
Briefe durch eine ^Deutsche Frau" angeschlossen. In der
gleichen (letzten) Nummer der Fackel hat er eine National-
hymne fur Osterreich veroffentlicht, die ihn mir, ebenso wie
„Brot und Luge" ganz auf dem Wege zum grojJen Politiker
zeigt. Es ist als ware die damonische tiefere Halfte seines
Wesens abgestorben, versteinert und als hatte diese Brust
und das sprechende Haupt nun das unverriickbare marmorne
Postament, von dem herab es spricht.
Wir griiflen Sie beide von Herzen und hoffen, daB wir uns
haufiger als bisher schreiben werden.
Ihr Walter
PS Ein Namensvetter Ihrer Wirtsleute hat in der Fuldaschen
Moliere-Ausgabe eine scheuBliche Ubersetzung des Amphi-
tryon verfaBt, die wir neulich auf der Biihne gesehen haben.
Ich glaube in Miinchen wird man noch immer bisweilen mit
einigem GenuB ins Theater gehen konnen, was hier kaum
mehr moglich ist.
94 An Gerhard Scholem
[Januar 1921]
Lieber Gerhard,
aus einer Besorgnis schreibe ich Ihnen heute: daB sich jene
Notwendigkeit, von der wir zuletzt mit einander redeten,
nicht zwischen uns drange, sondern eine Zeit, die fur uns
beide wie wohl nicht ganz im gleichen Sinne eine schwere
Wartezeit ist, in gegenseitiger Nahe verbringen mogen. Ich
weiB daB sich hier nichts forcieren laBt und daB Sie wie ich
hoff e gegen Ihren Will en mir von vielem schweigen mlissen,
wahrscheinlich vom Wesentlichsten, was wir mit einander zu
bereden hatten. Sie sollen wissen, daB ich weit entfernt bin
das Unmogliche irgendwie zu erwarten. Umso mehr glaube
251
ich sollten wir das lebendig erhalten was uns doch, so wahr
Sie meinen EntschluB in seiner Notwendigkeit verstehen und
mir glauben, bleibt. Schwer ist es mir oft, weil sich mit dem
Opfer doch natiirlich keineswegs sogleich das einstellt um
dessentwillen ich es gebracht habe, und ich muB meiner
neuen Arbeit gegenuber mich gewissermaBen geduldig auf
die Lauer legen. Gewisse Grundgedanken sind freilich fixiert,
aber da es mit jedem Gedanken, der in ihren Kreis gehort, in
die Tiefe geht, ist anfanglich nicht alles zu iibersehen und ich
bin auch nach meinen bisherigenStudienvorsichtig geworden
und bedenklich, ob es richtig ist die Verfolgung der schola-
stischen Analogien als Lei tf ad en zu benutzen und nicht viel-
leicht ein Umweg, da die Schrift von Heidegger doch viel-
leicht das Wesentlichste scholastischen Denkens fur mein
Problem - iibrigens in ganz undurchleuchteter Weise — wie-
dergibt, und sich auch das echte Problem im AnschluB an sie
schon irgendwie andeuten laBt. So daB ich mich vielleicht
zunachst eher bei den Sprachphilosophen umsehen werde. Zur
Zeit habe ich die „Sprachlehre" von A. F. Bernhardi1 vor,
die aber monstros unklar geschrieben und gedacht und nur
hie und da ertragreicher zu sein scheint. - Auch befindet sich
alles noch im vorbereitendsten Stadium, solange ich meine
Arbeit iiber Politik, dabei ein en von Lederer bestellten Auf-
satz nicht abgefaBt habe, fur die ich immer noch auf notige
Literatur warte. Doch werde ich wohl in den nachsten Tagen
Sorel „Reflexions sur la violence" erwarten konnen. Nun habe
ich gerade jetzt die Bekanntschaft mit ein em Buche gemacht,
das soweit ich nach der Vorlesung die der Verfasser an zwei
Abenden abhielt, denen ich beiwohnte, urteilen kann, die
bedeutendste Schrift iiber Politik aus dieser Zeit mir zu sein
scheint. Gestern abend, als[o] am zweiten der Vorlesung, sagte
Hiine Caro mir, daB er Ihnen iiber das Buch geschrieben
habe, Erich Unger: Politik und Metaphysik.2 Der Verfasser
ist aus dem selben Kreise der Neo-pathetiker, dem auch David
Baumgardt (den ich hier, einmal sprach) angehort hat und
den ich von seiner verrufensten und wirklich verderblichen
Seite zur Zeit der Jugendbewegung in einer fur Dora und
mich hochst eingreifenden Weise in der Gestalt des Herrn
252
Simon Guttmann3 kennen lernte. Ein Herr [Karl] Tiirkischer,
dem Sie vermutlich einmal Bescheid gesagt haben, halt sich
auch dort auf . Sie haben recht wenn Sie — selbstverstandlich —
den zionistischen Tendenzen dieser Leute4 mit volliger Teil-
nahmlosigkeit gegeniiber stehen. Ich darf das voraussetzen
ohne es zu wissen. DasHebraisch dieser Menschen kommt aus
der Quelle eines Herrn Goldberg5, - von dem ich zwar wenig
weiB, durch dessen unreinliche Aura ich mich aber so oft ich
ihn sehen muBte aufs entschiedenste, bis zur Unmoglichkeit
ihm die Hand zu geben, abgestoBen fuhlte. Dagegen sind
Unger und Baumgardt wie mir scheint von ganzlich andrer
Art-und ich glaube es aus meinem hochst lebhaften Interesse
an Ungers Gedanken, die sich z. B. was das psycho -physische
Problem angeht mit den meinigen uberraschend beriihren,
verantworten zu konnen, Sie, trotzdem ich das Gesagte weiB,
auf das Buch hinzuweisen. Ich habe bei diesen Vorlesungen
S. Friedl'ander kennen gelernt. Er wirkte auf mich irgendwie
bezwingend, durch einen Ausdruck unendlicher Vornehm-
heit und gleich unendlichen Leidens. Von seinen eigenen
Sachen spricht er mit echter Bescheidenheit.
Der Stifter ist gekommen und hat Dora die unglaublichste
Freude gemacht. Sie besitzt namlich die „Erzahlungen"
schon in der gleichen Aus gab e und wir haben nun mit einem
Schlage einen sehr schonen fast vollstandigen Stifter. Auch
sonst war der Geburtstag sehr schbn und infolge einer weisen
Familienpolitik ungestort
Die Frau von Ernst Bloch, einer der Menschen, die wir
am liebsten gehabt haben, ist in Miinchen gestorben. Sie
haben sie in Interlaken ja auch wohl gesehen. Wir haben
ihn nun zu uns eingeladen, aber noch keine Antwort ob er
kommt. Seine Frau war seit vielen Jahren sehr leidend.
Schrieb ich Ihnen schon, daB ich mit Weissbach iiber meine
Baudelaire-tTbersetzungen verhandle. Er will die Tableaux
parisiens nehmen, und dies wird mir schlieBlich trotz allem
lieber sein, als eine Abstemplung durch den jiidischen
Verlag. -
Jetzt, da der Brief nach wochenlanger Quarantaine ab-
253
gehen soil, will ich noch Weniges hinzufiigen. Ich habe sehr
viel zu arbeiten, da ich jetzt fur Lederer einen Aufsatz
„Kritik der Gewalt", der in den „WeiBen Blattern" erschei-
nen soil, abfasse.6 Augenblicklich bin ich endlich bei derRein-
schrift angelangt. In jedem Falle, auch wenn er nicht er-
scheint, werden Sie ihn zu lesen bekommen. Bei dieser Sache
habe ich mich mit der „Ethik des rein en Willens" ein klein
wenig befassen miissen. Was ich aber da gelesen habe, hat
mich recht betriibt. Offenbar ist bei Cohen die Ahnung des
Wahren so stark gewesen, daB es der unglaublichsten Spriinge
bedurft hat, um ihr geradezu den Riicken zuzuwenden.
Seit gestern ist die ganze Bibliothek aufgestellt, da die
letzten Regale gestern erst vom Tischler kamen. Es sieht sehr
schon aus und nun erwarten nicht nur wir sondern auch
unsere Bucher Sie.
Seien Sie nicht bose wenn ich heute mehr nicht hinzufuge.
Ich erwarte einen Brief von Ihnen mit Ungeduld
Ihr Walter
PS Krafts Brief an Kraus habe ich im Moment nicht zur
Hand. Finde ich ihn noch so lege ich ihn noch bei.
PS II Nun, wohl drei Wochen nachdem ich diesen Brief be-
gonnen habe, will ich ihn absenden und nur noch fur Ihren
Brief danken, den ich gestern bekam. DaB Sie fur den Stifter
nicht friiher unsern Dank bekommen haben, bitte ich Sie sehr
zu entschuldigen. Er ist iibrigens ganz zur rechten Zeit gekom-
men und durfte als einzigeGabeunterworfnerVolkerschaften
auf dem Geburtstagstisch prangen. — Was die Friedlandersche
Rezension vom „Geist der Utopie" betrifft, so will ich ver-
suchen, sie Ihnen bald zu senden. DaB Sie sich die Ungersche
Schrift bestellt haben ist insofern schade, als Sie sie durch
mich, da der Verfasser sie mir geschenkt hat, hatten bekom-
men kbnnen. — Mit meiner Arbeit „Zur Kritik der Gewalt"
bin ich nun fertig und hoffe daB Lederer sie in den WeiBen
Blattern bringen wird. Es gibt was Gewalt angeht, noch
Fragen die nicht in ihr beriihrt sind, aber ich hoffe doch, daB
254
sie Wesentliches sagt. Erschienen ist freilich bisher sowohl
von den nicht -angenommenen wie von den angenommenen
Sachen noch nichts, aber ich gebe die Hoffnung fiir beide
nicht auf; wiewohl ich besonders betriibt war, daB meine
Rezension vom „Geist der Utopie" garnicht unterzubringen
war. Denn wenn ich auch wichtige Klarstellungen fiir mich
dieser Arbeit verdanke, so war sie doch eigentlich ganz fiir
die Veroffentlichung berechnet. Auch war schon ihr Abdruck
in einer Sonderpublikation des „Logos" geplant, bis sich er-
gab, daB kein Geld fiir solche zur Verfiigung stand e. Auch
der „wahre Politiker" ist noch garnicht angenommen, da
Lederer ihn wenigstens zunachst nicht bringen will und ich
mich jetzt natiirlich an Bloch nicht wende. Wir haben noch
immer seit der Todesnachricht noch keine Zeile von ihm
gehabt. - JVtit Weissbach hoffe ich bald einen Vertrag zu
unterzeichnen. [. . . ] Natiirlich sind die „ Tableaux parisiens"
fertig und zwar habe ich alle bis auf ein friihes Gedicht
(A une mendiante rousse) iibersetzt.
Wir entnehmen mit Betriibnis aus den haufigen Krank-
heitsberichten, daB Ihnen das Klima von Munch en, das ja
wirklich schlecht ist, nicht bekommt und daB Ihre Gesundheit
nicht so kraftig ist wie wir es Ihnen wunschen. Darum tut es
uns doppelt leid, wenn es Ihnen in Miinchen an angemessnem
Umgang fehlt. Warum ist denn Agnon ausgewiesen? Nur
wegen mangelnder Papiere (angeblich)? — Was nun Ihre
wiirdigen Zerstreuungen angeht, so bin ich neugierig, was
Sie mir Schlechtes von [Rudolf] Kassners Vortrag berichten
werden. Wissen Sie, daB er iiber Physiognomik auch ein Buch
(Zahl und Gesicht) geschrieben hat. Ich werde gelegentlich
hineinsehen. Neulich las ich einen Essay iiber Baudelaire, der
genau so unmaBig verlogen ist, wie alles was ich von ihm
kenne. Ich habe ihn auf die Formel gebracht: Fiir eine Halb-
wahrheit verkauft er die ganze. Sie trifft auf jeden Satz von
ihm zu.
In welchem Zusammenhang habe ich Ihnen nur von
Mathematik und Sprache geschrieben? Es ist mir entf alien
und so weiB ich denn nicht eigentlich, worauf die entspre-
chenden Stellen in Ihrem Brief sich beziehen. Fiir den Hin-
255
weis auf das Buch von Areopagita7 danke ich Ihnen sehr.
Sind Sie noch bei [Moritz] Geiger?
Ich hoffe, daB Sie mir recht bald wieder schreiben und
griiBe Sie herzlichst.
1 August Ferdinand Bernhardis, Berlin 1801-1805, erschienene roman-
tische Sprachphilosophie.
2 Berlin 1921 („Die Theorie, Versuche zu philosophischer Politik",
1. Veroffentlichung) - eine jetzt fast unauffindbare Schrift.
3 Er hatte die Spaltung des „Sprechsaals" Anfang 1914 herbeigefuhrt.
4 Unger und Goldberg lehnten den „empirischen" Zionismus im
Namen eines „apriorischen" oder metaphysischen ab.
5 Oskar Goldberg (1885-1952), Autor der „Wirklichkeit der Hebraer"
(1925), eines Werkes, das (groBenteils unterirdisch, so z. B. bei Thomas
Mann) eine bedeutende Wirkung hatte.
6 Erschien im „Archiv fiir Sozialwissenschaft und Sozialpolitik" XL VII
(1921); jetzt „Schriften" I, 51 £E.
7 „Uber die Gottlichen Namen" des Dionysius Areopagita.
95 An Gerhard Scholem
14. Februar 1921
Lieber Gerhard,
ich habe Ihren Brief nur deshalb nicht so bald beantwortet,
weil ich mich im Gedanken an ihn wahrend unruhiger Tage
ausgeruht und beruhigt habe. Ich bleibe bei dem Vertrauen
daB wir drei unsere gemeinsame Sache einmal gegenwartig
haben werden und ich konnte Dora und mich keinem Dritten
in dieser Weise verbunden denken, da ich meine Richtung
und Dora damit die Wiederherstellung des Besten was sie aus
dem Elternhause mitbekommen hat Ihnen verdanken. Un-
ruhige Tage schreiben sich daher dafl ich die Feindseligkeiten
mit meiner Familie wieder aufnehmen muBte; Ich mochte
davon nichts berichten, nur sagen, daB wir auBerlich und
innerlich uns so eingerichtet haben, daB die Sache nicht jenen
verstorenden EinfluB wie im letzten Friihjahr auf uns haben
kann.
256
Uber Philologie habe ich (auch damals in der Schweiz) mir
einige Gedanken gemacht. Evident war mir immer das
Verfuhrerische an ihr. l Mir scheint — ich weiB nicht ob ich
es im selben Sinne wie Sie verstehe — Philologie verspricht
gleich aller geschichtlichen Forschung, aber aufs hdchste ge-
steigert, die Genusse die die Neuplatoniker in der Askese der
Kontemplation suchten. Vollkommenheit statt Vollendung,
gewahrleistetes Verloschen der Moralitat (ohne ihr Feuer
auszutreten). Sie bietet eine Seite der Geschichte, oder besser
eine Schicht des Historischen dar, fiir die der Mensch zwar
vielleicht regulative, methodische, wie konstitutive, elemen-
tar-logische Begriffe mag erwerben konnen; aber der Zu-
sammenhang zwischen ihnen muB ihm verborgen bleiben.
Ich definiere Philologie nicht als Wissenschaft oder Ge-
schichte der Sprache sondern in ihrer tiefsten Schicht als
Geschichte der Terminologies wobei man es dann sicher mit
einem hochst ratselhaften Zeitbegriff und sehr ratselhaften
Phanomenen zu tun hat. Ich ahne auch, ohne es ausfiihren
zu konnen, was Sie andeuten, wenn ich nicht irre, daB Philo-
logie der Geschichte von Seiten der Chronik nahesteht. Die
Chronik ist die grundsatzlich interpolierte Geschichte. Die
philologische Interpolation in Chroniken bringt an der Form
einfach die Intention des Gehalts zum Vorschein, denn ihr
Gehalt interpoliert Geschichte. Welcher Art dieses Arbeiten
sein konnte ist mir jetzt an einem Werk lebendig geworden,
das mich aufs tiefste ergriffen und zur Interpolation angeregt
hat. Es ist „Die neue Melusine" von Goethe. Kennen Sie es?
Wenn nicht, so ist unbedingt anzuraten, diese Erzahlung,
welche sich in den „Wanderjahren" findet, fiir sich, das heiBt
ohne den Rahmen, in dem sie sich findet zu lesen, so wie es
mir durch Zufall ging. Sollten Sie sie kennen, so kann ich
vielleicht einiges dariiber andeuten. - Ob Sie mit den Orakeln
iiber Philologie etwas anfangen mogen weiB ich nicht. Seien
Sie versichert, daB ich mir dariiber klar bin, daB man zu
dieser Sache noch einen anderen Zugang als des „romanti-
schen" gewinnen muB. (Ich lese eben noch einmal Ihren
Brief. Chronik - Interpolation — Kommentar — Philologie —
das ist ein Zusammenhang. DaB man bei Agnon von Wahr-
257
heit sprechen muB, scheint mir, wenn ich das sagen darf, aus
seiner Erscheinung evident. Ein Weiser wird ja wohl, wo er
es nicht etwa mit der Bibel zu tun hat, seine Philologie nicht
nach dem Ende sondern nach dem Anfang der genannten
Reihe hin richten.)
David Baumgardt besuchte mich neulich. Er sagte, wie es
ihm einerseits leid tate, Sie noch niemals ausfiihrlich ge-
sprochen zu haben, andrerseits ihm vielleicht Vorbereitung
fur ein solches Gesprach noch gut sei. Er liest jetzt More
nebuchim2 hebraisch. Er hofft jedenfalls sehr Sie etwa im
Sommer in Erfurt zu sehen.
Fur uns bedeutet es viel daB wir jetzt ein Klavier in mei-
nem Zimmer stehen haben und Dora spielt nun wieder. Lei-
der konnten wir uns nur eines borgen. [. . .]
Kommen Sie nicht Ostern her? Wir konnten Ihnen vieles
Hiibsche von Stefan erzahlen, aber das wiirde noch Bogen
fiillen.
Leben Sie wohl Ihr Walter
PS Die Geschafte der Universitat Muri haufen sich der-
gestalt, daB ich nicht mehr weiB wie ich sie bewaltigen soil.
Nun ist kiirzlich noch ein Streitfall entstanden, den ich Ihnen
unterbreiten muB. Es ist vom dortigen Historiker eine Disser-
tation angenommen worden deren Annahme die Fakultat
verhindern will. Sie soil aber sehr gut sein. Das Thema
lautet: Die Wegweiser zur Zeit der Volkerwanderung. Bitte
unterbreiten Sie doch die Sache dem Kuratorium.
1 Scholem hatte geschrieben, die Philologie beginne, ihn zu verf uhren.
2 „Fuhrer der Verwirrten", das philosophische Werk des Maimonides.
258
96 An Gerhard Scholem
26.Marz 1921
Lieber Gerhard,
ich habe mich sehr mit Ihrem letzten langen Brief gefreut.
Immer hoffe ich, dafi Sie Ihren Vorsatz ausfuhren und
Goethes „Neue Melusine" lesen konnen, weil wir uns wirk-
lich viel dariiber zu sagen haben miiBten. Jetzt bin ich wieder
zwischen mehrere Arbeiten gerissen, von denen die eine Ihres
groBten Anteils sicher ist, namlich die „Uber die Aufgabe
des Ubersetzers". So soil namlich die Vorrede, die ich wenn
irgend moglich doch meinem Baudelaire voranstellen mochte,
heiBen. Und da nun der Vertrag mit Weissbach, und zwar in
einer unglaublich giinstigen Gestalt, unterzeichnet ist, und
das Buch spatestens bis zum Oktober erscheinen soil, so ist
diese Vorrede meine nachste Sorge. Nur handelt es sich um
einen Gegenstand, der so zentral fur mich ist, daB ich noch
nicht weiB, ob ich ihn, im jetzigen Stadium meines Denkens,
mit der ausreichenden Freiheit entwickeln kann, voraus-
gesetzt, daB mir seine Aufklarung iiberhaupt gelingt. Was
die Darstellung angeht, so vermisse ich eine sehr wesentliche
Hilfe in alien philosophischen Vor -Arbeit en fruherer Auto-
ren iiber diesen Gegenstand. Man kann doch in einer kri-
tischen Analyse (fremder Ansichten) oft Dinge sagen, die
man synthetisch noch nicht darzustellen wiiBte. Konnen Sie
mir nun irgend einen Hinweis geben? Die Cohensche Asthe-
tik habe ich zum Beispiel ganz vergeblich gewalzt. — Hiervon
abgesehen haben Sie doch iiber diesen Gegenstand Ihreeige-
nen Gedanken, es ware fiir mich sehr wichtig, mich mit Ihnen
dariiber auseinanderzusetzen, besonders auch, weil Sie doch
in Ihren Ubersetzungsarbeiten eine ganz andere Spannung
der Sprache als ich in der meinigen zu erfassen haben. Ich
hoffe, daB wir allein iiber diese Frage wahrend eines Berliner
Aufenthalts von Ihnen genug zu reden hatten. Nun ist die
Frage, ob Sie sich entschlieBen zu kommen. Mit dem Quartier
bei uns steht es so : es haben sich drei Besucher — und zwar
samtliche fiir den April — bei uns angesagt, ob sie aber kom-
259
men, warm, auf wie lange, wissen wir noch von keinem ein-
zigen. Es sind meine Schwiegermutter, Ernst Bloch und Jula
Cohn, eine Freundin von uns. Wenn Sie nun in dem Falle
sind, daB Ihre Unterkunft bei uns die Vorbedingung Ihrer
Reise ist, so konnten wir Ihnen ein bestimmtes Ja oder Nein
schreiben, wenn wir wissen fur welche Zeit. Denn in diesem
Falle wlirden wir nun meine Schwiegermutter vorher an-
fragen, ob sie fur diese Zeit zu uns zu kommen gedenkt oder
nicht und Ihnen dann sogleich schreiben. Also iiberlegen Sie
sich bitte recht bald, wie Sie es einrichten konnen.
Hier gibt es jetzt etwas ganz Wunderbares zu sehen: die
Gedachtnisausstellung der Bilder des Malers August Macke,
der 1914 mit 27 Jahren gef alien ist. Schon friih haben mich
die wenigen Bilder, die ich vorl ihm kennen lernte, angezogen.
Nun hat mir die Ausstellung einen wunderbaren Eindruck
gegeben. Ich habe einen kleinen Aufsatz iiber diese Bilder
geschrieben. Wenn man einmal in Munchen bei Goltz etwas
von Macke zeigt, so gehen Sie vielleicht hin. Ferner gibt es
ein neues Bild von Chagall : Sabbath hier zu sehen, was mir
auch sehr schon schien. Wiewohl ich mehr und mehr zu der
Erkenntnis gelange, daB ich mich gleichsam blind nur auf
die Malerei von Klee, Macke und vielleicht auch von Kan-
dinsky verlassen kann. In allem andern liegen Abgriinde,
vor denen man auf der Hut sein muB. Natiirlich gibt es auch
von jenen Dreien schwache Bilder - aber ich sehe, daB sie
schwach sind.
Neulich habe ich mein Doktor Diplom, gleich in Dutzen-
den von Exemplarjsn, erhalten. Sie wissen hoff entlich, daB ich
damit als Besitzer eines naiv-realistischen Doktordiploms an
der Universitat Muri fortan die Wiirde des Transzendental-
Pedells bekleide.
Fur die philosophischeBibliothek habe ich neulich billig die
Predigten von Meister Eckhart und einige Bande der groBen
Nietzsche-Ausgabe erwerben konnen. AuBerdem habe ich ein
wunderbares Exemplar einer schonen alten Theocrit-tJber-
setzung gekauft. Was Ihren Hebbel angeht1, so mochte ich
wissen, ob Sie ihn an sich oder als ein Duplikat iiberfliissig
260
nennen. Die Swift-Ausgabe, die Sie dafur erworben haben,
kenne ich — und sie ist noch jetzt beim Verlage vorratig.
Gerade vor kurzem beriet ich mit Dora, ob sie anzuschaffen
sei oder nicht. Sie widerriet, wegen der Ubersetzung. Vieles,
was ich darin zu lesen versuchte, war mir allerdings, weil
mir die Kenntnis der Realien fehlt, ungenieBbar. Aber ich
erinnere mich freilich, gerade unter den irischen Pamphleten
GroBartige gefunden zu haben. Besonders einen „Vorschlag,
die kleinen Kinder zu essen."
Seit dem Tode seiner Frau habe ich von Bloch sehr spar-
liche Nachricht, auch iiber meine „Kritik der Gewalt", die er
in Handen hat, noch nichts gehort. In diesen Tagen werde
ich ihn bitten, sie Ihnen zu send en. Und hier erhalten Sie den
erbetenen „Wahren Politiker", den ich gelegentlich (es ist
mein bestes Exemplar) zuriickerbitte. Konnen Sie nicht Rat
schaffen, wie ich der Sache zum Druck verhelfe? Es liegt mir,
in diesem Falle, wie gesagt, gerade am Druck. [. . J
Was horen Sie von Agnon? Ich will mir den neuen Roman2
sowie er in Buchf orm erschienen ist kauf en — oder zum f (inf -
zehnten Juli schenken lassen?
Ihr Walter
1 Hebbels Tagebiicher.
2 „Der VerstoJSene", iibersetzt von Max Straui3. In Buchform erst
1923 erschienen.
97 An Gerhard Scholem
11. April 1921
Lieber Gerhard,
fur die Freude, daB Sie kommen, mochte ich Ihnen ja gern
alles mogliche zu Liebe tun, und wiirde Ihnen sogar Stoff
zum Hochzeitskarmen auf Ihren Herrn Bruder zur Verfii-
gung stellen. Wie ware es, wenn Sie Ihren Musenquell dies-
beziiglich platschern lassen, daB Ihr Bruder die zarte Ver-
nunft gehabt, am selben Tage wie Dora und ich zu heiraten?
261
Und was wollen Sie uns denn A PROPOS zum Hochzeitstag
schenken? Sie werden sich doch nicht etwa bei Ihrem Bruder
herumdriicken?
Erich Gutkind hat bald nachdem er wieder zuriick war,
Grippe hekommen und ist zwar wieder ganz gesund aber noch
sehr geschwacht. Lucie und er waren auf diese Weise noch
garnicht bei uns und wollen eigentlich auch, so viel ich weiB,
noch nicht nach Berlin hereinfahren. Auch wiirde, wenn sie
Sie gerade sehen, wenn Sie zum ersten Male bei uns sind, es
vielleicht ein biBchen viel Ablenkung geben. Ich werde mich
mit ihnen dariiber beraten und mochte es ins Auge fassen,
dafi wir uns fur einen ganzen Tag alle dort drauBen treffen.
Hier ist ein Wetter, das das Schonste verspricht und alles laBt
sich fiir uns gliicklicher an, als seit langem. Gleichzeitig mit
Ihnen kommt eine Freundin von uns, die wir seit viel en Jah-
ren nicht gesehen haben. Diese wird bei uns wohnen. [. . .]
Heute hat Stefan Geburtstag. Leider fiihrt er, und nicht
ohne Grund, Klage uber die aufstandische Haltung der unter-
worfenen Volkerschaften, besonders hat sich gens academica
(die Muritatten) unter ihrem Hauptling Pedellus Pius noch
nicht eingestellt. Zur Vorfeier waren wir gestern zum ersten
Mai mit ihm im Zoo, wo es die buntesten Konfusionen gab.
Der Elefant wurde zwar gleich erkannt, aber das Lama bald
darauf auch warnend als „groBer Elefant" bezeichnet, und
ein Steinbock als Affe.
Ich lese jetzt die Autobiographie von [Salomo] Maimon,
wo ich bei den judaistischen Exkursen sehr schdne Sachen
gefunden habe. Fernere Attraktionen in Berlin: eine kleine
Klee-Ausstellung am Kurfiirstendamm und „Zur Kritik der
Gewalt" in den Korrekturbogen, ferner Neuerwerbungen,
ausgestellt DelbriickstraBe 23, am Griindungstage der ver-
einigten Bibliotheken unentgeltlich zu besichtigen.
Herzlichste GriiBe! Und auf Wiedersehen!
Ihr Walter
262
98 An Gerhard Scholem
Breitenstein, Ende Juni 1921
Lieber Gerhard,
Bloch kann seinen Freund * hier nicht besuchen, ich habe ihm
das mitgeteilt. Er kann erst im Herbst empfangen werden.
Daher werde ich Bloch in Miinchen treff en. Anfang oder
Mitte nachster Woche komme ich dorthin: fnihestens am
Dienstag. — Nun habe ich eine Frage. Nach meinem Besuche
bei Frau Bernhard2 machte ich es mir nicht ganz klar, daB
die Kamraer, welche sie mir (ausschlieBlich zum Schlafen)
angeboten hatte, unmittelbar neben der Kiiche gelegen (und
nur durch diese zu betreten), ihr Madchenzimmer ist. Diese
Nachbarschaft wiirde mich wohl jeden Morgen sehr fruh-
zeitig wecken, und dies kommt mir fur einen Aufenthalt zu
meiner Erholung und Freude nicht zu paB. (Ich habe nam-
lich auch Erholung sehr notig) Daher die Frage, ob fur mich,
falls nichts anderes sich findet, dasselbe Arrangement wie fiir
Ernst Schoen stattfinden konnte. 3 Antworten kannst Du mir
nicht mehr. Nun bitte ich Dich hierdurch, es zu erwagen.
Dora hat zweifellos einen Lungenspitzenkatarrh, der
auBerste Pflege und Schonung notwendig macht. Sie wird
nach dem dreiwochentlichen Aufenthalt, wahrend dessen sie
sich allein erholen wird, hierher bis zu ihrer Heilung zurtick-
kehren.
Ich griiBe Dich und Frl. Burchardt4 mit vielen herzlichen
GriiBen
Walter
1 Georg Lut4cs in Wien.
2 W. B.s friihere Wirtin in der K6niginstrai3e 4.
3 Bei Scholems Wirtin, bei der auch Schoen damals wohnte.
4 Elsa Burchardt, spater Scholems erste Frau.
263
99 An Gerhard Scholem
Heidelberg, 12. Juli 1921
Lieber Gerhard,
noch habe ich keine Bestatigung iiber den Empfang des
Diploms bekommen. Ein objektives und fachmannisches
Urteil iiber das sog. Fraulein Burchardt scheint also nicht
gewiirdigt zu werden. Nachzutragen ware noch, dafi die
wohlschmeckenden Apfelsinen fiirtrefflich versteckt waren.
Gestern abend sah ich bei Frl. Cohn den kleinen Pflaum1.
Die kolossalen Frechheiten, die ich ihm in Deinem Auftrag
zu versetzen hatte, hatte ich aber leider vollstandig vergessen.
Morgen lasse ich mich von ihm zu Gundolf ins Colleg fiih-
ren. Im lib ri gen habe ich hier noch nichts getan und bin bis-
her weder bei Lederer gewesen noch bei Weissbach. Hier
werde ich wohl durchaus langere Zeit bleiben und kaum ver-
reisen. Desto willkommener ware mir gegen Ende meines
hiesigen Aufenthalts Dein Besuch.
Fur die Nachsendung der Post herzlichen Dank. Es f olgen
nun hier einige neue Fragen und Bitten. — 1st von Goltz noch
keine Bestatigung der durch Bloch eingezahlten tausend
Mark gekommen ? Hast Du Dora einen Brief geschrieben ? und
sie auch Deinerseits aufgefordert, wenn irgend moglich in
Breitenstein zu bleiben? Wenn nicht, so ware es sehr schon,
Du tatest es ungesaumt und lieBest auch das Fraulein heran-
schreiben.
Bei meinem langefn Aufenthalt hier, der mich auf viel
Arbeiten verweist, habe ich nichts besseres zu tun als den Ro-
senzweig zu lesen. Ich wiirde Dich herzlich bitten, mir (auf
meine Kosten) das Buch zu s chicken und wenn moglich, da-
mit ich ihn als mein Handexemplar zurichten kann, zugleich
damit ihn mir zu iiberlassen - um auf meine Kosten bei Dei-
ner Mutter Dir ein Exemplar zu bestellen.
Das Fraulein bitte ich ganz klaglich um Brotmarken. Ich
esse hier viel auf dem Zimmer und habe garkeine mehr
-bald.
264
Hier ist das Wetter herrlich, der Neckar trocknet aus und
die ganze Stadt gliiht. Die Landschaft ist an vielen Stellen
sudlich.
In einem Antiquariatskatalog eines hiesigen Geschafts
fand ich die „Geschichte des Index" fiir 65 M, aber sie war
nicht mehr da. Dagegen erstand ich hier (zu gutem Preis
leider) den zweibandigen von der Goethe-Gesellschaft wun-
derbar herausgegebnen Briefwechsel Goethes mit samtlichen
Romantikern.
Herzliche GriiBe an Dich und Fraulein Burchardt
Dein Walter
zu Landau2 gehe ich iibermorgen.
1 Scholems Vetter Heinz Pflaum (1900-1962), spater Professor der
Romanistik an der Universitat Jerusalem, Schuler L. Olschkis und
Gundolfs.
2 Henryk Landau, ein judischer Philosoph, den aufzusuchen Scholem
geraten hatte.
100 An Gerhard Scholem
Heidelberg, 20. Juli 1921
Lieber Gerhard,
die mannigfachen Gaben, mit denen sich hier ein vergniigtes
Leben fuhren laBt, sind alle gut angekommen: der Riviere,
fiir den ich Dir sehr danke, und der — ohne daB ich noch den
Essay iiber Baudelaire gelesen hatte, mich zu meinen Uber-
setzungen zuriickgefuhrt hat, an denen ich jetzt manchmal
arbeite. Der Rosenzweig1, mit dem ich gestern das Wieder-
sehen gefeiert habe und neulich Brotkarten, die ein behag-
liches Gefiihl biirgerlicher Sicherheit gewahren.
Die verschiedenen Ausstellungen des Fraulein [Burchardt]
habe ich Dr. Nebbich2 vorgetragen, der ihnen aber wenig
Gehor schenkte, weil er mit seiner (Jbersiedelung vollauf
beschaftigt ist. Er droht namlich fortzufahren und uns ganz-
265
lich aus den Augen zu entschwinden, da er einen Ruf als
Lektor der Nekromantie nach Muri erhalten hat.
Einen Studenten von dort lernte ich gestern in Gestalt des
Herrn [Henryk] Landauer (nicht Landau, wie Du mir sag-
test) 3 kennen. Die Kommilitonen aus Muri zeichnen sich
durch eine bemerkenswerte Schweigsamkeit aus, wahrend man
von andrer Seite ihn wieder als etwas redselig kennt. Namlich
diese Beobachtung stammt von einem jungen Herrn Fried -
rich PotschuB4, einem Bekannten von Frl. Gohn und Ernst
Schoen, mit welchem ich hier haufig zusammen bin. Wiewohl
ich durch Dich und Frl. Cohn welche ebenfalls den Landauer
etwas kennt, ihm ein auBerst giinstiges Vorurteil entgegen
brachte, hat dies doch nicht verhindert, daB er einen selt-
samen, schwierigen und nicht durchaus rein erfreulichen Ein-
druck auf mich machte, von dem ich mir aber nicht genau
Rechenschaft geben kann. Vielleicht ist eine ofTenbar groBe
Kranklichkeit an der Kalte schuld, dieerauszustromen schien.
Irgend ein Urteil kann ich mir jedenfalls nicht erlauben und
werde wahrscheinlich mit ihm noch einmal zusammen kom-
men, Er versprach Dir bald zu schreiben. [. . .]
Gundolf habe ich mir angehort, auch Jaspers — je eine
Stunde. Und will auch noch Rickert und [Hans] Ehrenberg mir
vorfiihren - Gundolf erschien mir ungeheuer schwachlich und
harmlos in seiner personlichen Wirkung, ganz anders als in
seinen Biichern. Jaspers schwachlich und harmkts in seinem
Denken aber als Mensch offenbar sehr merkwiirdig und fast
sympathisch. [. . .] Nun ist er Ordinarius und trat gerade als
ich ihn horte, sehr anstandig fur Russen und Juden ein, was
er schon als Privatdozent getan haben solh Beide Mai hat
mich Pflaum mitgenommen, der sich sehr brav auffuhrt.
Kiirzlich war ich in Neckargmiind und machte einen lan-
gen Gang durch das vollig verdorrte Land, in den Stunden ehe
— seit Wochen — der erste Regen fiel. Das Land hier und be-
sonders bei Neckargmiind ist noch schoner als ich es mir ge-
dacht habe.
Dora schreibt nicht sehr viel. Im letzten Briefe steht, daB
sie weiter zunimmt und keine Temperaturen hat. Zum Ge-
266
burtstag sandte sie ein groBes Opus „Das Erdbeerbuch" voll
tiefsinniger Malereien und Spriiche. In der letzten Nummer
def „Kantstudien" steht die Selbstanzeige meiner Disser-
tation.
Herzlichen Dank und viele GriiBe an Euch
Dein Walter
1 Franz Rosenzweigs „ Stern der Erlbsung", Frankfurt 1921.
2 Humoristische Selbstbenennung W. B.s.
3 Die richtige Form dennoch: Landau (starb 1967).
4 Die richtige Form des Namens : Podszus, (geb. 1899).
101 An Gerhard Scholem
25,Juli 1921
Lieber Gerhard,
daB Euer f estgefiigtes Haus, das fiir alle frommen Tiere und
armen Ekul1 ein weithinsichtbares Asyl in Deutschland war,
bedroht ist, betrubt mich auBerordentlich. Wie groB die Ge-
fahr ist, kann man wohl nicht eigentlich absehen. DaB die
Frau mit ihren Anspriichen auch nur annahernd durchdringt,
kbnnte wohl nur entweder wenn sie sehr zwingende Rentabi-
litatsberechnungen einreicht oder bei groBem Risches2 ge-
schehen. Aber abgesehen davon ist naturlich ein Vergleichs-
vorschlag moglich, der fiir Euch immer noch unannehmbar
sein kbnnte. Ich wage mich also auf die Mbglichkeit, daB Du
im Winter in Berlin warest wirklich nicht zu freuen, weil es
gegen Deinen Willen und sicher auch in manchem gegen
Deine Interessen ware. Kbnnte dies denn nun die Auswan-
derung des Fraulein Burchardt3 beschleunigen?
Bei alle dem f ragt man sich doch immer, was der Angelus 4
dazu sagt und wundert sich. Ich weiB garnicht ob ich Dir ein
Wort iiber den „GruB von ihm" sagte. Die Engelsprache hat
bei all ihrer wunderbaren Schbnheit den Nachteil, daB man
267
ihr nicht erwidern kann. Und es bleibt mir nichts, als statt des
Angelus Dich zu bitten, meinen Dank zu nehmen.
Bei Weissbach bin ich indessen ein erstes Mai gewesen und
gehe wieder morgen hin. Es ist recht angenehm. Was sich
ergeben wird, weiB ich noch nicht. Lederer sehe ich zum
ersten Male heute Abends im soziologischen Diskussionsabend,
Auf dem vorhergehenden habe ich den Vorzug gehabt, Herrn
Ehrenberg zu horen. Zu Rickert und Jaspers habe ich mich
ins Colleg bemiiht. Der letzte gefiel mir ganz gut (aber ich
glaube das habe ich schon geschrieben). So weiBt Du auch
wohl, dafi er Ordinarius geworden ist. Rickert ist grau und
bose geworden.
tlber unsere Plane konnen wir ja wohl beide noch nichts
sagen, also auch hinsichtlich Lewys nichts festsetzen.5 Es ist
doch sehr moglich, dafi ich noch einmal nach Breitenstein
fahre. Dann kame ich wohl wieder iiber Miinchen?
Nun noch eine kleine Bitte: Um sofortige Zusendung des
„wahren Politikers". [. . .] Ich habe mich namlich endlich pia-
nissimo ans Arbeiten begeben und bin wieder auf die Politik
geraten, zu der ich in den ersten Aufsatz Einsicht nehmen
muB. Dann denke ich ein biBchen iiber den Vortrag iiber Bau-
delaire nach, der meine winterliche Vorlesung (in der Ewer
Buchhandlung?) einleiten soil und der sehr schbn werden soil.
Heute erhielt ich von Rang ein en Brief, wonach er mannich-
f ach mit Buber zusammen sitzt.
Biicher gibt es hier in der Tat kaum zu kaufen. Neulich er-
warb ich aber den, ersten Teil der Beitrage zur Sektenge-
schichte des Mittelalters (iiber die Manichaer) von Dollinger
fur zehn Mark. Sind davon noch weitere Teile erschienen?
Lebe wohl, griiBe Fraulein Burchardt herzlich
Dein Walter
1 Ekul war in W. B.s und seiner Prau Privatsprache das Gegenteil
eines Ekels,
2 Jiidisch: Antisemitismus.
3 Sie ging Anfang 1925 nach Palastina.
4 Paul Klees Bild „ Angelus Novus", das W. B. erworben hatte. Es hing
in Miinchen lange bei Scholem, der ein Gedicht darauf gemacht hatte.
auf das W. B. oft Bezug nahm, Es lautete:
268
Gruff vom Angelus
(Walter zum 15. Juli 1921)
Ich hange edel an der Wand
Und schaue keinen an
Ich bin vom Himmel her gesandt
Ich bin ein Engelsmann
Der Mensch in meinem Raum ist gut
Und interessiert mich nicht
Ich stehe in des Hochsten Hut
Und brauche kein Gesicht
Der ich entstamme jene Welt
Ist maBvoll tief und klar
Was mich in Gnmd zusammenhalt
Erscheint hier wunderbar
In meinem Herzen steht die Stadt
In die mich Gott geschickt
Der Engel der dies Siegel hat
Wird nicht von ihr beriickt
Mein Fliigel ist zum Schwung bereit
Ich kehrte gern zuriick
Denn blieb' ich auch lebendige Zeit
Ich hatte wenig Gliick
Mein Auge ist ganz schwarz und voll
Mein Blick wird niemals leer
Ich weiB was ich verkiinden soil
Und weifi noch vieles mehr
*
Ich bin ein unsymbolisch Ding
Bedeute was ich bin
Du drehst umsonst den Zauberring
Ich habe keinen Sinn.
5 W. B. und Sch. machten Mitte September 1921 ein en mehrtagigen
Besuch bei Ernst Lewy in Wechterswinkel, wo W. B. seinen Plan einer
Zeitschrift „Angelus Novus" zur Diskussion stellte.
269
102 An Gerhard Scholem
[Heidelberg, 4. August 1921]
Lieber Gerhard,
wenn doch erst iiberall so klar die Weltzusammenhange her-
vortraten, wie in Dr. Eschas * Lokalchronik in den „Halber-
stadter Nachrichten". Noch verfiigt Heidelberg iiber kein
derartiges Organ, doch erhofTt man einen gewaltigen Treff-
punkt der Intelligenzen von dem hierselbst in den nachsten
Tagen zu eroffnenden St. Burchardts-Brau (mit dem bekann-
ten Wappenschild, auf dem ein Hausknecht die Kabbala hoch-
halt.)
Sonst aber sind Wunderdinge zu berichten. Meine Wege
sind geebnet und meinen FiiBen sind die Pfade bereitet. [. . .]
Lederers, ganz besonders die Frau, die ich sehr schatze, sind
zu mir entziickend. Zur Feier meiner Anwesenheit werden
Buchhandlungen und Antiquariate eroffnet. Ein heute eroff -
netes Antiquariat betrat ich als erster Kunde, man begriiBte
mich sofort mit meinem Namen. Ich kam um mir schleunigst
die funf Bande der christlichen Mystik von Gorres, die fur
100 M im Fenster standen, zu sichern. [. . .]
Uber alles was Du von der „Kritik der Gewalt" schreibst,
habe ich mich natiirlich sehr gefreut. Sie erscheint in den
nachsten Tagen. Soweit ich zum Arbeiten komme, gibt mir
der nachste, letzte Aufsatz zur Politik zu tun, der wohl viel
groBer als die bisherigen werden wird. Nun aber werde ich
bald meine mannigf achen neuen Bekanntschaften hier lassen,
und, mit den guten Erinnerungen und Hoffnungen die ich
mitnehme, fortfahren. Namlich zunachst nochmals zu Dora
nach Breitenstein. Im ganzen erhalte ich. von ihr gute Be-
richte. Sie schreibt, daB nur die Inanspruchnahme durch Ver-
wandte sie noch immer gehindert hat, Dir zu schreiben.
Kann ich Dich etwa vom zehnten bis vierzehnten August
in Munchen besuchen? bist Du bestimmt dort? Darauf bitte
ich Dich mir umgehend und bestimmt zu antworten — falls
Du es bei Erhalt dieses Briefes noch nicht iibersehen konntest,
270
wiirde es wohl kaum gehen, weil ich bestimmt disponieren
muB und fiir dies en Fall moglichst schon friiher als am fiinf -
zehnten in Breitenstein wiirde eintreffen wollen. Und kbnn-
test Du Dich auch in diesen Tagen im grofien und ganzen fiir
mich frei machen? Denn wir brauchen viel Zeit. Wozu - und
warum unsere nochmalige Begegnung in diesem Sommer
unerlaBlich ist, wirst Du nun mit Staunen vernehmen. Ich
habe eine eigene Zeitschrift. Ich werde sie vom ersten Januar
des folgenden lahres ab bei WeiBbachherausgeben.Und zwar
nicht die Argonauten (welche soviel ich sehe eingehen wer-
den). Ohne die geringste Andeutung meinerseits hat mir
WeiBbach eine eigene Zeitschrift angeboten, nachdem ich die
Redaktion der „ Argonauten" zuiibernehmenabgelehnthatte.
Und zwar wird sie durchaus und bedingungslos in dem Sinne
gestaltet sein, in dem sie mir wahrend vieler Jahre (genau
seitdem ich im Juli 1914 mit Fritz Heinle zusammen den
Plan einer Zeitschrift ernsthaft gefaBt hatte) vor Augen ge-
standen hat. Sie wird also einen ganz engen geschlossenen
Kreis von Mitarbeitern haben. Ich will alles mit Dir miind-
lich besprechen und Dir nur den Nam en sagen „Angelus
Novus". t)ber Deine Mitarbeit, welche soviel ich sehe eine
Bedingung des Gelingens dieser Zeitschrift (in meinem Sinn)
ist, will und muB ich Dich sprechen.
Die Geriichte, welche iiber WeiBbach gehen, sind unrich-
tig. Ich habe in dieser Zeit gesehen, daB er einen durchaus be-
stimmten Trieb, wenn auch natiirlich keine Klarheit der Ab-
sichten hat, und daB dieser Trieb ihn anweist, den Verlag
kiinftighin auf mich zu stellen. Er wird ebenfalls den Nach-
laB von Fritz Heinle herausbringen, woriiber ich zuallererst
mit ihm sprach. Alles was ich erreicht habe, habe ich ohne die
geringste Anstrengung oder die geringste Gewalt durchge-
fiihrt, wenn ich mich natiirlich auch sehr intensiv und beson-
nen gezeigt habe. Die Zeitschrift, so energisch ich den Gedan-
ken ergriffen habe, ist seiner Initiative entsprungen. Er weiB
nun aber genau was ich will und vor allem was ich nicht will.
Wenn ich Anfang September zuruckkomme, will ich zu-
nachst zu Rang fahren, danach wenn irgend moglich eine
Zusammenkunft mit Ferdinand Cohrs2 herbeifiihren, um
271
Anfang Oktober mit einem Material, auf Grund dessen ich
einen ganzen Jahrgang (4 Hefte mit j e 1 20 Seiten) im Groflen
und Ganzen zusammenstellen kann, in Berlin einzutreffen.
Noch ist der „wahre Politiker" nicht gekommen. Hast Du
ihn noch nicht abgeschickt und kommt unsere Begegnung fiir
Mitte August zu stande, so ist es nicht mehr notig ihn zu sen-
den. — Kann sie jetzt nicht zu stande kommen, so muB ich sie
doch fiir Anfang September ins Auge fassen. — Den Brief an
die Herausgeber des neuen „Buches vom Judentum"3 erbitte
ich dringend fiir die Zeitschrift.
Mit den auBerordentlichsten Hoffnungen griiBt Dich und
Fraulein Burchardt sehr herzlich
Dein Walter
1 Fraulein Burchardt wurde von ihren Freunden Escha genannt. Hire
Familie stammte urspriinglich aus der Gegend von Halberstadt.
2 Damals Pfarrer in Niedersachsen, ein Gefahrte aus der Freien Stu-
dentenschaft.
3 Das damals von einer zionistisch-sozialistischen Gruppe als Fort-
setzung des 1913 bei Kurt Wolf erschienenen geplant wurde, aber nicht
zustande kam.
103 An Gerhard Scholem
6. August 1921
Lieber Gerhard,
daB der Angelus ausgeflogen ist, wirst Du bemerkt haben.
Erschrick nicht, er ist in der Wohlgestalt des Fraulein
Burchardt aus Halberstadt hier niedergefahren und hat eine
Broche x iiber Weissbach und sein Haus gesprochen.
Er nahm iiber Wiesbaden sein en Flug, schaute dort in das
Herz des Herrn Czaczkefs] 2 und sah daB es ihm angenehm
sei, die „neue Synagoge"3 im Herzen des „Angelus" zu
erbauen.
Nun habe ich den Angelus in das erste Cafe am Platze ge-
fiihrt, wo er umgeben von den Ententediplomaten Nektar
272
und Ambrosia schliirft, den ich ihm ausgesucht habe. Heute
abend findet zur Feier der Ankunft im St. Burchardtsbrau
eine groBe Protestversammlung statt, wo der Engel iiber das
Thema sprechen wird „ Vier Wochen unter tiirkischen 4 Ange-
lologen".
PS Der Engel bittet, nicht gleich zu Herrn von Kahr5 zu
rennen und nichts in die „Miinchner Neusten" zu setzen. Er
kommt audi ohne dai3 „ Alles Vergeben" ist, zuruck.
1 Hebraisch : Segensspruch.
2 Agnons urspriinglicher Familienname.
3 Eine von Scholem iibersetzte Erzahlung.
< Scholem wohnte in Miinchen in der Tiirkenstrafie.
5 Von der bayrischen Heimwetir.
104 An Gerhard Scholem
4.0ktober, 1921
Lieber Gerhard,
Dir und Fraulein Burchardt wiinsche ich zugleich zum neuen
Jahre wie zur neuen Wohnung Gllick. [. . .]
Gern wiiBte ich wie der Engel sich zumNeujahr verhalt.
Der Sinn des Patenkindes denkt und fragt
Ob er wohl nickt und mit den Fliigeln schlagt?
Aus mancher giinstigern Wendung hier entnehme ich, daB
sein Kommen nun nicht mehr lange auf sich warten laBt.
Dora zwar geht es — zum mindesten gesundheitlich - noch
nicht gut. Die Operation ist nicht ganz glatt verlaufen und
macht eine hausliche Nachkur notwendig. Mein Vater ist vol-
lig wunderbarerweise geheilt und wird wohl bald aufstehen.
Ferner ist von zwei groBen Ereignissen der letzten Tage zu
bench ten, in deren eines Du auf eine etwas schwierige Weise
eintrittst. Dein Gesprach mit Dora Hiller * hat namlich einen
hageldichten Friichtesegen gezeitigt — und zwar auf meinen
Kopf . [. . .] Bei meiner nachsten Zusammenkunft mit [Erich]
Unger, als wir iiber den Angelus sprechen wollten, schickte er
273
eine Frage liber mein Verhaltnis zu Goldberg mit der Bemer-
kung voraus, daB das seinige zu jenem das nachste sei. Dabei
lieB er auf alle Weise durchblicken, daB er die Wahrheit so-
zusagen wisse und nur die rein formale Erklarung, ich stehe
Goldberg „ indifferent" gegeniiber, erwarte. Ich aber, der seit
meinen Erfahrungen in Wechterswinkel keinen derartigen
Abgrund mehr sehen kann, ohne aus Angst hinein zu sprin-
gen, verdarb — zu meinem und seinem Entsetzen-alles. Kurz,
der Bruch war vollkommen. Dora, die im Gegensatz zu mir
sofort die Prestigenatur dieser ganzen Angelegenheit er-
kannte, hat dann in einem diabolisch klugen Gesprach mit
Unger meine Abneigung durch private Idiosynkrasien erklart
und die Sache gerettet. Wie ich in Wahrheit stehe, weiB
Unger naturlich nach dies em Gesprach noch besser als vorher,
hat aber die ihm erwiinschte Beschwichtigung seines Ge-
wissens.
[...]
Das andere Ereignis ist der Besuch den Wolf Heinle vom
Sonnabend bis heute bei uns machte. [. . .] Der genauere Ein-
blick, den seine Erzahlungen uns in sein Leben in Goslar ge-
geben haben, hat uns gezeigt, daB wir den besten Teil davon
nicht kannten. Dieser laBt sich kurz so bezeichnen, daB die
Topferei (keramische Arbeit) mit der er sich in hochst ange-
strengter Arbeit ernahrt seinem Leben einen nicht nur
auBerlichen sondern innern Anhalt gegeben hat, von dem aus
es sich sehr bestimmt gestaltet. Auch scheint der EinfluB
seiner Frau - oder zum mindesten der seiner Ehe — auf ihn
gut zu sein. Man kann seine Lage vielleicht am besten so aus-
driicken, daB man sagt, ihm sind vor bestimmten klaren Fra-
gen der Lebensgestaltung alle andern Fragen und Beschafti-
gungen zuriickgetreten. Er schreibt augenblicklich fast nichts,
doch scheint mir, was ich von den letzten Sachen sah, sehr
gut zu sein. Von sein en wie seines Bruders Sachen hat er eine
groBe Distanz, sie beschaftigen ihn, so bestimmt seine Stel-
lung zu ihnen ist, jetzt wenig. Alles dies sind fur die auBer-
liche und innerliche Verstandigung gute Voraussetzungen
und so hoffe ich, soweit er mir nicht Freiheit lafit, mich mit
ihm einigen zu konnen. In diesem Sinne ist der Anteil von
274
seinen und seines Bruders Sachen an der Zeitschrift sowie
meine Herausgabe von Fritz Heinles NachlaB besprochen
worden. Sein letzter Brief vom August scheint sich zum groB-
ten Teil aus Widerwillen gegen den Titel zu erklaren, dessen
Beziehung er nicht kannte, der ihm nun aber sehr lieb ist.
Immerhin war im Gesprach fur uns alle groBe Behutsamkeit
und Nachsicht notig.
Das erste Heft nimmt langsam Gestalt an. Ich will nun
den Prospekt in den nachsten Tagen abfassen. Hierzu ist es
mir sehr unerlaBlich zu wissen, welchen von den unter uns
besprochenen Gegenstanden Du zuhachst anzugreifen ge-
denkst. Es waren die Klagelieder, das Buch Jona und die
Wissenschaft vom Judentum. Auch wie der Titel der zweiten
Agnonschen Novelle genau heiBt.
Ernst Blocb ist am Mittwoch und auch sonst nicht gekom-
men. Er schrieb einen Brief, der zwar durchaus nicht einer
Absage gleichkommt, aber ausfuhrt, daB er augenblicklich
nur den Umgang mit einfachen Menschen vertriige und ge-
reizt begriindet, warum er mich nicht zu jenen zahlt. Auch
hier will Dora durch einen Brief helfen.
Wir hoff en bald von Dir zu horen, wie es Euch geht. Auch
der Redakteur laBt um Nachricht bitten und fiigt untertanige
GriiBe an den Doctor daemonicus bei.
Dein Walter
1 Der damaligen Verlobten und spateren Frau von Oskar Goldberg,
die versucht hatte, Scholem fiir dessen Kreis zu gewinnen. Es kam dabei
zu einem groi3en Krach.
105 An Gerhard Scholem
9.0ktober 1921
Lieber Gerhard,
mir bleibt, Deinem Wunsche und meinem Vorsatz zum Trotz,
nichts xibrig, als Dir Rangs Arbeit iiber die „Selige Sehn-
275
sucht" * zu senden. Die Frage, ob sie in die Zeitschrift aufzu-
nehmen sei, ist eine so schwierige und hier am Anfang so
wichtige, daB Du sie nicht auf strafliche Unklarheit bei mir
wirst schieben wollen, wenn ich Dir kurz gesagt habe wie
ich und wie Dora zu dieser Arbeit stehen. Und wenn ich Dich
bitte, bitten muB, sie zu lesen, so nur insofern als es notwen-
dig ist urn die Frage zu beantworten, die sich auf den folgen-
den Urteilen aufbaut. Cbrigens ist das ganze schlieBlich in
zwei Stunden gelesen und Du wirst sie eriibrigen konnen,
wenn Du weiBt, daB hier nicht an Dich der Anspruch einer
„Mitredaktion" vorliegt, sondern der Rat, den ich brauche,
um in einer selten schwierigen Frage mit Dir in einem Sinne
vorzugehen. Das heiBt also, daB ich Deinem Rat in dieser
Sache jedenfalls folgen werde.
Mein Urteil iiber die Arbeit ist in Kurze:
I. Die Sprache ist unertraglich bezw. voll Abgeschmackt-
heiten
II. Was er iiber das Gedicht sagt, das sagt er — anders als
der echte Kommentar es tut — vielfach auf Kosten des
Gedichts
III. Sehr Wesentlichem, dem eigentlich Dichterischen, an
diesem Gedicht wird er nicht voll gerecht
IV. Er wird auch wesentlichen Seiten an diesem2 nicht
gerecht
V. Die Arbeit enthalt sowohl iiber das Gedicht wie insbe-
sondere iiber die Bedeutung des Divan als Gesamt-
werk auBerordentlich tiefe, sehr wesentliche und bis-
her meines Wissens niemals geahnte Einsichten. Was
darin iiber Goethes Religion steht halte ich fur voll-
kommen wahr
VI. Die gnostizistische Metaphysik die als Gehalt im
Hintergrund der Arbeit steht und als Form in ihrem
Vordergrund lehne ich ab.
Was ich nicht zu erkennen vermag und worin der wesent-
liche Grund meiner Unklarheit liegt ist die Frage: ist die
Problematik, welche in der Sprache liegt (und hier viel sicht-
barer als im Gehalt ist) von uns (Dir und mir) aus noch als
diskutierbar zu betrachten? Wenn sie natiirlich uns auch in
276
gewissem Sinne fremd ist und besonders Dich nicht angeht.
GewiB darf und mufi ich audi Dinge bringen, denen ich in
letzter Hinsicht verneinend gegenuberstehe wenn sie in sich
bestandhaft und hochbedeutend und rechtzeitig sind — wenn
sie nicht in einer undiskutierbaren Weise sich dem Leser zu
imponieren such en. Denn diesen Ton des nicht -zu-diskutie -
renden, schlechtweg diktatorischen oder imponierenden kann
ich freilich nur — allenfalls — bei AuBerungen leiden, die ich
bis ins letzte vertrete (und die werden ihn kaum haben, viel-
leicht nur in der Kunst wo es etwas anderes damit ist.)
Was die obige Kritik von Rangs Arbeit angeht, so ist Dora
mit ihr einig, nur schrankt sie die Anerkennung des Positiven,
die ich darin gebe, sehr ein. Jedoch steht fur mich die hohe
Bedeutung der Arbeit in dem genannten Sinne fest.
Das Problem dieser Arbeit ist iibrigens — sachlich ange-
sehen — nicht ohne weiteres das der Mitarbeit von Rang. Denn
nur das Thema und der Radikalismus sind hier das Kritische.
Ob es aber personlich angesehen dies nicht doch ist, ist natur-
lich eine andere Frage, die ich fiirchte, etwa bejahen zu
miissen.
Ins erste Heft mochte ich sie keinesfalls setzen.
Ich schlieBe mit der dringenden Bitte, die paar Stun den zu
lesen und mir zu schreiben bald zu eriibrigen, weil ich in kur-
zer Zeit Rang schreiben muB.
Donnerstag war Steinschneider3 bei uns und gefiel uns
ganz gut. Dora hat einen etwas groBen Eindruck auf ihn
gemacht. "Dbrigens geht es ihr, besonders gesundheitlich in
den letzten Tagen merklich besser.
Wir griiBen Dich und Fraulein Burchardt herzlich
Dein Walter
1 Spater im 1. Jahrgang der Zeitschrift „Neue Deutsche Beitrage"
(Heft 1, 1922) gedruckt.
2 An dem Gedicht selber.
3 Gustav Steinschneider (geb. 1899), ein Freund Scholems.
277
106 An Gerhard Scholem
[27.0ktoberl92l]
Lieber Gerhard,
wirklich hast Du das schwere Amt wohl ausgefiillt und daf Iir
herzlichen Dank! Mein nach Deinem Brief noch wahrendes
Schweigen geht auch keineswegs auf ein tlberdenken seines
Inhalts zuriick, sondern auf teils auBere, teils innere Anlie-
gen, die mich vom Schreiben abhielten. Daf iir gedenke ich die-
sem Brief an kleinen Berliner Nachrichten mitzugeben, was
man sich nur denken kann.
Zunachst also bestatige ich Deine Meinung verstanden zu
haben und war auch auf Interpretation nicht angewiesen, weil
sie sich, besonders in den redaktionell wichtigen Stiicken mit
der meinigen deckt. Denn was in dieser Hinsicht fur mich
entscheidet ist freilich die — gleichsam pathologische — Ange-
wiesenheit auf Diskussion in dieser Arbeit. Ich werde sie also
nicht bringen und habe auch schon dies von f ernem dem Autor
angekiindigt. Ich hoffe sehr, daB das zu keinen verhangnis-
vollen Auseinandersetzungen fuhrt. Denn erstens wird meine
Ablehnung sich so wenig wie moglich prinzipiell zeigen und
zweitens habe ich doch irgendwie Erich Gutkinds Stimme,
die bei Rang nicht ohne Gewicht ist, fur mich, drittens konnte
es sein, daB in gewissen Dingen der Vorfall mit [Henri]
Borel1 seine Selbstsicherheit auf eine heilsameY? eise erschiit-
tert hat. - Borels Kommen steht, nachdem sein Briefwechsel
auch mit Gutkinds eine kritische Phase durchgemacht hat
ziemlich unmittelbar in Aussicht — nach Beendigung des hie-
sigen Kellnerstreiks.
DaB Du den verdienten hohen Rang in der Angelokratie
bekleidest, will sagen, in den geplanten Botschafterposten am
Hofe des Genies2 durch Ernennung rechtskraftig eingesetzt
werdest, liegt in Deiner Hand. Denn daB hierbei die Maxime
waltet, daB Botschafterposten nur von ordentlichen offent-
lichen Mitarbeitern3 eingenommen werden konnen, durfte
Dir bekannt sein. Man erwartet also im Ministerium des
Innern Deine Schrift um sie mit den besten Empfehlungen
278
an das des Auswartigen dann sogleich weiterzugeben. — Soviel
zur Beforderungsfrage. Zur Frage, ob Du von den Obliegen-
heiten niederer Funktionen sogleich kannst entbunden wer-
den ist zu bemerken, daB — wie Prof. Ostwald4 bekanntlich
nachgewiesen hat - keine Angelegenheit endgiiltig und zu-
standig in Abwesenheit des zugeordneten Engels zu stande
gebracht werden kann. Die Redaktion wird sich also nicht vor
Ankunft des Titular -Engels selbstandig entschlieBen konnen.
Wir hoffen sehr daB er noch zur Zeit ankommt, um ein fur
Escha Burchardt geplantes Paket hierselbst zu segnen.
(Auch soil er in Geburtstagsgeschenken fur den cand.
schnor. eine gliickliche Hand haben).
Dora wird denke ich ein paar Worte heranschreiben. Ihr
Befinden in der letzten Zeit war wechselnd. Augenblicklich
scheint es ganz gut zu sein. Vielleicht schreibt sie Dir bald
einmal ausfiihrlicher, doch weiB ich das nicht.
Mit Orpheus S. Fischer und mir hat es durch einen spaB-
haften geschaftlichen Umstand, der meinen Vater und ihn
betrifft, eine unerwartet gute Wendung genommen, indem
ich heute fur die Gauguin-Bilder zu „Van Zantens Insel der
VerheiBung" 5, will sagen fiinf, sechs Stunden Beschaftigung
damit, zweitausend Mark bekommen habe. Es gab dazu eine
harte, interessante Sitzung, von der es schade ist, daB ich sie
Dir nicht vorspielen kann.
Warst Du schon bei Meyrink?6 Ich meinerseits habe Holz-
manns Vetter [Julian] Hirsch und den Bildhauer Freundlich
aufgesucht, den dritten der von ihm genannten besuche ich .
morgen. Die beiden ersten sind Ehrenmanner kommen aber
fur den Angelus nicht in Frage. Otto Freundlich nicht durch
seine erstaunliche Unreife, Hirsch dagegen iiberhaupt in gar
keiner Weise. Sein Buch iiber die „Genesis des Buhmes"7 ist
mit einer ziemlichen Menge Stumpfsinn ausgestattet. Da-
gegen hat Freundlich gute Ideen. An Lewy habe ich vor lan-
gerer Zeit einen sehr guten Brief, der etwas milder war als
der, den ich in Deiner Gegenwart erwog, abgeschickt. Darauf
bekam ich eine Antwort, die zwar fiir seine Verhaltnisse sehr
gemaBigt und friedfertig im Ton, in der Sache jedoch unwei-
gerlich rechthaberisch war und seinerseits meine Unterwer-
279
fung zur Bedingung des ferneren Brief wechsels machtc. Dar-
auf schweige ich natiirlich. Von Hirsch, der ihn gtU kannte,
erfuhr ich nebst vielem, was meine Anschauung von ihm und
besonders seiner Frau bestatigte, die hbchst interessanle Ge-
schichte des Endes seiner Universitatslaufbahn, welches seine
Frau zu verantworten hat.
[Erich] Unger ist bereit mitzuschreiben, doch habe ich den
in Aussicht gestellten Beitrag, einen Aufsatz den er vor ein
oder zwei Jahren schrieb, noch nicht. In nachster Zeit beab-
sichtigt er, den 50 Minuten-Doktor von Erlangen zu machen.
Dein Walter
1 Niederlandischer Autor (1869-1953) und Autoritat in Sinologie:
enger Freund Rangs und Gutldnds.
2 Bei Felbt Noeggerath.
3 Am „Angelus Novus".
4 Wilhelm Ostwald, uber desstfn Philosophie sich W. B. gern mo-
kierte.
5 Ein bei S. Fischer erschienener Roman von Laurids Bruun (1864 bis
1935).
6 Gustav Meyrink hatte Scholem nach Starnberg eingeladen.
7 Erschien 1914.
107 An Gerhard Scholem
[8. November 1921]
Die Poesie ist, wie billig, dem Urbild *, einige Prosa aber dem
Abbild2 zu widmen. Der Verleger schwelgt in Vaterfreuden,
wahrend ich mich kaum Mutter fiihle. Er berechnet den Ge-
burtstag seines Jiingsten auf Januar 1922, wahrend ich aus
Mangel an kraf tiger Nahrung jeden Geburtstag in Frage
ziehe. Kraftige Prosa vor allem fehlt.
Bisher habe ich fur das erste Heft
Aus dem Nachlafi von Fritz Heinle
Gedichte u. a. von Wolf Heinle
Karneval von Rang 3
280
Synagoge von Agnon
Aufgabe des "Obersetzers von mir
Von alien ausstehenden Arbeiten ist die Deinige, dem-
nachst die zweite Erzahlung von Agnon4 bei Weitem das
Wichtigste. Da es mir nun nach genauer Erwagung garni cht
moglich ist, die Ankiindigung der Zeitschrift5 eher zu verfas-
sen, als ich das erste Heft in allem Wesentlichen vor mir sehe,
so bedeutet das, daB ich notgedrungen auf das warte, was von
Dir kommt. Denn da ich in jener Ankiindigung nicht grund-
satzlicher als durchaus notwendig ist, sprechen will, so kann
ich nicht anders als mich explicit oder implicit auf Vorliegen-
des beziehen, was nur moglich, wenn es mir ganz gegenwar-
tig ist.
Mir ist es in der letzten Woche durchaus nicht gut gegan-
gen; ich habe mit Depressionen, die wie es scheint mehr und
mehr periodisch erscheinen in aller Form zu kampfen aber
gottseidank keineswegs aussichtslos. Eben bin ich mal wieder
entschieden dabei, aufzutauchen, weilmir, dringender Arbeiten
halber, garnichts anderes ubrig bleibt. Ich habe meine Kritik
der Wahlverwandtschaften abzufassen, die mir gleich wichtig
als exemplarische Kritik wie als Vorarbeit zu gewissen rein
philosophischen Darlegungen ist — dazwischen liegt was ich
darin iiber Goethe zu sagen habe.
Rosenzweig habe ich wieder etwas aufgenommen und er-
kannt, daB dieses Buch dem Unvoreingenommenen freilich
seiner Struktur nach, die Gefahr es zu iiberschatzen notwen-
dig nahe legt. Oder nur mir? Ob ich selbst wenn ich es zum
erstenmale ganz durchgelesen habe es schon werde beurteilen
konnen ist mir noch fraglich.
Ich bitte Dich herzlich, Dich auf irgend eine Weise so ein-
zurichten, daB ich in absehbarer Zeit dasjenige was ich am
notigsten brauche von Dir erhalten kann und es mich bald
wissen zu lassen.
Mit den herzlichsten GriiBen an Dich und Fraulein
Burchardt Dein Walter
PS Fast hatte ich vergessen zu erzahlen, daB Lehmann 6 und
ich ein groBes Wiedersehen gefeiert haben und daB in den
281
Vorlesungen, wo ich war, alles im alten Stil, der mir eigent-
lich zu meiner Freude jetzt scheerbartisch erscheint, begonnen
hat.
Der Scholem schickt den Angelus
Nicht an den Ort wohin er muB
Der Gerhard denkt in seinem Groll
Da£ er an diesen Ort nicht soil
Die Escha tut auf sein GeheiB
Als ob audi sie von garments weiB
Denn in dem Zimmer dieser Dame
1st er bef estigt als Reklame
Da nennt der Angelus sich Engel
Und fliichtet schnell aus solchem Zwengel
Denn er verweilt nicht in den Buden
Von abgefeimten Zauber- Juden
Zu der Behausung der Stefanze7
Verfugt er sich in seinem Glanze
Man bettet ihn auf Rosenzweigen
Doch lieber wird er schwebend bleiben
1 Dem Bilde Klees, das an W. B. verschicH werden sollte.
2 Der Zeitschrift desselben Namens.
3 „Historische Psychologie des Karnevals", erschien spater in der
„Kreatur".
4 „Aufstieg und Abstieg", von Sch. iibersetzt.
5 Schriften II, S. 275-279.
6 Walter Lehmann, der Ordinarius in Berlin geworden war.
7 W. B.s Sohn Stefan.
108 An Gerhard Scholem
27. November 1921
Lieber Gerhard,
neulich kam das neue Heft des Juden 1 - per Post, und zwar,
wie hier verbreitet wird, weil dem Angelus der Aufsatz iiber
Kunsterziehungsfragen so schwer wiegend schien, daB er das
282
Heft nicht nehmen wollte. Mir aber, der ich seine unerreich-
bare Gebardensymbolik nicht nachahmen kann, muBt Du ge-
statten, es schlicht und recht eine sublime Infamie zu nennen,
daB Buber einen Aufsatz, der an sachlichem Gehalt (und Wis-
sen) zum mindesten doch wohl alles was bisher im „Juden"
stand erreicht, einer Backfischfaselei von Fraulein Bileam2
nachstellt. Damit wird sich der Jude meine Freundschaft
nicht erwerben, ebensowenig werden es — und wenn ich dar-
iiber mit mir selbst zerfallen miiBte — seine Abonnenten und
am wenigsten die Autoren, die sich schafartig so etwas gefal-
len lassen.
Ferner wurde Solnemann der Unsichtbare 3 bei uns sicht-
bar. Sehr schon ware es, wenn er dies audi durch Doras Hilfe
in England wiirde, aber dies ist immerhin noch vollig
ungewiB.
Der Angelus hat hier den Platz iiber dem Sofa bekommen,
alle haben sich sehr mit ihm gefreut. Wie bisher verschmaht
er es, Einfliisterungen — nach Art der Orakel — zu geben.
Daher sind wir in Betriibnis und Ratlosigkeit wegen des Ge-
burtstagsgeschenks verfallen, da wir seinem Aufenthaltsort
nicht Unehre machen diirfen. Vielleicht hat er im Buche
Rasiel4 etwas dariiber geschrieben.
Auch sonst gibt es Bedenken, iiber die er vielleicht garni cht
weghilft. Namlich was Rangs Mitarbeit und ganze Stellung
zu mir, ja selbst sein eigenes Ergehen betrifft, so macht es
mich sehr bedenklich, daB nach Ankiindigungen an Gutkinds
auch seine Shakespeare-Arbeit (die er seinerseits noch neben
dem Karnevals aufsatz, den ich dafiir angenommen habe in
der ersten Nummer sehen will) wieder auf Christus hinaus-
lauft. Ich erwarte sie in den nachsten Tagen. Mit groBerer
Freud e aber erwarte ich die Agnonsche Geschichte. Und wie-
weit ist die Ubersetzung des Buches Bahir5, das vorlaufig fiir
mich nur ein Retardierendes Moment ist?
Dann habe ich noch zu berichten - und auch dies hat der
Angelus erfahren — daB ich mich zwar verschwiegen doch
nicht wenig mit einer kleinen Anspielung auf meine „Auf-
gabe des Ubersetzers" freute, die ich in der urspriinglichen
Fassung Deiner „Lyrik der Kabbala" zu finden glaubte, und
283
zwar in den Worten, daB die wahren Prinzipien der "Qber-
setzung schon „oft genug" seien aufgestellt worden. Diesen
Wink mit dem Grashalmchen habe ich in dem „Juden" nicht
mehr gefunden.
Der Wasserflasche meine Reverenz. Aber ehe sie sich mir
niitzlich erweisen kann, muB es [!] noch wer weiB wie lange
die Maschine und Fraulein Burchardt fur mehrere scheme
folgende Briefe in, Begeisterung versetzen. Ich, ohne so be-
giinstigenden AnlaB, werde die meinigen vom Akademie-
sekretar von Muri, einem wahren Solnemann, an sie richten
lassen.
Mir geht es inzwischen ganz gut. Nur habe ich keine Rune
ehe ich meine Arbeit uber die Wahlverwandtschaften nicht
fertig habe. Darinnen findet die rechtskraftige Aburteilung
und Exekution des Friedrich Gundolf statt.
Viele herzliche GriiBe an Euch auch von Dora
Dein Walter
PS Der Umgang mit Bloch ist, sehr vorsichtig, wieder auf-
genommen worden. Natiirlich macchiavelinisch. Die vollstan-
dige Korrektur vom „Miinzer" wurde mir neulich bei seinem
ersten Besuch hier iiberreicht und ich habe zu lesen begonnen.
1 Mit einem sehr langen Aufsatz Sch.s „Lyrik der Kabhala?", der aus
Griinden der Raumersparnis in Petit gesetzt war.
2 Ironisch statt Biram.
3 Der Roman von Adolf Frey, den Sch. an W. B. geschickt hatte.
4 Ein kabbalistisches Buch iiber Angelologie.
5 Der Gegenstand von Sch.s Dissertation (erschien in Leipzig 1923).
109 An Gerhard Scholem
[2.Dezember 1921]
Lieber Gerhard,
vorliegender Gluckwunschbrief wird mit dem Segen des
Angelus und unter lauter Akklamation der unterworfenen
284
Volkerschaften, die meinen Schreibethron umgeben, begon-
nen. Dieselben namlich unterstehen neuerdings meiner Auf-
sicht, seitdem sie samtlich in der Garderobe des ethnologischen
Instituts zu Muri zu ihrer allgemeinen Zufriedenheit ange-
siedelt word en sind. (S. Schriften der Akademie Muri „Ein
neues Siedelverf ahren" .) Endlich komme auch ich selbst als
Gratulant ernsthaft in Frage, was ich durch die Beigaben
und herzliche Wunsche auszuweisen hoffe. Diese betreffen
zunachst die gliickliche Beendigung des Bahir an welchem ich
einem freundlich wedelnden Schwanzchen gleich,dasSumma
cum laude zu sehen hoffe. Ferner gliickliches Ergehen, und
Gedeihen der dem Angelus als Lehnsherr unterstehenden
hebraistischen Saatf elder. Endlich Milderung des gottverges-
senen und erbarmungslosen Regimentes iiber Stadt und Volk
von Halberstadt auf dai3 es nicht eines Tages mit Stumpf und
Stil den Tyrannen treffe.
Das beiliegende Buch, hoffe ich, ist das gewunschte, wel-
ches Dir damals in die Hande gefallen ist. Dagegen ist die
„Symbolik der Rose" wegen welcher ich neulich anfrug
erstens Dir wohl niemals vor Augen gekommen und war
zweitens bereits verkauft. Abgesehen davon, dafi „Selam"
wohl das Gewunschte war — das ich nur neulich nicht fand
und daher mit der Rosensymbolik verwechselte — macht es
mir auch einen bessern, ja guten Eindruck — ein wenig im Stil
der von France zitierten Buchlein oder Walzerchen. So mochte
ich einmal meine Sachen gedruckt sehen.
Wohl oder libel muB ich in den Dingen des Angelus mehr
und mehr auf den Beistand falscher Freunde und des Erz-
feindes zahlen, da die wahren mir sehr viel Kummer machen.
Rangs hochst umfangreiche Shakespeare -Arbeit ist vor kur-
zem gekommen und scheint sich sehr schwierig anzulassen.
Das erste Heft soil — wenn nicht Komplikationen mit dem
Autor diesen Plan vereiteln - die „historische Psychologie
des Karnevals" bringen.
Herzlich Dich und Escha griiBend
Dein Walter
285
Liebes Fraulein Burchardt, *
ich habe Sie in dem Brief an Gerhard audi griiBen lassen,
damit er nicht merkt, daB ich Ihnen besonders schreibe. Fur
heute auf Ihren letzten Eilbrief nur soviel : Drahten Sie (im
auBersten Falle) „Antiochus Epiphanes" und ich bin sofort
zur Stelle.
Herzlichst Ihr Walter Benjamin
1 Dies auf der Mitte der nachsten Seite des Brief es.
110 An Gerhard Scholem
[17. XII. 1921]
Lieber Gerhard,
da der groBer und immerhin rechtzeitiger Beschenkte wohl
den Anfang mit dem Dank machen muB, so bin ich davon be-
troff en und melde also Fraulein Burchardt und Dir wie sehr
ich mich mit Agnons Erzahlung gefreut habe. Ihr dichteri-
scher Gehalt scheint mir so groB, wie der der letzten Ge-
schichten iiberhaupt — und wo mein Wissen nicht mehr aus-
reicht, namlich was die Frage der Ubersetzung angeht, so soil
der Angelus, der die Sache vor Urzeiten im Himmel gelesen
hat, wo sie Agnon aus der Tasche verloren hatte, in seinem
unhorbaren Nigen 1 vor sich hingesungen haben, daB sie gut
sei. Vielleicht tut dies der Angelus aber auch nur auf
Grund seiner stadtbekannten Beziehungen zu dem Fraulein
Burchardt.
Uber ein anderes, kurzlich ihm gewidmetes Manuscript
denkt er weit weniger gut und bringt mich wieder einmal in
die Verlegenheit, seinen verschwiegensten Gedanken meine
Stimme leihen zu miissen. Es ist Rangs Shakespeare -Arbeit,
oder vielmehr ein Auszug, der aus 8 Ubersetzungen mit Kom-
mentar besteht. Wenige Proben die ich machte, schienen mir
ein kategorisches Urteil oder mindestens eine unverhiilltere
Aussprache so dringend zu fordern, daB ich zum weiteren
286
Studium noch nicht den Mut gefaBt habe. Ich suche dies urn
so mehr zu verschieben, als Rang — wegen vollig chimarischer
Aussichten auf Kultur- oder Schul -Arbeit, von denen er
glaubt, dafi die Quaker sie ihm erbffnen, gegen Weihnachten
vielleicht herkommen wird und meine prinzipielle — und viel-
leicht geradezu zur Trennung fiihrende Auseinandersetzung
mit ihm, aller bisher auf gewendeten Vorsicht zum Trotz
nicht mehr zu vermeiden sein wird. Ein gewisser Ruckhalt,
der das Schroff e ausgleicht, wird wohl bei Erich Gutkind zu
firiden sein.
Sonst betrifft noch die Zeitschrift meine Arbeit iiber die
Wahlverwandtschaften, die sehr langsam, fast allzu behut-
sam vorriickt, aber schlieBlich zu meiner Erleichterung doch
eines Tages wohl vorliegen wird. Sie kreuzt sich gerade mit
der Beschaftigung mit Baudelaires Leben, der ich mich jetzt
etwas zu wend en muB. Denn es ist Aussicht vorhanden, daB
ich im Laufe des Winters in einer Buchhandlung (vielleicht
bei Reuss und Pollak) die oftgeplante Vorlesung aus den
Ubersetzungen halten kann und dabei will ich den Gedichten
einen Vortrag iiber den Dichter vorausschicken, in dem ich
die groBte Exaktheit mit einigen wesentlichen Andeutungen
unter absolutem AusschluB von Tiefsinn verbinden will.
Kiirzlich wohnte ich einer selten mifigluckten und selten
interessanten Vorlesung bei: In einem Hause in der Bendler-
straBe hatte sich eine Bourgeois-Familie aus wer weifi welchen
Griinden zum Vortrag die Person eines HerrnLyk2 verschrie-
ben. Das unmogliche Publikum dabei bildeten auBer einigen
obligaten Bourgeois vor allem: [. . .] Martin Gumpert, einige
junge Damen aus dem wilden Westen Berlins. Herr Lyk, ein
unbestreitbar schizophrenes Talent ist bekannt (bei solchen,
die dies ihrerseits nicht sind) als eine wissensschwangere,
geisterkundige, weltgereiste [i] und vollkommen esoterische
Personlichkeit im Besitze aller Arkana. Er diirfte nicht viel
weniger als 45 Jahre zahlen. Konfession, Herkommen und
Einkommen bleiben noch zu ermitteln, und ich bin nicht
faul. Dieser Herr, der sich als ein ins Verhungerte, Toten-
kopfhafte und nicht durchaus Reinliche verhextes „ Genie"
(Felix N.) beschreiben lieBe, sprach mit der Haltung (nicht
287
aber Stimme*) eines Aristokraten aus dem alten „Simplizissi-
mus" iiber — Verschiedenes, De omnibus et quibusdam magi-
cis. Das Debacle war vollkommen. Nach einer Stunde hieB
man diesen schweigen. Nach einer weitern halben sprach nie-
mand mehr mit, kaum jemand von ihm. Und nun kommt das
Merkwiirdige an der Sache. Was dieser Mann sagte war hochst
beachtenswert, ab und zu fraglos wichtig und in jeder Hinsicht,
selbst wennfalsch, wesentlich. AHerdings auBerst unbeholfen.
Es war — wie es schien — sozus^.^en sein Lebenswerk und ob er
noch viel langer als jene Stunde hatte reden kbnnen, weiB ich
nicht. Ein Denker schien er leider nicht zu sein.
Zwei furehterlicheSalonlowen, wie ich solche blutdiirstiger
nie gesehen, [. . .], sturzten sich iiber ihn und zerrissen ihn
vollig. Die Brutalitat des erstern war selbst in Anrechnung
seines Psychiaterberufs frappant.
Mit Lyk hat es nun auBer allem sonstigen die merkwiirdige
Bewandtnis, daB, wie ich aus gewissen Hinweisen zu behaup-
ten vermag, ich in ihm hochstwahrscheinlich auf die letzte
Quelle einiger und zwar der nicht a priori dummen oder un-
saubren, sondern nur (und dies freilich a priori) der Ab-
stumpfung und Verunreinigung ausgesetzten Theoreme des
Goldbergkreises gestoBen bin. Der Mann ist sozusagen eine
Generation alter, scheint seinerseits wiederum von jenen
(wenigstens heute) eine groBe Distanz zu halten und abge-
sehen davon deutet auf seine Rolle dabei noch sonst Person-
liches und Sachliches (der „Ungerscheu Gedanke einer neuen
Volkerwanderung) hin. Als der Betreffende ganzlich kaltge-
stellt zuletzt gegen den Ofen gelehnt saB, ging ich in weiser
Erwagung alles diesen, zu ihm und ergriindete seine Adresse.
Demnachst wird es sich zeigen was ich, oder was gar der
Angelus von ihm zu erwarten hat.
Woriiber er iibrigens sprach laBt sich nur andeuten : iiber
die herrschende Bedeutung des Melos in der Sprache. Er las
auch merkwiirdige Gedichte vor.
[. . .]
Dora fragt oft, wann man Dich sehen wird und da nun
* Seine Stimme ist sehr schon.
288
zwischen Miinchen und Berlin kein neuer Engel dahinfahrt,
sondern neue Schlafwagen, so wirst Du selbst erscheinen
miissen:3
Dein Walter
1 Hebraisch: Melodic Die Erzahlung Agnons ist gedruckt in „Der
Jude" VIII (1924), S. 38-57.
2 Der Deutschbalte Hugo Lyck, uber den Hans Bluher, „Werke tmd
Tage", Miinchen 1953, S. 22-24, naher bericbtet bat.
3 Hie* folgen Zeichnungen, Scholem und Escha Burchardt darstel-
lend.
Ill An Gerhard Scholem
Lieber Gerhard,
Liebes Fraulein Burchardt,
l.X. 1922
zum neuen Jahre wiinsche ich Euch von Herzen Gutes. Das
alte ist nicht voriibergegangen ohne die verborgensten Be-
furchtungen einzulosen. Denn als wollte er ein letztes Mai
beweisen, ein wie guter Jude er ist, hat der Angelus mit dem
Abschied des gestrigen Tages den seinen verkiindet. Er hat
sein altes Haus am kleefarbenen Himmel bezogen, und der
Ehrenthron des Redaktors in meinem Herzen steht leer. Bei-
folgend der Vorspruch des Leichenbitters : „Den Satz fiir den
Angelus muBte ich vorlaufig einstellen lass en, weil man mir
— dem im Druckgewerbe seit kurzem eingefiihrten Verfahren
gemaB - einen sehr groBen VorschuB abverlangte. Das Unger-
buch, aus dem ich groBere Einnahmen haben werde, wird erst
in vier Wochen fertig. Ich hoffe, dann tiber die notwendige
Summe verfiigen zu konnen ..." Das bifichen Flunkerei,
unter dem hiermit sein Erdenleben verflackert, verrat, was
audi an diesem Wesen unzulanglich. — Ihr seid die ersten,
denen die Nachricht zukommt. So sehr ich f urchte, daB Agnon
die Nachricht ungiinstig aufnimmt, so sicher glaube ich auf
eine Amnestie durch Escha hoffen zu diirfen. Ich selber fuhle
mich durch diese Wendung der Dinge wieder in die alte Ent-
schluBfreiheit zuriickversetzt. Indem ich nun weiterhin (so-
289
fern das noch in Frage kommt) mich mit der Zeitschrift nur
befassen werde, falls dies mit anderen Vorhaben nicht zu-
sammenstoBt, lasse ich vorderhand alle Arbeit daran ruhen,
wahrend ich Weissbach mit drohendem Schweigen begegnen
werde. Derselbe scheint von dem Vorgeben, meinen Baude-
laire erscheinen zu lassen, noch immer nicht ablassen zu
wollen.
Viel ernster als dies scheint, was ich von Wolf Heinle hore,
der nun schon dreiviertel Jahre bettlagerig — an Tuberkulose
wie sich nun ergibt — keine Hoffnung und keine Mittel hat.
Ich halte ^es fur sehr fraglich ob er wieder gesund wird. Auch
Dir wird in kurzem eine Liste zugehen, die ich im weitesten
Kreise meiner Bekannten vorlege, um ihm Geld zur Ver-
fiigung zu stellen. Ob sonst fur seine Heilung etwas Wirk-
sames geschehen kann, ist sehr schwer zu sagen,
Heute abend sind wir bei [Moses] Marx. l Sein Prospekt
betreffs der hebraischen Incunabeln kam neulich — Dora
unterstiitzt ihn bei dessen Ubersetzung ins Englische. Auch
ich bin mit Buchern - und nicht nur eigenen — beschaftigt,
indem ichneuerdings einigeZeit auf intensivesBuchersuchen
mit anschlieBendem Verkauf verwende. Das kleine Andachts-
buch, das ich fur 35 M in Heidelberg kaufte, habe ich hier
bei Schbnlank fur 600 M verkauft. Neulich fand ich eine
Erstausgabe von Nestroy fur 10 M, die ich aber behalte.
Vorlaufig fallt bei diesen Sachen noch nicht genug ab und
da die Angelegenheiten mit meinen Eltern noch durchaus
uniibersichtlich liegen, so ist unsere Lage schlecht. Bei Gut-
kinds scheint sie katastrophal zu werden. Da es mit seiner
Mutter noch immer beim Alten ist, so hat Erich sich vor
einigen Tagen entschlossen, um das Geld fur den Haushalt
irgendwie zu beschaffen, Stadtreisender fur Margarine zu
werden. Ich konnte nicht umhin diesen EntschluB mit dem
meinigen (aus den ersten Augusttagen 1914) zu vergleichen:
zur Kavallerie zu gehen. Seine Lage ist nicht zum Scherzen.
Aber wenn das gliicken soil, so muB der liebe Gott mit ver-
kauf en.
Wie unschon sticht von meinem ausfuhrlichen Schreiben
der karge Text Deines letzten Briefes ab. Und auch die
290
Gliickwunschkarte die soeben kommt, und fur die ich schon-
stens danke, ist lakonisch. Glaubst Du, ich gabe nicht etwas
darum, die Frankfurter Zeitung iiber Blochs Buch2 zu ver-
nehmen? und [Robert] Eisler liber die Papste?. und die Escha
iiber die Zigaretten. Vielmehr ersuche ich sie dringend den
verlorenen GroBherzogen 3 nachzuspiiren, wozu nicht ich son-
dern nur sie als deren Absenderin in der Lage ist. — Biicher-
jagden hast Du, lieber Gerhard, nicht gemacht. Und Kritiken,
als da jene iiber Ungers Schrift4, gibst Du audi nur miBver-
gniigt und plarrend. Und meine Wahlverwandtschaftenarbeit
hast Du zu lesen womoglich noch nicht einmal begonnen,
wahrend hier GroB und Klein sie zu erwarten behauptet. Ich
suche einen neuen Verleger. Ihre Publikation konnte den
Anfang machen.5 WeiBt Du einen Rat?
Lebt beide wohl. Seid herzlich gegriiBt.'
Euer Walter
1 Agnons Schwager und damals Besitzer einer bedeutenden hebriiischen
Sammlung. Er gab einen Thesaurus der hebraischen Incunabeln heraus.
2 „Thomas Miinzer", Munchen 1921. Die dort veroffentlichte, negative
Kritik stammte von Siegfried Kracauer.
3 Offenbar eine Tabak- oder Zigarettensorte.
4 Erich Ungers von W. B. eingeschickte Broschiire „Uber die staats-
lose Bildung eines jiidischen Volkes", Berlin 1922.
5 Sie erschien in den „Neuen Deutschen Beitragen" II (1924/25); jetzt
„Schriften« I, S. 55 ff.
112 An Florens Christian Rang
Berlin, 14. 10.22
Lieber Christian,
Dein Brief ware nicht so lange ohne Antwort und vor allem
ohne innigen Dank geblieben, wenn seine Ankunft nicht in
Tage gefallen ware, die fur alles was er beriihrt sehr belang-
reich sind. Seit ungefahr einer Woche ist mein Schwieger-
vater - veranlafit durch unsere hochst schwierige Situation -
bei uns um mit meinen El tern zu verhandeln. Mein Vater
291
hatte vor einiger Zeit erklart, jede weitere Unterstlitzung an
die Bedingung zu binden, daB ich in eine Bank gehe. Ich habe
das abgelehnt und damit stand der Bruch bevor, als, durch
meine Mutter hergerufen, mein Schwiegervater eintraf . Seit-
dem verhandelt er mit mein en Eltern, den en ich meinerseits
zugestanden habe, fur meinen Erwerb tatig zu sein, jedoch
unter der doppelten Bedingung, daB dies erstens in einer
Weise geschieht, die mir die kiinftige akademische Laufbahn
nicht versperrt, d. h. also auf keine Weise als kaufmannischer
Angestellter, zweitens, daB mein Vater mir sogleich ein
Kapital auszahlt, mit dem ich mich an einem Antiquariat
beteiligen kann. Denn ich bin gewillt, die Abhangigkeit von
meinen Eltern, die sich bei deren ausgesprochner Kleinlich-
keit und Herrschsucht sowohl fur mich als auch besonders fur
Dora zu einer alle Arbeitskraft und Lebenslust verschlingen-
den Tortur ausbildete, unter alien Umstanden zu beenden. In
den vergangenen Wochen habe ich nicht ohne Erfolg kleinere
Geschafte mit Biichern gemacht und muB eben, wenns nicht
anders geht dies so geschickt und so viel als moglich weiter-
fiihren, in dem ich derweilen meine Habilitation beschleunigt
zu bewirken suche, damit wir nicht vollig entbloBt dastehen
ehe dieser Termin der Habilitation, zu welchem meine Eltern
dann hochst wahrscheinlich eine Verstandigung suchen wtir-
den, erreicht ist. Die Verhandlungen haben einen schleppen-
den Gang, so daB wir auf das schlimmste gefaBt sind. So
unqualifizierbar die Gesinnung meiner Eltern, deren Ver-
mogensumstande zur Zeit sehr gut sind, ist, ebenso auBer-
ordentlich ist die Entschiedenheit, mit der meine Schwieger-
eltern nicht nur moralisch sondern, trotz ihrer beschrankten
Mittel auf nachdruckliche Weise auch finanziell uns zur
Seite stehen. — Da Du in Deinem letzten Briefe unsere Zu-
kunftssorgen Dir zu eigen gemacht hast, so kann ich Dir
also, anschlieBend an diesen Bericht, naher antworten. Den
Plan einer Leihbibliothek habe ich wohl iiberdacht. Dabei
ergaben sich wie mir scheint zwei Moglichkeiten : entweder
ein solches Institut im Westen oder eines in einer andern
Stadtgegend zu griinden. Im Westen ist die Konkurrenz vom
Kaufhaus und besonders von Amelang, mit der niemand
292
konkurrieren kann, das Kapital, welches dazu erforderlich
ware, ware immens. Was aber das kleinere Publikum sowohl
des Westens (Schoneberg u. s. w.) als besonders der andern
Stadtgegenden betrifft, so fragt es - die Durchsicht vieler
solcher kleinen Bibliotheken, die ich bei meinen Einkaufs-
runden vorgenommen habe, beweist es — nur nach Courths-
Mahler, und wenns hoch kommt, Rudolf Herzog. Hier ware
gar kein Feld, den Spiirsinn und die Kenntnis von Biichern
zu entfalten, sondern es hieBe ein Heringsgeschaft auf-
machen, mit dem einzigen Unterschied, daB eine Leihbi-
bliothek des kleinen Manns erstens mit einer vielleicht nicht
guten Konjunktur, zweitens mit der Konkurrenz derjenigen
Papiergeschafte zu rechnen hat, die in den armern Vierteln
solche Leihbibliotheken sich angegliedert haben. — Mir
scheint, wie ich mir die Sache hin und wieder wende, der
Antiquariatshandel bei weitem die meisten Aussichten zu
bieten. Was das Lokal angeht, so habe ich ganz im Sinn
Deines Vorschlags dabei an die Angliederung an eine ge-
wohnliche Buchhandlung oder ein Antiquitatengeschaft,
jedenfalls an einen schon bestehenden Laden gedacht. Mit
Erich [Gutkind] habe ich diesen Plan noch nicht besprochen,
weil ich durch die Anwesenheit meines Schwiegervaters an
den Grunewald gebunden bin. Dagegen habe ich ihm friiher
schon die Grundziige eines solchen Planes vorgelegt, zu einer
Zeit, als er sich von andern Wegen, die inzwischen sich als
ungangbar fur ihn erwiesen — wer konnte glauben, daB Erich
sich zum Stadtreisenden eignet! - mehr versprach.
Bei alledem befasse ich mich eifriger als je mit der Prii-
fungderHabilitationsaussichten.Denn jestarrsinniger meine
Eltern sich zeigen, desto mehr muB ich auf meinen Ausweis
off entlicher Anerkennung, der sie zur Ordnung ruft, bedacht
sein. Wiewohl bei diesen neuen Erwagungen Heidelberg
nicht mehr im Vordergrunde steht, werde ich doch anfang
November dorthin gehen, um GewiBheit zu holen. Auf die
Einkehr bei Euch freue ich mich naturlich sehr. Wenn sich
— wie es fast den Anschein hat — unter Umstanden meine
Chancen auBerhalb des Bereichs der reinen Philosophie ver-
bessern konnten, so werde ich auch die Habilitation f iir neuere
293
Germanistik ins Auge fassen. — Von Weissbach weiterhin
keine Nachricht. Ich habe mir im Stillen ein ultimatum fur
den Baudelaire bestimmt, wenn er dies verfehlt entziehe ich
ihm denselben. Hoffentlich kann ich bald iiber neue Ankniip-
fungen berichten. Dem Angelus aber bitte ich Dich um
seiner Ankiindigung willen ein freundliches Gedachtnis zu
bewahren. Ich jedenfalls werde es so halten: diese nicht ge-
schriebne Zeitschrift konnte mir nicht wirklicher und nicht
lieber sein, wenn sie vorlage. Heute aber — und wenn Weiss-
bach mit einer fertigen Druckerei zu mir kame — wiirde ich
sie nicht mehr machen. Denn die Zeit wo ich ihr Opfer zu
bringen gewillt war ist voriiber. Und allzuleicht wiirde sie
das Opfer der Habilitation erfordern. Vielleicht kann ich
den Angelus einmal in Zukunft erdwarts fliegen sehen. Fur
den Augenblick jedoch ware mir eine eigne Zeitschrift nur
als privates und von mir aus sozusagen anonymes Unter-
nehmen moglich und hier wiirde ich Deiner Initiative willig
mich unterordnen. — Gelegentliche Mitarbeit bei Hofmanns-
thal ware mir iibrigens durchaus genehm. Die Einleitung
zum NachlaB Heinles, mit dessen Erscheinen ich natiirlich
auch nicht mehr recline, ist immer noch meine einzige Arbeit.
Aber die Vorarbeit neigt sich zum AbschluB und die Abfas-
sung kann nicht mehr als einen Monat erfordern.
[...]■
Mit den herzlichsten GriiBen von uns beiden
Dein Walter
113 An Gerhard Scholem
Braunfels im Lahntal, 30. Dezember 1922
Lieber Gerhard,
im Grunde bin ich wieder einmal mitten auf einer Aben-
teuerreise. Zum mindesten ist ziemlich bewegt was hinter
mir liegt. Aber ich habe hier (bei Rang) zum Schreiben nicht
sehr viel Zeit — auch laBt sich alles weit besser erzahlen.
294
Mein Befinden ist gut, in jeder Hinsicht. Freilich weiB ich
nicht, ob ich Grund dazu habe. Aber gegen meine Gewohn-
heit sehe ich letzten Endes zuversichtlich drein. Nicht etwa
— fern sei es — weil der Angelus erscheinen soil. Man schamt
sich, es zu sagen, aber zu leugnen ist es nicht, daB ich in
Heidelberg die Korrektur meiner Ankiindigung gelesen
habe. Und dies ist vorderhand alles. Ferner habe ich in Hei-
delberg Erfahrungen gemacht, die mich eine Habilitation
dort vorlaufig nicht ins Auge fassen lassen. Lederer hat mich,
nach dem ersten Besuch, den ich ihm im Seminar machte,
nicht mehr eingeladen. Sicher nur, weil er aus Zeitmangel
nichts fur mich tun konnte. Er weiB vor Geschichten nicht,
wo ihm der Kopf steht. Aber ebenso schief ist das andere
geraten. Namlich ich habe im Kreise von Marianne Weber
(als sich ganz unerwartet mir die Moglichkeit bot, dort zu
sprechen, mich entschlieBen miissen, das erste beste zu tun
und) einen Vortrag iiber Lyrik gehalten: die Gedanken des
Aufsatzes vorgetragen, der mich seit dreiviertel Jahren be-
schaftigt. Dafiir habe ich eine Woche fast Tag und Nacht
gearbeitet und die Arbeit im Entwurf zu Ende gefiihrt. Aber
der Vortrag prallte ab. Ich mache mir daruber keine Vor-
wiirfe, denn: wollte ich iiberhaupt hervortreten, so war nichts
anderes zu tun. Meiner Arbeit hat es genutzt. — Die Habili-
tationsaussichten sind auch dadurch erschwert, daB ein Jude,
namens [Karl] Mannheim, sich dort bei Alfred Weber vor-
aussichtlich habilitieren wird. Ein Bekannter von Bloch und
Lukacs, ein angenehmer junger Mann, bei dem ich verkehrt
habe.
Von Frankfurt schriftlich nur soviel, daB ich [Franz]
Rosenzweig aufgesucht habe. Sei es, daB Du es mir nicht oder
nur beilaufig gesagt hattest, sei es, daB es Dir noch unbe-
trachtlich schien, ich erfuhr erst durch s ein en Brief und
gleichzeitig durch einen Dritten, daB er sehr schwer krank
ist. Die Lahmung hat das Sprachzentrum ergriffen, so daB er
nur mehr sehr schwer verstandliche Wortfragmente heraus-
bringt. Seine Frau, die ich sehr schon finde, versteht und
iibersetzt sie. Ich konnte nur ungefahr dreiviertel Stunden
bleiben. (Gegen Ende meines Besuches kam Herr [Eugenl
295
Rosenstock, der mit seinem Eindruck den Ruf bekraitigte,
der den Gestalten des Patmos-Kreises * vorausgeht. Man sagte
mir, Rosenzweig hatte vor einigen Jahren dicht vor der Kon-
version gestanden; Rosenstock sei sein genauester Freund,
was iibrigens audi seine Frau sagte. — Und da ich schon ein-
mal in dem Exkurs 2 bin, so gehort vielleicht hierher der Hin-
weis auf den ersten Aufsatz im letzten Heft der Fackel 3 „Vom
groBen Welttheaterschwindel", ein Aufsatz, bei dem mir
Horen und Sehen vergangen ist. Dir steht das gleiche bevor.)
Gut. Ich sprach mit Rosenzweig vom EinfluB seines Buches,
seiner Bedeutung, seinen Gefahren; er ist geistig vollstandig
klar, nur machte es das Gesprach schwer, daB ich iiberall die
Initiative geben muBte ohne das Buch entsprechend genau zu
kennen. Dann aber brachte er das Gesprach mit ziemlicher
Vehemenz auf Dich. Differenzen bei Eurer letzten Ausein-
andersetzung4 scheint er nicht verwunden zu haben und Dich
als feindliche Instanz anzusehen. Als er zuletzt in mir ganz-
lich verborgenen Zusammenhangen auf Deine Stellungnahme
oder Dein Verhalten (ich weiB es nicht) in der Sache der
Kriegsdienstpflicht kam, muBte ich aus Zeitmangel das Ge-
sprach abbrechen. Indessen wiinschte ich wohl, trotz allem,
Rosenzweig wieder zu sehen. Man sagte mir, seine Krankheit
sei spinale Kinderlahmung 5 und in kurzer Zeit letal. Ich weiB
nicht, ob das wahr ist.
Seit vorgestern bin ich hier und erhole ich mich so gut ich
kann. In einigen Tagen fahre ich nach Wien und Breiten-
stein.
Mit herzlichen GriiBen Dein Walter
1 Die Autoren des Patmos-Verlages in Wiirzburg, von denen einige
der profiliertesten konvertierte Juden waren.
2 Uber Konversionen.
3 In No. 601-7, in der Kraus iiber seine Konversion schrieb - gelegent-
lich der Mitteilung seines Austritts aus der Kirche.
4 Scholem hatte Rosenzweig im Fruhjahr 1922 besucht, und es war
dabei zu einer sehr leidenschaftlichen Auseinandersetzung iiber R.s
Deutschjudentum gekommen.
5 Es war eine besonders schwere Form der Lateralsklerose.
296
114 An Gerhard Scholem
Breitenstein, 1. Februar 1923
[. . .] Von mir ist wirklich nicht Gutes zu berichten. Meine
Bemiihungen in Frankfurt scheinen, nach einem undurch-
dringlichen Schweigen aus dieser Gegend zu schliefien, eben-
falls nicht aussichtsreich. Ich weiB nicht, ob ich Dir schrieb,
dafl Dr. [Gottfried] Salomon unter nicht ungiinstigen Auspi-
zien meine Dissertation und die Wahlverwandtschaftenarbeit
Prof. Schultz1 ubergeben hatte. [. . .] Zu alledem hat die Un-
moglichkeit in Deutschland zu verbleiben zugenommen und
die Aussicht von dort fortzukommen sich in nichts verb ess ert.
Hier bin ich allzusehr auf blofie Erholung und Nichtstun
beschrankt, als daB ich mir durch irgend eine intensive Arbeit
die Trubnis dieser Ansichten fernhalten konnte. Sowie ich
zuriick bin nehme ich die Einleitung zum NachlaB wieder auf
mit dem etwas bitteren Gefiihl, sie im gegebenen Augenblick
des Abschlusses in meinen Schreibtisch zu versenken. Dann
werde ich noch meine Habilitationsschrift verfassen und nach
neuen vergeblichen Bemiihungen eines Tages weder um
Publizistik noch Akademik mich kiimmern, und wo auch
immer ich sein werde, Hebraisch lernen, wobei doch endlich
auf jeden Fall irgend etwas fur mich herauskommen wird.
Soweit es bei diesen Aussicht en moglich ist, bleibe ich ruhig
und im Wesentlichen selbst zuversichtlich. Mein nachster
Wunsch aber bleibt, die Wohnung bei meinen Eltern auf-
geben zu konnen.
DaB Du bald nach Palastina gehst macht mich naturlich
sehr sehr betriibt2. Mein Schwager3 ist in Wien eben von dort
zum Besuch gekommen.
Dein Walter
Lieber Gerhard,
vor zwei Stunden bekam ich die Nachricht, daB Wolf Heinle
gestern nachmittag, am 1 . Februar, gestorben ist.
1 Franz Schultz (1877-1950).
2 Scholem ging im September 1923 nach Jerusalem, nach dem er in
297
Berlin und Frankfurt den grofleren Teil des Jahres mit W. B. zusam-
men gewesen war.
3 Viktor Kellner, der Bruder von Dora Benjamin, Mitbegriinder des
Dorfes Benyamina in Israel.
11 5 An Florens Christian Rang
Breitenstein, 4. Februar 1923
Lieber Christian,
ich darf mich mit der traurigen Nachricht, die ich zu geben
habe, kurz fassen: am Donnerstag, den ersten Februar nach-
mittags ist Wolf Heinle gestorben. Nahres von seinem Tode
weiB ich noch nicht. Doch weiBt Du ja, wie sehr ich mit ihm
rechnen muBte. Was ich verlor, das zu ermessen kennst Du
mein vergangnes Leben genau genug. Er und sein Bruder
waren die schonsten Jiinglinge, die ich gekannt habe.
Herzlichst Dein Walter
116 An Florens Christian Rang
24.2.23
Lieber Christian,
unsere letzten Briefe sind die kreuz die quer an einander
vorbei gereist. Ich hatte so viel zu berichten und vielleicht
auch man dies zu sagen. Es ist gut, dafl wir uns nun bald
sehen. Ich stehe da, wo ich wieder einmal alien Mut brauche
urn den Kopf oben zu behalten, mein Weg ist weniger sicher
als ich es wunsche und dazu die Widrigkeiten des auBern
Lebens, die manchmal wie Wolfe von alien Seiten kommen,
man weiB nicht, wie man sie abhalten soil. Und dazu der
Tod: das Sterben der wenigen Menschen, an denen man,
298
trotzdem es inkommensurabel ist, die Mafistabe fur das eigne
Leben hatte. Kiirzlich las ich bei Poe — die Stelle ist mir
nicht zur Hand — im Beginn einer Novelle - ungefa.hr dies :
daB es ein Denken gibt, das nicht Sophismus, ein Bilden, das
nicht abbilden, ein Handeln, das ohne Rechnen ist, gibt,
irgendeinige wenige Werte, bei denen es mir blendend ins
Gedachtnis trat, daB diese Menschen, deren Gedachtnis an-
einanderbindet, was fur mich so lange sie, so lange einer
lebte, sehr getrennt war, wirklich wie aus einer andern Welt
getreten in ihrer Jugend, die sie nicht uberlebt haben, lebten.
Und so wie es einen unverkennbaren und klassischen Aus-
druck von Schonheit vielleicht bei Frauen gibt, so sage ich
mir manchmal von diesen beiden Jiinglingen, daB es nieman-
den, der ein Wissen von adeligem Leben in sich tragt, ge-
geben haben sollte, den hier nicht der erste Blick gelehrt
hatte, daB es dort besteht.
Wolf Heinle hat Deinen Brief nicht mehr gelesen, er kam
am Tage vor dem Tode und er war schon zu schwach, als daB
er ihm hatte vorgelesen werden kbnnen. Ich aber werde ihn,
wenn ich in Gottingen bin, dankbar lesen. Als sollte jene,
seine ganz windschiefe Stellung zu dem heutigen Leben sich
noch am letzten Tage ausdriicken, so traf eben an ihm die
einzige groBere Geldsendung 90 000 M von einem Menschen
ein, der damals (zur Zeit der Jugendbewegung) seinem Bru-
der nahe stand.
Der Termin der geplanten Zusammenkunft liegt, wie Du
nun wohl schon meiner Heidelberger Karte entnommen hast,
fiir mich sehr giinstig. Ware es am achten oder neunten Marz
in Frankfurt (nicht in GieBen) so ware mir das sehr lieb. Ich
danke Dir fiir Deine Aufforderung (welche ich durch Dora
heute mit der Fruhpost erhielt) und was in meinen Kraften
stent' und sich mit der schuldigen Zuriickhaltung, die wir
heute vor dem Schicksal, das sich ubermachtig und verderb-
lich ankiindigt, vereinbaren laBt, will ich gerne beitragen
[sic]. Freilich — diese letzten Reisetage durch Deutschland
haben mich wieder an einen Rand von Hoffnungslosigkeit
gefiihrt und mich in den Abgrund sehen lassen.
299
Herzliche Wiinsche fiir Helmuth. l Und an Euch, Dich
und Deine Frau, die herzlichsten GriiBe.
Dein Walter
1 Helmut Rang, gei>. 1897, Sohn von Florens Christian Rang.
117 An Florens Christian Rang
Berlin, 2. 4. 23
Lieber Christian,
iiberall in Berlin hort mans wispern von Deinem und Bubers
Kommen und nur wir gehen unter soviel Nachrichten leer
aus. Wir rechnen nun mit Deiner Ankunft, gemaB Deiner
Nachricht an Ottos1, fiir die zweite Aprilwoche und freuen
uns auf sie. Hier wirst Du ein wunderbares Ding finden,
namlich neue Druckbogen des Baudelaire, der also offenbar
nach transzendentalen ZeitmaBen zu erscheinen beginnt. Bei
den ungeheuerlichen Erfahrungen, welche man mit Ver-
legern machen muB, gentigt so etwas bereits (leider!) um ihm
ein Gran der alt en Sympathie zuriickzugewinnen. Cassirer
hat jetzt in der Tat nach dreimonatlichem Studium meine
Wahlverwandtschaftenarbeit zuriickgegeben. Er wird sie -
wegen technischer Schwierigkeiten - nicht drucken. Immer-
hin bin ich noch nicht verzweifelt, sie an den Mann zu
bringen.
Vor ein paar Tagen bekam ich das Protokoll. DaB dieses
vervielfaltigt und versandt wird, wuBte ich garnicht und
— offen gestanden - warum es geschieht, ist mir nicht ein-
leuchtend. Ist doch das einzig Wesentliche solcher Zusam-
menkunft wie der in GieBen, das lebende Wort von Mund zu
Mund auf so primitive Weise nicht festzuhalten. Und streift
man mit dieser Promulgationsform nicht an so Vieles, was
man zu vermeiden gedachte, indem die Verbreitung dieser Pro-
tokolle j a bald auf unkontrollierbaren Wegen vor sich gehen
wird. So waren mindestens meine AuBerungen in GieBen
300
nicht gemeint - ich scheue in dergleichen Dingen diese Art
der Offentlichkeit, aus Uberzeugung. Soil auch von dieser
GieBner Zusammenkunft dasProtokoll vervielfaltigt werden,
so bitte ich Dich sehr, was mich angeht es bei der Konstatie-
rung meiner Anwesenheit bewenden zu lassen — ohnedies
habe ich nicht viel Belangreiches geauBert soviel ich mich
erinnere.
[. . .] Den Jiirg Jenatsch, den ich mir von Dir lieh, habe
ich mit groBem GenuB fast schon zu ende gelesen. Das Buch
fesselt, auf seinem hohen Niveau, mich mit der Kraft, mit
der See- oder Indianergeschichten als Junge auf mich wirk-
ten. Ich bewundere an ihm die Sauberkeit und Zuriickhal-
tung, die es einer meisterhaften Zeichnung ahnlich machen.
Ob freilich nicht eine Spur falscher „Renaissance" hie und
da an den Partien haftet, die das Historische sehr nahe be-
riihren, mochte ich nicht entscheiden.
[. . .] Bis dahin herzlichste GriiBe an Dich und Deine Frau
von uns beiden.
Dein Walter
1 Mit Gutkinds befreundetes Architelctenehepaar.
118 An Florens Christian Rang
Berlin [28. 9. 23]
Lieber Christian,
ich will versuchen, unsern Briefwechsel dem Schicksal des
Einschlafens, dem hier alles bis zum furchtbaren Erwachen
verfallen scheint, zu entziehen. Mein langes Schweigen legt
naturlich auf seine Weise auch Zeugnis von dem Elend ab,
in das auch wir mehr und mehr hineingerissen werden. Den
schwerern Teil hat zunachst Dora zu tragen, vom ersten
Oktober an wird sie eine Stelle bei einem amerikanischen
Journalisten annehmen und also tagsiiber gebunden sein.
Was mich betrifft, so liegt die Aufgabe, mich in Frankfurt
301
durchzusetzen, audi nicht leicht auf mir. Es handelt sich
darum, eine Arbeit, deren StorT refraktar und deren Gedan-
kenentwicklung subtil ist, zu forcieren. Ich weifi noch nicht,
ob es mir gelingt. Auf alle Falle bin ich entschlossen ein
Manuscript anzufertigen, d. h. lieber mit Schimpf und
Schande davongejagt zii werden als mich selbst zuriick-
zuziehen. Ich habe audi die Hoffnung nicht aufgegeben, daB
in dem so sichtbaren Verfall der Hochschulen man iiber man-
ches hinwegsehen konnte, um einen in gewisser Hinsicht
willkommnen Dozenten zu gewinnen. Aber die Verfalls-
erscheinungen wirken auf der andern Seite auch lahmend.
Fest stent, daB dieser intensive Versuch, von Deutschland
aus eine Briicke fur mein Fortkommen zu schlagen, mein
letzter ist, und daB, wenn er scheitert, ich werde schwimmend
mein Heil versuchen mussen d. i. mich im Ausland irgendwie
durchzuschlagen, denn weder Dora noch ich konnen dieses
Abbrockeln aller Lebenskrafte und Lebensgiiter langerhin
ertragen. In der GroBstadt zumal sieht man es tagtaglich zu-
nehmen. So sind die Verkehrsmittel in unsrer Gegend fast
vollig fortgefallen und Dora hat, schon um ihrer Stellung
willen, versuchen mussen, fur uns eine Stadtwohnung zu er-
halten. Der letzte Monat ist iiber den Bemiihungen dafiir
hingegangen; augenblicklich liegt die Sache beim Woh-
nungsamt. - Heute traf die letzte Korrektur meines Baude-
laire ein, der, wenn er herauskommt, bis auf weiteres wohl
unter den letzten deutschen Publikationen sich befinden
diirfte, denn alles was mit dem Buchgewerbe verbunden ist,
siecht dahin. Natiirlich wird auch dies Buch eine Luxusaus-
gabe mit geringer Auflagehohe. Ich habe daran gedacht, wie
die Aussichten fiir die Neuen deutschen Beitrage sein mogen.
Ich bin nunmehr in jeder Hinsicht bereit, mich, sei es durch
Dich, sei es selbst, mit dem Manuscript meiner Wahlver-
wandtschaftenarbeit an Hofmannsthal zu wenden und er-
warte Deine Vorschriften. — Scholem ist vor zwei Wochen
nach Jerusalem abgefahren, wo er wohl iiber kurz oder lang
eine gesicherte Stellung an der Bibliothek haben wird.
Gern wiirde ich denken, daB in Eurer Zuriickgezogenheit
die Tage besser und gut dahingehen und welche Nachricht
302
Ihr aus Davos habt. An das Schicksal der Schrift, die Du in
Frankfurt verlasest, denke ich bekiimmert. Es ist wohl aus-
sichtslos, daB sie gedruckt wird. Auch wirst Du wissen, daB
Bubers Sammelscbrift, fur die ich meinen Aufsatz umgear-
beitet hatte, nicht erscheint. Ich klammere mich an den Ge-
danken einer Privatzeitschrift in unserm friihern Sinn fest,
ohne irgendwo die Moglichkeit der Verwirklichung zu sehen.
Manchmal denke ich die „Nacht da niemand wirken kann"
ist schon eingebrochen.
Bitte laB bald ein paar trostliche Worte horen und sei herz-
lich gegriiBt mit Deiner Frau von Dora und deinem Walter
119 An Florens Christian Rang
7. Oktober 1923
Lieber Christian,
bei taglich wachsender Beklemmung war es sehr trostlich,
daB endlich so aufmunternde und ausfuhrliche Nachricht von
Dir kam. Von Deinem Manuscript 1 erwarte ich weiter neue
Belebung. Mit dessen Gedanken habe ich die merkwiirdige
Erfahrung gemacht, daB nirgends ihre von mir versuchte
Mitteilung positiv ergriffen wurde, vielmehr eigentlich un-
verstanden blieb. Ich glaube zwei Griinde dafiir annehmen
zu diirfen: erstens daB heute iedes geistige Unternehmen und
jedes so begriindete wirtschaftliche, das sich die Erhebung
Deutschlands vorsetzt, bei denjenigen, die mit wahrem Be-
wuBtsein die letzten zehn Jahre hier durchlitten haben, mit
einem bosen Omen behaftet zu sein scheint; zweitens daB
die Voraussetzung Deiner Forderung in der Tat personliche
Bindungen, will sagen durchaus gemeinsam erfahrene Not
einschlieBt. Vielleicht, ja wahrscheinlich, wird Deine ur-
spriinglichere Gedankenentwicklung manchen uberzeugen,
bei dem meine Vermittlung versagen wurde. Ob und wie ich
meine Beischrift abfassen kann, will ich Dir mitteilen, wenn
303
ich Deine Schrift gelesen habe. Es hangt wie mir scheint
davon ab, ob ich die Ilberzeugung, die mich Dir zustimmen
laBt, so einf ach bekunden kann, dafl sich die wenigen Zeilen,
in denen ich es zu tun hatte, mir von selbst ergeben. Denn
eine wirkliche Vertiefung in die Philosophic der Politik muB
ich eben jetzt urn so mehr vermeiden, als ich noch garnicht
im wiinschenswerten MaBe in meiner eignen Arbeit stecke.
Die Notwendigkeit, sie zu forcieren, laBt mich wieder und
wieder in meinen Studien innehalten, urn die Seite zu beden-
ken, von der aus alles kurz und biindig sich fassen lieBe. Die
aber zeigt bei einem derart sproden Thema sich nicht so bald.
Im ganzen scheint das urspriingliche Thema „Trauerspiel
und Tragodie" sich wieder in den Vordergrund zu schieben.
Eine durchgefuhrte Konfrontation der beiden Formen, ab-
geschlossen durch die aus der Theorie der Allegorie gewon-
nene Deduktion der Trauerspielform. Meine Belege werde
ich im groBen und ganzen den Arbeiten der zweiten schlesi-
schen Schule entnehmen miissen, teils aus Opportunists -
griinden, teils um nicht ins Weite zu geraten. Es macht sich
immer wieder unangenehm spiirbar, daB ich die Lyrik- Arbeit
so kurz vor dem AbschluB unterbrechen muBte, indem ich
aus meiner pedantisch-sauberen Manier des Aufarbeitens
geworfen bin. Dazwischen bleiben leider friihere Bektim-
merungen aktuell. Und leider an erster Stelle Doras Gesund-
heit, von der es sehr ungewiB ist, ob sie irgendwie der Arbeit,
die begonnen hat, gewachsen ist. In letzter Zeit sind zudem
die Verbindungen in unserer Gegend fast unpraktikabel
geworden und Dora ist im Winter doch auf sie angewiesen.
Es ware fur mich eine groBe Freude, Dich einmal wieder
mitMuBe zu sprechen und in diesem wie jedem anderenSinn,
danke ich Euch fur die erneuerte Einladung herzlich. Zwar
gedenke ich erst nach Frankfurt zu kommen, wenn die
Habilitationsschrift dem genauen Plan nach feststeht. Kei-
nesfalls wohl vor Dezember. Deine politische Prognose hat
wie mir scheint, alle Wahrscheinlichkeit fur sich. Nur fur das
Gebiet von Ruhr und Rhein konnte sich vielleicht eine andere
Zukunft ergeben.
304
Von dem Hofmannsthalschen Brief2 scheint es Dir ent-
gangen zu sein, daB er den Wunsch ausspricht, vorderhand
mogest Du vermittelnd zwischen ihm und mir bleiben. Aus
diesem Grunde bitte ich Dich sehr, die Manuscripte, die ich
Dir in Kurzem zur Verf ugung stellen werde, an ihn weiter-
zuleiten und sie audi, gleichsam in meinem Auftrage, mit
ein paar Begleitzeilen zu versehen. Ich halte es fur sehr an-
gezeigt, den Wink Hofmannsthals genau zu befolgen. Ohne-
hin macht mir im Wahlverwandtschaftenaufsatz eine Stelle,
in der ich meine Meinung iiber den ihm nachststehenden
Rudolf Borchardt andeute (wenn auch vorsichtig und sehr
mafivoll) Sorge. Denn Hofmannsthal wird — und soil — in
diesen Beziehungen nicht weitherzig sein. Zunachst erhaltst
Du 1) Wahlverwandtschaftenarbeit 2) einiges von Heinle
und vielleicht 3) friiher von mir Erschienenes. — Sobald Du
hinsichtlich des Druckes Deiner „Deutschen Bauhiitte" einen
Bescheid hast, teile ihn mir bitte mit.
Fur heute noch die herzlichsten GriiBe von uns beiden an
Dich und Deine Frau.
Dein Walter
1 Florens Christian Rang: Deutsche Bauhiitte. Ein Wort an uns
Deutsche iiber mogliche Gerechtigkeit gegen Belgien und Frankreich
und zur Philosophic der Politik. Mit Zuschriften von Alfons Paquet,
Ernst Michel, Martin Buber, Karl Hildebrandt, Walter Benjamin,
Theodor Spira, Otto Erdmann. Sannerz, Leipzig 1924. — Die Zuschrift
B.s: vgl. Brief vom 23. 11. 1923 an Rang.
2 Vgl. Hugo von Hofmannsthal u. Florens Christian Rang: Brief-
wechsel 1905-1924, in: Die Neue Rundschau 70 (1959), S. 402-448,
bes. S. 419 ff.
120 An Florens Christian Rang
Berlin [24. 10.23]
Lieber Christian,
die eingeschriebene Sendung — ihr Inhalt: Kritik der Gewalt,
Argonautenheft, Wahlverwandtschaftenarbeit, Auswahl von
305
Fritz und Wolf Heinles Sachen — ist nun ja wohl in Deiner
Hand und wie ich hoffe von Dir mit den wenigen notigen
begleitenden Worten an Hofmannsthal weitergegeben wor-
den. Wie gesagt, ich habe mich an diese Ubermittlungsweise
gehalten, urn seinem Wunsche, nichts zu „vereinfachen"
derart zu entsprechen. Hoffentlich versinkt diese Sendung
nicht in den Avernus der Redaktionen, sondern gibt bald ein
freundliches Echo Antwort. Noch habe ich zu bemerken, daB
ich bei keinem dieser Stiicke - es sei denn allenjalls die Kritik
der Gewalt — auf die Rucksendung verzichten kann. Uberall
handelt es sich um einzige bzw. letzte Exemplare. Ich denke
wohl, daB sechs Wochen geniigen werden, um ihm einen Ein-
blick mit MuBe zu verschaffen; nach dieser Zeit mochte ich
mich wieder um die Sachen kummern. Von einer probeweisen
Ubermittlung aus meinen Sonetten1 hielt ich es fur besser
noch abzusehen.
Von dem berliner Manuscript Deiner Arbeit habe ich noch
nichts gehort. Ich erwarte es ungeduldig. Ist indessen eine
Verlagsentscheidung erfolgt? Wie stehen Deine hauslichen
und literarischen Dinge sonst? [. . .] Ich selbst bin mit meiner
Arbeit - genauer gesagt in der einschlagigen Lekture — ganz
bescb'aftigt. Es ist freilich der Fall, daB ich hier nicht nach-
zulassen gedenke und diese Sache, so oder so, zum AbschluB
fiihre. Dennoch aber sehe ich unerbittlich und unaufschieb-
bar die Problematik einer wissenschaftlichen Beschaftigung
in so zerfallnen Lebensformen und -verhaltnisse[n] sich vor
mir prasentieren, und schon j etzt beschaf tigt sie unabliissig mein
Nachdenken. Der Gedanke durch die Fluent die Privatheit
meiner Existenz, die mir unverauBerlich ist, vor der hiesigen
zersetzenden Kommunikation mit dem Leeren, Nichtigen und
Gewalttatigen zu retten, wird mir nachgerade zur Selbstver-
standlichkeit. Das Problem ist allein das Wie? Da bin ich
zur Zeit auf einen sehr unvermuteten und mir gangbaren
Weg geraten, von dem ich aber, gerade weil ich so viel Hoff-
nung darauf setze, noch schweige. Gerade Berlin ist iibrigens
im Augenblick vollig unertraglich; die Erbitterung der Men-
schen ist so groB wie ihre Hilflosigkeit, beides durch einen
allgemeinen und plbtzlichen Brotmangel in den letztenTagen
306
gesteigert. (Gutkinds liegen wieder einmal in Siegfriedstel-
lung vor dem Liitzowplatz, ich hoffe es endet nicht mit einem
Versailles.) A propos franzosische Angel egenheiten, so habe
ich, unentwegt und verschlagen fiir das Wachstum meiner
Bibliothek auf dem Posten, noch jetzt, bei wahrhaft unge-
heuerlichen Marktverhaltnisseri, durch einen Tausch eine
ganze Menge Sachen von Stendhal und Balzac angeschafft.
Ferner die erste deutsche Danteiibersetzung (in Prosa) von
Bachenschwanz 1768. Das Studium des Barock lafit mich
iibrigens fast taglich die Bekanntschaft bibliographischer
Merkwiirdigkeiten machen. Im iibrigen ist wieder wenig
Gutes mitzuteilen. Doras Gesundheit halt mich unablassig
in Atem. Sie will von Schonung im Augenblick, da unsere
wirtschaftliche Existenz auf ihrer Stellung stent, nichts wis-
sen. Vielleicht wird sich hier aber eine Lbsung ergeben, in-
dem der Chef geneigt scheint, den Biirodienst einzuschran-
ken, wobei dann auch Doras Stellung nur einen halben
Arbeitstag verlangen wiirde.
Bitte gib mir recht bald tiber alles Dich und uns Betref-
fende Nachricht. Schrieb ich Dir schon, daft mein Baudelaire
erschienen ist. Freiexemplare habe ich noch nicht erhalten.
Mit den herzlichsten GriiBen an Dich und Deine Frau
Dein Walter
1 Auf den Tod von C. F. Heinle und Rika Seligson; das Manuskript
scheint verloren.
121 An Florens Christian Rang
Berlin [8. 11.23]
Lieber Christian,
erst gestern ist Dein Manuscript in meine Hande gekommen.
Nun aber stellt ein neuer Mifistand sich ein. Bei der gegen-
wartigen Lage meiner Arbeit ist es mir radikal unmoglich,
die Lektiire, die doch iiberall in mir die Probleme lebhaft in
Bewegung versetzt, im Laufe weniger Tage zu beenden, wie
307
Du es erwartest. Vielmehr ist meine Aufmerksamkeit durch
die drangenden Erfordernisse der Habilitationsschrift so in
Anspruch genommen, daB ich eben nur in den MuBestunden
mit wirklichem Gewinn mich an Deinen Aufruf begeben
kbnnte, alles andere ware ein leeres „Notiz nehmen" ohne
Sinn. Ich weiB nicht, ob Deine Dispositionen es Dir ermog-
lichen, noch eine Zeitlang auf dieses Exemplar zu verzichten.
Wenn irgend moglich, wiirde ich Dich bitten, es einzurichten,
denn es liegt mir wie Du weiBt sehr daran, nicht nur mir
selbst ein genaues Bild zu verschaffen, sondern auch, mit
Deiner Erlaubnis, diesen oder jenen wichtigen Abschnitt
miindlich an Nahestehende mitzuteilen.
Dies die eine Bitte. Eine andere, reziproke, die ich ungern
tue, muB folgen. Vor einigen Tagen bekomme ich aus Frank-
furt die Nachricht, daB meine Wahlverwandtschaftenarbeit
von maBgebender Stelle von neuem eingefordert wird. Schon
vorher, einigeTage, bevor ich das Manuscript fiirHofmanns-
thal an Dich abgehen lieB, hatte ich mein anderes Exemplar
(das dritte und letzte ist in Palastina in Scholems Besitz) aus
Heidelberg von einem Bekannten — eingeschrieben - ange-
fordert. Es steht bis heute aus. Es ist von neuem angefordert,
aber ich muB mit allem (besonders angesichts der skandalosen
Postverhaltnisse) rechnen. Mir bleibt nichts iibrig als folgen-
des: Sollte nicht in kiirzester Frist das Heidelberger Manu-
script bei mir eintreffen, so ware ich zu meinem groBten
Bedauern gezwungen, Hofmannsthal um provisorische t)ber-
sendung desselben in meinem Auftrage an
Herrn Professor Franz Schultz, Frankfurt a/M Germa-
nisches Seminar der Universitat Eingeschrieben!
zu ersuchen. Und zwar wiederum durch Dich. Ist das erfor-
derlich, so erhaltst Du ein Telegramm in dem nur das Wort
^Manuscript" steht. Da von dem Eintreffen der Arbeit in
Frankfurt fur mich sehr viel abhangt, darf ich mich leider
weder durch die Riicksicht auf Dich noch auf Hofmannsthal
bestimmen lassen. Mir ist natiirlich dies MiBgeschick sehr
unlieb. Also bitte schreibe gegebenenfalls nach Erhalt des
Telegramms mit der notigen Deutlichkeit an Hofmannsthal,
daB ich in diesem Falle sehr um Entschuldigung bitte.
308
Fur heute nichts mehr. Wegen der Bauhutte erwarte ich
Deinen Bescheid.
Herzlichste Griifle Dein Walter
122 An Florens Christian Rang
18. Nov. 1923
Lieber Christian,
urspninglich gedachte ich auch diese Nachricht auf eine
Postkarte zu beschranken, indem ich aber Deine letzten
Briefe und den liebevollen Anteil, der aus ihnen alien spricht
iiberdenke, entschlieBe ich mich schon jetzt ausfiihrlicher zu
sein. Wiewohl ich gerade beim Schreiben Deinen Brief an
Erich [Gutkind] gerne zur Hand gehabt hatte. Ich habe ihn
zwar gelesen, aber mein Gedachtnis ist allzu durchlassig. Im
vorhinein gestehe ich zu, daB meine Situation nicht der
Erichs in jeder Hinsicht gleich ist. Erich hat - ich gehe hier
mit einem Wort naher in den Zusammenhang ein - das
positive des deutschen Phanomens wohl nie erfahren, sondern
vor Jahren in einer sehr ungliicklichen Weise in jenen ersten
Biichern, die er iiberwunden hat, dem Europaischen in einer
unvorsichtigen Weise, die fur den Sehenden eines Tages not-
wendig sich enthiillen, als Irrtum enthiillen muBte, sich
verschrieben. Indessen f iir mich immer begrenzte Volkstiimer
im Vordergrunde standen: das Deutsche, das Franzosische.
DaB und in wie tiefer Weise ich an das erstere gebunden bin
entschwindet meinem BewuBtsein niemals. Am wenigsten
konnte es das iiber meiner gegenwartigen Arbeit, denn nichts
fiihrt tiefer und bindet inniger als eine „Rettung" altern
Schrifttums, wie ich sie vorhabe. Wenn ich gar die Erf ah -
rungen meines Lebens anschaue, so bedarf das Dir gegen-
iiber, der Du sie so gut kennst, erst recht keines Wortes. Nun
aber sind einige Instanzen zu nennen, welche Du nicht nach
ihrer Tragweite fur mich zu wagen scheinst. Ich beginne mit
der gegenwartigen Lage des Deutschtums. GewiB stehst Du
309
mir heute fiir das wahre Deutschtum (ja auf die Gefahr, Dich
zu verstimmen, mbchte ich fast sagen, Du allein, unter dem
groBen Eindruck, den die leider nur fragmentarische Lektiire
der „Bauhiitte" auf mich gemacht hat.) Aber nicht zum
ersten Male erfahrst Du von mir, daB ich nur ungeheuer
widerstrebend, nur mit tiefsten Bedenken, Deine Gefolg-.
schaft mit meiner Person, mit dem Jiidischen in ihr ver-
mehre. Nicht aus opportunistischen Erwagungen stammen
diese Bedenken, sondern aus der jederzeit zwingend mir
gegenwartigen Einsicht: daB in den furchtbarsten Augen-
blicken eines Volkes einzig die zu reden berufen sind, die ihm
angehdren, nein mehr: die ihm im eminentesten Sinne an-
gehoren, die nicht allein das mea res agitur sagen, sondern
propriam rem ago aussprechen diirfen. Reden soil der Jude
sicher nicht. (Mir ist die tiefe Notwendigkeit in Rathenaus
Tod immer klar gewesen, indessen der Landauers, der nicht
„geredet", sondern „geschrieen" hat, die Deutschen mit an-
derer Schwere bezichtigt.) Soil er mitreden? Das ist auch eine
der Fragen, und zwar die objektiv wichtigste, welche die Auf-
forderung zur „Zuschrift" in mir erweckt. Und sollte ich dies
in diesem Zusammenhange, in den es gehort, nicht sagen
diirfen, daB eine Schrift, deren Wirkung mit so feinen Ge-
wichten ausgewogen werden wird, wie es der Deinigen ge-
schehen muB, sich Unrecht tut, indem sie [. . .] Martin Buber
unter ihr Gefolge aufnimmt. Hier, wenn irgendwo sind wir
im Kern der gegenwartigen Judenfrage: daB der Jude heute
auch die beste deutsche Sache fiir die er sich offentlich ein-
setzt, preisgibt, weil seine offentliche deutsche AuBerung
notwendig kauflich (im tiefern Sinn) ist, sie kann nicht das
Echtheitszeugnis beibringen. Ganz anders legitim konnen die
geheimen Beziehungen zwischen Deutschen und Juden sich
behaupten. Im iibrigen gilt, wie ich glaube, mein Satz: daB
alles was von deutsch- jiidischen Beziehungen heute sichtbar
wirkt, dies zum Unheil tut und daB eine heilsame Kompli-
zitat die edlen Naturen beider Volker heute zur Schweigsam-
keit iiber ihre Verbundenheit verpflichtet. — Die Frage der
Auswanderung, um auf sie zuriickzukommen, hat nur im
Sinn dieser defensiven Antwort auf Deinen Verpflichtungs-
510
versuch mit der jiidischen Frage zu tun. Im ubrigen nicht.
Vielmehr resiimieren deren Anforderungen fur mich vorder-
hand sich darin: Hebraisch zu lemen. Wo ich dann auch sein
werde, werde ich das Deutsche nicht vergessen. Wiewohl
auch dies gesagt werden muB : daB der verstockte Geist, mit
dem dieses Volk zur Stunde sich darin iiberbietet, seine
zuchthaushafte Einzelhaft zu verlangern, allmahlich auch
seine geistigen Schatze, wenn nicht verschiittet, so doch
rostig, schwer zu handhaben und zu bewegen macht. Wir
wissen ja, daB die Vergangenheit kein musealer Kronschatz
ist, sondern etwas das immer von Gegenwart betroffen ist.
Deutschlands Vergangenheit leidet jetzt unter der Abschnii-
rung des Landes vom ubrigen Erdleben, wer weiB wie lange
sie hierzulande noch lebendig erfaBt werden kann. Ich fur
meine Person stoBe schon jetzt. auf die Grenze. Und ohne bei
den geistigen Problemen zu verweilen, wende ich mich zu
den materiellen. Ich sehe — selbst mit Habilitation — keine
Moglichkeit meinen Aufgaben auch nur halbwegs ungeteilt
mich zuwenden zu konnen. Wer in Deutschland ernsthaft
geistig arbeitet, ist vom Hunger in der ernsthaftesten Weise
bedroht. Ich spreche noch nicht vom /^rhungern, aber immer-
hin aus Erichs und meiner (in dieser Hinsicht sehr verwandten
Lage und) Erfahrung heraus. GewiB gibt es vielerlei Arten
zu hungern. Aber keine ist schlimmer als es unter einem
verhungernden Volke zu tun. Hier zehrt alles, hier nahrt
nichts mehr. Meine Aufgabe, selbst wenn sie hier ware, ware
hier nicht zu erf iillen. Dies ist die Perspektive, aus der ich das
Auswanderungsproblem ansehe. Gebe Gott, daB es losbar ist.
Vielleicht gehe ich schon in wenigen Wochen fort, nach der
Schweiz oder nach Italien. Wenn meine Exzerpte gemacht
sind kann ich dort besser arbeiten und billiger leben. Aber
dies ist naturlich keine Losung. Was mir da an Moglichkei-
ten, vage genug, vorschwebt, sei auf das Gesprach verspart.
Was Palastina angeht, so gibt es zur Zeit fur mich weder
eine praktische Moglichkeit noch eine theoretische Notwen-
digkeit hinzugehen.
Dora denkt eventuell, zunachst urn das Terrain zu son-
dieren, an Amerika, wohin sie betreffs eines Postens ge-
311
schrieben hat. Sie hat ihre Stelle nicht behalten kdnnen, da
die Amerikaner hier das Biiro einschranken. Gesundheitlich
geht es ihr in letzter Zeit besser. Sie hat endlich, leihweise,
einen Fliigel bekommen und kann nun, seit Jahren zum
ersten Male wieder bei sich spielen, woriiber wir sehr froh
sind. Ich habe hier seit einiger Zeit ein kleines Zimmer
Meierotto Str. 6 bei Ruben Gartenhaus III. Meine Arbeit
schreitet seitdem ich einer geradezu auBerordentlichen Ruhe
mich erfreue besser fort. Sie stellt mich gerade jetzt vor zwei
Probleme, zu denen mir Deine AuBerung iiberaus wichtig
ware. Ich will sie beide hier in auBerster Abbreviatur stellen.
Das erste betrifft den Protestantismus des 17ten Jahrhunderts.
Ich frage mich: woher riihrt es, daB gerade die protestanti-
schen Dichter (die schlesischen Dramatiker waren Protestan-
ten, und zwar nachdriickliche) einen im hochsten Grade
mittelalterlichen Ideenschatz entfalten: extrem drastische
Todesvorstellung, vbllige Totentanzatmosphare, Auffassung
der Geschichte als groBe Tragbdie. Die Unterschiede vom
Mittelalter sind mir wohl gelaufig, allein ich frage: wie
konnten gerade diese hochst mittelalterlichen Vorstellungs-
kreise bannend damals wirken? - Das war die eine Frage.
Ein Wort von Dir dazu ware mir sehr wesentlich. Ich ver-
mute im Zustand des damaligen Protestantismus ware Auf-
schluB, der mir nicht erreichbar ist, dariiber zu find en. Das
Zweite betrifft die Theorie der Tragbdie, iiber die mich zu
auBern ich nicht vermeiden kann. Ich weiB aus unsern Ge-
sprachen daB Deine Anschauungen hier fest umrissen sind.
WeiBt Du einen Weg, auf dem Du sie wenigstens im Wich-
tigsten mir mitteilen kbnntest. Ich entsinne mich, daB wir
uns in dieser Frage sehr gut verstanden, leider aber an
Einzelheiten (wie das Verhaltnis von Tragbdie und Prophe-
tie u. a.) nicht mit geniigender Klarheit.
Uber die ersten Zeilen von Hofmannsthal habe ich mich
gefreut. Gespanntbleibe ich auf das iibrige.-WasdasHeinle-
sche Gedicht angeht, so ist die Lesart im Schreibmaschinen-
text die richtige. Vielleicht kann ich Dir wenn ich nach
Braunfels komme (wann? ob im Dezember ist noch nicht zu
bestimmen) Dinge von Wolf Heinle bringen, die Dir einen
312
neuen Einblick geben, besonders denke ich an die Marchen,
die Du wohl noch nicht kennst. Auf die Korrekturabzuge der
„Bauhiitte" freue ich mich; das Manuscript war nicht leicht
zu lesen. Hoff entlich habe ich zu einigem hier Beriihrten bald
eine Antwort von Dir. Fur Helmuts Genesung weiter die
innigsten Wiinsche und Dir und Deiner Frau von uns die
herzlichsten GriiBe.
Dein Walter
123 An Florens Christian Rang
Berlin, 25. 11.23
Lieber Christian,
Zuschrift 1
Die von Dir gedachte Form der Zuschrift will ich im Sinn
des Dir gewidmeten Schreibens, nicht des Zusatzes zu Deiner
Schrift verstehen. Denn jenen Eindruck der Vorlesung und
den weniger Korrekturbogen mir zum AnlaB eigener Aus-
fiihrungen zu nehmen, wurde ich leichtfertig nennen. Auch
wiirden Glossen, so notwendig Du sie fordern muBt, die
eigentumliche Schonheit Deiner Schrift leicht verletzen. Ge-
wiB ist diese Schonheit nicht das Wesentliche. Aber keine
Materie, deren der Philosoph sich verantwortlich annimmt,
kann sie verleugnen. Unter einer Analyse, welche dieses be-
tont, anderes iibergeht, wiirde sie zuriicktreten. Und doch
beruht die Hoffnung einer Wirkung auf dieser endlich er-
hobenen Weise einer Rede, welche ausklingen sollte. Du
weiBt, daB ich jene Hoffnung nicht teile. Aber was hier ge-
schrieben, daB es hier gedruckt steht, straft manches von dem
Zweifel, mit dem ich nicht allein gestanden habe, Liigen.
Anderes wird sich behaupten. Behaupten aber auch diese
Schrift, vor welcher die brutale Gedankenlosigkeit offent-
licher Argumentation sich bloBstellt. Wen sie lahmten, der
sieht sich nun erlost aus der Alternative, von Leisetretern
durch splendide Widerlegung der Clarte-Bewegung sich
513
einfangen zu lassen oder in pazifistischen Konventen seine
besten DenkgewiBheiten zu verleugnen. Ohne Hinterhalt
und ohne Bonhommie wird er auch mit dem Auslander reden
konnen. Denn diese Schrift achtet die geistigen Grenzen unter
den Volkern im gleichen MaBe, als sie ihre Sperrung ver-
achtlich macht. Zu alledem bedurfte es nichts Geringeres als
die Lebensarbeit, die hinter diesen Zeilen steht. Denn sie er-
harten, daB die Wahrheit, auch im Politischen, zwar eindeu-
tig ist aber nicht einf ach. Ich habe mich gefreut, Macchiavell,
Milton, Voltaire, Gorres von Dir genannt zu finden. Wohl
nicht in dem Sinne, in welchem sie mir hier erscheinen: als
Schutzpatrone einer gleich den ihrigen klassischen Streit-
schrift. Als Wahrzeichen eines Bereiches, in dem der unge-
bildete Parteimann unzustandig ist, wirst auch Du sie zu
nehmen verstatten. Schwerlich wird ihn das stutzig machen,
weniger noch die Berufung auf das Gewissen. Denn er wird
um den ethischen Grundsatz, mit dem er sie pariert, nicht
verlegen sein. Es ist ja das gemeinschaftliche Anliegen der
Gewissenlosigkeit und der Ideenarmut, die sittliche Vielheit
der Ideen unter der undurchsichtigen Allgemeinheit desPrin-
zips zu ersticken. Vielleicht siehst Du es gern, wenn ich an
meinem Teil es hervorhebe, daB aus Prinzipien nichts in
diesen Deinen Uberlegungen sich herschreibt, die wir philo-
sophisch gerade darum nennen, weil sie nicht aus Grundsatzen
und Begriffen deduziert, sondern aus dem Ineinanderwirken
von Ideen geboren sind. Aus Ideen von der Gerechtigkeit,
vom Recht, von der Politik, von der Feindschaft, von der
Luge. Unter den Liigen ist es keine mehr als das verstockte
Schweigen. Dagegen hast Du aufgewendet, was Strenge und
Sanftmut vermogen. Zu all den Wiinschen, in denen Du es
unternimmst, flige ich den einen, bescheidenen: daB es Dir
keinen Kummer bringen moge.
Dein Walter Benjamin
1 Vgl. Brief vom 7. 10. 1925 an Rang, Anm. 1.
314
124 An Florens Christian Rang
26. November 1923
Lieber Christian,
wenn audi in den letzten Tagen von Dir zu uns mehr ge-
kommen ist, als daB die Resonanz davon sich einem Briefe
allein einschlieBen lassen konnte, so bin ich doch froh nicht
fruher geschrieben, vielmehr die Absendung eines fertigen
Briefs von Tag zu Tag verschoben zu haben, da er nun in
einen neuen sich auflosen laBt. Zwei sonderbare Aufgaben
sinds, die letzthin ja fast einen ganzen Tag mit verschwin-
dend unscheinbaren Resultaten mich gekostet haben: die
„Zuschrift" die hier beiliegt und heute ein noch weit schma-
lerer Brief an Hofmannsthal. Du weiBt um Autoren-Ver-
fassungen zu gut Bescheid, als daB ich auszumalen brauchte,
wie sehr die Zeilen von Hofmannsthal mich begliickt haben
(da sie dies zu tun vermogen, ohne irgend die Eitelkeit ins
Spiel zu bringen). Es ist dieses Besondere an ihnen, daB sie
jenen vom Beriihmten iiber den Unbekannten fast unver-
meidlichen Nebenton vermissen lassen: als legitimiere erst
das Lob des ersten die Leistung des zweiten. Meine Antwort
glaubte ich ebenso dankbar wie formvoll halten zu miissen . . .
Unvermutet und im hochsten MaBe gewinnend ist in der Tat,
was er zu Deiner politischen Schrift auBert. Eine Stellung-
nahme, wie er sie in Aussicht stellt, wiirde angesichts seiner
Denkweise und seiner Vergangenheit von der hbchsten posi-
tiven Bedeutung fur ihn selbst sein. Sie wiirde fur ihn zeugen
wie kaum etwas anderes. Zu meiner Zuschrift bemerke ich:
sie ist entstanden aus dem Bediirfnis, Dir fur das was Du mit
ihr geleistet auf meine Weise, besser: an meinem Teil zu
danken und jeden Anschein als lieBe ich Dich in dieser Sache
im Stich zu meiden. Sie sagt nahezu alles, was ich bei dieser
Gelegenheit zu sagen habe. Die Judenfrage etwa dabei zu
beriihren ware gelinde gesagt mal a propos. Ein Hauptbeden-
ken, das ich vor dem Schreiben zu beriicksichtigen hatte, war
meine schwebende Frankfurter Habilitationsangelegenheit.
Die Empfindlichkeit einzelner Fakultatsmitglieder in den in
315
Rede stehenden Dingen kann kaum iiberschatzt werden.
Hinzukam, dafi mein besonderer Gonner weit rechts stent
und dafi gerade in Frankfurt die Schrift wolil unter die Leute
kommen diirfte. Ich habe diese Bedenken weniger im Schrei-
ben iiberwunden als dafi ich sie im Abschicken bei Seite setze.
Aus dem Bediirfnis, Dir ein uneingeschranktes Zeichen mei-
ner Gefolgschaft zu geben. Ein anderes aber sind Deine etwa
zu hegenden Bedenken vor dem Druck. Da ist vor allem das
Eine, das ich Dir nahelege: nichts konnte Deiner Schrift
schlechter dienen, als wenn am Schlufi in der Gefolgschaft
des Bannertragers ein winziges Griippleih in disparatenRich-
tungen gegangen kame. LaB das Bild, es ist nicht gut. Ich
meine etwas sehr Ernsthaftes. Deine Schrift vertragt nicht
1) Abschwachungen und Reservationen (Natorp!) 2) Bana-
lisierungen 3) allgemeineKannegiefierei. Ja, lieber Christian,
ich bekenne es: mein Vertrauen in den Takt Deiner Gefolg-
schaft ist nicht unbegrenzt, es sind darunter vielleicht Leute,
die ich bei aller Wohlmeinendheit fiir kapabel halte, mafilos
der Sache zu schaden. Auf die Gefahr hin, mich als eingebil-
det schelten zu lassen : meine Genossenschaft, die ich empfinde,
verlangt, dafi ich hier meine Meinung sage. Besser keine
Zuschriften als solche die mit den Worten ja sagen und mit
der Stimme desavouieren. Ferner: die Frage der Zahl der
Zuschriften. Sieben sind doch wohl das Minimum hinter
dies em Fahnlein. Sieben Aufrechte. Sonst ist's nicht. Weniger
sind meiner Ansicht nach unbedingt zu wenig! Weiter:
Wieviel von der Zahl diirfen Juden sein? Nicht mehr als ein
Viertel! Meiner festen Uberzeugung nach. Nicht sowohl und
allein wegen der Wirkung nach aufien als weil sonst besser
ist die Zuschriften fortzulassen und die Wirkung sich ent-
wickeln zu lassen anstatt sie schief auf unzulangliche Weise
vorwegzunehmen. Sequitur : meine Zuschrift erhaltst Du aber,
das Gesagte bitte ich Dich sehr zu bedenken, ehe Du sie in
Druck gibst. Wenn sie Dir irgend leicht entbehrlich scheint,
so lafi sie fort und nimm sie als Privatbrief zu meinen
andern. — Meine Mitgliedschaft zur Bauhiitte hast Du. Vor-
derhand allerdings nur sie. Unsere Finanzlage ist trostlos
und wir stehen in etwa spatestens einem Jahr, moglicher-
316
weise viel friiher vor dem Nichts. Wenn meine akademischen
Plane nicht bald zur Entscheidung kommen, so werde ich,
vermutlich in Wien, in ein Geschaft gehen. Dora hat wie ich
wohl schrieb ihre Stelle wegen Biiroeinschrankung verloren.
Ob sie nach Amerika geht, ob wir uns iiberhaupt auf langere
Zeit trennen, ist noch sehr fraglich. Stefan hat stets bei mei-
nen Schwiegereltern ein Asyl. Auch bei Lucie und Erich
[Gutkind] ist iibrigens die Finanzlage, ja die Ernahrungs-
lage kritisch. Stellt doch Erichs Physis, wie ich erst gestern
Lucie gegeniiber aussprach sicher besonders hohe Anforde-
rungen an Ernahrung, wie man ihnen jetzt beim besten
Willen kaum nachkommen kann . . . Diesen Zeilen mochte
ich noch einige Worte iiber Deinen letzten Brief an Erich
beif iigen, wahrenddem ich Deine platonischen tlberlegungen,
soweit ichderen nicht ganzleichtenZusammenhang im Brief e
erfassen kann, Spaterem vorbehalte. Im tiefsten Grunde dem
Gesprach, denn diese Gedanken beriihren die Grenze an der
der Briefwechsel versagt und das Gesprach beginnt. Zu Dei-
nem Brief an Erich dies : es gibt darin Eines, in dem ich Dir
voll beistimme, ein anderes, worin ich Dir widerspreche.
Uberaus wahr und a propos scheint mir, was Du vom „Stil
des Bekennens" auBerst. Ich fxihle darin ganz ebenso, und
ich weiB, daB es ganz klarer Legitimation bediirfte, um in
Fragen des Bekennens heute eine andere Sprache zu fiihren
als garkeine. Mir ist das alles, was Du von den Volkern
schreibst, aus der Seele gesagt. Die Liebe zu Volkern, Spra-
chen und Ideen gehort f iir mich zusammen, was nicht hindert,
daB zu Zeit en eine Flucht mir not tun kann, um diese Liebe
zu retten. Die mir freilich was Deutschland betrifft, durch
so entscheidende Lebenserfahrungen gesichert ist, daB ich
sie nicht verlieren kann. Doch will ich auch nicht ihr Opfer
werden. So wahr mir dasjenige scheint, was du vom Be-
kenntnis sagst, so wenig leuchtet mir ein, jene verbleibende
Verhaftung an Gott in die Begriffe Leben und Sterben zu
fassen, als sei das Sterben der Gottnahe noch teilhaft, das
Leben .der Gottverlassenheit verf alien. Vielmehr mochte es
wohl sein, daB wir mit dieser Fragestellung in ein echtes
Auseinandersetzungsgebiet zwischen Juden und Christen
317
gekommen sind. Mir erscheint es als unwahrscheinlich, daB von
irgend einem judischen Standort aus die Thora sich eher als
ein Sterbensmysterium derm als eine Lebensbiirgschaft fassen
lieBe. Uber die Frage der £tWt) mit Dir einmal zu reden, ware
mir sehr wichtig. Mir ist sie bisher nur von der Seite der
Sprache her erschienen, wie ich in der Einleitung zur Baude-
laireiibersetzung begonnen habe, mich mit ihr auseinander-
zusetzen. Fiir Deine Notiz uber den Protestantismus bin ich
Dir sehr dankbar. Sie hat mir viel Licht gegeben. An die
Tragodientheprie bin ich in den letzten Tagen nicht mehr
gegangen . . .
125 An Gerhard Scholem
Berlin W. [5. 12. 1923]
Lieber Gerhard,
da keine Berechnung darauf, daB mein Brief am Geburtstag
in Deine Hande kame, sich anstellen lieB, so habe ich mir
diesen Tag zum Schreiben an Dich vorgesetzt. Ich sage Dir
die doppelten und doppelt herzlichen Wiinsche die Deiner
Verheiratung und dem heutigen Geburtstag gelten. Hoffent-
lich hast Du diese Wiinsche heute nur in Hoffnungen die
Deine auBere Lage betreffen auszulegen; ich wiinsche von
Herzen und ich glaube daB die innere friedlich und klar ist.
Desto mehr begehre ich, bald von Dir genaues uber Deine
Eindriicke und Deine nachsten Vorsatze zu horen. Ich selber
bin gerade jetzt mit weniger als halbem Herzen in Deutsch-
land; eine Loslosung, ein Elan von auBen her tut mir not.
Andrerseits ist unsere Finanzlage in den letzten Monaten
durch die offentlichen Umstande so trostlos geworden, daB
ein Auslandsaufenthalt mich in wenigen Wochen mittellos
heimkehren sahe — aber doch vielleicht nicht mutlos. Das
Warten hier zehrt das letzte auf. Tritt der gewaltige Preis-
sturz, der fiir die kommenden Tage angekiindigt ist aber ein,
so verbleibt mir ein Hoffnungsrest, mich bis zum Fruhjahr
318
halten zu konnen, um dann fur eine Reise gtinstigere klima-
tische Moglichkeiten zu haben. Andernfalls werde ich um
Weihnachten fortfahren, wohin ist noch ganz unbestimmt,
weil ich wenn mbglich nicht ganz allein sein mochte. Viel-
leicht fahrt Ernst Schoen nach Holland. Selbst an Paris
dachte ich. Andrerseits an den Suden. Genug von diesen
UngewiBheiten und-zu andern. Meine Frankfurter Chancen
haben sich erheblich gebessert, aber die Zukunft der Univer-
sitat ist Gegenstand skeptischer Geriichte, die freilich auch
skeptisch aufzunehmen sind. Korff 1 ist weg. Die Angelegen-
heit ist bereits in einer Fakultatssitzung erwahnt worden und
es hat sich kein Widerspruch erhoben. Man erwartet dort
meine Arbeit. Die Literaturstudien, die ich mit groBer Inten-
sity und in groBem Umfang betrieben habe sind Weihnach-
ten beendet. Dann komme ich zur Abfassung. Ob die Arbeit
mir geniigen wird, vermag ich noch nicht bestimmt zu sagen.
DaB sie dem Zweck geniigt, darf ich fiir wahrscheinlich
halten. Hinzukommt, daB der Baudelaire erschienen ist. Ein
Exemplar wird Dir als mein Geschenk zugehen. Das Buch
ist schon und reprasentativ geworden, doch hat es den An-
schein, daB Weissbach durch Finten mich derart geschadigt
hat, daB ich kein Honorar und nur sieben Exemplare be-
komme. Dariiber bin ich trostlos. In der nachsten Nummer
von Hofmannsthals „Neuen deutschen Beitragen" beginnt
die Wahlverwandtschaftenarbeit zu erscheinen. Hofmanns-
thal erhielt sie von Rang und auBerte sich in einem Brief e
an ihn mit geradezu schrankenloser Bewunderung. Weiter
wird in den nachsten Tagen eine politische Schrift von Rang
erscheinen, eben jene, die er zum Teil am Tage Eurer Begeg-
nung in Frankfurt verlas. Ich schatze sie auf das hbchste.
Unter den mitgedruckten „Zuschriften" wirst Du eine von
mir finden.
[...]
Stefan geht es Gottseidank sehr gut. Ich sehe ihn zweimal
in der Woche — da ich nicht zuhause wohne - und habe immer
wenn ich da bin viel Zeit fiir ihn. Im iibrigen lebe ich sehr
einsanij so, daB meine Arbeit sogar im Grunde darunter
leidet. Mir fehlen alle Kommunikationsmoglichkeiten. Ernst
319
Schoen sehe ich haufig, morgen, nach sehr langer Pause Bloch.
Bald hoffe ich ausfiihrlich von Dir zu hbren. Ich wieder-
hole am SchluB allerherzlichst das Eingangs Gesagte.
Dein Walter
PS Zum fiinfjahrigen Griindungsjubilaum der Universitat
Muri, das im nachsten Jahre gefeiert werden soil, wird eine
Festschrift „ Memento Muri" erscheinen, fur welche Beitrage
erbeten sind.
1 Hermann August Korff wurde 1923 als Ordinarius nach Giefien
berufen.
1 26 An Florens Christian Rang
9. Dezember 1923
Lieber Christian,
die Treue, mit der Du mich angesichts meiner „Zuschrift"
zur tjberpriifung meiner Lage angehalten hast, danke ich
Dir von Herzen. Ich bin Deinem Wink gefolgt, indem ich
mit Frankfurt direkt mich in Verbindung gesetzt habe und
dafl auch von da Bestatigung kam, kannst Du aus meinem
bisherigen Schweigen entnehmen. Natiirlich habe ich nicht
von „offizieller" Stelle Bestatigung, aber dafl sie von [Gott-
fried] Salomon kam, der mit den Verhaltnissen vertraut ist,
muB mir gcniigen. Seit kurzem bekomme ich keine Fahnen
mehr zugesandt: weil ich die Zuschrift Dir schon sandte?
oder weil die Schrift nun vor ihrer Ausgabe steht. Hoff entlich
ist das letztere der Fall, denn nicht allein bin ich ungeduldig,
den Eindruck ihrer Totalitat in mich aufzunehmen — ich
habe auch hier, soweit ich es vermochte, die intensivste Span-
nung fiir sie geweckt. Ob ich Dir in meinem vorigen Brief
schon sagte, einen wie guten und tiefen Eindruck Hofmanns-
thals Einstehen fiir D einen Aufruf mir gemacht hat, weiB
ich nicht. Ich habe nur den Wunsch, daB er einhalt, was seine
Worte in Aussicht stellen, dies wurde meines Erachtens ge-
320
rade fur ihn und seine Beurteilung viel bedeuten. Heute friih
begann ich das Gerettete Venedig, das er vor Jahren nach
Thomas Otway gedichtet hat, fiir meine Trauerspielabhand-
lung zu lesen. Kennst Du es? Inzwischen habe [ich] ihm
selbstverstandlich mit einer Zusage geantwortet und ihm auch
den erschienen[en] Baudelaire ubersandt. Es ist das zweifel-
hafte Vorrecht aller mir Nahestehenden, ihrerseits auf diese
ihnen — und somit vor allem auch Dir— zustehende Gabe noch
warten zu mussen. Ganz und gar gewinnt es den Anschein,
daB Weissbach [durch einen juristischen Gaunerstreich erster
Ordnung (dessen schriftliche Darlegung untunlich ist)] mich
urn fast samtliche Freiexemplare und das ganze Honorar
bringen will. In einiger Zeit werde ich klarer sehen. Mein
Schreiben an Hofmannsthal hat, einmal befordert, in mir
den Zweifel erweckt, ob es bei aller ehrerbietigen Dankbar-
keit, die aus ihm spricht nicht zu formvoll gelungen ist. Ins-
besondere habe ich in meiner ersten AuBerung nochBedenken
getragen, meinerseits von den Heinleschen Dingen, die er ja
nicht beriihrt hat, zu reden, um nicht insistierend zu erschei-
nen. Ich glaube, Dich vielleicht bitten zu diirf en, bei Gelegen-
heit ihn dariiber anzufragen, falls er nicht in einiger Zeit
sich gegen mich oder Dich dariiber auBern sollte. Und auch
in andrer Hinsicht bitte ich Dich — und zwar schon im nach-
sten Briefe — Deine Vermittlerrolle fiir einen Augenblick
wieder aufzunehmen. Dies betrifft die Riicksendung 1) des
Argonautenaufsatzes und ganz besonders 2) der Wahlver-
wandtschaftenarbeit an mich, die ich noch haben muB, bevor
sie in die Druckerei geht. Namlich: ich habe sie hier weder
im Manuscript noch in irgendeiner Abschrift und muB sie
dringend fiir meine gegenwartige Arbeit in einigen Teilen
zu Rat ziehen. Was diese gegenwartige Arbeit betrifft, so ist
es seltsam, wie sie seit einigen Tagen mich heftig mit eben
den Fragen bedrangt, welche Dein letzter Brief mir als Deine
eigne Auseinandersetzung mit den Ideen vorstellte. Jetzt mit
Dir von Mund zu Mund dies verhandeln zu kbnnen, ware
mir, der ich ohnehin unter einer gewissen Einsamkeit leide
in die Lebensverhaltnisse und Gegenstand meiner Arbeit
mich gedrangt haben, unendlich wertvoll. Mich beschaftigt
321
namlich der Gedanke, wie Kunstwerke sich zum geschicht-
lichen Leben verhalten. Dabei gilt mir als ausgemacht, daB
es Kunstgeschichte nicht gibt. Wahrend die Verkettung zeit-
lichen Geschehens fiir das Menschenleben beispielsweise nicht
allein kausal Wesentliches mit sich fiihrt, sondern ohne solche
Verkettung in Entwicklung, Reife, Tod u. a. Kategorien das
Menschenleben wesentlich garnicht existieren wiirde, verhalt
sich dies mit dem Kunstwerk ganz anders. Es ist seinem
Wesentlichen nach geschichtslos. Der Versuch das Kunstwerk
in das geschichtliche Leben hineinzustellen eroffnet nicht
Perspektiven, die in sein Innerstes fiihren, wie etwa der
gleiche Versuch bei Volkern auf die Perspektive von Gene-
rationen und andere wesentliche Schichten fiihrt. Es kommt
bei den Untersuchungen der kurrenten Kunstgeschichte im-
mer nur auf Stoff- Geschichte oder Form-Geschichte hinaus,
fiir welche die Kunstwerke nur Beispiele, gleichsam Modelle,
herleihen; eine Geschichte der Kunstwerke selbst kommt
dabei garnicht in Frage. Sie haben nichts was sie zugleich
extensiv und wesentlich verbindet: wie eine solche extensive
und wesentliche Verbindung in der Volksgeschichte das Ab-
stammungsverhaltnis der Generationen ist. Die wesentliche
Verbindung unter Kunstwerken bleibt intensiv. Die Kunst-
werke stehen in dieser Hinsicht ahnlich wie die philoso-
phischen Systeme, indem die sogenannte „Geschichte" der
Philosophic entweder uninteressante Dogmen- oder gar Phi-
losophen- Geschichte ist, oder aber Problemgeschichte, als
welche jederzeit die Fiihlung mit der zeitlichen Extension zu
verlieren und in zeitlose, intensive - Interpretation iiber-
zugehen droht. Die spezifische Geschichtlichkeit von Kunst-
werken ist ebenfalls eine solche, welche sich nicht in „Kunst-
geschichte" sondern nur in Interpretation erschlieBt. Es treten
namlich in der Interpretation Zusammenhange von Kunst-
werken untereinander auf, welche zeitlos und dennoch nicht
ohne historischen Belang sind. Dieselben Gewalten namlich,
welche in der Welt der Offenbarung (und das ist die Ge-
schichte) explosiv und extensiv zeitlich werden, treten in der
Welt der Verschlossenheit (und das ist die der Natur und der
Kunstwerke) intensiv hervor. Bitte verzeihe diese diirftigen
322
und vorlaufigen Gedanken. Sie sollten mich nur hierher
leiten, wo ich Dir zu begegnen hoffe: die Ideen sind die
Sterne im Gegensatz zu der Sonne der Offenbarung. Sie
scheinen nicht in den Tag der Geschichte, sie wirken nur
unsichtbar in ihm. Sie scheinen nur in die Nacht der Natur.
Die Kunstwerke nun sind definiert als Modelle einer Natur,
welche keinen Tag also auch keinen Gerichtstag erwartet,
als Modelle einer Natur die nicht Schauplatz der Geschichte
und nicht Wohnort der Menschen ist. Die gerettete Nacht.
Kritik ist nun im Zusammenhange dieser Uberlegung (wo sie
identisch ist mit Interpretation und Gegensatz gegen alle
kurrentenMethoden der Kunstbetrachtung) Darstellung einer
Idee. Ihre intensive Unendlichkeit kennzeichnet die Ideen
als Monaden. Ich definiere: Kritik ist Mortifikation der
Werke. Nicht Steigerung des BewuBtseins in ihnen (Roman-
tisch!) sondern Ansiedlung des Wissens in ihnen. Die Philo-
sophic hat die Idee zu benennen wie Adam die Natur um
sie, welche die wiedergekehrte Natur sind, zu iiberwinden. —
Die gesamte Anschauung des Leibniz, dessen Gedanke der
Monade ich fur die Bestimmung der Ideen aufnehme und
den Du mit der Gleichsetzung von Ideen und Zahlen be-
schworst - denn fur Leibniz ist die Diskontinuitat der ganzen
Zahlen ein fur die Monadenlehre entscheidendes Phanomen
gewesen — scheint mir die Summa einer Theorie der Ideen zu
umfassen: die Aufgabe der Interpretation von Kunstwerken
ist: das creatiirliche Leben in der Idee zu versammeln. Fest-
zustellen. — Verzeih wenn dies alles nicht verstandlich sein
sollte. Deine Grundkonzeption hat mich durchaus erreicht.
Mir stellt sie sich letzten Endes in der Einsicht dar: daB
alles menschliche Wissen wenn es sich soil verantworten
konnen, die Form der Interpretation haben muB und keine
andere und daB die Ideen die Handhaben feststellender
Interpretation sind. Nun kame es auf eine Lehre von den
verschiedenen Arten von Texten an. Platon hat im Symposion
und Timaios den Umkreis der Ideenlehre als den von Kunst
und Natur abgesteckt; die Interpretation historischer oder
heiliger Texte ist vielleicht in keiner bisherigen Ideenlehre
vorgesehen. Sollten Dir diese Uberlegungen trotz ihrer Durf -
323
tigkeit die Moglichkeit einer AuBerung gewahren, so wiirde
ich mich sehr freuen. Jedenfalls werden wir einander auf
diesem Gebiet noch oft begegnen imissen. - Das Versagen
von [Eugen] Rosenstock bietet nun eine spate Einlosung
meiner damals iiber ihn verlautbarten Worte. Mir war es nie
willkommen, seinen Namen im Eingang der Schrift zu fin-
den. Nun hat er ihn also moralisch selbst gestrichen. Weitere
herzliche Wiinsche fur Euch und Helmuth und von Haus
zu Haus.
Dein Walter
127 An Florens Christian Rang
Weihnachtenl923
Lieber Christian,
laB mich Dir ganz besonders Deine GriiBe zur Weihnacht er-
widern, nach unser beider „Glauben der Liebe", wie mir
gestern mit dieser schonen Formel ein Christ sie sandte, wie-
wohl das Gesprach mit ihm fast nie, wie so oft das unsre, die
eigne Religion beriihrt hatte. Ich kann dies Jahr die GriiBe
so besonders erwidern, weil es vielleicht das erste war, das in
mir unsere Bindung, und wie Unaufzahlbares ich ihr oder,
um es gleich zu sagen : Dir danke, zu so sicherem BewuBtsein
gebracht hat, daB das „Du" unserer Rede zur notwendigsten
Gestalt in mir heranwuchs. Das Wissen um Bereiche, das sich
fur den Denker soviel schwerer als fur den Mathematiker
erwirbt, ich meine die Einsicht im Denken einen unver-
gleichlichen Schritt auf festem Grunde zu tun und nicht nur,
mit unverbindlicher Blickrichtung, irgendwohin zu lugen,
hat sich in Gesprachen mit Dir mir immer wieder mit unge-
heurer Bedeutsamkeit eingepragt und dies Jahr, da wir uns
weniger sprachen, sind mir die Gewesenen im Geist noch
hochst lebendig geworden. Die Ermutigung, die ich aus ihnen
geschopft habe, habe ich bitter notig gebraucht und werde
sie immer weniger entbehren konnen. Denn die zwangs-
324
maBige Vereinsamung der denkenden Menschen scheint
reiBend urn sich zu greifen, und ist in den groBen Stadten,
wo sie ganz unfreiwillig sein muB, am schwersten zu ertra-
gen. Dann aber ist bei solchem GruBe das Merkwiirdige, daB
er neben alien Weihnachtserinnerungen aus der Kindheit,
denen das Gewissen einen breiteren Raum zu gonnen ver-
bietet, auf eine trifft, die zu den drei oder vier unverauBer-
lichen meines Lebens gehoren in denen dieses sich vernehm-
bar in mir gestaltete. Ich weiB nicht wie alt ich war, vielleicht
sieben, vielleicht zehn Jahre. Vor der Bescherung saB ich
allein in einem dunklen Zimmer und dachte an das Gedicht
„Alle Jahre wieder" oder sagte es. Was dabei eigentlich ge-
schah weiB ich nicht und der Versuch es auszusprechen wiirde
nur eine Falschung hervorbringen. Kurz, noch heute sehe ich
in diesem Augenblick mich in jenem Zimmer sitzen und
weiB, daB es das einzige Mai in meinem Leben war, daB ein
seinem Gehalt nach religioses Liedwort oder Wort iiberhaupt
in mir eine unsichtbare oder nur fluchtig sichtbare Gestalt
annahm.1 — Fur Euch ist hoffentlich mit diesen Wochen, die
Euch fur Helmuths Befmden sorgenfreier machen konnen,
eine gute Zeit angebrochen und ich hoffe, daB Ihr das Fest
angenehm und zufrieden verlebt.
Wiederum stimme ich meinerseits mit dem was Du liber
Hofmannsthal schreibst ganzlich iiberein. Es ist nun wohl
der Augenblick gekommen, an dem Du vorhast, neuerdings
Dich an ihn zu wenden und da bitte ich Dich denn, das Er-
suchen um baldigste Riicksendung meines Manuscripts ihm
vorzutragen, da ich mich indessen noch nicht an ihn gewen-
det habe, nun aber Einblick in gewisse Stellen der Arbeit
nehmen muB. Bitte verdenke es mir nicht, wenn ich gleich-
zeitig zwei andere Bitten um Briefe vortrage. Ich wollte
Deinen Ersuchen um Riicksendung jenes mir so angenehmen
Briefes von Hofmannsthal damals entsprechen — inzwischen
erst ist mir, besonders in Gesprachen, aufgefallen, wie be-
trachtlich der EinfluB dieses Schreibens im Sinne der Er-
leichterung literarischer Verhandlungen iiberhaupt fur mich
werden konnte. Daher ware es mir hochst lieb, bei Gelegen-
heit diesen Brief im Original zur Verwahrung und gegebe-
325
nenfalls diskretesten Verwendung von Dir neuerlich zur
Verfiigung gestellt zu erhalten. Die andere Bitte betrifft
meinen letzten Brief iiber die „Ideen", in dem ich erstmalig
Gedanken skizziert habe, auf die ich im Laufe meiner Arbeit
vielleicht werde zuriickgreifen miissen. Auch diesen Brief
mir zu gelegentlicher Verfiigung bereitzuhalten wiirde ich
Dich bitten . . . Erschreckend ist — von der materiellen Not
ganz abgesehen — wie sichtlich die Vereinsamung der geisti-
gen Menschen im Wachsen begriffen ist. Sturmzeichen.
Dir wiinsche ich die feierliche Musik von Wintersturmen
und daB das Jahr gut und fruchtbar zu Ende gehen moge, bis
ich zum neuen mit Gliickwunschen mich einstelle. Von Haus
zu Haus herzliche GriiBe
Dein Walter
1 Vgl. Schriften I, S. 626 ff.
128 An Florens Christian Rang
10. Januar 1924
Lieber Christian,
die neue Ruhepause in unsrer Korrespondenz hat ihre Ur-
sache, wie ich vermute, nicht in meinen Umstanden allein.
Vielmehr bist wohl auch Du von eigner Arbeit beansprucht.
Dies kann ich von mir selbst sogar nur eingeschrankt behaup-
ten. Einerseits zwingt mich die fallige Arbeit; aber da sie in
der Tat bisweilen mehr zwingt als fesselt, so gab es einen
gewissen Riickschlag in Gestalt von mancherlei Zerstreuun-
gen. Nun kann ich aber, da ich mich neuerlich zur Sache
gerufen habe, vor dem AbschluB nicht mehr pausieren.
Was sich in monatelanger Lektiire und immer neuem Spin-
tisieren angehauft hat, liegt nun nicht sowohl als eine Masse
von Bausteinen bereit, denn als Reisighaufe, an den ich den
Funken der ersten Eingebung gewissermaBen umstandlich
von ganz woanders her heranzutragen habe. Die Arbeit der
326
Niederschrift wird demgemaB, wenn es gliicken soil, sehr er-
heblich sein miissen. Mein Fundament ist merkwiirdig — ja,
unheimlich — schmal: die Kenntnis einiger weniger Dramen;
langst nicht aller, die in Frage kommen. Eine enzyklopadi-
sche Lektiire der Werke in dem winzigen Zeitraum, der mir
zurVerfiigung stent, hatte unfehlbar einen uniiberwindlichen
degout in mir erzeugt. Die Betrachtung des Verhaltnisses
vom Werk und seiner ersten Eingebung, die alle Umstande
der gegehwartigen Arbeit mir nahelegten, fiihrt mich zu der
Einsicht: jedes vollkommene Werk ist die Totenmaske seiner
Intuition 1 .
Was Deine eigne Tatigkeit betrifft, so wird sie hoffentlich
durch die vermutliche Saumseligkeit Deines Verlegers nicht
allzu sehr belastet. Im Grunde ist die Lage jetzt derart, daB
die Schrift jetzt viel eher den rechten Augenblick ergreift, als
wenn sie friiher erschienen ware. Was meinen Heidelberger
Brotherrn (!) betrifft, so hat er meine schlimmsten Erwar-
tungen nicht eingelost, vielleicht weil ich ihm rechtzeitig von
meinem neuen Patron Hofmannsthal Mitteilung machte. Die
Erledigung der Honorarfrage scheint er nunmehr loyal vor-
nehmen zu wollen. Anders verhalt er sich leider in der Frage
der mir zustehenden Freiexemplare. Doch hier gilt: kommt
Zeit, kommt Rat, und wenn meine nachsten Freunde sich
etwas gedulden, werde ich mich, wenn auch verspatet, mit
dem Bande einstellen konnen. Nun, da er vorliegt, sehe ich,
daB es letzten Endes fur den Autor wesentlicher ist, mit
seinen problematischen Arbeiten offentlich zu erscheinen, als
mit seinen gegliickten, sofern von jenen dieBe£reiung,welche
das gedruckte Werk bringt, weit mehr not tut als von diesen,
Bei mir waltet kein Zweifel mehr iiber das hochst Problema-
tische dieser Ubersetzung, sofern ihr die Faktur, die Beson-
nenheit in den Dingen der Metrik schlechtweg fehlt. Du hast
mich, wenn auch zuriickhaltend, schon friih darauf hinge wi e-
sen. Reparabel war das natiirlich nicht, nur ein Beginnen
von neuem ist hier am Platze. Ich hoffe, daB mir das einmal
moglich sein wird. Mit einer gewissen Beruhigung gewahre
ich eine entsprechende Reserviertheit gegeniiber den Uber-
setzungen bei Hofmannsthal und ich will ihm im Sinne dieser
327
Zeilen schreiben. Bestehen bleibt fur micli, daG stellenweise
diettbersetzung mir in jedem Sinne geniigt. Die beiliegenden
Briefe von Hofmannsthal bitte icb Dich mir zuriickzusenden.
Sie haben mich natiirlich auBerordentlich gefreut . . .
Scholem schrieb mir ausfiihrlich. Er ist an der Bibliothek
in Jerusalem angestellt und soil spater die spezielle Leitung
ihrer hebraischen Abteilung erhalten. Er hat geheiratet und
scheint in dem neuen Lande sehr gliicklich. Gutkinds tragen
sicb ernstlich mit Ausreise-, d. h. Auswanderungsplanen.
Doch ob sie das Geld aufbringen kbnnten, ist sehr fraglich . . .
Mir geht es in letzter Zeit, trotz intensiver Zores, nicht
schlecht. Nur meine Bibliothek, die gleichsam einrostet, da
ich nichts mehr anschaffen kann, betriibt mich hin und
wieder. Meine letzte, auch schon unverant worth che, Extra-
vaganz war, daB ich mir eine alte Ausgabe der Werke von
Hofmannswaldau auf einer Auktion erstand.
Diesen Brief schreibe ich im Cafe Bauer, einem der ganz
wenigen echten und altmodischen, welche Berlin noch hat. In
ein paar Tagen wird es geschlossen und verlegt.
Dir und deiner Frau die herzlichsten GruBe von mir und
von Dora.
Dein Walter
1 Vgl. Schriften I, S. 538 : „Das Werk ist die Totenmaske der Kon-
zeption".
129 An Hugo von Hofmannsthal
Berlin, 15. Januar 1924
Hochverehrter Herr von Hofmannsthal!
Wahrend Ihre Briefe durch den warmen und eingehenden
Anteil, den Sie meiner Arbeit gewahren, mich mit Freude
und Dankbarkeit erfxillen, erfuhren Sie von meiner Seite
Komplikationen Ihrer Redaktionsarbeit. Dieser Gegensatz
beschamt mich und ich bitte Sie herzlich, die Unsicherheit,
528
in die, durch meine Verfehlung, der letzte Brief von Herrn
Rang Sie versetzte, zu entschuldigen. Gestatten Sie mir,
wenige Worte iiber AuBeres ans Ende des Briefes zu schieben
und zuerst von dem mir nachstliegenden zu reden. Es ist von
hoher Bedeutung fin* mich, daB Sie die Uberzeugung, welche
in meinen literarischen Versuchen mich leitet, so deutlich
herausheben und daB Sie sie, wenn ich recht verstehe, teilen.
Jene Uberzeugung namlich, daB jede Wahrheit ihr Haus,
ihren angestammten Palast, in der Sprache hat, daB er aus
den altesten logoi errichtet ist und daB der so gegfiindeten
Wahrheit gegeniiber die Einsichten der Einzelwissenschaften
subaltern bleiben, solange sie gleichsam nomadisierend, bald
hier bald da im Sprachbereiche sich behelfen, befangen in
jener Anschauung vom Zeichencharakter der Sprache, der
ihrer Terminologie die verantwortungslose Willkiir aufpragt.
Demgegenuber erfahrt die Philosophic die segensreicheWirk-
samkeit einer Ordnung, kraft welcher ihre Einsichten jeweils
ganz bestimmten Worten zustreben, deren im Begriff ver-
krustete Oberflache unter ihrer magnetischen Beruhrung sich
lost und die Formen des in ihr verschlossenen sprachlichen
Lebens verrat. Fur den Schriftsteller aber bedeutet dieses
Verhaltnis das Gliick, an der Sprache, welche dergestalt vor
seinen Augen sich entfaltet, den Priifstein seiner Denkkraft
zu besitzen. So versuchte ich vor Jahren, die alten Worte
Schicksal und Charakter aus der terminologischen Fron zu
befreien und ihres urspriinglichen Lebens im deutschen
Sprachgeiste aktual habhaft zu werden. Aber gerade dieser
Versuch verrat mir heute auf das klarste, welchen, unbewal-
tigt in ihm verbliebnen, Schwierigkeiten jeder derartige Vor-
stoB begegnet. Dort namlich wo die Einsicht sich unzureichend
erweist, den erstarrten Begriffspanzer wirklich zu losen, wird
sie, um in die Barbarei der Formelsprache nicht zunickzuf al-
ien, sich versucht finden, die sprachliche und gedankliche
Tiefe, die in der Intention solcher Untersuchungen liegt,
nicht sowohl auszuschachten als zu erbohren. Diese Forcie-
rung von Einsichten, deren unfeine Pedanterie freilich der
heute fast durchweg verbreiteten souveranen Allure ihrer
Verfalschung vorzuziehen ist, beeintrachtigt unbedingt den
329
fraglichen Aufsatz und ich bitte Sie, es fur aufrichtig zu
halten, wenn ich in diesem Sinne die Ursache gewisser Dun-
kelheiten darin bei mir finde. (Ebenso steht es mit dem An-
fang des Absatzes III der Wahlverwandtschaftenarbeit). So.llte
ich, wie es angezeigt ware, auf die Probleme jener friiheren
Arbeit zuriickkommen, so wiirde ich den Frontalangriff auf
sie kaum mehr wagen, sondern, wie ich es mit dem „ Schick -
sal" in der Wahlverwandtschaftenarbeit hielt, den Dingen in
Exkursen begegnen. Heute lage es mir am nachsten, von der
Seite der Komodie her sie zu beleuchten.
Ich wage es, im Sinne der wachsenden gegenseitigen Fiih-
lung, deren Moglichkeit Sie so freundlich beschworen, mei-
nem Baudelaire einige Worte nachzuschicken. 1st mir in
jenem Sinne doch ebenso wichtig, wie die Mitteilung dieser
Arbeit selbst die einer kurzen Bemerkung iiber meine Stel-
lung zu ihr. Von meinen ersten Versuchen einer Ubersetzung
aus den Fleurs du mal bis zur Drucklegung des Buches sind
neun Jahre verflossen, eine Zeit, die mir die Moglichkeit gab,
Vieles zu bessern, in ihrem letzten Ablauf aber auch die
Einsicht in dasjenige, was, unzureichend, dennoch keiner
„Besserung" zuganglich war. Ich habe dabei das ebenso ein-
fache wie gewichtige Faktum im Sinne, da£ die Ubersetzung
metrisch naiv ist. Damit meine ich nicht sowohl die metrische
Haltung der Ubertragungen als die Tatsache, daB sie mir
nicht im selben Sinne zum Problem geworden war, wie die
Vorrede dies von der Wortlichkeit ausspricht. Das BewuBt-
sein davon ist mittlerweile mir so deutlich geworden, daB es
hinreichende Initiative fur neueUbersetzungsversuche in sich
birgt. Ich bin der Uberzeugung, daB zuletzt nur die metrische
Besonnenheit einer Ubersetzung der Fleurs du mal intensiver
als die meinigen des Baudelaireschen Stils teilhaft macht,
eines Stils, der mich zuletzt mehr als alles andere faszinierte
und den ich den Barock der Banalitat nennen mochte in dem
Sinne, in dem Claudel ihn ein Gemisch aus dem Stil Racines
und eines Reporters der vierziger Jahre des vorigen Jahr-
hunderts genannt hat. Kurz, ich mochte noch einmal aus-
ziehen, um es zu versuchen, jene sprachlichen Bereiche zu
betreten, in denen das Mode wort mit dem allegorisierten
330
Abstractum (Spleen et Ideal) sich begegnet und zugleich auf
diesem Gebiete eine solche Klarheit im Metrischen zu er-
reichen, wie sie im Bereiche des griechischen Epigramms aus
der neuen Ohlerschen Ubertragung vom Kranz des Meleager
von Gadara1 mir zu sprechen scheint. Ich beschaftigte mich
vor Monaten damit, als ich Studien zu einer Einleitung in
den NachlaB der beiden Heinle machte.
Was nun das Manuscript2 und den Druck in der Bremer
Presse3 angeht, so hatte ich verabsaumt, Herrn Rang, dem
ich seinerzeit den Wunsch, das Manuscript wieder einzu-
sehen, mitgeteilt hatte, von Ihrem ersten Briefe umgehend
zu verstandigen, und so war er nicht im Bilde. Sollte es mir
zur Zeit nicht gelingen, eine zweite Abschrift aus Frankfurt
zuriickzuerhalten, so wiirde ich in dem von Ihnen angegebe-
nen Sinne mich an Herrn Dr. Wiegand wenden, was um so
unbedenklicher ware, als ich nur den dritten Teil der Arbeit
kurz benotige, dessen Satz wohl nicht drangt. Ubrigens ent-
hielt die Sendung des Herrn Dr. Wiegand die Abschrift der
Heinleschen Gedichte nicht. Ich besitze sie natiirlich in mehr-
facher Ausfertigung und bin beruhigt, wenn ich sie bei Ihnen
weiB. Die Absatzliberschriften der Wahlverwandtschaften-
arbeit sind nicht zur Veroffentlichung bestimmt.4
Ich schliefie mit der erneuten Versicherung meiner dank-
baren Ergebenheit
Ihr Walter Benjamin
1 Der Kranz des Meleagros von Gadara. Auswahl u. Ubertragung von
August Oehler [d. i. August Mayer]. Berlin 1920. (Klassiker des Alter-
tums. 2. Reihe, 15. Bd.)
2 der Wahlverwandtschaftenarbeit.
3 Die von Hofmannsthal herausgegebenen „Neuen Deutschen Bei-
trage" erschienen als Handpressendruck der Bremer Presse, die 1910
von Willy Wiegand und Ludwig Wolde in Bremen gegriindet, von
1921 bis 1939 von Wiegand in Miinchen geleitet wurde.
4 Sie sind in der Handschrift des Aufsatzes (in Scholems Besitz) er-
halten. Auch die Widmung an Jula Cohn ist im Druck fortgefallen,
da Hofmannsthal keine Widmung aufnahm.
331
130 An Florens Christian Rang
Berlin, 20. Januar 1924
Lieber Christian,
der erste Tag, an dem ich, nach langerer Pause wieder inten-
siv von der Literatur fort auf eignen Oberlegungen und
Gedanken zu meiner Arbeit mich wende, veranlaBt mich
sogleich, auf Deine Beitrage zu diesen zuriickzugreifen. Und.
damit, allerdings nur erst mittelbar, auf Literatur. Es ist
namlich fur mich sehr wichtig, zu erfahren, welche Belege '
fur eine Herleitung der Tragodie aus dem Agon auBer dem
Worte Protagonist sich angeben lieBen, und auch ob die
Deutung jenes Wortes fur den Schauspieler in Deinem Sinne
sichergestellt ist. Damit hangt die weitere Frage zusam-
men, ob der Opferaltar im Mittelpunkt der antiken Biihne,
sowie ein altes Lbsungsritual des Entlaufens und um den
Altar Herumlaufens wissenschaftlich kurrente Fakten sind
und, falls Du etwa dariiber unterrichtet bist, wie sich die wis-
senschaftliche Auffassung dieser Tatbestande bisher prasen-
tiert hat, falls sie - wie ich fur moglich halte - von der Deini-
gen abweichend gewesen ist. Wichtig ist mir weiter aus
Deinen Beitragen besonders noch der SchluBsatz der Notiz
„Agon und Theater", deren Abschrift Du mir sandtest. Die-
sem SchluBsatz mochte ich entnehmen, daB doch der SchluB
der Tragodie von einer sichern Sieghaftigkeit des mensch-
heilgott-Prinzips irgendwie entfernt ist und daB auch da eine
Art von non-liquet als Unterton zuriickbleibt. - Ich will ja
auf die Theorie der Tragodie (welche wohl oder iibel: unsere
wird sein miissen) nur im Vorubergehen mich einlassen,
gerade wegen dieser Kiirze aber muB ich Prazision erstreben.
— Wie das Ganze sich ausnehmen wird, wenn es fertig ist,
weiB ich garnicht. Nur soviel steht mir fest, daB ich meine
ganze Energie wahrend der nachsten Zeit werde hineinlegen
miissen.
Hofmannsthal habe ich vor kurzem ganz ausfiihrlich ge-
schrieben. Mein Brief an Dich ist hoffentlich in Deinen Han-
den, so daB ich bald Nachrichten von Dir erwarten darf .
352
Die herzlichsten GriiBe von Haus zu Haus
Dein Walter
Agon und Theater
(Aus dem Tagebuch von Florens Christian Rang)
Agon kommt vom Totenopfer. Der zu Opfernde darf ent-
laufen, wenn er schnell gemig. Seitdem iiber blasse Angst vor
dem Toten, der den Uberlebenden als Opfer heischte, der
Glaube wieder siegte, dafi der Tote liebend segne. Oder nicht
der Tote, aber ein hoherer Tote noch. So wird Agon Gericht
des Gottes iiber den Menschen und des Menschen iiber Gott.
Das athenisch-syrakusanische Theater ist Agon (vergleiche
das Wort Agonist). Und zwar ein solcher Agon, in dem im
Gericht gegen Gott ein hoherer Heiland-Gott erbetet wird.
Der Dialog ist ein Wettreden, d. i. Wettlaufen. Sowohl der
beiden Stimmen, die den Menschen bzw. den Gott verklagen
und entschuldigen wie beider zu dem gemeinsamen Ziele, dem
zu sie entlaufen. Dieses ist das jiingste Gericht iiber Gotter
und Menschen. Der agonal e Lauf ist auch im Theater noch
Totenopfer, siehe das Opfer des Archon Basileus. Der agonale
Lauf ist auch im Theater Gericht, denn er stellt das jiingste
Gericht vor. Er schneidet das Amphitheater des beliebig zeit-
langen Wettlaufs entzwei und setzt die raumliche Grenze der
Skene. Aus der linken Unheilstiir laufen die Agonisten her-
vor. Sie durchlaufen — durch das Medium des Chaos — sym-
pathetisch das Halbrund der Gemeinde um den Opferaltar
herum und enden in der Heilsttir - rechts. Als jiingstes Ge-
richt nimmt dieser Wettlauf die mensch-gottliche Vergan-
genheit in sich, der Lauf vollzieht sich im Bild der den Lauf
schon vollendet habenden groBen Toten. Die Gemeinde aner-
kennt das Opfer, den Tod, aber dekretiert zugleich den Sieg,
so dem Menschen wie dem Gott.
333
131 An Florens Christian Rang
Jan. 1924
[Rangs Geburtstag 28. Jan.]
Lieber Christian,
Dein langeres Schweigen hatte mich vielleicht schon beun-
ruhigt, wenn ich nicht dieser Tage von Deinem Schreiben
nach Griinau gehbrt hatte und daB es iiber Helmuths Befin-
den so erfreuliche Nachrichten gibt. Damit ist, scheint mir,
der bei weitem gewichtigste Teil der Wiinsche, die wir alle zu
Deinem Geburtstag hegen, der Erfiillung nahe. Viel weni-
ger besorgt bin ich um den eines andern: daB Dir die Kraft
und die Flille der Gedanken noch auf Jahr und Jahrzehnt
hinaus treu bleibe, damit die Erntewagen der Ideen weiter-
hin so hoch beladen einfahren wie bisher. Was wir als Gabe
bringen, das ware allenfalis so eine Art Zweigespann, von
dem ich glaube, daB es einander nicht unahnlieh und also
vertraglich und geziemlich bei der Arbeit sich benehmen
wird. Auch mag es eine ganz leidliche, wenn auch wenig be-
kannte und ausgereifte Zugkraft besitzen. DaB das eine
Pferdchen so locker im Gespann geht, ist nicht unsere Schuld,
es war nicht anders zu haben.
Meine Fahrten bei diesem AnlaB aber brachten mir eine
tolle Erfahrung. Bernhard1 hatte auf meine Anfrage einen
Rat gegeben und gemeint, daB eine gute Ausgabe einer scho-
lastischen Schrift Dir wiirde von Nutzen sein konnen. Ich
also begab mich in die groBe Herdersche Buchhandlung. Es
waren noch keine ftinf Minuten verstrichen, als der maB-
gebendeHerr mir die zuverlassigeMitteilung machenkonnte,
daB weder im lateinischen noch im deutschen Text irgendeine
scholastische Schrift auf Lager sei! Mithin: von oben bis
unten steckt das ganze Haus voller Romane und Traktatchen.
— Weiter horte ich von Bernhard, daB urspriinglich Deine
Kinder Dir den Baudelaire hatten schenken wollen. Aber dies
ist und bleibt naturlich meine Angelegenheit und ich werde
in absehbarer Zeit ihr nachkommen.
Verzeih, wenn ich sogar in diesen Feiertagsbrief meinen
334
alltaglichen Philologensorgen EinlaB gewahre. Aber die
Arbeit brennt nun so unter den Handen, daB auf einmal alles
endlos Verschobene auf seiner Erledigung besteht. Und f iir die
Frage des griechischen Theaters bin und bleibe ich auf Dich
allein angewiesen. Mir ware sehrwichtigzuwissen, obirgend-
ein nachweislicher Zusammenhang, sei es historischer, sei es.
rein sachlicher Art zwischen der dianoetischen Dialogform
besonders des Sophokles und Euripides und dem attischen
Gerichtsverfahren besteht und, falls er existieren sollte, in
welchem Sinne er zu verstehen ware. In der Literatur fand
ich dariiber nichts, aus eigner Un-Kenntnis kann ich die
Frage nicht entscheiden und sie liegt doch auf der Hand.
— Im iibrigen habe ich das umfangreiche Material nun fast
vollzahlig versammelt und die Niederschrift wird demnachst
beginnen. Es wird ein hartes Stuck Arbeit werden.
Dir und Deiner Frau nochmals die herzlichsten Wiinsche
und Euch alien einen frohen Tag
Dein Walter
l Bernhard Rang, Sohn von Florens Christian Rang.
Theater und Agon
[Abschrift aus Rangs Brief an W. Benjamin vom 28. 1. 24]
Recht hast Du, wenn Du iiber den SchluBsatz meiner
Aufzeichnung „Agon und Theater" schreibst: „Diesem
SchluBsatz mbchte ich entnehmen, daB doch der SchluB der
Tragodie von einer sicheren Sieghaftigkeit des Menschheil-
gottprinzips irgendwie entfernt ist und daB auch da eine Art
von non-liquet als Unterton bleibt." Durchaus ist dies meine
Meinung. Die jeweils gefundene tragische Lbsung ist zwar
Erlosung, aberproblematische, imGebetpostulierte, aber nicht
so realisierte, daB nicht sie auch wieder einen Zustand setzte,
der neuer Lbsung = Erlbsung bediirfte. Oder - in der Gestalt
des Wettlaufs gesagt — : der erreichte Heilsgott beendet einen
Akt, aber ist nicht die Endstation der rennenden Seele, ist ein
335
jeweiliges Gnadenschicksal, aber nicht die Gewahr, nicht die
Voll-Ruhe, nicht das Evangelium schlechthin; der Zorn, das
Opf erheischen, die Seelenflucht vor dem Geschick kann immer
auch unter ihm neu einsetzen. Daher die antike Tri- oder
Tetralogie; diese stellt Phasen des erlosenden Laufs dar.
- Belege fair die Herleitung der Tragodie aus dem Agon
besitze ich im Sinne von Literaturnotizen keine. Aber auBer
dem Wort (Prot) Agonist mache ich Dich aufmerksam auf
den Thespis -Wagen, den car naval, der den Himmels-Um-
schwung der Gestirne nachfahrt, aber nicht in der gesetzten
(astrologischen) Ordnung, sondern (in der Schaltzeit) in ihrer
Auflosung so, daB hier die Ekstase aus der Angst sich vor-
drangen kann; das freie Wort (dictamen) das Gesetz iiber-
heben kann; der neue Gott (Dionysos) die alten iiberwinden
kann. Ich verweise da auf meinen Carneval-Aufsatz. Die
Tragodie ist der Bruck der Astrologie und also das Entlauf en
ausdemSternlauf-Geschick. — Ob unsere archaologische, reli-
gionsgeschichtlicheFachwissenschaft davon Kenntnis hat und
es auch aus antiken Worten zu begriinden vermag, dariiber
vermag ich Dir leider gar nichts zu sagen; ich bezweifle es
aber sehr . . . Dagegen wird auch Dir bekannt sein (was ja
bzgl. der Pyramid en, der babylonischen Stufentempel, der
gotischen Dome von den Architekten im Einzelnen nachge-
wiesen ist), daB die Form der sakralen Bauwerke, im Kultur-
kreis der astrologischen Religion (der ganz Europa umfaBt),
die uranische ist: in irgend einem Sinne eine Abbildung des
Kosmos. Des geschlossenen Schicksals. Nun liegt neben dem
Circus - der nichts anderes ist wie die bauliche Fixierung des
Rundlaufs des am Grabe des Herren, des [?] am Altar, zum
Opfer fur diesen bestimmten Menschen, der [?] von seinem
Opfergeschick sich lost, indem er denselben Gott (Ahngott,
Heros) im Umschwung sich zum Heilgott gewinnt, der ihm
als Unheil-, als Tod-bringender Gott im Anfang fordernd
gegenstand, - ich sage, neben diesem Circus, der schon im
Kreise der Astrologie, des Schicksals, eine Erlosung aner-
kannte, liegt der theatralische Halbkreisbau, der aus diesem
Kreise einen Ausgang gewahrt. Jener Todes- und Lebenslauf
des Opfermenschen aber ist auch schon ein agon: ein Kampf
336
zwischen Entfliehenden und Verfolgern; wird es vollends
aber dadurch, daB er in die Moglichkeit der Freiheit setzt,
in ihrer Voraussetzung gefuhrt wird. Der im astrologischen
Circus zum Altar Gelangte wird zwar nicht geopfert, gehort
aber nun dem Gott mit seinem Leben als lebenslanglich ver-
haftet; der aus ihm Entlaufene - im Theater-Halbcircus -
ist freier Mensch. Das aber ist der Sinn des griechischen
Agon auf seiner nicht-mehr-astrologischen Stufe: das Sieg-
bewuBtsein des Menschtums gegen die hieratische Verstar-
rung. Ich fiirchte aber, fur die Entstehungsgeschichte der
Bauform des antiken Theaters — des Halbcircus — sind die
facharchitektonischen Studien noch nicht bis in diese reli-
gionswissenschaftlichen Bereiche gedrungen.
Deine Anfrage nun in Deinem heutigen Brief liber den
Zusammenhang des theatralischen Dialogs, bei Sophokles
und Euripides insbesondere, mit dem attischen Gerichtsver-
fahren kann ich leider auch nur so im Allgemeinen beant-
worten, ohne positive Detailkenntnisse und -Angaben. Der
antike ProzeB - der StrafprozeB insbesondere - ist Dialog,
weil gebaut auf die Doppelrolle von Klager und Beklagtem
(ohne Offizialverfahren). Er besitzt seinen Chor; teils in den
Schwurgenossen (denn z. B. im altkretischen Recht traten die
Parteien den Beweis mit „Eideshelfern" an, d. h. mit Leu-
mundszeugen, die sich — ursprunglich auch mit Waffen im
Kampf , d. h. im Ordal — fiir die Treue und das Recht ihrer
Partei verbiirgten); teils in dem Aufgebot der das Gericht
um Erbarmen anflehenden Genossen des Beklagten (vgl. die
Apologie des Sokrates von Plato) ; teils endlich in der richten-
den Volksversammlung. Dieser Dialog, der ganze ProzeB
iiberhaupt, ist aber ursprunglich Waff engang, Rechts-^r/oZ-
gung; derGekrankte ist hinter demKranker mit demSchwert
her (wobei Civil- und Straf recht keinen Unterschied macht);
Recht wird Volksrecht erst aus Selbsthilfe (der Sippe gegen
die Sippe). Das eigentlich Prozessierte aber, der pro-cessus
— und das Recht gegen die Rache Abgrenzende — ist die Her-
einstellung dieses Rechtslaufs in den Lauf der Gestirne. Das
„Ding" im germanischen Recht — dies aber ist alt- arisen,
gilt auch fiir Hellas — kann gehalten werden nur von Son-
337
nenauf- bisUntergang; bis die Sonne untergeht, muB mit der
Verurteilung gewartet werden, weil der Retter, der Streit-
helfer, noch erscheinen konnte. Das „echte Ding" fiigt sich
nun audi in den Mondlauf ; halt sich monatlich (ich glaube,
an den Neumonden). Ich bin bzgl. des attisch-romischen Pro-
zesses nicht im Einzelnen orientiert; aber sicher ist auch da
der Rechtslauf religios gebiindigt durch den Gestirnlauf (wo-
bei bestimmte Constellationen „feriae" ergeben - Tage, an
denen Gericht nicht zu halten ist, u. dergl.). Aber fur atti-
sches Recht (dem das romische folgt) ist das Wichtige und
Charakteristische auch hier der dionysische Durchschlag, der,
um mit den Worten meines Carneval-Aufsatzes zu sprechen,
Triumph der AuBerordentlichkeit iiber die Ordentlichkeit
— daB namlich das trunkene, das ekstatische Wort die regu-
lare Verzirkelung des Agons durchbrechen durfte — daB die
in den Formen unterdriickte Menschlichkeit (ihrerseits oft in
ebenso fast unmenschlichen Formen) wild herausplatzen
durfte — daB ein hoheres Recht aus der Uberzeugungskraft
der lebendigen Rede erwuchs, als aus dem Processus der mit
Waffen oder in gebundenen Wortformeln sich widerstreiten-
den Sippen. Das Ordal wird durch den Logos hier in Freiheit
durchbrochen. Dies scheint mir zutiefst die Verwandtschaft
zu sein von GerichtsprozeB und Theater- Drama in Athen.
Denn auch das Drama ist die dionysisch verlebendigte Myste-
rienfeier des Sonnenwendlaufs. Sophokles und Euripides aber
haben dabei keine grundlegende Bedeutung; sie sind nur
Fortbildner. Die Entwicklung hebt mit Aeschylus an.
132 An Gerhard Scholem
5.Marz 1924
Lieber Gerhard,
es ist nicht meine Meinung, daB die lange Frist, die ich dies-
mal bis zur Antwort verstreichen lieB, das ZeitmaB unsres
Briefwechsels andeuten soil. Sie hatte mancherlei Griinde,
338
die zuletzt freilich alle auf den bosen EinfluB dieser Atmo-
sphare zuriickgehen, von deren Hemmungen mich loszu-
machen immer noch mein vitalstes Vorhaben ist. Unmittelbar
kommt dazu die endlose Zogerung WeiBbachs, von dem zu-
nachst Freiexemplare nur in sparlicher Anzahl zu erhalten
waren. Nun ist es mir schlieBlich gelungen, ihn zu einer
Sendung zu veranlassen und Du wirst das Buch, verspatet
aber als gleich freundlich gesinnten Boten, wohl mit diesem
Brief zusammen erhalten. Ich will Dir zuerst fur Deinen
letzten danken. Mein andauerndes Schweigen hat Dir nicht
verraten, wie auBerordentlich er mich in seiner Unmittelbar-
keit der Darstellung gefesselt hat. Meine guten Hoffnungen
fiir Dich so sicher bestatigt zu finden, hat mich sehr erfreut.
Inzwischen wirst Du sicher Neues, Genaueres gleich Mit-
teilenswertes um Dich erfahren haben; ich hoffe, daB unsere
Korrespondenz ein Tempo finden wird, bei dem wir uns nicht
um allzuviel Wesentliches betriigen. Diese Gefahr besteht bei
meinen Mitteilungen an Dich wegen des unsaglich schlep -
penden derhiesigenDinge und der wachsenden Schwerbliitig-
keit der Menschen weniger, um so mehr wahrscheinlich aus
den entgegengesetzten Griinden bei Deinen Nachrichten fiir
mich. So kann ich auch diesmal die paar Vorfalle meines
Vierteljahr.s in wenigen Worten zusammenfassen. Zunachst
im Negativen, so ist meine Frankfurter Schrift noch immer
nicht begonnen, obzwar bis unmittelbar an die Abfassung
von langer Hand her herangefiihrt. Hier will sich der Elan,
der den Ubergang zur eigentlichen Niederschrift ergibt, nicht
einstellen und ich plane, in der Hauptsache die Ausarbeitung
im Auslande vorzunehmen. Anfahg April will ich — auf Bie-
gen oder Brechen — von hier fort und unter der Erleichterung
des Lebens in einer groBen und freiern Umwelt diese Sache
so weit mir das gegeben ist etwas von oben herab und presto
absolvieren. Das wird ermbglicht und andrerseits sogar ge-
fordert durch die exzentrische Akribie, mit der ich die Arbeit
vorbereitet habe (ich verfiige allein xiber ca 600 Zitate, aller-
dings in bester Ordnung und Ubersichtlichkeit). Zuletzt wird
sie durch das Tempo ihrer Entstehung und eine relative Iso-
liertheit von friihern Studien von mir, immer etwas von
339
einertollkuhnenEskapadebehalten,welche mirfreilich unbe-
dingt die venia einbringen mufi. Sie ist bei zunehmender
Umdusterung der finanziellen Situation auch insofern meine
letzte Hoffnung, als ich hoffe, mit der Privatdozentur eine
Anleihe aufnehmen zu konnen. Aber auch sonst hangt meine
Situation durchaus von der Frankfurter Sache ab. Wie ich
unter diesen Umstanden den Auslandsaufenthalt finanziere,
steht mir noch nicht fest, dochbin ich im auBerstenFall sogar
zu Opfern aus meiner Bibliothek entschlossen. Fur jetzt frei-
lich betaube ich den Schmerz dieser Bereitschaft durch hin
und wieder gewagte Anschaffungen. So erstand ich vor einer
halben Stunde mit groBer Freude fur 3 Mark den „Enfer de
la Bibliotheque Nationale", den Katalog der sekretierten
Biicher, der im Jahre 1914 von Guillaume Apollinaire und
andern herausgebracht wurde. Ich bilde mir schlankweg ein,
daB es eine Mezzie1 war. Meine Passion fur barocke Emble-
matik (iiber die, unter uns gesagt, ich sobald ich frei bin, ein
grofies Bilderwerk herausgeben will, aus Griinden des Ver-
dienstes, der dabei betrachtlich sein kann) hat mich auch zu
einer Anschaffung gefuhrt. Ich habe jetzt zwei Emblemen-
werke, die beide der hiesigen Bibliothek fehlen. Im iibrigen
danke ich aber gerade ihr eine griindliche Anschauung von
dieser Literatur. Es ist kein Zweifel, daB zwischen der Illu-
stration der altera Kinderbiicher und der der Emblematica
vielfache Beziehungen bestehen. [.'. .] - Im Memorandum
iiber die letzten Monate fortzufahren, so ist die Schrift von
Rang iiber die Reparationsfrage erschienen. „ Deutsche Bau-
hiitte. Philosophische Politik Frankreich gegeniiber." Da-
mit hat er nun einer Schrift seine geistige Physiognomie zum
ersten Mai weithin erkennbareingepragt und dem entspricht
ihre Bedeutung. Du wirst sie von mir gelegentlich geschenkt
bekommen und darin auch eine Zuschrift an den Verfasser
von mir finden. Es ware sehr trostlich, wenn dieses Buch hie
und da von einem Auslander verstanden werden sollte, aber
deren werden wohl nur ganz wenige sein. Rang ist im Januar
sechzig Jahre alt geworden. — In den „Neuen Deutschen Bei-
tragen" sind die Teile I und II zur Zeit im Satz, und werden,
da ich schon die erste Korrektur gelesen habe, in kurzer Zeit
340
als Hauptinhalt des nachsten Heftes erscheinen. Der dritte
Teil kommt in das folgende. In schriftstellerischer Hinsicht
ist dieser Erscheinungsmodus, als in der bei weitem exklusiv-
sten der hiesigen Zeitschriften fur mich iiberaus wertvoll. In
akademischer Hinsicht ware ein anderer vielleicht giinstiger
aber nicht ebenso moglich gewesen. Was aber die publizisti-
sche Wirkung betrifft, so ist dieser Ort fur meinen Angriff
auf die Ideologic der Schule von George geradezu der gege-
bene. Vielleicht nur an dies em einzigen Ort diirfte es liegen,
wenn es ihr schwer fallen sollte, die Invektive zu ignorieren.
Bemerkenswert ist, daB Hofmannsthal an einer unmiBver-
standlichen Bemerkung seinen Hauptmitarbeiter2 an den
„Beitragen" [betreffend] keinen ausdriicklichen AnstoB ge-
nommen hat. Er hat mir in der Folge noch zwei weitere
Briefe iiber andere Sachen [von] mir geschrieben, in denen er
besonders von der „Aufgabe des tJbersetzers" mit hochstem
Beifall spricht. Diese umfangreichen Autographen haben mir
vorlauflg eine ganz schmale Jahresrente von meinen Eltern
eingebracht, mit der aber unsre Existenz auf keine Weise auf
die FiiBe zu stellen ist. Im ixbrigen beginnen libelli mei sua
fata zu erfahren. Vor kurzem erhielt ich die Nachricht, daB
die gesamte noch vorhandene Auflage meiner Dissertation in
Bern verbrannt ist. Ich lasse Dir damit einen unschatzbaren
Tip zukommen und anvertraue ferner, daB noch 37 Exem-
plare auf Lager sind, deren Erwerb Dir eine konigliche Posi-
tion auf dem Antiquariatsmarkt sichern wiirde. SchluB des
redaktionellen Teils. — Was Du von [Hugo] Bergmann3
schreibst spannt und interessiert mich aufs auBerste. Ich habe
einmal in Breitenstein jemanden kennen gelernt, einen ge-
wissen Ingenieur Langweil aus Prag, eine ziemlich faden-
scheinige Existenz, der sich als Bergmanns Jugendfreund
bezeichnete. Wie ist Bergmann zu seiner Stellung gelangt? —
Gutkinds, deren Vermogenslage nicht nur in aktueller Hin-
sicht sondern auch hinsichtlich etwaiger Aussichten garni cht
giinstig sich anzulassen scheint, tragen sich ernsthaft mit der
Absicht ihre hiesige Situation zu verlassen. Sie scheinen unter
Flattaus4 Anleitung jetzt nicht nur eifriger sondern vor allem
sachlicher und bescheidener zu lernen. Jedenf alls habe ich den
341
Eindruck daB Flattau mit ihnen nicht unzufrieden ist. Aller-
dings widmet er sich ihnen audi mit einer AusschlieBlichkeit,
die mir manchmal fiir ihn nicht unbedenklich scheint, was
die Fortschritte seiner europaischen Orientierungsversuche
betrifft. Er wird mir, je ofter ich ihn sehe desto lieber, — Hier
trifft man auf Nachrichten von Pogromgefahren in RuBland,
die unglaublich bedrohlich klingen. WeiBt Du, ob etwas
Wahres daran ist? Wie mein Schwiegervater mir schrieb,
seid Ihr Euch in einer Gesellschaft begegnet. Kommen Dir
sonst Menschen vor, die auch in meinen Gesichtskreis hin-
einragen, so freue ich mich, wenn Du sie mir vorstellst.
- Deinem Anteil am Fortschritt meiner Arbeit kann ich im
gegenwartigen Stadium derselben mit brieflichen Mitteilun-
gen nicht entgegenkommen. Hochstens daB ich eben die Dis-
position andeute. Anfang und SchluB werden (als ornamen-
tale Randteile gewissermaBen) methodische Bemerkungen zur
Literaturwissenschaft bringen, in denen ich so gut es geht
mit einem romantischen Begriff von Philologie mich vorstel-
len will. Dann die drei Kapitel: Uber die Historie im Spiegel
des Trauerspiels. Uber den occulten Begriff der Melancholie
im 16ten und 17ten Jahrhundert. Uber das Wesen der Allego-
rie und allegorischer Kunstformen. Die Arbeit wird selbst im
gliicklichsten Falle Spuren ihres nicht gewaltlosen und zeit-
lich nicht unbeengten Werdegangs tragen. Uber ihren Urn-
fang kann ich noch nichts voraussehen. Ich hoffe ihn in ge-
messenen Grenzen halten zu konnen. Das letzte Kapitel fxihrt
reiBend in die Sprachphilosophie hinein, indem es sich dabei
um das Verhaltnis von Schriftbild zu Sinnbestand handelt.
Die Bestimmung der Arbeit ebenso wie ihr Entstehungs-
rhythmus erlaubt mir natiirlich nicht, eine durchaus selb-
standige Entfaltung von Gedanken zu dieser Frage zu haben,
die Jahre der Besinnung und des Studiums erfordern wiirde.
Aber historische Theorien dariiber gedenke ich in einer An-
ordnung vorzulegen, mit welcher ich die eigene Uberlegung
vorbereiten und andeuten kann. Ganz erstaunlich ist in die-
ser Hinsicht Johann Wilhelm Ritter, der Romantiker, in des-
sen „Fragmenten eines jungen Physikers" Du im Anhange
Erorterungen iiber die Sprache findest, deren Tendenz ist, das
342
Schriftzeichen als ebenso natiirliches oder offenbarungshaftes
Element (dies beides im Gegensatz zu: konventionellem Ele-
ment) zu statuieren wie von jeher fur die Sprachmystiker das
Wort es ist und zwar geht seine Deduktion nicht etwa vom
bildhaften, hieroglyphischen der Schrift im gewohnlichen
Sinne dabei aus, sondern von dem Satze daB das Schriftbild
Bild des Tones ist und nicht etwa unmittelbar der bezeichne-
ten Dinge. Das Buch von Ritter ist ferner unvergleichlich
durch seine Vorrede, die mir ein Licht dariiber aufgesteckt
hat, was eigentlich romantische Esoterik wirklich ist. Dage-
gen istNovalis ein Volksredner. AusDeinem Brief eentnehme
ich, dafi Du neben der arabischen Publikation5 ein Sohar-
lexikon vorbereitest. Stimmt das? so ist es doch wohl eine
Arbeit auf Jahre hinaus? - DaB Buber als Nachfolger Rosen -
zweigs das Lektorat fur jiidische Religionsphilosophie in
Frankfurt erhalten hat, wirst Du naturlich wissen. [. . .]
— Von Bloch gibt es ein neues Buch, im Wesentlichen fruher
Gedrucktes unter dem schonen Karl Mayschen Titel „Durch
die Wiiste" zusammenfassend. Inhaltlich ist dazu nichts zu
sagen. SpaBig ist etwa eine auffallend blutige Hinrichtung
aller opponierenden Rezensenten. Sonst gibt es dies und das
aus Muri. [. . .] Aber das verbleibt einem offiziellen Bericht.
Dagegen ware hier „aus den Hallen der Wissenschaft" fol-
gendes zu berichten. Ein Herr an der hiesigen Bibliothek, den
ich kenne, erzahlte mir, neuerliche Angriff e (von Kurt Hilde-
brandt) auf Wilamowitz seien auch bei der Bibliothek irgend-
wie aufgefallen. Kurz man wollte naheres dariiber erfahren
und schickte den Herrn, meinen Bekannten, heriiber zur Uni-
versitat, um sich zu vergewissern, ob wirklich, wie man gehort
hatte diese Invektiven „von einem Sohn des rheinischen
Dichters George" stammten!
Mit diesem Untergang des Abendlandes schlieBe ich heute.
Je fruher Du von Dir horen lassen kannst, desto lieber ist es
mir. Die herzlichsten GriiBe und dazu meine besten Wiinsche
fur Eschas Gesundheit.
Dein Walter
1 Jiidisch: billiger Kauf.
343
2 Rudolf Borchardt.
3 Direktor der Jiidischen Nationalbibliothek in Jerusalem, spater Pro-
fessor der Philosophie an der Hebraischen Universitat
4 Gutkinds Hausgenosse und hebraischer Lehrer, Dow. F. aus Wilna.
5 Das Buch von der Palme des Abu Aflah aus Syrakus. Ein Text aus
der arabischen Geheimwissenschaft. (Hannover 1927).
133 An Gerhard Scholem
Capri, [10. Mai 1924]
Lieber Gerhard,
da ich nun den umstehend bezeichneten Veranstaltungen
entronnen bin, trage ich diese Karte als einzigen Gewinn
nach Hause und will sie Dir mit einer kleinen Beschreibung
dieses Vorfalls widmen. Was mich betrifft, so hatte es der
ganzen Angelegenheit nicht bedurft, um mir die tJberzeu-
gung zu verleihen, daB die Philosophen die schlechtbezahlte-
sten weil uberfliissigsten Lakaien der internationalen Bour-
geoisie sind ; daB sie aberihreSubalternitat mit einer derartigen
wiirdigen Schabigkeit iiberall zur Schau stellen, war mir neu
zu sehen. Sie kamen allesamt in die Siebenhundertjahrfeier1
der Universitat [Neapel] hinein (und eben merke ich, daB
diese Karte in ihrem Aufdruck nur auf diese Bezug nimmt;
wovon ich rede, ist aber der damit verbundene internationale
KongreB fur Philosophie) und waren, wahrend in der Uni-
versitat der Larm der aufgewxihlten Studentenschaft tobte,
in ihren Auditorien wo die Sektionen tagten, teilweise vollig
vereinsamt, Es gab auch ein paar Planarsitzungen. Das We-
sentliche war, daB kein Philosoph von irgendwelchem Ruf
ein Referat ubernommen, ja kaum einer anwesend war.
Sogar Benedetto Croce, der fuhrende Philosoph Italiens,
der dazu in Neapel Professor ist, hat der Veranstaltung
nur in einer ostentativ wirkenden Distanz beigewohnt.
Die Vortrage, die scheinbar hochstens eine halbe Stunde
dauern durften, waren durchweg auf einer ganz tiefen Stufe
der Popularitat, soweit ich sie horte. Nirgends schien es sich
344
um Mitteilungen zu handeln, die an Forscher gerichtet waren.
So fiel die ganze Unternehmung sehr bald in die Hande von
Cooks Reisebiiro, das die Fremden auf zahllosen „ErmaBi-
gungstouren" durchs Land kreuz und quer beforderte. Vom
zweiten Tage an lieB ich den KongreB seine Wege gehen,
und fuhr auf den Vesuv, sah dann am Nachmittag im ge-
schmacklosen aber sehr farbigen Treiben einer studentischen
Feier Pompeji und bin gestern in dem groBartigen National-
museum von Pompeji 2 gewesen. Die Stadt nach dem Rhyth-
mus ihres Lebens iiberwaltigte mich auch diesmal wieder.
Aller Wahrscheinlichkeit nach werde ich versuchen, meinen
hiesigen Aufenthalt langer auszudehnen als ich urspriinglich
zu tun gedacht hatte. Ich richte mich darauf ein, die Nieder-
schrift meiner Arbeit hier zu beginnen. Gutkinds werden
wohl nicht mehr allzu lange bleiben. Auch fiir mich stellt
der fernere Aufenthalt ein okonomisches Problem, da dies
aber mit ein em zu Hause gleichermaBen der Fall ware und
ich zum wenigsten hier billiger lebe, so will ich es lieber hier
mit dergleichen Schwierigkeiten aufnehmen. Ich bitte Dich,
vorlaufig, und zwar moglichst bald, mir an die umstehend
bezeichnete Adresse zu schreiben. — Meine nun verbrannte
Dissertation scheint nun ihren Weg zu machen: in einer
Schrift iiber „Neuere Stromungen der Literaturwissen-
schaft" 3 — ist sie ausfiihrlich besprochen, in einer hollandi-
schen Zeitschrift soil sie ausgezeichnet rezensiert sein4. [...].
Von Deinem letzten Rriefe habe ich sehr viel gehabt,
neb en der groBen Freude ihn zu lesen. Jeder folgende ist sehr
erbeten. Mit ihm selbstverstandlich auch alle Schriften, Son-
derdrucke etc., ob sie fiir mich Reklame machen oder nicht.
Die Rangsche Schrift diirfte Dir bereits in den nach st en
Tagen zugehen. Von Deinem letzten Brief stelle ich Dir hier-
mit folgenden Satz bestens zuriick: „Ferner gedenke ich im
„Juden" eine Notiz iiber Ubersetzung hebraischer Gedichte
(polemisch) erscheinen zu lassen, die die antizionistische Per-
spektive des Meuchelmords an der hebraischen Dichtung
unter geschichtsphilosophischen Ideologien (mit Bezug auf
Rosenzweig u. a.5) aufdecken soil." Diesen Satz erbitte ich
freundlichst in etwas groBerem Format zuriick. Andernfalls
345
erwage ich, dich humboldtischer oder aber Witwe Boldtischer
Haltung zu bezichtigen. Letzteres konnte Dir in Muri
Schwierigkeiten zuziehen.
Mit den herzlichsten GriiBen an Dich und Escha
Dein Walter
1 Vgl. Schriften II, S. 77.
2 Lies: Neapel.
3 Wohl ein Irrtum von W. B.
4 H. Sparnaay im „Neophilologus", Jg. IX, S, 101 f.
5 Bezog sich auf R.s Ubersetzungen von Hymnen des Jehuda Halevi,
die damals erschienen.
134 An Gerhard Scholem
Capri, 13. Juni 1924
Lieber Gerhard,
es ist nun wieder mal soweit, daB ich einen Brief an Dich
fabrizieren kann. Als Vorwand dient mir, daB ich Dich um
die Ubersendung von Teil III der Wahlverwandtschaften-
arbeit an meine hiesige Adresse bitten muB. Ich brauche
namlich einen Vorwand. Soviel hatte ich zu tun, daB ich
mir die Zeit zum Brief schreib en kaum nehmen diirfte. Wenn
ich nur soviel tun konnte! Die Arbeit an der Habilitations-
schrift wird mir hart. Der Grunde sind mehrere. Der erste
ist wohl der, daB einerseits unter zeitlicher Pression zu arbei-
ten unter alien Umstanden miBlich ist, andererseits ich immer
mehr zu einer weitausholenden Langsamkeit im Bedenken und
Darstellen neige. Wie denn Gegenstande, die eine solche
Haltung erfordern, also philosophische mir zunehmend wich-
tig werden. Hier liegt eine weitere Hemmung. Meine philo-
sophischen Gedanken, insbesondere die erkenntnistheoreti-
schen in dieser Arbeit, die eine halbwegs polierte Fassade
zeigen muB,1 ist schwierig. Es wird im Verlaufe der Dar-
stellung, wo die Sache und philosophische Perspektive nahe
346
zusammenriicken, leichter werden; fiir die Einleitung, die
ich gegenwartig verfasse und in der ich meine eigensten
Hintergedanken andeuten muB ohne mich doch ganz in die
thematische Beschrankung dabei verbergen zu konnen [sic],
bleibt es miBlich. Do wirst darin seit der Arbeit liber „Sprache
iiberhaupt und iiber die Sprache des Menschen" zum ersten
Male wieder so etwas wie einen erkenntnistheoretischen Ver-
such finden, den nur leider die Hast, in der er fixiert werden
muB, in manchem als verfrtiht kennzeichnet, da seine ruhige
Ausarbeitung erst in Jahren oder Jahrzehnten ihn reifen
konnte. Was den Rest anlangt, so hoffe ich nur das Eine, ihn
so robust anfassen zu konnen, daB die Abfassung vor Ablauf
des Termins, der mir im Grunde reichlich bemessen ist, ge-
schehen ist. Alles in allem wiederholen sich nun bei der Ab-
fassung dieselben Beklemmungen, wie sie seinerzeit die Fest-
legung des Plans in mir ausloste, bei der ich mit Recht davon
ausging, einen KompromiB der mir wesentlichen Darstellung
mit dem Zweck der Arbeit eingehen zu miissen. DaB solche
Beklemmungen dann die Damonen der Faulheit aufrufen,
wird Dich nicht wunder nehmen. Und endlich lassen die
groBartigen Aspekte des Lebens hier ebenso wie seine kleinen
an sich sehr nebensachlichen Widerstande gelegentlich das
Tempo stocken.
[. . .]
Diesen Brief habe ich gestern im Cafe begonnen, wo ich
in der Nachbarschaft von Melchior Lechter saB, den ich vor
einigen Tagen hier kennen lernte. Ein freundlicher sehr
soignierter alter Herr mit einem runden roten Kindergesicht.
Er geht an Kriicken. Mit der Zeit, zumal seit Gutkinds Ab-
reise, lerne ich in dem Scheffel-Cafe Hidigeigei (an dem
auBer dem Namen nichts unangenehm ist) einen um den
andern kennen. In den meisten Fallen mit wenig Gewinn;
es sind kaum b'emerkenswerte Leute hier. Eine bolschewisti-
sche Lettin2 aus Riga, die am Theater spielt und Regie fiihrt,
eine Christin, ist am meisten bemerkenswert. Das bringt
mich darauf , Dich zu fragen, ob Du dort Leute sprichst, wel-
che die Freundin von Flatau kennen, die hier nach unend-
lichen Verwicklungen eines Tages eintraf , in den Umstanden
347
ihres Kommens und ihres Wesens eine Katastrophe von sol-
dier Wucht ausloste, daB fiir Gutkind der Rest der Reise
unter ihren Auswirkungen stand, und sehr schnell wieder
verschwand, urn dann niemanden, auch Flatau nicht, etwas
von sich horen zu lassen. Der Vorgang war unbedingt denk-
wiirdig. Auf mich hat das Madchen eine heftigen Eindruck
gemacht. Sie heiBt Chawa Gelblum und ist zur Zeit vielleicht
in Kowno. Denkwiirdig war im ganzen der Verlauf von Gut-
kinds Reise uberhaupt, dem eine ausgesprochen ungliickliche
Tendenz eigen war. Sind sie doch auf der Riickfahrt, fiir die
sie die Route ihres Riickreisebillets sich hatten umschreiben
lassen, bei Bologna in ein Eisenbahnungluck gekommen, bei
dem zwar niemand getotet wurde aber Erich verwundet, und
zwar gerade am Knie, an dem er ohnedies seit langerer Zeit
leidend ist. Ich denke, sie sind jetzt in Griinau. Seit Bologna
habe ich keine Nachricht. - Seit vielen Wochen ist [Adolf
von] Hatzfeld (derjenige, dessen Gedichte ich bei Dir sah)
hier.
Heute ist es der dritte Tag, daB ich an diesem Brief schreibe.
Ich habe mit der Bolschewistin bis halb ein Uhr gesprochen
und dann bis halb fiinf gearbeitet. Jetzt sitze ich vormittags
unter bedecktem Himmel bei Seewind auf meinem Balkon,
einem der hochsten von ganz Capri, von dem man weit iiber
den Ort und auf das Meer hinaussieht. Es ist iibrigens ein
auffallend sich Wiederholendes, daB Menschen, die fiir ganz
kurze Zeit herkommen, nicht zum EntschluB der Abreise
kommen. Der groBartigste und alteste Vorgang der Art hat
sich mit Tiberius abgespielt, der dreimal die begonnene Reise
nach Rom aufgab, um wieder zurxickzukehren. Von Wetter,
das bitte ich Dich auch Escha auszurichten, kann hier eben-
falls kaum die Rede sein. Regen ist, seit ich hier bin, aller-
hochstens vier mal auf sehr kurze Zeit gefallen. - Seit kur-
zem habe ich wieder ein wenig Geld und werde, wenn ich mir
ein leidliches Gewissen erarbeitet habe, nach Neapel her-
iiberfahren - vielleicht auch bis Paestum kommen.
Einen Palastinafuhrer will ich mir bei nachster Gelegen-
heit mit Vergmigen durchsehen. So lange aber fiirchte nicht,
unverstandlich in Deinen Brief en zu sein. Was sich im Augen-
348
blick des Empf angs mir nicht erschlieBt,wird spater unddesto
nachhaltiger begriffen. tJber Safed bist Du sehr kurz. Dort ist
doch wohl jetzt noch eine Schule der Kabbala? Uber die un-
glaublichenTypen, die Du, Deinen lebendigen Schilderungen
nach zu schlieBen, dort in ansehnlicher Zahl vorfindest denke
ich mir allerlei — vor allem, daB es doch audi in Palastina
vielerorts sehr menschlich und weniger jiidisch zugeht, als
ein Unkundiger es sich ausmalt. Urn Dich im iibrigen zu ent-
schlpssenerer Mitteilung anzueifern, folgt hier ein Bericht
aus dem kiirzlich meinerseits inspizierten geistigen Zentrum,
namlich Muri. (Wo ich iibrigens sehr bedauerte, Dir nicht
zu begegnen). Eine Anzahl interessanterErwerbungen bringt
das Accessionsverzeichnis der Bibliothek: Schriften des Ver-
eins fiir Berufsberatung Bd. I Der deutsche Ehrendoktor in
Wort und Bild. - Elisabeth Fbrster-Nietzsche Bd. VI: Be-
stattung und Grabpflege — Dietrich Schafer: Die Deutsche
Frage: Chammer3 oder AmboB? — Der perfekte Hohenzoller,
Alphabetisch in 2 Bandchen I Abdankung bis Krakehl II
Lammergeier bis Zivilliste — Ludwig Ganghofer: Feldrabbi-
ner und Waldteufel (Gesammelte Novellen). Abteilung Dis-
. sertationen: Prolegomena zu einer Theorie der Gesichts-
punkte - Neues aus der Friihzeit von Frieda Schanz — Die
Kirchenmaus seit Luther. - Dogmengeschichtliches Seminar:
A. von Harnack: Das Osterei. Seine Vorziige und seine Ge-
fahren. - Kennst Du eigentlich die „Vorschriften fiir die
Verhandlungen der Akademie" ?
Gestern habe ich, hore und staune, die Action Francaise,
das Blatt der Royalisten, welches von Leon Daudet und — vor
allem — Charles Maurras geleitet wird, und hervorragend
geschrieben ist, abboniert. So grenzenlos bruchig die-Funda-
mente ihrer Politik sicherlich in Vielem und Wesentlichem
sind, so scheint mir ihre Blickrichtung schlieBlich die einzige,
von der aus man die Details der deutschen Politik betrachten
kann, ohne zu verdummen. DaB ich eine so iiberflussige Be-
trachtung iiberhaupt in Frage ziehe hangt mit meiner Arbeits-
okonomie zusammen, der die heftige Zerstreuung, welche die
Lektiire dieses Journals mit sich bringt, zu gute kommt. Ich
349
verbringe hier regelmaBig am Nachmittag einige Stunden
im Cafe.
Den herzlichsten Dank Dir und Escha fur die Photogra-
phien. Ich habe mich sehr mit ihnen gefreut. Wahrend ich
Dir mit Beziehung auf die Entmenschtheit Deines Ausdrucks
auf dem Biicher -Bilde voll und ganz beizupflichten in der
Lage bin, ist mir dies hinsichtlich der weiteren Erorterungen,
denen Du Dich bei dieser Gelegenheit iiber meine Bibliothek
hingibst leider unmoglich. So sehr es sie ehrt, Deine uninter-
essierte Habgier zu erwecken 4 — wenn es mir iiberhaupt mog-
lich sein sollte, sie zu halten (vor der Reise hierher habe ich
bereits einige gute Stiicke verkaufen miissen — keine wichti-
gen), was von Vielem abhangt und doch leider gar nicht aus-
gemacht ist, ja oft daran mir unmoglich zu scheinen, so miiBte
doch Stefan schon die krausesten Wege des Gemiites ein-
schlagen hinsichtlich der Biicher, wenn ich nicht sehr gliick-
lich sein sollte, sie ihm als erhebliches Epitaph meiner Person
zu hinterlassen. — Die schlecht verhohlene Larmoyanz dieser
Betrachtung wird Dich von weiteren Raubversuchen, wie ich
hoffe, abschrecken.
Zum SchluB: im Marzheft des Neuen Merkur hat Bloch
„Geschichte und KlassenbewuBtsein" von Lukacs besprochen.
Die Besprechung scheint bei weitem das Beste, was er seit
langem gemacht hat und das Buch selbst sehr, besonders mir
sehr wichtig. Jetztkann ich es naturlich nicht lesen. -Gestern
sagte man mir, er habe sein Haus auf ein Jahr sehr gut ver-
mietet und gehe auf weite Reisen. - Noch einmal bitte ich
um Teil III der Wahlverwandtschaftsarbeit, eingeschrieben.
Die Lange dieses Briefes wendet sich, wie ich hoffe, an
keinen Unwurdigen. Dies wird Deine Antwort entscheiden.
Viel herzliche GruBe an Dich und Escha .
Dein Walter
1 Hier fehlt etwas, etwa: zu formulieren.
2 Asja Lacis.
3 Jiidisch: Esel.
4 Scholem hatte gefragt, ob er seine Biicher nicht „nach 120 Jahren"
der Jerusalemer BiLliothek hinterlassen wiirde.
350
135 An Gerhard S cholera
7. VII. 24
Lieber Gerhard,
es scheint, Du hast - aus irgendwelchen sagenhaften Kom-
plexen oder Atavismeri heraus - Dich entschlossen, unsern
neugeborenen Briefwechsel trotz besten Gedeihens in die
Papiergebirge Deiner vernachlassigten Korrespondenzen aus-
zusetzen. Aber selbst die naheliegende Erklarung aus dem
Mythos versagt, wenn ich mich frage, warum ich das Ms. von
Teil III Wahlverwandtschaften nicht bekommen habe. 1st es
noch nicht abgegangen, so halte es zunick: ich brauche es
zur Zeit nicht.
Hierselbst ist allerlei vorgegangen, das zwischen uns nur
auf einer palastinensischen Reise von mir oder einer, viel-
leicht legitimiertern, capreser Reise von Deiner Seite kom-
munizierbar wiirde. Vorgegangen, nicht zum besten meiner
bedrohlich unterbrochenen Arbeit, nicht zum besten vielleicht
auch einer fur jede Arbeit so unerlaB lichen biirgerlichen
Lebensrhythmik, unbedingt zum besten einer vitalen Be-
freiung und einer intensiven Einsicht in die Aktualitat eines
radikalen Kommunismus. Ich machte die Bekanntschaft einer
russischen Revolutionarin aus Riga, einer der hervorragend-
sten Frauen, die ich kennen gelernt habe.
Im iibrigen habe ich auch einiges MiBgeschick gehabt, das
freilich leicht wiegt gegen die Krafte, die aus einem drei-
monatlichen Aufenthalt auf diesem Boden mit zunehmender
Macht in mir sich sammeln. Dauer des Bleibens ist hier von
absoluter Wichtigkeit. Erstens lebte ich drei Wochen, bis
gestern, in einer so katastrophalen Geldklemme, daB eine
ahnliche Lage in Deutschland an den Rand des Ertraglichen
gegangen ware. Hier macht durch die Hilfsbereitschaft der
Leute und die Gnade des Klimas sich vieles leicht. Dann hat
die Frankfurter Zeitung Anfang Juni an sichtbarster Stelle
— ausgerechnet im Sonntag-Morgen Feuilleton — von Stefan
Zweig eine sehr schlechte Kritik meines Baudelaire gebracht.
Sobald ich erfahren hatte, daB das Buch durch eine redaktio-
351
nelle Intrige dem vorbestimmten Referenten entrissen und
gerade an den Zweig gegangen war, der die drittschlechteste
deutsche Baudelaire -Ubersetzung vor 15 Jahren veroffent-
licht hatte, habe ich alles kommen sehen, ohne eingreifen zu
konnen. Die Rezension ist sichtlich mesquin — aber. . . . :
Das Vorwort ist mit folgender Klammer erledigt: . . . „Uber-
setzung (deren Schwierigkeiten sich der Verfasser, wie
das Vorwort zeigt, bewuBt war)." Verantwortlich ist zuletzt
der wohlgesinnte, unbetamte, groBschnauzige Siegfried
namens Kracauer. Er macht sich in Anlehnung an seinen
politischen Kollegen iiberm Strich zur Leistung von Repara-
tionen, die er nicht aufbringen kann, erbbtig. - Dr. Ernst
Simon, Heidelberg, Gaisberg Str. 27 lv hat meiner Bitte um
den Jona l mit einer Karte entsprochen, welche die Obersen-
dung ankiindigt. Doch ist das Manuscript mir bisher (nach
drei Monaten) nicht zugekommen. Konntest Du ihn auf-
fordern, es in den Grunewald zu senden? Bitte!
Wielange ich noch hier bleibe, wohin ich eventuell sonst
gehe, ist unbestimmt. Seit gestern habe ich ein neues Zim-
mer, von einer Beschaif enheit, wie ich es zum Arbeiten wohl
noch nie gehabt habe: mit allem monchischen Raffinement
der Raumproportionen und einem Blick tief in den schonsten
Garten von Capri, der mir zur Verfugung steht. Ein Zimmer,
in welchem sich zu Bett zu iegen unnatiirlich scheint und
fur das die arbeitsame Nacht selbstverstandlich ist. Dazu bin
ich - mindestens seit langem, ich glaube iiberhaupt - der
erste, der es bewohnt. Es war Rumpelkammer oder Wasch-
raum. GeweiBte Wande, an denen kein Bild hangt und die
so bleiben.
Deine Meinung von den Muri-Sachen, die ich Dir schrieb?
Dir und Escha die herzlichsten GruBe. Hoflentlich geht es
Euch gut und macht Ihr weiter die belangreichsten Erfah-
rungen im Lande.
Dein Walter
1 Eine (ungedruckte) Arbeit Scholems iiber das biblische Buch Jona.
352
136 An Gerhard S cholera
Capri, 16. September 1924
Lieber Gerhard,
zum Abfassungstermine der folgenden Nachrichten riickt -
nach so langem Schweigen — ein Haupt- und Staatstag auf,
da heute mittag Mussolini diese Insel betreten hat. Es gab
allerlei festliche Stallage, die iiber die Kalte der Bevolkerung
nicht zu tauschen vermochte. Man wundert sich, daB der
Mann nach Sizilien kommt— wozu er wohl dringende Griinde
haben muB — und erzahlt sich, daB er von 6000 Geheim-
agenten in Neapel umgeben sei, die ihn zu schiitzen hatten.
Er sieht anders aus als der Herzensbrecher, den die Ansichts-
karten zeigen: unlauter, trage und von einem Hochmut, als
sei er mit ranzigem Ol reichlich gesalbt. Sein Korper ist
plump und unartikuliert wie die Faust eines dicken Kramers.
LaB mich zum Eingang auch sonst die Caprenser Chronik
machen. Es ist, seit ich nicht schrieb, die Zeit ins Land ge-
gangen, [als] es hier voll larmender Neapolitaner war, mit
ihren Kindern und unvorstellbar bunt und haBlich beklei-
deten Frauen; einige Agypter, die friiher zahlreich zur Bade-
saison eintrafen, waren auch hier. Und nun ist wie im Friih-
ling die schlammige germanische Welle eingebrochen und
hat als einen der ersten (und mir willkommenen) Ernst und
Linda Bloch hierher verschlagen. Abgereist, urn Spanien,
dann Tunis und orientalische Gegenden zu bereisen — und
wer weiB ob er nicht auch Palastina gesucht hatte um die von
Dir gefurchteten Bapports von dort zu bringen — haben die
Fahrpreise der mittellandischen Schiffahrtsgesellschaften ihn
zu sachterm Vorgehen genotigt. [. . .] Mir dreht er hier nach
langer Zeit wieder eine freundlichere, ja geradezu strahlende
und tugendhaftere Seite zu und seine Gesprache sind mir
manchmal sehr nutzbringend. [. . .] Unvergleichlich ist er
noch irruner als Erzahler, wenn ich das schliipfrige Gebiet der
judischen Witze ausnehme und bedenke, daB er sich mehr
denn je an die Komik des Miinchners Valentin halt. [. . .]
Natiirlich bestehen die Gefahren fur meine Arbeit, denen
353
Dein Alarmsignal gilt. Und wahrend noch vor wenigen Ta-
gen ich sie fiir beschworen hielt und eine Woche lang fast
wolkenlose Tage hier genoB, hat es sich mit einer neuen
Wendung wieder um mich verdunkelt. Aber mein bewuBter
Wille, dessen Zahigkeit auch in dieser Sache erheblich 1st,
wird um keinen Preis ablassen und hat nicht abgelassen. So
sind in diesen Monaten, die nicht immer leicht waren, be-
endet worden die Erkenntnistheoretische Einleitung der Ar-
beit, das erste Kapitel: der Konig im Trauerspiel, nahezu
auch das zweite : Trauerspiel und Tragodie, so daB zu schrei-
ben bleibt noch das dritte: Theorie der Allegorie und ein
SchluB. Die Arbeit wird demgemaB zum urspriinglichen
Termin (1. November) nicht fertig, doch hoffe ich, daB eine
Ablieferung um Weihnachten, wo die akademisch diploma -
tische Situation allerdings etwas anders liegen kann, den
Erfolg nicht ernsthaft gefahrdet. Was den Wert der Arbeit
angeht, so erlaubt erst die schattigere Ausarbeit[ung] einer
Reinschrift sowohl ihre Zxige reiner auszuarbeiten als auch
zu einem eigenen Urteil zu kommen. DaB sie von vorn bis
hinten voll der iiberraschendsten Lichter auf den Gegenstand
steckt, darin bestatigte mich die Durchsicht des neuen Buches,
welches das Thema beruhrt: Deutsche Barockdichtung von
einem angehendenWienerDozentennamens [Herbert] Cysarz.
Es ist weder in der Dokumentation noch in den einzelnen Per-
spektiven verfehlt und unterliegt im ganzen doch vollstandig
der vertiginosen Attraktion den dieser Stoff auf den, der sich
beschreibend vor ihm aufpflanzt, ausiibt, so daB statt einer
Erhellung des Gegenstandes nur wieder ein Stuck chen Nach-
barock (mit einem r!) herauskommt; oder: ein Versuch dem
verkommenen Lummel des expressionistischen Reporterstils
mit dem Kamme der exakten Wissenschaften einen Scheitel
zu ziehen! Es ist fiir den Stil des Barock ganz kennzeichnend,
daB, wer einmal wahrend seiner Inspektion aus dem an-
gestrengten Denken herausfallt, sofort seiner hysterischen
Nachaffung verfallen ist. Der Kerl ist manchmal sehr gluck-
lich in seinen Beiwortern und darin muB ich von ihm lernen.
Mir fehlen noch einige Mottos wahrend andere, herrliche,
in Bereitschaft liegen.
354
In aller Form suche ich bei Dir nach, das Eingehen auf
die hiermit konkurrierende Problemstellung des aktuellen
Kommunismus vertagen zu diirfen. Denn weder ist das Sach-
liche spruchreif, noch das Personlich-Motivische reif zur
Ubermittelung. Vielleicht, wahrscheinlich, schrieb ich Dir,
daB hier mehrere Hinweise sich zusammenfanden: zu einem
privater Art trat der auf das Buch von Lukacs, der mich
darin f rappierte, daB Lukacs von politischen Erwagungen aus
in der Erkenntnistheorie, mindestens teilweise, und vielleicht
nicht ganz so weitgehend, wie ich zuerst annahm, zu Satzen
kommt, die mir sehr vertraut oder bestatigend sind [...] Im
Bereich des Kommunismus scheint mir das Problem „Theorie
und Praxis" so zu liegen, daB bei aller, diesen beiden Bezir-
ken zu wahrenden Disparatheit eine definitive Einsicht in
die Theorie an Praxis gerade hier gebunden ist. Zum wenig-
sten ist es mir einsichtig, wie bei Lukacs diese Behauptung
einen harten philosophischen Kern hat und alles andere als
burgerlich-demagogische Phrase ist. Da nun diese harteste
Vorbedingung mir zur Zeit nicht erfiillbar ist, so bleibt auch
das Sachliche teilweise vertagt. Aber doch wohl nur vertagt.
Sobald es geht will ich iibrigens Lukacs' Buch studieren und
ich miiBte mich tauschen, wenn nicht in der gegnerischen
Auseinandersetzung mit den hegelschen Begriffen und Be-
hauptungen der Dialektik gegen den Kommunismus die
Fundamente meines Nihilismus sich manifestieren wiirden.
Aber das hindert nicht, daB seit meinem Aufenthalt hier die
politische Praxis des Kommunismus (nicht als theoretisches
Problem sondern zunachst als verbindliche Haltung) mir in
einem andern Licht steht, als je vorher. DaB Vieles von dem,
was ich mir in meinen bisherigen diesbeziiglichen Uber-
legungen ertastet hatte, bei denen, mit welchen ich davon
sprach — unter welchen eine hervorragende Kommunistin, die
seit der Dumarevolution in der Partei arbeitet, war — auf ein
sehr iiberraschendes Interesse stieB, meine ich Dir geschrie-
ben zu haben. Ebenso, daB die (inzwischen hie und da er-
weiterte) „Beschreibende Analysis des Deutschen Verfalls" !
im Winter in der „Boten Garde" in Moskau erscheinen soil.
Sobald ich mich ernsthaft zu Uberlegungen wenden kann,
355
deren Tendenz meine letzte Karte windschief und diese Zei-
len sehr bruchstiickhaft geben, wirst Du es wissen. Aber Zeit
wird darliber hingehen und dann - oder friiher - erf ahrst Du
audi das Mitteilbare, wovon es eingerahmt ist. Vorher aber
geschahe es mir zu Nutz und Frommen, wenn Du aus jener
Praxis, die Du mit beklommener Brust vor Dir zu haben
und zu verfolgen scheinst, mir etwas mitteilst. Das ist umso
wichtiger, als ich kaum glaube, daB mir vom deutschen
Sprachkreis aus diese Gegenstande wirklich lebendig werden
werden.
Mit diesem Brief erhaltst Du Zweigs Kritik, die ich Dich
bitte, mir mit dem nachsten wieder zuriickzusenden. Gleich-
zeitig oder bald geht das Heft einer Zeitschrift2 ab, in der
Du neue Baudelaire-Ubertragungen findest. Ich bin jetzt
nicht in der Lage, Dir ein Heft der neuen Zeitschrift H zu
senden, in deren erster Nummer ich mehr aus Schwache als
aus Gefalligkeit gegen den Herausgeber [Hans Richter] eine
blague von Tristan Tzara mit achtunggebietendem SchmiB
iibersetzt habe 3. Den ersten Band der Ursule Mirouet 4 habe
ich in Wochen arger Fron hier ubertragen. Das von Dir be-
regte Heft von Kirjath Sefer5 bitte ich Dich ja, umgehend
pflichtschuldig an meine Adresse gehen zu lassen. — Du mel-
dest vor der - inzwischen gewiB erfolgten — Beendigung der
Bahir-Einfuhrung zu stehen. Nehme ichmitRecht an, daB sie
innerhalb des Philologischen die PerspektiveDeiner eigensten
Einsichten in diesen Text erschlieBt? Hast Du noch vor,
Deutsches zu publizieren?
Rang ist nach seiner Riickkehr an einem Leiden, das ihm
zuerst rheumatischer Art erschien, dann den Charakter einer
Nervenentzundung annahm, nach meinen letzten Nachrich-
ten aber den Arzten ganz undurchschaubar ist, an einer zu-
letzt nahezu vollstandigen Lahmung mit standigem Fieber,
schrecklicher Abzehrung so schwer erkrankt, daB ich nicht
weiB, ob ich darauf hoffen darf, ihn wiederzusehen. Es kann
wohl nicht anders sein, als daB er Dir durch sein Buch, wenn
Du Zeit gehabt hast, es zu lesen, noch naher gekommen ist.
Was ihn betrifft, so sprach er hier einmal mit viel Sympathie
von Dir. Mich wurde sein Tod wahrhaftig treffen, so wie
356
seine Krankheit mich betriibt. Seit einiger Zeit schreibe ich
ihm nicht mehr, weil er soviel ich weiB, nicht mehr fahig ist, .
Brief e aufzunehmen. Ich erwarte wieder Nachricht von sei-
ner Frau. Diese ist auch sonst vom Ungliick betroffen: Der
Sohn, der zuletzt der Tuberkulose, die ihn im Kriege be-
fallen hatte, durch eine Reihe von Kuren in Davos und von
schweren Operationen wie durch Wundef entronnen schien,
ist wieder erkrankt. — Das Schreckliche was Agnon geschehen6
ist, erfahre ich erst durch Dich. Ich erreiche den Zustand
eines Menschen der das durchmachen mufl, geschweige der
es iiberwinden kann, in meiner Vorstellung auch nicht im
mindesten.
Bergmann ist wohl noch nicht aus London bezw. Amerika
zurtick. WeiBt Du Neues und Communizierbares iiber den
Stand der Universitatsf rage ? 7 Die Nachricht von der Er-
mordung [de] Haans8 war mir schon zugekommen. Aber
fast noch schrecklicher als sie ist das, was Du von der Wir-
kung dieses Geschehens berichtest. Kurzlich sprach ich hier
einen russischen Juden aus der Gegend von Kiew, einen
Landarbeiter, der unmittelbar aus Palastina kam, seinen
Namen weiB ich nicht mehr. Er sah nicht aus wie der erste
beste und zog mich an, indessen er fest glaubte, mich in
Palastina gesehen zu haben. Auch Dich hat er gesehen und
von Dir gehort, ohne mit Dir gesprochen zu haben. —
Du wirst Dir denken, daB ich im Lauf e der Zeit hier vieles
gesehen habe und wenn morgen — was noch dahinsteht — ein
Ausflug nach Positano, sudlich von Sorrent, zu Stande kommt,
so werden mir bis auf Ischia die beruhmten Orte der Gegend
bekannt sein. Nirgends war der Eindruck an Gewalt dem
vergleichbar, den die Tempelruinen von Paestum, die ich
einsam an einem Augusttage in der Malariazeit, wo die
Gegend gemieden wird, sah, mir machten. Er wird von dem
Klischee das ich beim Worte „griechischer Tempel" ja, auf
Grund der Abbildungen, assoziierte, nicht einmal beriihrt.
Die Gegend in der sie stehen ist so groBartig in ihrer land-
schaftlichen wie ode in ihrer zivilisatorischen Gestalt. Man
sieht, nicht allzuweit von den Tempeln das schmale brennend
blaue Band des Meeres. Die Tempel gelten fur die gewaltig-
357
sten, die auBerhalb von Athen zu sehen war en. Sie gehoren
alle drei - aber nur zwei sind sehr wichtig — ungefahr dem
gleichen Stil und der gleichen Zeit an und sind von einer
noch heute vor Leben fast lauten, vernehmlichen Verschie-
denheit. Da sie dicht neben einanderstehen ist die Ausein-
andersetzung erschiitternd. Am gleichen Tage sah ich Salerno.
Zum zweiten Male Pompeji und zum zwanzigsten vielleicht
Neapel, iiber das ich viel Material, merkwiirdige und wich-
tige Beobachtungen, gesammelt habe, die ich vielleicht werde
verarbeiten konnen. Pozzuoli, Amalfi, Ravello sah ich. Die
Feuerwerke, eines das andere iiberholend und immer neue
Farben und Formen enthaltend, brennen den Sommer lang
nachtaus nachtein an diesen Kiisten9. Ich habe Dir davon
sicherlich geschrieben. Ein anderes sind die Weingarten, die
auch zu den Wundererscheinungen dieser Nachte gehoren.
Du wirst das gewiB kennen gelernt haben, wenn Frucht und
Blatt in der Schwarze der Nacht untertauchen und man vor-
sichtig - um nicht gehort und verjagt zu we'rden — nach den
groflen Trauben tastet. Aber es liegt noch viel mehr darin,
woriiber vielleicht die Kommentare des hohen Liedes Auf-
schluB geben.
Mir ist es ganz unvorstellbar — und je mehr mich zur Zeit
Beklemmungen fesseln, desto unerfindlicher — daB ich von
hier in zwolf Tagen fort will und soil um noch etwas von
Italien zu sehen. Ich will den Monat Oktober reisen, nicht so
sehr Rom als Florenz, Ravenna, Assisi, Ferrara sehen und,
wenn keine Schwierigkeiten sich erheben, nach Paris. Ob das
aber, wegen des Visums, gehen wird, weiB ich nicht. Am
1. November will ich in Berlin sein. Briefe richte bitte von
nun an nach Hause, von wo sie mir nachgesandt werden.
In Neapel habe ich die Gelegenheit wahrgenommen, neue
franzosische Bucher zu kaufen, so weit das Geld langte. Also
nur wenige. Darunter die herrliche Exegese des lieux com-
muns (2 torn) von Leon Bloy10; kaum ist je eine erbittertere
Kritik oder vielmehr Satire gegen die Bourgeoisie geschrieben
worden, wie diese, ubrigens sprachphilosophisch groBartig
fundierte Kommentierung ihrer Redensarten. Bloy ist (royali-
stischer?) Katholik gewesen. Ich habe eine Anzahl Sachen von
358
ihm. Dann fiel mir in Neapel ein schones, seltenes deutsches
Kinderbuch in die Hande. Also warum nicht in Jerusalem?
Halte doch Ausschau! Von meinem Berliner Konkurrenten,
Meister und neidlosen Forderer meiner Sammlung ist das
Buch nun erschienen. Karl Hobrecker: Alte vergessene Kin-
derbiicher. Ich erhielt kxirzlich dasRezensionsexemplar11. Der
Text des alten Herrn ist onkelhaft und von einem biederen
Humor, der manchmal gerat wie ein miBgliickter Pudding.
Die Bilder sind in der Auswahl z. T. problematisch, in der
Ausfuhrung aber, soweit sie farbig sind, sehr achtbar. Ich
werde Dir seinerzeit berichtet haben, daB der Verleger als er
meine Sammlung und ihr Leben bei mir kennen lernte, trost-
los war, den Auftrag nicht an mich gegeben zu haben.
Du machst in Deinem Briefe eine mir nicht verstandliche
Anspielung auf [Richard] Willstadter, der einen Ruf an
Deine Stelle bekommen habe 12. Ich weiB nicht, ist die Rede
von Miinchen, Berlin oder Muri : in letzterem Falle sind wir
zur Erhohung der Beziige bis zur Maximalgrenze der Jah-
resbeziige des Herrn Wilhelm II bereit, um Deine schatzbare
Kraft u. s. w.
Heute, denke ich, darf Deine Lupe f eiern 13. - Ich habe mir
durch die Ernahrung hier eine Blutvergiftung zugezogen, die
zunachst am Bein, dann am Arm ausbrach und mich auch
jetzt wieder schmerzhaft bedroht. Eine unangenehme Ge-
schichte. Seit kurzem habe ich Netze gegen die Miicken, die
mich zwei Monate jede Nacht bis auf die Knochen aufgezehrt
hatten und ich hoffe, jetzt wird es besser werden; denn die
Stiche waren wohl auch ein AnlaB zu Infektionen.
Ich hoffe Du haltst Dich nicht an mein Schweigen sondern
gibst mir bald anschauliche und erfreuliche Nachricht von
dem was Dich betrifft. Ich sende Dir und Escha sehr herz-
liche GruBe.
Dein Walter
l Dies Manuscript hatte W. B. in der Form einer Schriftrolle Scholem
bei der Abreise gegeben. Eine andere Fassung ist als „Reise durch die
deutsche Inflation" in der „Einbahnstrai3e" („Kaiserpanoramau) ge-
druckt.
359
2 „Vers und Prosa" (herausgegeben von Franz Hessel), Heft 8, August
1924, S. 269-272.
3 Die Photo graphie von der Kehrseite. In „Zeitschrift fur elementare
Gestaltung", Juni 1924.
4 Diese Balzac-TIbersetzung erschien 1925 in Berlin bei Rowohlt.
5 Eine von Scholem redigierte Zeitschrift der Jerusalemer Bibliothek,
in der seine ersten hebraischen Auf satze stand en.
6 Das Haus, in dem er in Homburg v. d. Hohe wohnte, brannte nieder,
wobei seine Manuskripte und seine Bibliothek vernichtet wurden.
7 Die Griindung der Hebraischen Universitat in Jerusalem.
8 Auf politischem Hintergrund. Die Geschichte des Mannes und seiner
Ermordung bildet den Gegenstand von Arnold Zweigs Roman „De
Vriendt kehrt heim" (1932).
9 Vgl. Schriften II, S. 77.
10 Proben daraus verbffentlichte W. B. in seiner Ubersetzung und mit
einer Einleitung in der „Literarischen Welt" vom 18. Marz 1932.
11 Die Rezension erschien in „Das Antiquariatsblatt" No. 22, Dezem-
berl924.
12 Er hatte in einem Aufsehen erregenden Schritt sein Miinchner
chemisches Ordinariat niedergelegt, als eine wichtige Berufung von
der Fakultat aus antisemitischen Griinden abgelehnt wurde. Es hiefi
damals, man versuche, ihn nach Jerusalem zu berufen.
13 Der Brief ist nicht in ganz so mikroskopischer Schrift geschrieben
wie so viele andere Briefe W. B.s.
137 An Gerhard Scholem
12. Oktober- 5. November 1924
Rom - Florenz
Lieber Gerhard,
die Ratlosigkeit ist an mir: ich weiB nicht, warum Du mei-
nen letzten Brief ohne Antwort gelassen hast. Nun, da ich
gleichsam an meinen letzten Bericht anzukniipfen habe, ist
es, paradoxerweise, doppelt schwer, den „Faden der Erzah-
lung" wieder aufzunehmen. Einige Zeilen von Dir hatten
eine sylphidische Briicke uber Kliifte geschlagen, die eine
Reise mit sich bringt. Denn das ist es nun endlich in zwolfter
Stunde geworden: eine Reise. Auf der ich mich einsam aber
ungebunden auf einer goldenen Strafie fortbewege. Am
360
zehnten Oktober habe ich Capri verlassen, bin in Positano,
dann - wiederum langer als meine Absicht war — in Neap el
gewesen und seit einer Woche in Rom. Nicht ganz mit dem
sicheren Gefuhl der fertigen Schrift in der Tasche, der
Teil III und SchluB nodi fehlen, aber materialmaBig geord-
net bis ins Genaueste bereitliegen. Capri war kein Boden
mehr und die Arbeit, die ich in Berlin schleunigst abschlieBen
muB, kam iiber Teil II nicht hinaus. Die Reinschrift, mit der
mein eigentlicher Anteil erst einsetzt, und fur die ich die
unerlaBliche Serenitat erhoffe, findet einen Stoff vor aus dem
etwas werden kanri. An vielen Partien wird nichts mehr
geandert werden. — Am letzten Tage in Capri traf die Nach-
richt ein, auf die ich seit zwei Wochen gefaBt sein muBte,
die mich aber auch jetzt erst langsam erreicht: Rang ist ge-
storben. DaB auch in Dir sein Bild dank der kurzen Begeg-
nung aufbewahrt ist, ist gut. Ich habe nichts gefarbt, als ich
seiner Frau in dem Brief e, in dem ich mitzuteilen suchte, wie
ich an ihm hing, schrieb, daB seltsamerweise ich diesem
Mann, ebenso wie seine Unterstiitzung und Bestatigung das
zu danken vermochte und danken muBte, was ich von deut-
scher Bildung Wesentlichstes in mich aufgenommen habe.
Denn nicht nur, daB in diesem Bereiche die Hauptgegen-
stande unsrer beharrlichen Betrachtung fast samtlich die-
selben waren — das Leben, daB in diesen groBen Gegenstan-
den lebt habe ich menschlich ganz allein in ihm lebendig
gesehen, ausbrechend mit desto mehr vulkanischer Gewalt-
samkeit, als es unter der Kruste des iibrigen Deutschland
erstarrt lag. Wenn ich mit ihm sprach, war nicht sowohl
Harmonie in unsern Gedanken, als daB ich, wetterfest und
athletisch, an dem unmoglichen, zerrissenen Massiv der seini-
gen mich versuchte und oft genug eine Zinne mit weitem
Ausblick auf eigene unerschlossene Gedankenbereiche ge-
wann. Sein Geist war von Wahnsinn durchzogen wie ein
Massiv von Schluchten. Aber durch die Moralitat dieses
Mannes gewann Wahnsinn keine Macht iiber ihn. Ich habe
das wunderbare menschliche Klima dieser Gedankenland-
schaft ja gekannt: es war andauernd die Frische des Sonnen-
auf gangs. Aber wie erstarrt diese Lands chaft nach Sonnen-
361
untergang daliegt, das ist mir audi klar und ich denke mit
Unruhe und ohne einen Ausblick auf Losung zu finden an
das Schicksal seiner Sachen. Wer kann da herankommen? Das
Shakespearewerk ist wahrscheinlich zum allergroBten Teile
vollendet. Das Schicksal seiner Frau ist schwer. Der dritte
Sohn (einer fiel), der vor Monaten endlich von einer Tuber -
kulose geheilt schien, muB zum zweiten Male operiert wer-
den. Sie lebt ganz allein in dem kleinstadtischen Ort, in dem
ihr Mann keinen Verkehr mit irgend jemandem unterhal-
ten hat.
Schrieb ich Dir — ich glaube es wohl - daB ich in Capri
viel mit Bloch zusammen war? Cassirer gibt ein Jahrbuch
heraus, in dem er Reklame fiir Bloch braucht. Mit Telegram-
men und Ahnlichem gelang es mir nun, die Rezension vom
„Geist der Utopie", die dort zu spaten Ehren kommen soil,
mit 1100 Lire in den Dienst meiner Reise zu stellen. In ein
bis zwei Monaten erhaltst Du einen kompletten Separatabzug
der Wahlverwandtschaftenarbeit. Heute neuere Baudelai-
riana, in Nachbarschaft von solchen der Lotte Wolff. Ich
weiB nicht mehr, ob Du sie kennen gelernt hast. Dann wird
sowie ich die Reins chrift habe, lettisch, und vielleicht auch
deutsch „Neapel" erscheinen1. Von dieser Stadt habe ich auch
mit dem Aufenthalt in Rom nicht Abschied genommen.
Vielmehr sprach mich das moderiert Weltstadtische hier nach
dem extremen Temperament des neapolitanischen Stadt-
lebens kiihl an. Ich ermesse erst jetzt, wie orientalisch Neapel
ist, Hier suchte ich vor allem fruhchristliche Denkmaler. Der
Antike stehe ich so unwissend gegeniiber, daB ihre Reste, die
nur in archaologischer Betrachtung ihr Leben gewinnen, auf
mich vorschriftsmaBig imposant wirken. Und wie sehr mir
zur Renaissance ein von Studium unvermitteltes Verhaltnis
f ehlt, sah ich heute drastisch, als in der Galeria Borghese kein
Bild vor 1400 zu entdecken war und ich meinen Spaziergang
durch die oden Sale, mit dem Besuche der vatikanischen
Galerie verglich, in der ich vor jedem Bilde [wie] eine
Schnecke vor jedem Steinchen innehielt. Morgen gehe ich
nocheinmal dorthin. Die ersten Sale enthalten herrliche Bil-
der der Sienischen und anderer Schulen aus dem Trecento.
362
Was habe ich erst in Florenz zu erwarten. Nichts will ich von
Michelangelo s sixtinischer Kapelle schreiben, als daB sie mei-
ner neutralen unwissenden Erwartung beim ersten Anblick
den Garaus gab. Sie ist unsagbar schon und gewaltig. Im
Augenblick vermag ich nichts uber sie zu schreiben. (Es geht
ein schreckliches Gewitter uberderStadt nieder). Mit Raff aels
Bildern vermag ich nichts anzufangen. —
Soweit aus Rom, wo ich dies ungefahr am 12. Oktober
schrieb.
Heute ist der 5. November. Die kindische Feststellung
liber Raffael (kindisch auch wenn sie richtig ist) verstimmte
mich, so daB ich den Brief liegen lieB. Indessen trat das
Lustige ein, daB hier — in Florenz - ein wirklich betroff enes
Einhalten vor einer Tafel sich ergab, die mit „Raffael?" be-
zeichnet ist. Natiirlich ist das ganz typisch fur mich — aber
das Einhalten keinesfalls durchs Fragezeichen verursacht.
Es ist ein unheimlicher Jungling, der darauf portratiert ist.
Burckhardts Bemerkung von „damonischer Religiositat" auf
Raff aels Bildern ist iiberhaupt nicht aus den Fingern gesogen.
Aber mir wird gerade dabei nicht wohl. Den Johannesknaben
mit dem vielsagend erhobenen Finger wirst Du aus Repro-
duktionen kennen. Anders wirkte doch die verwandte Inten-
tion im Knaben der sixtinischen Madonna auf mich.
Seit besagtem Gewitter ist meine Fahrt meist unter grauem,
ungemafien Himmel erf olgt, doch so, daB ich die Landschaf-
ten fur kurze Weile immer in der Sonne sah, bis auf Assisi.
Dort erschien ein dichter Herbstnebel fur den f estungsartigen
Bau von S. Francesco nicht unpassend. Aber der Tag, den ich
dort zubrachte, erlaubte kaum, etwas von den Fresken der an
sich schon dunkeln Unterkirche wahrzunehmen. Desto besser
konnte ich die der Oberkirche von Giotto studieren. Zuletzt
habe ich, in Ansehung der Einsamkeit meiner Streifereien,
zuviel Bilder zu sehen bekommen und doch soviel Zeit nicht
gehabt, mich auf Architektur zu konzentrieren. Denn meine
vollig induktive Weise, mich mit der Topographie der Orte
bekannt zu machen und jedes groBe Bauwerk in seiner laby-
rinthischen Umgebung banaler, schoner oder armseliger
Hauser aufzusuchen, erfordert zu viel Zeit und laBt mich zu
363
eigentlichem Buchstudium nicht kommen: ohne dieses blei-
ben mir von Architektonischem nur Eindriicke. Von der Topo-
graphie der Orte aber nehme ich ein ausgezeichnetes Bild
mit: es handelt sich darum sich zunachst durch eine Stadt so
durchzutasten, daB man souveran dahin zuriickkehrt. Der
erste begrenzte Aufenthalt an solchen Platzen kann etwas
Subalternes nicht umgehen, wenn er nicht auf strengster
Vorbereitung beruht. Strenger umgrenzte Begriffe oder
wenigstens Fragen gewann ich nur von einigen Malern.
Ganz besonders von Signorelli, der einen Teil des Doms von
Orvieto ausgemalt hat, in Fresken, deren innere Verwandt-
schaft (vielleicht gibt es auch EinfluB) mit den hundert Jahre
spatern Michelangelos in der sixtinischen Kapelle langst f est-
gestellt ist. Ubrigens schrieb ich Dir nichts von den illumi-
nierten Handschriften der Vatikanischen Bibliothek, die in
Schaukasten ausliegen. Es lohnt schon Kardinal zu werden
um die durchblattern zu diirfen. Aber vielleicht fiihren auch
die Stufen Deiner Carriere dahin. (Naturlich denke ich nicht
an Missales und Miniaturen, sondern an die altesten Bibel-,
Vergil-, Terenz Handschriften, die dort liegen,) Allzugut ists
mir in Florenz mit dem Faschismus geworden. Es gab, in den
paar Tagen meines Hierseins nicht weniger als drei Festtage
mit groBter Machtentfaltung. Stundenlange Prozessionen
sperrten mich in ein kleines Viertel in dem es nichts zu sehen
gibt. Wenn ich dann sei es resigniert, sei es um einen Durch -
bruch zu versuchen, mich ins Gewiihl der Spalierbildenden
begab, so geschah es jedesmal genau in der Sekunde, auf die
es ankam, die Sachverstandigere in vielstundigem Posten-
stehen erwartet hatten und die ich dann, da ich mich vor
Ungeduld in die erste Reihe geschoben hatte, als vbllig trost-
lose Konstellation erkannte an dieser sichtbaren Stelle aber
begriiBen muBte. So konnte ich vom Konig, der sehr klein,
mindestens die Militarmutze sehen und so bekam ich bei
anderen Gelegenheiten Del Croix zu sehen, ein Mann, der im
Kriege vtillig zu schanden geschossen wurde, und eine Haupt-
rolle in der faszistischen Politik spielt. Von den Umziigen
der Jugend zu schweigen, an denen alles teilnimmt, sobald es
von der Mutterbrust abgesetzt ist. Nicht anders ist es mir in
364
Perugia gegangen: audi da sehr groBes Aufgebot - Vereidi-
gung der Miliz der Faszisten auf den Konig — kurz: wenn
ich anstatt Leser der Action Frangaise zu sein ihr italienischer
Korrespondent ware, hatte ich nicht anders disponieren
konnen.
Urspriinglich war meine Absicht von hier nach Genua zu
fahren, von dort nach Marseille zu Schiff und von dort nach
Paris zu gehen. Aber das ist aus verschiedenen Griinden
nicht moglich. Ich habe mich darauf beschranken miissen, in
Neapel, Rom und Florenz franzbsische Biicher einzukaufen;
meist Neuerscheinungen. Den Autor Jean Giraudoux, von
dem ich „ Juliette au pays des hommes" las, lege ich Dir sehr
nahe. Heute nacht fahre ich nach Berlin und hoffe dort bald
von Dir Nachricht zu haben.
Mit herzlichen GriiBen Dein Walter
l Erschien in der FZ vom 19. August 1925.
138 An Gerhard Scholem
Berlin, 22. Dezember 1924
Lieber Gerhard,
der Nachtstunde, in der ich beginne, steht dies strahlende
Papier, und „barocke" Figuren magst Du aus dem geham-
merten Biitten — so nennt mans — auch herauslesen. Ich
glaube, jahrelang habe ich nicht darauf geschrieben. Vor Dir
ist, nach meinem langgezogenen Schweigen, diese captatio
benevolentiae nicht uberflussig und hoffentlich nicht ver-
geblich. Grund: diesmal im wesentlichen das Erfordernis,
meine Arbeit um jeden Preis zu beenden. Dazu sind denn
seit ein paar Tagen Anstalten getroffen. Die Rohschrift des-
jenigenTeils, den ich einzureichen gedenke,ist abgeschlossen.
Das ist der Hauptteil. Einleitung und SchluB, die methodi-
schen Fragen gelten, habe ich zuriickgestellt. Nachgerade
habe ich die Distanz zum Geleisteten verloren. Ich miiBte
365
mich aber irren wenn nicht die organische Gewalt des alle-
gorischen Bereichs als Urgrund des Barock lebendig erschei-
nen sollte. Indessen iiberrascht mich nun vor allem, daB,
wenn man so will, das Geschriebene fast ganz aus Zitaten
besteht. Die tollste Mosaiktechnik, die man sich denken kann,
als welche fur Arbeiten dieser Art so befremdlich erscheinen
diirfte, daB ich in der Reinschrift wohl hie und da retouchie-
ren werde. Einige konstitutive Gebrechen sind mir klar. Der
virtuelle Gegenstand der Abhandlung wird Calderon sein;
die Unkenntnis des lateinischen Mittelalters wird mich an
einigen Stellen zu einem Tiefsinn genotigt haben, den exak-
teste Quellenkenntnis eriibrigt hatte. Indessen, wird eine
solche Arbeit iiberall nur aus Urquellen gespeist, so kann sie
vielleicht nicht zustande kommen. Und daB sie dennoch zu-
stande gekommen zu sein wert ist, davon mochte ich mich
iiberredenl Vorauszusagen — mit voller Sicherheit — wage ich
doch nicht, ob aus dem Ganzen die „Allegorie" — das Wesen,
um dessen Rettung es mir ging — in aller Totalitat gleichsam
momentan herausspringt. Von auBen wird sie sich (Einlei-
tung und SchluB nicht gerechnet) wohl so prasentieren: Ur-
sprung des deutschen Trauerspiels als Titel. I Trauerspiel
und Tragodie II Allegorie und Trauerspiel. Beide Teile in je
drei gegliedert, iiber denen sechs Mottos stehen werden, wie
sie kostbarer und rarer — unauf findbaren Barockschriften fast
samtlich entnommen — keiner versammeln konnte. — Erschie-
nen sind: eine freundschaftliche (glanzende) Rezension des
Baudelaire in der „Neuen freien Presse", eine Rezension von
mir iiber ein Buch „Alte vergessene Kinderbiicher" von
Hobrecker, einem mir bekannten berliner Sammler, in einer
Antiquariatszeitschrift, eine fernere desselben Buches in der
„Leipziger Illustrierten Zeitung".1 [. . .] Jetzt nach Beendi-
gung der Rohschrift, fallt mir ein kapitales Buch in die
Hande, das ich als letztes Wort einer unvergleichlich faszinie-
renden Forschung Dir und - sollte das noch am Platze sein —
der Jewish National Library - nenne: Panofski-Saxl: Diirers
Melancholia I, Berlin Lpz 1923 (Studien der Bibliothek War-
burg). Versaume nicht, das vorzunehmen. Das bekannte,
beruchtigte Rosenkreuzerbuch2 werde ich vor Abfassung der
366
Reinschrift kaum mehr, desto vergniigter — hoffe ich — nach-
her konsultieren. Mit „de planctu naturae" bin ich gut
abgefiihrt. Indessen hatte ich langst den Alanus de Insulis
vorgenommen und gemerkt, daB er mit meinem Gegenstande
nichts zu schaffen hat. — Dieses Buch wird nicht bei Arthur
Scholem gedruckt werden, sondern es wird hergestellt von . . .
Jacques Hegner. Auch winkt mir endlich eine allein angemes-
sene Fraktur. Dies alles, weil ich vor einer Woche auf zwei
Jahre einen Generalvertrag mit einem hiesigen neugegriin-
deten Verlag abgeschlossen habe, fiir den ich zugleich das
Lektorat (aber ohne Verpflichtung und Honorar) ubernehme.
Im iibrigen zahlt der Verlag eine den Umstanden nach an-
gemessene Rente, und jedes Jahr eine Auslandsreise, von
welcher ich das Publikum durch ein Reisetagebuch zu infor-
mieren habe. Was aus diesem Unternehmen werden wird,
kann ich nicht ausmachen. Aber der Eindruck seines Chefs
— er ist zehn Jahre jiinger als ich — gelernten Buchhandlers,
ist nicht ungiinstig.3 Ein Zeitschriftenplan hat sich ange-
schlossen, — mein Programm ist dem des Angelus in jeder
Hinsicht so ganzlich polar, daB ich es bei dieser ratselhaften
Bemerkung fiir heute bewenden lasse. Kommt es dazu oder
nicht, so wirst Du es jedenfalls erfahren und bist, fiir den
Fall daB es Dich gewinnt zur Mitarbeit in der besten Form
eingeladen. Indessen beschaftigt mich vor der Hand meine
Arbeit hinreichend. Dringender ist, Dir mitzuteilen, daB ich
im Rahmen einer weidlichen Phantasie Muri zur Publizitat
zu bringen hoffe. Ich bereite (als Privatdruck oder als kauf-
liche Erscheinung) vor: „Plakette fiir Freunde". (Plaquette
ist in Frankreich ein schmales broschiertes Sonderheftchen
mit Gedichten oder ahnlichem - ein terminus technicus der
Buchhandler). In mehreren Kapiteln, die je als einzige Uber-
schrift den Namen eines mir Nahestehenden tragend, will
ich meine Aphorismen, Scherze, Traume versammeln. Und
Muri soil sich unter dem Deinigen entfalten. - Wahrschein-
lich bin ich verpflichtet, nachstes Jahr meine Sache iiber die
„Neue Melusine" zu schreiben. [...] Von Dir erwarte ich:
Kirjath Sefer, Alchemie und Kabbala. Zu meinem Schrecken
vermisse ich seit der Heimkehr Deine Ubersetzung des hohen
367
Liedes. Dagegen hatte [Ernst] Simon das Jona- Manuscript
gesandt. Ich habe es noch nicht lesen konnen. Wann darf ich
auf Deine Arbeiten zahlen? Den SchluB der Wahlverwandt-
schaftenarbeit wirst Du, denke ich, im Februar erlialten.
Hemmungen im Schreiben, von denen Du berichtest, miissen
oft, wenn ich nicht irre, geradezu Symptome intensiver und
folgenreicher Vertiefung sein. Und wenn Deine, und hof-
fentlich auch Eschas, Gesundheit sich vollig wiederhergestellt
hat, werden sie auch zuversichtlich nichts anderes bedeuten
oder bedeutet haben. Aber eben deswegen ware es mir hochst
willkommen, davon mehr, naheres zu horen. — In Berlin ist
man sich, um doch auf meine Reise zuriickzukommen, iiber
eine offenkundige Veranderung einig, die mit mir vorgegan-
gen sei. Die Exaltation, mit der ich mich im Fruhjahr, unter
Fasten und ahnlichen Exerzitien auf sie vorbereitet und sie,
nicht ohne Doras intensive Unterstiitzung, auBerlich und
innerlich mir erkampft hatte, war nicht umsonst. Auch die
kommunistischen Signale — sie werden Dir eines Tages hof-
f entlich praziser zukommen, als von Capri aus — waren zuerst
Anzeichen einer Wendung, die in mir den Willen erweckt
hat, die aktualen und politischen Momente in meinen Gedan-
ken nicht wie bisher altfrankisch zu maskieren, sondern zu
entwickeln, und das, versuchsweise, extrem. Natiirlich besagt
das, die literarische Exegese der deutschen Dichtungen, in
der es im besten Falle, wesentlich zu konservieren und das
Echte gegen die expressionistischen Verf alschungen zu restau-
rieren gilt, tritt zuriick. Solange ich nicht in der mir gemaBen
Haltung des Kommentators an Texte von ganz anderer Be-
deutung und Totalitat gelange, werde ich eine „Politik" aus
mir herausspinnen. Und freilich hat sich dabei meine Uber-
raschung iiber die Beriihrung mit einer extremen bolsche-
wistischen Theorie an verschiedenen Stellen erneuert. Es ist
sehr schade, daB ich eine zusammenhangende schriftliche
AuBerung iiber diese Dinge noch nicht absehen kann und
bis dahin vielleicht noch Gegenstand Deiner Spekulationen
iiber die Wahlverwandtschaft von Walter Benjamin und
Werner Scholem4 bleibe. Noch weit bedauerlicher aber, daB
wir uns nicht sprechen konnen. Denn noch steht mir keine
368
andere Aufierungsform in dieser Sache zurVerfiigung. Merk-
wiirdig und unvorhergesehn hat sich ergeben, daB der Kern
unserer internationalen Gesellschaft auf Capri hier wieder
zusammen ist, etwa vermindert durch Ernst Bloch, der weiter
in Positano haust. [. . .]
Erich Unger und Adolf Caspary haben ein Werk von
30 Seiten gegen Schulreform und fur das humanistische
Gymnasium erscheinen lassen5. Der Privatzauberer Erwin
Loewenson6 hat eine Metaphysik der Vortragskunst in einem
Sammelbuch zu Ehren von Ludwig Hardt geschrieben7. Der
Privatdozent David Baumgardt8 ist es endlich nach Ein-
reichung der vierten Habilitationsschrift iiber „Baader und
die romantische Philosophie" geworden. Alle hier genannten
Werke habe ich nicht gelesen, empfehle sie aber angelegent-
lich und bin gern bereit, sie gegen 30 % Zuschlag zu be-
sorgen.
Ein Bild von Rang habe ich nicht: ich will sehen, ob ich
Dir eines verschaffen kann. Ich hatte schon langst vor Dir
mitzuteilen, dai3 er gelegentlich in einem Gesprach iiber die
„Muhlen am Rande des Abgrunds"9 mich auf die Edda ver-
wies, wo die Miihle als Unterweltssymbol eine Rolle spielt. —
Gestern am ersten Chanukah- Abend bekam Stefan eine
Eisenbahn, sowie eine herrliche Indianer-Ausriistung, eine
der schonsten Spielzeugsachen, die seit langem auf den Markt
gekommen sind : bunte Federbtische, Axte, Ketten. Da jemand
anders ihm zufallig zum gleichen Tage eine Negermaske
schenkte, so habe ich ihn heute friih in grandiosem Aufzug
auf mich zutanzen sehen. — Bitte schreibe mir recht bald.
Sowie ich meine Arbeit fertig habe, werden meine Briefe
wieder haufiger werden. Audi vonAgnon10 schreibe mir bitte.
Lebe wohl und sei herzlich gegriifit
Dein Walter
1 In der Weihnachtsnummer.
2 Von Hargrave Jennings.
3 Er hiefi Littauer.
4 Ein Bruder Scholems, der damals kommunistischer Reichstagsabge-
ordneter war und 1927 bei der Stalinisierung der KPD ausgeschlossen
wurde.
369
5 Die Vergewaltigung des Gymnasiums durcli den Geist des prakti-
schen „Lebens". Bin. 1924.
6 Uber Loewenson (geb. 1888 in Thorn, gest. 1963 in Tel Aviv) siehe
H. Tramer, Berliner Fruhexpressionisten im Bulletin des Leo Baeck
Instituts VI, S. 245-254. L. lebte sehr zuriickgezogen.
7 Ludwig Hardts Rezitation, eine neue Kunstgattung, in „Ludwig
Hardts Vortragsbuch", Hamburg 1924.
8 Starb 1963 in den USA. Bis 1953 Privatdozent in Berlin. - Von den
oben genannten vier Personen waren Unger, Loewenson und Baum-
gardt Bekannte von W. B.
9 Eine im Buch Sohar vorkommende Metapher.
10 Agnon war nach Palastina zuriickgekehrt und lebte in Jerusalem.
139 An Hugo von Hofmannsthal
Berlin, 30. Dezember 1924
Hochverehrter Herr von Hofmannsthal!
Das Jahr, das zu Ende geht, will ich nicht verstreichen lassen,
ohne mich dankbar zu erinnern, daB es mit Ihrem Anteil
meine Arbeit bestatigt hat. Sie werden es, so hoffe ich,. nicht
als unziemlich empfinden, wenn ich, aus dieser Dankbarkeit
heraus, Ihnen ein gluckliches kommendes wiinsche.
Ich selbst diirfte vielleicht riickblickend das vergangne so
nennen, das mir mit einem langen Auf enthalt in Italien, mit
der Begriindung eines festeren Verhaltnisses zu einem Ver-
lage (welches ich indirekt den „Neuen deutschen Beitragen"
verdanke) langgehegte Wiinsche erfiillte, hatte es mir nicht
meinen Freund Christian Rang genommen. Sie sind, wie
Frau Rang mir schrieb, durch einen der Sonne von dem Tode
verstandigt worden. Hatte sie dem auch die Bitte nicht bei-
gegeben, daB ich meinerseits die Todesnachricht Ihnen uber-
gabe, so wiirde ich doch nun, nachdem einige Zeit verstrichen,
vor Ihnen, hochverehrter Herr von Hofmannsthal, dieses
Mannes und seines so bittern, so unzeitigen Todes gedenken
wollen. Niemals hatte man von ihm als einem „Vollendeten"
sprechen kbnnen, aber das Alter zu erleben, schien er mir
vorbestimmt und in einer Zeit, da es fast in alien um seine
370
Wiirde gekommen ist, sie zu erneuern. Auf Capri, wo wir
zuletzt zusammen waren und seine Gedanken sich sammelten
wahrend er ausruhte, sprach er von der Absicht, Deutschland
zu verlassen, die politischen Fragestellungen, die es ihm auf-
notigte, zu meiden und in der Schweiz— er dachte an Zurich —
ganz philosophischen und theologischen Arbeiten zu leben.
Die Rettung ihrer umfangreichen Vorstudien in die Form
des „Nachlasses" erscheint besonders schwer. Fur diejenigen,
die ihm geistig nahestanden, gewinnt durch diesen Sachver-
halt Ihre Publikation der „Seligen Sehnsucht" * eine eigene
Bedeutung. Es wiirde diesen Tod noch trauriger fur sie
machen, wenn sie sich sagen miiBten, daB nirgends dieser
Mann mit den ihm angelegensten Gedanken bei Lebzeiten zu
Wort gekommen ware. Dieses Schicksal, das um ein geringes
sich vollzogen hatte, haben Sie abgewendet.
Mit freudiger Spannung sehe ich dem nachsten Heft der
„Beitrage" entgegen; die Aufzeichnungen von [Carl Jakob]
Burckhardt2, die Sie dort fortzusetzen versprechen, haben
mich in dem letzten ganz besonders gefesselt.
In aufrichtiger Verehrung verbleibe ich Ihr sehr ergebener
Walter Benjamin
1 Im 1. Heft der „Neuen Deutschen Beitrage".
2 Carl Jakob Burckhardts „Kleinasiatische Reise". - Vgl. audi Hugo
von Hofmannsthal u. Carl J. Burckhardt: Briefwechsel. Frankfurt am
Main 1956. S. 168 f.
140 An Gerhard Scholem
Frankfurt a. M., 19. Februar 1925
Lieber Gerhard,
in einem Brief e nach Capri, den ich oft uberdacht, ja zitiert
habe, hast Du mir geschrieben, mit groBter Besorgnis folgtest
Du mir und hattest den Eindruck daB nun, da das AuBere
sich zu ebnen scheme, meine innern Widerstande gegen die
371
Habilitation die Oberhand behalten wiirden. Die Diagnose
ist richtig, die Prognose, hoffe ich, falsch. Denn immerhin
ist nun derjenige Teil der Arbeit den ich einzureichen ge-
denke in der Urschrift und zu zwei Dritteln auch in hand-
schriftlicher Reinschrift fertig. Aber jetzt erst sehe ich, mit
wie knapper Not das alles unter Dach und Fach gekommen
ist und wie die Argo so wird furchte ich auch dieses Ent-
deckerschiff lein um das goldne VlieB der barocken Allegorese
sein Zeichen abbekommen von zwei aneinanderschlagenden
Inseln (Zykladen heiBen sie wohl) und der kraftig geplante
wohl gezimmerte bibliographische Schwanz- und Steuerteil
wird dran glauben rmissen. Nicht als ob er fortf alien sollte;
davon kann natiirlich keine Rede sein, Aber ich werde die
Sache was Seitenzahlen Buchtitel etc in diesen Verweisen
betrifft, etwas auf Exaktheit polieren miissen, sonst werde ich
bei der don quichotesken Art wie ich diesem philologischen
Teil der Sache die Ehre geben wollte, nie zu Ende kommen.
Sowieso werde ich den Ablieferungstermin beim Verleger
- den ersten Marz — weit iiberschreiten. Ist doch der SchluB
der Sache, den ich ebenso wie den groBten Teil der Einlei-
tung in Frankfurt nicht einliefere, noch nicht geschrieben.
Diese Einleitung ist eine maBlose Chuzpe — namlich nicht
mehr und nicht weniger als Prolegomena zur Erkenntnis-
theorie, so eine Art zweites, ich weiB nicht, ob besseres, Sta-
dium der friihen Spracharbeit, die Du kennst, als Ideenlehre
frisiert. Ubrigens werde ich mir die Spracharbeit dafiir noch
einmal durchlesen. 1 Sei's wies sei ich bin f roh, diese Einleitung
geschrieben zu haben. Ihr urspriingliches Motto war: „Uber
Stock und liber St eine / Aber brich Dir nicht die Beine"
— wahrend jetzt ein so beschaffnes Motto von Goethe dasteht
(aus der Geschichte der Farbenlehre) daB den Leuten das
Maul offen bleibt. Dann gibts zwei Teile I Trauerspiel und
Tragodie II Allegorie und Tragodie und einen wiederum
methodischen SchluBteil. I und II je in drei Teilen mit ins-
gesamt sechs Mottos, mit denen der Leser nichts zu lachen
hat. Motto des SchluBteils von Jean Paul2, die sechs mittle-
ren aber alle hanebiichensten Barockschmbkern entnommen.
Einige kleine Vorleseproben fielen imposant aus. Ich habe ja
572
liber der Arbeit jeden MaBstab verloren. Eine neue Trago-
dientheorie gibt es audi; sie ist zu einem groBen Teil von
Rang. Daselbst ist nachhaltig Rosenzweig zitiert worden,
sehrzu [Gottfried] Salomons3 MiBvergniigen, der behauptet,
das alles — was Rosenzweig uber Tragik sagt — stiinde schon
bei Hegel. Und vielleicht ist es nicbt unmoglich. Ich habe die
vollstandige „Asthetik" nicht einsehen konnen. — Aber diese
Arbeit ist fur mich ein SchluB — um keinen Preis ein Anfang.
Bereits mit der nachsten, zu der ich mich dem Verleger ver-
pflichtet habe, der „Neuen Melusine" will ich ins Romantische
zuriick und (vielleicht schon) ins Politische voran; ganz
anders polar arbeiten, als in dem mir nun zu temperierten
Klima der Barockarbeit, wiewohl sie auf andere nicht ganz
so temperiert wirken diirfte. Aber im Augenblick muB ich
nun die lauliche Luft einatmen: dazu bin ich hergekommen:
habe auch gleich den schonstenGrippenschnupfenbekommen.
Es ist die Frage, ob ich Schultz vor seiner Abreise noch etwas
einhandigen kann; die Schreibmaschinenschrift ist eben erst
begonnen worden. Jedenfalls stelle ich mich ihm demnachst
vor. Die Dinge liegen nicht ungunstig: Schultz ist Dekan;
auch sonst ist einiges praktisch gelagert. Vor fast allem,
was mit dem glucklichen Ausgang gegeben ware, graut mir:
Frankfurt voran, dann Vorlesungen, Schiller, etc. Dinge, die
die Zeit morderisch angreifen, da ohnehin ihre Okonomie
nicht meine starkeSeite ist, sehr vielgestaltige Verlagsangele-
genheiten, eigene Arbeiten - Melusine, dann Politik - zu
machen sind, und endlich, wenn iiberhaupt, dann bald mit
dem Hebraischen Ernst gemacht werden muB. Vorlaufig bin
ich bestrebt, den hiesigen Wind von alien Seiten in meinen
Segeln zu fangen und habe mich zu guterletzt auch noch um
die Redaktion einer Radiozeitschrift, genauer eines Beiblat-
tes, beworben. Diese Arbeit ware nebenamtlich zu machen,
wird aber wegen Honorardifferenzen wohl nicht so leicht mir
zufallen. Die Sache ist die, daB Ernst Schoen hier seit Mona-
ten eine bedeutende Stelle als Manager des Frankfurter
„Rundfunk"-Programms hat und sich fur mich verwendet.
Hier quatschen alleUniversitatslehrer durch denRundfunketc.
Den Tod Deines Vaters ersah ich zufallig aus der Anzeige
373
in der Zeitung. Tritt eine Anderung Deiner auBern Lage
ein? — Ich will nun teils auf Deinen Brief, teils noch auf
meine Arbeiten kommen. Was Agnon betrifft, so habe ich in
dem Sinne, in welchem wir es in Frankfurt einmal erwogen
haben, vor, in der „Neuen Melusine" auf Biegen oder Bre-
chen des „Rabbi Gadiel" zu gedenken. Wenn es audi aus-
fiihrlich. vielleicht nicht sein kann, so soil es doch auf eine
Art geschehen, die ihm gut tut. Und Muri [. . .] endlich:
mein Barockbuch betreffend, so kannst Du denken, mit wel-
cher Ungeduld ich es in Deiner Hand erwarten werde. Streng
genommen und unter uns geredet hat es, mit Rangs Tod,
seinen eigentlichen Leser verloren. Denn wer wird an diesen
abseitigen und sehr verschollnen Dingen ganzen Anteil neh-
men konnen? Ich, als der Autor, bin heute vielleicht dazu der
letzte (im negativen Sinn: tue es nicht). Aber es bleibt genug,
wovon mir hochst wichtig ist, Dein Echo zu vernehmen. Und
manchmal fasse ich ein Zutrauen, daft das Ganze — wenns
nur erst da ware — rund und sonderbar ausgefallen ist. Eine
schwere Kugel, alle Neune damit zu schieben — und SchluB.
Leider kann ich Rosenkreuzerisches nicht mehr beriicksich-
tigen.
Lektiire hat es sonst wenig gegeben. Incredibile dictu: Das
neue Buch von Thomas Mann: Der Zauberberg fesselt mich
durch schlechthin souverane Mache. Sonst gibt es „ Cory don"
von Andre Gide — gescheute und kuragierte Dialoge iiber die
Knabenliebe, den en aber gar zu sehr das attische Salz fehlt.
[. . .] Lukacs hat ein Buch: „Lenin" gemacht. Kennst Du es?
Bloch schreibt aus Karthago. Du also besteige denn die Wart-
tiirme Jerusalems und schaue um Dich.
Meine Bibliomanie geht seltsam — mir erklarlich — zu-
riick. Seit Monaten kaufte ich nichts. Was ich sparen kann,
das war bisher nicht viel, will ich dem Reisen widmen und
zuschlagen. Aber die letzte Anschaffung war epochal. Der
deutsche Tasso von Paris von dem Werder Frankfurt a/M
1624.
Fur heute habe ich denn alles untergebracht. Mit „sympa-
thetischer" Tirite geschrieben bedecken GruB — und gute
374
Wiinsche den Rest des Bogens. Drohungen schlieBen sich an,
fiir den Fall, dafi Deine Antwort auf sich warten lass en sollte.
Dein Walter
1 In der Tat sind Satze aus der damals ungedruckten Spracharbeit in
das Trauerspielbuch wortlich ubernommen worden, vor allem im
Schluftabsatz.
2 Dieser SchluBteil ist bei der Reinschrift ausgefallen.
3 Damals Privatdozent der Soziologie in Frankfurt (1892-1964).
141 An Gerhard Scholem
Berlin, 6. April 1925
Lieber Gerhard,
wiewohl von Neuigkeiten wenig vorliegt und dieser Brief
— ich hoffe — Deinen nachsten kreuzen wird, will ich doch
wieder einmal Nachricht geben. Frankfurt hat triibe auf mir
gelegen, teils wegen der daselbst zu absolvierenden zum gro-
flen Teil mechanischen Arbeit des Diktats, der Bibliographic
und andrer technischer Dinge, teils wegen des mir so beson-
ders verhaBten Stadtlebens und Stadtbildes an diesem Ort,
endlich durch die nicht unerwartete, dennoch entnervende
Unzuverlassigkeit der meine Angelegenheit entscheidenden
Instanz. Dieser Professor Schultz, der wissenschaftlich wenig
bedeutet, ist ein gewiegter Weltmann, der wahrscheinlich in
manchen literarischen Dingen eine bessere Nase hat als junge
Cafehaus-Besucher. Aber mit dieser Affiche seiner intellek-
tuellen Talmi-Kultur ist auch bereits erschbpfend uber ihn
gehandelt. In jeder andern Hinsicht ist er mittelmaBig, und
was an diplomatischem Geschick ihm eignet, wird durch eine
HasenfuBigkeit paralysiert, die sich in korrekten Formalis-
mus kleidet. Uber die Aufnahme meiner Arbeit weiB ich noch
nichts oder besser gesagt, noch nichts Gutes. Als ich eine
Woche nach Einlieferung des ersten Teils den zweiten ihm
iibergab, fand ich ihn kiihl und heikel, iibrigens offenbar
wenig informiert. Er hatte sich wohl nur mit der Einleitung,
375
dem sprodesten Teil des Ganzen, befaBt. Danach reiste ich
hierher und indessen ist er, sei es selbst verreist, sei es in eine
vorsichtige Verborgenheit getaucht, aus der ihn [Gottfried]
Salomon nicht aufzuspiiren vermochte. — Wenn er vor andert-
halb Jahren mir die sehr genaue Hoff nung gab - wenn audi
nicht das bindende Versprechen — auf Grund einer neuen
dementsprechenden Arbeit meine Habilitation fur Literatur-
geschichte zu befiirworten, so zog er jetzt, noch vor Ein-
lieferung der Arbeit, zuriick und pladierte fiir Asthetik, bei
welcher Sachlage seine Stimme natiirlich nicht ganz so maB-
gebend bleibt. Wie dem nun sei — von einer Habilitation
kann nur die Rede sein, wenn er mit groBter Verve fiir mich
eintritt. Wiewohl ein abenteuerlich genauer Apparat sein
Staunen weckte, kann ich das mit GewiBheit nicht erwarten.
Denn schlieBlich spielt tausenderlei hinein, und auch Ressen-
timent. Wie er dannzu Salomon, sogar mit anstandiger Selbst-
ironie auBerte, das einzige, was er gegen mich habe, ware,
daB ich nicht sein Schiiler sei. Die ganze Arbeit kennt bisher
nur Salomon, der sich denn auch meiner Ansicht, daB sechse
sich damit habilitieren konnten, nicht verschlieBt. Von der
erkenntnistheoretischen Einleitung habe ich nur die zweite,
zahmere Halfte eingereicht. Meine urspninglich festgefaBte
Absicht, der inoffiziellen Einleitung einen gleichbeschaff enen
SchluB entsprechen zu lassen, wird sich wohl, trotzdem die
Forderung der Symmetric und sonst Formales im Aufbau
dafiirsprache, nicht verwirklichen. Die Steigerung, die ich in
dem AbschluB des Hauptteils erreiche, ware nicht zu iiber-
holen und um den methodischen Gedankengangen iiber „Kri-
tik", die ich plante, die Kraft, nach diesem AbschluB nach zu
f olgen zu verleihen, ware eine wreitere Arbeit von Monaten
erforderlich, der en Resultat dann durch den Umfang leicht
den ganzen Bau erdriicken kbnnte. Zudem muB das Manu-
skript endlich in die Druckerei. Das wird in einigen Tagen
stattfinden miissen. -
Bloch siehst Du nicht. Begreiflich : er ist seit vier Wochen
wieder hier, da der Mieter seines Hauses, der mit phanta-
stisch hohen Raten seinen afrikanischen Aufenthalt zu finan-
zieren hatte, dieser Verpflichtung sich entzog. So muBt Du
376 .
Dir an [Ernst] Toller geniigen lassen. Ubrigens, wie keiner
Deiner Briefe ohne verheiBungsvolle Ratsel zu sein pflegt, so
haben mich auch die vier Punkte, die den Rezensenten von
„durch die Wiiste" vertreten, gespannt und ich vermutete
einen Augenblick, das seist Du. Hoffentlich geht es mir nicht
wie mit einer friiheren Konjektur, zu der geheimnisvolle
Auslassungen iiber Karl Kraus und Zionismus mich veran-
laBten. Ich erwarb das beschrieene (oder: beschreite) August-
heft der Fackel von 1924 und fand statt eines imaginierten
Brief es von Dir an K. K. feige und mittelmaBige Scherze iiber
Palastina. „Alchemie und Kabbala" war hochwillkommen.
Wann erscheint der SchluB ? DaB ich „nach RedaktionsschluB"
nichts Rosenkreuzerisches meiner eignen Arbeit mehr ein-
verleiben kann, schrieb ich Dir wohl. Zudem habe ich das
wissenschaftliche, zumal das bibliographische Arbeiten nicht
etwa durch das hohe MaB oder die „Tiefe" des Nachdenkens
sondern durch eine Akribie aus vertrackten Hintergr linden
iiberspannt und bin auf tolle Weise den Verlockungen der
herrlichen Friihlingssonne preisgegeben. Das Reisegift das
ich im vorigen Jahre mir injiziert habe, wirkt nun - ein Jahr
nachdem ich sie antrat - aufs neue und ich bin bei weitern
Reiseplanen. Aber ihre Moglichkeit ist nicht gesichert. Dabei
lage — und trotz allem : liegt — dringende Arbeit vor mir. Die
„Neue Melusine" muB vorbereitet werden. Hofmannsthal
f orderte ein privates, personliches Gutachten iiber den „Turm" ,
eine Umdichtung von Calderons „Leben ein Traum", die er
herausbrachte; die Absolvierung dieser Arbeit plane ich mit
einer publizistischen zu verbinden. Eine neue Revue fur lite-
rarische Kritik bei Rowohlt erbittet meine standige Mitarbeit
und ich gedenke zunachst eine Rezension des „Turms" ein-
zuliefern 1 [. . .] Thomas Mann publiziert im letzten Heft der
„Neuen Rundschau" einen kleinen Essay iiber „Goethes Wahl-
verwandtschaften" 2. Ich habe ihn noch nicht gelesen. Aber er
ist mir auf fall end durch eine sich in letzter Zeit oft und oft
erneuernde Begegnung mit diesem Autor. Ich weiB kaum,
wie ich es anstellen soil, Dir mitzuteilen, daB dieser Mann,
den ich gehaBt habe wie wenige Publizisten, mit seinem
letzten groBen Buch, dem „Zauberberg'\ das mir in die
377
Hande fiel, mir geradezu nahe gekommen ist; mit einem
Buche, in dem [m]ich untriiglich Eigenstes, was mich bewegt
und immer bewegte, auf eine Art, die ich streng kontrollie-
ren kann und gelten lassen, ja in Vielem sehr bewundern
muB, angesprochen hat. Es ist, so wenig anmutig dergleichen
Konstruktionen sind, mir dennoch nicht anders denkbar, ja
schlechtweg sicher, daB iiber dem Schreiben eine innere Wand-
lung mit dem Verfasser sich vollzogen haben muB. — Ob er
meine Arbeit iiber die Wahlverwandtschaften kennt, weiB
ich noch nicht. Immerhin vermag ich in seiner gegenwartigen
AuBerung iiber das Buch nicht mehr etwas schlechthin Zu-
f alliges zu sehen. Sonst muB ich dieses Thema fallen [lassen] :
es ist einer brief lichen Mitteilung nicht angemessen. Am
vorletzten Abend in Frankfurt suchte mich der Direktor der
Bremer Presse, Dr. Wiegand auf, um mich fur eine Aus-
wahl aus Wilhelm von Humboldt zu gewinnen. Ich sagte
ihm, daB ich vertraglich gebunden sei, zudem aber in diese
Tiefen der deutschen Klassik mich nicht einlassen konne. Ich
will mit den hebraischen Stunden demnachst beginnen. Ver-
schiedene Umstande machen es mir unmoglich, mich in der
Sache mit Gutkinds in Verbindung zu setzen. Ich mochte
Dich hiermit dringend gebeten haben, mir sowohl fur Berlin
wie fur Frankfurt eine Vertrauensperson zu nennen, an die
ich mich wenden kann. Sei es, daB diese selbst den Unterricht
ubernahme, sei es, daB sie fur einen geeigneten Lehrer Sorge
tragen wiirde. Hierauf bitte ich Dich um moglichst post-
wendende Antwort.
Von Dir erhoffe ich eine Antwort auf meine Briefe, ver-
bunden mit instruktiven Gloss en zur Eroffnung der Univer-
sitat.
Die herzlichsten GriiBe Dein Walter
1 Erschien in der „Literarischen Welt" vom 9. April 1926.
2 NR, April 1925, S. 391-401. Unbeeinfluflt von W.B.s Gedanken.
378
142 An Gerhard Scholem
Frankfurt a. M. [ca. 20.-25. Mai 1925]
Lieber Gerhard,
ich sitze wieder in Frankfurt, in einer der ewigen Warteperi-
oden, in welche^pich die hiesige akademische Unternehmung
gliedert, wenn nicht auflost. Seit einer Woche liegt mein
f ormelles Habilitationsgesuch bei der Fakultat. Meine Chan-
cen sind so unerheblich, daB ich mit der Bewerbung bis zu-
letzt gezogert habe. Denn indem die Habilitation fur deutsche
Literaturgeschichte mir wegen meiner „Vorbildung" zuletzt
und unwiderruflich als unmoglich erklart wurde, war ich auf
„ Asthetik" verschlagen und hier drohen von neuem die Wider-
stande von [Hans] Cornelius. Denn er hat einen Lehrauftrag
fur „AUgemeine Kunstwissenschaft", welche mit der Asthe-
tik zusammen in einem Fach rangiert. Dazu kommt die Un-
zuverlassigkeit von Schultz, der sichzwarmirgegeniiberkeine
BlbBe geben will und uber die Arbeit einige kurze Worte
notgedrungen hochster Anerkennung fallen lieB, aber auch
keine Lust hat, sich anzustrengen. So kann derzeit kein
Mensch sagen, was dabei herauskommt. Ich zahle in der
Fakultat eine Anzahl wohlwollend neutraler Herren, weiB
aber niemanden, der die Sache eigentlich fiihren sollte. Wird
die Sache vornherein abschlagig beschieden, so weiB ich es in
wenigen Tagen. Wahrscheinlicher ist, daB eine Kommission
bis Ende des Semesters an der Arbeit sitzen wird und ich froh
sein muB, wenn es vor den Sommerferien noch zur Entschei-
dung kommt. Freilich werde ich wohl unter diesen Umstan-
den kaum die ganze Zeit hier sitzen, sondern die Wartezeit,
wenn irgend moglich in Paris, sonst in Berlin abmachen. Die
Angel egenheit von welcher Seite ich sie auch sehe, bleibt
dubios selbst vom materiellen Standpunkt aus. Die eigent-
liche Universitatskarriere einzuschlagen, liegt mir ferner und
f erner, aus tausend Griinden. „ Asthetik" ist einer der schlech-
testen Starts — zudem — fur diese Laufbahn. Und alles was
schlieBlich absehbar ist, sind 180 M monatlicher „Beihilfe".
379
Aber irgend ein Gewicht, das all dies schon kaum mehr besafi,
hat es wieder erhalten, durch die miserable Wendung meiner
Vermogens- oder vielmehr Einkommensverhaltnisse. Mein
Verleger hat namlich, ohne auch nur ein einziges Buch zum
Erscheinen gebracht zu haben, Bankrott gemacht. Die an-
sehnlichen Schulden betrugen 55 000 M, denen nichts gegen-
iiberstand. Andere sind schwerer als ich betrogen, dem er doch
zumindest einige Zahlungen gemacht hat, wahrend sie ihr
Geld an einen wagemutigen jungen Mann verloren haben,
der mit Gliick etwas hatte erreichen konnen, im Ungliick aber
dermaBen den Kopf verloren hat, daB er ganz comme il faut
nach eroffnetem Bankrott ein Sanatorium aufgesucht hat.
Einige Wochen spater ist Dora in einer ertraglichen und er-
tragreichenNeben-Stelle, die sie neben ihrer Hauptstelle inne
hatte, gekiindigt worden. Das alles liegt iiberaus ungliicklich.
Noch zeigt sich nichts Besseres. Einiges Kleinere ist in diesem
Zusammenhange kaum zu zahlen: so wirst Du in einigen
Wochen von mir und einer Capreser Bekannten in der Frank-
furter Zeitung einen Essay „Neapel" lesen, der im Satz ist1.
Von August ab wird als Wochenzeitschrift ein Journal „die
literarische Welt" bei Rowohlt erscheinen, an der ich nicht
nur mit einem standigen Referat liber neuere franzosische
Kunsttheorie beteiligt bin, sondern welches ich als Publika-
tionsorgan fur Muri gewonnen habe. Die Bestande der Bi-
bliothek werden daselbst unter den iibrigen „Buchereingan-
gen" und zwar zum Teil mit eigens hierfiir verfaBten
Besprechungen eingereicht werden.2 Diese Kritiken, wie wohl
auch einige der Titel, werden Dir neu sein. So eroffne ich mit
einem Daublerschen Reisebericht „Athos und Atheisten"
— einem Nachweis, daB die sogenannten Atheisten keine
Gottesleugner sondern eine uralte fromme Monchsgemein-
schaft vom heiligen Berge Athos gewesen seien. Der letzte
Teil meiner neuen Arbeit wird unter dem Titel „Konstruk-
tion der Trauer" in einem Jahrbuch des Verlages Cassirer,
in dem auch meine Kritik vom „Geist der Utopie" steht, im
Laufe des Sommers erscheinen. Jetzt bin ich an einer kuri-
osen franzosischen Dichtung „L'Anabase", dem Werk eines
jungen Pseudonyms3, das ich in Stellvertretung von Rilke
380
ubersetze. Urspriinglich war dieser namlich zum Verdeut-
scher ausersehen. Aber er hat sich mit aller Bewunderung
davon zuriickgezogen und will nur eine Vorrede zur spatern
Publikation schreiben. Ich halte das Ding fur unbetrachtlich.
Die Ubersetzung ist auBerordentlich schwer, doch lohnt es
sich, da das kurze „Gedicht in Prosa" ganz anstandig hono-
riert wird. Als Verlag ist die Insel vorgesehen. Diese Uber-
setzung hat mir Hofmannsthal durch eine Intervention in
Paris verschafft, (Er war im Friihjahr in Tunis und reiste
iiber Paris zuriick). An einem der letzten Tage meines vori-
gen Aufenthalts hier kam (sozusagen in Hofmannsthals Auf-
trag) der Leiter der Bremer Presse zu mir. [ . . .] Diese hochst
chancenreiche Begegnung habe ich ungenutzt voriibergehen
lassen, ja sogar— im sicheren Gefuhl meines ja nun abgenutz-
ten Vertrages — gesprachsweise und in der Kritik von Hof-
mannsthals Intentionen mich viel zu weit vorgewagt. Der-
gestalt habe ich jetzt, da mir an der Aufnahme derBeziehungen
enorm liegen muB, sehr verminderte Chancen und ich weiB
nicht, welchenErfolg verschiedene Versuche erlangen, die ich
in dieser Hinsicht mir vorsetze. Ich habe hier eine der nicht
allzu zahlreichen Dummheiten meines Lebens zu beklagen.
Der Bremer Presse will ich fur die nachste Nummer ihrer
Zeitschrift eine Arbeit uber Tiecks „Blonden Eckbert", die
ich schreiben will - eine Sache vermutlich von wenigen Sei-
ten — antragen,
[. . .]
Soviel iiber die tiefbetnibliche Kollision literarischer und
dkonomischer Vorhaben. Im Biicherverzeichnis der gelesenen
Schriften, das ich etwa seit dem Abiturium fiihre, nahere ich
mich der Jubilaumszahl 1000 4. Die letzten Etappen waren:
Der Zauberberg von Thomas Mann — Geschichte und Klas-
senbewuBtsein, eine auBerordentliche Sammlung von Lukacs
politischen Schriften - Paul Valery: Eupalinos ou l'archi-
tecte, die einzige schbne und bedeutende Schrift in der Form
des platonischen Dialoges, mit Sokrates in der Mitte, die ich
auBer den Originalschriften kenne. Ich werde sie in der „Lrte-
rarischen Welt" anzeigen. Fur mich hangt alles davon ab,
wie sich die verlegerischen Beziehungen gestalten. Wenn mir
381
da nichts gliickt, so werde ich meine Beschaftigung mit marxi-
stischer Politik wahrscheinlich beschleunigen und - mit der
Aussicht in absehbarer Zeit mindestens vorubergehend nach
Moskau zu kommen - in die Partei eintreten. Diesen Schritt
werde ich iiber kurz oder lang wohl auf alle Falle tun.5 Der
Horizont meiner Arbeit ist nicht mehr der alte und ich kann
ihn nicht kunstlich verengen. Natiirlich ist es zunachst ein
ungeheuerlicher Konflikt der Krafte (meiner individuellen),
in den dies und das Studium des Hebraischen treten miissen
und eine grundsatzliche Entscheidung sehe ich nicht ab, son-
dern muB das Experiment machen, hier oder dort zu begin-
nen. Die Totalitat des dunkel oder heller von mir erahnten
Horizonts kann ich nur in diesen beiden Erfahrungen ge-
winnen. —
Hier habe ich eine mehrtagige Pause eintreten lassen.
Meine Angel egenheiten sind indessen nicht weiter geriickt,
Heute abend diirfte sie in einer Fakultatssitzung vorkom-
men. Meine Hoffnung stimme ich zusehends mehr herab; die
Ressortfrage liegt zu schwierig. Vor zwei Jahren hatte ich
angesichts dieser Lage der Dinge die heftigste moralische
Entriistung aufgebracht. Heute durchschaue ich den Mecha-
nismus dieser Institution zu sehr um das zu vermogen, Vor
einigen Tagen lernte ich in Gesell'schaft Professor [Joseph]
Horovitz kennen, mit dem Du ja unten auch gesprochen hast.
Viel konnte ich mit ihm nicht reden, aber weniges, was er
iiber die Eroffnung der Universitat sagte, beruhrte sich mit
Deinem Bericht nahe. Diese Mitteilungen, die Du mir machst,
haben mich sehr interessiert: ganz besonders aber Deine An-
deutungen iiber den Konflikt des sozialistischen Siedlungs-
systems mit den amerikanischen Geldgebern. Ich werde Dir
immer dankbar f iir weitere Berichte aus diesem Gesichtspunkt
sein und in jedem Sinn ist es mir wesentlich, wenn ich hbre,
wie Du unter der besorgten Erwartung von den Wirkungen
intensiver kapitalistischer Kolonisation die weiteren Ereig-
nisse beurteilst. Nicht ganz bis ins einzelne durchsichtig ist
mir Deine Bemerkung iiber die „scheintot" tradierte Sprache,
die im Munde der neuen Generation als lebendiges und ver-
wandeltes Hebraisch sich gegen die Sprechenden zu kehren
382
droht. Vielleicht ist es Dir moglich, ein weiteres Wort dazu
zu sagen. Komm Du diesem Wunsch nach, wenn auch ich
mich nicht postwendend iiber das „Wahrnehmungsproblem"6
vernehmen lassen kann. Einmal habe ich mich lange nicht
mehr damit beschaftigt. Neulich wollte ich einmal „Zur
Phanomenologie der Wahmehmung", ein Buch von Moritz
Schapp7 das Dir vielleicht bekannt ist, (aus der Linke-Zeit),
lesen; aber ich hatte die Zeit nicht. Dann imifite ich auch
wissen, zu welchen Stellen Dir die Erlauterungen besonders
dringlich scheinen. Und endlich werde ich nicht Unrecht
haben, wenn ich in dieser Deiner Wifibegier auch den huma-
nen Ausdruck bedenklicher Er- und Abwagung des von mir
sub III VerfaBten mutmaBe. Dariiber fordere wiederum ich
Dich zu unerschrockner Einbekennung auf . — Enthalte mir
bitte die Glossen zu „ Rabbi Gadiel das Kind" nicht vor. Ist
der SchluB von „Alchemie und Kabbala" schon heraus, so
veranlasse bitte die Sendung an mich. Den ersten Teil las ich
aufmerksam; da die Arbeit philologisch ist, entnahm ich ihr
naturlich nicht allzuviel; ihr Wesentliches liegt aufierhalb
meines Bildungskreises. Besitzen aber mochte ich sie. Die
(sozusagen „synthetischen") Reflexionen zum Bahir, aus
denen Du eine Einleitung des Buches zu bilden gedachtest,
haben sich vorerst wohl in die unter „horbarem Seufzen"
angelegte Mappe verkrochen?
Dieser Tage geht das Manuskript meines Trauerspiel-
buches an Hofmannsthal. — Meine augenblickliche Beschafti-
gung gilt — neben der Ubersetzung aus dem Franzosischen
und gelegentlichenArbeiten- dem Marchen als Vorbereitung
der Arbeiten liber den blonden Eckbert und die Melusine. Im
stillen hege ich die Meinung, iiber die Schonheit der Mar-
chen imiBte Neues und (Jberraschendes sich aussprechen las-
sen. Man hat doch kaum bisher nach ihr gefragt. Zudem
beginnt mich diese Form der geistigen Produktivitat zu fes-
seln. Eine panoramatische Ubersicht iiber die hier zu durch-
pfliigenden Breiten des kritischen Schrifttums zeigt im gan-
zen schlechte, steinige Ackererde. WeiBt Du ergiebigere
Biicher der Art? Stofflich hochst lobenswert, aber ohne theo-
retische Aspekte ist die herrliche Sammlung von Wesselski:
383
„Marchen des Mittelalters", die vor zwei Jahren in Berlin
erschienen ist. In der Tat ware ich Dir fur Angabe von nen-
nenswerten theoretischen Schriften zur Marchenkunde dank-
bar. — Die Perspektive eines Besuches, die Du aufrollst, freut
mich, wie Du begreifen wirst, sehr. Hoffentlich wird dann
Deine Dozentur zumindest bereits in voller Bliite stehen.
Von meiner verspreche ich — zuhochst — mir eine brennend
rote, spate Kakteenbliite, Unbeschadet dieser Erwartung aber
werde ich wohl Ende dieser Woche Frankfurt verlassen, sei
es, dafi bis dahin eine negative Entscheidung fiel, sei es, dafi
mein akademischer Astralleib die Wanderung durch das
Labyrinth der Kommissionsberatungen wird antreten miis-
sen. — Bubers Berliner Vortrag habe ich mir nicht angehort.
War er denn nennenswert? Deine AuBerung lafit ja darauf
schliefien. Die GriiBe von Escha erwidere ich vielmals. Dir
wiinsche ich reiche Beute fur die geheimnisvolle Mappe und
schlieBe mit herzlichen GriiBen.
Dein Walter
Ernst Schoen griifit herzlich!
1 Schriften II. S. 72-82.
2 Es blieb bei dem anonym erschienenen „Buchereinlauf" in Jahrg. I..
No. 2.
3 St. John Perse.
4 In dieses Verzeichnis, das W. B. mit grower Sorgfalt fuhrte, kamen
nur Schriften, die er bis zum Ende gelesen hatte.
5 Er tat ihn nie. Vgl. den Brief vom 17. April 1931 (No. 203).
6 Ein alteres Manuscript von W. B.
7 Der Autor heiflt Wilhelm Schapp (1910 erschienen).
143 An Hugo von Hofmannsthal
Berlin- Grunewald, 11. 6. 1925
Hochverehrter Herr von Hofmannsthal!
Ihr letztes Schreiben machte mir das Erscheinen des neuen
Heftes der „Beitrage" durch die Ankundigung des „Turms"
384
und die freundliche Ermunterung, vom Eindruck Ihres Werks
auf mich zu schreiben, doppelt erwiinscht. Nun liegt es seit
Wochen vor und wenn ich erst heute schreibe, so ist die Tat-
sache, daB ich von Ihr'er Riickkunft aus Afrika erst unlangst
erfuhr, nur einer der Griinde dafiir. Ich habe mich wieder
und wieder mit dem Drama befassen rmissen, um iiber den
tiefen Eindruck der Lektiire hinaus Raum fiir die Rechen-
schaft von ihm mir zu gewinnen. Sie werden es mit Nach-
sicht aufnehmen, wenn ich die Meinung gestehe, fiir die^e
Rechenschaft etwas besser vorbereitet zu sein als ein beliebi-
ger anderer Leser und darum werde ich Ihnen meine Freude
vertrauen diirfen, in ihm einen geistigen Bereich mir immer
deutlicher eroifnet zu sehen, an den meine letzten Studien
ganz nah mich herangefuhrt hatten. In Wahrheit sehe ich in
Ihrem Werk ein Trauerspiel in seiner reinsten, kanonischen
Form. Und zugleich empfinde ich die auBerordentliche drama-
tische Kraft, deren diese Form, der verbreiteten Bildungs-
Meinung zum Trotz, in ihren hochsten Reprasentationen
f ahig ist. Ein Vergleich mit Ihren iibrigen Werken steht mir
an dieser Stelle nicht zu: aber vielleicht empfinde ich recht,
wenn ich dieses letzte als eine Kronung ihrer Erneuerung
und Wiedergeburt jener deutschen Barockform ansehe und
als ein Werk von hochster Autoritat fiir die Buhne. Der Mo-
ment — um nur einen zu nennen — da Sigismund im Saale vor
dem Alkoven seiner Mutter zuriickschauert, miiBte einer der
grbBten Augenblicke eines groBen Schauspielers werden.
Und sogleich will ich den Julian nennen, iiber dem ein Mensch
zum Schauspieler sich miiBte entziinden konnen, wie er,
wunderbar durch den lateinischen Spruch des Arztes auf-
gerufen, treu dieses nachtige Wesen durchs ganze Drama
bewahrt. Am nachsten beruhrt in dieser Gestalt mich das
groBartige Widerspiel tiefer Schwache und tiefer Treue.
Einer Treue, die unfreiwillig, nur aus Schwache kommt und
dennoch wunderbar mit ihr versbhnt. Denn dieser Mann
nahert der befreienden Entscheidung sich aufs Haar und
bleibt doch, wo er steht, als ewiger Diener des Entschiednen,
gebannt. Ich fiihle selbst, wie weit meine Worte hinter dem
Geheimnis dieser Figur zuriickbleiben, der ich nicht bald
385
Wesensgeschwister im dramatischen Bereich zu nennen
wuBte. Anders Basilius, wie mir scheint ein echter Bruder des
Konigs Claudius. Wie wunderbar aus dem Munde dieses Ver-
lornen die groBe Schilderung der Abendlandschaft am Agi-
dientage kommt: wie wahrhaft dramatisch und weit vom
lyrischen Intermezzo entfernt sie wird, da sie diesem Manne
vom Munde geht. Wer wird das heute sprechen konnen? Vor
mehr als zehn Jahren horte ich Paul Wegner das Gebet des
Konigs Claudius so sprechen, wie weder er noch sonst wohl
einer es heute zustande brachte. — Es hat mich Studium und
Uberlegung dahin gefuhrt, daB ich mit einem gewissen Grade
von Sicherheit glaube vermuten zu diirfen, daB Sie mit Cal-
deron nicht mehr als den puren Stoff der Sage teilen und tei-
len wollten. Und darum schiene ein Wort des Vergleiches mir
wenig angebracht. Wohl aber darf ich Ihnen vielleicht sagen,
daB ich mir Calderons in diesem wie fast in jedem Drama
hochst merkwiirdiges und philosophisches Vorgehen verdeut-
lichte: er kristallisiert, fast im Sinne der Moralitaten, das
Tiefste als Formel; die wendet er hin und her und in dem
facettierten Inbegriff reflektiert sich bedeutsam ein sehr un-
bekummert, leicht und fliichtig aufgebautes Spiel. Mit einem
Wort: Calderon entnimmt dem Stoff nichts als die Formel
seines Titels, diese freilich philosophischer gehandhabt, als
man es ohne ihn je denken konnte, aber dem Dramatischen
des Stoffes konnte sein Drama so wenig entsprechen, wie
irgend ein „Schauspiel" dies vermochte. Es ist der Stoff eines
„Trauerspiels" und der Sigismund Ihres Dramas ist „Crea-
tur" in weit radikalerem Sinne als Calderons „H6fling des
Berges", ja als nur einer unter den Helden der barocken
Dramatik, die ich zu nennen wiiBte. Irre ich, wenn ich in ihm
das in die niichterne Mitte derTrauerspielbuhnegeriickt sehe,
was bei Shakespeare als Caliban, Ariel, Tiermensch und
Elementargeist aller Art den farbigen Rand der komischen
ausmachte? Denn eben von hier aus lost es mir sich auf, wie
der Kinderkonig am SchluB diesem Prinzen entgegenkommt.
Die Kindlichkeit ist es ja, was die junge Menschenkreatur
von der Tiergeburt unterscheidet und deren Schutz ist Sigis-
mund verweigert worden. In ihm wachst nun das Kindsein,
386
aber innerlich, aber riesengroB, aber verhangnisvoll ; weil
ihm das rettendeMaB, das imUmgang mitEltern liegt, fehlt.
Er wird dergestalt Richter von unbestechlicher, furchtein-
floBender Reinheit. DaB er mit Frauen nichts zu s chaff en
haben kann, ist uberdeutlich. Aber gewiB ist auch, wie zuletzt
die dumpf en Geister der fruhen Jahre im Turme dieses riesen-
hafte Kind stiirzen mussen. Sein Ringen um die Sprache ist
davon ein Vorspiel. Hochst beachtenswert erschienen mir alle
dramatischen Hinweise hierauf ; ich erkannte ein Grundmotiv
der Trauerspieldichtung nicht nur unvergleichlich entschieden
sondern erstmalig an diesen Stellen schauspielerisch greifbar
erklart. Und eben dahingehortfiir mich auch die Behandlung
der Orgel in der machtigen Szene des dritten Aktes; wie denn
im Trauerspiele immer die Musik den Klageton der Men-
schenstimme, befreit von den Bedeutungen und den Voka-
beln, singend ausschwingt. So behalt auch hier Musik in den
Posaunenklangen das letzte „Wort". Unterliegen muB ja der
Prinz. Ist es im Grund nicht nur die wiederkehrende Gewalt
der toten Dinge, des Schweins, mit dem er eines zu werden
fiirchtete, der er unterliegt? In der Beschworung, welche da
zumeist in Trauerspielen nichts als Intermezzo ist, vernichtet
dieses Kind, das sie auf Kinderweise als sein letztes Mittel
handhabt, sich selbst. Die Geister, die dem Trauerspiele obli-
gat sind, verbinden hier sich innigst mit der Kreatur.
Es ware mir empfindlich, wenn mit diesen wenigen Wor-
ten ich etwas Fremdes Ihnen vorgetragen haben sollte, wenn
die Gedanken meines neuen Buches darin dem Geiste Ihres
Werkes unziemlich begegnet waren. Ich hoffe, dem ist nicht
so und diese Gedanken werden Sie nicht hindern, bei geleg-
ner Zeit einen Blick in das Manuscript zu werfen, das Ihnen
mit gleicher Post zugeht. Ich wurde Sie mit einem Schreib-
maschinenexemplar nicht behelligen, wenn ich schon ent-
schieden Aussicht auf die Drucklegung hiitte. Die Technik
der gehauften Zitationen bedarf vielleicht einer Erklarung;
aber ich mochte mich hier auf den Hinweis beschranken, daB
die akademische Intention der Arbeit nichts als ein AnlaB,
und zwar als ein ironisch aufgenommener dieser Schreibart
mir gewesen ist. Das Manuscript steht zu Ihrer Verfiigung
387
so lange als Sie es wiinschen sollten. DaB ich mit seiner Uber-
sendung nicht den mindesten Anspruch auf Ihre Zeit erheben
kann, ist mir, wie Sie mir glauben werden, selbstverstandlich
bewuBt.
Vor allem andern aber habe ich nun, hochverehrter Herr
von Hofmannsthal, den warmsten Dank Ihnen abzustatten
fiir die Giite, mit welcher Sie auch auf Reisen meiner gedacht
haben. Durch eine Freundin, Frau Helen Hessel1, welche in
Paris sich aufhielt, wurde mir bekannt, daB Sie es sind, dem
ich die Betrauung mit einer Ubersetzung der Anabase von
St. -J. Perse zu danken habe. Ich bin zur Zeit an dieser Auf-
gabe und versichere Sie, daB ich mein bestes tun werde, Ihrer
pariser Empfehlung Ehre zu machen. Und Ihre Wirksamkeit
war urn so providentieller, als gerade in jene Tage das Ende
eines angenehmen aber sehr kurzfristigen Verhaltnisses zu
einem jungen Verlag fiel, den Schwierigkeiten zur Liquida-
tion zwangen.
Eine etwas andere Bewandtnis als mit der Trauerspiel-
arbeit hat es mit dem kleinen Aphorismen- Manuscript, das
ihr beiliegen oder folgen wird. Hier wiire ich Ihnen fiir eine
freundliche Durchsicht unter dem Gesichtspunkt verbunden,
ob Sie wohl mit dem einen oder andern eine leere Seite der
„Beitrage" Ihrem Sinne gemaB ausfiillen mogen. Ich weiB,
daB auch Personliches unter den Sachen ist, dem eine solche
Publikation ein anspruchsvolles Gesicht gabe. Ohnehin bitte
ich Sie, das nur als eine Anfrage in aller Bescheidenheit zu
nehmen. Den AnlaB zu ihr gab mir ein freundlicher Besuch
von Herrn Dr. Wiegand in Frankfurt. Selten war es mir er-
laubt iiber literarische und publizistische Fragen mit einem
gleich vornehmen und weitblickenden Manne zu reden. Wir
kamen auf die Beitriige zu sprechen und Herr Wiegand sprach
von Ihrem bleibenden redaktionellen Interesse an meinen
Arbeiten. Auch dafur mochte ich Ihnen danken.
Vor einiger Zeit trat ich mit einem Vorschlage an Herrn
Dr. Wiegand heran, auf den gerade heute friih seine Antwort
eintraf. Es handelt sich um die deutschen Sagen. Sie beschaf-
tigen mich jetzt mehrfach. Mein Ausgangspunkt sind eine
Reihe von Fragen, deren Abhandlung in einer Arbeit iiber
388
Goethes „Neue Melusine" sich zu vereinigen bestimmt ist.
Diese Arbeit, die ich seit Jahren schon plane, soil nicht, wie
die Wahlverwandtschaftenstudie das literarische Thema gegen
den Hintergrund von Goethes Gestalt stellen, vielmehr im
Zusammenhange des Volksmarchens diesem Kunstmarchen
zu erhohter Sichtbarkeit verhelfen. Dabei habe ieh ganz
besonders der Marchenform nachzugehen. Denn mir stent
eine Bestimmung des Marchens vor Augen, die aus den
Daten seiner Form sehr Wesentliches abnimmt. Und hier ist
der Vergleich mit Sagen aufierst nahgelegen. Der — von den
March en mannichfach verschiedene — Sagenstil, seine „epi-
sche Lauterkeit", um mit Grimm zu reden, stand mir als ein
hochstes und viel zu wenig geschatztes Besitztum der deut-
schen Sprache vor Augen, als ich Herrn Wiegand brieflich
den Vorschlag einer Sammlung machte, die unter diesem Ge-
sichtspunkt eine Anzahl von Sagen als Dokumente einer voll-
kommenen und eigengesetzlichen Prosa zu vereinigen hatte.
Ich denke daran, daB gerade kiirzere, unscheinbare Stiicke
- etymologische Sagen oder gewisse wie scheu und fliichtig
hin geraunte Geistersagen erst in solchem Zusammenhange,
den eine Nachrede gegebenenfalls rechtfertigen konnte, zu
ihrer hochsten Ehre kamen. Herr Wiegand erfreute mich
durch die Mitteilung, daB er in dieser Sache mit mir zu spre-
chen vorhat. Ich hoffe ihn, sei es hier, sei es in Frankfurt zu
sehen. Ende des Monats namlich werde ich moglicherweise
ein weiteres Mai nach Frankfurt fahren. Die Entscheidung
iiber meine akademischen Plane und damit einen, wie auch
immer briichigen, Rahmen fur die nachste Zukunft ist dann
fallig.
Zulange schon habe ich mit diesen Berichten von mir Sie
aufgehalten. Dagegen darf ich wohl noch hinzufiigen, daB
Rangs NachlaB zur Zeit in GieBen liegt, wo ein Anglist sich
des Shakespeare- Werkes annehmen wird2. - Ich bitte Sie, die
Ausdehnung dieses Briefes meiner GewiBheit Ihres freund-
lichen und giitigen Anteils an meinem Tun zuzurechnen.
Mit der Versicherung meines bleibenden Dankes bin ich
Ihr sehr ergebner
Walter Benjamin
389
1 Bekannt unter dem Schriftstellernamen Helen Grund; Gattin von
Franz Hessel.
2 Theodor Spira, damals Privatdozent in GieBen.
144 An Rainer Maria Mike
Berlin, 3. Juli 1925
Hochverehrter Herr Rilke!
Fur die freundliche Zuversicht, aus der Sie mit der Uber-
setzung der „Anabasetl1 mich haben betrauen wollen, sage
ich Ihnen von Herzen Dank. Ich habe, ehe ich mit der eigent-
lichen Arbeit begann, das Buch wieder und wieder gelesen
und bin nun mit dem Werke nah vertraut. Beifolgend erhal-
ten Sie sieben Kapitel. Frau Hessel und neuerdings Herr von
Miinchhausen 2 versicherten mich Ihrer freundlichen Bereit-
schaft, mit Rat in Schwierigkeiten mich zu unterstiitzen. An
solchen Schwierigkeiten fehlt es nicht. Wenn ich nur einige
wenige Stellen am Rande fragend bezeichnet habe, so geschah
es in dem Sinne der Bitte : iiberall dort, wo Ihnen Anstofiiges
begegnen sollte, mir giitigst einen Hinweis am Rande geben
zu wollen. Es gibt auch abgesehen von den vier bezeichneten
Stellen Manches, was mir nur provisorisch ausgedriickt zu
sein scheint. An solchen Stellen ist die richtige Losung viel-
leicht nur dem moglich, der mit den letzten Intentionen des
Autors vertraut und dadurch vor Gewaltsamkeiten bewahrt ist.
Im iibrigen hoffe ich, daB Treue und Studium mich vor emp-
findlichen MiBgriffen im ganzen geschiitzt haben. Die Atmo-
sphare der — im weiteren Sinne gesprochen — das Werk ent-
stammt, habe ich im Laufe der Wochen mir deutlich werden
lassen. Insbesondere hat mich im Surrealisme (einige seiner
Intentionen sind ja wohl auch bei St. Perse unverkennbar)
ergriffen, wie die Sprache erobernd, befehlshaberisch und
gesetzgebend ins Traumbereich einriickt. Der[n] raschere[n]
Atem dieser prosodischen Aktion habe ich vor allem im
Deutschen f estzuhalten gesucht.
590
Ich bin sehr gliicklich, an einem kleinen Teile, dank Ihrer
Giite, an der Verbindung deutschen und franzosischen Schrift-
tums wirken zu diirfen. Der Weg der Ubersetzung, zumal der
eines so sproden Werkes, ist zu diesem Ziele gewiB einer der
schwersten, eben darum aber auch wohl weit rechtmaBiger,
als etwa jener der Reportage.
Meine letzte erschienene Arbeit iiber Goethes Wahlver-
wandtschaften erlaube ich, zum Zeichen meiner dankbaren
Ergebenheit, mir, Ihnen mit der nachsten Post zugehen zu
lassen.
Fur jedes Wort, das Sie zur Berichtigung meines Textes
mir zukommen lassen werden, versichere ich Sie im Voraus
genauer Aufmerksamkeit und aufrichtigen Dankes.
Mit dem Ausdruck der vorziiglichsten Hochachtung und
den ergebensten Empfehlungen
Ihr sehr ergebener Walter Benjamin
1 Rilke war urspriinglich als Ubersetzer vorgesehen. B. trat auf Vor-
schlag Hofmannsthals an seine Stelle. Die von B. in Gemeinschaft mit
Bernhard Groethuysen iibertragene Ausgabe war fiir 1929 angekiin-
digt, Hofmannsthal hatte eine Vorrede verf a!3t ; das Erscneinen unter-
blieb dann, wahrscheinlich auf Wunsch des Autors, der auch erst 1945
eine franzdsische Neuausgabe des Poems erlaubte. Die Ubertragung
erschien 1950 in einer als „durchgesehene und iiberarbeitet von Her-
bert Steiner" bezeichneten Fassung in: Das Lot, Heft 4, Berlin, Okto-
ber 1950.
2 Than km ar Preiherr von Miinchhausen; ein Freund Rilkes.
145 An Gerhard, Scholem
Berlin, 21. Juli 1925
Lieber Gerhard,
es hat diesmal unmenschlich lange bis zum Schreiben gedau-
ert. Dein Brief vom Juni mit hochst dankbar empfangenen
Bemerkungen iiber die Lage im Lande und den Stand Deiner
Arbeit ist lange unbeantwortet geblieben. Es wollte zu keiner
Klarheit iiber die schwebenden Angelegenheiten kommen und
391
daher vertagte ich Berichte an Dich. Nun ist das soweit: ich
hoffe, Du bist indessen nicht bose geworden und einige Aus-
fiihrlichkeit wird Dich entschadigen. Zu dieser kann ich im
ersten Punkte, dem Abbruch meiner frankfurter Vorhaben,
mich allerdings nicht entschlieBen. Es war alles soweit, daB
Anfang Juli meine vierte oder fiinfte Reise dorthin hatte von
statten gehen sollen, als durch meine Schwiegereltern ein Brief
des Romanisten [Matthias] Friedwagner mich erreichte, der
nach Wien die ganzliche Aussichtslosigkeit meiner Schritte
meldete. Die Freundschaft fiir meinen Schwiegervater hatte
ihn zu sondieren veranlaBt und da stellte sich denn heraus, daB
die beiden alten Kraxen Cornelius und Kautzsch l, der erstere
vielleicht wohl- der zweite eher iibelwollend von der Arbeit
denn doch garnichts verstehen wbllten. Alsbald wandte ich
mich an Salomon urn genauere Auskunft. Dieser konnte auch
nichts ermitteln, als daB allgemein man zur schleunigsten
Riicknahme des Gesuches riete, um die offizielle Zuriick-
weisung mir zu ersparen. l?reilich hatte Schultz (als Dekan)
mir die Versicherung erteilt, solche in jedem Falle mir erspa-
ren zu wollen. ErlieB nichts von sich horen. Zuder Annahme,
daB er hochst illoyal vorging habe ich triftige Griinde. Alles
in allem bin ich froh. Die altfrankische Postreise uber die
Stationen der hiesigen Universitat ist nicht mein Weg, -
Frankfurt nach dem Tode von Rang geradezu die bitterste
Wuste. Indessen habe ich doch das Ansuchen nicht zunick-
gezogen, da ich willens bin, der Fakultat das ganze Risiko
einer negativen Entscheidung zu iiberlassen. Wie die Dinge
weiter verlaufen sollen, ist ganz dunkel. Naturlich ist eine
Revision zum Bessern wohl ganzlich ausgeschlossen, trotzdem
Literaturgeschichte infolge einiger neuer Veranderungen im
Lehrkbrper zur Zeit sehr schwach besetzt ist. Auch ware fiir
mich das erste in solchem Falle, daB ich im Winter mich be-
urlauben lieBe. - Soviel liber das letzte Stadium dieser Unter-
nehmung. Mit der Weigerung meiner Eltern im Falle einer
Habilitierung mich aufzubessern, der Wendung zum politi-
schen Denken, dem Tode von Rang ist im vergangenen Jahre
eine Voraussetzung nach der andern fiir diese Unternehmung
dahingef alien. Das kann nichts daran andern, daB eine derart
392
schnode Spielerei mit meinen Bemiihungen und Leistungen
im Falle ich noch heute an dem Projekt hinge mich bis aufs
auBerste reizen und erbittern wiirde. Es ist recht beispiellos,
daB eine Arbeit wie die meinige in Auftrag gegeben und
sodann dergestalt ignoriert wird. Denn - soviel erinnere ich
aus dem vorletzten Stadium des Verlaufes, iiber den ich doch
wohl an Dich berichtet habe — es war schlieBlich Schultz, der
vor der Fakultat sich meiner Habilitation fur „Literatur-
geschichte" widersetzte und diese dadurch auf den gegen-
wartigen Stand hinausfiihrte. Unter diesen Umstanden ist
mir ein wissenschaftliches Gutachten, wie es mir kiirzlich
zukam, doppelt wertvoll. Hofmannsthal besitzt einen Abzug
meiner Arbeit und hat ihn dem Professor der Germanistik in
Wien, [Walther] B recht, mitgeteilt. Dem Lehrer eines gewis-
sen Cysarz, der mein unmittelbarer, gelegentlich sichtlich
befehdeter Vorganger auf diesem Gebiet der Literatur-
geschichte ist. Brecht habe nun die Arbeit mit hdchstem Bei-
fall aufgenommen und sei bereit, mit seinem Gutachten bei
jedem Verleger fiir sie einzutreten. Zu dem gleichen erbietet
in diesem sehr hilfsbereiten und positiven Briefe sich Hof-
mannsthal. Vielleicht sende ich Dir dessen Kopie bei Ge-
legenheit ein. Er spricht davon, im Tiefsten seiner eigenen
Versuche von meinen Deduktionen betroffen zu sein, sagt
sehr viel Schones und Freundliches, nennt das Buch „in
vielen Abschnitten vollig meisterhaf t" . Ich bin sehr unge-
duldig es in Deinen Handen zu wissen und zu horen, ob Du
damit etwas anfangen kannst.
Inzwischen ist nicht viel geschafft worden und soweit ich
meine Zeit an Lettern gewendet habe, geschah es lesend. Vor
allem nahm ich mir Neuestes aus Frankreich vor: Die herr-
lichen Schriften von Paul Valery (Variete, Eupalinos) einer-
seits, die fragwiirdigen Bucher der Surrealisten auf der
andern. Vor diesen Dokumenten muB ich allmahlich mich
mit der Technik des Kritisierens vertraut machen. Bei einer
neuen literarischen Revue, die im Herbst erscheinen soil - ich
denke, dariiber habe ich schon an Dich berichtet — habe ich
Mitarbeit aller Art, insbesondere ein standiges Referat iiber
neue franzosische Kunsttheorie ubernommen. Ebendort wer-
393
den die besten Stucke des Bibliothekskataloges von Muri, in
kurzen Rezensionen prasentiert werden. Diese und andere
Allotria wirst Du seinerzeit erhalten. Fur heute einen Aus-
schnitt aus dem „Berliner Tageblatt". Durch die Druck-
anordnung kommen die Thesen 2 urn ein gutes Teil ihrer
Schlagkraft. Denn gemeint sind sie als zwei einander gegen-
uberstehende Kolonnen, deren einzelne Glieder zwar in ihrer
Entsprechung, die jedoch — zumal die zweite - auch als
Ganzes heruntergelesen sein wollen. Das beste an der Sache
ist, daft ich Dir diesen Wisch noch nicht dedizieren kann.
Vielmehr muB ich ihn zuriickerbitten, weil die „ Thesen" nur
in der ExpreB-Ausgabe des „Tageblatts" erschienen, von der,
als ich eine Woche nach dem Erscheinungstermin von der
Drucklegung unterrichtet wurde, nur mehr ein paar Stucke
in Berlin aufzutreiben waren. In der Art dieser Thesen ist
fur ein kiinftiges Aphorismenbuch einiges aufgezeichnet
worden. Die Vorbereitung des Marchenbuches aber ist noch
nicht weit gediehen. „Neapel" ist noch immer nicht in der
frankfurter Zeitung" erschienen. Eine andre kleine Sache,
eine Lappalie, wurde kurzlich dort angenommen 3. Die Vor-
bereitung des Marchenbuches uberschneidet sich mit einem
anderen Plane, dessen problematische Ausfiihrung ich dispo-
niere. Ich habe eine Anthologie von Sagen, deutschen Sagen,
im Sinne, Grundlage sind zwei Gesichtspunkte : 1) die jeweils
lakonischste Fassung eines Motivs, verbunden mit den wich-
tigsteri Varianten sprachlicher Art. Mir liegt dabei das Ge-
heimnis der S&genformeln im Sinne und auf wie verschiedene
und bedeutende Art die Sagen anzudeuten verstehen. 2) eine
Auslese von, unbeschadet ihrer Echtheit, exzentrischen und
entlegeneren Motiven. Kurz es handelt sich um einen Ver-
such, ausgehend vom sprachlichen Wesen der Sage, zum
ersten Male seit Grimm (soviel ich weiB) an den ganzen
Komplex ungehemmt durch lokale oder historische Ein-
schrankungen heranzutreten und Funken aus den vielenStei-
nen zu schlagen, die nach Grimm noch aus dem Sagenberge
herausgebrochenwurden. Anordnung undKiirze mussenhier,
wie mir scheint, Wunder wirken und auch sachlich zwingende
Hinweise fur die Deutung geben. Doch weniger diese als
394
einen Versuch iiber die Prosa der Sage wiirde ich einem von
mir zu schreibenden Nachwort vorbehalten. Ich weiB noch
nicht, ob das zustande kommt. — Marcel Proust wirst Du dem
Namen nach kennen. Dieser Tage habe ich iiber die Uber-
setzung des Hauptwerkes aus seinem groBen Romancyclus
„A la recherche du temps perdu" abgeschlosseru Es ist das
dreibandige Werk „Sodome et Gomorrhe" das ich zu iiber-
setzen habe. Die Bezahlung ist keineswegs gut aber doch so
ertraglich, da!3 ich glaubte die enorme Arbeit auf mich neh-
men zu miissen. Zudem kann ich mir, wenri die Ubertragung
gelingt, davon ein festes Akkreditiv als Ubersetzer verspre-
chen, wie es etwa Stefan Zweig hat. Vielleichthaben wirgele-
gentlich iiber Proust gesprochen und ich habe beteuert, wie nah
mir seine philosophische Betrachtungsweise steht. Ich fuhlte
sehr Verwandtes, sooft ich von seinen Sachen etwas las. Wie
das nun bei einer intimen Auseinandersetzung sich bewahren
wird, darauf bin ich gespannt. Balzacs „Ursule Mirouet", die
ich fur ein Schandgeld seinerzeit fur Rowohlt zu ubertragen
iibernahm, wird in drei Wochen erscheinen. Die Ubertragung
des zweiten Teils habe ich, da das Geld nicht die Arbeitszeit
wert war, weiter abgegeben und nur durchgesehen. Ich
glaube, Dir schon geschrieben zu haben, daB ich in Rilkes
Auftrag ein ganz neues Gedicht aus der Schule der surrealistes
iibersetzt habe: „Anabase" von St. -J. Perse (das ist ein Pseu-
donym — wer dahinter steht, weiB ich nicht.) Proben der
Ubersetzung habe ich nach Paris abgesandt. — Kurzlich hat
die Bremer Presse sich zum zweiten Male an mich mit dem
Gesuch gewandt, eine Ausgabe von Wilhelm von Humboldt
in Auswahl fur sie zu ubernehmen. Aus vielen Grvinden habe
ich das zweite Anerbieten angenommen, wahrend ich das
erste abgelehnthatte. Naheres steht noch nicht fest: ich werde
wohl demnachst mit dem Direktor der Bremer Presse zusam-
menkommen und iiber das Ganze beraten. Vielleicht kannst
Du mir einige wertvolle Hinweise zu Humboldt geben — Du
hast ihn doch wohl teilweise studiert. Mir war es sehr an-
genehm, in diesem Anerbieten mich Spranger, Litt und
anderen Universitatslehrern, die dafiir sonst ins Auge gefaBt
waren, vorgezogen zu sehen.
395
Auf literarische Einkiinfte grtindet sich meine Hoffnung,
in kurzem eine groBe Reise antreten zu konnen. Ich plane
von Hamburg mit einem Frachtdampfer iiber Spanien und
Italien nach Sizilien zu gehen. Der Dampfer lauft alle
groBen spanischen Hafen, wenn auch wohl zumeist nur auf
Stunden an. Man soil hier verhaltnismaBig billig reisen und
ich hoffe so meinen heiBen Wunsch zu erfullen auch diesen
Sommer wieder die August- und Septembersonne im siid-
lichsten Europa iiber mir brennen zu fiihlen. Vermutlich
werde ich allein sein. - Bloch ist in Erbschaftsangelegenhei-
ten in Riga. — Gutkinds sind im August in Holland eingela-
den. Ich habe sie in letzter Zeit wenig gesehen, fahre aber
demnachst wieder hinaus. - An Kraft habe ich in der Tat
nicht geschrieben. Es schien mir damals, von Italien aus wohl
denkbar wieder einmal mit ihm zusammenzukommen. Und
denkbar ist es mir in dem Sinne auch heute noch, daB ich
gegen die Gelegenheit, die uns zusammenfuhrte, gar nichts
einzuwenden hatte. Diese Gelegenheit aber zu machen bin
ich auBer stande.
Hast Du „Geschichte und KlassenbewuBtsein" von Luka.cs
eigentlich gelesen? Und ist jene „Erledigung" 4 des Buches
durch Deborin oder wen sonst auch in deutscher oder einer
andern Sprache als der russischen zuganglich5. Sie wiirde
mich aufs hbchste interessieren. Vielleicht kannst Du mir die
bibliographischen Daten geben.
Ernst Schoen hat sich seinerzeit sehr iiber Deinen GruB
gefreut. Er ist noch in Frankfurt, strebt aber nach Kraften
von dort hierher zu gelangen. - Warest Du iibrigens zwblf
Jahre j linger und noch im Bliitestadium Deiner historischen
Studien, so wiirde ich Dir von Werner Hegemann: Fridericus
empfehlen. Es ist mir kiirzlich zugesandt word en und enthalt
den radikalsten Versuch, die „GrbBe" dieses Monarch en zu
erledigen, den man denken kann. Dabei ist es ganz vorziiglich
geschrieben und es macht einen hochst verlaBlichen Ein-
druck. Die Form hat es allerdings: eines ungeschlachten
Dialoges, der sich iiber 500 Seiten hinzieht, aber selbst das
hat Haltung und erinnert an die philosophischen Gesprache
der Englander (Hobbes: Leviathan). Sonst findet dies oder
396
das sich in der Bibliothek ein — wiewohl ich wirklich seit
einem Jahr so gut wie nichts mehr kaufe, da mir andere Ver-
wendungen meiner Mittel gebieterisch vor Augen stehen.
Mein Bruder schenkte mir den ersten deutschen Auswahlband
von Lenins Schriften. Den zweiten, der die philosophischen
Schriften enthalten wird und in Kiirze erscheint, erwarte ich
sehr ungeduldig. Einige nachgelassne Sachen von Kafka lieB
ich mir zur Rezension geben6. Seine kurze Geschichte „Vor
dem Gesetz" gilt mir heute wie vor zehn Jahren fur eine der
besten, die es im Deutschen gibt. Sodann habe ich die samt-
lichen Schriften von Poe, deutsch, erhalten. Neben den Schre-
ber und jenes Tabellenbuch das wir in Miinchen erstanden,
tritt dieser Tage in meine Bibliothek ein neues paranoisches
Welt- und Staatssystem : Ganz-Erden- Universal- Staat. Eine
Schrift, die sich sehen lassen kann7.
Auf Deine eigenen Schriften warte ich gespannt. DaB ein
Verleger fiir die „physiognomischen Traditionen der Kab-
bala" schwer zu finden sein sollte, erscheint mir ganz unglaub-
lich. Ich will sagen: unglaubhaft. — Stehst Du mit [Moses]
Marx — und er mit dem Euphorion-Verlag — nicht mehr in
Verbindung? Naturlich habe ich vom jiidischen Verlagswesen
keine Kenntnis, Aber vielleicht kannst Du ganz einfach an
die Vereinigung wissenschaftlicher Verleger (W. de Gruyter)
denken?8 Sonst: Buber hat zu dem neuen Marcan-Verlag in
Koln Beziehung. Zum Thema selber interessiert Dich viel-
leicht eine Arbeit iiber Physiognomik in der altera franzosi-
schen Literatur, die ich selbst freilich noch nicht las. Sie steht
im Jahrgang 1911 (Band 29) der von Vollmoller heraus-
gegebenen „Romanischen Forschungen".
Schrieb ich Dir, dafi zwei Frankfurter Freunde von Rang
eine Auswahl seiner Brief e, welche gleichzeitig ein Bild sei-
nes Lebensganges geben soil, veranstaltenwollen. Nach einem
Briefe von Frau Rang, der gestern eintraf, scheint diese not-
wendige und gluckliche Unternehmung freilich weniger ge-
festigt als ich gehofft hatte.
Bitte schreibe mir recht bald wieder. Du hast ja nun einen
recht genauen Uberblick iiber mein Tun (oder — wenn Du
willst — Nichtstun) erhalten. Was denkt man bei Euch, und
397
was denkst Du, iiber den ZionistenkongreB, der bald statt-
findet?
Briefe richte bitte hierher.
Sehr herzliche GriiBe Dein Walter
PS Ich muB noch erzahlen, daB ich vor zwei Wochen auf
der StraBe Ernst Lewy begegnete. Wir griiBten uns und er
sprach mich an. Seine erste Mitteilung an mich war, er sei
Professor geworden. (Denn seit einiger Zeit ist er in Berlin
rehabilitiert — aber wohl nur als Titular- Professor). Das
alles fallt mir eben ein iiber der Lektiire von Humboldts
sprachphilosophischen Schriften in der von Steinthal kom-
mentierten Ausgabe. 9 Diese enthalt einen Essay iiber Hum-
boldts Stil, der vorziiglich ist und zeigt, wo die Affinitat von
Lewy zu seinem Lieblingsautor liegt. Steinthal schreibt iiber
Humboldts „Tiefe" mit hervorragendem Freimut.
1 Rudolf Kautzsch (1868-1945).
2 „Dreizehn Thesen wider Snobisten". Berliner Tageblatt, 10. Juli
1925. Jetzt Schriften I, S. 558 f.
3 Vermutlich „Sammlung von Frankfurter Kinderreimen". Erschienen
am 15. August 1920.
4 Scholem hatte den Ausdruck ironisch gebraucht.
5 A. Deborin, „Lukacs und seine Kritik des Marxismus", erschien
deutsch in „Arbeiter-Literatur", Heft 10, Wien, Oktober 1924, S. 615
bis 640. Die Kritik „entlarvtea die „idealistiscben und sogar mystischen
Tendenzen" des Buches von Lukacs.
6 Dies ist das erste Zeugnis der Beschaftigung mit Kafka, die W. B.
bis zum Ende festhielt.
7 In W. B.s Bibliothek gab es eine kleine Sammlung von Schriften
Geisteskranker, der er groBe Aufmerksamkeit zuwandte. Schreber:
gemeint sind die „Denkwiirdigkeiten eines Nervenkranken" von Daniel
Paul Schreber, Leipzig 1903.
8 Das Buch blieb ungedruckt, weil Sch. Zweifel an seinen Thesen auf-
stiegen.
9 Berlin 1883.
398
146 An Hugo von Hofmannsthal
Berlin, 2. August 1925
Hochverehrter Herr von Hofmannsthal!
Als ich mich anschickte heute Ihnen von ganzem Herzen f iir
den immer erneuten Anteil an meinen Sachen und fur die
immer gleiche Warme, mit der Sie ihn bekunden, zu danken,
kam IhrSchreiben vom 31ten das mich nun noch weiter durch
Ihre freundliche Absicht, auch diesmal wieder mir die „Bei-
trage" zu eroffnen tief erfreut und verpflichtet. Sie werden,
so vertraue ich, es verstehen und keinerlei falschen Nebenton
darin horen, wenn ich, im Stillen gleichsam, die Hoffnung
ausspreche, in einer guten Stunde einmal von Mund zu Mund
meinen Dank nicht nur sondern die Dankbarkeit vor allem
bekunden zu diirfen, mit der Ihre stete Fiirsorge mich erfiillt
hat. Denn so darf ich doch geradezu die Anregungen Ihres
vorletzten Briefes bezeichnen, soweit sie auf meine Frank-
furter Unternehmung sich beziehen. Uber diese sprach ich
vor zwei Tagen mit Dr. Wiegand. Sie sind inzwischen zum
negativen Beschlusse so gut wie gediehen und man tragt mir
an, freiwillig das Gesuch um Habilitation zuriickzuziehen.
Blicke ich auf den verschlungnen Gang der Dinge zuriick, so
habe ich alien Grund der innren und auBren Uberzeugung,
welche mehr und mehr mir verwehrte, einen Ort fruchtbarer,
und vor allem, lauterer, Wirkung in der heutigen Universitat
zu achten, mich zu freuen. Denn wieviel unfruchtbare Ent-
riistung wieviel Galle wiirde in jedem andern Falle eine Be-
handlung, wie man sie mir angedeihen lieB, in mir erweckt
haben. 1st es doch erst auf Grund genauester Fuhlung ge-
schehen, die ich unter Vorlage zumal des Essays uber die
Wahlverwandtschaften vor drei Jahren genommen habe, dafi
ich in Ubereinstimmung mit einem dortigen Universitats-
lehrer mir vorsetzte, die Arbeit iiber das Trauerspiel zu
schreiben und vorzulegen. GewiB erscheint es wertvoll, liegt
es nahe, mit der lebendigen Rede vor Jiingere treten und sie
gewinnen zu kbnnen: aber der Ort an dem das geschieht und
die Auslese der Menschen, die er trifft, ist nicht gleichgultig.
399
Und so gewiB es auBerhalb der Hochschule heute noch keinen
gibt, der die Fruchtbarkeit des Wirkens gewahrleistet, so
gewiB scheint mir, daB die Hochscbule selber mehr und mehr
die Lauterkeit ihrer Lehrquellen triibt. Gedanken dieser— nur
angedeuteten — Richtung sind es, die mich verschmerzen
lassen, daB heute und friiher auch eine Intervention, wie Ihre
Giite sie vorsah, in Frankfurt nicht zum Ziele mehr gefuhrt
hatte. Sie deuten, hochverehrter Herr von Hofmannsthal,
zugleich Ihre Geneigtheit an, einen Verlag fur meine Arbeit
zu interessieren. Diese liegt zur Zeit noch bei Rowohlt in
Berlin, an den sie mein Freund Franz Hessel als dortiger
Lektor empfohlen hatte. Bei der Wahl dieses Verlages spielte
meinerseits der Gedanke mit, eher einen allgemeiner inter -
essierten als einen geradezu wissenschaftlichen Verlag im eng-
ren Sinne zu gewinnen. Denn die „wissenschaftliche" Hal-
tung im heutigen Sinn ist ja nicht das Hervortretende meines
Versuches und unter dem Gesichtspunkt als einem geradezu
wissenschaftlichen Verlage konnte leicht ebendas den Wert
der Schrift driicken, worin fur mich ihr Interesse liegt. Wie
dem nun sei — Ihre Zeilen werden mich veranlassen, Sie iiber
den Ausgang der Verhandlung mit Rowohlt zu unterrichten ;
von Ihrer eignen Stellung zu meinem Buch ist Rowohlt, wie
ich weiB, mehrfach unterrichtet. Das Manuscript betreffend,
so ersuche ich Sie, daniber weiterhin in jedem Ihnen er-
sprieBlich scheinenden Sinne zu verfiigen. Insbesondere stelle
ich es auf einige Zeit Herrn Professor Brecht1 gern zur Ver-
fiigung.
Bei seinem Hiersein beriet Dr. Wiegand mit mir die Hum-
boldt-Auswahl der Bremer Presse. Dankbar und uberzeugt
werde ich an der Aufgabe mitarbeiten, die Herr Dr. Wiegand
mit wenigen Worten mir evident machte: die Studenten zum
Gebrauche der groBen Gesamtausgaben, die heute unsere
groBen Denker und Schriftsteller nicht erschlieBen sondern
sekretieren, zu stimmen und vorzubereiten. Die Beschafti-
gung mit Humboldt fiihrt mich unmittelbar auf meine
Studentenzeit, wo ich unter Anleitung eines menschlich
hbchst seltsamen und dem kontemplativen Ingenium des
spaten Humboldt auf fast groteske Weise kongenialen Man-
400
nes die sprachwissenschaftlichen Schriften im Seminar las.
Ich darf das vielleicht erwahnen, weil der betreffende Ihnen
moglicherweise bekannt ist (fast mochte ich es fiir sicher
halten) als Verfasser eines Biichleins iiber „die Sprache des
alten Goethe". Es ist Ernst Lewy, derzeit Professor fiir
finnisch-ugrische Sprachen in Berlin.
Der Gedanke des Sagenbuches muB vorerst noch bei mir
ausreifen und am Material zureichend entwickelt werden.
DaB, falls ich mit ihm auf dem richtigen Wege bin, zur
rechten Zeit ich bei Dr. Wiegand die freundlichste und for-
derndste Hilfe finden werde, — daran zweifle ich nicht im
leisesten. Von neuem habe ich bei seinem Hiersein und erst-
maligen langern Gesprach den Wert des Vertrauens empfun-
den, zu dem Sie mich ihm gegeniiber einluden,
Ich finde in Ihrem Schreiben vom Julianfang den Hinweis
auf eine Sammlung von „traurigen" Puppenspielen aus
Niederosterreich. Sie nennen Kislick (?) und Winter als Her-
ausgeber. Leider habe ich hier den Band 2 nicht ermitteln
konnen. Falls Ihnen genauere Angaben zur Verf iigung stehen,
so ware ich fiir deren — gelegentliche - Mitteilung Ihnen sehr
verpflichtet. In einer Berliner Zeitung las ich dieser Tage,
daB noch heute bauerliche Staatsaktionen von Tiroler Bauern
fiir ihres gleichen gegeben werden. Der Ausflug des Seminars
von Prof. [Arthur] Kutscher in Munchen zu einer derartigen
Vorstellung war beschrieben.
Ich verbleibe, hochverehrter Herr von Hofrnannsthal, mit
dankbaren und ergebnen GriiBen
Ihr Walter Benjamin
1 Walther Brecht; 1957 vorzeitig aus politischen Griinden pensioniert.
Freund und Nachlai3verwalter Hofmannsthals.
2 Deutsche Puppenspiele. Hrsg^. von Richard Kralik und Joseph Win-
ter. Wien 1885.
401
147 An Gerhard Scholem
Neapel, 21. September 1925
Lieber Gerhard,
hier scheint die Regenzeit zu beginnen. Ich bin in ein Cafe
gefluchtet, wo ich schreibe. Aber das Wetter hat an dem Brief
keinen Anteil. Er war auch in der heifien Sonne heute — und
lange genug ■— fallig. Ich muBte ihn von rechtswegen mit
dem Reisebericht belasten. Meine Karte aus Cordoba oder
Se villa wirst Du erhalten haben. Dort habe ich [mich] an
siidspanischer Baukunst, Landschaft und Sitte in den wenigen
Tagen aus ganzer Kraft vollgesogen. In Sevilla habe ich
einen gewaltigen Barockmaler gefunden, an dem die Wid-
mungen der „Fleurs du Mai" nicht voriibergegangen waren,
wenn Baudelaire ihn gekannt hatte! Juan Valdez Leal1, der
die Kraft von Goya, die Gesinnung von Rops, den Stoff von
Wiertz hat. Leider vereitelte das heftige Unwohlsein, das
mich dort in den letzten Stunden des Aufenthalts befiel, daB
ich mir Abbildungen verschaffte. Wir fuhren dicht an Gibral-
tar vorbei und sahen Afrika liegen. Nach drei [Tagen] haben
wir Barcelona, eine wilde Haf enstadt, die auf kleinem Raume
den Pariser Boulevard mit grofiem Gliick nachbildet, ange-
laufen. Uberall habe ich Cafes und Volksquartiere in sehr
versteckten Winkeln zu sehen bekommen, teils indem ich
mich meinen standhaften Irrgangen iiberlieB, teils in enger
Fraternitat mit dem Kapitan und den „Of fizieren" . (So heiBen
bei der Handelsmarine die oberen Chargen). Diese Leute
waren die einzigen mit denen ich reden konnte. Sie sind
ungebildet aber nicht ohne Freiheit im Urteil. Und dann
haben sie — was auf dem Festland so leicht nicht gefunden
wird - fur den Unterschied von Erzogenen und Unerzogenen
Sinn. In Neapel wollte der Kapitan mich nicht weglassen und
ich bilde mir etwas darauf ein, daB der Mann, der naturlich
keinen Begriff von meiner Schreiberei hat, solche zu erhalten
begehrte. Erbekommt dieUbersetzung der „UrsuleMirouet",
die inzwischen wahrend meiner Abwesenheit von Berlin noch
erschienen sein diirfte. Dann lagen wir in Genua noch und
402
in Livorno. Ich fuhr auf einen Tag an die Riviera und ging
den schonen Uferweg von Rapallo nach Portofino. Es ist mir
so im Sinn, als ob Du die Gegend kennst. Von Livorno, wo
wir lange lagen, hatte ich MuBe, nach Pisa und Lucca. Denn
dortselbst gibt es nichts und der Stadt sieht man ihren Sohar2
so wenig an, wie irgend einer Bibliopolis ihre Krone. In
Lucca empfing am Abend meiner einsamen Ankunft mich
der denkwiirdigste Jahrmarkt. Er wird registriert und inacht
statt eines Reise journals Figur, da ich dank Littauers Zusam-
menbruch diese Reise ohne literarische Verpflichtungen ma-
chen kann. ImGrunde draut freilich die Proust-Ubersetzung.
Oder sollte ich Dir nicht geschrieben haben, daB ich die Ver-
pflichtung sein dreibandiges Werk „Sodome et Gomorrhe"
zu iibertragen, gegen eine mafiige Gage fiir den nachsten
Monat iibernommen habe? Ich will diese Arbeit wenn mog-
lich in Paris absolvieren. Im Oktober - gegen Ende des Mo-
nats — mochte ich dorthin via Marseille fahren. Es ist eine
Aufgabe, von deren Vertracktheit mir noch die Begriff e feh-
len: so muBte es sein, damit ich sie iibernehmen konnte. Die
undankbarste, die gedacht werden kann, und mit Recht, nach
dem Widerhall selbst der bestmoglichen Leistung, aber sehr
fruchtbar moglicherweise fiir mich. Nach Capri soil es dies
Jahr nur fiir wenige Tage gehen und auch hier will ich nicht
mehr lange bleiben. Die Stadt hat den ganzen Platz in mei-
nem Herz, den sie vom vorigen Jahr einnimmt, wieder ganz
gefiillt. Gestern, an einem heiBen Sonntag, habe ich sie von
einer neuen Seite her umschritten und umzingelt und ihre
Topographie ist schon kartographisch ein faszinierendes Stu-
dium fiir mich. Ubrigens werde ich damit ohne eine Relief -
karte wohl nicht zu Rande kommen. Ich schlafe in einer
schnbden aber reinlichen Kammer fiir 10 lire. — Hier auf der
Post fand ich denn endlich den Druck von „Neapel" vor. Am
15. August hat ihn die frankfurter Zeitung" gebracht,
einige Tage vorher eine andere Kleinigkeit von mir. Beides
kann Dir im Augenblick darum nicht zugehen, weil ich selber
nur einen Abzug hierherbekam. Spater. — Schreibe mir und
schreibe mir ein Wort, ob in Wien sich auf dem KongreB
Wichtiges zutrug. Ich weiB von ihm nichts. Zwei Stunden
403
bevor ich zur Bahn ging habe ich in Berlin einen Vertrag mit
dem Verlage Ernst Rowohlt unterzeichnet. Er garantiert mir
fur das nachste Jahr ein Fixum und bringt: „Ursprung des
deutschen Trauerspiels" „Goethes Wahlverwandtschaften"
„Plaquette fiir Freunde". Das dritte ist ein Aphorismenbiich-
lein, von dem noch nicht feststeht, ob es seinen geplanten
Titel. wird wahrmachen konnen. [. . .] Mit welcher Freude
ich Deinen Mendelssohn3 und auch den Riviere bekommen
habe, schrieb ich Dir. Bleibe bitte mit all Deinem Gedruckten
nicht im Verzug. Was ich hier zu tun habe, ist Kritiken zu
verfassen. Eine Rezension von Unruhs „Fliigel der Nike" soil
den Platz, den ich namentlich in der „ Liter arischen Welt"
behaupten will — vieles bleibt hochst variabel pseudonym 4 -
abstecken5. Diese Rezension mufi einfach formidabel werden.
Wie denn das Buch der Abhub des deutschen republikani-
schen Schrifttums ist. — Dein letzter Brief hat die Reise mit-
gemacht; ich lese ihn nochmals und adoptiere den Begriff der
„kleineren Unsterblichkeit" - deren Tiir mir, wer weiB? die
Frankfurter Hausmeister denn doch auch vor der Nase zu-
geschlagen haben? — mit so hohem Beifall, als meine kleinen
Thesen gegen die Urmenschen - Neger - Idioten - Kunst
tiefen MiBfall bei Dir erregt haben. Warum? Da ist - bis auf
eine hoch- und niedergestapelte These - alles suppenklar.
Umso vernichtender traf „Mann ohne Schatten". Ich ver-
spreche die Papiere meines Schattens mit Hin- und Ruck-
reisevisum in die kleinere Unsterblichkeit bald abzuliefern.
Denn unter dieser Sonne ist das Wort der groBte Schimpf.
Und so wirft denn die Morgensonne meines Ruhmes so langen
Schatten, daB der vor mir in Jeruscholajim ankommt. Quod
felix faustumque sit!
Herzlichst Dein Walter
1 Murillos Nachfolger als President der Akademie von Sevilla (1622
bis 1690).
2 W. B. hatte bei Scholem oft eine sechsbandige Ausgabe des „Sohar"
aus Livorno gesehen.
3 Die Erstausgabe von Mendelsohns ^Jerusalem".
4 Er bevorzugte die Pseudonyme A. Ackermann und Anni M. Bie
(Anagramm!), spater auch E. J. Mabinn.
5 Erschien in der Nr. 21. Mai 1926.
404
148 An Rainer Maria Rilke
Riga, 9. November 1925
Hochverehrter Herr Rilke,
Sie werden es giitig entschuldigen mogen, wenn Sie nicht
umgehend auf Ihr Telegramm eine Nachricht erhielten; es
erreichte mich erst auf langen Umwegen in Neapel und in
die Tage seines Eintreffens fielen die Vorbereitungen zu mei-
ner zeitweiligen Ubersiedelung hierher. Es hat mich sehr
dankbar und gliicklich gemacht, dies wertvolle Zeichen Ihres
Interesses an meiner Ubertragung zu erhalten. Uber das
Problematische, das ihr an manchen Stellen der Beschaffen-
heit des Textes und der Schwierigkeit der Entscheidung
[wegen] eignen muB, bin ich mir im klaren. Ich hege auch
die Hoffnung, vor der Drucklegung iiber gewisse Einzel-
heiten noch Belehrung und Beratung zu empfangen, sei es,
daB mir von Ihnen ein Hinweis kame oder daB auch nur ich
bei meinem geplanten Aufenthalt in Paris mit Freunden die
Arbeit durchgehe. Das letztere konnte freilich erst imFebruar
sein und vielleicht haben Sie die Drucklegung friiher anbe-
raumt. Es wiirde mich interessieren, zu erfahren ob bereits
ein Verlagsabkommen besteht und mit wem. Wenn ich Frau
Hessel recht verstanden habe, so werden Sie der deutschen
Ausgabe eine Vorrede mitgeben. Die Vorrede von Larbaud
zur russischen habe ich kiirzlich durch Herrn von Munch -
hausen erhalten. - Hier beschaftigt mich, wenn ich d[ie]s
noch hinzufiigen darf — ausschlieBlich die Dhersetzung von
Sodome et Gomorrhe. Je weiter ich in die Arbeit eingehe,
desto dankbarer bin ich den Umstanden, die sie mir anver-
trauten! Der Gewinn einer so eingehenden Beschaftigung mit
dem groBen Meisterwerk wird mir im Laufe der Zeit sehr
fiihlbar werden. — Ich erlaube mir schlieBlich die Hoffnung
auszusprechen, daB Ihr Befinden, hochverehrter Herr Rilke,
sich gebessert haben mochte und Sie bei Gelegenheit sich mit
einer Zeile meiner erinnern wollten.
[SchluB fehlt]
405
149 An Hugo von Hofmannsthal
Berlin, 28. Dezember 1925
Hochverehrter Herr von Hofmannsthal!
Ich danke Ihnen herzlich fiir Ihre freundlichen Zeilen aus
Aussee. Diesmal kann ich nicht unmittelbar auf die darin
enthaltene Anregung eingehen, meine Gedanken iiber Shake-
speares Metaphorik Ihnen zu entwickeln. Ich bedaure das
sehr. Es ist mir, wenn ich eine groBere Arbeit abgeschlossen
habe, fiir langere Zeit nicht moglich, auf ihren Them en- und
Gedankenkreis mich zuriickzuwenden und ohne das konnte es
bei dieser Frage nicht abgehen: aus einem Grunde freilich,
der nicht danach angetan ist, mein Verschieben zu bescho-
nigen. Ich bin im Shakespeare nicht eigentlich zu Hause son-
dern nur in Abstanden, vereinzelt an ihn herangetreten.
Andererseits habe ich ja im Umgang mit Florens Christian
Rang gelernt, was es bedeutet, in ih'm heimisch zu sein und
langst hatte ich ihm das Thema, das Sie beriihren, wenn er
noch lebte, vorgetragen. Ich weiB nicht, ob auch hier die
Konfrontation von Shakespeare und Calderon so aufschluB-
reich ware, wie sie sonst in vieler Hinsicht es ist. Jedenfalls
hat Calderon eine blendende Metaphorik, die mir von der
Shakespeares hdchst verschieden scheint: ist dies der Fall, so
wurden beide sich gewifi als die bedeutsamen polaren Aus-
pragungen der barocken Bilderrede zu erkennen geben
(Shakespeares Bild als „Gleichnis und Figur" der Handlung
und des Menschen, das Calderonsche als romantische Poten-
zierung des Redens selber). Aber ich muB fiir jetzt damit ab-
brechen; wenn es zur Ausfiihrung eines alten Planes von mir,
einen Kommentar zum „ Sturm" zu schreiben, kame, so
stiinde Ihre Frage, glaube ich, im Brennpunkt der Darstel-
lung. Zur Zeit achte ich genauer auf die Metaphorik von
Proust, der — in einer interessanten Kontro verse mit Thibau-
det iiber den Stil von Flaubert l — die Metapher schlechthin
fiir das Wesen des Stils erklart. Ich bewundere, wie er den
vielleicht allgemeinen Brauch der groBen Dichter, die Me-
tapher dem Naheliegenden und Belanglosen zu entnehmen,
406
dem Stande heutiger Dinge iiberraschend anpaBt und einen
ganzen Komplex ausgeleierter weltlaufiger Verhaltnisse im
Dienst eines tieferen Ausdrucks gleichsam mobil. macht, in
die schlaffsten Perzeptionen, indem er sie zum bildlichen
Ausdruck heranzieht, einen schonen kriegerischen Lakonis-
raus bringt. Neben der tjbersetzung beschaftigt mich Kriti-
sches; aber je groBer der Reiz ist, iiber einige aktuelle Gegen-
stande, besonders Biicher der pariser Surrealisten, mir Rechen-
schaft zu geben, desto empfindlicher wird die Schwierigkeit
fiihlbar, ephemere und doch vielleicht nicht oberflachliche
Uberlegungen irgendwo unterzubringen. Hoffnungen, die ich
auf das Erscheinen der „Literarischen Welt" in diesem Sinn
setzte, muB ich ein wenig herabstimmen. - Ich hoffe und
wiinsche Ihnen, hochverehrter Herr von Hofmannsthal, daB
Sie bei guter Gesundheit und Arbeitsstimmung ins neue Jahr
hiniibergehen. Sollte in seinem ersten Drittel, etwa bis Ende
Marz oder Anfang April, es ein neues Heft der „Beitrage"
bringen, so wiirde der Abdruck meines Melancholiekapitels
gewiB ohne Schwierigkeiten (von Rowohlt und von mir)
immer noch Vorabdruck werden.2 In jedem Falle stehe ich
Ihnen jederzeit mit dem genauen Texte von „Melancolei
redet selber" von Andreas Tscherning (aus dem „Vortrab des
Sommers deutscherGedichte" Rostock 1655)3 zur Verf iigung.
Ich glaube die — auch dichterisch — starksten Stellen aus dem
hie und da etwas ungefiigen Text herausgehoben zu haben,
doch bleibt das Ganze immer schon und merkwiirdig. Ein
Bedenken konnte vielleicht eher darin liegen, daB ein Ab-
druck in einer wertlosen Anthologie von Barocklyrik, die vor
einigen Jahren in Berlin herauskam, sich findet. — [Ernst]
Cassirers Arbeit iiber die „Begriffsform im mythischen Den-
ken" 4 habe ich vor langerer Zeit mit viel Interesse gelesen.
Fraglich aber blieb mir, ob der Versuch durchfiihrbar' ist, das
mythische Denken nicht nur in Begriffen - d. h. kritisch -
darzustellen, sondern auch durch den Kontrast gegens Be-
griffliche hinreichend zu erleuchten.
Mit den besten GriiBen Ihr herzlich ergebener
Walter Benjamin
407
1 In der Nouvelle Revue Francaise, Januar 1920. Vgl. jetzt Marcel
Proust: Tage des Lesens. Drei Essays. Frankfurt am Main 1965.
2 Tatsachlich erst im August 1927 in den „Neuen Deutschen Bei-
tragen" erschienen (2. Folge, 3. Heft, S. 89 fE.); die Bucliausgabe er-
schien 1928.
3 Aus dem Gedicht wird wiederholt im Trauerspielbuch zitiert.
4 Leipzig 1922.
1 JO An Gerhard Scholem
Berlin, 14. Januar 1926
Lieber Gerhard,
ich hatte langst vor, Dir zu schreiben. Gerade heute kam
Dein Brief an Dora. Sie wird Dir gewiB selbst antworten.
DaB er sie sehr erfreut hat darf ich wohl verraten. Damit
wird ein genauerer Bericht liber Stefan ja wohl auch in ihr
Schreiben ubergehen. Er lernt zwar, freilich, Hebraisch -
aber in den fakultativen Stunden wird wohl nicht viel ge-
schafft und lieb ist ihm nur die biblische Erzahlung, die bei
einem anderen Lehrer liegt. Bei dieser Gelegenheit wiirde ich
gern wissen, ob Du ein jiidisches Lesebuch (mit deutschem
Text) weiBt, das ich mit Stefan vornehmen konnte. Ich lese
ihm, wenn nicht taglich, so doch jede Woche einige Stunden
vor und schweife dabei ziellos durch ein Marchenhaus, wie
unsere Biicher es nahelegen. Statt dessen wiirde ich ihm gern
jiidische Geschichte oder Geschichten vorlesen, was schlieB-
lich auch — ungeachtet meiner bevorstehenden Befassung mit
Marchenfragen - mir selbst besser anschlagen wiirde. Aber
ich weiB nicht, ob es etwas gibt, was solch unbestimmten
Zwecken entgegenkommt. Es hat in letzter Zeit, auch fiir
ihn, Festlichkeiten gehagelt; Chanuka (danach, seitens mei-
ner Eltern Weihnachten) Doras Geburtstag und er hat mehr
Geschenke bekommen als sein immer noch dxirftig ausgestat-
tetes Zimmer fassen kann. Natiirlich hat er schon langst sein
eigenes: Grete hat ein Zimmer neben der Kiiche, in dem
friiher mein Bruder wohnte. Dieser wird in einigen Tagen
408
ein sympathisches junges Madchen heiraten1, eine Freundin
meiner Schwester, die er zur Kommunistin sich herangebildet
hat. Es haben also seine christlichen Schwiegereltern in einen
doppelt bitteren Apfel zu beiBen. 1st iibrigens Dein Bruder
Werner, wie Du einmal voraussagen zu wollen schienst, aus
der Partei „entfernt" worden?2 — Uber die „opinions et
pensees" meines Sohnes habe ich seit seiner Geburt ein Biich-
lein gefuhrt, das zwar — infolge meiner vielen Abwesenheiten
nicht gerade umfangreich ist, aber doch einige Dutzende
seltsamer Worter und Redensarten auffiihrt. Ich trage mich
mit der Absicht, es in die Schreibmaschine zu geben und
eines der wenigen Exemplare ware Dir dann sicher. Ernst
Schoen, der Weihnachten in Berlin war, hub an und begann
groBe Dinge von ihm zu prophezeien. Zu Chanuka wurde
iibrigens mein altes Puppentheater hervorgeholt und ihm
sowie einer befreundeten Kinderelite eine erstaunliche Feerie
von Raimund zu vollendeter Darstellung gebracht. Wir wa-
ren drei Mann hoch hinter der Biihne beschaftigt.
In letzter Zeit ist kaum etwas von mir erschienen, es sei
denn im „Querschnitt" ein Aufsatz iiber Revue und Theater
von einem Bekannten, dem Regisseur Bernhard Reich und
mir gemeinsam verfaBt3. Ich sende Dir nachstens ein Kon-
voliitchen solcher kleinen Sachen aus der letzten Zeit. Fur
das Barockbuch und die Wahlverwandtschaftenarbeit werden
die Druckproben gemacht. Ich habe in letzter Zeit siindhaft
viel gelesen und nicht einmal am Proust iibersetzt. Dafiir
kann ich nun sagen, daB ich in den neuen franzosischen An-
gelegenheiten au fait bin: bleibt nur, diese fadenscheinige
Tatsache in einen soliden Zusammenhang zu verweben. Sonst
las ich Trotzki: Wohin treibt England? — ein sehr gutes
Buch, Sodome et Gomorrhe — endlich zu Ende, und allerdings
einen auf den Schreibtisch geschneiten Walzer C. A. Bernoulli :
J. J. Bachofen und das Natursymbol. Das geht mich — mdr-
chenhafter Weise — naher an. Die Auseinandersetzung mit
Bachofen und Klages ist unumganglich - freilich spricht vie-
les dafiir, daB sie ganzlich stringent nur aus der judischen
Theologie zu fuhren ist, in welcher Gegend denn also diese
bedeutenden Forscher nicht umsonst den Erbfeind wittern.
409
Dieser Bernoulli, der sein Talent zur gelehrten Kolportage
schon im Nietzsche-Overbeck-Buch erwiesen hat, hat nichts
gelernt und nichts vergessen. Lehrreich ist der Walzer doch
und das „Europa-Institut" (?) der Universitat Jerusalem
miiBte ihn sich zulegen. A Propos: so beginne und spare im
Katalog eine scheme weiBe Seite unter B fur mich aus. [. . .]
Vom neuen Schicksal [Robert] Eislers wirst Du— wahrschein-
lich besser als ich — informiert sein. Das „Institut de Coope-
ration intellectuelle" 4 (oder wie es heifit) hat neben Schulze-
Gavernitz ihn als Vertreter von Deutschland5 berufen. Und
was die deutschen Gelehrten dazu sagen, wirst Du Dir aus-
malen konnen. Jedenfalls sitzt er in Paris und wenn ich Ende
Februar (wie ich es plane) dorthin komme, so werde ich ihn
auf suchen.
Nun sehe ich Deinen Brief durch und stelle ich fest, daB
ich Dir - in puncto Eisler zumindest - olle Kamellen mitteile,
dagegen so und so viele Fragen unbeantwortet lieB. Also:
Stefan geht in die gewohnliche Schule - nicht in die jiidische.
Um Emil Cohn handelt es sich bei seinem Religionsunterricht
offenbar nicht. [Heinz] Pflaums Proust-Theorie kann ich so
per Distanz nicht agreieren: mir schien durchaus viel strenge
franzosische Schulphilosophie, der besten Tradition, von
Cartesius zu den Sensualisten, in seinen Buchern erkennbar.
Im ubrigen ist das ein zu verschranktes Thema fur schrift-
liche Verstandigung. Es gibt in diesen Buchern uberaus
bedeutende Sichten und Satze, das ganze wird vielleicht pro-
blematischer je genauer man sich damit befaBt. Wie, im
ubrigen, geht es Pflaum?6 Wenn Du meine Proust-tJber-
setzung liest, so wirst Du vielleicht nicht weit kommen. Es
miiBte schon seltsam zugehn, wenn sie lesbar wird. Die Sache
ist grenzenlos schwierig und Zeit kann ich ihr aus vielen
Griinden, vor allem der knappen Bezahlung wegen, nur sehr
gemessen zur Verfiigung stellen. Notizen iiber ihn „En tra-
duisant Marcel Proust" will ich mal in der „Literarischen
Welt" veroffentlichen. — Ich hatte mich gefreut, Dir einen
Prospekt von der „Wirklichkeit der Hebraer"7 beizulegen.
Aber ich kame post festum. Lesen werde ich die Sache. Und
ich bitte Dich recht dringend, die Grundgedanken Deiner
410
Kritik mir zuganglich zu machen. Mir liegt natiirlich sehr
viel daran. Die Sache wird interessanter sein als Ungers,
immerhin geistreiches Buch: „Gegen die Kunst" Lpz Meiner
1925. Desgleichenbin ich auf die Verlautbarungen im Alters-
stil, wie Deine Antrittsvorlesung 8 sie enthalten kann, unge-
heuer gespannt und ich hoffe, Deine Frau geht bald an die
TJbersetzung. Von mir zu diesem Unternehmen Gliick- und
Segenswiinsche.
Soweit. Ein Bulletin von der Dich so sehr interessierenden
Geisterschlacht will ich aus diplomatischen Griinden heute
— da die guten Geister fur einige Zeit durch passive Resistenz
meinen Orders sich entziehen — nicht abgeben. Bei den herz-
lichsten GriiBen an Dich und Deine Frau aber haben sie in
besonderer Sitzung mitzutun sich entschlossen
Dein Walter
1 Hilde B., spater als Justizminister der DDR bekannt geworden.
2 Dies trat ein Jahr spater ein.
3 Jg. 1925, S. 1039-1043.
4 Des Volkerbundes.
5 Es handelte sich urn Osterreich. Der Aufruhr war der gleiche.
6 Pflaum lebte seit 1925 in Jerusalem. Tiber seine Personlichlceit ver-
gleiche Scholems Gedenkrede auf ihn in „Romanica et Occidentalia.
Etudes dedi£es a la memoire de H. Peri (Pflaum)". Jerusalem 1963,
S.7-11.
7 Von Oskar Goldberg.
8 Als Dozent an der Hebraischen Universitat, im Herbst 1925.
151 An Hugo von Hofmannsthal
Berlin, 25. Februar 1926
Hochverehrter Herr von Hofmannsthal,
Sie haben die groBe Gute gehabt, eine Abschrift des Briefes,
den Sie an die „Schmiede" x gerichtet haben, mir zuzusenden.
Haben Sie fur Ihre freundliche Information (die zudem von
entschiednem Nutzen fiir den Verlag und seine Stellung zur
Proust- Ubersetzung zu werden verspricht) den herzlichsten
411
Dank. Vor mehr als einer Woche legte man mir - nach seiner
Absendung - eine Copie des an Sie gerichteten Verlagsbriefes
in der Proust- Angelegenheit vor. Ich habe nicht notig, Ihnen
zu sagen, daB ichbestiirzt war, und zwar nicht mehr der Sache
wegen, fur die man Sie da beanspruchte als der Form wegen,
in der es geschah. Gewisse Stellen legten mir sogar den Ge-
danken nahe, Ihnen ausdriicklich zu versichern, daB ich dem,
was da von „Grundsatzen der Ubertragung" vorgebracht
wurde, ganz fern stehe. Im iibrigen macht das debacle, das der
Verlag mit diesem untauglichen ersten Ubersetzungsversuche^
erlitt 2, meinen Anteil an der Proust-Ubersetzung noch verant-
wortungsvoller und prekarer. Ohne auf die Schwierigkeit des
Ubersetzens im Allgemeinen zu reflektieren — die Grenzen der
moglichen Leistung (die naturlich bei Sch[ottlaender] iiber-
haupt nicht gesichtet sind) scheinen mir in diesem Falle be-
sonders streng dadurch umschrieben, daB die lang ausgehalt-
nen Proustschen Perioden, die dem Originalwerk ein gut Teil
seines Charakters durch die Spannung mitteilen, in der sie
zum franzosischen Sprachgeist uberhaupt stehen, im Deut-
schen ahnlich beziehungsvoll und iiberraschend nicht wirken
konnen. Derart daB, was gerade dem deutschen Leser an
Proust das Wichtigste sein konnte, in dessen Sprache kaum
zu iibertragen ist. Bleibtfreilich des Wesenhaften noch immer
die Fiille. Denn es ist ja ein durchaus neues Bild, das er vom
Leben gibt, indem er den Zeitverlauf zu dessen MaB macht.
Und die problematischste Seite seines Ingeniums: die ganz-
liche Elimination des Sittlichen bei hochster Subtilitat in der
Beobachtung alles Physischen und Spirituellen, ist vielleicht
— zu einem Teil — als die „Versuchsanordnung" in dem im-
mensen Laboratorium zu verstehen, wo mit tausend Reflekto-
ren, konkaven und konvexen Spiegelungen die Zeit zum Ge-
genstand der Experimente gemacht wird. Ich kann, mitten
beim Ubersetzen, keine eigentliche Klarung der tiefen und
zwiespaltigen Eindriicke erhoffen, mit denen Proust mich
erfullt. Aber langst hege ich den Wunsch, eine Reihe meiner
Beobachtungen, aphoristisch wie sie unter der Arbeit sich bil-
den, unter dem Kennwort „En traduisant Marcel Proust"
zusammenzufassen. - Die Giite, mit der Sie nochmals meiner
412
Anzeige des „Turms" gedenken, war mir sehr wohltuend.
Es ist fur mich eine groBe Freude, das Wenige aufzuzeichnen,
was mir in den vorgeschriebnen Schranken zu sagen moglich
ist und die einzige Befiirchtung bleibt, das Pragmatische der
Anzeige mochte etwa zu sehr hinter den Gedanken zuriick-
treten, dielhr Werk in mir wachrief. Ich will indessenhoffen,
daB sie ihre Aufgabe erfiillt, ohne der Verlegenheit des Ortes
Konzessionen zu machen. Die geradezu panische Angst der
„Literarischen Welt" vor jeder nicht schlechtweg im Aktuel-
len verspielten AuBerung ist grotesk. Bevor ich dieseTendenz
des Blattes ahnen konnte, bei seiner Begriindung, trug ich zu
allererst dem Herausgeber den Wunsch vor, den „Turm" an-
zeigen zu diirfen. Das wurde auf die lange Bank geschoben
wie so vieles andere. Wenn ich dann zbgernder erschien als
Haas nun seinerseits an mich herantrat, so ist das eine Geste
der Vorsicht [. . .] und sie ware nicht einmal der Erwahnung
wert, wenn sie nun (ohne Ihr freundliches Abwarten) nicht
AnlaB neuer Konfusion des Herausgebers hatte werden kon-
nen. — Ich griiBe Sie in herzlichster Ergebenheit.
Ihr Walter Benjamin
PS Ich las kiirzlich zura ersten Male die „natiirlichen
Abentheuer" des armen Mannes im Tockenburg 3, bewegt von
der Schbnheit des Ganzen und dem unvergleichlichen SchluB.
Kennen Sie des Verfassers Notizen iiber Shakespeare? Sie
muBten nach der Autobiographic zu schlieBen, sehr merk-
wiirdig sein.
1 Berliner Verlag, in dem die unvollendete erste deutsche Proust-
Ubersetzung erschien. Nach dem ersten, von Rudolf Schottlaender
iibersetzten Band ging die Ubertragung an B. und Franz Hessel iiber.
In deren Ubertragung erschienen „Im Schatten der jungen Madchen"
1927 im Verlag Die Schmiede und „Die Herzogin von Guermantes"
1930 bei Piper; das Manuskript von nSodom und Gomorra" scheint
verloren zu sein, wenn es uberhaupt je abgeschlossen wurde.
2 Willy Haas hatte im Januar in der „Literarischen Welt" eine Um-
frage iiber Schottlaenders Ubersetzung veranstaitet, die wenig schmei-
chelhaft fiir B. Sch. ausfiel.
3 UlrichBraker: Lebensgeschichte und natiirliche Abenteuer des armen
Mannes im Tockenburg. 1789.
413
IS 2 AnlulaRadt
Paris, 22. Marz 1926
Juliette, bien-aimee, au pays de 1'homme1
ce qui signifie: mari en ce cas. Bitte um Entschuldigung fur
den - zwar reizenden - Anfang, der zur Not jedoch bis auf
weiteres unverstandlich bleiben muB. Auf alle Falle ziehe
riiemanden zur Erklarung heran; die Ubersetzung lief ere ich
auf Wunsch im nachsten Brief gegen 50 Pfennig in Brief -
marken nach. Ich bin also in Paris und gedenke nachster
Tage das der Familie R.2 auch offiziell mitzuteilen. Jetzt
werde ich die Stimme noch weiter senken, was figiirlich durch
Bleistiftschrift ausgedriickt wird.
Wie meine Ankunft sich hier machte, ist durch folgende
Stationen bezeichnet: Hagen, von wo es um fiinf Uhr friih
abging, Eisenbahnfahrt mit Poker zwischen einem Spanier,
einem Agypter, einem Berliner und mir, Eintreff en splendid,
mit [Thankmar von] Miinchhausen an der Bahn, sodann
zwei Stunden spater Cafe du Dome (im Montparnasse, wo
jetzt die Russen das neue Bohemequartier gemacht haben
- im Gegensatz zu Montmartre, wo ich dies schreibe) ein
Abendessen in kleiner Gesellschaft, worauf sodann ein wun-
dervoller, unentdeckter Schwof, der hier bal musette heiBt
und mit nichts Berlinerischem Ahnlichkeit hat. Fur Manner
und Frauen und fur Manner untereinander. Es gibt eine
kleine Strafie mit diesen engen Schank- und Tanzzimmern,
in denen wohl auBer uns kein einziger Auslander zu sehen
war. U. s. w. Zuletzt um vier in einem Bums- und Tanz-
palast. Weil mir Paris somit gleich in die Fingerspitzen ging,
konnte ich schon am nachsten Tag an meiner Ubersetzung
sitzen. Seit Jahren bin ich nicht so friih aufgestanden wie
hier. Aber es hilft nicht, -wenn ich uber meine Abende ver-
fiigen will, muB ich es tun. Natiirlich bleibt mir keine Zeit,
zu allgemeinen Bildungskuriositaten. Ich kann nur machen,
was mir SpaB macht, wenn ich nicht gerad schreibe. Das
heiBt, ich gehe nur von auBen an die Stadt heran: Lage der
StraBen, Verkehrsmittel, Caf^s und Zeitungen beschaftigen
414
mich. Einmal bin ich im Theater gewesen und habe eine die-
ser hiibschen, saubern, anspruchslosen Komodien gesehen, die
es in Deutschland nicht gibt. Mittag kostet durchschnittlich
soviel wie bei Dir, aber es gibt mehr Gange — sehr gut ge-
kocht, in einer Kutscherkneipe neb en meinem Hotel. Bisher
habe ich noch kein einziges Buch gekauft: wenn Du bedenkst,
dafi es einige StraBen voll davon gibt, dann will das viel be-
sagen — zum Teil ist allerdings auch die Menge ein Grund.
Um Bilder habe ich mich etwas mehr gekummert, hatte eine
Einladung zur Eroffnung der „Independants" — das sind die
hiesigen Juryfreien— , aber die Bilder waren grafllich. Dage-
gen habe ich in vielen Kunstsalons schemes gesehen, indem
ich die SpezialstraBe entlang und drei Minuten in jeden
Laden ging.
Ich werde nicht nach Fontenay zu Hessels herausziehen,
sondern in einem netten — wenn auch kalten Zimmerchen,
mit Komfort wohnen bieiben, um einmal endlich das Ver-
gniigen, in einem Hotel zu wohnen, auszukosten. Dorthin
also schreibe mir einen netten Brief, damit ich Dir dann wei-
ter erzahle. Vieles muB man ja erzahlen - z. B. eine famose
Kasperl-Vorstellung im Kindertheater. LaB meinen Kopf3
schbn eingewickelt ! Adieu. Herzliche GriiBe Jula alles Gute.
Meine Adresse ist 4 Avenue du pare Montsouris Hotel du
Midi
Dein Walter
1 Eine Anspielung auf den Titel des Buches von Jean Giraudoux,
„Juliette au pays des hommes", das W. B. sehr schatzte.
2 Jula Gohn war seit einigen Monaten (1925) mit Fritz Radt ver-
heiratet.
3 Eine Skulptur, die J. C. Anfang 1926 von W. B. gemacht hatte.
415
IS 3 An Gerhard Scholem
Paris, 5. April 1926
Lieber Gerhard,
nach recht griindlichem, wenn auch nicht tiefem Schweigen,
hoffe ich jetzt verlaBlichere Korrespondenz ankiindigen zu
diirfen. Wenn namlich mein Vorhaben, mich in etwas hier
seBhaft zu machen, gelingt. Im Augenblick sind die Vorbe-
dingungen dazu in Gestalt eines wunderbar reinlichen und
angenehmen Hotelzimmers und einer regelmaBigen, wenn
auch subaltemen Arbeit gegeben. Ich bin nun etwas iiber
vierzehn Tage hier. Ungefahr, seit der gleichen Zeit, wirst
Du, wie ich hoffe, durch Deine Mutter meine bescheidene
Manuscriptsammlung erhalten und huldvoll, oder minder,
aufgenommen haben. Rowohlt verschiebt den Erscheinungs-
termin meiner Sachen in den Herbst, sodaB im Augenblick
auf stattlichere Zuwendungen an Deine Bibliothek von mir
aus nicht zu rechnen ist. Dafiir wirst Du dann im Oktober,
wie ich hoffe, den Aphorismenband erhalten, in dem der
groBte Teil der Bemerkungen Dir Inedita sein werden. In
ihm iiberschneiden sich meine altere und eine jiingere Phy-
siognomic von mir nicht zum Nutzen seiner weithinwirken-
den Evidenz, desto interessanter aber — wenn das nicht zu viel
gesagt ist — f ur Dich, den stillen, gewiegten Beobachter. Sonst
ist nicht sonderlich vieles ans Licht getreten. Am erwahnens-
wertesten die zehnzeilige Vorrede, die ich zum Trauerspiel-
buch an die Adresse der Universitat Frankfurt geschrieben
habe und die ich zu meinen gelungensten Stiicken zahle. Ein
kurioser Auftrag wird mir demnachst die bestellten dreihun-
dert Zeilen abnotigen. Die neue GroBe Russische Enzyklo-
padie wiinscht von mir soviel iiber Goethe vom Standpunkt
der marxistischen Doktrin zu hbren. Die gottliche Frechheit,
die in der Entgegennahme solchen Auftrages liegt, hat es mir
angetan und ich denke mir hier das Einschlagige aus den
Fingern zu saugen.1 Nun, man wird (doch da) sehen. Eine
Unsumme noch nicht gedruckter kleiner Sachen — Bachofen-
Rezension2, Unruh-Rezension, Hofmannsthal-Rezension lie-
416
gen bei der Literarischen Welt. Nach wie vor. Meine knappe
pariser Biicherei stellt sich hauptsachlich aus einigen kommu-
nistischen Dingen zusammen: die Lukacs-Abfertigungen in
der „Arbeiter-literatur" (auf die ich mir noch keinen Vers
machen kann) und eine „ Allgemeine Tektologie" 3 oder Lehre
von der Organisation als neuer Grundwissenschaft, welche an
Stelle der ehemaligen „Philosophie" zu treten hatte von
Bucharin, Professor in Leningrad. Von diesem habe ich vor
kurzem den schwer genieBbaren und sehr fragmentarischen
ersten Versuch einer marxistischen Universalgeschichte: „Die
Entwicklungsformen der Gesellschaft und die Wissenschaft"
studiert.
Natiirlich sehe ich mich hier nach Kraft en um, hore con-
ferences in engen Kreisen, lerne nach und nach die groBen
Leute kennen. [. . .] Was aus solchem Beginn wird, bleibt
abzuwarten. Vor allem werde ich mir nachster Tage einen
gebildeten jungen Mann verschreiben, mit dem ich mehr-
mals in der Woche gelehrt konversiere, weil mir sprachlich
noch vieles unmoglich ist.
Bloch hat fur die nachsten Tage sein Kommen in Aussicht
gestellt. Zur Zeit ist er in Siidfrankreich in Sanary. Ich werde
ihm dann die Bergmannsche Rezension geben. Fur den Bei-
trag von Escha herzlichen Dank! Wann kann ich ihre Uber-
setzung der Antrittsvorlesung erwarten?4 - Vor einigen
Tagen ist hier in der Union intellectuelle [Hans] Driesch
empfangen worden. Er hat einen guten Eindruck gemacht.
Demnachst steht den Leuten hier das Entsprechende mit
Scheler bevor.
Hat Deine Disputation mit Agnon stattgefunden? Wie
stiinde Agnon zu eirier Ubersetzung von Sachen von ihm ins
Franzosische. Ich konnte so etwas, sein Einverstandnis vor-
ausgesetzt, sehr wohl ins Auge fassen. Wiirde er einwilligen,
etwa im „ Commerce", einer Revue fur Dichtung, zu erschei-
nen? Vielleicht kannst Du gelegentlich seine Gedanken in
dieser Hinsicht erforschen.
Bitte schreibe mir Eislers pariser Adresse oder sage mir,
wo ich sie ermitteln kann.
WeiBt Du, ob Marx noch am Euphorion-Verlag beteiligt
417
ist? Ich habe da neulich ein ekelerregendes „Agyptisches
Tagebuch" von Bethge in die Hande bekommen5, das dort
erschienen ist Nun aber etwas sehr Schones, das Ihr lesen und
in Jerusalem bekannt machen sollt. Das Buch heiBt „Der
Russe redet" 6 und ist im Drei-Masken-Verlag erschienen. Es
bringt ohne Anmerkungen, Daten noch Namen Satze aus
Unterhaltungen und Erzahlungen russischer Soldaten, wie
eine Samariterin, die an der Front war, sie von Fall zu Fall
aufgezeichnet hat. Es ist vielleicht, wahrscheinlich, das auf-
richtigste und positivste Buch, welches der Krieg hervor-
gebracht hat.
Sehr herzliche GriiBe Dir und Escha
Dein Walter7
Ich mochte das Marchen vom Dornroschen zum zweiten
Male erzahlen.
Es schlaft in seiner Dornenhecke. Und dann, nach so und
so viel Jahren wird es wach.
Aber nicht vom KuB eines glticklichen Prinzen.
Der Koch hat es aufgeweckt, als er dem Kiichenjungen die
Ohrf eige gab, die, schallend von der aufgesparten Kraft so vie-
ler Jahre, durch das SchloB halite.
Ein schones Kind schlaft hinter der dornigen Hecke der
folgenden Seiten.
DaB nur kein Gliicksprinz im blendenden Riistzeug der
Wissenschaft ihm nahe kommt. Denn im brautlichen KuB
wird es zubeiBen.
Vielmehr hat sich der Autor, es zu wecken, als Kiichen-
meister selber vorbehalten. Zu lange ist schon die Ohrfeige
fallig, die schallend durch die Hallen der Wissenschaft gel-
len soil.
Dann wird auch diese arme Wahrheit erwachen, die am
altmodischen Spinnrocken sich gestochen hat, als sie, verbot-
nerweise, in der Rumpelkammer einen Professorentalar sich
zu weben gedachte.
Frankfurt a/M, Juli 1925
(Vorrede zum Trauerspielbuch) 8
418
1 Sein Artikel titer Goethe ist im deutschen Originaltext erhalten, in
der spater redigierten ausfuhrlicheren Fassung.
2 Gemeint ist die Rezension von Bernoullis Bacho£en-Buch; sie er-
schien am 10. Sept. 1926.
3 Gemeint ist A. A. Bogdanow, Allgemeine Organisationslehre, Teltto-
logie. Bd. I, Bin. 1926.
4 Sie erschien nur auf hebraisch.
5 Von W. B. in der LW vom 11. Juni 1926 besprochen.
6 Von Ssofja Fedortschenlto, 1925. Von W. B. in der LW vom
5. 11. 1926 besprochen.
7 Das Folgende auf einem Extra-Blatt.
8 Die Vorrede ist nicht erschienen.
154 AnJulaRadt
Paris, 8. April 1926
Liebste Jula,
in meinem letzen Briefe stand nicht viel, seine ganze Energie
war in die Formulierungen gefahren, die zur Behebung des
Irrtums notig waren. Du hast mich am Telefon falsch ver-
standen: nun, in den Brief en, hoffentlich desto besser. [. . .]
— Ich bin nun also fur eine Weile allein in Paris, denn Frau
Hessel rechne ich nicht, weil sie erstens mit eigenen Angele-
genheit-en sehr befafit ist, wenn sie einmal anwesend ist, fur
mich aber meistens nur eine gesellschaftliche Manoveriibung
dabei herauskommt, die nicht immer SpaB macht auch wenn
sie klappt. Sie hat bisweilen eine drollige Lust, mit mir zu
flirten und ich versteife mich mit mindestens ebensoviel Ver-
gniigen darauf, das nicht zu tun. Desto besser ist es mit
Munchhausen gewesen; wir haben (in Gesellschaft seiner
hiesigen Flamme, einer wenig belangvollen aber garni cht
storenden Malerin, derenMann auf eine garnicht zubeschrei-
bende Weise im Hintergrund zerflieBt) eine runde Zahl hiib-
scher Abendessen, Tag- und Nachtspaziergange und zuletzt
die herrliche Autotour nach Chantilly und Senlis unternom-
men, von dessen Hotel du Grand Cerf dieser Bogen noch
zeugt. Von dem Chok, der mich in Senlis befiel, als in der
Kathedrale mir Munchhausen sagt, dafi 1914 die Deutschen
419
in ihr gewesen sind, habe ich Dir geschrieben. Und dann muB
man sich sagen, was es heiBt, den Riickzug von Paris, das
einen halben Tagemarsch entfernt liegt, anzutreten. - Es
scheint, daB schicke Gojim1 augenblicklich ganz mein Fall
sind. Am angenehmsten war es audi immer, wenn wir zu
zweien waren. Aber in diesem Genre wird es nicht weiter
gehn;, der freundliche, durchaus nicht schicke Hessel kommt
her und auBerdem hat Bloch, kaum daB er mich hier wuBte,
seine Ankunft in Paris angezeigt, die allerdings inzwischen
schon uberfallig ist. Er will, sympathischerweise, ohne Frau
erscheinen, die in Sanary weitermalt, Miinchhausen fuhr
nicht ab, ohne mir einige nutzliche Briicken geschlagen zu
haben. So hat er mich beim Grafen Pourtales eingefiihrt, wo
ich in vierzehn Tagen einen franzosischen Vortrag iiber M.
Stefan George zu horen bekommen soil. Ein Salon mit kost-
baren Mobeln, von vereinzelten Damen und Herren garniert,
die den heillosesten Physiognomien ahneln, denen man nur
bei Proust begegnen kann. Das tat, daB ich beim ersten Vor-
trag, den ich neulich horte - die Sache findet gegen drei Uhr
mittags statt - mitten in der schonsten Snoberei, als man von
Dante Gabriel Rossetti etwas vortrug, beinahe eingeschlafen
ware. Miinchhausen, neben mir, erhielt sich nur mit Koket-
tieren muhsam wach. Dann war ich neulich zu einem Friih-
stiick, welches in einem der allerersten Pariser Restaurants die
Fiirstin Bassiano fur sieben Personen, unter denen ich und
Miinchhausen waren, gegeben hat. Es begann mit riesenhaf-
ten Kaviarportionen und ging in dieser Art weiter. Mitten im
Zimmer wurde auf dem Herd gebraten und vor dem Anrich-
ten zeigte man alles vor. Dabei war unter dieser Gesellschaft
sogar ein waschechter italienischer Revolutionar. AuBerdem
gab es den Chefredakteur der Nouvelle Revue Francaise, der
einen vorzuglichen Eindruck macht und, unter anderen
[Bernhard] Groethuysen, den Alfred [Cohn] glaube ich noch
in Berlin gehbrt hat und der mein Nachbar war. - Ich bin
hier iibrigens fleiBig, zum mindesten beim "Obersetzen und
was das Erstaunlichste ist, es wird mir ganz leicht. Dazu habe
ich freilich ein Regime entdeckt, das zauberhaft die Kobolde
zum Helfen lockt und darin besteht, daB wenn ich morgens
420
aufstehe ich ohne mich anzukleiden, ohne Hande oder Kor-
per auch nur mit einem Tropfen Wasser zu benetzen, ja ohne
auch nur zu trinken, mich an die Arbeit setze und nichts tue,
ehe das Pensum des ganzen Tages beendet ist — geschweige
denn fruhstiicken. Das bringt die seltsamsten Wirkungen zu-
stande, die man denken kann. Nachmittag kann icli dann vor-
nehmen was ich will oder bummeln. Und ich schlendere oft
ohne Erregung die Quais lang: wirkliche Seltenheiten sind
dort sehr selten geworden und der Anblick unzahliger mitt-
lerer Biicher stimmt mich eher gemigsam. Zudem kann man
sich iiber dem Flanieren leicht fur einige Zeit das Lesen ab-
gewohnen: mir sieht es jedenfalls danach aus. Dies und das
sehe ich im Theater — ich nehme es, wie es gerade ein Frei-
billet mit sich bringt. So komme ich gerade jetzt aus der
Auffiihrung von [Georg] Kaisers „Kolportage", dem einzi-
gen seiner Stiicke, das ich vertrage. Es war hier in Paris ein
MiBerfolg. Erstens ist es fur Franzosen nicht zuganglich
und zweitens hat man es nicht sehr gut gegeben. Die erste
Auffiihrung im Lessingtheater war besser. Was ich an
Avantgarde-Theater gesehen habe, eine surrealistische Soiree
in einem kleinen Privattheater auf dem Montmartre vor ge-
ladenem Publikum war jammervoll. Aber nichts geht iiber
die Jahrmarkte und das schonste an aller Kunst und allem
Betrieb dieser Stadt ist, daB sie dem wenigen, was noch als
Rest von dem Urspriinglichen, Natiirlichen sich halt, seinen
Glanz laflt. Diese Markte fallen wie Bomben in dieses oder
in jenes Stadtviertel: jede Woche wird man, wenn man es
darauf anlegt, irgend einen Boulevard finden, wo SchieB-
buden, Seidenzelte, Fleischbanke, Antiquare, Bilderhandler,
Waffelstande hintereinander aufgereiht sind. Die wunder-
vollen Glaskugeln, in denen dichter Schnee fallt, habe ich auf
der foire aux jambons et aux ferrailles (Schinken- und Alt-
eisen-Markt) gekauft und diese Woche gehe ich irgendwann
auf die foire aux pains d'epice (Pfefferkuchen-Markt). Auf
der foire aux pains d'epice werde ich Dir einen schonen
Pf efferkuchen kaufen, der wird, bis wir uns wiedersehen, auf
meinem Schreibtisch stehen. Keinem „Schreib"tisch aber
einem wundervollen soliden Mobel, wahrscheinlich dem ein-
421
zigen richtigen Tische, der im ganzen Hotel aufzutreiben
gewesen ist. Ich habe Dir einen richtigen Brief, bis obenhin
voll, schreiben wollen, liebe Jula. Etwas was man in die
Hand nehmen und auf den Tisch stellen kann, und zum
herumgehen. Wenn Du zufrieden bist, dann schreibe mir und
denke, daB nicht alle Tage so heiBe Sonntagssonne bei mir
einfallt, wie Du nach diesem Brief es glauben wirst. Wie
steht es mit der Ausstellung?
Sehr herzlich Dein Walter
* In humoristischer Abwandlung der jiidischen Redewendung „schik-
kere [d. h. betrunkene] Gojim".
155 An Jula Radt
Paris, 30. April 1926
Liebe Jula,
mit diesen Worten vollziehe ich eine doppelte Einweihung:
die eines neuen Fullfederhalters und dieser Bogen, die frei-
lich nur fur Dich als Briefpapier gelten - sonst sind sie mein
kostbarstes Manuscript in einer Tonung, nach der ich lange
gesucht habe, und. die die besten Gedanken aus mir heraus-
lockt. Mit dem warmeren Wetter — wir haben keine Sonne
aber nach Wochen eisiger Kalte legt sich nun plotzlich Som-
merschwule iiber die StraBen - tauche ich ganz allmahlich
in Stadt und Leben wieder auf. Die letzten Wochen hatte ich
unter schrecklichen Depressionen verbracht. Dies ist natiir-
lich auch Schuld, daB Du in dieser Zeit nichts von mir hor-
test. Ja, ich bin auch noch nicht auf der foire (dem Pfeffer-
kuchen-Jahrmarkt) gewesen und noch steht auf meinem
Schreibtisch kein Kuchen fur Dich. Es hat Tag aus Tag ein
geregnet, man konnte nicht daran denken. Aber wenn Du die-
sen Brief liest, wird schon alles in guter Ordnung besorgt sein.
Nun war freilich dieser gedachte Pfefferkuchenaufbau pla-
stischer, monumentaler und weniger freBhaft (jawohl: freB-
422
haft) gemeint, als Du ihn verstanden hast: er ist fur baldige
Riickkunft kein Zeichen (es hat mir nichts ausgemacht, daB
er steinhart sein kann, wenn Du ihn bekommst). Ich denke
hier viel an Dich und vor allem wiinsche ich Dich oft in mein
Zimmer, das ganz gewiB keine Ahnlichkeit hat mit dem in
Capri und das Dir doch sehr einleuchten wiirde — und Du
mir sehr darinnen. Aber zuriick will ich vorlaufig nicht kom-
men, dieser Stadt gegeniiber vielmehr die Kraft einer dauern-
den Werbung, welche zu ihrem Bundesgenossen die Zeit
macht, mit aller Geduld ausprobieren. Ja diese Geduld
gibt mir eine Indolenz, welche beinah zu groB ist. Ich
sehe fast nichts von allem was „gesehn" werden muB, tue
ich [sic] mich weniger um als ich es konnte, bringe bis-
her nicht viel mehr zu stande als die Arbeit an meiner
tlbersetzung. Mit einigen Ausnahmen freilich. Im Hotel des
Ventes (das ist das groBe stadtische Pariser Auktionshaus
— ein Institut, zu dem es kein Gegenstiick in Berlin gibt)
weiB ich so gut wie ein Pariser Bescheid. Ich habe viele
Biicherauktionen mitgemacht (die dort neben anderen statt-
fmden) und umso mehr dabei gelernt, als ich wenig gekauft
habe. Und dann habe ich, als es mir am schlechtesten ging,
den ganzen Proust in die Ecke geworfen und ganz fiir mich
all ein gearbeitet und einige Notizen geschrieben, an denen
ich sehr hange : vor allem eine wunderschone iiber Matrosen
(wie sie die Welt ansehen), eine iiber Reklame, andere iiber
Zeitungsfrauen, die Todesstrafe, Jahrmarkte, SchieBbuden,
Karl Kraus ! — lauter bittere, bittere Krauter, wie ich sie jetzt
in einem Kuchengarten mit Leidenschaft ziehe — Nun hast
Du also wie eine Prinzessin aus tausend und einer Nacht
Gundolfs und meinen Kopf auf Deinen SchloBzinnen aufge-
pflanzt 2 und treibst dahinter Dein Unwesen (und ohne Dich
darin zu unterbrechen, gebe ich Dir schnell einen KuB). Viel-
leicht erzahlst Du mir nun aber doch etwas von Gundolfs
Tagen in Berlin (ich bin natiirlich nicht unverschamt genug,
um Vertraulichkeiten Dich anzugehen und bitte niir in aller
Bescheidenheit um ein paar schone Liigen). Ich wiirde ja ein-
fach bei Dir anrufen aber die Menschentechnik ist noch nicht
weit genug, um so ein Ferngesprach von Paris nach Berlin
423
zu fiihren. [...]- Ich habe begonnen, franzosische Konversa-
tionsstunden bei einem Schiller der Ecole Normale zu neh-
men, aber sie sind mir zu teuer, ich werde mich wohl bald
nach anderem umsehen. Augenblicklich liegt mir daran, das
Leben dieser Schuler (die im Anfang der Zwanziger stehen)
etwas kennen zu lernen, deswegen behalte ich sie noch bei.
Vielleicht ein andermal erzahle ich Dir davon. Ich leme hier
ein Bediirfnis nach Einsamkeit kennen, wie ich noch nie im
Leben es gehabt habe. Es ist freilich, so seltsam das klingt, nur
die Kehrseite davon, dafi ich einsam hier bin. Die angenehme
Gegenwart von Hessel und die problematische von Ernst
Bloch and era daran naturlich nichts. Bloch ist aufierordent-
lich und mir, als b ester Kenner meiner Sachen sehr ehrwiir-
dig (er weiB viel besser Bescheid als ich selber, denn er hat
nicht nur alles inne, was ich je geschrieben habe, sondern
auch jedes gesprochene Wort von vor Jahren) aber wahrend
ich mich ganz den Erscheinungen des pariser Lebens hin-
geben muB, ist und bleibt bei ihm Garmisch die Sehnsucht,
auf die er immer zuriickkommt. Naturlich tauchen auch sonst
mannichfache Gestalten auf. Vorgestern sprach ich Valeska
Gert, die nachste Woche hier einen Tanzabend gibt. Karl
Kraus war hier, urn den ich mich nicht gekiimmert habe.
— [...] — Die Notizen von mir, die Dir [Eugen] Wallach
geschickt hat, standen in der frankfurter Zeitung"3. — Jula,
schreibe mir einen sehr brauchbaren Brief, dem ich Paris
zeigen kann. Und wann Dir? (Kannst Du mir iibrigens einen
Wink wegen Eures Hochzeitgeschenks geben. Es ist fur mich
Lumpen naturlich nicht leicht, Euch bei den zusammen etwas
zu schenken. Mache mir doch einen Vorschlag. [. . .] Die
Sonne kommt mir aufs Blatt und ich schliefie diesen Brief,
der aus dem bedeckten Paris der vergangnen Tage herkommt.
Einen kitschigen Maiglockchengrufl
Dein Walter
1 Stiicke aus dem Bande „Einbahnstral3e".
2 Sie hatte auch von Gundolfs Kopf eine Skulptur gemacht.
3 „Kleine Illumination". FZ, 14. April 1926.
424
156 An Gerhard, Scholem
Paris, 29. Mai 1926
Lieber Gerhard,
ich hole, wie Du schon am Format entnehmen kannst, zu
einem ausfuhrlichen Brief aus. Dabei freilich macht mich
etwas beklommen, daB ich auf das kaum werde antworteri
konnen, wonach Du am dringendsten fragst. Eben darum
stelle ich in Gottes Namen den untauglichen Versuch dazu
vorne an. Im Grunde ist es mir bitter, mich theoretisch resii-
mieren zu sollen, da mein Buch (wenn es denn eines werden
sollte) iiber die Dinge noch nicht gereift ist und das Momen-
tane sich vielmehr als ein Versuch zu erkennen gibt, die rein
theoretische Sphare zu verlassen. Dies ist auf menschliche
Weise nur zwiefach moglich, in religioser oder politischer
Observanz. Einen Unterschied dieser beiden Observanzen in
ihrer Quintessenz gestehe ich nicht zu. Ebensowenig jedoch
eine Vermittlung. Ich spreche hier von einer Identitat, die
sich allein im paradoxen Umschlagen des einen in das andere
(in welcher Richtung immer) und unter der unerlaBlichen
Voraussetzung erweist, daB jede Betrachtung der Aktion
riicksichtslos genug, und radikal in ihrem Sinne verfahrt.
Die Aufgabe ist eben darum hier nicht ein fur alle Mai, son-
dern jeden Augenblick sich zu entscheiden. Aber zu entschei-
den. Eine andere Identitat dieser Bereiche als die des prak-
tischen Umschlagens mag es gebeh (gibt es gewiB) fiihrt aber
uns, die war hier und jetzt nach ihr suchen wollten, tief in die
Irre. Immer radikal, niemals konsequent in den wichtigsten
Dingen zu verfahren, ware auch meine Gesinnung, wenn
eines Tages ich der kommunistischen Partei beitreten sollte
(was ich wiederum von einem letzten AnstoB des Zufalls ab-
hangig mache). Die Moglichkeit meines Verbleibens in ihr ist
dann einfach experimentell festzustellen und interessant und
fraglich weniger das Ja und Nein als das Wielange? Und was
gewisse unumstoBliche Einsichten (als etwa die vom Unzu-
treffenden der materialistischen Metaphysik oder, meinet-
wegen, auch der materialistischen Geschichtsauffassung)
425
betrifft, so konnen solche ehernen Waff en im Ernstf allpraktisch
vielleicht ebensoviel und mehr im Bunde mit dem Kommu-
nismus ausrichten als gegen ihn. Wenn es wahr sein sollte,
daB ich, wie Du schreibst, „hinter einige Grundsatze" ge-
kommen sein sollte, von denen ich zu Deiner Zeit noch nicht
gewuBt habe, so „hinter" den vor allem: wer aus unserer
Generation nicht nur phraseologisch den geschichtlichen
Augenblick, in welchem er auf der Welt ist, als Kampf fiihlt
und erfaBt, kann auf das Studium, auf die Praxis jenes Mecha-
nismus nicht verzichten, mit welchem die Dinge (und die
Verhaltnisse) und die Massen ineinander wirken. Es sei denn,
daB vom Judentum aus ein solcher Kampf vollstandig anders,
disparat (niemals feindlich) hierzu sich organisiert. Das
andert nicht: „gerechte", radikale Politik, die eben darum
nichts als Politik sein will, wird immer fur das Judentum
wirken und, was unendlich viel wichtiger ist, immer das
Judentum fur sich wirksam finden. Aber mit solchem Satze
ist eben der Punkt schon erreicht, wo die Entfernung vom
Konkreten beschamend wird. Und gerade weil Du im Kon-
kreten, wie ich unbedingt annehme, weit mehr durch Dein
gegenwartiges Leben und seine Entscheidungen zu Hause
bist als ich durch meines und meine, muBt Du, wenn ich
nicht irre, aus diesen wenigen Silben doch manches entneh-
men konnen; zumal, warum ich nicht daran denke, „abzu-
schworen", wozu ich gestanden habe, warum ich mich des
„friihern" Anarchismus nicht schame, sondern die anarchi-
stischen Methoden zwar fur untauglich, die kommunistischen
„Ziele" aber fur Unsinn und fur nichtexistent halte. Was dem
Wert der kommunistischen Aktion darum kein Jota benimmt,
weil sie das Korrektiv seiner Ziele ist und weil es sinnvoll
politische Ziele nicht gibt.
Dergleichen wiederholte Uberlegungen aus einigen Buch-
besprechungen oder Reisenotizen zu entnehmen, kann Dir
und keinem freilich zugemutet werden (eine falsche Kon-
struktion! aber gut). Wolle auch was hier beiliegt oder mit
gleicher Post folgt, nicht anigmatisch lesen sondern nur als
Information, wie ich ein Taschengeld mir verdiene auffassen.
An dem „Unruh" habe ich freilich im vorigen Jahre auf
426
Capri mit Applikation gearbeitet. Er erscheint erst jetzt
(etwas gekiirzt) well Heinz Simon1 selbst bei der „Literari-
schen Welt" wegen eines weit zahmeren Angriffs mit furcht-
baren Drohungen intervenierte. Es hat einhalbes Jahrgedau-
ert bis ich das Erscheinen, das mich die Mitarbeit an der
Frankfurter Zeitung kosten diirfte, durchsetzte.
Weiter, zu den auBeren Lebensumstanden. In Paris bin
ich nicht mit einem festumrissenen Plan sondern wegen einer
Anzahl von auBeren Umstanden. In erster Linie die Proust -
Ubersetzung zu beenden und durchzusehen, wofur hier ge-
wisse Erleichterungen natiirlich zu finden sind. Dann lebt
man um den halben oder dritten Teil des Geldes wie in Ber-
lin. Dagegen habe ich natiirlich im Sinne, mich wenn es geht,
hier durch einige Arbeiten bekannt zu machen. Da es aber
bei mir zu einem anstandigen Franzosisch, daB sich tel quel
publizieren lieBe, nicht langt, so bin ich auf Ubersetzer ange-
wiesen und das macht die Sache so schwierig, daB ein Erfolg
fraglich ist. Meine Verbindungen sind nicht gut und nicht
schlecht, sondern so wie in f remder Umgebung es meist in der
ersten Zeit ist: Leute soviel man will, um eine viertel Stunde
sich angenehm zu unterhalten, niemand der sehr darauf
brennt, Naheres mit einem zu tun zu haben. Ich habe Girau-
doux, den Pressechef im Auswartigen Amt, den ich als Ro-
mancier sehr liebe, einmal mit gutem Erfolge in PaBfragen,
spater mit mangelhaftem in Ubersetzungsfragen konsultiert
und-das ist bezeichnend. Um engsten Kontakt mit der Sprache
zu finden, habe ich sogar Konversationen mit einem Schiiler
der ficole Normale - einem staatlichen Studenteninstitut,
begriindet unter Napoleon I, wo eine Elite auf Staatskosten
im Internat lebt — eingerichtet; was ich brauche aber ist ein
Tempo und eine Temperatur, wie es sich nur ungezwungen
ergeben kann und in der Tat einige Male im Gesprache mit
[Francois] Bernouard — einem hiesigen Verleger und Druk-
ker, der u. a. einen zweisprachigen kompletten Talmud (!),
eine ebenso eingerichtete Bibel als Luxusdrucke, an denen
schon viele Jahre gearbeitet wird, herausbringt — sich gefun-
den hat. Ob mir also gelingt, einen Aufsatz iiber Proust („En
traduisant Marcel Proust") den ich zu schreiben vorhabe und
427
anderes, Geschriebenes, an den hiesigen Tag zu befordern,
steht sehr dahin. Provisorisch sind meine auBern Umstande
auch ohne dies zufriedenstellend, da ich fur die winzige Frist
eines Jahres, seit Januar von Rowohlt Monatsraten fur meine
Biicher bekomme und im Augenblick dazu die Zahlungen fiir
die tlbersetzungen treten.
Ich arbeite neben dieser Ubersetzung, die Mitte Juli spa-
testens, provisorisch, abgeschlossen sein durfte — die Arbeit
an den Korrekturen wird formidabel — nur noch an dem
Notizbuch, das ich nicht gern Aphorismenbuch nenne (wenn
ich von geringerm absehe, wie einer Keller- Anzeige, die ich
jetzt zu schreibenhabe2). Der jungste Titel— eshat schon viele
hinter sich — heiBt: „StraBe gesperrtl" Um in diesem Zusam-
menhang nochmals auf die Artikel fiir RuGland zu kommen—
zu Goethe treten noch einige neuere franzosische Dichter,
liber die ich kurz schreiben soil, so wollen wir beide abwar-
ten, was dabei herauskommt. Die „Literaturgeschichte", die
neuere zumindest, soweit ich siekenne, darf vonihrenMetho-
den so wenig Aufhebens machen, daB eine „marxistische"
Betrachtung Goethes ein AnlaB zur Improvisation wie ein
anderer ist. Worin sie besteht und was sie lehrt, werde ich
selbst festzustellen haben und wenn (wie ich sehr anzuneh-
men geneigt bin) vomMarxismus aus so wenig wievonirgend
einem andern durchdachten Gesichtspunkt aus „Literatur-
geschichte" streng genommen auch nur existiert, so hindert
das nicht, daB bei dem Versuch, aus solchem Gesichtswinkel
mich auf einen Gegenstand zu beziehen, auf den ich sonst
kaum mich zuriickwenden werde, etwas Interessantes heraus-
kommen kann, was dann im schlimmsten Falle sogar das
Redaktionskomitee getrost ablehnen mag.
Halbwegs bitter ist im Berichte von Deinen Arbeiten die
Bemerkung „nichts von allgemeinem Interesse". Wenn mein
Interesse schon ein ganzlich unzustandiges und hilfloses ist,
so ist es eben als ein solches an Deinen Arbeiten, denn doch
kein allgemeines. Vielleicht berichtest Du mich also bei Ge-
legenheit doch naher. Andachtig habe ich mir - in der irr-
tiimlichen Annahme, daB sie von Dir sei — die Blochkritik
von Hugo Bergmann in den letzten Tagen iibersetzen lassen.
428
Mein Staunen am Anfang kannst Du Dir vorstellen. Die
Unterschrift hat mich beruhigt. [. . .] Der Ubersetzer ist
Meir Wiener gewesen, der zur Zeit hier lebt3. Bergmanns
Hebraisch hat ihm nicht gefallen, desto mehr liebt er der
paideumatischen Priigel sich zu entsinnen, die Du im „ Juden"
seinerzeit ihm verabreicht hast. Buber betreffend, so enthielt
die Frankfurter Zeitung4 eine Besprechung der Bibeluber-
setzung durch [Siegfried] Kracauer, die mir soweit ohne
Kenntnis des Hebraischen eine gegeben zu werden vermag,
schlechthin zutreff end vorkam, zudem mancherlei iibernimmt,
was ich miindlich ihm zu dem Thema gesagt. Ich will sehen:
habe ich sie noch, so lege ich sie bei. Verschaffe sie Dir an-
dernfalls samt der (gegenstandslosen) Replik und der Duplik.
Mit diesem Brief kann ich keinen liliputanischen Staat
machen. Dafiir will ich Dir aber erzahlen, daB ich in der
hebraischen Abteilung des Musee Cluny das Buch Esther
auf ein Blatt geschrieben entdeckte, welches nicht ganz die
Halfte des Vorliegenden mifit. Vielleicht beeilt dies doch
Deinen Besuch in Paris.
Nun zu den schonen und enormen Dingen, die Dein Brief
von Dir selber vermeldet, den innigsten Gluckwunsch. Besser
konnte ja wohl die Zukunft Dir garnicht blicken. In meiner
darf ich im Augenblick kaum wagen, weiter zu sehen als bis
zu dem Erscheinungstermin meiner Sachen - das ware Okto-
ber. Sowie ich zu selbstandiger Arbeit komme, beginne ich
das Buch uber Marchen, das in meinen Brief en ja wohl seit
Jahren schon spukt.
DaB Bloch in Paris ist, ist Dir wohl nach einer Ankiindi-
gung meines letzten Briefes nicht uberraschend. Hessel des-
gleichen, mit dem ich zur Zeit durch die Proust -Ubersetzung,
seine Kenntnis der Stadt und vielfaltig konformen Reaktio-
nen etwas naher verbunden bin. Gestern reiste Ernst Schoen
ab, der mit seiner Frau auf einige Tage iiber Pfingsten hier
war und an Fernerstehenden ware erst recht kein Mangel.
Dies alles der Grund, aus dem ich bisher noch nicht mich ent-
schlieBen konnte, nach Eisler mich umzusehen. Blochs Zu-
stand, insbesondere, macht mirgegenwartiggarkeineFreude.
[. . .] Und was auch immer geschehen moge: auf mich ist fur
429
ein „System (!) des Materialismus" weiB Gott nicht zu
rechnen.
Du siehst, ein groBer schoner Brief wie Dein letzter, ist
noch immer an mich nicht verschwendet. Ich hoffe sehr, bald
wieder, immer Genaueres, zu erfahren; vielleicht kommen
wir dann doch dazu, einander, auch ohne dffentliche Kund-
machungen, zu durchschauen.
Ich sende Dir und Escha sehr herzliche GriiBe,
Dein Walter
1 Der Besitzer der frankfurter Zeitung".
2 Literarische Welt, 5. Aug. 1927.
3 Historiker der hebraischen und jiddischen Literatur (1893-1941).
Gegen einen Band expressionistischer Obersetzungen aus dem Hebra-
ischen hatte sich Scholems Aufsatz „Lyrik der Kabbala?" im „Juden"
gewandt. Siehe Brief 108.
4 Vom 27. und 28. April 1926; wiederabgedruckt in Kracauer, Das
Ornament der Masse, Ffm. 1963, S. 173-186.
151 An Gerhard Scholem
Agay (Var), 18. September 1926
Lieber Gerhard,
heute ist uber Berlin Dein Brief aus Safed1 gekommen. Ich
habe mich — mindestens — dreifach dariiber gefreut. Erstens:
daB Du selber - mit deinen Augen - Safed siehst. Zweitens:
daB Du die alternierendeFolge im Brief schreiben nicht unbe-
dingt streng beobachtet. Drittens: daB im Augenblick, da ein
Brief an Dich begonnen werden sollte, dieser von Dir eintraf .
Sollte die Digression und ihr mathematischer Charakter in
meiner Brief schreiberei Dir neu vorkommen und auff alien, so
f iihre ihn auf mein Versenktsein in den dritten Band des Trist-
ram Shandi2 zuriick. Zugleich ersiehst Du so daB fruher oder
spater Deinen literarischen Indikationen Folge gegeben wird;
hoffentlich rechnest Du Dir nicht aus (und behieltest, rech-
nendenfalls, nicht recht) wann stetige Proportionen voraus-
gesetzt, dann die Lektiire des Steinheim 3 bei mir f allig wer-
den muBte. Dieser Brief und noch mehr das Schreibpapier
430
sagen Dir, daB.es audi unvermittelte EntschlieBungen bei
mir gibt. So warte ich garni cht, bis ich zu Hause bin, sondern
beginne scbon hier, am Strande, die aufgestapelten Begeben-
heiten vorDir abzutragen und einzurangieren. Ichhabemich,
um damit zu beginnen, hierher und auf den Tristram Shandi
zuriickgezogen, weil es mir (mit zweifelhafter Aussicht auf
Besserung) nervenmafiig schlecht geht und Ruhe und Allein-
sein mir notig sind. Auf lange kann ich ohnedies nicht blei-
ben sondern muB spatestens Mitte Oktober wieder in Berlin
sein. Schreibe also vorlaufig dorthin. An eine genauere Ge-
staltung vager Plane fiir den Winter zu gehen, hindert mich
vorlaufig mein Befinden. DaB aber, auch fiir das nachste Jahr
die elliptische Lebensweise Berlin-Paris bestehen bleibt, ist
dadurch sehr wahrscheinlich gemacht, daB allem Vermuten
nach die Dinge sich so gestalten: daB der gesamte deutsche
Proust von Hessel (Franz Hessel, der Dir aus Biichern von
sich oder Brief en von mir vielleicht halbwegs ein Begriff
und mir ein lieber, angenehmer, befreundeter Mitarbeiter
ist) und mir gemacht wird* Der erste Band, dessen Uberset-
zung durch einen dritten ein groBes, publizistisch-kritisches
Fiasko gab, werden wir wohl neu iibersetzen [!], den zweiten
haben wir vor einem Monat abgeschlossen, den dritten (der
in wieder anderen Handen lag) werden wir neu iibersetzen,
weil die gelief erte Ubertragung nicht publiziert werden kann,
(sie ist zu schlecht), der vierte liegt seit langem von mir iiber-
setzt im Manuscript beim Verlage. Ein jeder dieser genann-
ten „Bande" umfaBt bibliotheksmaBig deren zwei bis drei.
Uber diese Arbeit selbst, ware viel zu sagen. Ad I, daB sie
mich in gewissem Sinn krank macht. Die unproduktive Be-
schaftigung mit einem Autor, der Intentionen, die, ehema-
ligen zumindest, von mir selber verwandt sind, so groBartig
verfolgt, fuhrt bei mir von Zeit zu Zeit so etwas wie innere
Vergiftungserscheinungen herauf. Ad 2 sind aber die auBe-
ren Vorteile der Sache nennenswert. Das Honorar ist diskuta-
bel und die Arbeiten an keinen bestimmten Aufenthaltsort
(a la rigueur freilich immer wieder einmal an Paris) gebun-
den, in Frankreich aber als Proust-Ubersetzer sich einzufiih-
ren sehr angenehm. Ich gehe auch schon wer weiB wie lange
431
mit einer Aufzeichnung „En traduisant Marcel Proust" in
Gedanken urn und habe eben jetzt in Marseille von den dor-
tigen „Cahiers du Sud" die Zusage erhalten, sie zu bringen.
Nur mit der Abfassung wird es noch gute Weile haben. Im
Grunde wird sie iiber das Ubersetzen eigentlich wenig ent-
halten; sie wird von Proust handeln. - Bei dieser Gelegenheit
schalte ich ein, was ich zum Buber-Disput noch zu sagen,
vielmehr besser zu fragen habe. Zu fragen, nach den Elemen-
ten D einer Stellungnahme, die mir hier natiirlich das wich-
tigste ist. DaB ich mich selber, geschweige Kracauer, in dieser
Sache nicht als kompetent ansehe, brauche ich nicht zu sagen.
Ich kann iiber etwas, zu dem ich keinen taktischen Zugang
habe (das ich nicht greifen kann) sondern nur aus der Feme
und von oben in Einer Richtung - vom Massiv des deutschen
Sprachgeistes aus — liegen sehe, nur MutmaBungen haben.
[. . .] Ich habe keine Vorstellung, was oder wem in aller Welt
an einer Ubersetzung der Bibel ins Deutsche zur Zeit von
rechts wegen liegen konnte. Gerade jetzt — da die Gehalte
des Hebraischen neu aktualisiert werden, das Deutsche sei-
nerseits in einem hochst problematischen Stadium und vor
allem fruchtbare Beziehungen zwischen beiden, wenn iiber-
haupt, so nur latent mir scheinen moglich zu sein, kommt
da nicht diese Ubersetzung auf ein fragwiirdiges Zur-
Schau-Stellen von Dingen hinaus, welche zur Schau ge-
stellt sich augenblicks im Lichte dieses Deutsch desavouieren?
Wie gesagt wird diese Frage mir von den Proben des
Textes, die ich kenne, nur umso naher gelegt. Es ware
schon, wenn Du mir hierauf wenigstens andeutungsweise
mitteilen konntest, wie Du Dich seinerzeit4 zu diesem
Thema geauBert hast. [. . .] Um Frankfurt herum scheint
mir alles verfahren: meine Unruh-Kritik soil keinerlei
Echo geweckt haben, es sei denn, daB man eine vor lauter
Dummheit schon gerissene Erwiderung auf sie so nennen
will, die eih Freund dieses Edelmannes demnachst in der
„Literarischen Welt" mit einer Duplik von mir versehen, ver-
offentlichen soil. Mir fallt es aber sehr schwer, zum zweiten
Male etwas zu der Sache zu bemerken. Erfreulicher kann Dir
vielleicht eine kleine Notiz von mir zu Hebels lOOjahrigem
432
Todestag begegnen, die, wenn Du dieses erhaltst, Dir in der
„Literarischen Welt" schon vorliegen wird. Gleichzeitig
schrieb ich fur Zeitungen noch eine andere5. Vor allem ist nun
mein Buch „EinbahnstraBe" fertig geworden - von dem ich
Dir doch wohl schon schrieb? Es ist eine merkwiirdige Orga-
nisation oderKonstruktion aus meinen„Aphorismen" gewor-
den, eine StraBe, die einen Prospekt von so jaher Tiefe - das
Wort jiicht metaphorisch zu verstehen! — erschlieBen soil, wie
etwa in Vicenza das beruhmte Biihnenbild Palladios: Die
StraBe. Weihnachten soil es vorliegen, hoffentlich kommt es
dazu. Den Erscheinungstermin des Barockbuches, dem ich
mir allerdings, und ungeduldig, Dich als Leser wunschte, so-
wie des Wahlverwandtschaftenbuches hat Rowohlt vertrags-
widrig immer von neuem vertagt. Es soil im Oktober eine
definitive Festsetzung erfolgen. Meine Scripta stehen also,
wie Du siehst, fast samtlich noch aus (nur Proust: A l'ombre
des jeunes filles en fleurs kbnntest Du vielleicht vor Weihnach-
ten noch erhalten) wahrend Deine es gottseidank (und leider)
wohl hauptsachlich in Bezug auf mich tun. Denn ich habe
bisher weder den Beliar-Aufsatz noch den Beitrag iiber die
Damonenkompilation der Briider Cohen6 (falls dieser inzwi-
schen audi schon erschienen sein sollte). Bitte laB mir das
Fertige doch sogleich — nach Berlin — zugehen. Mit beson-
derer Spannung aber wiirde ich auf. „Kontemplation und
Extase in der jiidischen Mystik" warten, wenn dieser Vor-
trag in einer mir mittelbar oder unmittelbar zuganglichen
Sprache erscheint. Du hast ihn doch programmaBig gehal-
ten? Die Rezension iiber den Kabbalaschander (Pauly?) sende
mir ebenfalls bitte gleich nach Erscheinen7. — Die Hoffnung,
einige Zeit in Paris mit Dir zusammenzusein, will ich sehr
festhalten. Deinerseits wirst Du im Ernstfalle dafiir — als fur
eine wissenschaftliche Reise — das Geld doch aufbringen kon-
nen? Wenn wir uns sehen, wird hoffentlich das Trauerspiel-
buch vorliegen. Die Vorrede dazu macht mir Kummer. Den
einzig gangbaren, von Dir vorgeschlagenen Weg einer Be-
merkung von abschlieBender Sachlichkeit, habe ich mir durch
den Umstand verschlossen, daB ich die Arbeit (wahrscheinlich
sehr ttiricht!) um der „Ablehnung" zu entgehen, zuriickzog.
433
Und daher bleibe ich weiter unschliissig, was zu tun, weil ich
sie nur sehr ungern ohne ein Wort lib er Entstehung und
Kindheitsschicksal heraus lassen wiirde.
[...]■
Komme ich nach Berlin, so steht auf meinem Programm
unter anderem eine Generalrevision meiner Bibliothek an
Hand des endlich aufzuarbeitenden Zettelkataloges. Ich will
viel ausrangieren ; im Wesentlichen mich auf deutsche Lite-
ratur (neuerdings mit gewisser Bevorzugung des Barock, was
aber meine Mittel sehr schwer machen), franzosische Litera-
tur, Religionswissenschaft, Marchen und Kinderbucher be-
schranken. In der letzten Gruppe gibt es nicht zahlreiche
Neuerscheinungen, doch sind sie fast alle, glaube ich, Deiner
Teilnahme wiirdig. Insbesondere drei Schauerromane aus den
fiinfziger Jahren — mit bunten Bildern! — enorm schon und
selten, von denen ich zwei kiirzlich durch Tausch erworben
habe. Und zwar gegen die Erstausgabe von Burckhardts:
Geschichte Konstantins des GroBen. — Vergangenen Sonntag
bin ich in Aix- en -Provence gewesen. Kommst Du etwa nach
Frankreich iiber Marseille, so muBt Du ganz bestimmt die
zweistiindige Fahrt mit der Tram machen, um diese unsagbar
schon entschlummerte Stadt zu sehen. Ein Stiergefecht, das
ich am Nachmittag vor ihren Toren mir ansah, paBte kaum
hin und verlief etwas kummerlich. — Zum SchluB will ich
Dir erzahlen, daB mit der gleichen Post, die Deinen Brief
brachte, von der „Literarischen Welt" die Aufforderung
kam, von Buber die „Rede iiber das Erzieherische" und „Das
BuchNamen" (??), vonRosenzweig „DieSchrift und Luther"
zu besprechen. Ich brauche Dir nicht zu sagen, daB ich das
schon bleiben lasse und umso eher Belehrung und Nachrich-
ten von Dir erwarte.
Ich griiBe Dich und Escha herzlich
Dein Walter
1 W. B. schrieb Saafed. Safed in Galilaa - die heiligc Stadt der Kat-
balisten. Sch. verbrachte dort die Sommerferien.
2 Die Schreibung ist eine Mischung aus Shandy und dem in Bodes
deutscher Ubersetzung gebrauchten Schandi.
3 S. L. Steinheim, Die Offenbarung nach dem Lehrbegriff der Syn-
434
agoge (1855-1865), ein Hauptwerk der jiidischen Religionsphilosophie.
4 In einem ausfuhr lichen Brief an Buber im April 1926. Scholems
Bedenken lagen in ganz anderer Richtung. Zur Sache vgl. jetzt Sch.'s
Rede iiber diese Ubersetzung in seinen „Judaica" (Bibliothek Suhr-
kamp No. 107), 207-215.
5 Schriften II, S. 279-283.
6 Hebraische Arbeiten Sch.'s.
7 Eine Besprecbung von Paul Vulliaud, La Kabbale Juive, Paris 1925,
die Sch. in der Orientalistischen Literaturzeitung 1925, Spalte 494 ff.
veroffentlicht hatte. Jean de Pauly war der Autor der franzosischen
Sohar-Ubersetzung, von der Sch. aiich nichts hielt.
1J8 An Hugo von Hofmannsthal
Berlin, 30. Oktober 1926
Lieber und hochverehrter Herr von Hofmannsthal!
Sie erneuern mit jedem Ihrer Brief e die Forderung, die aus
dem BewuBtsein mir zuteil wird, daB meine Arbeit — sachlich
wie auBerlich - auf Sie zahlen darf. Ihr letzter Brief aber
steigert sie noch, indem er ungeachtet einer Schweigsamkeit,
die mich selber zuletzt bedriickte, so freundschaftliche und,
wie Sie wissen, so begliickende Wortefiir mich und mein Buch
findet. Der letzte Sommer ist mir ungut verlaufen und wenn
im Augenblick das Schlimmste iiberwunden scheint, ist doch
ein gemindertes Wohlbefinden der Riickstand einer langen
Folge von besorgten Tagen. Im Juli ist mein Vater gestorben.
Die letzten Wochen, da ein Brief an Sie mir von Tag zu Tag
dringlicher wurde, hielten mich, im Zusammenhange damit,
auBere Geschafte ab. Und endlich hatte ich dennoch schneller
auf Ihren mir so hochst wichtigen Vorschlag in der Verlags-
angelegenheit geantwortet, wenn nicht Rowohlt seit meiner
Ruckkehr verreist gewesen ware. Nehmen Sie bitte vor allem
den herzlichsten Dank fur das hilfreich Ermutigende, das fur
mich in ihm liegt. Ich kann im Augenblick, ohne Rowohlt
nochmals gesprochen zu haben, nicht ganz insReinekommen.
Ein letztes Ultimatum in der Sache schulde ich ihm noch.
(Auch spielt mein Wunsch mit, insofern es moglich, meine
435
Sachen alle im gleichen Verlage erscheinen zu sehen: mein
neues Notizen- oder Aphorismenbuch fande in einen wis-
senschaftlichen Verlag nicht leicht Eingang. Rowohlt dage-
gen hat es iibernommen). Das Entscheidende aber bleibt, dafi
das Barockbuch in ein paar Monaten unbedingt vorliegen
muB. Kann Rowohlt mir diese biindige GewiBheit nicht
geben, so wiirde ich mit Dank und Vertrauen den nachsten
Schritt Ihrem Ermessen anheimgeben. In diesem Sinne bitte
dank en Sie auch [Walther] Brecht.
Im September bin ich iiber Paris nach Marseille gefahren
und habe diese wundervolle Stadt, das noch herrlichere Aix
und vierzehn Tage Mittelmeer genieBen diirfen. Nun bin
ich seit einiger Zeit hier und will bis Weihnachten bleiben.
Ein bis zwei Monate werde ich mich noch mit "Ubersetzen be-
f assen, dann aber das auf langere, Zeit hinter mir lassen. Dazu
ordne, revidiere und sichte ich meine Bibliothek und mache
dabei, wie das die Regel ist, uberraschende Entdeckungen. So
lernte ich nicht ohne Staunen, wie noch um die Mitte des vori-
gen Jahrhunderts Literaturgeschichte geschrieben wurde. Wie
kraftig, relief mafiig profiliert im Sinne eines schon geglieder-
ten Frieses ist die dreibandige Geschichte der deutschen Lite-
ratur seit Lessings Tod, die Julian Schmidt1 verfaBt hat. Man
sieht, was mit der Organisation im Sinne der Nachschlage-
werke dergleichenBiicher verlorenhaben,wiedie (unanfecht-
baren) Erfordernisse neuerer wissenschaftlicher Technik un-
vereinbar mit der Gewinnung eines eidos, eines Lebensbildes
sind. Auch ist erstaunlich, wie mit der historischen Distanz
die Objektivitat dieser eigenwilligen Chronistengesinnung zu-
nimmt, wahrend nichtsdie wohlabgewogenelaueUrteilsweise
in neueren literargeschichtlichen Werken davor bewahren
wird, als spannungs- und interesseloser Ausdruck des Zeit-
geschmacks zu erscheinen, eben weil nichts Personliches ihn
korrigiert. Es traf sich, daB ich gerade in den letzten Tagen
Walzels „Wortkunstwerk" ein in diesem Sinne typischmoder-
nes Buch, und immer noch der besseren eines, anzuzeigen
hatte, und dies und anderes habe in meiner Besprechung2
zum Ausdruck zu bringen gesucht. Die Arbeit, die mich ver-
anlaBt, dergestalt auf eine bestimmte Periode deutscher Lite-
436
raturgeschichtsschreibung zuriickzugehen, ist ebenso reizvoll
als verantwortlich und schwer: ich habe den Artikel „Goethe"
fiir eine russische Enzyklopadie abzuf assen. Freilich erschiene
es mir fast als Wunder, wenn es mir gliicken konnte, auf ver-
haltnismaBig kurzem Raume ein Bild Goethes zu geben, das
gerade in gegenwartige russische Leser sich einzeichnet;
grundsatzlich aber scheint es mir nicht alleinmoglichsondern
hdchst fruchtbar.
Das Notizbuch zieht wohl oder iibel seinen Gewinn aus
der unbilligen Verzogerung seines Erscheinens und hat in
Marseille undhier noch manches in sich aufgenommen. Nicht
ganz ohne Bangnis werde ich eines, hoffentlich baldigen,
Tages es Ihnen vorliegen wissen. Denn es stellt ein Hetero-
genes oder vielmehr Polares dar, aus dessen Spannung viel-
leicht gewisse Blitze zu grell, gewisse Entladungen zu polternd
hervorgehen. (Nur der falsche Klang des Theaterdonners be-
gegnet Ihnen, hoffentlich, nirgends darin.)
DaB der geplante Vorabdruck des Melancholiekapitels nun
doch zustande kommen soil f reut mich um meinetwillen und
als gutes Omen fur den Fortgang der „Beitrage". Es ist nicht
schwer, das Kapitel dem Umfang nach den redaktionellen
Erfordernissen anzupassen. Wollten Sie die Giite haben, im
gegebenen Augenblick das Manuscript mir zugehen zu las-
sen, so erhalten Sie es sofort mit Strichen zuriick, die das
Wesentliche des Gedankenganges und der Zitate unange-
tastet lassen. - Wird es Ihnen nicht als Eitelkeit erscheinen,
wenn ich ausspreche, dafi am innigsten mich die Wendung
erfreut hat, in der Sie lobend des Stilistischen Erwahnung
tun? Ich habe mir dabei viel „Miihe gegeben", einmal, weil
ich nicht anders konnte, dann aber ausgehend von der Maxime,
daB einem streng durchgefiihrten Minimalprogramm des
Stils ein gliicklich durchgefuhrtes Maximalprogramm des
Gedankens fiir gewohnlich entspricht. Endlich frappierte
mich Ihr Brief mit Ihrem Hinweis auf das eigentliche, so
sehr versteckte Zentrum dieser Arbeit: die Darlegung iiber
Bild, Schrift, Musik ist wirklich die Urzelle der Arbeit mit
ihren wortlichen Anklangen an einen jugendlichen Versuch
von drei Seiten „Uber die Sprache in Trauerspiel und Trago-
437
die". Die tiefere Ausfiihrung dieser Dinge wiirde mich frei-
lich aus dem deutschen Sprachraum in den hebraischen fiih-
ren miissen, der, aller Vorsatze ungeachtet, bis zum heutigeri
Tage immer noch unbetreten vor mir liegt. Es ist ein Gliick,
fiir das ich nicht einmal Ihnen danken darf, daB Sie die
schopferische Probe auf die Analyse eines (in der Tat nur
dem Oberflachlichen und im Oberflachlichen) vergangeneri
Zustandes des deutschen Dramas machen. Mit verdoppelter
Ungeduld erwarte ich die Auffuhrung und damit die neue
SchluBfassung des „Turms". So bringt mir was Sie schreiben
ein Echo, auf das ich fast verzichten zu miissen geglaubt hatte.
Denn ich wuflte damals, unter der Arbeit, die Wahrheit zu
sagen, von alien selbst mir nahestehenden Freunden nur den
einzigen Rang, von dem ich gewiB war, dafi er das „mea res
^agitur" dem Buche wiirde zuerkennen wollen. Auch verdanke
ich darin vieles Einzelne seinen Briefen. Als er starb, wuBte
ich zunachst nicht: wer wird das lesen — vielmehr: wen wird
es angehen. Ihnen danke ich es, daB diese Frage sich beant-
wortet hat. Und durch Sie betrifft es, wenn nicht viele, so
doch jedenfalls alle, die es betreffen will und darf. Vielleicht
darf ich neben der Teilnahme von [Walther] Brecht spater
auch auf das Interesse des hamburger Kreises um [Aby]
Warburg hoffen. Jedenfalls wiirde ich unter seinen Mitglie-
dern (zu denen ich selber keine Beziehungen habe) am ersten
akademisch geschulte und verstandnisvolle Rezensenten zu-
gleich mir erwarten; im iibrigen werde ich gerade von Seiten
der offiziellen Wissenschaft nicht allzuviel Wohlwollen mir
erwarten.
Ich verbleibe mit sehr herzlichen GriiBen Ihr dankbar
ergebener
Walter Benjamin
PS Ich sende dies eingeschrieben, weil ich nicht weiB, ob
die Adresse genau genug ist.
1 Unter diesem Titel von der 5. Aufl., 1866 f., an.
2 Erschienen im Literaturblatt der Frankfurter Zeitung vom 7. 11.
1926 (Jahrg. 59, Nr. 45).
438
159 An Jula Radt
Moskau
Sadowaja Triumfalnaja
26.Dezember 1926
Liebe Jula,
hoffentlich bekommst Du diesen Brief. Dann antworte mir
auch schon. Ich wage erst jetzt zu schreiben, denn jetzt erst
habe ich, seit meiner Ankunft, die ersten Nachrichten aus
Deutschland erhalten, Ich dachte daher, alles geht verloren.
Aber die Post scheint zuverlassig zu sein. Eine Karte habe
ich Dir bereits geschrieben. — Du muBt nicht denken, daB es
leicht ist, von hier Nachricht zu geben. An dem was ich sehe
und hore, werde ich sehr lange zu arbeiten haben, bis es sich
mir irgendwie formt. Die Gegenwart in diesen Verhaltnis-
sen — und sogar schon eine fliichtige — hat einen auBerordent-
lichen Wert. Es ist alles im Bau oder Umbau und beinah
jeder Augenblick stellt sehr kritische Fragen. Die Spannun-
gen im ' offentlichen Leben — die zum groBen Teil einen
geradezu theologischen Charakter haben - sind so groB, daB
sie alles Private in unvorstellbarem MaBe abriegeln. Wenn
Du hier warest, so wiirdest Du Dich wahrscheinlich noch
weit mehr wundern als ich es tue; ich erinnere mich an
manches, was Du im Sommer in Agay iiber „RuBland" ge-
sagt hast. — Bewerten kann ich das alles nicht; im Grunde
sind dies Verhaltnisse, zu denen man mitten in ihnen Stel-
lung nehmen kann und muB, dann vielleicht sogar in vielem
eine ablehnende; von auBen kann man sie nur beobachten.
Und es ist vollig unabsehbar, was dabei in RuBland zunachst
herauskommen wird. Vielleicht eine wirkliche sozialistische
Gemeinschaft, vielleicht etwas ganz anderes. Der Kampf, der
dariiber entscheidet, ist ununterbrochen im Gange. Sachlich
mit diesen Verhaltnissen verbunden zu sein ist hochst frucht-
bar — mich aus grundsatzlichen Erwagungen in sie hinein-
zustellen, ist mir nicht moglich. Wie weit ich aber sachliche
Beziehungen zu den hiesigen Angelegenheiten bekomme,
werde ich sehen. Verschiedene Umstande machen es wahr-
439
scheinlich, dafi ich von jetzt ab aus dem Ausland ausfiihr-
lichere Artikel an russische Zeitschriften geben werde und
moglicherweise werde ich auch in. groBerem Umfang an der
„Enzyklopedie" arbeiten. Es ist sehr viel zu tun und in
geisteswissenschaftlichen Angelegenheiten haben die Leute
hier einen unvorstellbaren Mangel an sachverstandigen Mit-
arbeitern. - Was ich andererseits uber meinen Aufenthalt
hier etwa schreiben werde, weiB ich noch nicht. Ich werde
Dir wahrscheinlich schon mitgeteilt haben, da6 ich zunachst
eine groBe Materials ammlung in Form eines Tagebuchs an-
gelegt habe.1 - Dem Schrecken des Weihnachtsabends bin ich
beim schonen Gesumme eines Samowars entronnen. Es gab
auch sonst sehr viel Schones; eine Schlittenfahrt durch rus-
sischen Winterwald zu einem hiibschen kleinen Madchen das
ich besuchte2, und dabei lernte ich ein vorziigliches Kinder -
sanatorium kennen. Sehr viel bin ich im Theater — liber das
die ungeheuerlichsten Vorstellungen verbreitet sind. In Wirk-
lichkeit sind von allem, was ich bis jetzt sah, die Vorstellun-
gen bei Meyerhold das einzig Bedeutende. Die Spaziergange
in der Stadt sind selbst bei groBter Kalte (ich hatte bis 26°)
sehr schon, wenn ich nicht gerade iibermudet bin. Das kommt
mir wegen der Schwierigkeiten der Sprache und der Harte
der auBeren Existenz hier ofter vor. Der Aufenthalt in dieser
Jahreszeit ist auBerordentlich gesund und ich habe mich,
alles in allem und trotz allem genommen, sehr lange nicht so
gut gefuhlt. Aber er ist unvorstellbar teuer, wahrscheinlich
ist Moskau so ungefahr der teuerste Platz der Erde. — Mehr
und Konkreteres werde ich Dir erzahlen, wenn ich zuriickbin.
Hast Du den Kopf von Stone3 photographieren lassen? Wie
geht es Dir eigentlich? Ist Use4 in Berlin gewesen? Wie geht
es mit Fritz? Dieses alles schreibe mir fein sauberlich auf,
auf mehreren Bogen Deines erlauchten diinnen Papiers. Die
Adresse kannst Du mit lateinischen Buchstaben schreiben.
Aber antworte anmutig und postwendend. Ich wunsche Dir
gnadige Sylvester- und freundliche Neujahrsdamonen.
Dein Walter
1 Das Tagebuch ist erhalten.
2 Die Tochter von Asja Lacis.
440
3 Sascha Stone} ein bekannter Photograph, hatte auch den Umschlag
von W, B.s „EinbahnstraBe" gemacht. Die Photographie des Kopfes
ist erhalten.
4 Use Hermann, eine Freundin der Adres satin. Jula Cohn-Radt hatte
ihr herliner Atelier im Hause von Use Hermanns Extern.
160 An Gerhard S cholera
Berlin, 23. Februar 1927
Lieber Gerhard,
morgen sind es drei Wochen, daB ich wieder in Berlin bin. Es
gibt sehr viel Arbeit fur mich. Ich fordere sie nicht hinrei-
chend schnell; jede kleine Leistung, die zu stande kommt, ist
bei mir in sehr viel MiiBiggang verpackt. Jetzt, nach kurzer
iib erst andener Ankunftsgrippe, beschaftigt mich ein Artikel
iiber Moskau1. Einige winzige Referate wirst Du in der „Li-
terarischen Welt" gesehen haben oder imFolgenden noch fin-
den2; etwas Zusammenhangenderes zu schreiben ohne dem
Abgrund des Geschwatzes zu verfallen, der sich unter sol-
chem Versuche fast bei jedem Schritte vor einem offnet, ist
sehr schwer. Gewisse Einzelheiten, die sich nicht durch mich
bestimmen lieBen, wirkten zeitweise ungiinstig auf meine
Aktionsmoglichkeiten in Moskau ein, so daB ich nicht so viel
herumgekommen bin, wie ich es gewiinscht hatte. Aber zwei
Monate, in denen ich so oder so in und mit der Stadt mich
herumschlagen muBte, haben mir, wie ich von hier aus und
in Unterhaltungen mit hiesigen Leuten sehr bald festgestellt
habe, doch Dinge gegeben, zu denen ich auf anderm Wege
kaum gekommen ware. Moglich, daB mir gelingt (aber ich
weiB es nicht) einiges davon fur so avertierte Leser wie Dich
in denNotizen iiber Moskau transparent zu machen, an denen
ich augenblicklich arbeite.
Mit meinem Goethe- Artikel fur die russische Enzyklopa-
die habe ich wenig Gliick gehabt. Freilich laBt der Tatbestand,
daB er nicht erscheinen wird, sich auch anders begriinden.
Den Leuten ist sozusagen das Expose eines solchen Artikels,
441
welches ich ihnen eingesandt habe, zu radikal gewesen. Sie
werden der europaischenGelehrtenweltgegenubergut aristo-
telisch von Furcht und Mitleid geschiittelt, wollen ein Stan-
dard werk marxistischer Wissenschaft, gleichzeitig aber etwas
zu stande bringen, was in Europa eitel Bewunderung erwek-
ken soil. Immerhin glaube ich, daB dieses Expose so interes-
sant ausgefallen ist, daB es mat einigen Kautelen einmal
anderswo erscheinen kdnnte.
Dora und ich griiBen Euch herzlich.
Dein Walter
1 Die Kreatur, 1927, S. 71-101. Jetzt Schriften II, S. 30-66.
2 In den Nrn. vom 3. Dez. 1926 und 11. Febr. 1927.
161 An Martin Buber
Berlin, 23. Februar 1927
Sehr verehrter Herr Buber,
etwas langer als ich vermutet hatte, hat sich mein Aufent-
halt in Moskau hingezogen. Als ich dann in Berlin angekom-
men war, muBte ich zunachst eine Grippe absolvieren. Nun
bin ich seit einer Reihe von Tagen an der Arbeit, kann Ihnen
aber Ende Februar das Manuskript1 noch nicht iibersenden.
Wiirden Sie so freundlich sein, mir zu schreiben, wann Sie
Deutschland verlassen? Ich werde unter alien Umstanden
trachten, das Manuskript etwa acht Tage vorher in Ihre
Hande gelangen zu.lassen. Ihr Hinweis auf Wittigs Arbeit
ist mir wertvoll und einleuchtend. Eines kann ich Ihnen aufs
Bestimmteste zusagen - das Negative: alle Theorie wird mei-
ner Darstellung fernbleiben. DasKreatiirliche gerade dadurch
sprechen zu lassen, wird mir, wie ich hoff e, gelingen : soweit
mir eben gelungen ist, diese sehr neue, befremdende Sprache,
die laut durch die Schallmaske einer ganz veranderten Um-
welt ertont, aufzufassen und festzuhalten. Ich will eine Dar-
stellung der Stadt Moskau in diesem Augenblick geben, in
442
der „alles Faktische schon Theorie" ist und die sich damit
aller deduktiven Abstraktion, aller Prognostik, ja in gewis-
sen Grenzen auch alien Urteils enthalt, welche samtlich mei-
ner unumstoBlichen Uberzeugung nach in diesem Fall
durchaus nicht von „geistigen" Daten sondern allein von
wirtschaftlichen Fakten aus gegeben werden konnen, iiber
die selbst in RuBland nur die wenigsten einen geniigend gro-
Ben Uberblick haben. Moskau, wie es jetzt, im Augenblick
sich darstellt, laBt schematisch verkiirzt alle Mbglichkeiten
erkennen: vor allein die des Scheiterns und des Gelingens der
Revolution. In beiden Fallen aber wird es etwas Unabsehba-
res geben, dessen Bild von aller programmatischen Zukunfts-
malerei weit unterschieden sein wird und das zeichnet sich
heute in den Menschen und ihrer Umwelt hart und deutlich ab.
Hiermit verbleibe ich fiir heute mit den besten GriiBen
Ihr sehr ergebener
Walter Benjamin
l Von „Moskau" fiir die „Kreatur".
162 An Hugo von Hofmannsthal
Pardigon, 5. 6. 1927
Hochverehrter Herr von Hofmannsthal,
es ist, glaube ich, bald ein Jahr vergangen, seit ich Ihnen
geschrieben habe. Inzwischen bin ich in RuBland gewesen
und wenn ich wahrend meiner beiden Monate in Moskau
nichts verlauten lieB, weil ich unter dem ersten Eindruck des
fremden intensiven Lebens nichts berichten konnte, so habe
ich spater in der Hoffnung gezogert, meinen Versuch einer
Beschreibung dieses Aufenthaltes dem ersten Briefe an Sie
beilegen zu konnen. Er ist aber, trotzdem er in den Fahnen
langst vorliegt, noch nicht erschienen. Dort habe ich es unter-
nommen, diejenigen konkreten Lebenserscheinungen, die
mich am tiefsten betroffen haben, so wie sie sind und ohne
theoretische Exkurse, wenn auch nicht ohne innere Stellung-
443
nahme, aufzuzeigen. Natiirlich liefi die Unkenntnis der
Sprache mich uber eine gewisse schmale Schicht nicht hin-
ausdringen. Ich habe aber, mehr noch als an das Optische
mich an die rhythmische Erfahrung fixiert, wo die Zeit, in
der die Menschen dort leben und in der ein urspriinglicher
russischer Duktus mit dem neuen der Revolution sich zu
einem Ganzen durchdringt, das ich westeuropaischen MaBen
noch weit inkommensurabler fand als ich erwartet hatte.
— Die literarische Unternehmung, die ich, sehr nebenbei, auf
dieser Reise im Sinne trug, hat sich als undurchfuhrbar er-
wiesen. Die Leitung der groBen russischen Enzyklopadie
stellt einen Apparat von fiinf Instanzen dar, umfaBt sehr
wenig kompetente Forscher und ist nicht im entfernte-
sten im Stande, ihr Riesenprogramm zu bewaltigen. Ich sel-
ber habe beobachten konnen, mit wieviel Unkenntnis und
Opportunisms man zwischen dem marxistischen Programm
der Wissenschaft und dem Versuch, ein europaisches Prestige
sich zu sichern hin und her schwankt. Diese private Enttau-
schung aber kommt ebenso wenig wie die Schwierigkeiten
und Harten eines moskauer Aufenthalts im tiefsten Winter
gegen den gewaltigen Eindruck auf, den eine Stadt mitteilt,
in der alle Bewohner noch erschiittert sind von den groBen
Kampfen, in die, so oder anders, jeder verwickelt war. Mei-
nen Aufenthalt in RuBland schloB ich mit dem Besuch von
Sergejero-Lawra ab, dem zweitaltesten Kloster des Reich es
und der Wallfahrtsstatte aller Bojaren und Zaren. Zimmer
voller juwelenbedeckter Stolen, voller unabsehbar aufgereih-
ter illuminierter Evangeliare und Andachtsbucher, von den
Manuscripten der Athosmonche bis zu denen des 17ten Jahr-
hunderts, ebenso zahllose Ikonen aus alien Zeiten mit ihren
Goldverkleidungen, aus denen die Madonnenkopfe wie aus
chinesischen Halseisen hervorschauen, durchschritt ich, mehr
als eine Stunde bei einer Temperatur von 20° unter Null. Es
war wie das Gefrierhaus wo eine alte Kultur wahrend der
revolutionaren Hundstage sich unter Eis konserviert. In den
berliner Wochen, die folgten, war meine Arbeit im wesent-
lichen, dem Tagebuch, das ich zum ersten Male seit funfzehn
Jahren und sehr ins Einzelne auf dieser Reise gefiihrt habe,
444
die Dinge zu entnehmen, die der Mitteilung fahig sind. Von
Proust war, als ich nach Deutschland zuriickkam „Im Schat-
ten der jungen Madchen" erschienen und der Verlag hat, wie .
ich mich vergewisserte, in meiner Abwesenheit den Band
Ihnen zugehen lassen. Sollten Sie einen Blick hineingeworfen
haben, so sind Sie hoffentlich nicht allzu unfreundlich be-
riihrt worden. Die Aufnahme durch die Kritik war giinstig.
Aber was besagt das? Ich glaube mir dariiber klar zu sein,
daB jede Ubersetzungsarbeit, die nicht aus hochsten und
dringendsten praktischen Zwecken (wie Bibeliibersetzung —
als Typus) oder aus rein philologischer Studienabsicht unter-
nommen wird, etwas Absurdes behalten muB. Ich ware schon
glucklich, wenn es in diesem Fall nicht allzu aufdringlich
merkbar wird. — Die Lange dieses Brief es wird Ihnen, hoch-
verehrter Herr von Hofmannsthal, au£ den ersten Blick an-
geraten haben, ihn auf einen Augenblick zuriickzulegen, da
Sie nicht allzusehr mit Ihrer Zeit rechnen miissen; und nur
aus dieser Erwartung und im BewuBtsein von Ihrem wahren
Interesse fur mich, nehme ich den Mut, noch weiter von mir
zu erzahlen. Im ganzen gilt zur Zeit meine Arbeit der Festi-
gung meiner pariser Position. Denn ich werde versuchen,
den Aufenthalt dort - jetzt bin ich fur ein paar Pfingsttage
mit meiner Frau in Pardigon, bei Toulon — durch literarische
Berichte und andere nebensachlichere Arbeiten zu sichern.
Zwar habe ich die Wahrheit meiner ersten Erfahrung, die
Sie mir selbst so nachdriicklich bestatigt haben, immer wieder
bewahrt gefunden: es ist ganz auBerordentlich selten, Fiih-
lung mit einem Franzosen zu gewinnen, die fahig ware, eine
Unterhaltung iiber die erste Viertelstunde hinauszutragen.
Aber es ist mit der Zeit eine Versuchung fur mich geworden,
dem f ranzbsischen Geist auch in seiner aktuellen Gestalt nahe
zu kommen, ganz abgesehen davon daB er mich anhaltend
im historischen Kostiim beschaftigt und ich durchaus vor-
habe, an diese seine altere Erscheinung einmal mein Wort zu
plazieren. Ich denke manchmal an eine Arbeit iiber die fran-
zosische Tragodie als an ein Gegenstlick meines Trauerspiel-
buches. Urspriinglich war mein Plan bei diesem Buche ge-
wesen, das deutsche und das franzosische Trauerspiel in ihrer
445
kontrastierenden Natur zu entwickeln. Zu alledem tritt aber
ein anderes. Wahrend ich mit meinen Bemiihungen und
Interessen in Deutschland unter den Menschen meiner Gene-
ration mich ganz isoliert fiihle, gibt es in Frankreich einzelne
Erscheinungen - als Schriftsteller Giraudoux und besonders
Aragon - ais Bewegung den Surrealismus, in denen ich am
"Werk sehe, was auch mich beschaftigt. Fur jenes Notizen-
buch, von dem ich Ihnen vor langer Zeit, sehr verf riiht, einige
Proben sandte, habe ich in Paris die Form gefunden. Ich
habe die Hoffnung, einiges daraus ebenso wie Teile meines
Berichts aus Moskau in Ubersetzung hier veroffentlichen zu
konnen. Dagegen bin ich mit dem Gang der Dinge in
Deutschland wenig zufrieden. Rowohlt hat den Gesamtver-
trag, den ich mit ihm habe, in ideellen Teilen so riicksichtslos
verletzt, daB ich mich augenblicklich nicht entschlieBen kann,
ihm das Imprimatur zum Barockbuche zu erteilen. Ich weiB,
daB diese ewigen Verschleppungen schlieBlich verhangnisvoll
werden konnen. In kurzem muB aberdieEntscheidung fallen,
nach der sich richtet, ob ich bei Rowohlt bleibe oder einen
anderen Verleger suche. Inzwischen erhielt ich vor vielen
Wochen die erste Korrektur des Melancholiekapitels in den
„Beitragen". Gleichzeitig mit deren Erledigung ging ein
langer Brief an Herrn Wiegand ab. Es ist mir nicht erkliir-
lich und auf die Dauer beunruhigend, kein Wort von Herrn
Wiegand zu horen. Ich weiB mir sein Stillschweigen nicht
zurechtzulegen. Hier in Pardigon arbeite ich an einer langst
geplanten Anzeige der groBen kritischen Ausgabe von Kellers
Werken. (Ich stieB zufallig bei dieser Gelegenheit auf einige
Worte, die er iiber die franzosische Tragbdie sagt; sie fallen
durch ihre hohe Einsicht aus allem heraus, was damals iiber
diesen Gegenstand zu sagen Mode war.) Diese Arbeit macht
mir viel Freude und in der Hoffnung, daB sie auch einige
geben kann, will ich sie Ihnen gleich nach Erscheinen zu-
senden. Ich mochte mit der Versicherung schlieBen, wieviel
ein, wenn auch noch so kurzes Wort von Ihnen mir bedeuten
wiirde und bleibe mit dem Ausdruck aufrichtiger Verehrung
und herzlichen GriiBen
Ihr sehr ergebner Walter Benjamin
446
163 An Martin Buber
Paris, 26. Juli 1927
Sehr verehrter Herr Doktor Buber,
Sie werden nicht gut von mir gedacht haben: ich habe sehr
lange nicht von mir horen lassen. Einige Monate wuBte ich
nicht, wo ich Sie zu suchen habe. Inzwischen sind Sie sicher
aus Palastina zuriick. Als dann das Heft erschien, wollte ich
Ihnen ein paar Worte dariiber schreiben. Ich habe lange ge-
braucht es mir anzueignen. Es ist ein Ganzes, das mir allmah-
lich genaue, bestimmte Ziige angenommen hat. Ich brauche
Ihnen nicht zu sagen, wie gliicklich ich bin, hier neben Rang
zu stehen. Dieser Brief1 ist eines der konzentriertesten Be-
kenntnisse, die ich von ihm kenne. Es ist fur mich unendlich
schade, dai3 die Auseinandersetzung zwischen seinen gefeif-
testen geistigen und meinen jiingsten sachlichen Erf ahrungen :
kultische — kommunistische Arbeit rein virtuell bleibt, selbst
in mir selber noch durchaus nicht ausgetragen ist. Dieser
Mann — das habe ich langst gewuBt — ware fiir mich der
einzige Freund gewesen, in dessen Gesprachen diese Fragen
mir schnell, entscheidend sich geschlichtet hatten. „Moskau"
hatte jene personlicheren Akzente, von denen Ihr letzter Brief
spricht, deutlicher angenommen, wenn ich das, was vor, wah-
rend und nach diesem Auf enthalt mich bewegte, vor ihn hatte
bringen konnen. Dennoch ist es hoffentlich einigen Lesern
deutlich geworden, dafi diese „optischen" Schilderungen in
ein Gedankengradnetz eingetragen sind. Haben Sie Stimmen
iiber „Moskau" gehbrt, so ware mir sehr wertvoll zu wissen,
welche. — Sehr merkwiirdig, ich mochte sagen beunruhigend
in der Wahrheit ihrer Feststellungen und der Fragen die sie
erregen ist die Arbeit von Wittig. Ich glaube, es ist sehr lange
her, daB man diese einfachen aber unendlich schwer greif-
baren Erfahrungen neu, evident hat aussprechen konnen. Es
wiirde mich interessieren zu wissen, ob Rang und Wittig sich
gekannt haben. - Fiir die Zukunft mochte ich Ihnen noch-
mals ausdriicklich meine Bereitschaft zur Mitarbeit an der
447
„Kreatur" versichern und werde, wenn ich selbst im Umkreis
meiner Arbeit einen Gegenstand sichte, der in Betracht kom-
men konnte, Sie das wissen lassen. — Scholem kommt dieser
Tage mit seiner Frau nach Paris.
Mit den besten Empfehlungen und GriiBen
Ihr sehr ergebener Walter Benjamin
Noch besser, wenn Sie gelegentlich einen Vorschlag haben.
1 An Walther Rathenau.
164 An Hugo von Hofmannsthal
Tours, 16.8. 1927
Lieber hochverehrter Herr von Hofmannsthal,
Sie haben mir mit den freundlichen Worten aus Mendola
eine groBe Freude gemacht. Aber auch die fragende Reserve,
mit der Sie meine angekiindigte Absicht iiber Keller zu
schreiben aufnehmen, war mir wesentlich und, ich glaube,
verstandlich. Dieser Aufsatz liegt inzwischen im ersten
Augustheft der „Literarischen Welt" vor und mag Ihnen
friiher oder spater vor Augen kommen. Heute will ich,
schlecht und recht, ein zwei Worte dazu anmerken: iiber eine
eben geendete Arbeit spricht es sich ja immer am schwersten.
Ich weiB heute nicht mehr genau, worauf meine erste Bin-
dung an Keller zuriickgeht; als ich im Jahre 1917 in die
Schweiz kam, stand mir meine Liebe fur ihn schon deutlich
fest (das ist mir zufallig durch ein sehr lebhaftes Gesprach
in Erinnerung, das ich einige Wochen nach meiner Ankunft
mit meiner Frau hatte). Dann fanden Ernst Bloch und ich
uns in der Rekapitulation der Kellerschen Schriften zusam-
men und ich erinnere mich, daB fur uns beide zu verschie-
denen Zeiten und vielleicht sogar aus verschiedenen Griinden
die Beschaftigung mit dem „MartinSalander" dem das Siegel
aufdruckte. Alles was der Name Kellers in Ihnen Wider -
448
strebendes aufruft, habe ich an der Lektiire des „Griinen
Heinrich" erfahren und im„MartinSalander" einen anderen
Pol dieser Welt mit ganz anderem geistigen Wetter sehen
wollen. (Erst nachdem ich den Aufsatz geendet hatte, fiel mir
beim Lesen auf, daB der „Griine Heinrich" darin garnicht
genannt ist und das erschien mir, wenn ich so sagen darf, als
Probe aufs Exemplar. Denn um dieses Werk sammelt als um
ihr Panier sich die Liebe der Philister zu dies em Autor.)
Immerhin schwebt mir die Notwendigkeit vor, die Einheit
in der das Beschrankte und Lieblose mit dem Umfassenden
und Liebevollen echt schweizerisch sich in dem Mann ver-
schrankt, noch ganz anders einsichtig zu machen. In meinem
Sinne sind das was ich gab nur Prolegomena - es ist ein Hin-
weis auf einen anderen iibersehenen Keller nicht die Kon-
struktion dieses Autors aus seinen beiden scheinbar so dispa-
raten Halften. An eine solche Aufgabe wage ich fur jetzt
nicht zu gehen. Ich hoffte mich, wenn auch nur durch
Kontraststimmung, nach AbschluB des Aufsatzes durch die
Lektiire von Ricarda Huchs kleinem Inselbiichlein iiber
Keller1 dazu bestimmen zu kbnnen; aber mein Widerwille
gegen diese salbungsvollen, kurzbeinigen Satzhaufen war so
groB, daB ich garnichts davon hatte. - Ich richte diese Zeilen
aus Tours an Sie. Ohne recht um den Feiertagskalender des
Landes zu wissen, habe ich die zentrifugale Bewegung, die in
diesen Tagen (am 15ten August wird Assomption begangen)
Paris seinen Einwohnern mitteilt, an mir verspiirt und den
langgehegten Plan wahr gemacht, in das binnenlandische
Frankreich zu gehen. Seit ich vor vielen Jahren ein paar
Zeilen Peguys iiber Orleans und die Loire-Gegend gelesen
hatte, stand diesen Bildern ein Raum in mir off en, den sie
nun freilich viel schoner und strahlender einnehmen, als ich
ahnen konnte. Besonders die Stadt Tours, die dem FluB seine
griinen Ufer und Ins ein laBt und ihn mit ihren Briicken
wahrhaft zu streicheln scheint. Ich glaube auch, soweit ein
einsamer Aufenthalt einem fur dergleichen MaBstabe laBt,
langsam ein Auge fur die Kathedralen zu gewinnen, indem
ich, ohne furs erste nach mehr zu fragen, den verborgenen
einzelnen oder typischen Schonheiten einer jeden nachgehe.
449
So wird mir unvergeBlich der Chor der sonst garnicht glan-
zenden Kathedrale von Orleans sein, der auf einem niedrigen,
sanft ansteigenden Postament wie auf einem Kissen sich auf-
hebt. An den Schlossern fiel mir die gliickliche Reserve auf,
mit den en sie den Renaissanceformen entgegenkommen;
selten diirfen diese das Spielerische, zumindest an derFassade,
herauskehren und ohne jede Vermittlung geht der private
mit dem militarise]! en Lebensstil zusammen. Ich hoffe, wenn
ich zum zweiten Male, in hoffentlich kurzer Zeit, in diese
Gegend komme, mehr zu wissen und besser ausgeriistet zu
sein. In der Tat werde ich mit franzosischer Kultur dieses
(des XVI. und XVII.) Jahrhunderts mich etwas beschaftigen,
um zu sehen, ob ich einer Arbeit iiber die franzbsische Tra-
godie, von der ich Ihnen im letzten Briefe wohl etwas an-
deutete, naher trete. Fur heute griiBe ich Sie herzlichst und
wiinsche Ihnen einen schonen Herbst in Osterreich. Im
Winter plane ich diesmal nach Wien zu koramen, falls meine
Absicht, dort einen Vortrag zu halten, sich durchfuhren laBt.
Ich ware sehr gliicklich, wenn mich das mit Ihnen zusam-
menfiihrte und mir endlich die Moglichkeit brachte, Dank
und Verehrung iiber den Rahmen meiner Briefe hinaus
Ihnen zu bekunden.
Ihr Walter Benjamin
1 Ricarda Huch: Gottfried Keller. Leipzig 1914.
165 An Max Rychner
Paris, den 18. Oktober 1927
Sehr geehrter Herr,
Ihr Vorschlag, fur den ich Ihnen hier herzlich danke, trifft in
der merkwiirdigsten Weise ins Zentrum meiner eigenen
Intentionen. Denn wenn er mir die Moglichkeit eroffnet,
gerade in Ihrer Zeitschrift1, die ich seit langem kenne und
450
sehr schatze und damit vor einem schweizerischen Publikum,
welches von Haus aus fiir deutsche Geistesbewegungen einen
freieren und kritischeren Blick hat, mich zu dem gegenwar-
tigen Stand der deutschen Belletristik im Zusammenhang zu
auBern, so veranlaBt er mich eben dadurch iiber gewisse
Bedenken, die mich bisher von einer offentlichen Formulie-
rung meiner eigenen sehr reservierten Stellung zu dieser
Produktion abhielten, zur Tagesordnung iiberzugehen. Und
der einzige Vorbehalt den ich machen muB, betrifft den
Termin. Abgesehen davon, daB ich zur Zeit durch die Druck-
legung von zwei Biichern auBerlich sehr beansprucht bin,
verlangt ein Aufsatz, wie Sie ihn erwarten diirfen, einige
MuBe. Ich mochte Sie also bitten, ihn ungefahr Ende des
Jahres erwarten zu wollen.
Darf ich hinzufugen, wie wertvoll mir Ihr Echo auf mei-
nen Keller- Aufsatz gewesen ist, wie sehr die Wirkung, die
Sie andeuten, mich erfreut und bestatigt hat. Ich habe zwei
Jahre in der Schweiz gelebt, glaube sie ein wenig zu kennen
und was am schweizerischen Wesen es mir angetan hat, haben
Sie gewiB hie und da zwischen den Zeilen vernommen. Was
ich versuchte, ist, wenn ich so sagen darf, eine kleine intelli-
gible Grenzberichtigung zu Gunsten schweizerdeutschen Bo-
dens gegen das Reichsdeutsche.
Ich sah hier [Ferdinand] Hardekopf und wir sprachen von
Ihnen. Mit viel Vergmigen las ich Ihre Verse im September-
Querschnitt. Dieser Tage fahre ich nach Berlin. Ihre freund-
liche Antwort erbitte ich an meine dortige Adresse: Berlin-
Grunewald, Delbriickstr. 23.
Ich begriiBe Sie mit besonderer Hochachtung als
Ihr ergebener Walter Benjamin
1 „Neue Schweizer Rundschau."
451
166 An Hugo von Hofmannsthal
Berlin-Grunewald, 24. 11. 1927
Hochverehrter lieber Herr von Hofmannsthal,
die Sendung der Bremer Presse, der auch Ihr Brief beilag, ist
von der Post versehentlich nach Paris nachgesandt worden
und hat dort erst eine Woche in meinem Hotel gelegen, bevor
sie zuriickging. Dennoch hatten Sie schon fruher von mir
gehort, aber leider betraf mich nach meiner Ruckkehr ein
Anfall von Gelbsucht, mit dem ich auch jetzt noch zu tun
habe. So bitte ich Sie denn - eben empfange ich Ihre Karte
vom 22ten — mein verspatetes Schreiben freundlich entschul-
digen zu wollen.
Wenn ich von meinem Kranksein absehe, sieht es lichter
aus. Endlich scheint nun, kurz vor Weihnachten, das Trauer-
spielbuch vorliegen zu sollen. Und jetzt, da ich es gewisser-
maBen entlasse, darf ich Ihnen noch einmal innigen Dank
fur den Beistand sagen, den Sie mir in einer manchmal be-
irrenden Wartezeit haben zuteil werden lassen. Ich weiB
nicht, wo das Buch heute lage - beinahe nicht, wie ich zu ihm
stande - wenn ich nicht in Ihnen den ersten, den verstehend-
sten, im schonsten Sinne geneigtesten Leser gefunden hatte.
(...]■
Mit einigem Zogern lege ich Ihnen heute nun doch auch
meinen Keller- Aufsatz vor (er geht Ihnen mit gleicher Post
zu, und vielleicht haben Sie ihn schon bemerkt). Ich wiirde es
fast als eine Unaufrichtigkeit empfinden, wenn ich Ihnen
diesen AufriB eines Gelandes, das mich Jahre hindurch im-
mer wieder in sich hineinzog, nun vorenthielte. Ich mochte
ihn in Ihren Handen wissen, selbst wenn Sie ihn lieber mit
Schweigen ubergehen.
Fur heute griiBe ich Sie herzlichst und hoffe Ihnen bald
Neues zu schicken.
Ihr herzlich Ihnen ergebener Walter Benjamin
452
167 An Hugo von Hofmannsthal
Berlin-Grunewald, 4. 12. 1927
Hochverehrter lieber Herr von Hofmannsthal,
nehmen Sie herzlichen Dank fur die miinchener Rede1 und
die Worte, mit denen Sie sie mir sandten. Mich hat die Dar-
stellung des deutschen Typus, den Sie darin in den Mittel-
punkt stellen, sehr ergriffen. Ich glaube in ihm neb en vielen
andern auch die Ziige von Rang wiederzufinden. Und damit
hat das, was Sie hier sagen, mir den Vorsatz wieder lebendig
gemacht, mit der Figur von Alfred Brust mich bekannt zu
machen, in dem alles, was Sie das Wissende; Ahnende dieses
Menschenschlags nennen, bis ins Qualvolle gesteigert ist.
Brust ist mir nicht nur aus den „Neuen Deutschen Beitragen"
bekannt. Rang hat, wie Sie sicher wissen, in der letzten Zeit
seines Lebens mit ihm korrespondiert. Ich will zunachst „Die
verlorene Erde" 2 vornehmen. (Der willkommene AnlaB ist
mir ein tlberblick iiber die wichtigsten Romane der letzten
Jahre, den ich in der „NeuenSchweizer Rundschau" zu geben
habe.) Dann aber hat mich wieder sehr auf Nordisches das
wundervolle Stuck von Passarge in Borchardts Landschafts-
buch verwiesen. Eine Anzeige dieses Buches3 geht Ihnen
nachstens zu.
Ich wiinsche Ihnen ein freundliches Jahresende und griiBe
Sie herzlich Ihnen ergeben
Ihr Walter Benjamin
1 Hugo von Hofmannsthal: Das Schrifttum als geistiger Raum der
Nation. Miinchen 1927.
2 Leipzig. 1926.
3 Die Rezension von „Der Deutsche in der Landschaft". Besorgt von
Rudolf B orchard t. Miinchen 1927 erschien in der Literarischen Welt
vom 3. 2. 1928 (Jg. 4, Nr. 5), S. 5.
453
168 An Gerhard Scholem
Berlin, 30. Januar 1928
Lieber Gerhard,
erblicke in dies em vermutlich unabsehbar lang sich gestalten-
den Brief den Kettenblitz, dem, entsprechend der Entfernung
des Gewitterherdes vom heiligen Lande, nach einigen Tagen
ein langhinrollender Donner in Gestalt eines gewaltigen
Biicherpaketes folgt, Moge er ein vollnachtonendes Echo in
den Berggriinden von Eurer Magnifizenz Haupte finden.
Es ging schlechterdings nicht an, nochmals zu schreiben,
um wieder das Erscheinen meiner Biiclier „anzukirnden".
Und bis sie dann beide vorlagen ist es glucklich Ende Januar
geworden. Jetztdarf ich endlich ein schlichtes: „da" sprechen.
In Deiner Eigenschaft als Protektor der Universitatsbiblio-
thek bekommst Du gleichzeitig von beiden Werken ein zwei-
tes Exemplar und in der nicht geringern des Protektors
meiner Laufbahn vom Trauerspielbuche ein drittes mit Wid-
mung an Magnes1.
Was sonst noch an bibliophilen Fransen diese Gaben
schutzend umhullt ist Dir, mit mancherlei eingewebten
Gluckwiinschen, herzlich zugedacht.
Damit nicht genug wird ein Nachtragspaket angekiindigt,
enthaltend: einige Aufsatze aus der „Literarischen Welt",
die bald erscheinen, „Moskau" - fiir Magnes - das ich von
Buber erst nachfordern muO und das gewunschte Andrian-
heft der „[Neuen Deutschen] Beitrage", von dem ich eben-
falls im Augenblick kein Duplikat mehr besitze. Dagegen tut
mir uneridlich leid, fiir die Wahlverwandtschaftenarbeit ver-
sagen zu miissen. Mir bleibt einzig und allein mein Hand-
exemplar. Ich habe keine Aussicht, dafi meine Bemiihungen,
Magnes eines zur Verfiigung zu stellen, gliicken und bitte
Dich, durch eine Leihgabe des Deinigen hier fiir mich ein-
zuspringen. Ebenfalls kann ich „Uber Sprache iiberhaupt"
nicht schicken, da ich nur ein einziges Exemplar dieser Arbeit
besitze. Ich bedaure das sehr, denn sie ist in unsern Zusam-
menhangen sehr wichtig. Auch konnte ich sie naturlich
454
letzten Endes, wenn Du sie fur entscheidend haltst (was ich
denn doch bei der Anzahl der iibrigen Arbeiten und ihrer
Verwandtschaft mit der Vorrede zum Trauerspielbuch nicht
annehme) abschreiben lassen.
Und nun laB mich gleich eingangs von dem hiermit Ge-
planten reden. Es ist vielleicht der letzte Augenblick, an dem
es fur mich noch Chancen hat, dem Hebraischen und allem
was fur uns damit zusammenhangt, mich zuzuwenden. Aber
es ist auch ein sehr giinstiger. Meiner inneren Bereitschaft
nach zunachst. Wenn ich die Arbeit, mit der ich augenblick -
lich, vorsichtig, provisorisch, beschaftigt bin — den sehr merk-
wiirdigen und auBerst prekiiren Versuch „Pariser Passagen.
Eine dialektische Feerie" so oder so (denn nie habe ich mit
solchem Risiko des MiBlingens geschrieben) beendet habe, so
wird fur mich ein Produktionskreis - der der „Einbahn-
straBe" — in ahnlichem Sinn geschlossen sein, wie das Trauer-
spielbuch den germanistischen abschloB. Die prof anen Motive
der „EinbahnstraBe" werden da in einer hollischen Steigerung
vorbeidefilieren. Verraten kann ich im iibrigen von dieser
Sache noch nichts, habe noch nicht einmal genaue Vorstel-
lungen vom Umfang. Immerhin ist das eine Arbeit von
wenigen Wochen.2
Rowohlt hat mir zwar die Fortsetzung des Vertrages an-
geboten, jedoch zu so ungiinstigen Bedingungen, daB ich
vorlaufig ablehiite. Auf der andern Seite interessiert sich
Hegner dafiir, einen Generalvertrag mit mir zu machen. Das
tate ich aber nur, wenn das Wasser mir bis zum Hals geht.
Denn die katholische Grundrichtung (trotz Buber!) dieses
Verlages geht mir, wie Du begreifst, auf das Heftigste wider
den Strich.
Es lage mir also nichts naher, als jetzt, auf freier Bahn,
mich, mit entschiedener Wendung, dem Hebraischen zu ver-
schreiben. Ich bin frei, aber leider im doppelten Sinne des
Wortes: von Verpflichtungen und von Einkommen. Wenn
Du jetzt mit Magnes ernstlich iiber mich sprichst, so stelle
ihm diese Dinge dar, wie sie liegen: daB ich eine Hilfe, besser
gesagt eine Sicherung brauche, wenn ich jetzt von dem in
wenn auch langsamer Fahrt befindlichen Karren abspringen
455
will, der-auf der Laufbalin des deutschen Schriftstellers sich
dahinbewegt. Und nenne wenn es dazu kommt, daB er nach
einer Summe Dich fragt 300 M im Monat fur die Dauer
eines beschleunigten Studiums, dessen ZeitmaB er, unter der
Voraussetzung ganzlicher Freiheit von andern Bindungen
und Interessen, selber am besten wird abschatzen konnen.
Soviel hiervon. Es ist wichtig genug und es steht nun so,
daB ich je friiher je lieber wiiBte, wie er sich dazu stellt.
Trotzdem ich versuche, meine Verhandlungen mit den Ver-
legern so schleppend wie moglich zu fiihren, weil ich im
Grunde nicht das, sondern das Hebraische will, und daher,
damit ich mir hier nicht Chancen verscherze, auf die ich unter
Umstanden doch angewiesen bleibe, an einer baldigen Ant-
wort interessiert bin, erscheint mir weit wichtiger, daB Du
genau nach Deinem Ermessen vorgehst, auf die Gefahr, daB
ich noch eine Zeitlang im Ungewissen bleiben nriiBte.
Fur Deine Notizen uber unser Symbolgesprach danke ich
Dir sehr. Im Augenblick kann ich nicht versuchen, die Kon-
kordanz mit meinen iibrigen Aufzeichnungen herzustellen
und muB sie daher den Akten einverleiben, die Dir eines
Tages vor Augen kommen werden. Das wird dann, wie ich
hoffe, im Austauschverfahren gegen die Kommentare zu
Hiob und Jona sein. A propos der Schrift zu Bubers 50tem
Geburtstag3. Einen Beitrag dazu bekam ich dieser Tage von
einem - Dir wohl kaum bekannten - Dr. [Ernst] Joel ge-
schildert, der in die Festschrift die Aufzeichnungen eines
Epileptikers iiber eine ihm zuteil gewordene Offenbarung
stiftet. Sie scheinen auBerst bemerkenswert.
Ich selber kenne den Betreffenden aus meiner berliner
Studentenzeit, da er Vorsitzender des sogenannten sozialen
Amtes4 war und in der Rede, welche ich im Mai 1914 bei
Ubernahme meines Presidiums hielt, von mir mit einer
Kriegserklarung in aller Form bedacht wurde. Er und ein
anderer meiner Opponenten aus jener Zeit haben sich durch
Gottes — oder Satans — Fiigung wunderbar verwandelt und sind
zu Kariatyden an dem Portal geworden, durch das ich nun
schon zweimal in die Bezirke des Haschisch eingegangen bin.
Diese beiden Arzte namlich machen Versuche iiber Rausch-
456
gifte, zu denen sie mich als Versuchsperson gewinnenwollten.
Ich bin darauf eingegangen. Die Aufzeichnungen, die ich
teils selbststandig, teils im AnschluB an die Versuchsproto-
kolle daruber gemacht habe, diirften einen sehr lesenswerten
Anhang zu meinen philosophischen Notizen geben, mit denen
sie, und z. T. sogar die Erfahrungen im Rausch, die engsten
Beziehungen haben. Diese Nachricht aber mochte ich im
SchoBe der Familie Scholem beschlossen wissen.
Was, nebenbei gesagt, deren berliner Zweig betriff t, so hat er
mir Grund zur Unzuf riedenheit gegeben. Dein Bruder [Erich]
hat sich alles bei mir zeigen lassen und es mitgenommen, um
dann denkbar weit davon abzuriicken. In zwolfter Stunde hat
er sich dann freilich durch Ubersendung einiger Privatdrucke
aus seiner Offizin wieder rehabilitiert. Von Deinem Alpha-
bet5 aber, daB [sic] er unbedingt drucken wollte und dessen
Fahnen mir zugehen sollten, habe ich noch nichts zu sehen
bekommen. — Zu meinem Kummer hat Franz Blei, der dieser
Tage eine neue, schlechte soi-disant satirische Zeitschrift
herausgibt, das Muri- Manuscript ebenfalls nicht gebracht,
wird aber mit Quellenangabe, einiges daraus zitieren.
Von der Aufnahme meiner Biicher weiB ich noch nichts.
[. . .] Dich wird interessieren, daB Hofmannsthal, der wuBte,
daB mir an einer Verbindung mit dem Warburgkreis liegt,
vielleicht etwas iibereifrig, das Heft der Beitrage, das den
Vorabdruck bringt, mit einem Brief e von sich an [Erwin]
Panofsky geschickt hat. Diese gute Absicht, mir zu niitzen hat
- on ne peut plus - £choue (miBghickt, und wie!). Er schickte
mir einen kiihlen, ressentimentgeladenen Antwortbrief Panof -
skys auf diese Sendung ein. Kannst Du Dir darauf einen Vers
machen?
In den letzen Tagen hatte ich eine groBe Freude. Andre
Gide war in Berlin und hat, als einzigen deutschen Publi-
zisten, mich empfangen und mir eine zweistiindige Unter-
haltung gewahrt, die ungeheuer interessant war, und von der
Du einen, freilich sehr fur die Offentlichkeit zensierten Be-
richt wahrscheinlich in der „Literarischen Welt" lesen wirst. 6
Was Du daraus kaum ersehen wirst, ist, daB das Gesprach
wundervoll war und was es bedeutet. Gide laBt sich namlich
457
audi in Frankreich nicht sprechen. Er hat mich wahrend
dieser Unterhaltung zwei, drei Mai gebeten, noch zu bleiben
und mir, und spater noch dritten, gesagt; wie erfreulich ihm
unsre Begegnung gewesen sei. Auf Gides besonderenWunsch,
der seine conference, derentwegen er hergekommen war,
nicht gehalten hat und sich irgendwie sonst halboffiziell den
Leuten vorstellen wollte, habe ich neben der groBen Darstel-
lung des Gespraches ein Interview fiir die Deutsche Allge-
meine Zeitung (Gide wollte aus gewissen vernunftigen Griin-
den gerade dieses Blatt) geschrieben, das heute erschienen ist.
Ich hoff e, daB dieses Gesprach meine Position in Paris (wohin
ich jedenf alls zuriickkehre, vielleicht im April, Hebraisch
kann ich dort ebensogut lernen) sehr verbessern wird.
Vor zwei Monaten hat mich, . durch Hessel veranlaBt,
Wolfskehl besucht. Es war ganz niedlich, sans aucune impor-
tance. Ein paar Tage spater sah ich inn nochmals bei Hessel,
da gab es ein schones Gesprach.
Eschas Kritik von Goitein7 hat mich. sehr interessiert, ja,
soweit man in Unkenntnis des Werkes, von dem die Rede ist,
sagen kann, mir sehr eingeleuchtet. Das Schicksal von Doras
Buch ist noch nicht entschieden. Sie schreibt aber viel und
halt augenblicklich im Rundfunk einen Vortragszyklus.
Ich glaube mit diesem ausfuhrlichen Bericht mich rehabi-
litiert zu haben und nur um ein Ubriges zu tun, bemerke ich
noch, daB ich den „Fridericus" von Hegemann seit Men-
schengedenken kenne und schatze und daB der „Napoleon",
den der gleiche Autor vor kurzem bei Hegner erscheinen
lieB8, langst nicht so gut sein soil.
Alles hier Berichtete und Bedachte, vor allem aber den
Hauptgegenstand, empf ehle ich Deiner Scharfsicht und Fur-
sorge. Ich erwarte baldigen, respektvollen Dank fiir die ein-
gangs erwahnte Sendung und griiBe herzlichst.
Dein Walter
1 Dr. Judah L. Magnes (1877-1948), Kanzler der Universitat Jeru-
salem, den Sch. in Paris mit W. B. bei einem folgenreichen Gesprach
zusammengebracht hatte. .
2 In dem Konfiikt zwischen der hier zum ersten Mai erwahnten (aber
schon 1927 im Gesprach so bezeichneten) Arbeit iiber die „Pariser Pas-
458
sagen", seinem unvollendeten Hauptwerk, und dem Hebraischen unter-
lag das Hebraische schlieBlich.
3 „Aus unbekannten Schriften", 1928.
4 Der Freien Studentenschaft.
5 „Amtliches Lehrgedicht der Philosophischen Fakultat der Haupt-
und Staats-Universitat Muri von Gerhard Scholem, Pedell des reli-
gionsphilosophischen Seminars. Zweite, umgearbeitete und den letzten
approbierten Errungenschaften der Philosophie entsprechende Aus-
gabe. Muri Verlag der Universitat." Erschien als Privatdruck, Berlin
1928.
6 In der Nn vom 17. Febr. 1928. Jetzt Schriften II, S. 296-504.
7 S. D. Goiteins hebraisches Drama „Pulcelina". Der Aufsatz war in
der „Judischen Rundschau" erschienen.
8 „Napoleon oder Kniefall vor dem Heros"; 1927.
169 An Hugo von Hofmannsthal
Berlin-Grimewald, 8. 2. 1928
Hochverehrter lieber Herr von Hofmannsthal,
Sie sind nun gewiB im Besitz meiner beiden Bucher.
Wahrend die „Einbahnstrafte" im Entstehen war, habe ich
Ihnen kaum davon Nachricht geben konnen, und kann es
nun, da das Buch selber vor Ihnen liegt, um so viel schwerer.
Eine Bitte aber liegt mir Ihnen gegeniiber am Herzen: in
allem Auffallenden der inneren und auBeren Gestaltung
nicht einen KompromiB mit der „Zeitstromung" sehen zu
wollen. Gerade in seinen exzentrischen Elementen ist das
Buch wenn nicht Trophae so doch Dokument eines inneren
Kampfes, von dem der Gegenstand sich in die Worte fassen
lieBe: Die Aktualitat als den Revers des Ewigen in der Ge-
schichte zu erfassen und von dieser verdeckten Seite der
Medaille den Abdruck zu nehmen. Im iibrigen ist das Buch .
in vielem Paris verpflichtet, der erste Versuch meiner Aus-
einandersetzung mit dieser Stadt. Ich setze inn in einer zwei-
ten Arbeit fort, die „Pariser Passagen" heiBt.
Diesem Briefe lege ich zwei Ausschnitte bei. Wenn die
Besprechung des „Deutschen in der Landschaft" Ihnen und
Herrn Wiegand etwas von der Freude und dem Gewinn sagt,
459
den ich bei der Lektiire des Borchardtschen Buches hatte,
ware ich sehr gliicklich.
Gide ist, wie Ihnen sicher bekannt ist, in Berlin gewesen.
Ich habe ihm, leider nur einmal, in einer zweistiindigen
reichen und fesselnden Unterhaltung gegeniiber gesessen. Da
er ziemlich riickhaltlos iiber alle literarischen Dinge sprach,
die wir beriihrten, andererseits seine Stellung in Frankreich
so exponiert ist, lieB unser Gesprach sich nur sehr bruch-
stiickweise wiedergeben und vieles Wesentliche muBte ich fur
meine personlichen Notizeh zuriickbehalten. Der beiliegende
Ausschnitt ist eine Fassung des Gespraches, die ich auf Gides
Wunsch fur die „ Deutsche Allgemeine Zeitung" schrieb.
Eine ausfiihrliche Darstellung sende ich Ihnen, sobald sie in
der „ Literarischen Welt" erschienen ist. Gide ist eine durch
und durch dialektische Natur mit einem fast beirrenden
Reichtum von Vorbehalten und Verschanzungen. DiesenEin-
druck, den schon das Werk auf seine Weise gibt, steigert die
miindliche Rede bald ins GroBartige bald ins Problematische.
Im iibrigen steht meine letzte Woche unter dem beherr-
schenden EinfluB der Lektiire von Lesskov. Seitdem ich
begann, in der neuen Gesamtausgabe des Verlages Beck zu
lesen, kann ich kaum absetzen. [. . .]
Ich danke Ihnen fiir die Zusendung des befremdenden
Briefes von Panofsky. DaB er „von Fach" Kunsthistoriker
ist, war mir bekannt. Ich glaubte aber nach der Art seiner
ikonographischen Interessen annehmen zu diirfen, er sei ein
Mann vom Schlage wenn schon nicht vom AusmaB von Emile
Male, jemand, der wesentlichen Dingen, auch wenn sie nicht
sein Fach in seiner ganzen Breite betreffen, Interesse ent-
gegenbringt. Nun bleibt mir nichts als mich, meiner unzei-
tigen Bitte wegen bei Ihnen zu entschuldigen. [. . .]
Gestern sah ich zum ersten Male die endgultige Fassung
des „Turms". Ich habe sie noch nicht gelesen, freue mich
aber darauf , bei Gelegenheit dieser Ausgabe in der litera-
rischen Welt" auf das Drama zuruckkommen zu diirfen.
Ich griiBe Sie herzlichst und bitte Sie auch Ihrer Tochter
Christiane meine GriiBe zu sagen.
Wie immer Ihnen ergeben Ihr Walter Benjamin
460
170 An Hugo von Hofmannsthal
Berlin-Grunewald, 24. 2. 1928
Hochverehrter lieber Herr von Hofmannsthal,
ich fiirchte, Ihr Aufenthalt konnte seinem Ende entgegen
gehen und Berlin in den letzten Tagen seine Anspriiche so
gebieterisch geltend machen, daB fur mein Grunewaldzim-
mer Ihnen keine Stunde mehr bleibt. Dem mochte ich mit
diesen Zeilen zuvorkommen und Sie bitten, mir wenn Ihre
Zeit es irgend erlaubt, in den nachsten Tagen einen Anruf
zukommen zu lassen, damit wir uns iiber eine Begegnung
verstandigen konnen.
Fiir heute bin ich mit herzlichen GriiBen
Ihr dankbar ergebner Walter Benjamin
171 An Gerhard Scholem
Berlin, ll.Marz 1928
Lieber Gerhard,
ich danke Dir fiir Deinen ausgezeichneten Brief und ant-
worte Dir ganz eingehend. DaB, aber auch wie, die jiidischen
Dinge in ihm konkret werden, ist fiir mich von entscheiden-
der Wichtigkeit. Namlich was mich in Deinem Brief am
gliicklichsten betroffen hat, ist der Gedanke, der jiidischen
Welt in meinem Denken, wenn und soweit sie aus der Latenz
hervortreten sollte, vorderhand ihren Schutz zu lassen und
jene lehrende Beschaftigung — wie immer man sie nennen
will — mit dem Franzosischen und Deutschen als ein Gehege
um sie zu ziehen. Das kommt durchaus meinem tiefsten — ich
muB gestehen, mir selbst bisher noch nicht bewuBten Wollen
entgegen und ich bin dem Scharfblick und der Zartheit dank-
bar, mit denen Ihr an meine Situation herangetreten seid.
Hier springe ich gleich ins AuBerlichste um — und kann
461
wieder vom Gliick sagen, daB Du Magnes schon etwas auf
die Bedenklichkeiten hingewiesen hast, die sich bei der Ein-
f orderung akademischer Garantien meiner wissenschaftlichen
Qualifikation ergeben konnen. Ich beginne aber beim Posi-
tives Hofmannsthal ist Euch sicher. Seit ich Dir zum letzten
Male geschrieben habe, habe- ich seine personliche Bekannt-
schaft gemacht. Er war kurze Zeit in Berlin, wir sahen uns
zweimal, das zweite Mai hier bei mir. Aus Erwagungen, die
nichts mit den praktischen Zwecken zu tun haben, von denen
wir jetzt reden, hatte ich mich von vornherein entschlossen,
Hofmannsthal iiber mem Verhaltnis zum Jiidischen und
damit zur Frage des Hebraischen einige Worte zu sagen. Und
nicht nur hierbei ergab sich, daB er erstaunlich schnell und
wirklich beteiligt in meine Intentionen sich hineinfand.
(Noch mehr als in diesem Falle iiberraschte mich das als ich
begann von meiner Arbeit „Pariser Passagen" zu reden —
einem Versuch, der umfanglicher ausf alien konnte als ich
es dachte und zu dem die „Briefmarken-Handlung" der
„EinbahnstraBe" auf schiichterne Weise den Ton stimmt.)
Brieflich kann ich es Dir kaum andeuten, wie schwierig mir
manchmal eine Situation wurde, die so viel wahres Verstehen
und Entgegenkommen auf seiner und so viel unverauBerliche
Reserve bei aller Bewunderung auf meiner [Seite] zusam-
mentreffen lieB. Dazu kommt manchmal ein fast greisen-
hafter Zug von ihm, wenn er, gewiB mit Dingen, die zu
seinen besten gehoren, ihm innerlichste sind, sich nirgends
verstanden sieht. Miindlich auch iiber die hbchst aufschluB-
reichen Plane von ihm, die er mir sagte, als von meiner
Passagenarbeit gesprochen wurde. Ich schreibe unter genauer
Entwicklung der Situation morgen oder iibermorgen nach
Rodaun, wo er jetzt ist.
Herzliche GriiBe von Dora
Dein Walter
462
172 An Hugo von Hofmannsthal
Berlin-Grunewald, 17. 3. 1928
Lieber hochverehrter Herr von Hofmannsthal,
lassen Sie mich nun, da Sie — rch hoffe es — wohl und in
gliicklicher Verfassung nach Rodaun zuruckgekehrt sind,
unser Gesprach fast genau an dem Punkte wieder aufneh-
men, an dem wir es unterbrechen muBten. Ich bin jetzt
doppelt gliicklich, daB ich die Gelegenheit ergriff, um Ihnen
iiber meine innersten Absichten etwas mitteilen zu konnen,
vom AuBern zu sprechen, das schneller Gestalt annehmen
will als ich es ahnte. In Kiirze: Die Universitat Jerusalem
beabsichtigt, in absehbarer Zeit sich ein Institut fur Geistes-
wissenschaften anzugliedern. Und zwar geht man damit um,
den Lehrauftrag fur neue deutsche und f ranzosische Literatur
dort an mich zu vergeben. Bedingung ist, daB ich in zwei
bis drei Jahren solide Kenntnisse im Hebraischen gewonnen
habe. Es ist auch nicht so gemeint, daB damit eine unbe-
dingte Fixierung meines Studiengebietes ausgesprochen ware,
vielmehr ist die Absicht, mich auf eine sehr organische Art
an die judischen Dinge heranzufuhren und in welch em Grad
das geschehen kann durchaus offen zu lassen. Was mich be-
trifft, so kann ich von dem'seltnen Falle reden, daB mit einer
Perspektive mir selbst, in dieser Form, beinah noch unbe-
wuBte Wunsche beim Namen gerufen sind. Nichts wiirde mir
innerlich mehr entsprechen als im schiitzenden Gehege mei-
ner bisherigen Arbeiten zunachst nur Sprachliches, ja Tech-
nisches, lernend aufzunehmen, alles Weitere daliin gestellt
bleiben zu lassen.
Mein Freund Scholem, der an der Universitat Jerusalem
einen Lehrauftrag fiir die Philosophie der Kabbala hat,
brachte mich im letzten Herbst in Paris mit dem standigen
Rektor der Universitat Dr. Magnes zusammen. Wir hatten
ein sehr eingehendes Gesprach, nach dem zum ersten Male
mein Plan, mich dem Hebraischen zu widmen, die bestimmte
Gestalt annahm, in der Sie ihn kennen lernten und forderten.
Dr. Magnes ist nun sehr geneigt, eine Geldhilfe, die mein
463
Studium notig machen wiirde, auf einem der fur solche
Dinge gangbaren Wege zu beschaffen; wie es aber in alien
ahnlichen Fallen ist, so braucht er auch hier — und ganz
abgesehen von der Frage der auBeren Mittel, schon um eine
spatere Berufung ins Auge fassen zu konnen — einige Refe-
renzen iiber meine Befahigung. Dr. Scholem schreibt mir,
daB in diesem Sinne eine AuBerung von Ihnen von hochstem
Wert sei und er legt mir nahe, Dr. Magnes die Moglichkeit
zu geben, sich mit einer schriftlichen Anfrage an Sie zu wen-
den. Ich tue das, mit der inneren Uberzeugung, daB ich
damit um mehr als einen Dienst und um eine wirkliche
bedeutungsvolle Hilfe bitte, daB Sie sie darum auch um so
sicherer erfullen werden. Wie ich vermute wird ein kurzer
Brief des Dr. Magnes in absehbarer Zeit bei Ihnen eintreff en.
Die Frage akademischer Referenzen im engsten Sinne des
Wortes war schwierig. Ich habe mir da erlaubt neben einigen
anderen Germanisten und Philosophen Professor Brecht an-
zugeben.
Was Sie mir bei Ihrem Hiersein Bestatigendes und Prazi-
sierendes aus Ihren eigenen Planen zum Projekt der „Pariser
Passagen" sagten, ist mir immerfort gegenwartig und macht
mir zugleich immer klarer, wo die Hauptakzente zu- liegen
haben. Augenblicklich bemiihe ich mich um das Durftige,
was bisher zur philosophischen Darstellung und Ergriindung
der Mode versucht worden ist: was es mit diesem natiirlichen
und ganz irrationalen ZeitmaBstab des Geschichtsverlaufs
eigentlich auf sich hat.
Eines habe ich sehr bedauert, bei Ihrem Hiersein versaumt
zu haben. Ich hatte so gerne mit Ihnen iiber Alfred Brust
gesprochen. Nicht nur weil ich aus den „Neuen Deutschen
Beitragen" und von [Willy] Haas weiB, daB er Sie inter-
essiert und daB Sie Anteil an ihm nehmen, sondern weil wir
wohl auch die Freundschaft zwischen Rang und Brust be-
ruhrt hatten - die sich freilich wohl nie gesehen haben. Mir
ist sein Werk doch fremd und wohl auf immer. Ich habe
begonnen „ Jutt und Jula" 1 zu lesen, erkenne, daB man die-
sem Mann die groBte Achtung schuldet und spure die Krafte,
464
die da wirksam sind doch als gefahrliche, feindliche, die ich
vielleicht nur einmal, eben in der Gestalt von Rang, bezwun-
gen und zu wahren Genien geworden sah.
Die wenigen Zeilen uber den „Turm", die diesem hier
beiliegen, bitte ich Sie, nachsichtig aufzunehmen.
Mit den herzlichsten GriiBen
Ihr aufrichtig Ihnen ergebener Walter Benjamin
PS Eben treffen Ihre freundlichen Zeilen aus Rodaun mit
der erfreulichen Nachricht liber [Walther] Brecht ein. Bitte
sagen Sie ihm bei Gelegenheit meinen Dank — oder vielleicht
noch besser, ich darf nach Erscheinen seiner Besprecbung
selbst AnlaB nehmen, mit ihm in Verbindung zu tret en, Aber
verzeihen Sie — das eine schlieBt ja das andere nicht aus.
Ich wiinsche Ihnen von Herzen reiche gesegnete Friih-
lingswochen.
1 B. rezensierte das Buch in der Literarischen Welt vom 30. 3. 1928
(Jg. 4, Nr. 13), S. 5, unter dem Titel: „Eine neue gnostische Liebes-
dichtung".
173 An Alfred Cohn
Berlin, 27. Marz 1928
Lieber Alfred,
spat genug stelle ich mich an Deinem Ferien- Lager mit
einemPackchen ein, zu dem hier die erforderliche Gebrauchs-
anweisung: das Elementar [?] sei zuerst und vor allem Deinem
Studium empf ohlen, wonach Du es hoff entlich mit doppeltem
Vergniigen in Deine Bibliothek einstellst. Sodann nimm die
franzosischen Skribenten zur Hand und sende sie mir nach
vollzogener Bekanntschaftsfeier wieder zuriick. Dem Jouglet1
lege, wenn Du Lust hast, einen Empfehlungs- oder Urias-
Brief ins Maul, damit ich weiB, was ich von ihm zu halten
habe und ob er wirklich wichtig genug ist, besprochen zu
465
werden. Mit dem Buche von Benda habe ich das getan, und
trotzdem, was ich dariiber schrieb2, wenn iiberhaupt, so an
einem blamablen Orte erscheinen wird, sollst Du es nach
Moglichkeit zu Gesicht bekommen.
Schreibe mir, was Du machst und wie es Dir geht.
Entsprechende Mitteilungen von raeiner Seite mag beredt
genug die freundliche Bitte vertreten, mir die 10 Mark so-
bald Du es tun kannst, zunickzusenden. —
Schade daB Du nicht hier bist: ich schreibe Dir dies nam-
lich am Abend eines Tages, an dem ich Berlin als Hauptstadt
des Reiches wieder einmal in den Rachen habe sehen konnen.
Das kam so: Gestern abend las Kraus als viertes und letztes
in der Reihe seiner Offenbach-Vorlesungen das „Pariser
Leben". Es war die erste Operettenvorlesung, die ich von ihm
horte und ich will Dir hier von dem Eindruck, den sie mir
machte, umso weniger schreiben, als sie gerade jetzt eine
ganze Ideenmasse — Du weiBt, aus welchem Bereich — in Be-
wegung setzte, so daB ich Mlihe habe, iiber meine Gedanken
den Uberblick zu behalten. Unter den Zusatzstrophen gab es
ein Couplet mit dem SchluBvers „Ich bring aus jeder Stadt
den Schuft - heraus". Es war deutlich, daB es auf Kerr ging.
Kurz vor der ersten Pause verlas Kraus, stehend, einen kur-
zen Text, der darauf hinauslief zu sagen: „Ich nenne hier
Kerr offentlich einen Schuft, um zu sehen, ob ich ihn auf
diese Weise zu einer Klage werde zwingen konnen. In meiner
Hand sind die Beweise, daB Kerr mich im Jahre 1916 den
obersten Militarbehorden als hochverraterischen, defaitisti-
schen Autor denunziert hat". — Mir ist zu dieser Vorlesung
wie gesagt einiges eingefallen und ich wollte unbedingt iiber
sie schreiben, naturlich ohne diesen „Zwischenfall" zu eska-
motieren, sondern vielmehr kurz ihn als dynamisches Zen-
trum des Abends hinstellen. Das Ergebnis eines Vormittags
war die Erfahrung, daB ein Referat liber diesen Vortrag
nirgends unterzubringen war. Meine Notiz werde ich darum
nicht weniger schreiben, habe aber nur noch wenig Hoffnung,
sie erscheinen zu sehen3.
So ist Berlin.
Im ubrigen hatte ich von Kraus einen groBeren Eindruck
466
als je bisher. Jetzt namlich, da er seine adaequaten Gegen-
stande gefunden hat, ist er, bis in die auBere Natur hinein,
gewachsen, aufrechter und entspannter geworden.
Leider ist heute abend noch allerhand zu besorgen und ich
muB schlieBen. An der Potsdamer Briicke hat heute eine
Buchhandlung ein Sonderfenster mit meinen Schriften ein-
gerichtet und in dessen Mitte ist Julas Kopf ausgestellt.
Herzliche GriiBe an Dich und Grete
Dein Walter
1 Vermutlich Rene Jouglet, „Le nouveau corsaire" (deutsch 1927).
2 Vermutlich „La trahison des clercs". Die Besprechung erschien im
Mai 1928 in den „Humboldt-Blattern".
3 Sie erschien in von der Redaction an den Stellen iiber Kerr zensu-
rierter Form in der „ Liter arischen "Welt" vom 20. April 1928.
174 An Max Rychner
Berlin, 22. April 1928
Sehr geehrter Herr Rychner,
in der regnerischen Stille eines Sonntagvormittags werde ich
meiner Beschamung soweit Herr, um Ihnen schreiben zu
konnen. Ich hatte mir gleich dariiber klar sein miissen, daB
der ehren- und reizvolle Vorschlag, den Sie mir im vergange-
nen Herbst gemacht haben, durch seine Dimensionen ent-
mutigend auf mich wirken wiirde. Meine Schwerfalligkeit in
der Konzeption — verzeihen Sie, wenn ich es ausspreche - ist.
so groB, daB ich an ein im eigentlichen Sinne representatives
Thema - deutsch e Literatur der letzten zwei Jahre vor dem
Forum zu behandeln, das mir seit langem unter alien, die um
deutschsprachliche Zeitschriften herumliegen als das wich-
tigste erscheint — kaum herankomme.
Dagegen steht es £iir mich fest, daB - Ihr spateres Einver-
standnis vorausgesetzt — das erste wesentliche Stuck, das ich
von meiner Arbeit fortgeben kann, der „Neuen Schweizer
Rundschau" gehoren soil. Ich denke da an Teile eines Essays
„Pariser Passagen", an dem ich seit Monaten arbeite und der
467
bei meiner bevorstehenden Riickkunft nach Paris abgeschlos-
sen werden mufi.
Sollten Sie, sehr geehrter Herr Rychner, im Lauf e des Juni
nach Paris kommen, so ware es mir sehr wertvoll, Ihre Be-
kanntschaft zu machen. Soeben erst habe ich [mit] groBer
Freude Ihre Anmerkungen zu Holitscher und Keyserling
gelesen. Meine pariser Adresse ist Paris XlVe 4 Avenue du
pare Montsouris, Hotel du midi. Andererseits ist es moglich,
daB ich im Herbst in die Schweiz komme. Bis dahin hoffe ich
zuversichtlich, meine literarische Unzuverlassigkeit Ihnen
gegeniiber repariert zu haben.
Mit besonderer Hochachtung
Ihr ganz ergebener Walter Benjamin
17 J An Gerhard Scholem
Berlin, 23. April 1928
Lieber Gerhard,
heute liegen Deine Brief e vom 22ten Marz und vom 12ten
April vor mir. AuBerdem aber das Sonderheft des „Juden" \
das ich, kaum war es in Deinem Schreiben angekiindigt,
schon bei der Ewerbuchhandlung subscribierte. Nicht vor mir
liegt die Jiidische Rundschau mit Deiner Notiz liber Agnon2,
die ich moglichst ungesaumt von Dir erbitte. Hier kann man
sie im StraBenhandel schon nicht mehr haben. Warum
nimmst Du Dir nicht mein gutes Beispiel zu Herzen, der ich
Dir niemals eine Zeile von mir in der Literarischen Welt
bibliographisch „nachweise" sondern Dich, mit allem halb-
wegs Erheblichen, in natura bediene.
Und so auch heute. Aus dem Aufsatz von Haas, der mit
gleicher Post folgt, siehst Du, wie mein Herr Redakteur mich
zu ehren gedachte und unbeschadet einiger hochst bedenk-
licher Auslassungen kann man sich diese Rezension denn
doch gef alien lassen. Gegen Ende scheint sie mir einiges sehr
Kluge zu sagen. Im iibrigen hat sich fur das Trauerspielbuch
am friihesten Ungarn engagiert. In einer philologischen
468
Zeitschrift, die mit Unterstiitzung der Akademie der Wissen-
schaften herausgegeben wird, hat ein mir bisher unbekannter
Herr mich ausgezeichnet besprochen. Der Herausgeber dieses
Organs seinerseits teilt mir mit, daB er das Buch in seinen
Budapester Vorlesungen bereits empfiehlt. Einige gewichtige
Stimmen ziehen, wie Du weiBt, noch herauf. Darunter die
des Herrn Richard Alewyn, dessen Votum in der Deutschen
Literaturzeitung zu erwarten stent.3 Dir wird der Name
eben so neu sein wie mir, aber hier halt man groBe Stiicke
auf ihn.
Ich habe mich uber den Brief von [Fritz] Strich sehr ge-
freut.4 Je mehr nun die Sache in das entscheidende Stadium
riickt, desto besser. Ich werde Anfang Juni in Paris sein.
Bitte sende mir ein einfiihrendes Schreiben an den grand rab-
bin oder an eine andere Instanz, die fur den Nachweis eines
hebraischen Lehrers in Frage kommt. Ich hoffe bestimmt,
bevor ich Berlin verlasse, noch ein Wort von Magnes zu er-
halten. In jedem Falle werde ich mich so arrangieren, daB
ich ihn bei der Sitzung des Kuratoriums sehe. Den Weg nach
Paris werde ich im Sinne Deiner Andeutung uber Frank-
furt nehmen, falls Buber im Laufe des Mai nicht herkommt.
Ich schreibe demnachst an ihn. Die folgende Nummer der
Literarischen Welt bringt von mir eine kurze Anzeige von
dem Buch „Aus unbekannten Schriften", in dem Du mit
Deinem Beitrag sichtbarlich genannt bist5. Mehr Ehren habe
ich Amhoorez6 nicht zu vergeben. Dagegen hat es gewaltig
den Anschein als diirfte und miiBte ich hinter SchloB und
Riegel die Stirn iiber das Sonderheft des „Juden" sehr kraus
ziehen. Nur ist freilich Dein Aufsatz darin, um sie zu glat-
ten. Der ist sehr schon.7 Ich habe an unser Gesprach im Cafe
Versailles an der Gare Montparnasse gedacht, wo ich zum
ersten Male diese Glocken lauten horte. Ich glaube, dieser
Aufsatz markiert im Gleisnetz Deines Denkens einen Knoten-
punkt; ich ahne wenigstens nach alien Richtungen hin be-
fahrbare Strecken ausgehen.
Ich will, quant a moi, nicht versaumen mitzuteilen, daB ich
noch immer mit den „Pariser Passagen" befaBt bin. Wahr-
scheinlich habe ich Dir gelegentlich gesagt oder geschrieben,
469
wie langsam und gegen welche Widerstande die Arbeit Ge-
stalt gewinnt. Habe ich sie aber einmal ergriffen, dann ware
wirklich eine alte gewissermaBen rebellische, halb apokryphe
Provinz meiner Gedanken unterworfen, besiedelt, verwaltet.
Es fehlt noch viel, aber ich weiB genau, was fehlt. So oder
anders werde ich in Paris damit zuRande kommen. Und dann
werde ich die Probe auf das Exempel gemacht haben, wie
weit man in geschichtsphilosophischen Zusammenhangen
„konkret" sein kann. Man wird mir nicht nachsagen konnen,
dafi ichs mir leicht gemacht hatte.
Unterdessen ist ein Brief aus Moskau gekommen. Dort
scheint man sich plotzlich eines Bessern besonnen zu haben
und tragt mir, unter sehr annehmbaren Bedingungen, an,
den Artikel Goethe fur die groBe Enzyklopadie, im Umfang
von einem Bogen, zu schreiben. Ich nehme naturlich an.
Noch ein Wort zu der Festschrift des „Juden". Ich las den
sympathischen Artikel von Magnes. [Max] Brod miBfiel mir
dagegen schon verzweifelt. Und wie man gar den ungliick-
lichen Gedanken haben konnte, die Briefe von Rosenzweig
zu publizieren, die Dinge beriihren, iiber die man doch so
nicht offentlich Rechenschaft leisten kann, ist mir unver-
standlich. Zu Ludwig StrauB muB ich mir noch Mut machen.
Dann werde ich sehen, ob ich [Ernst] Miillers Aufsatz iiber
das Hebraische verstehe und es wohl damit bewenden lassen.
Sehr schon ist es, wenn Du an Saxl8 schreibst oder ge~
schrieben hast. Was [H. H.] Schaeder angeht, so mochte ich
am liebsten warten, bis seine Rezension meines Buches in der
„Neuen Schweizer Rundschau" erschienen ist. Das ist dann
der gegebene Augenblick, mit einem Briefe hervorzutreten.
Um auf Cassirer EinfluB zu nehmen, wird es dann wohl zu
spat sein. Aber dafiir sehe ich iiberhaupt keinen gangbaren
Weg. Sobleibt mirnichtsubrigalsabzuwarten. Bitte schreibe,
so wie Du etwas von dort erfahrst.
Schreibe iiberhaupt bald, undherzlicheGriiBe anDich und
Escha von
Deinem Walter
1 Zu Bubers 50. Geburtstag.
470
2 "Ober die Erzahlungen S. J. Agnons, in der J. R. vom 4. April 1928.
3 1st nie erschienen.
4 Dr. Magnes holte Gutachten von Germanisten fur eine geplante
Berufung W. B.s nach Jerusalem ein.
5 In der Nr. vom 27. April.
6 Hebraisch: Ignorant.
7 „Uber die Theologie des Sabbatianismus", jetzt audi in dem Band
„Judaica (1963), S. 119-146.
8 Fritz Saxl, Direktor der Bibliothek Warburg und Mitautor des Wer-
kes uber Diirers Melancolia I.
176 An Hugo von Hofmannsthal
Berlin Grunewald, 5. 5. 1928
Hochverehrter lieber Herr von Hofmannsthal,
herzlichen Dank fur Ihre Karte. Ich bin sehr glucklich, daB
nun Ihre Hand in dieser Sache waltet und hoffe, sie wird
nach unserm Wunsche ausgehen. Man ist auch an Prof. [Fritz]
Strich in Munchen wegen eines Gutachtens herangetreten
und er soil sich sehr freundlich geauBert haben. DaB Magnes
sich an Brecht wendet, liegt durchaus im Bereiche der Mog-
lichkeiten. Etwas genaueres weiB ich dariiber natiirlich nicht.
Wohl aber nenne ich ihn am BeschluB eines curriculum vitae,
an dem ich wissenschaftliche Referenzen anzugeben habe,
neben anderen.
Ich arbeite weiterhin und fast ausschlieBlich an den „Pari-
ser Passagen". Was ich will, steht mir deutlich vor Augen,
aber es ist gerade hier auBerordentlich gewagt, die gliickliche
Einheit von theoretischer Anschauung und gedanklicher
Armatur darstellen zu wollen. Es sind ja nicht nur Erfahrun-
gen aufzurufen sondern einige entscheidende Erkenntnisse
vom historischen BewuBtsein in unerwartetem Licht zu be-
wahren; mir stellt sich - wenn ich das sagen darf - der Gang
Ihres „Priesterzoglings" durch die Jahrhunderte als eine
Passage dar.
Zwischen dieser Arbeit und doch nicht durchaus ihr fremd
wird sich jetzt nur die Rezension eines Buches einschieben,
471
das mir, bei nur erst fliichtigem Einblick, sehr bemerkens-
wert schien. Mirgeler: Geschichte und Dogma, soeben bei
Hegner erschienen. 1
Der wunderbareFriihsommer, den wir jetzt haben, und die
Staatsbibliothek halt en mich immer noch hier und ich weiB
nicht, wann ich dieses Jahr fortkomme.
Mit den herzlichsten GriiBen wie immer Ihnen ergeben
Ihr Walter Benjamin
1 Diese Rezension ist nicht erschienen.
177 An Gerhard Scholem
24. Mai 1928
Lieber Gerhard,
diesem Briefe lege ich ein Duplikat der vita und des Exposes
bei, das heute an Magnes nach London abgeht. Hoffentlich
bist Du damit zufrieden. Aus dem Brief an Magnes siehst
Du, daB es mit Paris noch immer nichts werden will und wann
und ob fur dieses Jahr, das weiB ich selber nicht. Denn ich
trenne mich schwer von Berlin. Da ist erstens mein Zimmer
- und zwar ein neues, denn ich wohne fur den Augenblick
nicht im Grunewald sondern im tiefsten Tiergarten - In den
Zelten - in einem Zimmer, in das durch beide Fenster nichts
als Baume zu mir hereinsehen. Es ist wunderbar und dabei
zehn Minuten von der Staatsbibliothek entfernt, dem anderen
Brennpunkt der Ellipse, die mich hier bannt. Die Arbeit uber
Pariser Passagen setzt ein immer ratselhaf teres, eindring-
licheres Gesicht auf und heult nach Art einer kleinen Bestie
in meine Nachte, wenn ich sie tagsiiber nicht an den ent-
legensten Quellen getrankt habe. WeiB Gott, was sie anrich-
tet, wenn ich sie eines Tages frei lasse. Aber daran ist noch
langst nicht zu denken und wenn ich schon unablassig in das
Gehause starre, in dem sie ihr Wesen treibt, so lasse ich doch
fast kaum einen den Blick hineinwerf en.
Immerhin nimmt sie mich restlos in Anspruch. Ich erfuhr
472
es also mit gemischten Gefiihlen, daB Sowjet-RuBland in sich
gegangen ist und mir in zwolfter Stunde nun doch den
Goetheartikel fur die Enzyklopadie iibertragen hat. Auch das
ist Grand genug, vorlaufig hier zu bleiben. An das, was sonst
noch fallig ist, besonders einige groBe Artikel iiber die fran-
zosische Literaturbewegung, darf ich garnicht denken. Neu-
erdings hat mich die „Neue Rundschau" zur Mitarbeit auf-
gefordert. Eine groBe Riickschau iiber die deutsche Literatur
der letzten Zeit, die ich fur die „NeueSchweizer Rundschau",
eine der anstandigsten Zeitschriften, iibernommen hatte,
habe ich schon wieder absagen miissen.
Ich bin sehr froh, daB Hofmannsthal so zweckmaBiggeant-
wortet hat. Es war ein sehr gliicklicher Zuf all, daB er durch die
Gesprache mit mir bei seinem letzten berliner Aufenthalt in
gewissen Grenzen — selbstverstandlich nur, was meine hebrd-
ischen Absichten angeht — im Bilde war. Nun bekomme ich
eben noch die ausgezeichnete Antwort von [Walther] Brecht.
Schonen Dank!
Einen Besuch in Palastina im Herbst habe ich fest in mei-
nen Jahresplan eingestellt. tJber die finanzielle Grundlage
meiner Lehrzeit hoffe ich vorher mit Magnes im Klaren zu
sein. Ich danke Euch herzlich fur Eure Einladung und werde
naturlich sehr gerne ein paar Wochen bei Euch wohnen,
wenn Ihr es einrichten konnt..
In der Tat, mit der gegenwartigen Arbeit hoffe ich, meine
eigentliche Produktion vorlaufig abzuschlieBen, um nur zu
lernen. Eine schnelle Anzahlung, die mir Rowohlt auf ein
projektiertes Buch iiber Kafka, Proust etc gegeben hat, hoffe
ich auf die Passagenarbeit verrechnen zu konnen. Bei dieser
Arbeit bin ich iibrigens auf meine Weise auf Max Brod ge-
stoBen, der sich mir in Gestalt eines Biichleins von 1913
„t)ber die Schonheit haBlicher Bilder" prasentierte. Es ist
merkwiirdig, wie er vor fiinfzehn Jahren, zuerst auf einer
Klaviatur gefingert hat, fur die ich mich bemiihe, eine Fuge
zu schreiben.
DaB Dein erster Kafkaband Dir solchen Segen gebracht
hat, ist um so viel erbaulicher als ich — ein deutscher Schrift-
steller - mir Band fur Band im Buchhandel habe kaufen
473
miissen, daher auch „das SchloB" und „Amerika" immer
noch nicht besitze — ganz zu schweigen von der seltnen, ver-
griffenen „Betrachtung", Sie ist von Kafkas alteren Sachen
die einzige, die mir fehlt.
Hier verdanken (gut schwyzerisch) Hessel und Gutkinds
schonstens den Empfang des Alphabets. Auch hat Dein Bru-
der mir eine ausreichende Zahl von Exemplaren zur Verfii-
gung gestellt.
Gutkind hat hier in etlichen Judenzirkeln eine Debatte
iiber „Wege zum Ritual" angezettelt und ich stehe schon auf
der schwarzen Liste, weil ich noch nicht hinmarschiert bin.
Morgen gibt es wieder einen Galaabend und wenn ich nicht
noch, wie ich sehnlichst erhoffe, ein Theaterbillett zu einem
neuen Stuck geschenkt bekomme, werde ich der jxidischen
Zaubervorstellung beiwohnen.
Beiliegend allotria aus der „Literarischen Welt". Schreibe
bitte bald, und zwar in die DelbriickstraBe, wohin ich Anfang
Juni wieder iibersiedle.
Herzliche GriiBe an Dich und Escha Dein Walter
178 An Gerhard Scholem
Frankfurt a. M., 2. Juni 1928
Lieber Gerhard,
der Onkel meiner Mutter, der Mathematiker [Arthur] Schon-
flies, ist gestorben. Ich habe in den letzten Jahren ihn oft ge-
sehen und sehr gut mit ihm gestanden. Wie Du vielleicht
weiBt, habe ich auch wahrend meiner frankfurter Unter-
nehmungen bei ihm gewohnt. Ich bin zur Beisetzung her-
gekommen. Die war am 31. Mai.
Gestern, am 1. Juni, bin ich im Sinne Deiner brief lichen
Erinnerungen in Heppenheim gewesen. Es ist gerade die
Tagung irgend einer religiossozialistischen Gruppe in Hep-
penheim, eine Tagung, die von Buber nicht einberufen ist,
an der er aber doch Interesse zu nehmen schien, so daB seine
Zeit fur mich sehr beschrankt war. Das hat die Dinge aber
474
vielleicht eher erleichtert. Unser halbstiindiges Gesprach in
seiner Wohnung war sehr bestimmt und sehr positiv. Ich
kann kaum daran zweifeln, daft Buber in der Tat, wie er es
mir zusagte, sich fur die Sache einsetzen wird. Er ging soweit
mich nach der Summe zu fragen, was mir besonders ange-
nehm war und ich nannte ihm die zwischen uns ofters er-
wahnten 300 Mark.
Magnes will am 17. Juni in Heppenheim sein. Da aber
Buber (der nicht an der Sitzung des Kuratoriums teilnimmt)
erst um den 20. von einer schweizer Reise zuriickkommt, ist
noch nicht ausgemacht, daB sie sich begegnen. tjbrigens, um
das im allgemeinen zu sagen, war Buber etwas besser im
Bilde als ich annahm.
Da die Dispositionen von Magnes so liegen, hoffe ich ihn,
Mitte Juni in Berlin auf seiner Durchreise zu sprechen. Ich
werde ihm dann sagen, daB mir sehr wichtig ist, bis zum
Herbst liber die Grundlagen der Sache fixiert zu sein.
An meiner Schrift nimm keinen AnstoB. Ich schreibe
fruhmorgens mit schlechter Tinte im Bett. Ich bin mit den
Nerven ziemlich bas und auf einen Tag nach Konigsstein
gefahren. Hier ist es sehr schon, und es tut mir nur leid, daB
ich heute abend wieder in Frankfurt sein muB.
Auf der Riickreise werde ich wohl in Weimar Station
machen und mir zum Gedeihen meines Enzyklopadie-Arti-
kels wiedereinmal die Goethiana, die ich langer als zehn
Jahre nicht sah, vergegenwartigen.
Bitte schreibe bald. Herzliche GruBe an Dich und Escha
Dein Walter
179 An Gerhard Scholem
Berlin, 18. Juni 1928
Lieber Gerhard,
es konnte sein, daB Du von Magnes den Verlauf unserer
berliner Besprechungen fruher erfahren hast als durch diese
475
Zeilen. Unmittelbar nach seinem Hiersein (kaum da8 Dora
und Stefan nach Pardigon gefahren waren, wo wir im vori-
gen Sommer gewesen sind) traf meine Mutter ein Schlagan-
fall. Die ersten Erscheinungen haben sich etwas zuriickgebil-
det, aber es sind immer noch Lahmungen und schwere Sprach-
storungen da. Ich wohne nun wieder im Grunewald (mein
Zimmer hat Ernst Bloch als Statthalter iibernommen) und
fand hier in den ersten Tagen natiirlich keine Ruhe zum
Schreiben.
Unser Gesprach hat ungefahr eine halbe Stunde gedauert.
Magnes hatte einen anstrengenden Tag mit Irrfahrten und
verpaBten Terminen hinter sich, und ich hatte eine Weile
Besorgnis, ob ich ihn iiberhaupt erreichen wiirde. Als es dann
soweit war, war er sehr freundlich und sehr prazis. Wir ge-
langten zu Folgendem: Erstens: Magnes wolle und konne die
Universitat als solche in der Sache weder als Geldgeberin
noch als wissenschaftliches Institut binden. Aber die Gutach-
ten, die er iiber mich erhalten habe, seien ausgezeichnet und,
wenn in zwei Jahren das Institut fur Geisteswissenschaft,
dessen Grundlagen auf der londoner Konf erenz fixiert worden
seien, den vorgesehenen Ausbau erfahren wiirde, so rechne er
durchaus mit der Wahrscheinlichkeit, dort fur mich einen
Lehrauftrag in irgend welcher Gestalt zu erhalten. Zweitens:
Er verpflichtet sich, von sich aus und ohne weitere Schritte,
einen Fonds fur mein Studium des Hebraischen auszusetzen.
[. . .]
Er schien den groBten Wert darauf zu legen, daB ich
mich hier mit [Leo] Baeck1 iiber die Dinge berate, und sagte
mir zu, ihn zu veranlassen, sich an mich zu wenden. Ich
wundere mich, daB das bisher noch immer nicht geschehen
ist. Soil ich die Initiative ergreifen? [. . .] Von Baeck sagte
mir Magnes daB Du ihn sehr schatzst. [. . .]
Soviel davon. Ich hoffe, daB das Gesprach mit Magnes fiir
Dich keine Schwierigkeit hat, wiirde ihm natiirlich auch
schreiben, wenn ich nicht wiiBte, daB auch er wiinscht, nun
mit Dir iiber die Dinge zu sprechen. [. . .]
Nach der Riickkehr von Weimar habe ich ein ganz kleines
„Weimar" geschrieben, das Du hoffentlich bald und zwar
476
anderswo als inder „LiterarischenWelt" zusehenbekommst.2
Und dann habe ich mich mit der Todesverachtung dessen,
den der Termin die Sporen fiihlen laBt, an den Sowjet-
Goethe gemacht. Die imlosbare Antinomie, einen popularen
Goethe vom materialistischen Standpunkt auf einem Bogen
zu schreiben, brauche ich Dir nicht auseinanderzusetzen. So
eine Arbeit kann man nicht spat genug beginnen, da ist der
drohende RedaktionsschluB in der Tat die einzige Muse. Ich
habe im iibrigen auf mein Lieblingsbuch iiber Goethe, die
dreibandige, unsagliche Darstellung des Alexander Baum-
gartner S J zuriickgegriffen, die ich jetzt noch mit reiferem
Ertrag, und genauer, durchgehe als zur Zeit, da ich die
„Wahlverwandtschaftenarbeit" schrieb. Auch der groteske
„Goethe" von Brandes steht auf meinem Schreibtisch und
den von Emil Ludwig wird mir der Verlag Rowohlt dedi-
zieren miissen. Aus solch gegornen Hbllensaften werden wir
keinen Nektar, wohl aber eine flache Schale von prima mit-
telgutem Opferwein, vor Lenins Mausoleum zu verschiitten,
destillieren.
Ein Buch hat mich in den letzten Tagen sehr bewegt:
Anja und Georg Mendelssohn: Der Mensch in der Hand-
schrift, 3 Ich bin im Begriffe, nach seiner Lektiire den Sinn
fur Schriften, der mir vor ungefahr 10 Jahren verloren ging,
wieder zu gewinnen. Es ist ein Buch, das genau die Richtung
halt, die ich im Grunde in der Betrachtung von Schriften
gefuhlt und doch selbstverstandlich nicht gefunden habe.
Intuition und Ratio zugleich sin.d in diesem Gebiete niemals
weiter vorgetrieben worden. Es enthalt eine ebenso kurze
wie treffende Auseinandersetzung mit Klages.
Hoffentlich geht bei Euch alles gut. Ich habe lange nichts
von Dir gehort. Bitte schreibe sehr bald und seid herzlich
gegruBt.
Dein Walter
1 Leo Baeck, Rabbiner in Berlin.
2 Erschien in der NSR, Okt. 1928. Jetzt: Stadtebilder. Ffm. 1965.
3 W.B. rezensierte das Buch in der „Literarischen Welt" vom 3. August
1928.
477
180 An Gerhard Scholem
Berlin, 1. August 1928
Lieber Gerhard,
meine Reise nach Palastina nebst strikter Beobachtung der
von Eurer hierosolymitanischen Exzellenz vorgeschriebenen
Lehrfolge sind bescblossene Sache. Es wird ferner dafiir ge-
standen, da8 der ersterbend Unterfertigte bevor er erez israel
mit seinen Sohlen betritt, die landesiiblichen Schriftzeichen
lesen kann. Wogegen er sich fiir etwaige Eingaben an die
Behorden vorerst der Hilfe offentlicher Schreiber zu bedie-
nen gedenkt, wie solche im Orient, dem Berichte der Reisen-
den nach allerorten zu finden und speziell in Jerusalem in
der Gegend der mea schearim1 angesiedelt sein sollen. Durch
einen solchen gedenkt er zuvorderst, an den Professor Magnes
das Ersuchen zu richten, einen sei es fiir einen, sei es fiir
mehrere Monate bestimmten Teilbetrag, dessen Hohe er
dessen Ermessen uberlaBt, an den TJnterfertigten gelangen
zu lassen.
Soweit, lieber Gerhard, der offizielle Teil dieses Schreibens.
Nunmehr die sachlichen Einzelheiten. Zunachst der Termin
meiner Ankunft. Dieser wird sich vielleicht gegen Mitte
Dezember verschieben. Das hangt erstens davon ab, ob ich
mir vorsetzen kann, die Passagenarbeit noch bevor ich Eu-
ropa verlasse, abzuschlieBen. Zweitens ob ich im Herbst in
Berlin eine russische Freuhdin sehe.2 Beides ist noch unent-
schieden. Uber das erste werde ich in ein paar Wochen in
Paris Klarheit haben. Ich will namlich in ungefahr zehn bis
zwanzig Tagen nach Frankreich fahren, dort zuerst zwei
Wochen reisendermaBen im Limousin — Limoges, Poitiers
etc. zubringen und dann nach Paris gehen. Dort werden dann
wohl auch meine hebraischen Lesestudien stattfinden. Zu die-
sem Zwecke bitte ich Dich um eine Einfiihrung beim Grand -
Rabbin. Richte sie, wie uberhaupt alle Post, an meine Gru-
newald-Adresse.
Da ich mindestens 4 Monate, eher langer in Jerusalem zu
bleiben gedenke, so ist ja der Zeitpunkt meiner Ankunft nicht
478
von so ausschlaggebender Wichtigkeit als ware es nur fiir
einige Wochen. Darin gegebenenfalls Dich mitten im Seme-
ster anzutreffen, miiBte ich mich zur Not bescheiden. In
wenigen Wochen werde ich iiber die Terminfrage im Kla-
ren sein.
Zu jneiner Finanzlage ist zu bemerken, daB ich an sich
neben den Betragen von oder via Magnes noch mit kleinen
Nebengeldern der „Literarischen Welt" rechnen kann. Dabei
mufl ich aber beriicksichtigen, daB Dora augenblicklich ohne
jedes Fixum ist und noch nicht absehbar ist, wie ihre auBere
Situation sich gestaltet. Du weiBt ja wohl, daB der „ Bazar",
bei dem sie ein Jahr lang angestellt war, eingegangen ist.
Von Rowohlt habe ich fiir jetzt nichts zu erwarten. Bitte ver-
anlasse daher Magnes zu einer Sendung am ersten September.
Das war auch der Termin, den ich ihn hier bei unserer Unter-
haltung als Beginn fiir die Zahlungen anzusetzen bat.
Was Du im vorletzten Brief iiber die „EinbahnstraBe"
sagst, hat mich wie kaum eine Stimme bestatigt. Es traf
zusammen mit gelegentlichen Bemerkungen in Zeitschriften.
Ich begegne allmahlich immer haufiger bei jungen franzo-
sischen Autoren Stellen, die im Kurs ihrer eignen Gedanken-
gange nur Schwankungen, Irrungen, doch den EinfluB eines
magnetischen Nordpols verraten, der ihren KompaB beun-
ruhigt. Und auf den halte ich Kurs. Je deutlicher die Emp-
fmdlichkeit der heutigen fiir diese Influenzen mir wird, je
mehr mit anderen Worten die strenge Aktualitat dessen, was
ich vorhabe, mir aufgeht, desto dringlicher warnt es mich
bei mir selbst, hier den AbschluB zu iiberstiirzen. Das wahr-
haft aktuelle kommt immer zurecht. Vielmehr: die Gesell-
schaft beginnt nicht, bevor dieser spateste Gast nicht eintrat.
Vielleicht kommt man hier zu einer geschichtsphilosophischen
Arabeske um jene wundervolle preuBische Redensart: „Je
spater der Abend, desto schoner die Gaste", aber das alles
tauscht mich nicht dariiber, daB das Risiko dieser Arbeit
groBer ist als irgend eines, das ich bisher iibernahm.
Hocherfreulich Deine Nachricht von Saxl und Hofmanns-
thals Brief,3 fiir dessen Einzelheiten und Finessen ich Doras
Riickkunft abwarten muB. Sie will in ein paar Tagen mit
479
Stefan hier sein. Sie kommen aus Osterreich, wo sie mit mei-
nen Schwiegereltern zusammen waren. Was nun Deinen,
mir ehrenvollen, Wunsch angeht, iiber die kritischen Stim-
men zu meinen Biichern auf dem Laufenden gehalten zu
werden, so kann ich nicht viel mehr tun als versprechen, mit
meinem ganzen Dossier (denn ich sammle das alles) in Jeru-
salem mich vorzustellen. Vorgreifend aber dies: Die Frank-
furter Zeitung bringt eine groBe Besprechung der beiden
Sachen im Literaturblatt vom 15. Juli, die Vossische Zeitung
eine ausfiihrliche Rezension der „EmbahnstraBe" in ihrer
Nummer vom 1. August, die erste stammt von Kracauer4, die
zweite von Bloch.
Der letztgenannte Verf asser wird binnen kurzem zum drit-
ten Mai heiraten. Er ist von seiner zweiten Frau, die Du ja
wohl kanntest, geschieden und heiratet eine sehr junge Jiidin
aus Lodz.
A pure titre d'information berichte ich noch, daB der
Proust sich wieder zu regen beginnt, aber wohl nur, um die
schwachen Lebensreste seiner deutschen Inkarnation imHohl-
weg eines Prozesses auszuatmen. Niichterner und behutsamer
gesagt: Die Schmiede hat ihre Rechte an dem Werk und ihre
Manuscripte der Ubersetzung an den Verlag Piper verkauft.
Der hat sich uns gegeniiber so schlecht (rude und schofel) ein-
gef iihrt, daB wir den Versuch machen, durch Anf echtung der
"Qbertragung der Rechte ihn zur Raison zu bringen. Das be-
deutet einerseits, daB von da in absehbarer Zeit kein Geld zu
haben sein wird. Andererseits bringt es nur meinen Willen
zum Ausdruck, angesichts der ungeheuer absorbierenden, auf
meine eigenen Schrift[en] intensiv influenzierenden Natur
dieser Arbeit sie zu sehr diskutablen Bedingungen oder aber
garnicht wiederaufzunehmen.
Zwei Biicher will ich noch nennen. Eines der Kuriositat
halber, weil es seit Jahren iiber nichts Gedrucktem mich so
geekelt hat; das andere, weil es groBartig ist und ich es Dir
als Leser nahelegen will. Zunachst also: Alfred Kleinberg:
Die deutsche Dichtung in ihren sozialen Bedingungen. 5 Die
erste groBe materialistische Literaturgeschichte. Es ist das
einzig Dialektische an diesem Buche, dafi es genau an der
480
Stelle steht, an der die Dummheit anfangt Niedertracht zu
werden. Ich habe diese widerliche Mischung von banalem
Idealismus und materialistischen Abstrusitaten wegen meines
„Goethe" vornehmen miissen. Und habe nur wieder gesehen,
daB dies — namlich der Artikel — etwas ist, wobei einemkeiner
hilft und daB man ihn anders als mit gliicklicher Unverfro-
renheit gar nicht zustande bringt. Dementsprechend bin ich
auch immer noch weit genug vom Ziele entfernt.
Uber den SchluBabsatz des „Cardozo"6 miindlich. Ein
MiBverstandnis durch Ahnungslose ist in der Tat syntak-
tisch vorstellbar — ich ware aber nie darauf gekommen. Den
Wissenden war es genug und gerade diese wenigen SchluB-
zeilen konnten sich doch^an andere nicht richten.
Von Gutkinds endlich und der Bewegung in der Ritual-
und Devotionalien-Branche weiB ich nichts neues. Eine
Karte aus Wilna kam von ihnen an. Dort, reime ich mir
zurecht, werden sieFlattaubesuchthaben. Dann rief ich zehn
Tage spater bei ihnen in Griinau an und da hieB es, sie sind
in Paris. Uber eine denkwiirdige Debatte Gutkind-Unger7
werde ich Dir unter Palmen berichten, falls es nicht schon
auf den Schneefeldern dieser Bogen geschah.
GriiBe Escha, meine kiinftige Lehrerin, in Ehrfurcht und
sei selbst mit herzlichen DekanatsgriiBen bedacht von
Deinem Walter
1 Das Viertel, wo Scholem wohnte.
2 Deren Erscheinen hatte mehr mit den EntwicMungen der folgenden
zwei Jahre zu tun, als in den Briefen nach Jerusalem sichtbar wurde,
3 An Magnes, von dem Sch. ihm eine Kopie geschickt hatte.
4 Jetzt in „Ornament der Masse". F£m. 1963, S. 249 ff.
5 Berlin 1927. Das zweite Buch, das zu nennen er vergai3, war offen-
bar von Kommerell.
6 Scholems im Brief vom 23. April 1928 erwahnter Aufsatz, dessen
letzte Satze eine polemische Anspielung gegen Oskar Goldberg ent-
hielten.
7 Uber das Ritual der Tora. Erich Unger vertrat die Anschauungen
Oskar Goldbergs.
481
181 An Gerhard Scholem
Berlin, 30. Oktober 1928
Lieber Gerhard,
ich liege im Bett, urn einer drohenden Anwandlung von
Gelbsucht noch rechtzeitig zu entwischen. Urn Dir die Requi-
siten des Stillebens, das ich wenigstens auBerlich vorstelle,
aufzuzahlen: Da gibt es eine Schreibunterlage, die heiBt:
Mirgeler „Geschichte und Dogma" und will nun endlich
glossiert sein, ein Biichergebirge das sich urn das Doppelmassiv
der beiden Werke von Julien Green aufbaut: Mont-Cinere
und Adrienne Mesurat, die mich nicht eher ruhen lieBen als
bis ich mir die Besprechung von beiden aufhalste1 und nun
weiB ich nicht ein noch aus und endlich zu Ehren meines
Unwohlseins ein waschechter Roman „ Joseph sucht die Frei-
heit" von Hermann Kesten, der, wie ein paar Leute wissen
wollen, bedeutsam ist.
Auf Green aber glaube ich Dich schon hingewiesen zu
haben und urn die „ Adrienne Mesurat" (die ja ich nicht ent-
deckt habe und die schon in Europa benihmt ist) kann keiner
meiner Freunde herumkommen. Da wir einmal bei diesen
stehen : ich hoffe meine strikte Unterbrechung aller Publika-
tion in den letzten Monaten hat deren allseitige Anerken-
nung erfahren. Es ware um so wiinschenswerter als ich sie
nun beim best en Willen langer nicht aufrechterhalten kann
und neulich die Redaktion der „Literarischen Welt" mit eini-
gen Manuscripten betrat, als die Bande dabei war, eine Hol-
lenmaschine an meine Adresse zu konfektionieren.
Von dem, was in letzter Zeit fertig geworden ist, weiB ich
zum Teil noch nicht, wann und wie es erscheinen wird. Ich
zahle immerhin auf: der Sowjet- Goethe; Marseille (eine
ganz kurze Skizzenreihe)2; ein geheimnisvolles Protokoll aus
Marseille, das Du eines Tages eigenhandig in Empfang
nehmen wirst; eine Rezension der Goetheschen Farbenlehre
in neuer Ausgabe3; eine neue „Theorie des Romans", die
sich Deines hochsten Beifalls und ihres Platzes neben Lukacs
versichert halt.4
482
Ich werde nun in absehbarer Zeit durchaus nichts Grofie-
res mehr beginnen. Der Weg, mit den hebraischen Stunden
zu beginnen ist frei. Ich warte nur die Ankunft meiner
Freundin ab, weil mit ihr die Entscheidung iiber meinen
Aufenthalt in den nachsten Monaten fallt, der nicbt not-
wendig Berlin ist. Der eigentliche Sprung, den das Hebra-
ische ja notwendig durch meine engeren Projekte machen
muB, wird nun die Passagenarbeit betreffen. Damit konver-
giert aber sehr eigentiimlich ein anderer Umstand. Um die
Arbeit aus einer allzu ostentativen Nachbarschaft zum
mouvement surr^aliste, die mir fatal werden konnte, so ver-
standlich und so gegriindet sie ist, herauszuheben, habe ich
sie in Gedanken immer mehr erweitern und sie, in ihrem
eigensten, winzigen Rahmen so universal machen miissen,
daB sie, schon rein zeitlich, und zwar mit alien Machtvoll-
kommenheiten eines philosophischenFortinbras^feErfoc/za/t
des Surrealismus antreten wird. Mit anderen Worten: ich
schiebe die Abfassungszeit der Sache ganz gewaltig hinaus,
auf die Gefahr hin, eine ahnlich pathetische Datierung des
Manuscripts wie bei der Trauerspielarbeit5 zu bekommen.
Ich glaube, es ist jetzt genug und auf genugend unvollkom-
mene Weise da, um das grofie Risiko einer solchen Dehnung
des Arbeitstempos und damit des Gegenstandes eingehen zu
konnen. [ . . .]
Gleichzeitig mit diesem geht „ Weimar" an Dich ab und
als besondere Leihgabe auf unbestimmte Frist (mit dem
Reservat, das Exemplar im Bedarfsfalle zuriickzuerbitten) der
„ Goethe", der in der Gestalt, wie er unter Deine glucklichen
Augen kommt, wohl weder in RuBland noch in Deutschland
das Licht der Welt sehen wird. Ich meinerseits werde sehen,
Deinem vorzuglichen Goldberg-Brief6 eine ehrenvolle Auf-
nahme zuteil werden zu lassen, zunachst, indem ich ihn in
feierlicher Weise kreisen lasse. Dabei denke ich besonders an
Frankfurt, weil ich demnachst vielleicht auf einige Zeit dort
bin.
Ich glaube jetzt im Friihjahr nachsten Jahres zu kommen.
Klimatische Erwagungen spielenfiir michgrundsatzlichkeine
Rolle, was also unter solchem Gesichtspunkt gegen diesen
483
Termin sprache, lassen wir ruhig aus dem Spiel. Was aber
sonst zu beriicksichtigen ware, wirst Du mir gelegentlich
schreiben. Bis dahin ist ja Zeit.
In Sachen Kraus-Kerr7 — ja, da geht es hoch her et moi-
meme j'y suis pour un tout petit peu. Inzwischen ist eine
neue Groteske (Fall des Czernowitzer Irrsinnigen - Paul Ver-
laine-Zech) dazugekommen 8 — monumentale und von Eurem
ergebenen Diener vorhergesagte, wenn auch in ihren dilu-
vianischen MaBen nicht abgeschatze Blamage von Kraus.
(Und, zu seiner Ehre sei es gesagt: eine v.erdiente). Eine neue
Kraus- Notiz, Gegenstuck zum Kriegerdenkmal,9 ein Ver-
such, seine jiidische Physiognomie zu zeichnen, befindet sich
seit langerer Zeit unter meinen Nachtragen zur „Einbahn-
straBe".
Soweit fur heute. Viele herzliche GriiBe Dir und Escha
Dein Walter
1 Die beiden Besprechungen erschienen in der „Literarischen Welt"
vom 16. Nov. 1928, bzw, der „Internationalen Revue", 1928, Heft 2,
S. 116.
2 NSR, April 1929. Jetzt Schriften II, S. 67-71.
3 In der „Literarischen Welt" vom 16. Nov. 1928.
4 Welche Arbeit gemeint ist, ist unsicher.
5 „Entworfen 1916, verfafit 1925".
6 „An einen Leser von Oskar Goldbergs Wirklichkeit der Hebraer",
(ungedruckt).
7 Der Polemik zwischen Karl Kraus und Alfred Kerr, die sich in der
„Fackel" und dem „Ber liner Tageblatt" abspielte.
8 Kraus hatte Gedichte veroffentlicht, die ein Arzt in Czernowitz bei
einem Insassen eines Irrenhauses gefunden hatte und einige davon
mit dem hochsten Lob bedacht. Die wahren Autoren meldeten sich
bald, nicht durchweg zur Freude von Kraus. Siehe Nr. 781-786, 800-
805 der Fackel.
9 In „EinbahnstraBe".
484
Walter Benjamin
Briefe 2
Herausgegeben und mit Anmerkungen
versehen von Gershom Scholem
und Theodor W. Adorno
Suhrkamp Verlag
edition suhrkamp 930
Erste Auflage 1978
© Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1966. Printed in Germany. Alle
Rechte vorbehalten, insbesondere das der Obersetzung, des offentlichen
Vortrags und der Obertragung durch Rundfunk und Fernsehen, audi ein-
zelner Teile. Druck Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden. Gesamtaus-
stattung Willy Fleckhaus.
* 3 4 5 6 7 - 96 95 94 93 92 91
BRIEFE 1929-1940
Svendborg, Sommer 1938
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^h^:^^HAA ,j u^ ^ ^ ^ ^ i '^^M'^ ^IvwttfJbf, tyvfid
WW r' tf*pV%fi* , J* -j/ jk.V-.--i, £4. Arty* *+*A*fa/.
*cu'**m yfk*iM**<u fob*.
****** C L </ •
182 An Max Rychner
Berlin- Grunewald, den 15. Jan. 29
Sehr geehrter Herr Rychner,
beifolgend die editio ne varietur meines kleinen Flugblattes
^Marseille".
Mit Ihrer Frage nach Proust machen Sie mich verlegen.
Man schamt sich fiir Deutschland, fiir die Umstande, die es
herbeigefuhrt haben, daB diese Sache von Anfang an in lieb-
und ahnungslosen Handen gelegen hat (und wenn sie jetzt
auch neue Hande, doch nicht bessere Kopfe zu ihnen finden).
Sie verstehen, ich spreche von den Verlegern. Dem Publikum
kann man kaum etwas vorwerfen. Es ist ja an die Dinge noch
gar nicht herangekommen. Erst der von Schottlaender iiber-
setzte Band, ein lacherliches Debut. Dann der Band, den Hes-
sel und ich iibersetzt haben, in ganz anderm, nicht unbedingt
geschickten Format. Zwei Bande also, die, als Ubersetzung,
weder auBerlich noch innerlich Kontinuitat haben und dann
das ganzliche Abbrechen. Seit kurzem, wie Sie vielleicht wis-
sen, ein neuer Verleger, der sich ebenso wenig wie sein Vor-
ganger zu der Erkenntnis durchringen kann, daB Proust nur
als Oeuvre, nicht in einzelnen Banden in Deutschland durch-
gesetzt werden kann. Wenn Sie bedenken, daB das Werk bis
Sodom und Gomorrha einschlieBlich in unsefer Ubertragung
schon seit Jahren fertig ist, werden Sie verstehen, wie lebhaft
wir Ihren MiBmut mitfuhlen, und wie dankbar wir Ihnen
sind, daB Sie in Ihrer Rundschau so ziemlich den einzigen
Platz eroffnet haben, an dem man wieder und wieder auf
Proust verwies. Natiirlich bleibt unendlich viel zu tun. Eben-
so naturlich, daB auch ich daran schon gedacht habe, etwas
485
zur Deutung Prousts beizutragen. Ich stehe aber dem Ganzen
noch zu nahe, es steht noch zu groB vor mir. Ich warte, bis
ich Details sehe, an denen ich dann, wie an Unebenheiten
einer Mauer, hochklettern will. Sicher wird unsere deutsche
Proust-Forschung sehr anders aussehen als die franzosische.
In Proust lebt doch noch so viel groBeres und wichtigeres als
der „Psychologe", von dem in Frankreich, soviel ich sehe, fast
ausschlieBlich die Rede ist. Wenn wir uns etwas gedulden, so
bin ich sicher, Sie werden eines Tagesr von welcher Seite es sei,
eine vergleichende Arbeit iiber deutsche und franzosische
Proust-Kommentare ebenso gerne erhalten wie bringen.
Fur heute schlieBe ich mit den aufrichtigsten Empfehlun-
gen als Ihr ergebener
Walter Benjamin
183 An Alfred Cohn
[Februar 1929]
Lieber Alfred,
ich will durchaus keinen Tag verstreichen lassen sondern Dir
sofort zu Deiner Sendung gratulieren. Die Sachen sind noch
nicht bei der Redaktion, aber sie werden natiirlich gedruckt.
Ich stehe dafiir ein wie fur meine eignen. Sei nicht bose,
wenn ich Dir sage, daB die Rezensionen noch besser sind als
ich es beim festesten Vertrauen in Deinen Scharfblick und
Deine Ausdruckskraft erwarten konnte. Ich freue mich, end-
lich in diesem verzweifelten Exil, das die „Literarische Welt"
darstellt, einen Mitverbannten zu haben.
Besonders die Rezension der Luxemburg-Biographie ist
vollendet.
Bitte entschuldige, daB der angekiindigte Panferow „Die
Genossenschaft der Habenichtse"1 nicht kam. Urspriinglich
hatte ich es auf meinen Namen genommen und auch schlieB-
lich behalten, weil meine russische Freundin, die seit einiger
Zeit hier ist, mit Panferow sehr gut bekannt ist und mir
486
allerlei von ihm erzahlen will, was ich einer Rezension zu
gute kommen lassen mochte.
Seitdem ich weiB, daB Du das Pergamentbuch bekommen
sollst, bin ich, jedenfalls darin, viel fleiBiger und beschreibe
es in die Kreuz und die Quer 2. Ja - um einen Augenblick da-
bei zu verweilen: ich meine jenes groBere Heft in biegsamem
Pergamentdeckel, mit dem Du mich in Mannheim beschenkt
hast. Der Umgang mit ihm hat mir zudem ein beschamendes
faible fiir dieses ganz diinne, durchscheinende und doch vor-
zugliche Papier gegeben, das ich hier leider nirgends auftrei-
ben kann. WeiBt Du eine Quelle, wo man es en gros beziehen
kann?
Ich will dafiir sorgen, daB Du jetzt moglichst regelmaBige
Buchersendungen von der Redaktion direkt bekommst. Fiir
die zweite Frankreich-Nummer mochte ich der Redaktion
doch vorschlagen, dreiBig Zeilen aus dem Flaubertschen dic-
tionnaire des idees regues 3 zu bringen. Ich schreibe Dir noch
dariiber. Wenn Du Dich fiir den Aufsatz iiber Surrealismus 4
interessierst, wirst Du gut tun, das vollstandige Erscheinen
abzuwarten und ihn dann in Einem zu lesen. Sinnwidriger
als es geschehen ist, lieB sich namlich die Abteilung der Fort-
setzungen gamicht vornehmen;
Fiir heute will ich schlieBen und tue es mit alien guten
Wiinschen fiir Deine Gesundheit und herzlichen GriiBen an
Grete und die Kinder
Dein Walter
PS Von einer eigentlichen „Rubrik" Burschells in der „Lite-
rarischen Welt" weiB ich nichts. Bitte schreibe mir Genaueres.
Im iibrigen hoffe ich, das wird sich mit der Zeit alles von
selbst gut einspielen.
1 Erschien 1928. Von W. B. in der „Literarischen Welt" vom 15. Marz
1929 besprochen.
2 Dies Buch im Pergamenteinband befindet sich, aus dem NachlaB
von Alfred Cohn, in Scholems Besitz. Es ist in kleinster Schrift eng
beschrieben.
3 Aus Bouvard et P^cuchet.
4 Erschien in der „Literarischen Welt" vom 1., 8. und 15. Februar 1929.
487
184 An Gerhard Scholem
Berlin, 14. Februar 1929
Lieber Gerhard,
ich will mit dem Gestandnis beginnen, daB ich Deinen letz-
ten Brief, auf den ich hiermit postwendend antworte, schon
sehr anstandig finde - angesichts meines skandalbsen Verhal-
tens, denn so muB dieses Verhalten jedenfalls aussehen.
Nun zur Darlegung der Verhaltnisse, aus denen es hervor-
geht, da steht an erster Stelle der wochenlange Kampf , in den
mich meine Zusicherung an Dich (und mich selbst) im Friih-
jahr nach Palastina zu kommen, versetzt hat. Und nun tue
ich es nicht. Nun verschiebe ich dieses Kommen zum zweiten
Mai, und habe mit der Gefahr zu rechnen, von Dir nicht
mehr ernst genommen zu werden. Es liegen nun freilich zwei
sehr dringliche Riicksichten vor. Ich will gleich mit der Dir
gegeniiber schwachern, mir gegeniiber aber starkern begin-
nen. Die ist, daB die Passagenarbeit, die ich mit hundert
Kiinsten (von denen das Beifolgende zeugt) zu umgehen ge-
sucht habe, sich nicht langer abdrangen laBt. Noch weiB ich
nicht, ob das auf eine unmittelbare, sofortige Abfassung zielt,
ich glaube es nicht einmal. Aber das, was sich da augenblick-
lich in mir abzeichnet, muB f estgehalten werden, wenn dieses
ganze Unternehmen nicht mit dem Zusammenbruch enden soil.
Ich habe also gar keinen andern Weg, das Hebraische in
Berlin, als reines Sprachlernen, sof ort auf zunehmen und diese
beiden Wege angespanntesten Lernens und angespanntesten
Schreibens zugleich durchzufiihren. Ich kenne die hundert
Bedenken, die dem entgegenstehen. Aber jedes meiner beiden
Vorhaben ist schon in sich so reich an unabsehbarem Risiko,
daB, sie zugleich durchzufiihren schon wieder die Vernunft
der Krisis enthalt. Bitte schreibe mir postwendend die berli-
ner Instanz fur meinen hebraischenUnterricht. Ich weiB, daB
Du das schon einmal tatest, aber ich kann den Brief jetzt nicht
heraussuchen.
Der auBere Grund ist eine schwere Erkrankung meiner
Mutter — vor einem viertel Jahr ein Schlaganf all, seit einigen
488
Tagen bedrohlicheVerschlimmerungderLage. Ichhabejeden
Grund, im Falle ihres Todes nicht zu weit und zu lange ab-
wesend zu sein.
Meine weiteren Dispositionen sind: Reise nach Palastina
im Herbst, moglichst mit Dir zusammen, wenn Du aus Europa
zuriiekkommst. Bisdahin ein Auf enthalt voneinigenWocben
in Paris, im iibrigen absolut keine Reisen.
Nun zu Deinen Arbeiten. Die „Entstehung der Kabbala" l
habe ich mit hbchstem Interesse (o dlirfte ich auch sagen: mit
Nutzen — aber das darf ich heute weiB Gott noch nicht) gele-
sen. Was Du geleistet hast ergibt zugleich den Begriff des
Tohu wa Bohu aus dem Deine Programmschrift sich erhebt.
Sodann, was Deinen auBerordentlichen Brief iiber Goldberg
betrifft, so hoff e ich mich nutzlich gemacht zu haben. Ermu-
tigt durch den groBen Erfolg, den dessen Verlesung vor Hes-
sel hatte, iibergab ich ihn einem Dir gewiB bekannten, mir
wie ich nicht leugnen will vertrauenerweckenden und sym-
pathischen Dr. [Leo] StrauB 2 von der jiidischen Akademie
zwecks Abschrift und weiter Verbreitung in partibus infide-
lium. Ich werde ihn demnachst wieder einmal auf der Staats-
bibliothek abfangen und dann hoffe ich, seine Berichte vom
Kriegsschauplatze entgegenzunehmen. Ubrigens haben die
Goldberg-Menschen ihre Aktivitat in geregelteBahnen gelei-
tet und laden als „Philosophische Gruppe" allwochentlich an
den Plakatsaulen zu ihren Dienstagsveranstaltungen ein.
Von meinen Arbeiten ware, bibliographisch, etwas noch
anzudeuten, daB in der „Neuen Schweizer Rundschau" ein
„ Weimar" erschienen ist, das die dem Sowjetstaate abge-
wandte Seite meines Janushauptes aufs lieblichste vorstellt.
Aber den werde ich Dir wohl zugeschickt haben. Andernfalls
f ordere ihn bitte an. Das Haupt wird sich, vollstandig, wenn
auch nur en miniature, nach Erscheinen von „ Marseille" dar-
stellen, das ich urn dieser Korrespondenz willen an gleicher
Stelle erscheinen sehen mochte. Es besteht darauf Aussicht.
Was mich sonst in letzter Zeit anging ersiehst Du einiger-
maBen deutlich aus dem„Surrealismus", einem lichtundurch-
lassigen Paravent vor derPassagenarbeit. Unter den Artikeln,
die ich vorbereite ist einer, mit dem ich etwas AnstoB zu
489
geben hoffe: „Tief stand der literarischen Kritik in Deutsch-
land". Fernerhin hat der Endesunterfertigte eine grofie No-
velle von Jouhandeau „Le marie du village" libersetzt, uber
deren Schicksal noch nichts bekannt ist.3 En demeurant
glaubt er Dich auf diesen Autor, dem in der Stickluft kleiner
franzosischer Sakristeien Visionen sich zeigen, vor denen die
gewiegtesten Heiligen von nebenan ReiBaus nehmen wiirden,
schon hingewiesen zu haben. Sonstige Allotria wirst Du
— Gott sei's geklagt — in einer zweiten Frankreichnummer
finden.
Was wiinscht die „Jiidische Rundschau" xiber mich zu.er-
fahren? Und warum entziehst Du Dich solcher Aufgabe?
- Aber ich weiB es recht gut und der Himmel moge Dich
dafiir segnen.
Ganz submissest mochte ich Deine Bemerkungen zu [Karl]
Kraus und der Halacha anfordern. Ich mochte meinen, daB
sie mir nicht bekannt sind. BewuBt entsinne ich mich nicht,
von Dir etwas dariiber gehort zu haben. In seinen berliner
Demarchen, vom groBen Fackelheft gegen Kerr an, zeigt sich
eine so ungliickliche Hand, daB aus der geplanten Ubersied-
lung hierher wohl nichts werden wird.
Nun ich bin, wenn schon nicht erfreulich so doch ausfiihr-
lich gewesen, und werde es weiter sein. Bitte antworte, wenn
auch noch so kurz, baldigst. Herzliche GriiBe an Dich und
Escha
Dein Walter
[.-■]
1 Im „Korrespondenzblatt des Vereins zur Begriindung einer Akade-
mie fiir die Wissenschaft des Judentums", Berlin 1928, S. 5—23.
2 Jetzt Professor of Political Science an der Universitat Chicago, geh.
1899.
3 Erschien 1931 unter dem Titel „Der Dorfbrautigam" in der „Euro-
paischen Revue", VII., S. 105-131.
490
18 J An Gerhard Scholem
15. Marz 1929
Lieber Gerhard,
ich hore mit Freude, daB Du wahrscheinlich nicht nach Eu-
ropa kommst. Das wird mir also erlauben, meine Reise nach
Palastina eventuell schon vor dem Herbst anzutreten.
Gestern habe ich Buber gesprochen. Ihm die Situation ein-
gehend klaxgelegt und von ihm erfahren, daB Dr. Magnes
im Augenblick nicht hier ist, aber in ein paar Tagen zuriick-
erwartet wird. An ihn werde ich mich wenden. Weltsch1 ist
schon nach Palastina abgefahren. Buber erzahlte, daB er
mich fur Vortrage an der Schule der jiidischen Jugend emp-
fohlen habe. Vorlaufig sehe ich mich indessen mehr auf deren
Banken als auf deren Kathedern.
Optime, amice fragst Du, was sich wohl hinter der Surre-
alismus- Arbeit verbergen mag. (Ich glaube, sie Dir komplett
zugesandt zu haben, bitte schreibe, ob Du sie erhieltest.) In
der Tat ist diese Arbeit ein Paravent vor den „Pariser Passa-
gen" — und ich habe manchen Grund, was dahinter vorgeht,
geheim zu halten. Gerade Dir aber immerhin soviel: daB es
sich hier eben um das handelt, was Du einmal nach Lektiire
der „EinbahnstraBe" beriihrtest: die auBerste Konkretheit,
wie sie dorthin und wiederfurKinderspiele,fiir einGebaude,
eine Lebenslage in Erscheinung trat, fur ein Zeitalter zu ge-
winnen. Ein halsbrecherisches, atemraubendes Unterneh-
men, nicht umsonst den Winter iiber - auch wegen der
schrecklichen Konkurrenz mit demHebraischen— immer wie-
der vertagt, also zeitweise mich lahmend, nun ebenso unauf-
schiebbar wie zur Zeit unabschlieBbar befunden.
Daraus ergibt sich, a tempo das Hebraische aufzunehmen
und daneben die Passagenarbeit soweit zu f ordern, daB sie
dann in Palastina sich von neuem und ohne Schaden zuriick-
stellen laBt. Das beste ware, sie wiirde sich explosiv vollen-
den. Damit kann ich aber nicht rechnen. An Magnes schreibe
ich sowie ich die Stunden begonnen habe.
Fur die nachste Frankreich-Nummer der ,,Literarischen
491
Welt" habe ich ein Rudel Kritiken verfaBt und spinne zur
Zeit an einigen Arabesken zu Proust2. Der Surrealismus liat
mir einen erfreulichen, erfreuten, ja begeisterten Brief von
Wolfskehl eingetragen, und mir auch sonst noch ein oder
zwei freundliche Blicke eingetragen. Ich hoffe darauf , Dir in
kurzem eine „ Marseille" iibersenden zu konnen und etwas
anderes, das sich „Kurze Schatten"3 benennt. Was von alle-
dem oder sonst Du aber unter meiner „experimentellen Damo-
nologie" verstehst, das enthiille mir baldigst.
Der erwahnte [Leo] StrauB ist mir aus den Augen ver-
schwunden. Da es aber unter Mitnahme einer umfangreichen
Bibliographie iiber das Marchenwesen geschah, so werde ich
ihm nun einen Steckbrief nachsenden, der vielleicht auch die
Sache Deines Goldbergbriefes fordert, den er auch noch in
Handen hat. Ubrigens entfaltet dieser Goldbergkreis eine
regelmaBige Dienstagsaktivitat am Nollendorfplatz. Vor-
tragsabende: fiir mich, der sie nur auf den Plakaten genieBt,
Photomontagen ernster Zores auf miesen Ponems. 4
Die Eile der jiidischen Gemeinde in Berlin ist fiir mich in
der Tat bedauerlich. 5 Que faire? Der Start ist nun abgesteckt.
Man muB die Bahn im Auge behalten. Du bekommst lauf end
weitere Nachricht.
Herzlichst Dein Walter
Was Du iiber das Parlament und die Arab erf rage schreibst 6,
schien mir einleuchtend und war wahrscheinlich sehr notig.
Mache Dich weiter durch solche Sendungen bemerkbar, zu-
nachst erbitte ich sehr dieNotiz iiber dieHerkunft vonKraus'
Sprache aus dem Musivstil — Halachastreit.
1 Robert Weltsch, Chefredakteur der „Jiidischen Rundschau".
2 Erschienen in der „Literarischen Welt" vom 21. Juni - 5. Juli 1929.
Jetzt Schriften IT, S. 132-147.
3 NSR, Nov. 1929. Jetzt Schriften II, S. 13-22.
4 Jiidisch: Ernster Sorgen auf hafilichen Gesichtern. Gemeint ist:
echte Probleme werden hier von falschen Leuten behandelt.
5 Nicht mehr verstandlich.
6 In einera Aufsatz in der .Jiidischen Rundschau" vom 8. Febr. 1929.
492
186 An Gerhard Scholem
[6. Juni 1929]
Lieber Gerhard,
Deinen Brief beantworte ich postwendend.
Der Brief anMagnes,von dem ichDir zu informatorischen
Zwecken eine Copie beilege, geht morgen, nachdem er in
Schreibmaschinenausfertigung vorliegt, an ihn ab.
Ich vermag Deinen Vorwurfen leider nicht das mindeste
entgegenzusetzen ; sie sind absolut begriindet und ich stoBe in
dieser Sache auf ein schon pathologisches Zogern, das mir
leider auch sonst bei mir hin und wieder bekannt ist. Die
Kiirze des letzten Briefes an Dich hast Du allerdings doch
eher miBverstanden. Sie entsprang aus der Eile, Dir anzu-
melden, daB die Sache l endlich in Gang ist. Und das besagt
nun allerdings um so mehr, je komplizierter die vorliegenden
Hemmungen waren. (Deren Gestalt und AusmaB Du iibri-
gens doch nur zumteil kennst und die soweit sie rein persbn-
licher Natur sind, mundlicherMitteilung vorbehalten werden
miissen.)
Mein Kommen im Herbst ist nur abhangig von meiner
materiellen Lage. Von sonst nichts, Gesundheit vorausgesetzt.
Dagegen kann ich Dich nur versichern, daB nun da ich begon-
nen habe, mein Hebraisch unabhangig von dem Termin mei-
ner Palastinareise, hier oder dort, unbedingt durchgefiihrt
wird.
Ich muB ubrigens, mitden Vorbehalten, die eine sehrkurze
Erfahrung erfordert, feststellen, daB ich in Lernstimmung
bin und wenn schon nicht leicht, so doch nicht so phantastisch
schwer lerne wie ich gefiirchtet hatte und daB es mir*in ge-
wissen Grenzen sogar Freude macht. Ich glaube daB Mayers2
Methode sehr gut ist: viel Schriftliches, ins Hebraische iiber-
setzen.
Ich nehme wie gesagt taglich Stunde und habe wo ich gehe
und stehe die Grammatik bei mir. Vorlaufig sind wir noch in
ihr beheimatet, Mayer hat aber vor, bald zur Lektiire iiber-
zugehen. [. . .] Du wirst anerkennen, daB die langst geschul-
493
dete Nachricht liber diese Verhaltnisse nun so vollstandig
vorliegt, als das zur Zeit moglich ist. Ich wende mich zu
einigem andern. [. . .] Ich bereite vor: „Die singende Blume
oder die Geheimnisse des Jugendstils" fiir die Frankfurter
Zeitung.
Ich habe einige nennenswerte Bekanntschaften gemacht.
Ad 1 die nahere mit Brecht (iiber den und iiber die viel zu
sagen ist) ad 2 die mit Polgar, der jetzt zu Hessels nachstem
Kreise gehdrt. Von Hessel ist erschienen: „Spazieren in Ber-
lin" 3. Ich werde veranlassen, daB ers Dir zuschickt. — Schoen
ist kiinstlerischer Leiter des frankfurter Rundfunks und ein
wichtiger Mann geworden.
Ich bleibe mindestens bis zum ersten August in Berlin,
eventuell etwas langer. Mein urspriinglicher Plan ist, dann
ein paar Wochen nach Paris zu gehen, von dort via Marseille
nach Palastina.
Bitte halte mich von Deinen Entscheidungen auf dem
Laufenden. Sage Agnon alles Herzliche; ich werde ihm
schreiben. Uber seine Zeilen habe ich mich sehr gefreut.
Uber den Baader reden wir also im Herbst noch einmal,
ich werde versuchen ihn solange zu halten.4
Ich arbeite sehr viel. Soweit es Druckgestalt in der Litera-
rischen Welt annimmt, wirst Du es von nun ab regelmaBig
bekommen. Hiermit, vor allem aber mit den vorstehenden
Mitteilungen, hoff e ich unsern Korrespondentenhimmel etwas
gereinigt zu haben und verspreche weitern bestandigen Ost-
wind.
beracha gam le5-Escha
Dein Walter
1 Die hebraiscben Stunden.
2 Sein Lehrer Dr. Max Mayer (geb. 1887), jetzt in Haifa.
3 Von W. B. besprochen in der „Literarischen Welt" vom 4. Okt. 1929.
4 Bezieht sich auf W. B.'s Exemplar der Schriften Franz von Baaders,
das Scholem fiir die Universitatsbibliothek in Jerusalem erwerben
wollte.
5 In bebraischen Scbriftzeichen. („GruB auch an . . ."). Diese Studien
wxirden im Juli unterbrochen und kaum wieder aufgenommen.
494
187 An Max Rychner
Berlin, 7. Juni 1929
Sehr verehrter Herr Rychner,
auf Ihre freundlichen Zeilen vom April hatte ich Ihnen wohl
mit einem kurzen „einverstanden" antworten mussen. Wenig-
stens entnehme ich es daraus, da6 ich bisher noch keine Kor-
rekturen erhielt. Aber das bin ich gewiB — einverstanden. Und
gerade im Zusammenhange dieser Noten lege ich keinen ent-
scheidenden Wert auf das „Schone Entsetzen"1 — so lieb es
mir wegen des Erlebten ist, aus dem es hervorgeht. Damit
wir aber nicht unbescheidenerweise die musische Neunzahl
fur diese Schatten anrufen, sende ich Ihnen fur die nun frei-
gewordene Stelle hier eine neue und wir bleiben bei zehn.
GewiB hatte ich friiher von mir horen lassen, ware ich
nicht durch das Studium des Hebraischen in einen neuen mich
bis aufs letzte beanspruchenden Arbeitskreis getreten. Meine
iibrigen Arbeiten miissen sich die Zeit nehmen, wo sie sie
finden. Ich bin mindestens bis Anfang August in Berlin.
Aber da Sie mir keine Hoffnung machen kbnnen, auf diesem
Boden zu erscheinen, sollen Sie wissen, dafi ich sodann fur
kurze Zeit in Paris sein werde.
Mit freundlichen Griiflen — und einem besonderen Dank
fur den C. F. Meyer, den Sie mir zugehen lieBen und der
mir wert geworden ist
Ihr Walter Benjamin
1 Ein Stuck in „Kurze Schatten".
495
188 An Hugo von Hofmannsthal
Berlin-Grunewald, 26. 6. 1929
Lieber und hochverehrter Herr von Hofmannsthal,
vielleicht erreicht dieser Brief Sie gleichzeitig mit den herz-
lichen GriiBen, die ich Frau Wiesenthal bat, Ihnen zu iiber-
bringen. Die Kluft meines Schweigens ware so besser uber-
briickt als mit den verschiedenen Dingen, die hier beiliegen.
Ich habe diese kleinen Arbeiten fiir Sie gesammelt und war
immer froh, wenn ich etwas zuriicklegen konnte, wo von ich
mir sagte, in einem giinstigen Augenblick konne es Sie als
Leser finden. Der Proust- Aufsatz, von dem ich hoffentlich
nicht ohne Grund annehme, daB er Ihnen einen gewissen
BegrifT von dem gibt, was mich vor Jahren" in Paris beschaf -
tigte und dem Sie Ihren Anteil schenkten, sollte das ganze
l)brige Ihnen empfehlen; darum habe ich bis zu seinem Er-
scheinen gewartet. Der „Surrealismus" ist ein Gegenstiick
zu ihm, das einige Prolegomena der Passagen- Arbeit enthalt,
von der wir einmal bei mir gesprochen haben. „ Weimar" ist
ein Nebenprodukt meines „ Goethe" fiir die Russische Enzy-
klopadie. Ob der je erscheinen wird, weiB ich nicht. Fest steht
nur, daB er in die Enzyklopadie hochstens bis zur Unkennt-
lichkeit entstellt gelangen kann. Vor einem Jahr bin ich in
Weimar gewesen. Der Eindruck ist an einigen Stellen der
Arbeit zugute gekommen, um derentwillen der Aufenthalt
gedacht war. Die Essenz aber suchte ich, unbeschwert vom
Zusammenhang einer Darstellung, auf diesen beiden Seiten
festzuhalten. Zu ihnen ist „ Marseille" 1 ein Gegenstiick.
Schwach wahrscheinlich, mir aber aus dem hochst unmaB-
geblichen Grunde lieb, weil ich mit keiner Stadt so gekampft
habe. Ihr einen Satz abzuringen, konnte man sagen, ist schwe-
rer als aus Rom ein Buch herauszuholen.
Seit zwei Monaten habe ich endlich mit meinem Vorsatz
ernst gemacht : ich lerne hebraisch. Diesen Einschnitt in meine
Arbeit auch auBerlich und so markant zum Lebensabschnitt
zu machen wie Sie es mir in unserm ersten Gesprach so uber-
zeugend anrieten, lieB sich nicht durchfuhren. Ich konnte
496
nicht von Berlin fortgelien. Doch habe ich hier einen ganz
ausgezeichneten Lehrer gefunden, einen alteren Mann mit
bewunderungswiirdigem Verstandnis fur meine Lage und
doch mit der notigen Autoritat, um den Vokabeln und Sprach-
f ormen EinlaB bei mir zu erzwingen. Im ganzen ist am gegen-
wartigen Zustand fur mich nur schwierig der Wechsel zwi-
schen Lernen und literarischer Aktivitat. Ich konnte mir eine
Reihe der schonsten Tage mit nichts als Grammatik denken.
Umsomehr als ich an die erwahnte Passagenarbeit im Augen-
blick doch nicht gehen kann. Sie ist aber nach Material und
Fundierung in den Monaten seit ich Sie sah sehr gewachsen
und ich darf sie ein paar Monate ruhen lassen ohne sie zu
gefahrden.
Vermutlich gehe ich im Laufe des September fur einige
Monate nach Palastina. Am ersten August liquidiere ich
meine berliner Situation und leider auch das schone Zimmer,
in dem ich Sie bei mir sehen durfte und gehe zunachst nach
Paris.
Sehen Sie bitte, lieber Herr von Hofmannsthal, in diesem
Brief e nicht nur den Rechenschaftsbericht sondern den
Wunsch, in Ihrer Erinnerung lebendig zu bleiben.
Ich bin mit herzlichen Griiften Ihr aufrichtig Ihnen er-
gebener
Walter Benjamin
PS „ Weimar" und ^Marseille" liegen der Sendung nicht
bei. Ich bat Rychner schon vor mehreren Monaten, sie Ihnen
direkt zu senden.
Das Ersch einen von Proust III hat sich lange verzogert
und darum auch die Absendung dieser Zeilen. Nun kann ich
ihnen Gewisseres hinzufugen. Am 17. September fahre ich
von Marseille iiber Konstantinopel und Beyrouth nach Jaffa.
Anfang Oktober will ich in Jerusalem sein und dort drei
Wintermonate ausschliefilich dem weiteren Studium widmen.
Schon jetzt beansprucht es mich soweit, daB ich an keine
groBe Arbeit denken kann und die kleinen noch langer brau-
chen als sonst. Immerhin hoff e ich Ihnen nach einigen weite-
ren Wochen einen ganz kleinen Versuch iiber den Jugendstil
senden zu konnen, der in der frankfurter Zeitung" erschei-
497
nen soil. Danach beschaftigt mich „Warum es mit der Kunst
Geschichten zu erzahlen zu Ende geht" - d. h. der Kunst der
miindlichen Erzahlung.
Ich erneuere Ihnen meine herzlichsten und ergebensten
GriiBe.
W.B.
1 NSR, April 1929. Jetzt Schriften II, S. 67-71.
189 An Gerhard Scholem
Volterra, 27. Juli 1929
Lieber Gerhard,
Du magst sagen, was Du willst: meine Brief e sind alles in
allem nicht so sparlich, selten kurz. Und was ich mir dieFrei-
heit genommen habe uber den Stand der europaischen Korre-
spondenz festzustellen, hatte Dir die Tugenden meiner inter -
nationalen nur in helleres Licht riicken sollen. Zu diesen
gehort, wie ich unermudlich bestrebt bin, Dir wechselnde und
rare Datierungen darzubieten. In diesem Sinne, mindestens,
kann auch vorliegendes Schreiben Deine Aufmerksamkeit
erbitten. Es kommt namlich aus einem Zentrum der etruski-
schen Kultur, sagen wir aus ihrer Vorholle, sofern ich eben
eine 37jahrige Unwissenheit von diesen Dingen durch einen
dreistiindigen Museumsbesuch gebufit habe. Aus Volterra.
Nicht umsonst unbekannt; ohneSchadenselbstvonD'Annun-
zio besungen; hochst groBartig, inmitten einer Art schnee-
losen, afrikanischen Engadins gelegen — so klar sind die rie-
senhaften Oden und die kahlen Berge seiner Umgebung.
Ganz steil iiber mir bewegt sich die Wetterfahne des alten
burgartigen Munizipio wie ein Dachdecker.
FolgendermaBen bin ich hergekommen. [Wilhelm] Speyer
hat mich aufgefordert, ihn im Auto nach Italien zu begleiten.
Er ist bei Freunden in Forte dei Marmi. Ubermorgen wollen
wir zusammen zurlickfahren. Ich nahm seinen Vorschlag an.
498.
Er kam drei Tage nachdem Dr. Mayer nach Bad Eibing zur
Kur verreist war. Wir haben besprochen, daB ich ihm laufend
meine schriftlichen Arbeiten schicke. Das habe ich auch be-
gonnen, aber der Fernunterricht bleibt etwas prekar. Kurz,
ich sitze nun eine Woche in San Gimignano und bin heute
hier heriibergefahren. Morgen gehe ich nach Siena. Dort
wird die Zeit etwas kurz sein. Aber Speyers Dispositionen
sind wandelbar, [. . .]
Uber San Gimignano schreibe ich Dir nichts. Ich denke
auch, Du horst den Namen nicht zum ersten Male. Vielleicht
gibt es spater einmal etwas von mir dariiber zu lesen1. Im
schlimmsten Fall miiBtest Du mit Bildern von Derain vorlieb
nehmen, im besten, die Situation selber zur Kenntnis nehmen,
wo Du so gewiB der einzige Palastinenser wie ich der einzige
Deutsche sein wirst.
Jetzt meine kommenden Dispositionen. Fur Mitte August
bis Anfang September hat man mir eine Einladung fur Pon-
tigny in Aussicht gestellt. Zur sogenannten zweiten Dekade;
das ist die alljahrliche Zusammenkunft der beriihmtesten
Dichter Frankreichs, von Gide begonnen die meisten groBen
Rom[an]ziers und Lyriker. Leider bestehen Schwierigkeiten
rein technischer Art. [. . .] Weiter sind meine Dispositionen
in Frage gestellt durch einen ProzeB 2 und durch den Gesund-
heitszustand meiner Mutter, der das schlimmste befiirchten
laBt. Sauf imprevu aber mochte ich mich im September in
Marseille einschiffen und am 5ten Oktober, mit dem Lamar -
tine, in Jaffa eintreffen. Ich wurde also sehr bald nach meiner
bevorstehenden Ruckkehr nach Frankreich gehen und dann
nicht mehr, vor meiner Abreise,- nach Berlin zuriickkehren.
Hofmannsthals Tod hat mich betrubt. Ich bin nicht sicher,
daB er einen Brief mit einer groBeren Sammlung meiner
Arbeiten noch bekommen hat. Er ging zwei Wochen vor der
Katastrophe ab, aber in Rodaun war es Sitte, Hofmannsthal
die Post immer nur nach MaBgabe seines Ergehens vorzu-
legen. Die Frechheit der deutschen Nachruf e war widerwartig.
Bitte schreibe doch einmal, woran Du sitzt. In San Gimi-
gnano habe ich mir die Hande an den Dornen eines allerdings
stellenweise iiberraschend schon bliihenden Rosenbuschs aus
499
Georges Garten zerschunden. Es ist das Buch „Der Dichter
als Fiihrer in der deutschen Klassik". Sein Verfasser heiBt
Kommerell und meine Rezension: Wider ein Meisterwerk. 3
Jetzt besteige ich den Autobus und wenn ich wieder in Ber-
lin bin, diirftest Du bereits im Besitz der hier deponierten
herzlichsten Griifie, an Dich und Escha, sein.
Dein Walter
1 In der „Frankfurter Zeitung" vom 23. August 1929. Jetzt Schrif-
ten II, S. 83 f.
2 W. B.s Scheidung.
3 Schriften II, S. 307-314.
190 An Gerhard Scholem
Berlin- Grunewald, Delbriickstr. 23, 4. August 1929
Lieber Gerhard,
im Augenblick da ich in Wolken von Staub unter einem
Gebirge von Kisten meine zehn- oder selbst zwanzigjahrige
SeBhaftigkeit aufgebe und diese Wohnung verlasse, fallt mir
das Manuskript der Trauerspielarbeit in die Hande. Es ist
nicht schon1, vielleicht nicht einmal ganz vollstandig. Aber
auch das Buch hat seine Fehler, darin ist es ihm also zugeho-
rig. Und indem es mil diesen Worten an Deiner Schwelle sich
rauspert und den Staub der Jahre von sich abschuttelt nimmst
Du es hoffentlich freundlich auf. Mehr sobald diese Tage
uberwunden sind und ich die Dispositionen der nachsten
Monate, bzw. meiner Reise nach Palastina iiberblicke. Post
erreicht mich via Grunewald.
Herzlichst Dein Walter
1 Es ist mikroskopisch, mit vielen Durchstreichungen, geschrieben.
500
191 An Gerhard Scholem
Berlin, Friedrich Wilhelmstr. 1 5
bei Hessel
18. September 1929
Lieber Gerhard,
gestern habe ich Dir als hundertpferdigen Vorsparm dieser
Zeilen ein Radiogramm geschickt, das meine Ankunft auf
den vierten November festsetzt. Unumwunden stelle ich f est,
daB die dortigen Ereignisse1 an dieser einmonatlichen Ver-
schiebung keinen Anteil haben, das hangt mit meinem pro-
funden MiBtrauen in Zeitungsinformationen zusammen.
Aber Dein Brief laBt mich annehmen, daB, in andrer Hin-
sicht, dies MiBtrauen diesmal leider iiber das Ziel schoB.
Nein, der wahre Grund war ein schon erwahnter Gerichts-
termin und daneben eine Arbeit mit Speyer — Wilhelm
Speyer, dem Romancier und Dramatiker — die finanziell von
einigem Belang fur mich sein kann. Von diesem neuen Ter-
min werde ich nun freiwillig nicht abgehen. Der Zustand
meiner Mutter ist nun auch etwas gebessert.
Ich weiB nicht, ob ich Dir einmal geschrieben habe, daB
seit ungefahr einem Jahre eine Freundin, Frau Lacis, in
Deutschland ist. Sie stand kurz vor ihrer Heimkehr nach
Moskau, da ist sie vorgestern wieder, so scheint es wenigstens,
von einem akuten Anfall von Enzephalitis befallen worden
und gestern hab ich sie, da ihr Zustand es noch eben erlaubte,
in den Zug nach Frankfurt gesetzt, wo [Kurt] Goldstein, der
sie kennt und sie schon behandelt hat, sie erwartet. Ich werde
ebenfalls bald, moglichst schon vor meiner Reise nach Mar-
seille, wo ich mich einschiffe, heriiberfahren. In den letzten
Wochen habe ich dort dreimal oder sogar viermal im Rund-
funk gesprochen. Erheblich ist von diesen Vortragen alien -
falls ein ausfuhrlicher iiber Julien Green, den Du unter
meinen mitgebrachten Papieren, falls nicht vorher gedruckt,
zu sehen bekommen wirst. 2
In der letzten Zeit habe ich auBergewohnlich viel gearbei-
tet, nur aber nicht Hebraisch, das ich ohne einen Lehrer
501
gegen meine hiesigen auBerlich und innerlich drangenden
Beschaftigungen nicht durchsetzen kann. Nach Dr. Mayers
Abreise npchmals einen neuen fur vier Wochen heranzuzie-
hen schien mir aber indiskutabel. Ich habe fiir Palastina zu-
nachst einen Auf enthalt von drei Monaten angesetzt, in denen
ich im wesentlichen nichts anderes als Grammatik zu lemen
wiinsche.
Bitte schreibe mir, ob der Ankauf des Baader weiterhin
erwiinscht ist. Ich sende ihn dann sofort. Die Auszahlung hat
Zeit bis sie an Ort und Stelle erfolgen kann*
Von meinen Arbeiten gehen zwei kleine gleichzeitig oder
in Kiirze an Dich ab. Uber Hofmannsthal habe ich nichts
geschrieben und nichts schreiben kbnnen; miindlich warum.
Einen neuen, meinen dritten „Hebel" habe ich kiirzlich fiir
die Frankfurter Zeitung3 geschrieben, ein kleines Stuck aus
Passagenzusammenhangen bei Gelegenheit einer Rezension
von Hessels Berlinbuch unter dem Titel „Die Wiederkehr des
Flaneurs" zum Vorschein gebracht, eine zutzige Abhand-
lung uber Robert Walser4 und eine Novelle geschrieben. Jetzt
bin ich an der endgultigen Redaktion der groBen Rezension,
die mich in San Gimignano beschaftigt hat. Es handelt sich
um die erstaunlichste Publikation, die in den letzten Jahren
aus dem Georgekreise hervorging: Kommerells Buch „Der
Dichter als Fiihrer in der deutschen Klassik".
Inzwischen hat sich mit Heulen und Zahneklappern die
Eroffnung der „season" vollzogen. Esgab etwasUnbeschreib-
liches, Ostjiidisches von Mehring, von dem ungliickselig bera-
tenen Piscator mit viel Bravour inszeniert; und erst dieses
Stiick ist so ganz bodenlos schlecht wie ich, in einer Rezen-
sion aus der Frankfurter Zeitung5, die ich Dir vermutlich
gesandt habe, seine Chansons machte. Mit dem neuen Stiick
von Brecht ist auch nicht viel Ehre einzulegen und was sonst
etwas zu betrachten ware hat noch keine Freibilletts ab-
geworfen.
Ich habe in den sturmischen Tagen zum ersten Male nach
der „Jiidischen Rundschau" gegriffen: Mir schien da ein sehr
zages, offizioses Lavieren sich abzuspielen, aber vielleicht war
ich zu naiv um das Blatt mit Verstand zu lesen, Der letzte
502
und neueste Bericht in Berliner Blattern stand im Tageblatt
und wirkte eher beunruhigend. Dein Brief ist mir natiirlich
auBerst instruktiv gewesen. Ich denke mir, daB man auf Sei-
ten der Vernunft auch unter den Juden in der Minoritat ist
und Dein Stand entsprechend schwierig sein kann.
Ich schlieBe mit einem Verzeichnis meiner gegenwartigen
Lekture, in der sich mein Tun und Treiben, marxistisch gere-
det, so halbwegs „spiegelt": Krupskaja: Erinnerungen an
Lenin; Cocteau: Les Enfants Terribles (sehr aus der Passa-
gengegend); Gontscharow: Oblomow.
Bitte bedenke, daB ich diesmal in meiner Antwort sehr
schnell war und lohne dies
Deinem Walter
1 Die schweren Unrahen in Palastina im August 1929.
2 Erschien in der NSR, April 1950. Jetzt Schriften II, S. 152-158.
3 Im Literaturblatt der FZ vom 6. Oktober 1929.
4 Erschien im „Tagebuch", 1929, S. 1609 ff. Jetzt Schriften II, S. 148
bis 151.
5 Vom 23. Juni 1929.
192 AnMaxRychner
Berlin, 21. November 1929
Verehrter Herr Rychner,
Nehmen Sie vorweg Dank flir Ihre freundlichen Zeilen zu
meinem Hebel. Ich verdanke meinen Schweizer Jahren so
viel fiir das Verstandnis dieses allemannischen Wesens, daB
ich vielleicht einmal den Versuch wagen konnte, ihr's zu ent-
gelten, indem ich daran ging, so trockene Nebelwesen wie
diesen Ermatinger samt den Seinen auszuschwefeln. Das hat
mich besonders gefreut, daB Sie den Ermatinger so deutlich
visiert fanden. Mir ist die Natur dieses Mannes schon vor
Jahren an einem unscheinbaren Studienerlebnis aufgegangen.
Es war die Zeit wo ich an meinem „ Keller" — und zwar erst
in Berlin dann in Paris — saB. Bestrebt dem neuesten Stande
503
der Wissenschaft mich anzugleichen, hatte ich in Berlin aus
der Ermatingerschen Ausgabe von Kellers Leben und Brief en
gearbeitet und lernte erst in Paris - wo es diese nicht gab -
die Bechtholdsche kennen. Und nun wurde mir mit einem
Schlag alles deutlich, was vorher - ich weiB selbst nicht durch
welche Anordnung, welche Not en, wTelche Aura des Ermatin-
gerschen Buches - mir unsichtig und verschwommen geblie-
ben war.
Haben Sie im letzten Inselalmanach das zweite der Gedichte
von Gertrud Kolmar1 gelesen? Ich fand es dort zuerst und
es machte mir einen groBen Eindruck.
Nehmen Sie bitte, was hier beiliegt, in Augenschein. Sie
haben in Gestalt dieses Manuskripts 2 den Urheber der Ver-
zogerung, die mein Essay uber „ Roman und Erzahlung"
erlitten hat und vielleicht fiir eine Weile noch f erner erleidet.
Ich miiBte mich sehr irren, wenn das Phanomen Julien Green
Ihnen nicht langst nahe und bedeutend ware und ich wiirde
diesen Versuch, es in seiner Tiefe darzustellen mit groBer
Freude gerade bei Ihnen beherbergt sehen.
Cela dit, darf ich Ihnen vielleicht mitteilen, daB man sich
an einer andern (mir sehr viel weniger lieben) Stelle fiir die-
ses Manuskript wieder inter essiert und daraus - ungern ge-
nug - den Grund herleiten, Sie um einen moglichst friihen
Bescheid zu bitten.
Mit groBer Spannung vsehe ich dem Schaederschen Hof-
mannsthalbuche entgegen.
Fiir heute bin ich mit dem Ausdruck herzlicher Verbun-
denheit
Ihr Walter Benjamin
1 Sie war (mutterlicherseits) W. B.s Kusine.
2 „Julien Green".
504
193 An Gerhard Scholem
Paris, 20. Janvier 1930
Cher Gerhard,
tu vas me trouver fou sans doute; mais j'eprouve une diffi-
culte tellement immense a abandonner mon silence et t'ecrire
sur mes projects que peut-etre je n'y parviendrai jamais sans
me trouver cette facon d'alibi qu'est pour moi le francais.
Je ne puis plus me each er que toute cette question— ajournee
depuis si longtemps - menace de constituer un des graves
echecs de ma vie. D'abord quant au voyage en Palestine je ne
pourrai l'envisager qu'au plus tot le moment ou mon divorce
aura ete prononce. Cela ne semble pas etre si proche. [. . ] Tu
comprends que le sujet m'est penible a un point tel que j'y
passe.
[. . ,] II me faut, je crois, abandonner definitivement 1'es-
poir d'apprendre l'hebreu tant que je serais en Allemagne,
les travaux et les sollicitations me venant de tout part etant
trop pressantes et ma situation economique etant trop pre-
caire pour pouvoir les ecarter entierement.
Je suis en train de porter mes regards vers les derniers
deux ans, c'est- a- dire le temps de mon absence de Paris, et
de me rendre compte de ce qui, pendant ces mois, a ete fait.
Deux choses principalement, a ce que je vois. D'abord je me
suis fait — a vrai dire dans des proportions modestes — une
situation en Allemagne. Le but que je m'avais [l] propose n'est
pas encore pleinement realise, mais, enfin, j'y touche d'assez
pres. C'est d'etre considere comme le premier critique de la
litterature allemande. La difficulte c'est que, depuis plus de
cinquante ans, la critique litteraire en Allemagne n'est plus
consideree comme un genre serieux. Se faire une situation
dans la critique, cela, au fond, veut dire: la reorder comme
genre. Mais sur cette voie des progres serieux ont ete realises
- par d'autres, mais surtout par moi. Voila pour ma situation.
Quant aux travaux j'espere en pouvoir rendre compte publi-
quement en quelque temps, Rowohlt dtant dispose de publier
sous forme d'un livre, un choix de mes essais, comme tu as
505
ete assez gentil de me le proposer, dans une de tes dernieres
lettres, C'est pour ce livre que je prepare deux nouveaux essais
surtout: Tun concernant le „modern style" (Jugendstil),
l'autre la situation et la theorie de la critique.
Mais puis, et surtout, ce dont il va s'agir, c'est mon livre
„Pariser Passagen". Je suis bien desole que pour tout ce qui
se rattache a lui - et a vrai dire c'est le theatre de tous mes
combats et de toutes mes idees — l'entretien soit la seule com-
munication possible. Qa. ne se prete pas du tout a etre exprime'
par des lettres. Je me borne done a noter que je compte pour-
suivre ce travail sur un autre plan que jusqu'a present je
l'avais entrepris. Tandis que jusqu'ici e'etait surtout la docu-
mentation d'une part, la metaphysique d'autre part, qui
m'avaient retenu, je vois que pour aboutir, pour donner un
echafaudage ferme a tout ce travail, il ne me faudra pas
moins qu'une etude aussi bien de certains aspects de Hegel
que de certaines parties du „Kapital". Ce que pour moi au-
jourd'hui semble une chose acquise, c'est que pour ce livre
aussi bien que pour le „Trauerspiel" je ne pourrai pas me
passer d'une introduction qui porte sur la theorie de la con-
naissance — et, cette fois surtout sur la theorie de la conais-
sance de l'histoire. C'est la que je trouverai sur mon chemin
Heidegger et j'attends quelque scintillement de l'entre-choc
de nos deux manieres, tres differentes, d'envisager l'histoire.
Quant a mon sejour actuel a Paris il est d'assez courte
duree. C'est- a- dire que je retournerai a Berlin les premiers
jours de fevrier. Apres-demain j'irai pour deux jours a Franc-
fort. Ici j'ai repris contact avec plusieurs gens plus ou moins
importants, de plus j'en ai vu beaucoup d'autres que jus-
qu'alors je ne connaissais pas encore. Ce qui me preoccupe
c'est qu'il semble que cette fois je ne vais pas parvenir a voir
Gide. Entre ceux que j'ai abordes les plus interessants sont:
Emmanuel Berl et Marcel Jouhandeau. Quant au dernier il
me semble que j'ai deja du t'en parler. Ce sont des etudes de la
vie journaliere catholique en province frangaise qu'il fait:
toute imbue d'un mysticisme formidable et comme l'autre
jour quelqu'un me disait „un peu sentant le fagot". En effet
il y a dans ces tableaux ou toujours les memes personnages re-
506
viennent, une sorte d'enchevetrement entre la piete et le vice
qui, des fois, frise le satanisme. Je te recommande surtout les
livres suivants: Les Pincengrain, Prudence Hautechaume,
Opales, Astaroth. Berl a debute dans le mouvement surre-
alist e, dont a present il s'est detache completement. II a fait
des romans que je ne connais pas et qui probablement sont
sans grande importance. Ce qui le distingue c'est une intelli-
gence critique tout a fait rare, dont il fait preuve surtout dans
un livre „Mort de la pensee bourgeoise". Ce livre est destine"
a ouvrir une s^rie de pamphlets, dont le deuxieme volume
„Mort de la morale bourgeoise" a commence a paraitre dans
la revue „ Europe". Ces ecrits sont etonamment pres de mon
propre point de vue. Mais comme il se contente rigoureuse-
ment d'une „ critique" les difficultes qui surviennent aussi-
tot qu'on s'efforce de batir sur ce fondement semblent etre
restees inconnues a Tauteur. Du reste il est juif .
D'autre part j'ai revu Green. Est-ce que tu as lu „Adrienne
Mesurat"? Dans un des prochains numeros de la „Nouvelle
Revue Suisse" va paraitre un essai sur Green que j'ai ecrit.
Puis je compte donner des extraits d'un journal de Paris que
je tiens soigneusement a la „Literarische Welt".
Je viens juste a, temps pour pouvoir suivre de pres une
querelle acharnee qui a eclate au milieu du groupe surrea-
liste et dont la victime semble devoir etre un de leurs leaders
principaux, Andre" Breton. Sur quoi tu liras mes observations
dans la „ Liter arische Welt".
Je termine cette lettre avec un oppressement presque egal
a celui qui pesait sur moi en le commencant. C'est avec
d'autant plus d' instance que je te prie de me r£pondre, aussi
de me donner une idee de ce qui sont les etudes qui t'occupent
a present.
Quand est-ce que tu viendras en Europe? Mes souvenirs les
plus chers pour toi.
Walter
507
194 An Gerhard Scholem
Paris, 25. Januar 1930
Lieber Gerhard,
eben komme ich von einer kurzen Reise hierher zuriick, finde
den letzten Brief von Dir, den man mir aus Berlin nach-
geschickt hat. Er hat mir, wie Du siehst, den Gebrauch der
Muttersprache zuriickgegeben. Wenn ich das sage, so meine
ich, daB ich die auBerordentliche Rucksicht, die groBe Freund-
schaft, die Du mir in dieser ganzen Sache nun ein Jahr lang,
langer, bestatigt hast, nie vorher so empfunden habe wie heute
friih als ich Deinen Brief las. Und das soil nicht heiBen, ich
hatte sie vorher nicht gewuBt.
Da ich hore, daB Du zum Tode von [Franz] Rosenzweig
das Wort ergreifst, fiihle ich mich doppelt geborgen in dem
Bescheid, den ich gerade gestern, in Frankfurt, der Frankfur-
ter Zeitung erteilte, die mich, sogar unter besonders giinsti-
gen auBern Bedingungen, einlud, iiber Rosenzweigs Gedan-
kenweltzu schreiben. Er warablehnend. Gestern vergegenwar-
tigte ich mir die gewaltige Bemuhung, die eine solche Arbeit
mich gekostet hatte - die zudem meinem gegenwartigen
Beschaftigungskreis fern liegt — heute daneben das Ergebnis
und wie diirftig es neben Deiner Rede sich hatte ausnehmen
miissen, die aus dem Vollen kommt. Allerdings, sie zu horen
hatte ich mir gewunscht - audi ohne sie zu verstehen. Und an
eine deutsche Ubertragung ist nicht zu denken?1
Ich habe in Frankfurt zwei Radio vortrage gehalten und
kann mich nun nach meiner Riickkehr mit etwas zweck-
dienlicheren Dingen befassen. Zunachst habe ich eine An-
zeige der literaturkritischen Arbeiten von Franz Mehring vor
Augen. Im iibrigen hoffe ich, in absehbarer Zeit die Brot-
arbeit, wenigstens journalistische, so sehr wie nur moglich
einzuschranken, Du weiBt, zugunsten welcher Beschaftigun-
gen. Ich bin nicht unzuf rieden, daB mir im Organisatorischen,
Technischen schon jetzt eine bestimmte Scheidung gelungen
ist, indem ich fast nichts mehr von dem, was ich als Brot-
arbeit, sei es in Zeitschriften, sei es im Rundfunk, ansehen
508
muB, mehr niederschreibe sondern derartige Dinge einfach
diktiere, Du begreifst, daB mir dies Verfahren sogar eine
gewisse moralische Entlastung gibt, indem die Hand damit
den edleren Korperteilen allmahlich wieder zuriickgewonnen
wird.
Ich habe Dir von meinem denkwiirdigsten pariser Abend
noch garnicht berichtet. Es war der in Gesellschaft von Mon
Albert verbrachte. Mon Albert ist Albertine, ist das Verhalt-
nis von Marcel Proust.2 Ich habe mit ihm zu Abend geges-
sen. Es gab manch bemerkenswerten Augenblick in unsern
Diskursen, nichts aber, das mit dem ersten Anblick des Man-
nes sich messen kann, wie er mir in dem kleinen homosexuel-
len Badeetablissement wurde, das Mon Albert in der rue St.
Lazare von einem Podium aus leitet, auf dem der Tisch mit
Badeutensilien, pochettes-surprises und Eintrittsbilletts steht.
Wenn ich vor drei Wochen mein pariser Tagebuch hand-
schriftlich begonnen habe, so hat der St off sich mittlerweile
sehr gedrangt, daB ich es wohl nur mit Hilfe meiner Sekre-
tarin werde fortfiihren konnen. Von dem Abend mit Mon
Albert werde ich, ausschlieBlich fur Dich und als Geschenk,
ohne das ich — ohne dessen Versprechen ich — diesen Brief an
Dich nicht abgehen lassen mochte, einen Durchschlag herstel-
len lassen.3
Soviel. Interessiert es Dich zu horen, daB Ernst Bloch in
Wien, bei Lukacs, ist und mit ihm, wie es scheint ziemlich
fruchtlose, alte Debatten unter sehr veranderten Bedingun-
gen wieder aufzunehmen sucht?
Alles Herzliche Dein Walter
^ Sch.s Gedenkrede erschien nur auf hebraisch, ihre Gedanken sind
aber in einem anderen Aufsatz („Judaica", S. 226-234) zum Teil auf-
genonunen.
2 Er durfte eher Jupien in Prousts Roman zum Vorbild gedient haben.
3 Dieser Bericht „Abend mit Monsieur Albert" ist erhalten. Eine ge-
kiirzte Fassung erschien in der „Literarischen Welt" Nr, 16/17 von
April 1930. Der Besuch fand am 21. Januar 1930 statt.
509
195 [Gerhard Scholem an Walter Benjamin]
Jerusalem, 20. Februar 1950
[. . .] Es ist vielleicht gut, daB wir uns, nachdem Du in Dei -
nen letzten Briefen,besonders in dem ersten, der ein sehr sel-
tenes Gefiihl der Beklommenheit in mir ausgelost hat, die
zwischen uns akute Angel egenheit in einer fur mich ja durch-
aus unmiBverstandlichen Weise aufgerollt hast, daB wir uns
also klarmachen, wo wir stehen. Vor drei Jahren meintest
Du, und ich mit Dir, daB Du an einem Punkt angekommen
seiest, wo eine fruchtbare Auseinandersetzung mit dem Juden-
tum als der einzige Weg zu einem positiven Fortschritt in
Deiner Arbeit erschien. Auf Grund dieser Einsicht, iiber die
wir beide uns gewiB zu sein schienen, habe ich getan, was ich
getan habe, in der Absicht, Dir die Moglichkeit einer Reali-
sierung Deiner Intentionen zu verschaff en. l Nun ist die Frage,
die sich doch, nachdem drei Jahre verstrichen sind, auf Grund
Deiner Stellung und Beschaftigung von selbst zu beantwor-
ten scheint, die: ist nicht die damalige, von Dir auch vor
Magnes dargelegte und vertretene Auffassung von Dir schon
langst iiberwunden? Du beweist ja in actu, daB der Problem -
kreis, in den Du getreten bist, einerseits und die Stellung als
hervorragendster Literatur-Kritiker, die Du Dir errungen
hast, oder jedenfalls, ich bin dessen sicher, erringen kannst,
andererseits, sich durchaus jenseits jener jiidischen Welt, an
die wir damals dachten, als fortzeugend fruchtbar und Dich,
selbst gegen Deine eigene Deutung durchaus positiv ausfiil-
lend erweisen. Ich halte es fur gut, wenn wir uns dariiber
klar wurden, schon um mich hier in Jerusalem nicht in eine
schiefe Situation zu bringen, da ich ja nicht gut Jahre hin-
durch behaupten kann, Du stundest vor etwas, wozu Du, wie
mir immer wahrscheinlicher wird, in Wirklichkeit niemals
kommen wirst. Da aber gerade bei Dir, wie wir beide nur
allzu gut aus 1 anger Erfahrung wissen, die inneren Hem-
mungen erst die auBeren hervorrufen, so ist fur uns die
Frage: sind nicht offensichtlich die Hemmungen, die nun seit
zwolf Jahren etwa in Deiner Stellung zu diesen Dingen sich
510
geltend machen, wenn auch in jeder Epoche Deines Lebens in
einer anderen geistigen oder leiblichen Gestalt, so grund-
legend, daB es besser ist, anstatt f alschen Illusionen iiber eine
niemals aktuell erfolgen kbnnende Auseinandersetzung iiber
das Judentum, die wir nun bald fiinfzehn Jahre fur unsere
gemeinsame Sache gehalten haben, nachzuhangen, lieber
doch der (fur mich immerhinbedriickenden, aber doch wenig-
stens eindeutigen) Wirklichkeit Deiner Existenz jenseits
jener Welt ins Auge zu sehen? Es ist ja evident, daB von der
Dich jetzt absorbierenden Problemstellung aus Du wiederum
zu anderen kommen wirst, daB Deine vor drei Jahren ge-
auBerte Meinung, daB ohne den Weg zum Hebraischen Dir
nur der aus der Literatur weg in die reine parteipolitische
Arbeit als saubere Tatigkeit absehbar bleibe, sich als iiber -
trieben und falsch herausgestellt hat, und daB speziell von
der Warte Deiner prasumptiven Stellung als einziger echter
Kritiker der deutschen Literatur aus keine Notwendigkeit
eines Weges zum Hebraischen abzusehen ist. Ich mochte Dich
mit diesen Erwagungen veranlassen, Dich hieriiber nicht nur
mit Dir selbst auseinanderzusetzen — ich habe den Eindruck,
dem Du ja kaum widersprechen wirst, daB Du das in dieser
Sache nicht gern, vor allem nicht mit Leidenschaft tust — son-
dern auch Dich dariiber mit der Offenheit, die ich Dir ent-
gegenbringe und in dieser Frage mehr als in jeder andern
von Dir glaube, erwarten zu diirf en, mir gegeniiber zu erkla-
ren, damit, sei dem wie ihm sei, wir uns nicht gegenseitig mit
einerPrivat-ApokalyptikumdieDivergenzenunsererLebens-
laufe betriigen. Ich bin ja gewiB der Mensch, der es mit Fas-
sung und vielleicht auch leidlichem Begreifen ertragen wird,
wenn sich herausstellt, daB Du in diesem Leben nicht mehr
mit einer wirklichen Begegnung mit dem Judentum auBer
im Medium unserer Freundschaft rechnen kannst und rech-
nest. Ich glaube manchmal, daB Du mehr mit Riicksicht auf
mich als mit Riicksicht auf Dich in diesen Dingen sprichst
— so paradox sich das vielleicht anhort, ich halte es wirklich
fur eine richtige Umschreibung Deiner Stellung in manchen
Momenten, und ich muBte nicht das fur Dich fiihlen, was ich
fiihle, wenn ich nicht unter dieser Situation litte. Ich sage
511
mitunter: aus Freundschaft mit mir wagt Walter sich keine
klare Rechenschaft iiber seine Lage abzugeben, vermeidet er,
„sich in ihr Zentrum erkennend zu versetzen" 2 — aber ich
versichere Dich, daB dies weder moralisch noch symbolisch
ein Grund f iir Dich sein darf und soil. Mir ist es weit wichti-
ger zu wissen, wo Du wirklich bist, als wo Du Dich vielleicht
einmal hinzubegeben hoffst, da ja bei derKonstitutionDeines
Lebens sicher ist, daB Du immer, mehr als jeder andere, wo-
anders hinkommen wirst als wo Du willst. Wenn ich mich
aber in diesen Gedanken vollig irren sollte — ich glaube es
freilich nicht — nun, um so besser, es einmal gesagt zu haben.
Denn Deine Biographie jedenfalls gibt ja seit den letzten
zehn Jahren reichlich AnlaB zu solchen Irrtumern, selbst bei
Deinen Freunden. Und um wie viel mehr miissen wir wiin-
schen, daB die Krisis Deines auBeren Lebens3, die ich aus den
Andeutungen Deiner Brief e erschlieBen muB, ohne doch die
Macht zu haben, in sie einzugreifen, wenigstens Dir auch
Klarheit daruber.verschaffen soil, sowohl wohin Du gehorst
als wo Du stehst. '
In Freundschaft gedacht und mit ganzem Herzen ge-
schrieben. Dein Gerhard
1 Scholem hatte ihm ein Stipendium verschafft, das ihm ermoglichen
sollte, ein Jahr ausschlieBlich dem Studium des Hebraischen sich zu
widmen.
2 Zitat aus einer Arbeit W. B.s
3 Seine Scheidung.
196 An Gerhard Scholem
Berlin, Meinekestr. 9, 25. April 1950
Lieber Gerhard,
noch einmal lese ich die letzte Seite Deines Briefes vom 20ten
Februar. Und rioch einmal muB ich die abschlieBende Ant-
wort auf die Frage, die sie enthalt, hintanhalten. Freilich
512
nicht mehr auf lange. Und nicht ohne Dir zu sagen, daB sie
zu einem Teile - namlich dem der unser Verhaltnis betrifft -
in ihrer alternativen Form unlosbar ist, Lebendiges Juden-
tum habe icli in durchaus keiner anderen Gestalt kennen ge-
lernt als in Dir. Die Frage, wie ich zum Judentum stehe, ist
immer die Frage wie icb - ich will nicht sagen zu Dir (denn
meine Freundschaft wird hier von keiner Entscheidung mehr
abhangen) — zu den Kraften, die Du in mirberuhrthast, mich
verhalte. Wovon auch immer diese Entscheidung abhangen
mag — wie sehr sie auf der einen Seite eingebettet in schein-
bar ihr ganz fremde Sachverhalte, auf der andern in jenes
auBerst ausgespannte Zogern, das mir in alien wichtigsten
Lagen meines Daseins Natur ist - sie fallt sehr bald. Nach-
dem ich das sehr verstrickte Knauel meiner Existenz nun ein-
mal an einer Stelle zu Ibsen — ich bin inzwischen von Dora
geschieden — begonnen habe, wird auch dieser „Gordische
Knoten", wie Du mein Verhaltnis zum Hebraischen einmal
mit Recht genannt hast, sich entknoten mussen.
Da ich denn doch einmal auf den herrlichen Grundlagen,
die ich in meinem zweiundzwanzigsten Jahr gelegt hatte, das
ganze Leben nicht habe aufbauen konnen, habe ich, nach sie-
ben Jahren des Zbgerns, dafiir zumindest sorgen mussen, den
Beginn eines neuen nicht jenseits der vierzig vorzunehmen.
In diesem Beginne stehe ich also nun, durch und durch, ange-
fangen vom Wohnen bis in die Erwerbsarbeit, auf das Provi-
sorium gestellt, seit bald einem Jahr ohne Bibliothek (die
gespeichert ist) und bedenkliche Schwierigkeiten vor Augen,
von denen prozessuale, vielleicht, noch die geringsten sein
werden. Jedenfalls gedenke ich nach dieser Seite, was meinen
Aufenhaltsort betrifft, keine weitere Riicksicht zu nehmen.
Im Sinne dieses groBen Provisoriums bitte ich Dich, diesen
Brief interimistisch zu nehmen. Es verengt sich alles zu einer
Entscheidung, die nicht mehr lange auf sich wird wart en las-
sen. Sie kann, im positiven Falle, nur darin bestehen, daB
ich vor Ende dieses Jahres, und zwar zunachst auf unbe-
schrankte Zeit, heriiberkame.
Ich habe einige Drucksachen an Dich abgesandt. [, . .]
Mein Vertrag mit Rowohlt uber den Essayband ist ab-
513
geschlossen. Ich habe fur dies en noch eine ganze Anzahl
Stiicke fertigzustellen und arbeite zur Zeit an einem „Karl
Kraus" *, der etwa den Umfang des „Green" haben soil.
Das Studium der Literatur iiber Kraus in alien ihren Tei-
len' ist hochst interessant. Meine letzte kleine Arbeit ist
liberschrieben „ Aus dem Brecht-Kommentar" 2 und wird hof-
fentlich in der Frankfurter Zeitung erscheinen. Sie ist ein
erster Niederschlag meines in letzter Zeit sehr interessan-
ten Umgangs mit Brecht. Ich werde sie Dir sofort nach
Erscheinen senden. Es bestand hier der Plan, in einer ganz
engen kritischen Lesegemeinschaft unter Fiihrung von
Brecht und mir im Sommer, den Heidegger zu zertrum-
mern. Leider wird aber Brecht, dem es ziemlich schlecht
geht, sehr bald verreisen und allein nehme ich es nicht auf
mich.
An dieser Stelle erinnere ich mich mit Schrecken der
neuen Walzer, die meinen Schreibtisch dnicken. Ich gebe
Dir einen Begriff davon, wenn ich links Watsons „Behavio-
rismus", rechts Klages „Geist und Leben" nenne.
Was gibt es aus Deiner Arbeit?
Wie es auch immer sei, diirften die beiden vergangenen
Monate von mir aus die letzte lange Pause in unserm Brief -
wechsel gewesen sein. Mit diesen Worten, die so sorgfaltig
verpackt eine Bitte enthalten, will ich schlieBen.
Alles Herzliche Dein Walter
1 Erschien im Literaturblatt der FZ vom 10., 14., 17. und 18. Marz
1931. Jetzt Schriften II, S. 159-195.
2 Erschien im Literaturblatt der FZ vom 6. Juli 1930.
197 An Gerhard Scholem
Zoppot, 15. August 1950
Lieber Gerhard,
ja, Dein Buch l hat mich in Berlin erreicht und ich danke Dir
sehr dafiir. Du hast nun mit Deinem Namen die eigentlichen
514
Forts der Philologie, die Anmerkungen, besetzt und kannst
nun kiinftig Deine Gedanken mit aller Sicherheit in den
Weinbergen und Ackern des GroBgedruckten sich ergehen
und nahren lassen.
Wird es wieder in absehbarer Zeit wieder einmal etwas
deutsches von Dir geben? Damit der, sozusagen, kalten Be-
schamung, die ich beim Empfang Deiner hebraischen Sachen
fiihle, auch wieder einmal eine heiBe beim Lesen f olge.
Es ist friihmorgens, die See larmt vor meinem Fenster. Ich
habe die letzte oder vorletzte Station meiner Reise erreicht
— das ist Zoppot. So schbn die groBe Reise war, die ich hinter
mir habe — bis iiber den Polarkreis und in das nordliche Fin-
land hinein — so war sie doch zu einsam, um ganz zu einer
Erholung zu werden; ich habe auch auf dem Schiff an viel
gearbeitet. Hier aber bin ich mit einem Bekannten und dessen
Frau2 und beginne langsam mich zu erholen, es ist mir, als sei
es nach Jahren das erste Mai. Die Redaktionen grollen weil
ich nichts tue. Ich aber muB die wenigen Gelegenheiten, die
ich im Leben zum Faulenzen habe, ausnutzen. Das hindert
nicht, daB ich mich mit allerhand Nebensachen herumschlage.
Ich habe einen Zyklus „Nordische See" 3 gemacht, den Du
ja wohl in absehbarer Zeit zu sehen bekommen wirst. Auf
dem Schiff habe ich Jouhandeau iibersetzt. Und dann mich
wahrend der ganzen Reise mit den neuesten mythologicis
befaBt. Das eine, [Erich] Ungers „Wirklichkeit, Mythos,
Erkenntnis" wird Dir wohl bereits vorliegen. Dagegen weiB
ich nicht, ob man in Jerusalem schon von dem groBen Werk
von Klages „Der Geist als Widersacher der Seele" spricht.
Was mich betrifft, so habe ich den erstenBand obenhindurch-
gesehen, es mit Exaktheit durchzustudieren, erfordert viele
Wochen. Es ist nun, in welchen Zusammenhangen auch
immer der Verfasser einem suspekt sein und bleiben mag4,
ohne Zweifel ein groBes philosophisches Werk. Es ware vol-
lig miiBig, wenn ich Dir etwa hier andeuten wollte, worum
es sich handelt. Ich habe auch noch keine eigene „Stellung"
zu dem, was darin steht, bezogen. In keinem Falle hatte ich
mir vorstellen konnen, daB ein so hanebiichener metaphysi-
scher Dualismus, wie er bei Klages zugrunde liegt, je sich mit
515
wirldich neuen und weittragenden Konzeptionen verbinden
konne. Seit ich hier seBhaft geworden bin, habe ich mich mit
Ungers Buch beschaftigt und nunmehr davon zwei Drittel
heruntergewiirgt. Ich bin ganz iiberaus enttauscht: so viel
Plumpheit verbunden mit soviel Trockenheit habe ich nicht
oft in einer philosophischen Darstellung angetroffen. Eine
systematische Auseinandersetzung mit dem Kritizismus zur
Grundlage einer Konzeption der mythischen Welt zu machen,
ist zwar vielleicht nicht unmoglich, aber ein so abstruses Ver-
fahren, daB der philosophische Gedanke ans Ziel kommt wie
ein Hungerkiinstler, der mit unsaglicher Miihe die hesperi-
schen Garten aufsucht, um dort seine Kunst zu zeigen. Sprach-
lich ist das Buch unter jeder Kritik. Man ubersieht keinen
Augenblick, wie sehr der Verfasser darauf brennt, nach Er-
ledigung der Formalien, die mit diesem Buch konzediert wird,
nun endlich mit der Zauberei zu beginnen, und dabei die ver-
lorene Zeit, sogut es gehen mag, einzuholen. Gegeniiber den
vorhergehenden Schriften von Unger scheint es mir nichts
neues zu enthalten, nur daB in jenen eine groBere Konzision
und Originalitat herrschte, die die Riicksicht aufs Publikum
hier scheinbar nicht aufkommen lieB. [. . *.]
Ich mochte bald von Dir horen, besonders iiber die Bueher,
von denen ich oben andeutend sprach, dann audi, ob Du seit
der abstoBenden Faselei von [Friedr.] Wolters5 gut gefunden
hast, Dich mit neueren deutschen Sachen zu bef assen. Da ich
den Wolters einmal erwahne - Deinen Heroismus ihn ganz
zulesenhabe ichfreilich nicht aufgebracht-so will ich sagen,
daB das einzig Verwendbare mir, - aus freilich sehr besonde-
ren Konstellationen — die Mitteilungen waren, die da iiber
Schuler zu finden sind. Ich habe mir audi einBandchen nach-
gelassener Bruchstiicke6 zum verborgenen Anstaunen kom-
men lassen. Die Hauptmasse des Nachlasses ist in den Handen
von Klages.
Sei herzlich mit Escha gegniBt
Dein Walter
1 Eine Beschreibung der kabbalistischen Handschriften in Jerusalem.
2 Fritz und Jula Radt.
3 In der FZ vom 18. Sept. 1930. Jetzt „Stadtebilder", S. 47 bis 54.
516
4 Uber seinen Antiseinitismus war sich W. B. vollig klar; vgl. den
Brief vom 14. jamiar 1926.
5 „Stefan George und die Blatter fur die Kunst", Berlin 1950.
6 Aus dem NachlaB von Alfred Schuler.
198 An Gerhard Scholem
Berlin [3. Oktober 1930], PrinzregentenstraBe 66
Lieber Gerhard,
ein Situationsbericht aus der Stille, nur eben damit Du nicht
denkst, es sei die der Verge Blichkeit. Eher schon die der
mancherlei Zurustungen und Bekiimmernisse. Freilich selbst
diese letzeren spielen vorm Hintergrunde schemer besonnter
Wande, wie sie meine neue — nur leider vermutlich sehr pro-
visorische Wohnung einschlieBen. Aus ihrhabe ichDir, glaub
ich,noch nicht geschrieben. Es ist das erste Mai, daB dasLeben
mich in ein Atelier verschlagen hat, das aber klimatisch und
optisch ganz von der Kalte frei ist, die mir dergleichen Unter-
kunft fruher suspekt machte. Neben alien erdenklichen Vor-
ziigen, vor allem dem der tief sten Stille hat es innen- wie auBen-
architektonisch bemerkenswerteste Nachbarschaft. Einerseits,
auf der StraBe, eine neue Synagoge, die ich bis Rosch ha
Schanah l sie einweihte, f iir eine Ausgeburt protestantischen
Theologengeistes im Eirchenbau hielt; andererseits, auf dem
Flur, einen Vetter von mir — Arzt2 - nebst seiner Frau, mit
denen ich erfreuliche Beziehungen unterhalte.
[. . .] Du hast vor vielen Jahren so nahen Anteil an mei-
nem projektierten Angelus novus genommen, daB ich Dir als
einzigem auBerhalb ein Wort dariiber vertrauen mochte, das
vorderhand den Weg zu Deinen Lippen nicht finden moge.
Es handelt sich also urn eine neue Zeitschrift und zwar die
einzige, die meine eingewurzelte Uberzeugung, daB ich mir
mit dergleichen nicht nochmals konne zu schaffen machen,
in der Gestalt zumindest, die sie im Projektenstadium an-
nahm, bezwungen hat. Ich habe diesem Plan zum Verleger
517
Rowohlt .den Weg gebahnt, indem ich mich zum Vertreter
der organisatorischen und sachlichen Losungen machte, die
ich gemeinsam mit Brecht in langen Gesprachen fur diese
Zeitschrift ausgearbeitet habe. Ihre Haltung soil, formal,
eher wissenschaftlich, ja akademisch als journalistisch sein
und sie soil „Krisis und Kritik" heiBen. Rowohlt also ist
durchaus dafiir gewonnen; jetzt wird sich die groBe Frage
erheben, ob es noch moglich ist die Leute, die etwas zu sagen
haben, zu einer organisierten, yor allem kontrollierten Arbeit
zu vereinigen. Daneben besteht die immanente Schwierigkeit
jeder Kollaboration mit Brecht, von der ich freilich annehme,
daB wenn iiberhaupt einer, ich imstande sein werde, mit ihr
fertig zu werden. Um diesen, etwas schalen Andeutungen
einige Wiirze zu geben, fiige ich Dir einen Bogen aus einem
neuen noch nicht erschienenen Buche von Brecht3 bei, der zu
Deiner (und Eschas) ausschlieBlicher Information dient, und
den ich Dich bitte mir umgehend zuriickzusenden.
„Karl Kraus" wachst sich langsam zum Neun-Monats-
Kind aus. Ich bin gewiB, daB das letzte Heft der Fackel, das
den Brief wechsel mit der Literarischen Welt enthalt, schon
in Deinem Besitz ist. Haas gibt da das abschreckende Beispiel
eines echt deutschen Preventivkrieges. Im iibrigen beginnt,
wahrend ich dieses schreibe, eine Offenbachvorlesung von
Kraus, die ich nah daran war zu besuchen. Ich vertroste mich
aber auf eine Vorlesung des „Timon", die im November, im
Rundfunk, stattfindet. Die Erleuchtung, die ich mir gerade
von ihr fiir Kraus wie fiir Shakespeare verspreche, ist be-
trachtlich. [. . .]
Merkwiirdig war mir Dein Hinweis auf [Max] Picard.
Sein Buch werde ich mir beschaff en. Im iibrigen kann es sein,
daB er identisch mit jemandem Namens Picard ist, von dem
vor einigen Wochen in dem Literaturblatt der Frankfurter
Zeitung sehr bemerkenswerte Lektorengutachten publiziert
wurden. Dergleichen verfasse ich jetzt des ofteren fiir Ro-
wohlt. Genau gesagt sind es Obergutachten iiber Manuskripte,
die ihm von den ordentlich bestellten Lektoren empfohlen
werden. Dieses streng unter uns zu halten; ich schreibe es Dir
vor allem, weil ich dergestalt an eine deutsche Ubersetzung
518
der Lebenserinnerungen von Schmarja Lewin4 kam. Mir
standen von ihr aber nur Bruchstiicke zur Verfugung. Ich
bitte Dich mir wenn moglich ein Wort iiber Charakter und
Wert dieses Buches zu sagen.
[...]
Das ist viel neues in kiirze und verdient baldigst mit einem
palastinensischen Situationsbericht erwiedert zu werden.
Alles herzliche Dir und Escha, und NeujahrsgriiBe, die
soviel Jahre vorhalten mogen als sie Tage zu spat kommen
Dein Walter
1 Hebraisch: Neujahrsfest.
2 Dr. Egon Wissing, jetzt in Boston und seine verstorbene Frau Gert,
geb. Feis.
3 „Versuche", Heft 2 (1950).
4 ..Kindheit im Exil".
199 An Gerhard Scholem
Berlin, 3. November, 1930
Lieber Gerhard,
ich war sehr froh, von Dir zu horen. Mit Deinem Briefe
kam der Sonderdruck iiber die Prophetie als Selbstbegeg-
nung. 1 Du kannst Dir schwer vorstellen, mit welchem Ge-
fiihl ich Deiner Arbeit bei diesem Goldbergwerk zusehe. Ich
habe die paar Seiten mit wahrer Spannung gelesen. Dabei
passionierte mich die Niichternheit, mit der die Quellen, von
denen Du sprichst, die mystischen Sachverhalte einordnen
oder zur Debatte stellen. An das Zentraleuropaische Biiro fiir
Selbstbegegnung 2 habe ich die fraglichen Seiten noch nicht
geleitet, gedenke das aber dieser Tage zu tun.
Mit meiner nachsten Sendung wirst Du Programm und
Statut einer neuen Zeitschrift namens „Krise und Kritik"
erhalten, die von Ihering im Verlag Rowohlt als Zweimonats-
zeitschrift herausgegeben werden soil und mich neben Brecht
und zwei, drei andern als Mitherausgeber auf dem Titel
nennt. [. . .]
519
Nun ware mitzuteilen, daB gestern nach langer schwerer
Krankheit meine Mutter gestorben ist und damit meine Ver-
haltnisse in die stretta eingetreten sind, in welcher die Ent-
scheidung iiber die Zukunft fallen muB. [. . .]
Ich lese noch einmal von Deinem Leser in Tunis, Wie
schon und wie wohlgetan von Verfasser und Leser. An mich
schreiben immer nur Irrsinnige.
Nachdenklich habe ich Deine Feststellungen zum Ende der
Balfourpolitik3 gelesen. Sie haben meine langjahrige Vermu-
tung, die schon durchEschasMitteilungenbekraftigt wurden,
gesteigert: die Ahnung namlich, daB Du Dich in der einzi-
gen auf die Dauer wetterfesten Ecke des Zionismus angesie-
delt habest. Fiir heute dieses Kurze aber Herzliche.
Dein Walter
1 Aus der Monatsschrift fiir Geschichte und Wissenschaft des Juden-
tums, 1930.
2 Ernst Bloch, in dessen „Geist der Utopie" dieser Begriff eine Rolle
spielte.
3 1930 begann die offizielle Sabotage der englischen Regierong an der
1917 von ihr selbst inaugnrierten zionistischen Palastinapolitik.
200 An Bertolt Brecht
Berlin-Wilmersdorf, [Ende Februar 1931]
Lieber Herr Brecht,
Von Brentano werden Sie schon gehort haben, daB ich von
der Mitherausgeberschaft der Zeitschrift zuriickgetreten bin.
Natiirlich hatte ich sehr gern alles noch einmal mit Ihnen
besprochen. Aber [Bernard von] Brentano, bei dem ich vor-
gestern mir die ersten Manuskripte - „Der Generalangriff"
von Brentano, „Der KongreB von Charkow" von Kurella,
„Idealismus und Materialismus" von Plechanow — geben lieB
und dem ich die entscheidenden Bedenken sagte, die deren
Lekture in mir erweckt hatten, war der Ansicht, ich miisse
520
meinen EntschluB Rowohlt sofort mitteilen, um ihm nicht
spater eine Handhabe gegen das Unternehmen zu geben.
Sie erinnern sich gewiB unseres Gespraches kurz vor mei-
ner Abreise im Dezember, in dem ich mit Ihnen meine Ab-
sicht erwog, meinen Namen als Mitherausgeber zuriickzu-
ziehen. Die Griinde, die ich Ihnen damals sagte, schienen
Ihnen — von meinem Standpunkt aus — einleuchtend. Aber
natiirlich wollte ich vor weiteren Schritten die Entwicklung
der Zeitschrift abwarten. Nun jedoch nach der Lektiire der
bisher vorliegenden Manuskripte ware ein weiteres Vertagen
zur Zweideutigkeit geworden. Wenn ich die Haltung dieser
Manuskripte mit derjenigen vergleiche, die sich aus der ur-
spriinglichen Bestimmung der Zeitschrift ergab, so stellt sich
heraus :
die Zeitschrift war geplant als ein Organ, in dem Fach-
manner aus dem biirgerlichen Lager die Darstellung der
Krise in Wissenschaft und Kunst unternehmen sollten. Das
hatte zu geschehen in der Absicht, der biirgerlichen Intelli-
genz zu zeigen, daB die Methoden des dialektischen Materia-
lismus ihnen durch ihre eigensten Notwendigkeiten — Not-
wendigkeiten der geistigen Produktion und der Forschung, im
weiteren auch Notwendigkeiten der Existenz - diktiert seien.
Die Zeitschrift sollte der Propaganda des dialektischen Mate-
rialismus durch dessen Anwendung auf Fragen dienen, die
die burgerliche Intelligenz als ihre eigensten anzuerkennen
genbtigt ist. Ich habe Ihnen auch gesagt, wie kenntlich mir
diese Tendenz gerade in Ihren Arbeiten ist, wie sehr zugleich
aber gerade sie mir beweisen, daB die Herstellung solcher
Beitrage, die innerhalb der deutschen Literatur etwas grund-
legend Neues darstellen, sich schwer mit den Erfordernissen
journalistischer Aktualitat verbinden laBt. Nun haben diese
Erfordernisse sich immer spiirbarer gemacht. Am 15. April
soil die erste Nummer erscheinen und von den drei Aufsat-
zen, die vorliegen, kann — welchen Wert sie auch haben
mogen — kein einziger fachmannische Autoritatbeanspruchen.
Der von Plechanow konnte das einmal, das ist aber 25 Jahre
her.
Meine Bereitschaft zur Mitarbeit bleibt vollkommen un-
521
verandert bestehen. Von Rowohlt horte ich, dafi er Wert dar-
auf legt, mich in der ersten Nummer zu haben; ich werde
also fiir die erste Nummer etwas schreiben. Um aber der Zeit-
schrift Arbeiten zuwenden zu konnen, wie sie mir vorschweb-
ten, dazu bediirfte icli leider, bei meiner Arbeitsweise, viel
groBerer Fristen. Solange ich nicht in der Lage bin, solche
grundlegenden Arbeiten beizusteuern und sie auch von ande-
rer Seite nicht vorliegen, kame meine Mitherausgeberschaft
auf die Unterzeichnung cines Aufrufs heraus. Dergleichen
habe ich aber nie vorgehabl;.
Mit freundlicJien GriiBen Ihr Walter Benjamin
201 AnMaxRychner
[Die Abschrift des folgenden Brief es sandte Benjamin Scho-
lem mit folgender Vorbemerkung ein: „Dies habe ich dem
Herausgeber der „Neuen Schweizer Rundschau" auf seinen
Artikel „Kapitalismus und scheme Literatur" — eine Rezen-
sion der gleichnamigen Schrift von Brentano — geschrieben.
Der Artikel wurde mir mit dem Motto : „Dic, cur hie?" zuge-
sandt. Walter"]
Berlin- Wilmersdorf, 7. Marz 31
Cur hie? - Dieses hie, lieber Herr Rychner, ist ein weites
Feld; ich bin nicht sicher, daB Sie mich in dem Sektor auf-
tauchen sehen, den Sie, durch Brentanos Arbeit veranlaBt,
ins Auge fassen. Der meine liegt eher entgegengesetzt, aber
freilich im gleichen Kreise. Es wurde bei weitem die Moglich-
keiten einer schriftlichen Darlegung iiberschreiten, wollte ich
Ihnen auseinandersetzen, was mich zur Anwendung materia-
listischer Betrachtung gefiihrt hat. Und wenn es mir gelange,
so ware immer noch offen, welcher Art diese Anwendung
eigentlich ist. Eines aber will ich. doch gleich zur Sprache
bringen: die denkbar starkste Propaganda einer materialisti-
schen Anschauungsweise hat mich nicht in Gestalt kommuni-
stischer Broschiiren, sondern in der der „reprasentativen"
522
Werke erreicht, die in meiner Wissenschaft - der Liter atur-
geschichte und der Kritik — auf biirgerlicher Seite in den
letzten zwanzig Jahren ans Licht traten. Mit dem, was da die
akademische Richtung geleistet hat, habe ich genau so wenig
zu schaffen wie mit den Monumenten, die ein Gundolf oder
Bertram aufgerichtet haben - und um mich friih und deut-
lich gegen die abscheuliche Ode dieses offiziellen und inoffi-
ziellen Betriebs abzugrenzen, hat es nicht marxistischer Ge-
dankengangebedurft— die ich vielmehr erst sehr spat kennen-
gelernt habe - sondern das danke ich der metaphysischen
Grundrichtung meiner Forschung. Wie weit gerade eine
strenge Beobachtung der echten akademischen Forschungs-
methoden von der heutigen Haltung des biirgerlich-idealisti-
schen Wissenschaftsbetriebs abfuhrt, darauf hat mein Buch
„Ursprung des deutschen Trauerspiels" die Probe gemacht,
indem es von keinem deutschen Akademiker irgendeiner
Anzeige ist gewiirdigt worden. Nun war dieses Buch gewiB
nicht materialistisch, wenn audi bereits dialektisch. Was ich
aber zur Zeit seiner Abfassung nicht wuBte, das ist mir bald
nachher klarer und klarer geworden: daB von meinem sehr
besonderen sprachphilosophischen Standort aus es zur Be-
trachtungsweise des dialektischen Materialismus eine - wenn
auch noch so gespannte und problematische - Vermittlung
gibt. Zur Saturiertheit der burgerlichen Wissenschaft aber
gar keine.
Cur hie? — Nicht weil ich „Bekenner" der materialistischen
„ Weltanschauung" ware; sondern weil ich bestrebt bin, die
Richtung meines Denkens auf diejenigen Gegenstande zu
lenken, in denen jeweils die Wahrheit am dichtesten vor-
kommt. Und das sind heute nicht die „ewigen Ideen", nicht
die „zeitlosen Werte". Sie nehmen an einer Stelle Ihrer Ar-
beit auf meinen Keller- Auf satz in schoner und ehrender
Weise bezug, Aber Sie werden mir zugeben: auch in diesem
Aufsatz war es mein exaktes Bemiihen, die Einsicht in Keller
an der in den wahren Stand unseres gegenwartigen Daseins
zu legitimieren. DaB die historische GroBe einen Standindex
hat, kraft deren jede echte Erkenntnis von ihr zur geschichts-
philosophischen — nicht psychologischen — Selbsterkenntnis
523
des Erkennenden wird, das mag eine recht unmaterialistische
Formulierung sein, ist aber eine Erfahrung, die mich den
hanebiichenen und rauhbeinigen Analysen eines Franz Meh-
ring immer noch eher verbindet, als den tiefsinnigsten Um-
schreibungen des Ideenreiches, wie sie lieute aus Heideggers
Schule hervorgehen.
Sie verstehen, daB ich zu Ihrem kleinen Anruf nicht
schweigen konnte, obwohl ich genau weiB, daB jeder Versuch
schriftlicher Verstandigung in der unmaBgeblichen Brief-
gestalt eben so viel BloBen freigeben muB als er Worte ent-
halt. Da kann man nicht s machen. Vielleicht darf ich auch
annehmen, daB als Sie mir die Frage stellten, an die das hier
Gesagte so locker anschlieBt, es nicht geschah, ohne daB Sie
im Stillen zumindest einige Losungsversuche bei sich erwogen
hatten. Von solchen ware mir der vertrauteste, in mir nicht
einen Vertreter des dialektischen Materialismus als eines
Dogmas, sondern einen Forscher zu sehen, dem die Haltung
des Materialist en wissenschaftlich und menschlich in alien
uns bewegenden Dingen fruchtbarer scheint als die idealisti-
sche. Und wenn ich es denn in einem Worte aussprechen soil:
ich habe nie anders f orschen und denken konnen als in einem,
wenn ich so sagen darf, theologischen Sinn — namlich in Ge-
maBheit der talmudischen Lehre von den neunundvierzig
Sinnstufen jeder Thorastelle. Nun*. Hierarchien des Sinns
hat meiner Erfahrung nach die abgegriffenste kommunisti-
sche Plattitiide mehr als der heutige biirgerliche Tiefsinn, der
immer nur den einen der Apologetik besitzt.
Indem ich Sie fiir diese Improvisation um Verzeihung
bitte — vor einem Schweigen hat sie nur den Vorzug der Hof -
lichkeit — darf ich Ihnen zugleich vielleicht sagen, daB Sie
fundiertere Antworten auf die von Ihnen gestellte Frage als
ich expressis verbis heute Ihnen zu geben vermag, zwischen
den Zeilen eines Essays „Karl Kraus" finden diirften, der
demnachst wohl in der frankfurter Zeitung" erscheinen
wird.
Mit freundschaftlichem GruB Ihr Walter Benjamin
524
202 [Gerhard Scholem an Walter Benjamin]
Jericho, 30. Marz 1931
Lieber Walter,
ich halte mich eine Woche in Jericho auf, mit Nichtstun und
dergleichen beschaftigt, als Preparation auf den nachste
Woche falligen Besuch meiner Mutter und meines Bruders
in Jerusalem; morgen fruh fahre ich zu einer kleinen Reise
aufs Tote Meer, auf dem ich all diese Jahre noch nie gewesen
bin. In meinen MiiBiggang hinein traf en deine beiden Brief -
kopien, die der Briefe an Brecht und Rychner, die also fur
einen „Originalbrief" zu stehen haben. Der Brief an Brecht
erfiillt meine Erwartung, die ich schon die ganze Zeit iiber
hegte, daB aus dieser Zeitschrift, von der du mir schriebst,
nichts werden kann, ohne daB ich in Unkenntnis der Details
viel dazu sagen konnte. Dagegen mochte ich dir einiges zu
dem andern Brief sagen, den ich als gewissermaBen auch an
mich als Mitadressaten gerichtet empfinde. Ich bedauere sehr,
den Aufsatz Rychners nicht zu kennen, der vielleicht reelle
Einsichten enthalt. Das was sich aber zu deinem Brief sagen
laBt, ist vermutlich unabhangig davon — die Frage die cur
hie? ist jedenfalls gut formuliert. Ich bitte dich, meine Be-
merkungen im selben Geist des Wohlwollens als Abbreviatur
zu wiirdigen, den du vom Leser jenes Brief es zu erwarten
berechtigt warst.
Seitdem ich mehr oder weniger umfangreiche Proben jener
Betrachtung von Angelegenheiten der Literatur im Geist des
dialektischen Materialismus aus deiner Feder kenne, bef estigt
sich in mir auf eine klare und bestimmte Weise die Einsicht,
daB du in dieser Produktion in einer selten intensiven Art
Selbstbetrug begehst, was zumal dein bewunderungswurdiges
Essay iiber Karl Kraus (das ich lei der nicht hier unten habe)
mir aufs bedeutsamste dokumentiert. Die von dir ausgespro-
chene Erwartung, daB ein off enbar so verstandnisvoller Leser
wie Herr Rychner in diesem Essay in auch nur irgendeinem
Sinne eine Rechtfertigung deiner Sympathien fiir den dialek-
tischen Materialismus „zwischen denZeilen" werde zufinden
525
wissen, scheint mir vollig triigerisch: vielmehr wird das ge-
naue Gegenteil derFall sein, worunter ich folgendes verstehe:
Es ist jedem unbefangenen Leser deiner Arbeiten, scheint
mir, klar, daB du in den letzten Jahren dich zwar, entschul-
dige wenn ich sage: krampfhaft, bermihst, deine zum Teil
sehr weitreichenden Einsichten in einer der kommunistischen
denkbar angenaherten Phraseologie vorzutragen, daB aber
— und hierauf scheint es mir anzukommen — eine verbliiffende
Fremdheit und Beziehungslosigkeit besteht zwischen deinem
wirklichen und deinem vorgegebenen Denkverfahren. Du ge-
winnst Deine Einsichten nicht etwa durch eine strenge An-
wendung einer materialistischen Methode, sondern vollstan-
dig unabhangig davon (bestenfalls), oder (schlechtestenfalls,
wie in manchen Arbeiten aus den letzten zwei Jahren) durch
ein Spielen mit den Zweideutigkeiten und Interf erenzerschei-
nungen dieser Methode. Wie du selbst vollig zutreff end Herrn
Rychner schreibst, wachsen deine eigenen und soliden Er-
kenntnisse aus der, sagen wir kurz, Metaphysik der Sprache,
welche recht eigentlich das ist, womit du, zu unverstellter
Klarheit gelangt, eine hochbedeutende Figur in der Geschichte
kritischen Denkens sein konntest, der legitime Fortsetzer der
fruchtbarsten und echtesten Traditionen eines Hamann und
Humboldt. Das ostensible Bemuhen dagegen, diese Resultate
nun in einen Rahmen einzuspannen, in dem sie sich plotzlich
als Scheinresultate materialistischerUberlegungen darstellen,
bringt ein ganz fremdes, mit Leichtigkeit von jedem intelli-
genten Leser loszulosendes Form-Element herein, das deiner
Produktion in dieser Zeit den Stempel des Abenteuerlichen,
Zweideutigen und Volteschlagerischen aufdriickt. Du wirst
verstehen, daB ich einen so demonstrativen Ausdruck nicht
ohne groBtes "Widerstreben gebrauche; aber wenn ich mir
zum Beispiel die geradezu phantastische Diskrepanz vergegen-
wartige, die in einer so groBartigen und zentralen Arbeit wie
der liber Kraus zwischen der wahren und der durch die
Terminologie vorgestellten Methode klafft, wie da plotzlich
alles hinkt, well die Einsichten des Metaphysikers iiber die
Sprache des Burgers, ja sagen wir selbst iiber die des Kapita-
lismus, auf kunstliche und eben nur allzu leicht durchschau-
526
bare Weise identifiziert werden mit denen des Materialisten
xiber die okonomische Dialektik der Gesellschaft dergestalt,
daB es scheinen mochte, als ob sie auseinander hervorgingen!
— so bestiirzt es mich, mir sagen zu rmissen, daB diese Selbst-
tauschung nur moglich ist, weil du sie willst, und mehr: daB
sie nur dauern kann, solange sie nicht auf die materialistische
Probe gestellt wird. Die vollige GewiBheit, die ich behaupte,
dariiber zu haben, was deinem Schrifttum geschehen wiirde,
wenn es sich beifallen lieBe, innerhalb der kommunistischen
Partei zu erscheinen, ist recht trubselig. Ich jglaube fast, du
willst diesen Schwebezustand, und miiBte doch jedes Mittel
begriiBen, ihn zu beenden. DaB deine Dialektik nicht die des
Materialisten ist, der du sie anzunahern strebst, wiirde sich in
dem Moment eindeutig klar, explosiv, herausstellen, wo du
als typischer Konterrevolutionar und Bourgeois, wie es nicht
ausbleiben konnte, von deinen Mitdialektikern entlarvt wer-
den wiirdest. Solange du fur Burger iiber Burger schreibst,
kann es dem echten Materialisten ganz gleich, ich mochte
sagen: schnuppeegal sein, ob du dich der Illusion hinzugeben
wunschst, mit ihm einig zu sein. Im Gegenteil: er miiBte
eigentlich jedes Interesse haben, dialektisch gesehen, dich in
ihr zu bestarken, da dein Dynamit auf jenem Terrain ver-
mutlich auch ihm erkennbar starker sein konnte als seines.
(Vergleichbar etwa, entschuldige die Parallele, wie er in
Deutschland gewisse psychoanalytische Bolschewisten a la
Erich Fromm ermutigt hat, die er in Moskau umgehendst
nach Sibirien schicken wiirde.) In seinem eigenen Lager kann
er dich nicht brauchen, da die rein abstrakte Identification
eurer Spharen dort bei den ersten Schritten ins Zentrum
hinein auffliegen muB. Da du nun selbst gewissermaBen von
der anderen Ecke her an einem gewissen in suspenso-Zu-
stand eures illegitimen Verhaltnisses interessiert bist, so
kommt ihr ganz gut miteinander aus; es fragt sich nur, um
auch dies geziemend zu sagen, wielange noch bei einem so
zweideutigen Verhaltnis die Moralitat deiner Einsichten,
eines deiner kostbarsten Giiter, gesund bleiben kann. Denn
es ist nicht so, wie du es vielleicht siehst, daB du dich fragst,
wie weit man versuchsweise mit der Haltung des Materiali-
527
sten etwa kommt, da du evidentermaBen diese Haltung bei
deinem schopferischen Verfahren noch nie und in keinem
Falle eingenommen hast, und wie ich glaube, als alter Theo-
loge sagen zu diirfen, auch ganzlich unfahig bist, es mit
Erfolg zu tun. Und da bei einer gewissen Robustheit des
Entschlusses, die ich glaube in diesem speziellen Falle bei
dir voraussetzen zu diirfen, die Projizierung deiner Erkennt-
nisse, die wie du so wahr sagst im theologischen Verfahren
gewonnen sind, auf die materialistische Terminologie recht
und schlecht, mit einigen unumganglichen Verschiebungen,
denen nichts im Abzubildenden entspricht, denkbar ist -
dialectica dialecticam amat — so konnt ihr es schon noch lange
miteinander halten, namlich genau so lange, wie die Um-
stande es euch gestatten, in eurer Zweideutigkeit zu verhar-
ren, was bei den obwaltenden historischen Verhaltnissen noch
sehr lange sein kann. So sehr ich also bestreite, daB es etwas
gegeben hat, was dich, wie du an Rychner behauptest, zur
Anwendung materialistischer Betrachtung gef iihrt hat, zu
der deine Produktion vielmehr keinerlei echten Beitrag lie-
fert, so sehr verstehe ich, daB du zu der Selbsttauschung ge-
kommen bist, die Einfiihrung einer gewissen Tendenz und
Terminologie, in der Klassen und Kapitalismus, wenn auch
kaum deren Gegenteil vorkommen, in die Metaphysik, mache
deine Betrachtungen zu materialistischen. Das sichere Mittel,
die vollige Wahrheit meiner Ansicht nachzuweisen, namlich
den Eintritt in die K. P. D., kann ich dir freilich nur ironisch
empfehlen. Denn wie weit eine strenge Beobachtung der ech-
ten materialistischen Forschungsmethoden von der idealen
Haltung des metaphysisch-dialektischen Wissenschaftsbetrie-
bes abf iihrt (um deine Formulierung zu variieren) — diese
Probe zu machen, die nur als capitis diminutio deiner Exi-
stenz enden kann, bin ich als Freund doch nicht imstande,
Dir so ohne Weiteres anzuraten. Ich neige eher dazu anzu-
nehmen, daB es mit dieser Verbindung eines Tages genau so
unversehens aus sein wird, wie es angefangen hat. Wenn ich
mich darin irre, so werden die hohen Unkosten dieses Irrtums,
wie ich fiirchte, von dir getragen werden, was zwar paradox,
aber der dann entstandenen Situation nur angepaBt ware: du
528
warest zwar nicht das letzte, aber vielleicht das unbegreif-
lichste Opfer der Konfusion von Religion und Politik, deren
Herausarbeitung in ihrer echten Beziehung von niemand
deutlicher erwartet werden durfte als von dir. Aber, wie die
alten spanischen Juden zu sagen pflegten: was die Zeit kann,
kann auch der Verstand.
Uber anderes ein anderes Mai. Ich warte immer auf Briefe
von dir, vielleicht setzt dieser hier deine Fiillfeder in polemi-
sche Rotation!
Sei aufs herzlichste gegriiBt Dein Gerhard
203 An Gerhard S cholera
Berlin- Wilmersdorf, 17. April 1931
Lieber Gerhard,
es ist mir ebenso unmoglich, deinen groBen Brief heute schon
zu beantworten als dir den Empfang noch langer unbestatigt
zu lassen. Ich bewundere die Generositat, die aus seiner hand-
schriftlichen Abfassung spricht; sie sagt mir, daB du nicht
einmal eine Abschrift dieses Dokuments dir gesichert hast.
Desto sorgsamer wird es bei mir verwahrt werden. Darunter
bitte ich dich nicht „verborgen" zu verstehen oder „vergra-
ben". Nein, es stent vielmehr so, daB ich der Aufgabe, die
dieser Brief mir stellt, gerecht zu werden, eine gewisse Chance
nur habe, wenn ich die Antwort planmaBig vorbereite. Und
dazu ist der erste Schritt, was du geschrieben hast, mit einigen
mir Nahestehenden durchzugehen. Das ist in erster Linie der
dir noch unbekannte Gustav Gliick, kein Schriftsteller, son-
dern ein hoherer Bankbeamter, daneben vielleicht noch Ernst
Bloch. Im iibrigen konnte es meine Basis, die von Haus aus
schmal genug ist, verbreitern, wenn du Einblick in das
ensemble der Brechtschen „Versuche" nahmest. Kiepenheuer,
der sie verlegt hat, ist nachster Tage bei mir und da werde ich
versuchen, die Folge fur dich herauszuschlagen. Im iibrigen
habe ich dir vor Wochen den hochbedeutenden Aufsatz iiber
529
die Oper aus den „Versuchen" geschickt, aber du hast dazu
nichts geauBert. Ich komme auf diese Dinge, weil dein Brief,
ohne die Absicht zu haben, weiter als ad hominem zu argu-
mentieren, meine eigene Position durchschlagt, um projektil-
haft ins Zentrum der Stellung zu treff en, die eine kleine aber
wichtigste avantgarde hier zurzeit besetzt halt. Vieles von
dem, was mich dazu gefuhrt hat, mich mehr und mehr mit
Brechts Produktion solidarisch zu machen, ist gerade in dei-
nem Brief e zur Sprache gebracht; das heiBt aber, Vieles in
jener, dir noch unbekannten Produktion selbst.
Du wirst am Klange dieser Zeilen bemerken, daB deine
naheliegende Erwartung, mit deinem Briefe eine polemische
AuBerung von meiner Seite zu provozieren, nicht in Erfiil-
lung gehen kann. Wie er denn iiberhaupt keine expansive
oder aff ekthafte Reaktion bei mir zur Folge haben kann, aus
dem Grunde, weil meine Situation viel zu prekar ist, um mir
dergleichen leisten zu konnen. Es fallt mir doch im Traume
nicht ein, Unfehlbarkeit, ja auch nur Richtigkeit in anderm
Sinne, als dem des notwendig, des symptomatisch, des pro-
duktiv Falschen von ihr zu behaupten. (Mit solchen Satzen
ist wenig getan, aber ich muB versuchen, - da du im Groflen
von so weit her so genau erkannt hast, was hier gespielt
wird — dir nun auch vom Geringeren, den reflexiven Ober-
tonen sozusagen, eine Vorstellung zu geben.) Insbesondere
sollst du nicht meinen, daB ich das Schicksal meiner Sachen in
der Partei, bezw, die Dauer einer moglichen Parteizugehorig-
keit betreffend, die mindesten Illusionen habe. Aber kurz-
sichtig ware es, diesen Umstand nicht fur abanderungsfahig
zu halten, wenn schon unter keiher kleineren Bedingung als
der einer deutschen bolschewistischen Revolution. Nicht als
ob eine siegreiche Partei im geringsten zu meinen heutigen
Sachen ihre Stellung revidieren wiirde, wohl aber in dem
anderen, das sie mir anders zu schreiben moglich machen
wiirde. Das heiBt: ich bin entschlossen, unter alien Umstan-
den meine Sache zu tun, aber nicht unter jedem Umstand ist
diese Sache die gleiche. Sie ist vielmehr eine Entsprechende.
Und' falschen Umstanden richtig — d. i. mit „Richtigem" —
zu entsprechen, das ist mir nicht gegeben. Das ist auch, so-
530
lange man als Einzelner besteht und zu bestehen gesonnen
ist, gar nicht wiinschenswert.
Ein anderes ebenso provisorisch zu Formulierendes : es gibt
die Frage der Nachbarschaft. Wo liegt meine Produktions-
anstalt?- Sie liegt — audi dariiber hege ich nicht die mindesten
Illusionen - in Berlin W. W. W., wenn du willst. Die aus-
gebildetste Zivilisation und die „modernste" Kultur gehoren
nicht nur zu meinem privaten Komfort, sondern sie sind zum
Teil geradezu Mittel meiner Produktion. Das heifit: es liegt
nicht in meiner Macht, meine Produktionsanstalt nach Ber-
lin O. oder N. zu verlegen. (In meiner Macht stiinde, nach
Berlin O. oder N. zu iibersiedeln, aber dort anderes zu tun,
als ich hier tue. Ich gebe zu, daB sich das aus moralischen
Griinden vielleicht fordern lieBe. Ich werde vorderhand sol-
dier Forderung aber nicht nachkommen; ich werde sagen,
daB es mir, gerade mir und sehr vielen, deren Position der
meinen gleich ist, ganz unverhaltnismaBig schwer gemacht
wird). Aber willst du mir wirklich verwehren, mit meiner
kleinen Schreibfabrik, die da mitten im Westen liegt, ganz
einfach aus dem gebieterischen Bedurfnis, von einer Nach-
barschaft, die ich, aus Griinden, hinzunehmen habe, mich zu
unterscheiden - willst du mir mit dem Hinweis, das sei ja
nichts als ein Fetzchen Tuch, verwehren, die rote Fahne zum
Fenster herauszuhangen? Wenn man schon „gegenrevolutio-
nare" Schriften verfaBt — wie du die meinen vom Partei-
standpunkt aus ganz richtig qualifizierst - soil man sie der
Gegenrevolution auch noch ausdrucklich zur Verf ugung stel-
len? Soil man sie nicht vielmehr denaturieren, wie Spiritus,
sie - auf die Gefahr hin, daB sie ungenieBbar fur jeden
werden - bestimmt und zuverlassig ungenieBbar fur jene
machen? Kann die Deutlichkeit, mit der man sich von den
Verlautbarungen, der Sprache von Leuten unterscheidet, die
im Leben zu vermeiden man immer besser lernt, jemals zu
groB sein? Ist sie in meinen Schriften nicht eher zu klein und
ist sie in anderer Richtung zu vergrbBern als der kommu-
nistischen?
Wenn ich in Palastina ware - sehr moglich, daB die Dinge
dann ganz anders lagen. Deine Stellung in der Araberfrage
531
beweist, daB es dort noch ganz andere Methoden eindeutiger
Differenzierung von der Bourgeoisie gibt als hier. Hier gibt
es sie nicht. Hier gibt es nicht einmal die. Denn mit einem
gewissen Recht konntest du, was ich eindeutig nenne, den
Hohepunkt der Zweideutigkeit nennen. Gut, ich erreiche ein
Extrem. Ein Schiffbriichiger, der auf einem Wrack treibt,
indem er auf die Spitze des Mastbaums klettert, der schon
zermiirbt ist. Aber er hat die Chance, von dort zu seiner
Rettung ein Signal zu geben.
Durchdenke dies alles doch bitte genau, Mache mir, wenn
du kannst, einen Gegenvorschlag.
Fiir heute, und um dich nicht warten zu lassen, nur noch
die herzlichsten GriiBe
Dein Walter
204 [Gerhard Scholem an Walter Benjamin]
Jerusalem, 6. Mai 1931
Lieber Walter,
dein kurzer Brief macht mich etwas verlegen, da er am SchluB
eine Stellungnahme von mir verlangt, die ich zu dem, was du
dort vorbringst, gar nicht haben kann. Du schilderst deine
Situation noch einmal. Nun — es ist ja nicht das eben, was
ich zur Sprache bringen wollte. Ich habe weder die Eigenart
deiner Situation in einer biirgerlichen Welt bestritten, noch
die (selbstverstandliche) Berechtigung, sich in historischen
Entscheidungen auf die Seite der Revolution zu schlagen,
noch die Existenz des traurigen Phanomens Nachbarschaft
oder Schwache oder wie man es sonst nennen will. Und mit
Recht sagst du ja, daB dein Brief noch keine Antwort auf das
bildet, was ich vorbringe: namlich nicht, daB du kampfst,
sondern daB du unter einer Verkleidung kampfst, daB du in
deinem Schrifttum in immer steigendem MaBe einen mate-
rialistischen Wechsel ausstellst, den einzulosen du schlechter-
dings unfahig bist, und zwar unfahig gerade aus dem Ech-
532
testen und Substantiellsten heraus, was du hast oder bist. Ich
bestreite ja nicht, daB man eventuell schreiben kann wie
Lenin, ich greife nur die Fiktion an, als ob man dies tate,
wahrend man gerade etwas ganz Anderes tut. Ich behaupte,
daB man in dieser Spannung der Zweideutigkeit zwar leben
kann (ja es ist sogar das, was ich befiirchte), aber eben, urn es
einmal sehr scharf auszudriicken, daB man dabei zugrunde
geht, weil - und dies ist ein Punkt, auf den ich am meisten
bei dir gebe — die Moralitat der Einsichten in dieser Existenz
verlumpen muB, und dieses Gut ist nun einmal lebenswichtig
und kann nicht und in keinem Fall neutralisiert werden. Du
schreibst, mein Brief ginge nicht nur dich, sondern auch
manche Andern an, mit denen du ihn durchzusprechen geneigt
seiest. Nun, ich kann das nur begriiBen, und daB er Ernst Bloch
angeht, ist auch mir evident, wie du vielleicht schon aus dem er-
kennen kannst, was ich dir uber sein Buch [„Spuren"] geschrie-
ben habe. [. . .] Du schreibst : mache einen Gegenvorschlag.
Der konnte nur lauten, dich zu deinem Genius zu bekennen,
den zu verleugnen du zu Zeiten so aussichtslos versuchst. Zu
leicht schlagt Selbstbetrug in Selbstmord um, und der deine
ware, weiB Gott, mit der Ehre der revolutionaren Recht-
glaubigkeit zu teuer bezahlt. Dich gefahrdet das Verlangen
nach Gemeinschaft, und sei es selbst der apokalyptischen der
Revolution, mehr als das Grauen der Einsamkeit, das aus so
manchen deiner Schriften spricht, und auf das ich freilich
einen hoheren Einsatz zu machen bereit bin als auf die Meta-
phorik, mit der du dich um deine Beruf ung betriigst.
Herzlichst Dein Gerhard
205 An Gerhard Scholem
Berlin, 20. Juli 1931
Lieber Gerhard,
Eine stille Sonntagnacht und eine noch stillere Gemiitsver-
f assung will ich nutzen um wieder einmal von mir horen zu
535
las sen. Ein wenig bekiimmert mich freilich die Perspektive,
daB Du audi diesmal wieder iiber elliptische und lakonische
Wendungen, mangelhafte Informationen und fadenscheinige
Argumente Klage fiihren wirst. Ohne Deinen letzten Brief
gerade vor mir zu haben - ich werde ihn aber noch einmal
lesen, ehe ich diesen absende - steht mir in Erinnerung, daB
er von miBvergniigten Hinweisen auf solche Stil- und Denk-
mangel durchzogen ist. Nun mogen diese Dinge liegen wie sie
wollen — ich will fur einen Augenblick sogar voraussetzen,
sie lagen genau so wie sie Dir erscheinen - so mufit Du Dir
einsichtigerweise doch sag en, daB dies Verhaltnisse und Ent-
wicklungen - das Werk von Lebensumstanden und Jahren -
sind, die sich aus der Feme nur unendlich schwer lenken, in
die Feme nur unendlich schwer darstellen lassen. Wenn ich
das ausspreche, so ist es weiB Gott nicht, um mich hinter
einer spanischen Wand der Kontrolle und noch viel weniger
Deiner Freundschaft zu entziehen. Ich bleibe bis zuletzt zur
Rechenschaft bereit, aber die laBt sich schriftlich um so viel
weniger geben als es sich ja - wie jedes Kind erkennen kann -
auf meiner Seite keineswegs um blanke Standpunkte, sondern
um eine Entwicklung handelt, und zwar um eine, welch e sich
unter den schwersten Spannungen vollzieht. Dabei meine
[ich] jetzt viel weniger innere Spannungen privater Natur
(nein, was das betrifft, so ist mir selten soviel innere Ruhe
zuteil geworden wie in diesen letzten Monaten), ich meine
die Spannungen des politischen, gesellschaftlichen Lebens-
raumes, von denen kein Mensch und am wenigsten ein Schrif t-
steller bei seinen Arbeiten absehen und von denen er noch viel
weniger auf drei oder vier Briefseiten einen ausreichenden
Begriff geben kann. Gerade heute habe ich mich vergewissert,
daB die „Versucheu von Brecht an Dich abgegangen sind.
Deine Frage, was denn die mit den Gegenstanden unserer
Korrespondenz zu tun hatten, beantworte ich mit dem Hin-
weis, dafi wir uns von einer brieflichen Thesendebatte gar
nichts versprechen konnen, daB hier soviel wie moglich die
aufrichtige sachliche Mitteilung einzutreten und die der
Brechtschen „Versuche" darum ganz besondere Bedeutung
hat, weil diese Schriften die ersten ^ wohl verstanden: dichte-
534
rischen oder literarischen — sind, fur die ich als Kritiker ohne
(offentlichen) Vorbehalt eintrete, weil ein Teil meiner Ent-
wicklung in den letzten Jahren sich in der Auseinanderset-
zung mit ihnen abgespielt hat und weil sie scharfer als alle
andern Einblick in die geistigen Verhaltnisse geben, unter
denen die Arbeit von Leuten wie mir sich hierzulande voll-
zieht. Denn das kommt dazu, daB Du nur eine unvollkom-
mene Vorstellung von den gesellschaftlichen und politischen
Verhaltnissen haben kannst, unter denen hiergearbeitet wird.
Gar nicht zu reden von den materiellen, die meine Existenz
- ohne irgend ein Vermogen, ohne irgend ein f estes Einkom-
men — mit der Zeit zu einem Paradoxon gemacht haben, vor
dessen Anblick ich manchmal selber in einen stupor des Stau-
nens versinke. Kurz: es ware ganz gewiB an der Zeit, daB wir
uns wiedersahen, und ich hoffe, die Aussichten dafiir sind bei
Deiner Europareise im nachsten Jahr besser als Du sie augen-
blicklich darstellst. Inzwischen ware es sehr wunschenswert,
wenn Du mir Abziige mindestens von Deinen Arbeiten in
deutscher Sprache zugehen lieBest; ich habe seit endloser Zeit
nichts mehr bekommen.
Zur Zeit versuche ich mich an einer Anzeige des Kafka-
schen NachlaBbandes die ungemein schwierig ist. Ich habe
fast sein ganzes Werk letzthin - teils zum zweiten, teils zum
ersten Male — gelesen. Da beneide ich Dich um Deine jerusa-
lemitischen Zauberer; das ware ein Punkt uber den sie zu
befragen mir lohnend scheint. Vielleicht winkst Du mir mit
einer Andeutung heriiber. Auch wirst Du Dir ja schon gele-
gentlich Separatgedanken uber Kafka gemacht haben.
[...]■
Es ist ein rechter Jammer, daB die Universitat kein Geld
hat. Hatte ich welches — ich habe meine bisherigen Verhalt-
nisse nun in solchem Grade .bereinigt, daB der EntschluB
nach Palastina xiberzusiedeln mir nicht schwerer fiele als vor
die Tiir zu gehen. Es ware der richtige Augenblick. Aber
meine „richtigen Augenblicke" teilen meinen Schicksalsweg
leider fast immer, nach dem Gesetze des apollonischen Schnitts,
von auBen. Konnte ich Deutschland verlassen, so ware es,
535
meiner Meinung nach, hbchste Zeit. Ich halte es nach allem
was ich erf ahre - und meine Inf ormationen sind gewohnlich
sehr gut - fur iiberaus fraglich, ob der Beginn des Biirger-
krieges langer als bis zum Herbst auf sich warten laBt. Hast
Du in Deutschland zu disponieren, so ware es wohl richtig,
diese Erwagung inRechnung zu stellen. Ob Deutschland jetzt
eine Anleihe von zwei Milliarden bekommt oder nicht, diirfte
deswegen an der Sache nur wenig andern, weil die Summe
viel zu gering ist.
Wie ist der letzte ZionistenkongreB zubeurteilen? Ichhabe
nur die Informationen der Frankfurter Zeitung zu sehen be-
kommen, weil sie mir ein Ehrenabonnement ausgesetzt hat.
Indem ich nun also bei den lacherlichsten Details meines
Daseins bereits angelangt bin, will ich fiir heute schlieBen.
Ich hoffe, sehr bald von Dir zu hbren
Herzlichst Dein Walter
206 An Gerhard Scholem
[3. Oktober 1931]
Lieber Gerhard,
ich sehe es ganzlich ein: ich muB nun endlich von mir hbren
lassen, um nicht berechtigte Verstimmung bei Dir heraufzu-
rufen. Die Zeitverhaltnisse machen einem das AuBere aller-
ding schwerer und schwerer. Andererseits bieten ja Deine
letzten Mitteilungen fiir sich allein Stoff genug. Deine Aus-
kunft auf meine Frage nach den Umstanden des Zionismus
hat mich sehr bewegt: es war ein Schreiben media in vita, aus
der Mitte des Lebens, in der im Fernen des Geplanten schon
das Nahbild des Wirklichgewordenen, im Nahbild des Ver-
wirklichten das Fernbild des Entworfenen noch sichtbar ist.
Ich werde ihn, bevor ich diese Zeilen schlieBe, noch einmal
lesen. Eine rmindliche Kunde dieser Dinge, die sich nicht mit
der Klarheit Deiner schriftlichen vergleichen kann, kam mir
im Lauf der letzten Wochen — oder schon Monate? — durch
536
[Heinz] Pflaum, dem ich einmal auf der Bibliothek begegnet
bin. [. . .]
Dann kam vor einigen Tagen, nach einer hebraischen
Sendung, fur die ich Dir sehr danke, Dein Blatt iiber Rosen-
zweig l, den ich mit starkstem Anteil und, wenn ich als Am
Hoorez diesen Ausdruck gebrauchen darf, volliger Beistim-
mung las. Irre ich nicht, so ist es doch vielleicht angezeigt,
derartige zusammenfassende Betrachtungen, in denen doch
wohl immer entscheidende Fermente auch aus Deinen deut-
schen Lehrjahren sich vorfinden werden, selbst dann deut-
schen Lesern zuganglich zu machen, wenn sie sich nicht auf
deutsche Biicher beziehen, Eine friihere Sendung, in der Du
eine mystische Kabbalabetrachtung von einem neueren — ich
glaube englischen — Gelehrten besprichst, habe ich auch dem
Leo Strauss zuganglich gemacht. Hans Kohn, der jetzt im
Auftrage der Frankfurter Zeitung iiber RuBland berichtet,
ist Dir — zum Unterschied von mir — ja wahrscheinlich per-
sonlich bekannt2. Sein letztes Referat iiber die Lage der Reli-
gionen in RuBland ermangelte, wie mir schien, markanter
Gedanken.
Kamst Du in absehbarer Zeit auf zehn bis zwolf Tage nach
Berlin, so wiirdest Du vielleicht auf nicht weniger Merkwiir-
digkeiten stoBen als andere Leute in Moskau. Aber sie sind
truber, sowohl im Gesamtaspekt als von mir her gesehen. Die
Wirtschaftsordnung Deutschlands hat soviel festen Grund
wie die hohe See und die Notverordnungen uberschneiden
sich wie die Wellenkamme. Die Arbeitslosigkeit ist im Be-
griff, die revolutionaren Programme genau so antiquiert zu
machen wie es mit den wirtschaftspolitischen bereits gesche-
hen ist. Denn allem Anschein nach sind die faktisch von den
Massen der Arbeitslosen delegierten bei uns die National-
sozialisten; die Kommunisten haben bisher den notwendigen
Kontakt mit diesen Massen und damit die Moglichkeiten
einer revolutionaren Aktion nicht gefunden, indem die Ver-
tretung der Arbeiterinteressen in jedem konkreten Sinne durch
das phantastische Heer der Reservearmee immer mehr eine
reformistische Aufgabe wird und vermutlich auch von den
Kommunisten kaum anders besorgt werden konnte als die
537
Sozialdemokraten es tun. Jeder, der noch im Betrieb steht,
ist heute durch diese bloBe Tatsache schon einer Arbeiter-
aristokratie zugehorig, indessen bei den Arbeitslosen off enbar
ein riesiger Rentnerstand, natiirlich mikroskopischen For-
mats, im Entstehen ist; ein untatiges Kleinbiirgertum, dessen
Lebenselement Hasard und Nichtstun ist und dessen Tag mit
der philistrosen Genauigkeit ablauft mit der bescheiden[e]
Spieler in denrBadeorten den ihren verleben.
[. . .]
Der Verlag Piper, der zuletzt die Rechte auf den Proust
an sich gebracht hatte, ist zu meiner groBen Satisfaktion
pleite gegangen. Es war unmoglich, mit diesen Leuten zu
arbeiten und nunmehr hat mein dilatorisches Verhalten sich
ihnen gegeniiber bewahrt. So neige ich zu kleinem Bastel-
kram, wie Besprechungen, und lese gerade den „ Vergil" von
Theodor Haecker, den der vom Wallace-Verleger Goldmann
sanierte Hegner herausgebracht hat3. Es ist soviel Heils-
geschichte wie irgend mbglich in das schmale Bandchen ge-
preBt; desto erfreulicher sind einige profane Stellen, wo der
Verfasser es weniger frommen und begabten Leuten deutsch
gibt. Dann liegen da neben mir die Fahnen von Schmarja
Levins „ Childhood in Exile", natiirlich die deutsche Uber-
setzung. Willst Du sie geschenkt haben? Nur bitte schreibe
mir gleichzeitig, was ich en attendant mit ihnen anfangen
soil? Besprechen? Lesen? (letztere beiden Fragen bitte ich
Dich nicht als Alternative verstehen zu wollen.) Unergriind-
liche bibliographische Studien haben mich auf folgende An-
gabe gefiihrt: A. Scholem: Allerlei fur Deutschlands Turner,
Berlin 1885. Da wliBte ich denn doch gerne, ob es sich um
eine posthume Begegnung mit Deinem Vater handelt?4
Und, da wir beim Bibliographischen sind, zum SchluB
noch eine erfreuliche, aber mit auBerster Diskretion zu be-
handelnde Tatsache: der groBte deutsche Lichtenberg-Samm-
ler hat mich, gegen ein monatliches Entgelt, mit der Durch -
f iihrung einer von ihm begonnenen aber nicht abgeschlossenen
Lichtenberg-Bibliographie betraut. Den von mir angelegten
Zettelkatalog muBtest Du sehen. Da ist denn wenigstens eine
meiner judischen Passionen - leider die belangloseste — zu
538
ihrem Recht gekommen und, wie Du zugeben wirst, am wiir-
digsten Gegenstande. Ich glaube, der Katalog wird ein Wun-
derwerk, das man unter den Juden offentlich zeigen kann,
etwa wie eine Synagoge aus Strohhalmen. Mehr brauche ich
wohl nicht zu sagen, um die Bibliothek zu einer Subscription
zu veranlassen, auf ein Exemplar, fur das icb ihr eine loh-
nende Widmung versprechen konnte.
Es ist noch viel Raum auf dem Blatt, aber das Post Script
will auch leben.
Sehr herzlich Dein Walter
PS Der Mensch denkt — aber immer zu kurz. Da ich nun
im Begriff bin, uber der nochmaligen Lektiire Deines letzten
Briefes zum post-script zu kommen, liegt der angefangene
Bogen zu hause und ichhabe nurdies zurHand. Sobekommst
Du, wenn schon von sonst nichts, einen Begriff von den beiden
Extremen, zwischen denen sich meine Papiersorten bewegen. 5
— Es geht mir ein, was Du von Kafka schreibst. Eng mit Dei-
nen korrespondierende Gedanken sind mir in den Wochen,
in denen ich der Sache naher trat, ebenfalls gekommen.
Eine provisorische Zusammenfassung habe ich ihnen in einer
kurzen Notiz zu geben gesucht, dann aber die Sache, weil ihr
meine Krafte im Augenblick nicht entsprechen, beiseite ge-
legt. Inzwischen bin ich mir klar dariiber geworden, daB ich
den entscheidenden AnstoB vermutlich von dem ersten und
schlechten Buch iiber Kafka, das ein gewisser Johannes [Jo-
achim] Schoeps6 aus dem Kreise Brods vorbereiten soil, erhal-
ten werde. Ein Buch wiirde mir gewifi meine Klarstellungen
erleichtern; je schlechter es ist, desto besser. Uberrascht hat
mich in einigen Ge'sprachen, die in besagte Wochen fallen,
Brechts iiberaus positive Stellung zu Kafkas Werk. Er schien
den NachlaBband sogar zu verschlingen, wahrend Einzelnes
aus ihm mir bis heute Widerstand geleistet hat, so groB war
mir die physische Qual beim Lesen. Im iibrigen fehlt.es mir
an erfreulicher Lektiire und - wenn ich von einigen Begeg-
nungen mit Stefan absehe — an allem Erfreulichen sonst.
[. . .] Im iibrigen wird die Verengerung des Lebens- und
Schreibraumes (und vom Denkraum nicht zu sprechen) im-
mer schwerer ertraglich. Ausgreifende Planungen sind ganz-
539
lich unmoglich. Jeder groBere Essay ist Produkt einer
Konzentration, die mit seinem Wert kaum mehr im Verhalt-
nis zu stehen scheint und es gibt Tage, und Wochen, wo ich
nicht ein noch aus weiB.
Ich unterbrach mich, urn Deine Kennzeichnung der Lage
im Zionismus noch einmal zu lesen. Das ist mit der starksten
Teilnahme und, ich glaube, mit soviel Verstandnis geschehen
als Du nur wiinschen kannst. Ich jedenfalls betrachte diese
Zeilen von Dir7 als eine Art historischen Dokuments. Es
sollte mich wundern, wenn nicht jede eingehendere Infor-
mation, die ich von Dir erhielte, mein Einverstandnis mit
Deiner Haltung 8 prazisieren wiirde, ja, vorstellbar ware mir,
daB auf dem Wege iiber diese Fragen wir zu einer tiber-
raschenden Verstandigung in jenem andern, nur sehr schein-
bar ihnen fremden, gelangen wiirden, die seit einiger Zeit
zwischen uns off en sind. So oft es Dir moglich ist, von Deinen
Erfahrungen in dieser Ordnung der Dinge mir etwas mit-
zuteilen, sei es brieflich, sei es auch nur durch Ubermittlung
von Dokumenten, bitte ich Dich sehr dringend, es zu tun.
Und nun noch einmal alles Gute und Herzliche.
1 Eine Kritik des „Sterns der Erlosung", die in Scholems „Judaica"
wieder abgedruckt ist.
2 Er lebte bis 1933 in Jerusalem.
3 Von W. B. in der „Literarischen Welt" vom 5. Febr. 1932 bespro-
chen. Jetzt Schriften II, Seite 315-323.
4 In der Tat. Scholems Vater war jahrelang in der Berliner Turner-
schaft sehr aktiv, bis der Antisemitismus in ihr iiberhandnahm.
5 Ein sehr schones Biitten und hauchdiinnes durchsichtiges Papier.
6 Hans Joachim Schoeps, jetzt Professor an der Universitat Erlangen.
7 Es war ein sehr langer Brief, fast der einzige, von dem — auBer den
drei-eben mitgeteilten Nr. 195, 202, 204 - eine Abschrift erhalten ist.
8 Scholem war ein aktives Mitglied einer Gruppe in Palastina, die aus
alt en Zionisten bestand, sich aber fur eine Umorientierung der zionisti-
schen Politik den Arabern gegeniiber einsetzte und deswegen heftigen
Angriffen ausgesetzt war.
540
207 An Gerhard Scholem
[28.0ktoberl95l]
Lieber Gerhard,
Dein letzter, vom 20ten datierter Brief, hat mich so stark
und freudig betroffen, daB die - — in unserer Korrespondenz
in der Tat sensationelle — Folge diese postwendende Antwort
ist. Du bist ja Kenner meiner Arbeit und vor allem: Biblio-
graph genug, um, auch ohne daB ich Dir je Andeutungen
daruber gemacht hatte, mein Verhaltnis zu meinen Sachen
und insbesondre zu der Art meiner Publizitat vorstellen zu
konnen. Der mir selbst manchmal storenden Bedenklichkeit,
mit der ich demPlan irgendwelcher „GesammeltenSchriften"
von mir gegeniiber stehe, entspricht die archivalische Exakt-
heit, mit der ich alles von mir Gedruckte verwahre und
katalogisiere und wenn ich von der okonomischen Seite der
Schriftstellerei absehe, darf ich sagen, daB fur mich die paar
Blatter und Blattchen, in denen sie auftreten, mir das anar-
chische Gebilde einer Privatdruckerei darstellen. Daher ist
auch das Hauptobjektiv meiner publizistischen Strategic,
alles, was ich verfasse — von einigen Tagebuchnotizen ab-
gesehen — um jeden Preis zum Druck zu befordern und ich
darf sagen, daB mir das — unberufen — seit etwa vier oder
fiinf Jahren gelungen ist. Das Ensemble meiner Schriften
diirfte - mit Ausnahme von Ernst Bloch [...]— wohl iiber -
haupt nur Dir bekannt sein. Und darum hat die innige Billi-
gung, die Du da in Deinem letzten Brief e fur das Unschein-
barste darin — diese paar Briefnotizen — gefunden hast, fur
mich einen unvergleichlichen Wert der Bestatigung. 1 Ware es
einer Steigerung fahig, so wiirden die Bemerkungen iiber das
Didaktische und die Krisis, die es in meinen Darstellungs-
mitteln herbeifuhrt, sie eintreten lassen. Schmerzhaft freilich
ist die Andeutung iiber die Passagenarbeit — Du hast erkannt,
daB die Studie iiber Photographie2 aus Prolegomena zu ihr
hervorging; aber was wird es da je mehr geben als Prole-
gomena und Paralipomena; das Werk zustande zu bringen
daran konnte ich nur denken, wenn meine Arbeit auf zwei
541
Jahre sichergestellt ware, die es seit Monaten nie mehr auf
eben so viel Wochen ist. Trotzdem freilich - und trotzdem
ich nicht die mindeste Vorstellung von dem habe, „was wer-
den soil" — geht mirs gut. Ich kbnnte sagen — und gewiB
haben die materiellen Schwierigkeiten ihren Anteil daran —
ich komme mir zum ersten Mai in meinem Leben erwachsen
vor. Nicht nur: nicht jung mehr, sondern erwachsen, indem
ich eine der vielen in mir angelegten Daseinsformen nahezu
realisiert habe; die eigene Wohnung, die ich seit kurzem
habe, gehort auch mit dazu. Ich habe einen der - wahrschein-
lich kurzen, voriibergehenden - Augenblicke erreicht, wo ich
mich niemandem mehr abzufragen und die Bereitschaft habe,
den verschiedensten Mobilisierungsbefehlen zu folgen. Der
gegenwartige Ausdruck davon ist nichts anderes als die
lacherliche Vielgestaltigkeit meiner simultan unternomme-
nen Arbeiten. Da ist die Brief reihe, die fortgeht; da ist ein
etwas eingehenderer physiognomischer Versuch, die Zusam-
menhange des Kantischen Schwachsinns (im Alter) mit seiner
Philosophie darzustellen3, daneben eine vernichtende Rezen-
sion des Haeckerschen Vergil, ein Lektorat bei einem Ton-
filmpreisausschreiben, bei dem ich ungefahr 120 Entwiirfe in
der Wpche lese und beurteile, eine kurze Studie iiber Paul
Valery 4, die Du in der nachsten Sendung vorfinden wirst, und
ich weiB nicht ob die Reihe vollstandig ist. NimmstDu hinzu,
daB die Einsamkeit das Privileg reicher oder mindestens
okonomisch gesicherter Existenzen ist, so begreifst Du, daB
meine freien Abende selten und die vergebenen nicht immer
angenehm sind. (Mein nachster Umgang ist seit ungefahr
einem Jahr Gustav Gliick5, Direktor der Auslandsabteilung
der Reichskreditgesellschaft, von dem Du eine Art Portrat-
abriB - cum grano salis zu verstehen — in dem „Destruktiven
Charakter" fmdest, den ich Dir iibersandte. Du erwahntest
ihn nicht?)
Da wir einmal bei der Physiognomik sind: ich mochte wohl
sehen was ein Kenner aus der Bildausstattung meiner Woh-
nung machen wjirde. Noch hangt nicht alles, aber schon gebe
ich mir mit Schrecken Rechenschaft, daB in meiner Kommu-
nistenzelle - wenn ich von einem kleinenGeburtstagsgemalde
542
von Stefan absehe — nur Heiligenbilder hangen: der alte
dreikopfige Christus, den Du kennst, eine Nachbildung eines
byzantinischen Elfenbeinreliefs, ein Trickbild — drei ver-
schiedene Heiligendarstellungen, je nachdem wie man drauf-
blickt - aus dem bayerischen Wald, ein Sebastian und als
einziger Botschafter der Kabbala der Angelus Novus, zu
schweigen von der „Vorfiihrung des Wunders" die audi von
Klee ist. Vielleicht tust Du gut den Herren [Chanoch] Rein-
hold6 darauf vorzubereiten. Im iibrigen wird er sehr gut
empfangen werden, es ist schon lange niemand mit einer so
guten Empf ehlung zu mir gekommen. Vielleicht wird er mir
auch einiges Wissenswerte iiber die Situation des Zionismus
mitteilen kbnnen; aber vor allem sind hier all Deine Mit-
teilungen meiner gespanntesten Aufmerksamkeit sicher. Im
iibrigen ist Dir vielleicht Deines entsprechenden Berichts im
vorletzten Brief e nicht mehr erinnerlich [sic]; er ging sehr
tief in die Sache ein. Ich ware bereit, Dir eine Kopie davon zu
senden: ichkbnnte mir denken, daB sie Dir wichtig ware. Eine
Kopie meiner Ant wort an Rychner — mit der Bitte um Riick-
gabe — anbei; die Haecker-Rezension wird entsprechende
Gedanken wie ich hoffe konziser enthalten.
Mittlerweile ist es Mitternacht und ich will hier Schlufl
machen. Du wirst diesen Brief wieder sehr kurz finden, aber
Du sollst einmal sehen, wie schmachtig in der Hand eines
100 Jahre spateren Mitarbeiters der Frankfurter Zeitung,
wenn er die No 999 der Brief serie unseres Brief wechsels
walzt, der Band mit Deinen und wie dick der mit meinen
erscheinen wird.
Sehr herzlich Dein Walter
1 Es handelte sich um die ersten, spater in dem Band „Deutsche Men-
schen" zusammengefaBten „Briefe" in der Frankfurter Zeitung.
2 Veroffentlicht in der „Literarischen Welt" vom 18. Sept., 25. Sept.
und 2. Okt. 1951. Jetzt in „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner tech-
nischen Reproduzierbarkeit", Ffm. 1963.
3 Allerhand Menschliches vom groJSen Kant. „Literarische Welt",
11. Dezember 1951.
4 In der „Literarischen Welt" vom 50. Okt. 1931,
5 Jetzt Vorstandsmitglied der Dresdner Bank in Frankfurt a. M.
6 Jetzt Generaldirektor des Unterrichtsministeriums von Israel. Er
hatte Scholem in Jerusalem besucht.
543
208 An Gerhard Scholem
[20. Dezember 1951]
Lieber Gerhard,
es ist nun wieder Weihnacht geworden, oder wie wir die Zeit
nach jiidischemKalender bezeichnen mogen, und wider meine
besten Vorsatze hat sich eine lange Pause in unserem Brief -
wechsel eingeschoben. Urn immerhin auch solche Intermun-
dien [!] zwischen meinen Nachrichten informatorisch urbar
zu machen kannst Du ruhig annehmen, daB sie Schauplatze
eines gesteigerten Existenzkampfes sind. In der Tat hat mich
ja die Besiedlung einer eigenen Wohnung okonomisch vor
schwierige Aufgaben gestellt. Wahrend mein Schlafzimmer
noch nicht aussieht, wie ichs mir wunsche — es war vorher als
die [Eva] Boy1, von der ich die Wohnung iibernahm, noch
ihre lichten Mobel drin hatte, schoner als mit den antiken,
finsteren zum Teil erborgten, mit denen ich es jetzt ausstatten
muBte — also urn auf das Arbeitszimmer zu kommen, so ist
seine Einrichtung zwar auch nicht abgeschlossen, aber schbn
und bewohnbar ist es. Auch stehen nun meine ganzen Biicher
und selbst in diesen Zeiten sind sie mit den Jahren von 1200
- die ich doch langst nicht alle behalten habe - auf 2000
angewachsen. Merkwiirdigkeiten hat dies Arbeitszimmer:
einmal besitzt es keinen Schreibtisch; im Lauf der Jahre bin
ich durch eine Reihe von Umstanden, nicht nur durch die
Gewohnheit viel im Cafe zu arbeiten sondern auch durch
manche Vorstellungen, die sich an die Erinnerung meines
alt en Schreibtisch-Schreibens anschlieBen, dazu gekommen,
nur noch liegend zu schreiben. Von meiner Vorgangerin habe
ich ein Sofa von wundervollster Beschaff enheit zum arbeiten
- zum schlafen ist es ziemlich unbrauchbar - ubernommen,
das, wie ich einmal von ihr horte, friiher fur eine alte ge-
lahmte Dame gezimmert worden ist. Dieses also ist die erste
Merkwiirdigkeit und die zweite ein sehr weiter Blick iiber das
alte zugeschuttete Wilmersdorfer Luch, oder wie es auch hieB,
den Schrammschen See — beinahe l'atelier qui chante et qui
bavarde — noch dazu jetzt bei der Kalte zwei Eisbahnen und
544
f erner zu alien Jahrzeiten eine Uhr im Blickf eld ; besonders
diese Uhr wird mit der Zeit ein scliwer entbehrlicher Luxus.
Leider ist der Wohnungspreis von der Art, als seien all diese
optischen Ausstattungsgegenstande in ihn eingerechnet.
Eine geradezu infernalische Ironie will es, daB kaum daB
ich diese Zeilen geschrieben hatte, ein bis dato nie vernom-
menes — und vielleicht erst seit kurzem dort befindliches —
Klavier unmittelbar unter dem Arbeitszimmer sich vernehm-
bar macht. Das ist einfach ein Schrecken. Aber so fassungslos
ich bin, bleibt mir nichts iibrig als weiterzuschreiben. Da ist
denn mein erstes, Dich auf ein Buch hinzuweisen, iiber das
ich Dein Votum baldigst und dringend erbitte. Ich habe in
den letzten zwei, drei Tagen alles beiseite gestellt, um mir
dafiir Zeit zu schaffen und stehe nun auf den letzten Seiten.
Es liegt ja wohl auch bei euch schon auf, wenn diese Zeilen
eintreffen, und heiBt „der Untergang des Judentums". Der
Verfasser Otto Heller arbeitet hier in der Redaktion der kom-
munistischen Zeitung „ Berlin am Morgen". Sonst weiB ich
nichts von ihm und vielleicht ist er Dir besser bekannt. Ob-
wohl das Buch untadelhaft orthodox im Parteisinn ist, sollen
die offiziellen Instanzen dem Autor alle erdenklichen Schwie-
rigkeiten machen. Wie immer Du zu dem Buch stehen magst,
wirst Du es gerechtfertigt finden, daB ich meine Enthaltung
von judaistischer Lektiire in diesem Falle durchbrach. Die
Ungereimtheit und Abstrusitat der materialistischen Analyse
der jiidischen Religion, die man mit in Kauf nehmen muB,
ist ja auch mir schlieBlich evident, dafiir entschadigen mich
aber Aufklarungen iiber die neueste Entwicklung der Juden-
politik in SowjetruBland, indem sie mir nicht nur ganz neue
Einblicke in das jiidische Geschehen sondern auch in die
russischen Dinge, ja anhand des Kartenmaterials bis ins
Geographische hinein geben. DaB der Verfasser alle Fragen,
die die Kulturpolitik, geschweige denn die geistige Entschei-
dung der Juden betreffen, vbllig beiseite gelassen hat, ist
klar; auf der andern Seite aber ist in seinen Prognosen und
bevolkerungsstatistischen Angaben - die gewiB nicht neu
sind- doch viel enthalten was sehr nachdenklich machen muB.
Ich denke diese meine Fragen und Zweifel werden ausrei-
545
chend sein, das Buch bei Dir einzuf uhren, wenn es nicht schon
in Deinen Handen ist.
Urn noch weiter von kleinen Schrift-und-Leseepisoden zu
reden, so bin ich durch den Herausgeber, der es mir sandte,
auf eines der groBartigsten und erschiitterndsten Documents
humains geraten: das Leben von Pestalozzi in den Zeugnissen
derer die ihn gekannt haben. Man kann xiber biirgerliclie
Erziehung wohl schwerlich mitreden, ohne sich diese Physio-
gnomie zu vergegenwartigen, von der, wie ich mir habe er-
zahlen lassen, in seinen beriihmten padagogischen Romanen
fast nichts in Erscheinung tritt; in seinem personlichen Wir-
ken und seinem MiBgeschick - er hat sich am Ende seines
Lebens mit Hiob verglichen - dagegen alles.
Nun muB ich aber einen andern Ton anschlagend, fest-
stellen, daB Du — im Gegensatze zu jiidischen und zu christ-
lichen Duldern — unersattlich bist und kaum daB Du nach
zahllosen Interventionen meinerseits Deine Brecht-Bande er-
halten hast (die ich hierdurch, riickwirkend, feierlich zu
Geburtstagsgeschenken ernenne) schon wieder nach einem
Kommentar schreist. Auf die Gefahr hin, Deinem anstbBigen
Snobismus zu hochster Befriedigung zu verhelfen, werde ich
Dir in der Tat in der nachsten Sendung (freilich mit der
Bitte um postwendende Riicksendung) das seit Dreiviertel-
jahren bei der Frankfurter Zeitung befindliche „Epische
Theater" von mir im Manuscript zusenden. Jedes weitere
Ansinnen in dieser Richtung jedoch ablehnend verweise ich
Dich auf den ersten Band der Versuche, wie er, mit einem
langen handschriftlichen Glossar von mir jederzeit in meiner
Bibliothek zu Deiner Verfiigung stent. Auch Deinen Brief
uber Zionismus will ich Dir in Abschrift zuriicksenden und
damit um weitere Mitteilungen zur Sache gebeten haben.
Dagegen mochte ich auf Deine iiberaus eingreifendeFrage-
stellung betreffend das Verhaltnis der kommunistischen Dog-
matik zu den Forschungsergebnissen der mathematischen
Physik heute nur mit dem JEIinweis eingehen, daB die Frage
mir seit der niederschmetternden Erfahrung, die ich in Riga
mit dem Versuch, Bucharins ABC des Kommunismus mir
anzueignen machte, gelaufig ist. Eine Antwort weiB ich nicht,
546
indem ja der Nutzen den der Vulgarmaterialismus fur ge-
wisse Teile der Volksaufklarung hat, keine ausreichende ist.
Und wie nun der dialektische jenen vulgaren Materialismus
zu so feinem Garn ausspinnen mag, daB auch so seltene Vogel
wie Du und ich darin gefangen werden — das weiB ich nicht.
Nur denke ich manchmal, daB die „Vier grauen Weiber" aus
dem zweiten Teil des Faust Spinnerinnen sind, die auch den
grobsten Flachs fein kriegen.
Und somit alles Herzliche in die zwolf heidnischen Nachte
hinein !
Dein Walter
1 Eva van Hoboken, geb. Hommel, die sich als Kiinstlerin Eva Boy
nannte.
209 An Gerhard Scholem
[Ibiza], 22. April 1932
Lieber Gerhard,
kein Zweifel, daB das Kuvert Deine Verwunderung erregen
wird, zurual wenn Du den Stempel entziffern kannst. Im
Augenblick, da Du Dich den europaischen Metropolen zu-
wendest1, habe ich mich auf den entlegensten Winkel zuriick-
gezogen. Das kam iiberraschend wie - nach einer alten und
zutreffenden Erkenntnis von Dir — das meiste was mich be-
trifft und ist in erster Linie das Ergebnis meiner aus uner-
warteten Einkiinften und langeren Perioden der Diirre so
merkwiirdig genahrten Wirtschaftslage. Kurz, die merkantile
Konjunktur des Goethejahrs gab mir unvorhergesehene etliche
Hunderte zu verdienen und gleichzeitig kam die Nachricht
von dieser Insel mir durch Noeggerath zu, der samt Familie
einen Exodus dahin plante. Ich habe mich also am 7. April
wie der — wie schon einmal vor sechs Jahren auf den Fracht-
dampfer „ Catania" begeben und bin in elftagiger anfangs
sehr stiirmischer Fahrt bis Barcelona, von dort hierher ge-
kommen, wo ich Noeggerath bereits vorfand. Wie abenteuer-
547
lich die Ankunft hier verlief, wie den letzten AnstoB zur
Reise fiir ihn und mich ein Mann gab, der alsbald - nicht
ohne ihn empfindlich, mich ebenfalls unangenehm geschadigt
zu haben - sich als polizeilich gesuchter Hochstapler dar-
st elite, welcher ihm ein Haus auf der Insel vermietet hat, das
er garnicht besaB — das sind Dinge, die sich vor einem Kamin-
f euer besser erzahlen als brieflich. Wie dem nun sei — ich bin
heute den dritten Tag hier und bitte Dich, so bald wie nur
moglich mir hierher an die untenstehende Adresse Nachricht
zu geben.
Wie sich mein Sommer ferner gestaltet, hangt wohl im
wesentlichen von okonomischen Dingen ab. Aus der zuletzt
iiber alle Begriffe anspannenden berliner Erwerbs- und Ver-
handlungsschmach zu entrinnen, war dies jedenfalls die ein-
zige Gelegenheit. Auch durfte sie keinen Tag verschoben
werden, um die sparlichen Mittel nicht zu vermindern, von
behordlichen Schwierigkeiten zu schweigen. Du wirst dies
verstehen, wenn ich Dir sage, daB ich hier in einem Hause
fiir mich allein lebe, drei Mahlzeiten zwar sehr provinzieller
Art und mit jedwedem gout du terroir - im ganzen aber
delikate - einnehme und fiir all dies taglich 1,80 Mark zahle.
Danach begreift es sich von selbst, daB die Insel wirklich
seitab des Weltverkehrs und auch der Zivilisation liegt, so
daB man auf jede Art von Komfort verzichten muB. Man
kann es mit Leichtigkeit, nicht nur der inneren Ruhe wegen,
die die bkonomische Unabhangigkeit sondern auch der Ver-
fassung wegen, die diese Landschaft einem mit gibt; die
unberiihrteste, die ich jemals gefunden habe. Wie Ackerbau
und Viehzucht hier noch archaisch betrieben werden, nicht
mehr als vier Kiihe auf der Insel sich finden, weil die Bauern
an der uberkommenen Wirtschaft mit Ziegen festhalten,
keinerlei landwirtschaftliche Maschinen zu sehen sind und
die Bewasserung der Felder wie vor Jahrhunderten durch
Schopfrader geschieht, die von Maultieren in Betrieb gesetzt
werden, so sind auch die Interieurs archaisch : drei Stiihle an
der Zimmerwand gegeniiber dem Eingang treten dem Frem-
den sicher und gewichtig entgegen als seien es drei Cranachs
oder Gauguins an der Wand; ein sombrero iiber einer Stuhl-
548
lehne macht sich groBartiger als eine Draperie kostbarer
Gobelins. Endlich die Gelassenheit und Schonheit der Men-
schen — nicht nur der Kinder — und dazu das fast ganzlicbe
Freisein von Fremden, das man durch sparsamste Informa-
tionen iiber die Insel zu wahren hat. Leider ist das Ende all
dieser Dinge von einem Hotel zu befurchten, das am Hafen
in Ibiza errichtet wird. Immerhin ist es noch nicht nahe an
der Vollendung und wir nicht in der Hauptstadt der Insel
sondern einem kleinen und entlegnen Ort. Noeggerath ist mit
seiner Frau und Schwiegertochter, sowie seinem Sohn hier,
der eine Dissertation bei Gamillscheg [?] iiber den Dialekt
der Insel verfaBt. Nach Aufdeckung des Hochstaplerschwin-
dels, die nicht viel Zeit in Anspruch nahm, hat er die Erlaub-
nis zum mietfreien Wohnen auf ein Jahr in einem ganzlich
im argen liegenden steinernen Bauernhause bekommen, das
er auf seine Kosten herrichten muB. Seine Begleitung ist sehr
nett und nicht im mindesten storend. Er selbst hat mit den
Jahren etwas verloren.
Morgen werde ich vermutlich beginnen zu arbeiten. Durch
besagtes verbrecherisches Subjekt bin ich insofern betroffen
als ich ihm meine Wohnung vermietet hatte; nun steht sie
leer — denn die Kriminalpolizei ist hinter ihm her — und ich
muB die Miete selbst aufbringen. Die Dauer meines Aufent-
halts hangt in etwas von den Arbeitsmoglichkeiten ab, die ich
vielleicht nicht iiberschatzen darf, jedenfalls so lange ich, wie
im Augenblick in der Nachbarschaft einer Schmiede eihquar-
tiert bin. Was in der letzten Zeit gedruckt erschien, geht
gleichzeitig an Dich ab; dazu muBt Du Dir zwei groBe
Rundfunkstiicke denken : „ Was die Deutschen lasen wahrend
ihre Klassiker schrieben" und „Radau um Kasperl"; beide
sind mit groBem Erfolg aufgefiihrt worden. Jetzt bin ich
vom Berliner Rundfunk mit einem „Lichtenberg" beauftragt
worden, den ich auf jenem Mondkrater, der nach Lichtenberg
benannt ist, beginnen lassen will (denn so einen gibt es doch
wohl). Es ist mir sonderbar, nun wieder alles mit der Hand
schreiben zu miissen, aber wie Du siehst absolviere ich mein
Training durch unbegrenzte Briefe.
Noch ist es hier nicht heiB ; groBe Glut soil erst der August
549
bringen. Dann wirst Du, wie ich meine, in Berlin sein und
vielleicht sehen wir uns dort. Sonst konnte ich mir wohl vor-
stellen, daB wir uns irgendwo zwischen Turin und Nizza oder
audi in Turin selbst etwa im Juni Rendez-vous geben.
Warum hat Barcelona gar keine kabbalistischen Handschrif-
ten? Schreibe in jedem Falle Deine Dispositionen gleich.
Nun bin ich ganz matt vor Hammergeklirr und Hahne-
krahen und schlieBe, vorbehaltlich eines PS mit den herz-
lichsten GriiBen
Dein Walter
PS Nun erst konnte ich Deinen letzten Brief nochmals
lesen, lieber Gerhard, und es fallt mir aufs Herz, daB Du
audi in Rom wieder so lange auf ihn warten muBtest. Aber
konntest Du Dir eine Vorstellung von der Schwierigkeit
dieser meiner letzten Ablosung von Berlin machen und wie
noch die letzte Stunde vor der Abfahrt meiner Redaktions-.
arbeit fur die Literarische Welt zur Verfiigung gestellt wer-
den muBte, um das Notige zu beschaffen. Immer hoffe ich
doch, daB der herzliche Wunsch fur eine gute Reise, den ich
Dir sage, nicht zu spat kommt. Mochte sie gut fur uns beide
werden. Mit welcher Erwartung wiirde ich dem merkwurdi-
gen Herren Oko2 und dem wundertatigen Schocken3 ent-
gegenschreiten. Ich lese zum zweiten Mai die Chartreuse de
Parme. Hoffentlich kannst Du Dir dies zweite Mai auch ein-
mal gonnen. Es gibt kaum Schoneres. — Aber es dammert. Ich
will schlieBen ehe die Kerzen kommen, wenn welche da sind.
1 Scholem war vom April bis November 1932 auf einer Reise durch
italienische und westeuropaische Bibliotheken mit kabbalistischen
Hand schrift ens ammlungen.
2 Adolph Oko (1883-1944), Bibliothekar in Cincinnati, der damals
einen Besuch in Palastina gemacht hatte und sich in Europa aufhielt.
3 Salman Schocken (1877-1959), damals Inhaber eines groBen Waren-
hauskon2erns und bedeutender jiidischer Sammler, der gerade begon-
nen hatte, den Schocken Verlag aufzubauen, welcher spater im jiidi-
schen Buchwesen eine hervorragende Rolle gespielt hat.
550
210 An Gretel Adorno
[Ibizal932]Friihjahr
Liebe Gretel Karplus,
wie es so geht — 12 Stunden, nachdem ich meinen letzten
Brief an Sie hatte abgehen lassen, erhielt ich den Ihrigen,
durch den ich mich unendlich erleichtert fuhle. Vielleicht ist
es nur das Unvermbgen, eine Reihe von wolkenlosen Tagen
in sich aufzunehmen wie sie kommen was zu so beklemmen-
den Fragen fiihrt, wie sie in meinem letzten Brief e umgehen.
Es dauert ja lange bis man sich an eine klimatisch so fremde
Situation anpaBt, wenn nicht ein gewisser Hotelkomfort sich
vermittelnd zwischen das Land und uns stellt. Und wie weit
wir davon hier entfernt sind, entnehmen Sie aus dem beilie-
genden Bildchen. Nach wochenlanger Arbeit ist es nun den
Bekannten, die dieses Hauschen nach jahrelangem Verfall
wieder zum Leben erweckten, gelungen, etwas ganz Wohn-
liches daraus zu machen. Das Schonste ist der Blick aus dem
Fenster auf das Meer und eine Felseninsel, die nachts ihren
Leuchtturm mir hereinscheinen laBt und die Abgeschieden-
heit der Bewohner gegeneinander durch eine kluge Raum-
ordnung und beinahe meterdicke Wande, die keinenTon (und
keine Hitze) durchlassen. Ich fuhre ein Leben wie die Hun-
dertjahrigen es als Geheimnis den Reportern anvertrauen:
aufstehn um sieben Uhr und im Meer baden, wo weit und
breit kein Mensch am Ufer zu sehen ist und allenf alls nur in
der Hohe meiner Stirn ein Segler am Horizont, darauf , gegen
einen gefiigigen Stamm im Walde gelehnt, ein Sonnenbad,
dessen heilsame Krafte durch das Prisma einer gideschen
Satire (Paludes) auf den Kopf ubergreifen und dann ein
langer Tag der Enthaltung von all den zahllosen Dingen —
weniger weil sie das Leben verkiirzen als weil es sie garni cht
gibt oder so schlecht, daB man sie gerne beiseite laBt - elek-
trisches Licht und Butter, Schnapse und flieBendes Wasser,
Flirt und Zeitungslektiire. Denn die Einsichtnahme in die
mit einer Woche Verspiitung erscheinenden Exemplare der
Frankfurter Zeitung hat einen schon mehr epischen Charak-
551
ter. Wenn Sie dazunehmen, daB audi meine ganze Post an
Wissing geht - der mir bisher noch kein einziges Schrift-
stiick gesandt hat — so sehen Sie, daB ich nicht iibertrieben
habe. Sehr lange bin ich bei Biichern und Schreibereien seB-
haft gewesen; erst in den letzten Tagen habe ich mich von
meinem Uferstreifen emanzipiert und einige groBe einsame
Marsche in die noch grb'Bere, noch einsamere Gegend ge-
macht. Auf ihnen erst bin ich zum deutlichen BewuBtsein
gekommen in Spanien zu sein. Diese Landschaften sind, von
alien bewohnbaren, bestimmt die sprodesten, unberiihrtesten,
die ich gesehen habe. Einen deutlichen Begriff von ihnen zu
geben ist schwer, sollte es mir am Ende gelingen, so wird es
Ihnen nicht verborgen bleiben. Vorlaufig habe ich wenig in
dieser Absicht notiert, dagegen mich dabei uberrascht, die
Darstellungsform der EinbahnstraBe fiir eine Anzahl von
Gegenstanden wieder aufzunehmen, die mit den wichtigsten
dieses Buches zusammenhangen. Vielleicht kann ich Ihnen
davon in Berlin etwas zeigen. Dann werden wir auch iiber
Korsika sprechen. Ich finde es sehr schon, daB Sie das gesehen
haben; es gibt dort wirklich sehr Spanisches in der Land-
schaft; aber so harte und gewaltige Ziige grabt, glaube ich,
der Sommer dort doch nicht ins Land. Hoffentlich haben Sie
auch ein paar Tage in dem wunderbar stillen und altmodi-
schen Grandhotel in Ajaccio gewohnt. Wie Wiesengrund es
in Marseille gemacht hat, miissen Sie mir auch eingehend
erzahlen. Ich glaube, im Laufe der nachsten Wochen werde
ich wieder hindurchkommen ; aber iiber die genauen Termine
kann ich mir niemals recht schliissig werden. Sie werden das
begreif en, wenn Sie bedenken, daB ich hier fiir einen kleinen
Bruchteil dessen lebe, was ich in Berlin brauche; ich ziehe
daher den Aufenthalt so lange hin wie nur mdglich [hin] und
werde nicht vor Anfang August zunicksein. Bis dahin hoff e
ich aber noch sehr von Ihnen zu horen.
Ja, wenn ich mir, durch Ihren Brief, der mich sehr erfreut
hat, ermutigt, um ein kleines Geschenk bitten darf, so ware
es, mir eine kleine Tiite (Kuvert) rauchbaren Tabaks als
„Muster ohne Wert" herzuschicken — [...] Es gibt auf der
Insel iiberhaupt keinen rauchbaren.
552
Auch ich (habe) von Daga einen Brief bekommen und von
ihrer Mutter [Asja Lacis], kurz vor meiner Abreise, audi
einen. Im iibrigen war ich vierzehn Tage ganz im Russischen
versunken: ich habe erst die Geschichte derFebruarrevolution
von Trotzki gelesen und bin jetzt im Begriff, seine Auto-
biographie zu beendigen. Seit Jahren glaube nichts mit
so atemloser Spannung in mich aufgenommen zu haben,
Ohne jede Frage miissen Sie beide Biicher lesen. Wissen Sie
ob der zweite Band der Geschichte der Revolution — Oktober —
bereits erschienen ist * ? Demnachst nehme ich wieder Gracian
vor und werde wohl etwas dariiber schreiben.
Nun noch alles Gute und Freundliche
Ihr Walter Benjamin
l Erst 1933 erschienen.
211 An Gerhard Scholem
San Antonio, Ibiza, 1. Juni 1932
Lieber Gerhard,
mit Besorgnis nehme ich zur Kenntnis, daB Du eine Ab-
teilung fur katholische Theologie in Deiner Bibliothek er-
offnet hast. Das laBt mich fur die Restbestande meiner
Biicherei, die mir nach der beriihmten „Vermietung" meiner
Wohnung geblieben sind, wenig Gutes ahnen. Irre ich nicht,
so steht da Einiges, was ich Deinen beredten Liisten nur
ungern ausgesetzt weiB. Da es aber — im Zeichen des mah-
nenden 15. Juli (von dem Notiz zu nehmen, Dich in die
ehrenvolle und vielleicht auch ausschlieBliche Gesellschaft
von Stefan bringt) - unklug sein mag, ein sprodes Verhalten
an den Tag zu legen, will ich lieber der besorgten und auf-
richtigern Ungewifiheit Ausdruck geben, wann und wie wir
etwa die fraglichen Buchereien gemeinsam werden mustern,
ja wie uberhaupt miindliche Verhandlungen zwischen uns
diesen Sommer in die Wege konnten geleitet werden. Scharf -
553
sichtig hast Du ergriffen, daB dies eine okonomische Frage
ist, eine wie kritische, davon konnte Dir nur ein Einblick in
mein Budget einen Begriff geben.
Zwischendurch zu den „kleinen Anfragen", die Du mit
einer Beharrlichkeit vorbringst, die dieser parlamentarischen
Gattung wiirdig ist: der Brief von Collenbusch1 ist gedruckt
und unter den Dir fehlenden, die ich Dir, wie gesagt, leider
nicht, oder noch nicht, zur Verfiigung stellen kann. Schade,
weil Du darin kuriose Mitteilungen iiber Collenbusch f andest.
Die Nietzsche- Erf ahrung, die Du in Jerusalem machtest,
ist mir durchaus nicht erstaunlich. Ich habe noch keine Zeit
gehabt, mich mit der Frage zu befassen, welche Bedeutung
seinen Schriften im Ernstfall abzugewinnen ist. Sollte ich
geneigt sein, mich darum zu kummern, so wiirde ich einmal
nachlesen, was Klages „die psych ologischen Errungenschaf-
ten Nietzsches" nennt. En attendant habe ich mich, in der
von Dir erwahnten Rezension2, was meine Meinung iiber
Nietzsche selbst betrifft, nicht festgelegt.
Das vom Hauschen nenne ich nun doch eine andere Sen-
sation als die vom Auftauchen Noeggeraths. Dazu sage ich
wirklich sehr herzliche Gluckwiinsche. Hatte ich eine Broche 3
dariiber zu sprechen, so wiirde sie den Wunsch enthalten, es
moge mit seinen Biichern und ihren Freunden den nachsten
Weltkrieg iiberdauern. Dem Weltuntergange in Gestalt von
Steuern, Pleiten, usw. wird es ja wohl aus eigener Kraft
Widerstand leisten konnen. -^ Ich denke Deinem miBtrauischen
Querulieren betreffend Ausbleiben von Handschreiben nun-
mehr wirksam begegnet zu sein und schlieBe mit sehr herz-
lichen GriiBen
Dein Walter
1 Samuel Collenbuschs Brief an Kant wurde von W. B. als eine seiner
groBten Entdeckungen auf dem Gebiet der Brieftailtur betrachtet; er
las ihn schon 1918 Scholem mit unnachahmbarem Gesichtsausdruck
und teilweise erhobener Stimme vor. Siehe „ Deutsche Menschen"
(1962), S. 26.
2 In der „Literarischen Welt" vom 18. Marz 1932.
3 Jiidisch: Segensspruch.
554
212 An Gerhard Scholem
Nizza, 26. Juli 1932
Lieber Gerhard,
als Du in Mailand den schonen Brief schriebst, der mich nun
hier erreichte, war ich noch auf lbiza. Mein Aufenthalt dort
hat sich um eine Woche iiber die von mir vorgesehene Frist
verlangert. Es kam sogar noch eine ziemlich improvisierte
Feier zustande, zu der den Elan weniger die Dir bekannten
Figuren des Repertoires als zwei neu aufgetauchte Franzosen
— ein Ehepaar l — auf brachten, denen ich viel Sympathie ent-
gegenbringen konnte. Da sie erwidert wurde, so waren wir
bis zu meiner Abreise mit kurzen Unterbrechungen zusam-
men und dies Zusammensein war bis zur Mitternacht des
17ten Juli — dem Abfahrtstermin meines Schiffs nach Ma-
llorca - so fesselnd, daB die Schiff streppe schon zuriickgezogen
worden und das Schiff in Bewegung gesetzt worden war, als
wir uns am Quai prasentierten. Meine Sachen hatte ich frei-
lich schon vorher darauf verstaut. Nach einem kaltbliitigen
Handedruck an meine Begleiter machte ich mich, von neu-
gierigen Ibizenkern unterstiitzt, daran, den bewegten Schiffs -
rumpf zu erklettern, und kam auch gliicklich iiber die Reeling.
Damit bin ich bei den wichtigen Einsichten Deines Ge-
burtstagsbrief s 2 angelangt. Sie bediirften fur mich keines
Kommentars - es sei denn beziiglich des Begriff s des „konter-
revolutionaren", dessen genauere Bedeutung als Qualifika-
tion meiner tieferen Einsichten Du hoffentlich gelegentlich
beleuchten wirst. Ich kann mir unter diesem Begriff gewifi
etwas vorstellen; dennoch scheint er mir miBverstandlich.
Dies aber sei vorausgeschickt, nur um der Bekundung meines
vollen Einverstandnisses init dem Rest Deiner Aussagen ihr
ganzes Gewicht zu geben. Damit hat aber dann auch ihr
ganzes Gewicht die Feststellung, daB die Chancen fur die
Erfiillung dessen, was Du mir wiinschst, die denkbar gering-
sten sind. Es ziemt uns beiden, diesem Tatbestand — in
dessen Licht das Scheitern Deiner palastinensischen Inter-
vention in der Tat ein Verhangnis ist — ins Auge zu sehen.
555
Und wenn ich meinerseits mit einem Ernst, der nah an Hoff -
nungslosigkeit ist, dieses tue, so ganz gewiB nicht darum weil
ich nicht immer noch Vertrauen zu meiner Findigkeit be-
saBe, die mir Auskunftsmittel und Subsidien verschaffte. Es
ist vielmehr die Ausbildung dieser Findigkeit und einer ihr
entsprechenden Produktion, die jede menschenwurdige Arbeit
aufs schwerste gefahrdet. Die literarischen Ausdrucksformen,
die mein Denken in den letzten zehn Jahren sicli geschaffen
hat, sind restlos bestimmt durch die PraventivmaBnahmen
und Gegengifte, mit welchen ich der Zersetzung, die mich,
infolge jener Kontingenzen, in meinem Denken fortgesetzt
bedroht, entgegentreten muBte. So sind zwar viele, oder
manche, meiner Arbeiten Siege irri Kleinen gewesen, aber
ihnen entsprechen die Niederlagen im GroBen. Ich will nicht
von den Planen reden, die unausgefuhrt, unangeriihrt bleiben
muBten, aber doch an dieser Stelle jedenfalls die vier Biicher
aufzahlen, die die eigentliche Triimmer- oder Katastrophen-
statte bezeichnen, von der ich keine Grenze absehen kann,
wenn ich das Auge iiber meine nachsten Jahre schweifen
lasse. Es sind die „Pariser Passagen", die „Gesammelten
Essays zur Literatur", die „Briefe" una ein hochst bedeut-
sames Buch iiber das Haschisch. Von diesem letztern Thema
weiB niemand und es soil vorlaufig unter uns bleiben.3
So viel von mir. Neues sagt es Dir nicht. Indem Du aber
siehst wie wenig Schwierigkeit es mir macht, diese Situation
bei Gelegenheit auch meinerseits mit Deutlichkeit auszuspre-
chen, fallt vielleicht doch ein neues Licht auf sie, das Dir
Stoff zum Nachdenken geben konnte. Nun setze ich hierher
die Adresse von Ernst Schoen, dem Du natiirlich viele GriiBe
sagen sollst. Auch sonst werden Dir ja in Frankfurt allerlei
merkwiirdige Leute iiber den Weg laufen; vielleicht sogar
Theodor Wiesengrund, Privatdozent, der im vergangenen
Semester Seminar iiber das Trauerspielbuch abgehalten hat.
Das Geschenk werde ich piinktlichst einmahnen.
Alles Herzliche Dein Walter
1 Jean Seh.
2 Es war W. B.'s 40. Geburtstag,
556
3 Aus dem Bereich dieser Studien ist ein grofierer Aufsatz in der
^Frankfurter Zeitung" erschienen (4. Dez. 1932); „Haschisch in Mar-
seille". Jetzt „IUuminationen", Ffm. 1961, S. 344-350.
213 An Theodor W. Adorno
Poveromo (Marina di Massa), 3. 9. 1932
Lieber Herr Wiesengrund,
Ihr Brief, der so lange auf sich warten lieB, ist nun als er
ankam eine groBe Freude fur mich gewesen. Darin am
meisten, wie eng gewisse seiner Textteile mit der Anlage
zusammenhangen, dem wirklich kronenden und bestatigen-
den SchluBstiick der „Naturgeschichte des Theaters" *, fiir
dessen Widmung ich Ihnen sehr herzlich danke. Diese ganze
Folge geht ja von einem hochst originaren und wahrhaft
barocken Blick auf die Biihne und ihre Welt aus. Ja ich
mochte sagen, daB sie etwas wie „Prolegomena zu einer jeden
kiinftigen Geschichte des barocken Buhnenhauses" enthalt
und daB Sie diese unterirdische Beziehung im Thematischen
durch Ihre Widmung so ins Licht heben, freut mich ganz
besonders. DaB im iibrigen gerade dieses Stuck vollig gelun-
gen ist, brauche ich Ihnen wohl kaum zu bestatigen. Aber
auch in der Foyer-Folge stehen sehr schone Dinge wie das
Bild von den beiden Zifferblattern und die sehr weisen Ge-
danken xiber das Fasten wiihrend dieses Zwischenspiels. Ich
hoffe, daB ich nun auch sehr bald Ihren Aufsatz im Hork-
heimerschen Archiv2 zu Gesicht bekomme — und, wenn ich
noch eine Variante dieses Wunsches aussprechen darf, mit
dem Aufsatze auch die erste Nummer dieses Archives selbst,
das mich naturlich lebhaft interessiert. Zum Lesen hat man
hier viel Zeit. Die kleine Bibliothek, die ich vor fiinf Mona-
ten bei meiner Abreise mit mir genommen habe, ist nun
naturlich auch schon bald durchlaufen. Es wird Sie interes-
sieren, daB erstmal auch wieder vier Bande Proust3 dabei
557
sind, in denen ich oft lese. Um aber von einem neuen Buch
zu sprechen, das mir hier zukam und auf das ich Sie aufmerk-
sam (machen) mochte. - Rowohlt hat eine „Geschichte des
Bolschewismus" von Arthur Rosenberg4 herausgegeben, die
ich soeben beendet habe und die man unter keinen Umstan-
den, so scheint mir, wird iibergehen konnen. Von mir wenig-
stens muB ich sagen, daB sie mir iiber vieleDinge, einschlieB-
lich jener Bezirke, in denen das politische in das private
Schicksal hineinwirkt, ein Licht aufgesteckt hat. Uber letzte-
res nachzudenken geben mirmancherlei Verhaltnisseundlhre
neuerlichen Hindeutungen auf Cysarz5 AnlaB. Ich ware gar
nicht abgeneigt, mit ihm in Verbindung zu treten, kann es
aber doch nicht recht verstehen, warum er, wenn ein solcher
Wunsch doch auch bei ihm besteht, nicht - sei es direkt, sei
es durch einen Brief von Grab 6 an mich den Anf ang macht.
Mir ist nicht zweifelhaft, daB -ich fur meinen Teil in einer
analogen Situation, auf seinem Posten, so verfahren wiirde.
Im iibrigen sind es natiirlich nicht Prestigegrunde, die mein
Zbgern veranlassen sondern die Erfahrung, daB Fehler im
Beginn einer Beziehung die Neigung haben, im Folgenden
proportional sich zu vergroBern. Ich denke mir, daB Cysarz
EinfiuB, beispielsweise, groB genug ware, mir von irgend
einem angemessenen Vereine oder Institut von Prag eine
Vortragseinladung zu verschaffen. Vielleicht konnen Sie Grab
gelegentlich in diesem Sinn informieren. Inzwischen aber
danke ich Ihnen sehr herzlich fur die Ihrige, die Sie an den
Bericht der Sitzungen Ihres Seminars anschlieBen. 7 Weder
brauche ich Ihnen zu versichern wie gern ich kommen wiirde
noch wie groBen Wert ich auf die Einsicht in die Akten des
bisherigen Verlaufes lege. Natiirlich ware es sehr wiinschens-
wert, daB das mit Ihnen gemeinsam geschahe. Aber - und
dies betrifft auch die Chancen meiner Anwesenheit in Frank-
furt - ich bin im Augenblick weniger als je Herr meiner
EntschlieBungen. Weder weiB ich, wann ich nach Berlin
zuriickkehre, noch wie sich die Dinge von da aus gestalten
werden. Einige Wochen werde ich wohl bestimmt noch hier-
bleiben. Danach werde ich nach Berlin wohl zuriickmiissen :
einerseits um Wohnungsfragen zu regulieren, andererseits
558
weil Rowohlt nun doch darauf zu bestehen scheint, meine
Essays herauszubringen. 8 An sich ist die Verfiihrung zu
einem langern Aufenthalt in Deutschland gewiB nicht grofi.
Man wird lib er all Schwierigkeiten antreffen und die vom
Rundfunk ausgehenden werden vermutlich mein Erscheinen
in Frankfurt auch seltener machen. Sollten Sie wissen, wie
die Dinge fiir Schoen sich entwickeln, so schreiben Sie mirs
doch bitte. Von ihm erfahre ich garni chts. Soviel fiir heute.
Sonst wiiBte ich nur noch zu sagen, daB ich an einer Folge
von Aufzeichnungen arbeite, die friihe Erinnnerungen be-
treff en. 9 Hoff entlich kann ich Ihnen in absehbarer Zeit etwas
davon zeigen.
Mit den herzlichsten GriiBen Ihr Walter Benjamin
PS Ihr „Zerrbild" fand ich mit groBem Vergniigen. - Das
Wort von Wolfskehl in meiner Rezension heiBt: „Sollte man
von den Spiritisten nicht sagen, daB sie im Drub en
fischen?" 10
1 Vgl. Theodor Wiesengrund- Adorno : Das Foyer. Zur Naturgeschichte
des Theaters, in: Blatter des Hessischen Landestheaters, Darmstadt,
1952/33, Nr. 8, S. 98 ff.; ders.: Zur Naturgeschichte des Theaters.
Fragmente, a. a. O., 1932/33, Nr. 9, S. 101 ff. und Nr. 13, S. 153 ff.
- Das damals unpubliziert gebliebene SchluBstiick war im Manuskript
Benjamin gewidmet. Jetzt vgl. den gesamten Text Theodor W. Adorno :
Quasi una fantasia. Musikalische Schriften II. Frankfurt a. M. 1963.
S. 94-112.
2 Zur gesellschaftlichen Lage der Musik, in: Zeitschrift fiir Sozial-
forschung, Jg. 1 (1932), S. 103 ff. und S. 356 ff.
3 Benjamin sagte zu Adorno, „er wolle nicht ein Wort mehr von Proust
lesen, als er jeweils zu iibersetzen habe, weil er sonst in eine siichtige
Abhangigkeit gerate, die ihn an der eigenen Produktion . . . hinder e."
(Theodor W. Adorno : „Im Schatten junger Madchenbliite", in : Dich-
ten und Trachten. Jahresschau des Suhrkamp-Verlages IV. Frankfurt
a. M. 1954. S. 74.)
^ Berlin 1932.
5 Cysarz exponierte sich spater als einer der entschie dens ten Partei-
ganger der Nazi unter den deutschen Hochschullehrern, auch heute
noch begegnet sein Name haufig im Zusammenhang mit rechtsradi-
kalen Organisationen und Publikationen.
6 Hermann Edler Grab von Hermanns worth, Dr. phil. et jur. ; Sozio-
loge und Musiker; eng mit Adorno befreundet, der ihn mit B. bekannt
machte.
559
7 Adorno hielt als Privatdozent im Sommers ernes ter ein Seminar iiber
neuere Schriften zur Asthetik, darunter B.'s Trauerspielbuch, an der
Frankfurter Universitat ab.
8 Die Ausgabe kam nicht zustande.
9 Gemeint sind die Texte der „Berliner Kindbeit urn 1900".
10 Vgl. W. B.'s Besprechung von Hans Liebstoeckl, die Geheimwissen-
schaften im Lichte unserer Zeit. Wien 1932, im Literaturblatt der
Frankfurter Zeitung vom 21. 8. 1932. - Dieser Abdruck bringt das
Wort - das auch Friedrich Gundolf zugescbrieben wird - durcb einen
Setzfehler um seine Pointe: statt „im Driiben" heiflt es hier „im
Truben".
214 An Gerhard Scholem
[Berlin, 15. Januar 1933]
Lieber Gerhard,
gern bestatige ich, daB Dein letzter Brief viel Wissenswertes
enthalt. Dennoch bleibt manches zu beanstanden: sei es, daB
ich das Wissenswerte viel zu spat erfahre, wie Deine Kunde
von der Tom Seidmann-Freud \ die Du mit frecher Stirn fur
Dich behieltest, indessen ich in meiner Ahnungslosigkeit Dir
meine Rezensionen ihrer Biicher 2 schickte ; sei es, daB manches
Wissenswerte abbricht, ehe mein Hunger danach ganz gestillt
ist, wie Deine Andeutungen iiber Magnes, von dessen Geg-
nern - wer sie sind, was sie wollen und wo sie sitzen - ich
mir gern eine genauere Vorstellung machen wiirde.
Was Deinem Schreiben bei so schweren Mangeln dennoch
Gnade vor meinen Augen verliehen hat, sind die wirklich
ebenso erbaulichen wie zutreffenden Satze, die Du iiber
meine „Berliner Kindheit" schreibst. 3 Mit „zutreffend" will
ich natiirlich nicht das Lob bezeichnen, das Du ihnen zuer-
kennst; vielmehr zunachst einmal den Ort, an den Du, in
meiner Arbeit, diese Folge stellst; zum andern aber auch die
ganz besondern Erwagungen, die Du dem Stuck „Erwachen
des Sexus" widmest.4 Diese Erwagungen iiberzeugen mich
und ich werde dementsprechend verfahren. Im ubrigen aber
kannst Du mir kaum etwas sagen, was mir eine triftigere
560
Bestatigung ware, als daB in der Tat Dir hin und wieder
einige Stellen die eigene Kindheit zu betreffen vermocht
haben. Damit hat Dein Brief nicht wenig Anteil daran, daB
ich jetzt von neuem diese Arbeit vorgenommen habe, um sie
um einige Stiicke zu vermehren. Nur muB [ich] hier, wo ich
nicht die Ruhe eines weiten Strandes und eines abgeschiede-
nen Aufenthalts habe, mit doppelter Behutsamkeit verfahren.
Einige Chance besteht dafiir, daB nachstens mit dem Ab-
druck der ganzen Reihe in der Frankfurter-'Zeitung begon-
nen wird. Im iibrigen stehen an dieser Stelle Veranderungen
bevor, von denen ich nicht weiB, in welcher Richtung sie sich
bewegen werden. Ich habe daher in letzter Zeit versucht, mir
neue Verbindungen zu schaffen und bin dabei einerseits auf
die Vossische Zeitung, andererseits auf die frankfurter Zeit-
schrift fur Sozialforschung gestoBen. Diese hat mir Auftrage
teils gegeben, teils in Aussicht gestellt. So werde ich wohl in
absehbarer Zeit ein groBes Werk iiber gesellschaftliche Ver-
haltnisse und Ideologie des Barockzeitalters zur Besprechung
bekommen, das von einem gewissen [Franz] Borkenau stammt,
von dem man sich die bedeutsamsten Dinge zuraunt.
[. . .]
Ich meinerseits wiinsche dagegen dringend, Deinen offe-
nen Brief anSchoeps iiber „J\idischenGlauben in dieser Zeit"
zu erhalten. Gleichzeitig sage ich Dir deri schbnsten Dank
fur Ubersendung der „Kabbala".5 Wenn aus dem Abgrunde
des Nichtwissens, den ich auf jenem Erdstrich besiedelt habe,
auch kein Urteil erscheinen kann, so sollst Du doch wissen,
daB die Strahlen dieser Darlegungen selbst in ihn hinab-
dringen konnten. Sonst aber muB ich mich mit spinnendiin-
ner Geheimwissenschaft begniigen; und zwar bin ich im
Augenblick im Begriff zum Zwecke eines Rundfunkspiels
iiber Spiritismus einen Blick in die entsprechende Literatur
zu tun. Freilich, nicht ohne mir ganz im Hinterhalte und
zum Privatvergnugen zu diesen Dingen eine Theorie gezim-
mert zu haben, die ich Dir eines fernen Abends bei einer
Flasche Burgunder zu entwickeln gedenke. Einzelne meiner
neueren Produkte - wie das „Taschentuch" 6 oder die, ge-
kiirzte, „Kaktushecke" 7 bitte ich Dich aus genau so hand-
561
greiflichen Motiven entstanden zu denken wie dergleichen
Geisterrevue [?]. Ich sende sie Dir nur, urn Dein Archiv zu
ehren, und sei es auf meine Kosten.
Lafi mich alles wissen, was sich im Kampfe urn Deine Pro-
fessur weiter ereignet, und nimm, nicht fiir ihn, meine herz-
lichsten Wiinsche
Dein Walter
1 Bedeutende Illustratorin von Kinderbiichern, die in Miinchen bei
derselben Wirtin wie Sch. gewohnt hatte.
2 In der FZ vom 13. Dez. 1930 und vom 20. Dez. 1931.
3 W. B. hatte ihm das Manuskript eingeschickt.
4 Sch. hatte dessen Sekretierung verlangt.
5 Aus der Encyclopaedia Judaica, Band IX, S. 650-732.
6 Frankfurter Zeitung vom 24. November 1932.
7 Vossische Zeitung vom 8. Januar 1933.
21 J An Gerhard Scholem
Berlin, [28. Februar 1933]
Lieber Gerhard,
ich benutze eine ruhige Stunde tiefer Verstimmung, um Dir
wieder einmal ein Blatt zu schicken. Unmittelbarer AnlaB ist
der Empfang Deines iiberaus bemerkenswerten Aufsatzes im
[Bayrischen] Israelitischen Gemeindeblatt \ den ich heute friih
erst von Fraulein Marx aus Konigsberg nebst Deinem Emp-
fehlungsbriefe und der Ankiindigung ihres Kommens emp-
fing. Der Tag verging weiterhin unter Arbeiten und Diktat
an einem Horspiel „Lichtenberg", das ich auf Grund eines
Vertrages, dessen besserer Teil langst erfiillt ist, und mir die
Flucht auf die Balearen erleichtert hat, nun abliefern muB.
Das bifichen Fassung, das man in meinen Kreisen dem
neuen Regime entgegengebracht hat, ist rasch verbraucht
und man gibt sich Rechenschaft, dafl die Luft kaum mehr zu
atmen ist; ein Umstand, der freilich dadurch an Tragweite
verliert, daB einem die Kehle zugeschnurt wird. Dies vor
allem einmal wirtschaftlich. Die Chancen, die von Zeit zu
562
Zeit durch den Rundfunk geboten wurden und die tiberhaupt
meine einzig ernsthaften waren, durften so griindlich fort-
fallen, daB selbst dem „Lichtenberg", wiewohl er in Auftrag
gegeben war, eine Auffiihrung nicht mehr sicher ist. Die
Desorganisation der Frankfurter Zeitung schreitet fort. Ihr
Feuilleton-Redakteur ist von seinem Posten entfernt worden,
obwohl er grade kurz vorher durch Erwerb meiner „Berliner
Kindheit" zu einem lacherlichen Spottpreis eine zumindest
kaufmannische Eignung erwiesen hatte. Jetzt scheint dort
Heinrich Simon zu walten. Die Publikation meiner Arbeit
ruht nun seit mehr als vierzehn Tagen.
Die Aussichten sie als Buch erscheinen zu sehen, sind ver-
schwindend. Jedermann sieht, daB sie so vortrefflich ist, daB
die Unsterblichkeit sie auch als Manuscript zu sich berufen
wird. Man druckt Biicher, die es notiger haben. Im iibrigen
kann ich seit einigen Wochen den Text, wenn ich es will, als
abgeschlossen ansehen, da mit der Abfassung des letzten
Stiicks — der Reihenfolge nach das erste, denn es ist als An-
fangsstiick ein Pendant zum letzten, dem „buckligen Mann-
lein" geworden — die Zahl von dreiBig erreicht ist. Dabei ist
das auf Deinen Rat sekretierte nicht gerechnet.
Soweit mich nicht die faszinierende Gedankenwelt Lich-
tenbergs fesselt, bef angt mich das Problem, das mir die nach-
sten Monate stellen, von denen ich weder weiB, wie ich sie in
noch auBerhalb Deutschlands iiberstehen kann. Es gibt Orte,
an denen ich ein Minimum verdienen und solche, an denen
ich von einem Minimum leben kann, aber nicht einen einzi-
gen, auf den diese beiden Bedingungen zusammen zutreffen.
Wenn ich Dir nun noch mitteile, dafi unter so bewandten
Umstanden dennoch eine neue — vier kleine Handschriftsei-
ten umfassende - Sprachtheorie 2 entstanden ist, so wirst Du
mir eine Ehrenbezeugung nicht versagen. Drucken lasse ich
besagte Blatter nicht, ja ob sie auch nur einer Maschinen-
iibertragung fahig sind, erscheint mir noch nicht ganz sicher.
Bemerken will ich nur, daB sie bei Studien zum ersten Stiicke
der „ Berliner Kindheit" fixiert wurde.
Ohne die Arbeit von Schoeps zu kennen, glaube ich doch
den Horizont Deiner Betrachtungen etwa absehen zu kon-
563
nen und kann aus tiefster tlberzeugung bestatigen, daB nichts
notwendiger ist als den graBlichen Schrittmachern prote-
stantischer theologumena innerhalb des Judentums den Gar-
aus zu machen. Aber das heiBt noch wenig verglichen mit den
Bestimmungen der Off enbarung, die da bei Dir gegeben und
bei mir in hohen Ehren werden gehalten werden. „Ist doch
das Absolut- Konkrete das Unvollziehbare schlechthin" - diese
Worte sagen (von der theologischen Perspektive abgesehen)
iiber Kafka natiirlich mehr als dieser Schoeps bis an das Ende
seiner Tage zu verstehen imstande sein wird. Genau so wenig
kann das Max Brod verstehen und ich habe hier einen der
Satze gefunden, die am friihesten und tiefsten in Deinen
Uberlegungen angelegt gewesen sein mogen.
Es ware recht schon, wenn ich bald von Dir horte. Den
kurzen Brief sende ich mit der beruhigenden GewiBheit ab,
ihn im Anekdotischen durch Erzahlungen von Fraulein Marx
erganzt zu wissen.
Mit allem Herzlichsten Dein Walter
Bei Durchsicht Deines letzten Brief es ergibt sich, daB ich
noch mit einem kleinen Post- Script aufwarten muB. Ich tue
es auf j enem edelsten Papier, das ich vor nun f iinf zehn Jahren
in einer kleinen Papierhandlung in Sarnen, das ich auf einer
FuBwanderung passierte, bei Herrn NarziB von Ach kaufte,
dessen Gedachtnis mir weit hbher steht als das eines gleich-
namigen Psychologen. Dieses sonst tiefsten Meditationen
vorbehaltene Papier moge als Ehrenbezeugung von Dir ver-
standen werden.
Also mein Kafkaaufsatz ist noch ungeschrieben und zwar
aus zwei Grunden. Erstens lag — und liegt — mir durchaus
daran, ehe ich an diese Arbeit gehe, den angekiindigten Ver-
such von Schoeps zu lesen. Ich verspreche mir von ihm eine
Kodifikation aller Irrmeinungen, die aus der eigentlich pra-
ger Interpretation von Kafka zu entnehmen sind und Du
weiBt, daB solche Bucher von jeher inspirierend auf mich ge-
wirkt haben. Aber auch aus dem zweiten Grunde ist das Er-
scheinen dieses Buches mir nicht unwichtig. Denn es versteht
sich von selbst, daB'ich die Arbeit an einem solchen Essay
nur auf Grund eines Auftrages wiirde unternehmen konnen.
564
Und woher sollte der aus heiterem Himmel kommen. Es sei
denn, Du verschaffst mireinenpalastinensischen. InDeutsch-
land wird sich so etwas noch am ehesten in der Gestalt einer
Rezension von Schoeps hervorbringen lassen. Nur weiB ich
nicht, ob mit dem Erscheinen des Buches zu rechnen ist.3
Was die weiteren Desiderata Deines Archivs betrifft, nam-
lich meine Rundfunkarbeiten, so ist es nicht einmal mir selbst
gelungen, diese vollstandig zu versammeln.4 AuBerdem sind
die meisten dieser Hbrspiele in Kollaboration mit andern ge-
macht. Bemerkenswert ist vom technischen Gesichtspunkt
vielleicht ein Stiick fur Kinder, das in Frankfurt und Koln
im letzten Jahre gegeben wurde und von dem ich Dir viel-
leicht einmal ein Exemplar f rei machen kann. Es heiBt
„Radau um Kasperl".
Solltest Du den ^Kierkegaard"5 in absehbarer Zeit nicht
von Wiesengrund erhalten haben, so werde ich mir die Ehre
geben, Dir ein Exemplar der Umbruchkorrektur, das in mei-
nem Besitz ist, zu dedizieren.
1 „Offener Brief" gegen H. J. Schoeps' „Judischer Glaube in dieser
Zeit", Berlin 1932.
2 „Uber das mimetische Vermbgen", Schriften I, S. 507-510.
3 Es ist nicht erschienen. 1936 erschien in seinem Biichlein „Gestalten
an der Zeitenwende" ein Aufsatz iiber Kafka.
4 Eine kleine Saramlung ist in W. B.s NachlaB erhalten.
5 Adornos Habilitationsschrift, die Anfang 1933 erschienen war.
216 An Gerhard Scholem
Paris, 20. Marz 1933, Hotel Istria
Lieber Gerhard,
so stiinden wir wieder einmal im Begriff einen neuen Ab-
schnitt in unserer Korrespondenz einzuweihen, die, was Stem-
pel und was Adresse angeht, von meiner Seite gewiB nicht
einformig ist. Was Du von Kitty Marx dieser Tage iiber
mich horst, wird Dir gewifi ein getreues Bild von den inneren
565
und au.Beren Umstanden geben, in die die Ereignisse ein-
schlugen, die sie wieder einmal grundlich veranderten. Ehe
ich darauf aber eingehe, will ich nicht versaumen, zu bemer-
ken wie beklagenswert ich es fand, daB ein Abschiedsbesuch
- wenn ich es so nennen darf - den Beginn einer Bekanntschaft
bildete, von der ich mir viel Anziehendes hatte versprechen
konnen. Da nun die Ankunft des Brief es in Jerusalem nicht
allzu lange nach der ihren erfolgt, lege ich auf die schwere
Fracht von Mitteilungen die er .enthalten wird, fur sie ein
kleines Willkommenboukett obenauf .
Ob Du schon Leute gesprochen hast, die Deutschland nach
dem 15ten Marz etwa verlassen haben, bezweifle ich. Brief -
lich konntest Du nur durch besonders tollkuhne Individuen
informiert sein. Denn es kann sehr gefahrlich werden, von
dort ohne sorgfaltige Tarnung zu schreiben. Ich darf mich,
im Besitz der Freiheit, deutlich und umso kiirzer fassen.
Einen Begriff von der Lage gibt weniger der individuelle
Terror, als die kulturelle Gesamtsituation. Uber den ersteren
ist schwer, absolut zuverlassiges in Erfahrung zu bringen.
Unbezweifelt sinddie zahlreichenFalle, in denen Leute nachts
aus ihren Betten geholt und miBhandelt oder ermordet wer-
den. Wich tiger vielleicht noch, aber schwerer zu durchleuch-
ten ist das Schicksal der Gefangenen. Von diesen laufen die
furchtbarsten Geruchte um. [. . .]
Was mich betrifft, so sind es nicht diese - seit langem mehr
oder minder absehbaren — Verhaltnisse gewesen, die in mir,
und zwar erst vor einer Woche, in unbestimmten Formen, die
EntschlieBung, Deutschland zu verlassen zur schleunigsten
Entfaltung gebracht haben. Es war vielmehr die fast mathe-
matische Gleichzeitigkeit, mit der von alien iiberhaupt in
Frage kommenden Stellen Manuscripte zuruckgereicht,
schwebende, beziehungsweise abschluBreife Verhandlungen
abgebrochen, Anfragen unbeantwortet gelassen wurden. Der
Terror gegen jede Haltung oder Ausdrucksweise, die sich der
offiziellen nicht restlos angleicht, hat ein kaum zu uberbie-
tendes Mafl angenommen. Unter diesen Umstanden kann die
auBerste politische Zuriickhaltung, die ich seit jeher und mit
gutem Grunde geiibt hatte, den Betreffenden zwar vor plan-
566
maBiger Verfolgung, nicht aber vor dem Verhungern schut-
zen. In alledem habe ich das Gliick gehabt, meine Wohnung
auf ein Jahr an einen zuverlassigen Mann vermieten zu
kbnnen. [. . .] Zumindest kann ich gewiB sein — so uner-
traglich die deutsche Atmosphare, in der man den Leuten
eher auf die Revers und danach meist am liebsten schon gar
nicht mehr in die Gesichter sieht, ist — keinem Impuls der
Panik gefolgt zu sein. Es war vielmehr die reine Vernunft,
die hier alle Eile gebot und es gibt unter den mir naher ste-
henden niemand, der das anders beurteilt.
Allerdings waren nicht mehr allzuviele von ihnen im
Augenblick meiner Abreise noch in Deutschland. Brecht,
Kracauer, Ernst Bloch sind rechtzeitig weggefahren [. . .]
Ernst Schoen ist verhaftet gewesen, aber wieder freigelassen
worden. [. . .]
Mit diesen Zeilen kommt es mir nur darauf an, Dich im
GroBen iiber meine Lage und die MaBnahmen, die ich in ihr
getroffen habe, zu unterrichten. [. . .]
Schrieb ich Dir, daB ich in Berlin eine ganz kleine und
vielleicht sonderbare Arbeit iiber die Sprache verfaBt habe
- ganz danach angetan, Dein Archiv zu zieren?
Antworte geschwindest und nimm, mit Escha, die herz-
lichsten GriiBe. *
Dein Walter
217 An Gretel Adorno
Ibiza, San Antonio, 15. April 1935
Liebe Felizitas1,
ich hatte Dir schon langst Nachricht von mir und den Um-
standen geben mogen, wenn ich seit zehn Tagen nur irgend-
wie — den Schlaf abgerechnet — zur Ruhe gekommen ware.
Und auch jetzt noch ware es nicht soweit, hatte ich nicht Ku-
rage, es mit der elendesten Beleuchtung von der Welt aufzu-
567
nehmen - namlich nicht Kerzen, sondern einer elektrischen
Funzel an einer unerreichbar hohenDecke. AchtTage bin ich
von Paris hierhergereist-Aufenhalte in Barcelona, inlbiza-
um dann hier geradezu in einen Umzug zu fallen. Das Haus
vom vorigen Jahre namlich, das noch diesen Winter in mei-
ner Phantasie keine geringe Rolle gespielt hatte, war einige
Stunden vor meiner Ankunft von Noeggeraths weitervermie-
tet worden. Und wenn sie es behalten hatten, so hatte ich
darin nach mancherlei Veranderungen, die im Raum hides-
sen getroffen waren, kein Quartier gefunden.
Die Decke mit der Funzel also ist in einem andern Haus,
das dem alten gegeniiber die Vorteile eines Viertel- oder
Achtel-Komforts, dagegen die Nachteile ungelegnern Plat-
zes und architektonischer Banalitat hat. Es ist namlich am
Rande von San Antonio vom dortigen Arzt, der fortziehen
muBte, erbaut und eine dreiviertel Stunde von der schonen
Waldecke entfernt, in der ich den vorigen Sommer zugebracht
habe. Dies ist aber nur die verkleinerte Y/iedergabe groBer
offentlicher Veranderungen im MaBstabe meines Privat-
lebens. Es ist namlich, unerachtet einer wenig anmutigen Bau-
tatigkeit in San Antonio augenblicklich kaum Unterkommen
zu finden. Im Zusammenhang damit sind wieder die Preise
gestiegen. Und so halten sich die okonomischen und die land-
schaftlichen Veranderungen seit dem vorigen Sommer die
Wage. Beide sind allerdings im Verhaltnis zu dem phanta-
stisch gunstigen Gesamtniveau nicht allzu empfmdlich. Et-
was anders steht es schon mit dem figiirlichen Zuwachs der
Gegend. Denn die Isolierung des vorigen Sommers ist nicht
nur durch die topographischen Umstande sondern auch durch
das Auftreten von „Sommergasten" erschwert, bei denen sich
nicht immer genau zwischen Sommersaison und Lebensabend
unterscheiden laBt.
Man hat sie aber auch nicht nbtig, weil man von Her-
kunft und Natur der Leute hier in Tagen manchmal mehr
erfahrt als in Berlin in Jahren. Und so kann ich Dir, wenn
Du in einigen Monaten herkommst, eine ziemlich instruk-
tive Fiihrung durch den hiesigen Schicksalspark versprechen.
Im iibrigen ist ein neuer Knotenpunkt fur mancherlei Ver-
568
strickungen im Entstehen, indem ein Franzose — der Bruder
jenes Ehepaares, von dem ich Dir erzahlte — in Ibiza, unmit-
telbar am Hafen eine Bar eroffnet, deren jetzt allmahlich
hervortretende Raumfigur ein ganz angenehmes Quartier
verspricht.
Von Max [Horkheimer] bekam ich einen recht ausfiihr-
lichen Brief aus Genf, dem ich immerhin soviel entnehmen
kann, daB die Zeitschrift fortgefiihrt wird und weiter mit
meiner Mitarbeit rechnet. DaB gerade eine Soziologie der
franzosischen Literatur, die man zunachst von mir erwartet,
von hier aus nicht ganz leicht zu verfassen ist, versteht sich
von selbst. Immerhin habe ich sie in Paris vorbereitet so gut
ich konnte.2 Spater darf ich scheinbar wieder mit Rezen-
sionen rechnen. Diese verfasse ich zur Zeit auch fur andere
Stellen, ohne mir Illusionen iiber das ungewisse redaktionelle
Schicksal der Manuscripte zu machen. Darf ich in diesem Zu-
sammenhang Dir eine Bitte sagen? Mein Madchen hat von
Paris aus von mir den Auftrag erhalten ein Rezensionsexem-
plar einer Sammlung von Briefen von Dauthendey, das die
Frankfurter Zeitung mir sandte, hierher an mich nachzu-
schicken. 3 Es ist bisher noch nicht eingetroffen und mir liegt
daran, es recht bald zu erhalten. Kbnntest Du da telephonisch
einmal nachfragen. Im iibrigen schreibt man mir, daB meine
Rezension von Wiesengrunds Buch am 2ten oder am 9ten April
in der Literaturbeilage der Vossischen Zeitung erschienen
ist. 4 Ich habe die Belegexemplare nicht bekommen und ware
Dir ganz besonders dankbar, wenn Du mir zwei hierher-
schicken beziehungsweise die Nachsendung der wahrschein-
lich in meiner Wohnung liegenden veranlassen kbnntest.
Selbstverstandlich hofle ich sehr bald von Dir Genaues
iiber den Gang Deiner Unternehmungen seit dem 1. April
zu horen. Nicht nur dariiber sondern auch iiber Deine Ge-
sundheit. Und endlich, wie Wiesengrunds Projekte sich wei-
ter entwickelt haben. Ich bin fast sicher, daB er inzwischen
geneigt sein wird, meine letzten miindlichen Vorschlage
anzunehmen. Du muBt ihm sagen, daB Max in dem oben
erwahnten Brief sich mit einiger Besorgnis nach ihm erkun-
digt. Der Angelpunkt Deiner Angelegenheiten ist fur mich
569
die Frage Deiner Sommerreise und ihres Zieles. Ich ware sehr
niedergeschlagen, wenn Du die Perspektiven unseres langen
Gesprachs in Westend aus den Augen verlieren konntest.
Aber ich bin gewiB, daB Du alles so klug und genau bewerk-
stelligen wirst, wie ich es immer an Dir erfahren habe.
Schreibe mir Genaues daniber.
Ich habe ernsthaft begonnen, Spanisch zu lernen und bin
von drei verschiedenen Systemen dabei begleitet: einer alt-
modischen Grammatik, den Tausend Worten und endlich
einer neuen und ganz raffinierten Suggestivmethode. Ich
denke, daB das in absehbarer Zeit schon zu etwas fuhren
wird. Morgen ist Ostern — da habe ich vor, meinen ersten
groBern Spaziergang ins Land zu machen. Aber schon klei-
nere haben mich xiberzeugt, daB eine halbe Stunde entfernt
von den Hausern ganz die alte Schonheit und Einsamkeit der
Gegend zu fin den ist und ich hoffe, daB ich diesmal nicht alle
meine Entdeckungsreisen allein werde machen miissen. Im
iibrigen ist es am Tage manchmal sehr heiB, in den Nachten
aber, genau wie vor einem Jahr, noch kuhl.
Seit ich diesen Brief anfing, hat sich die Ansicht des neuen
Hauses schon etwas geklart. Ich bin ganz manierlich in einem
Zimmer untergebracht, das sogar eine Art Ankleideraum
besitzt, in dem man nach langem Heizen des Waschkessels
sogar in einer Badewanne ein heiBes Bad nehmen kann : fur
Ibiza ist das etwas ganz Marchenhaftes. AuBerdem aber ist
es auch ntitzlich, denn an Baden im Meer wird vor Ablauf
von vier bis sechs Wochen fur mich kaum zu denken sein. Im
Inventar ist ferner ein Bucherregal und ein Schrank, so daB
ich meine paar Sachen und die Papierchen ganz sauber um
mich aufbauen kann.
Vielen Dank fur die Adresse von Ernst [Bloch]. Dieser
Tage werde ich ihm eine Karte schicken. Aus der groBen
Welt habe ich, seit ich hier bin, noch nicht viel gehort. Auch
dafiir erwarte ich mit D einem nach st en Brief e mich zu
entschadigen.
Fur heute alles sehr Herzliche
Detlef
570
1 Anrede, die B. wahrend der Emigration fur Gretel Adorno brauchte.
2 Vgl. Zum gegenwartigen gesellschaftlichen Stand ort des franzo-
sischen Schriftstellers, in: Zeitschrift fur Sozialforschung 3 (1954),
S. 54-77.
3 Max Dauthendey: Ein Herz im Larm der Welt. Briefe an Freunde.
Miinchen 1933. - Eine Rezension des Buches von B. erschien pseudo-
nym im Literaturblatt der Frankfurter Zeitung vom 30. 4. 1933.
4 Sie erschien am 2. April.
218 An Gerhard Scholem
Ibiza, 19. April 1933
Lieber Gerhard,
wenn ich nicht irre, hast Du bereits aus Paris die Bestatigung
erhalten, daB mich dort Dein Brief nach Berlin erreicht hat.
Nun habe ich vor wenigen Tagen den erst en bekommen, den
Du wieder nach Ibiza gerichtet hast. Um nun aber zunachst
bei dem ersteren nochmals kurz zu verweilen, will ich Deine
Mitteilung iiber den Logierbesuch [Gustav] Steinschneiders
zum Gegenstand einer kleinen Anfrage machen. Wie Du
gelesen haben wirst, ist unter den Sandkofnern, die das er-
wachende Deutschland sich aus den Augen gerieben hat, auch
der Hellseher Hanussen. Dieser soil nun, einer Pressenotiz
zufolge, mit seinem wahren Namen Steinschneider geheiflen
haben. Sollte nun auch er ein Mitglied der schon ohnehin
bemerkenswerten Familie des Gustav sein, so lasse mich das
unbedingtwissen.1 Sollte f erner derselbe mit seinem prasump-
tiven Verwandten dessen Talent teilen, so sehe ich einen
bedeutenden Aufschwung Deiner kabbalistischen Studien
voraus, indem das kostspielige Photographieren von Manu-
scripten damit ja wohl wegf alien wiirde.
tjberaus wertvoll war mir, wie ich Dir vielleicht schon ge-
sagt habe, Deine Mitteilung liber Schoeps und Bluher. Nun
erwarte ich dessen Buch iiber Kafka unter diesen Umstanden
mit verdoppelter Ungeduld. Denn was sahe dem Engel, der
den vernichteten Teil von Kafkas Werken betreut, ahnlicher,
als ihren Schliissel unter einem [. . .Jhaufen zu verstecken?
571
Ob man sich ahnliche Aufklarungen von dem neuesten Essay
iiber Kafka versprechen darf, weiB ich nicht. Er stent im
Aprilheft der Nouvelle Revue Francaise und stammt von
Bernhard Groethuysen. Nach Kenntnisnahme durch mich
kdnntest Du ihn auf Wunsch als Austauschgabe gegen andere
Lektiire erhalten.
Denn wenn sich auch eine kleine Hausbucherei von 30 bis
40 Banden, teils aus Noeggerathschen Bestanden, teils aus
meiner Hinterlassenschaft vom Vorjahre hier versammelt
hat, so ist die denn doch eine schmale Grundlage. Die Ironie
will es, daB ich grade jetzt im Auftrage jener „Zeitschrift fur
Sozialforschung", die ihren Apparat und Geld nach Genf
gerettet hat, einen Aufsatz iiber die Soziologie der gegen-
wartigen franzosischen Literatur zu schreiben habe - und
schreiben muB, da ich von dieser Seite zumindest auf Bezah-
lung rechnen kann. [. ...] Besonders lobe ich die Eingebung,
welche mich in Berlin veranlaBte, Kitty Marx das Buch von
Brecht2 (und wenn ich nicht irre, noch irgend eine andere
Leihgabe) mit auf den Weg zu geben, indem ich so .in hof-
fentlich kurzer Zeit hier in deren Besitz sein werde. Es wird
Dir im iibrigen SpaB machen zu horen, daB, nach dem ich
mein eigenes Archiv aufs sorgfaltigste gesiebt hatte und so
hier nur iiber einen Bruchteil desselben - politisch ganz un-
verfangliche Dinge — verfiige, im letzten Augenblick der
Einfall mich packte, ein enorm provokatorisches und gleich-
zeitig auBerst gegliicktes Werk von Brecht, das nicht erschie-
nen ist und nur in Fahnen existiert, in meinen Koffer zu
stecken. Es heiBt „Die drei Soldaten" und wird ja auch den
Weg nach Palastina gefunden haben oder eines Tages finden.
Deine Prognosen, das Schicksal der deutschen Juden be-
treffend, wurden grade eingelost, als sie hier ankamen. Un-
notig zu sagen daB sie sich mit den meinigen decken. Schon
vor drei Wochen bat ich Dora, Stefan wenn irgend moglich
zu ihrem Bruder3 nach Palastina zu schicken. Im Augenblick
aber scheint sie dies en Weg noch nicht ins Auge zu f ass en.
Die Spracharbeit werde ich Dir ab schreiben. So kurz sie
aber auch ausgef alien ist, so werden mannichfache Beden-
572
ken und Gedanken unterm Schreiben meiner Hand Ziigel
und Zaum verspiiren und Dich nicht vor manchen Wochen in
Besitz der zwei, drei Blattchen kommen lassen.
Dein Walter
PS Dein Brief vom 13ten kommt diesen Augenblick. Ich
kann ihn und die Nachschrift von K. M. nun eben noch be-
statigen. Gedanken iiber dieRiickwirkung der deutschen Vor-
falle auf die kommende Geschichte der Juden suchte ich mir
auch zu machen. Mit sehr geringem Erfolg. Auf alle Falle
steht die Judenemanzipation in einem neuen Licht da.
1 Er war es in der Tat.
2 „Die Mutter."
3 Victor Kellner.
219 An Kitty Marx-Steinschneider
Ibiza, l.Mai 1933
Liebes Fraulein Marx,
da Sie Bedingungen gestellt haben — ehe Sie geneigt waren,
mir zu schreiben — und da jedwede Diskussion derselben auf
ihre Erfiillung hinauslauft, indem ja jene nur brief lich ge-
schehen kann, mbgen Sie in den ersten Zeilen dieses Schrei-
bens das Zeugnis meiner Unterwerfung sehen. Je weiter aber
Ihre Blicke dringen, mag Unmut Ihre Stirn umwolken, wenn
Sie bemerken, wo auch meine GroBmut Grenzen hat. Zu-
nachst einmal am untern Bande dieses Blatts. Weiterhin
gegen mein untadliges Gedachtnis, in dem ein Obelisk mit
alten Hieroglyphen Ihres Schreib-Versprechens, jedoch auf
keinerlei Bedingungs-Postament gegnindet, steht. Zum Drit-
ten in dem Argwohn, hinter Ihrem Verhalten konnte sich die
harte Faust von G. S. verbergen, welcher es begriiBt, bei den
Gewaltakten, mit denen er seine Brief-Tribute bei mir ein-
treibt, eine Bundesgenossin erworben zu haben.
Indem ich hoffe, mit den vorstehenden Ausfiihrungen Ihre
Genugtuung iiber mein Schreiben auf ein Minimum herab-
573
gesetzt zu haben, darf ich wohl urn so mehr Beachtung fur
das schone Brief papier erbitten, das ich seit Jahren, bei Ge-
legenheit aus Paris beziehe, ohne damit noch jemals An-
erkennung bei G. S. gefunden zu haben. Was Ihre, mir
nunmehr postwendend zuzustellende Mitteilungen betrifft,
so ware ich bereit, von einer besonderen Priifung und Be-
gutachtung Ihres Briefpapiers, meinerseits unter der Bedin-
gung Ab stand zu nehmen, daB dieselben enthalten
Vollstandige Angaben iiber Ihre Ankunft und Unterkunft
im heiligen Lande — Eindruck von den Juden im Allgemeinen
und von G. S. im besonderen — Versprechen, mir recht bald
die „Mutter" zurtickzusenden - Mitteilung iiber deren Auf-
nahme bei Ihnen - ebenso anmutige wie aufrichtige Schil-
derung Ihres Tagewerks - Wetterbericht.
Letzeres zum Trost, da hier eisige Kalte herrscht (also
hoffentlich auch bei Ihnen). Im ubrigen wiinsche ich Ihnen
doch gliicklichere Lebens- und zumal Arbeitsbedingungen,
als sie hier, in einem lauten und von WindstoBen erschiitter-
ten Hause vorliegen. Ich habe an groBere Sachen noch nicht
herangehen konnen, plane aber im still en einen Gracian-
kommentar1, zu dem ich einige Ausgaben von und Schriften
iiber Gracian hier versammelt habe. Dieser war ein Jesuit,
auf den Ihnen, auf Verlangen, G. S. bei einer Tasse Tee eine
kleine Rede halten wird. Halten Sie sich vorerst an diese,
denn was aus dem Kommentar wird, ist noch ungewiB. Zur
Zeit bin ich mit einer recht kuriosen Schreiberei iiber den
Roman beschaftigt, die vielleicht noch gedruckt - vermutlich
eines der letzten Schiff chen - in den Haf en des Scholemschen
Archivs einlaufen wird.
Ich lese jetzt den zweiten Band von Trotzki; das ist auBer
Spazierengehen meine einzige Unterhaltung. Denn ein ver-
niinftiges Wort kann man hier selten vernehmen und an-
bringen noch viel weniger. Schachpartien sind seltene Hohe-
punkte der Geselligkeit. Erheitern Sie mich also schleunigst,
liebe K. M.
Ihr Walter Benjamin
1 tlber das „Handorakel".
574
220 An Gerhard Scholem
23. Mai 1933
Lieber Gerhard,
Dein Brief vom 4. Mai ist angekommen. Zeit ihn zu beant-
worten babe ich umso mehr, als der Briefwechsel mit deut-
scben Korrespondenten immer sparlicher ausfallt. DaB die
Leute keine Lust haben eines Meinungsaustauschs wegen sich
in Gefalir zu begeben, ist einleuchtend. Meine letzte Anfrage
lag Dir am 4. Mai noch nicht vor. Dafiir hattest Du die
traurige Nachricbt iiber Deinen Bruder1. Du schreibst,
daB Du Dir von seinem Verhalten kein Bild machen kannst.
Von dem des meinigen kann ich das ebensowenig. Vor meiner
Abreise sprach ich ihn telefonisch. Da war am Wedding, wo
er wohnt, schon zweimal das Geriicht aufgekommen, daB er
tot sei. Inzwischen haben sich diejenigen, derentwegen ich
Dich anfragte, in ihren Grundlagen bestatigt. Er ist den S. A.
vor funf Wochen in die Hande gefallen und liegt seitdem als
Gefangener im Staatskrankenhaus [. . .]
Ich erwarte recht sehr „Die Mutter". Magst Du den Musil
lesen, so behalte ihn nur vorlaufig. Mir gibt das keinen Ge-
schmack mehr ab und ich habe diesen Autor bei mir mit der
Erkenntnis verabschiedet, daB er kliiger ist als ers notig hat.
Nun ein Wort, das Falten in Deine Stirn graben wird.
Aber gesagt muB es doch sein. Bei naherem Bedenken des
Unternehmens, Dir meine neuen Notizen iiber die Sprache
zu schicken, erkannte ich, daB diBses, ohnehin hochst gewagte
Vorhaben, fur mich ausfiihrbar allein werden wiirde, wenn
ich vorher einen Vergleich dieser Notizen mit jenen friihen
„iiber Sprache iiberhaupt und iiber die Sprache des Menschen"
vornehmen kbnnte. Nun sind mir diese unter meinen berliner
Papieren naturlich jetzt nicht erreichbar. Auf der andern
Seite weiB ich, daB Du eine Abschrift von ihnen besitzest. Ich
bitte Dich darurri dringend, diese, sobald als moglich, einge-
schrieben an meine hiesige Adresse zu senden. Verliere keine
Zeit; umso schneller erhaltst Du dann meine neuen Notizen.
Kitty Marx hat von hier aus einen langen Brief von mir
575
bekommen. Ich ehre und begriifie einen AnlaB2, der dies
strahlende Ereignis in ihren Augen verdunkeln muBte ; kann
ihr dies aber erst selbst sagen, wenn sie das letztere in noch
schwachem Mafie gewiirdigt hat. Die „Einbahnstrafle" be-
stelle ihr nur schnellstens, ehe die deutschen Buchhandler sie
gelesen haben.
Was fur ein Amt hat denn Kraft in Hannover gehabt? Und
zahlt er noch zu Deinen Korrespondenten? Und was ist aus
ihm geworden? Und was wird aus ihm werden?
Schreibe baldigst! Ziere Dein Schreiben wieder durch Bei-
lagen, wie die vielmals verdankte „Jiidische Rundschau".
Dein Walter
1 Werner Scholem wurde damals verhaftet und verbrachte sieben
Jahre in Untersuchungshaft und Konzentrationslagern, bis er 1940 in
Buchenwald ermordet wurde.
2 Ihre Heirat mit Karl Steinschneider, dem Bruder von Gustav Stein-
schneider.
221 An Gerhard Scholem
16. Juni 1933
Lieber Gerhard,
es ist ein paar Tage her, daB Dein Brief vom 23ten kam —
lange ist auch er unterwegs gewesen. Als er dann eintraf , bin
ich gerade auf ein paar Tage fortgegangen; ich ergreife jetzt
jede Moglichkeit, San Antonio den Riicken zu kehren. Bei
Lichtbesehen gibt es in seinem Umkreis, der mit alien Schrek-
ken der Siedler-und-Spekulantentatigkeit geschlagen ist, kei-
nen ruhigen Winkel und keine ruhige Minute mehr. Auch
der billigste Aufenthalt kommt zu teuer zu stehen, wenn man
ihn mit dem InbegrifT seiner Arbeitsmoglichkeiten erkauft
und — so schwers auch ist, in Ibiza zu erschwinglichen Preisen
und auf ertragliche Art unterzukommen, so ist meine Uber-
siedlung in die Stadt nur noch eine Frage von Tagen.
Inzwischen entnehme [ich] dieser Situation den AnstoB zu
576
groBen Erkundungswanderungen ins Innere der Insel. Die
eine unternahm ich vor kurzem in der sehr angenehmen Ge-
sellschaft eines Enkels von Paul Gauguin, der den Namen
seines GroBvaters tragt. Wir lieBen uns von einem Langusten-
fischer - nicht ohne vorher Einblick in sein Handwerk getan
zu haben — an einem einsamen Kiistenfleck absetzen, und
marschierten von dort in die Berge. Gestern bin ich mit mei-
nen franzosischen Freunden vierzehn Stunden unterwegs ge-
wesen. Sowie man aus dem Bereich der Sprengungen und
Hammerschlage, der Klatschereien und Debatten, die die
Atmosphare von San Antonio bilden, heraus ist, hat man
wieder Boden unter den FiiBen. Mein alteingesessenes MiB-
trauen gegen das Siedlerwesen, das ich zum ersten Male in
Grunau als Gast im Hause Gutkind kennen lernte, hat hier,
im Haus der Noeggerath, eine, mir nunmehr allzudrastische,
Bestatigung erfahren. Hinzu kommt die recht unerfreuliche
Natur der Dorfbewohner. Kurz, ich sehne mich jetzt schon
nach den gesattigtenSchatten, mit denen die Fliigel derPleite
diese ganze Kramer- und Sommerfrischlerherrlichkeit in
wenigen Jahren unter sich werden begraben haben.
Auch Ibiza hat seine Nachteile, aber nicht den einer solchen
Atmosphare. Nun greife ich noch einmal auf mein letztes
Schreiben zuriick, um Dir zu sagen, wie sehr bestimmt ich
hoffe, recht bald in den Besitz Deines Exemplars der Sprach-
arbeit zu kommen, um nach deren Durchsicht meinen neuen
Versuch abschreiben und an Dich abgehen lass en zu konnen.
Von dieser bevorstehenden Bereicherung Deiner Bestande ab-
gesehen, wird eine mindere schon eingetreten sein ; wenigstens
habe ich vor einer Woche ein Kuvert mit Neuem an Dich
abgesandt, worunter sich auch die ersten Stiicke von Detlef
Holz J befinden. Auch dessen Hilf sbereitschaft ist aber be-
grenzt; so muB ich fur einen Aufsatz, der mich gerade jetzt
beschaftigt, auf seinen Beistand Verzicht leisten, um s einen
Namen nicht augenblicklich so zu kompromittieren, wie der
seines [Vorgangers?] kompromittiert ist. Zwei Rezensions-
exemplare versetzen mich in die sehr leidige Zwangslage,
jetzt, und vor einem deutschen Publikum, iiber Stefan George
sprechen zu mussen2. Soviel glaube ich gemerkt zu haben:
577
wenn jemals Gott eineii Propheten (lurch Erfiillung seiner
Prophetie geschlagen hat, so ist es bei George der Fall ge-
wesen.
Wahrscheinlich schrieb ich Dir, daB ich eine groBe Arbeit
iiber „die geg en wartige gesellschaftliche Stellung des fran-
zosischenSchriftstellers" abgeschlossen und mit groBenEhren
in jenem frankfurter Archiv angebracht habe, das sich nach
Genf gefliichtet hat. Sie haben mir'jetzt wieder einen neuen
Auftrag gegeben, der vielleicht noch schwieriger und sicher
weniger erfreulich ist. Recht sonderbar ist aber, daB aus
Deutschland noch Gesuche urn meine Mitarbeit von Stellen
einlaufen, die bisher wenig nach mir gefragt haben. So hat
die „Europaische Revue" mich una Vorschlage fur meine
Mitarbeit gebeten.
Ich setze Dir aber diese kurzen Informationen umso eher
her als sie Dir ungefahr ein Bild meiner budgetaren Situation
vermitteln, und sei es auch nur in dem Sinn, die vollige Un-
moglichkeit, einen Etat zu etablieren, Dir vorzustellen. Seit
ich Berlin verlassen habe werde ich im Durchschnitt pro
Monat etwa 100 Mark verdient haben, und das unter den
ungiinstigsten Verhaltnissen. Trotzdem will ich nicht sagen,
daB nicht auch diese winzige Summe gelegentlich noch wiirde
unterschritten werden konnen. Jedoch vermutlich nicht auf
lange. Im Gegenteil: ich nehme an, daB sie sich auf die
Dauer, vorausgesetzt, daB ich nicht ganzlich — wie hier — von
jeder Produktionsbasis abgedrangt bin, erhohen wiirde. Mehr
HeBe sich - und auch nur tastend - sagen, wenn man die
kiinftigen deutschen Pressegesetze kennen wiirde.
Und somit habe ich mich an der Diskussion, von welcher
ich durch Deinen Brief erfuhr, beteiligt. Ich will aber nicht
leugnen, daB ich mehr dazu zu sagen habe. Zunachst, um
auszusprechen daB mich die Tatsache einer solchen Diskus-
sion keineswegs gleichgultig laBt. Sie ist mir sogar ungemein
wichtig. Ich miiBte aber nicht vierzig Jalire sein, wenn ich
an den Gedanken der bloBen Moglichkeit der in ihr beschlos-
senen Veranderung nicht mit auBerster Behutsamkeit heran-
treten wiirde. Ich sage mir, daB die Beleuchtung, unter der
ich an diesem neuen Ufer in Erscheinung trate, zweideutig
578
ausf alien konnte. Es sind jetzt tausende von Intellektuellen
bei euch angekommen. Eins unterscheidet sie von mir; und
dies nur auf den ersten Blick zu meinen Gunsten. Dann aber
- wie Du sehr gut weiBt - durchaus zu ihren, dies namlich:
unbeschriebene Blatter darzustellen. Nichts wiirde sich ver-
hangnisvoller auswirken als eine Haltung von mir, die dahin
sich verstehen lieBe: hinter einer offentlichen Kalamitat
Deckung fiir eine private zu suchen. Das will bedacht werden,
denn ich habe nichts, und ich hange an wenigem. Unter sol-
chen Umstanden ist es geboten, jeder schiefen Situation aus-
zuweichen, weil sie unverhaltnismaBig folgenschwer werden
kann. Ich werde gern und mit vollkommener Bereitschaft
nach Palastina kommen, wenn Du oder die, die neben Dir
dafur in Frage kommen, annehmen, dies sei moglich, ohne
eine solche Situation heraufzufiihren. Und wie mir scheint,
ist es die gleiche Bedingung, welche sich in die Frage kleiden
laBt: Ist dort fiir mich — das was ich kann und weifi — mehr
Raum als in Europa? Denn ist es nicht mehr, dann ist es
weniger. Dieser Satz bedarf keiner Erklarung. Und auch
nicht dieser letzte: daB, wenn ich mein Wissen und mein
Konnen dort vermehren konnte, ohne das Erworbene preis-
zugeben, es an meiner Entschlossenheit dazu nicht fehlen
wird.
Mein Bruder ist in einem Konzentrationslager. Gott mag
wissen was er da durchzumachen hat. Aber die Geriichte uber
seine Verwundungen sind jedenfalls in einem Punkt iiber-
trieben gewesen. Er hat kein Auge verloren. Ich habe das
kiirzlich von meiner Schwester erfahren. Den Tod von Erich
Baron3 habe ich erst durch Dich erfahren.
Den GruB von K. M. habe ich auf mich einwirken lassen.
Die Geschichte ihres ersten Brief es an mich scheint mir
durchaus im Stile Tristram Shandys zu verlaufen. Mit dieser
Feststellung werden wir zugleich am besten der ganzlichen
UngewiBheit iiber sein Zustandekommen gerecht.
Fiir heute alles Herzliche Dein Walter
1 Das Pseudonym, unter dem W. B. nach 1955 noch zeitweise in
Deutschland schxieb.
579
2 Unter dem Pseudonym K. A. Stempflinger in der FZ vom 12. Juli
1933. Jetzt Schriften II, S. 323-330.
3 Der Bruder von Frau Lucie Gutkind wurde von den Nazis ermordet.
222 An Max Rychner
[Feuilletonredaktion der Kolnischen Zeitung]
San Antonio, 25. Juni 1933
Lieber Herr Rychner,
bis heute schuldete ich Ihnen den Dank fur Ihre sehr freund-
lichen Zeilen vom 9ten Mai. Ich wollte ihn aber mit einer,
wenn auch noch so kleinen Beilage versehen. Wenige Tage
nachdem ich Ihnen geschrieben hatte, muBte ich aber auf
eine Weile nach Genf . Daher ist es zu dem geplanten Essay
uber „Romancier und Erzahler" noch nicht gekommen.
Das inliegende Stiickchen1 wird, hoffe ich, durch seine
Kiirze Ihre Gunst erwerben.
Und nun lassen Sie mich mit diesen Zeilen noch eine Frage
verbinden: Ist es redaktionell fur Sie tunlich, hin und wieder
den AnstoB zu meiner Mitarbeit durch Zusendung von Neu-
erscheinungen an mich zu geben? Oder durfte ich selbst ge-
legentlich in solchem Sinne die Initiative ergreif en? So ging
mir dieser Tage ein groBeres Heft „Die Stellung der Sprache
im Aufbau der Gesamtkultur" von Leo Weisgerber Heidel-
berg 1933 Verlag der Winterschen Universitatsbuchhandlung
zu, das sich vielleicht zur Besprechung eignen wiirde, ohne
gerade in die Domane eines Ihrer standigen Referenten zu
fallen.
Meine Beitrage wiirde ich mit dem Namen zeichnen, den
Sie am Kopf des inliegenden Manuscripts finden und der
schon hin und wieder mit Ehren bestanden hat.
Durch meine Abreise sind seinerzeit die Belege der Num-
mer vom 25. Februar, in der Sie die „Kurzen Schatten" ge-
bracht haben, nicht an mich gelangt. Denn abgesandt haben
Sie sie gewifl. Sie wiirden mich aufs Freundlichste verpflich-
580
ten, wenn Sie mir von der Nummer ein, zwei Exemplare fur
mein Archiv hierhersenden wollten.
In der Hoffnung, bald Gutes von Ihnen zu horen und mit
• recht herzlichem GruB
Ihr Walter Benjamin
1 Vermutlich „Chinoiserie".
223 An Gretel Adorno
[Juni 1933]
Liebe Felizitas,
ich lasse eine kleine Windmusik den Gipf el der Pinie schau-
keln, unter der ich sitze, und male einen vierblattrigen Dank
zu ihren FiiBen. Diesen pfliicken Sie sich fur Ihren letzten
Brief. Lieber hatte ich Ihnen ein paar diirre, stachlige Halme
von Ostseediinen zu Pfingsten gewunscht. Ja, ich bin traurig,
daB Sie den Kopf , statt ihn in die Wellen zu tauchen, unter
die Barentatze1 ducken sollen. Lassen Sie mich bald wissen,
wann Sie ihn wieder hervorwagen diirf en.
DaB aber die procura fur das Baren- der fur das Sorgen-
kind zur Seite tritt, ist trostlich. Wenn dabei nur nicht ganz-
lich die abhanden kommt, die Sie fur sich selber tragen sollen.
[. . .] Was Sie eigentlich von Zeit zu Zeit zu Ihrer Aufhellung
tun konnen, und wen Sie jetzt, nachdem das Sorgenkind ver-
schwunden ist, sehen. Bei diesem letzten Stichwort will ich
Ihnen fur die Belegexemplare des Kierkegaard herzlich dan-
ken; auch anmerken, daB die Redaktion einen wichtigen Ab-
satz der Anzeige — gegen Ende — gestrichen hatte2. Von der
„Europaischen Revue" habe ich noch nichts vernommen.
Ich bin fleiBig gewesen und habe iiber „den gegen wartigen
gesellschaftlichen Standort des franzosischen Schriftstellers**
eine Arbeit im Umfang von vierzig Maschinenseiten ge-
schrieben. Dabei habe ich mich auf Gastfreundschaft stiitzen
miissen, die mir in der Stadt Ibiza gewahrt wurde. Denn hier
581
in San Antonio sind indessen alle topographischen MiBhellig-
keiten, die sich schon lange angekiindigt hatten, dergestalt in
Funktion getreten, daB meine Ubersiedlung in die Stadt be-
schlossene Sache ist. Es wirddort unvermeidlichKosten geben,
die etwas iiber meine hiesigen hinausgehen. Nachdem ich
aber, nicht ohne Erfindergeist, alle technischen Moglichkeiten,
die flir halbwegs ungestorte Arbeit hier bestanden hatten,
ausprobiert habe, ohne daB audi nur eine sich bewahrt hatte,
muB ich meinen EntschluB fassen. Ich freue mich schon
darauf , Ihnen einmal miindlich die Physiologie dieses Hauses
und die Geheimnisse der Siedleratmosphare auseinander-
zusetzen, die sich allmahlich in San Antonio gebildet hat.
Mir ist sie die verhaBteste und darum ergreife ich seit
einiger Zeit jeden Vorwand um loszukommen. Das hat mir
neulich einen der schonsten und entlegensten Teile der Insel
erschlossen. Ich war iiamlich gerade fertig zu einer einsamen
Mondscheinwanderung auf den Gipfel der Insel, die Ata-
laya von San Jose, geriistet, als ein fluchtiger Bekannter des
Hauses auftauchte, ein skandinavischer Bursche, der sich in
den Gegenden, wo es Fremde gibt, nur selten sehen laBt und
in einem vergrabnen Gebirgsdorf wohnt. Er ist im iibrigen
ein Enkel des Malers Paul Gauguin und heiBt genau wie sein
GroBvater. Am andern Tage machte ich die genauere Be-
kanntschaft dieser Figur und sie war bestimmt ebenso faszi-
nierend wie die seines Gebirgsdorfes, in dem er der einzige
Fremde ist. Fruh um fiinf fuhren wir mit einem Langusten-
fischer hinaus und trieben uns erst drei Stunden auf dem
Meere herum, wo wir den Langustenfang griindlich kennen
lernten. Es war freilich ein vorwiegend melancholisches
Schauspiel, indem mit sechzig Reusen alles in allem dreiTiere
eingebracht wurden. Freilich riesige und freilich an anderen
Tagen oft viel mehr. Dann setzte man uns in einer versteck-
ten Bucht ab. Und dort bot sich ein Bild von derart unver-
riickbarer Vollkommenheit, daB etwas Seltsames, aber nicht
unbegreifliches in mir sich ereignete: ich sah es namlich
eigentlich garnicht; es fiel mir nicht auf; es war vor Voll-
kommenheit am Rande des Unsichtbaren.
Der Strand ist unbebaut; eine steinerne Hiitte steht abseits
582
im Hintergrunde. Vier oder fiinf Fischerboote waren hoch
ans Ufer hinaufgezogen. Neb en diesen Booten aber stand en,
iiber und iiber schwarz verhangen, nur die ernsten, starren
Gesichter unverkleidet, ein paar Frauen. Es war als ob das
Wunderbare ihrer Anwesenheit und das Ungewbhnliche ihres
Aufzugs einander die Wage gehalten hatten, so daB gleich-
sam derZeiger einstand und mir garnichts auffiel. Ich glaube,
daB Gauguin im Bilde war; es gehbrt aber zu seinen Eigen-
heiten fast nicht zu sprechen. Und so machten wir beinah
schweigend unsern Anstieg schon iiber eine Stunde, als uns,
kurz vor dem Dorfe, auf das wir es abgesehen hatten, ein
Mann mit einem winzigen weiBen Kindersarge unterra Arm
entgegentrat. Da unten in der steinernen Hutte war ein Kind
gestorben. Die Schwarz verhiillten waren Klageweiber gewe-
sen, die unter ihren Obliegenheiten doch ein so ungewohn-
liches Schauspiel wie die Ankunft eines Kahns mit Motor an
diesem Strand es war, nicht hatten versaumen wollen. Kurz:
um dieses Schauspiel auffallend zu finden, muBte man es erst
verstehen. Andernfalls sah man darauf so trage und gedan-
kenlos wie auf ein Feuerbachsches Bild, angesichts dessen man
auch nur so von feme denkt, es werde mit tragischen Gestal-
ten am Felsenufer schon seine Richtigkeit haben.
Im Innern des Gebirges trifft man auf eine der kultivier-
testen, fruchtbarsten Landschaften der Insel. Der Boden ist
von ganz tief eingeschnittnen Kanalen durchzogen, so schma-
len aber, daB sie oft auf weite Strecken unsichtbar unterm
hohen Gras flieBen, das vom tiefsten Griin ist. Das Rauschen
dieser Wasserlaufe gibt ein beinah saugendes Gerausch.
Johannisbrotbaume, Mandeln, Olbaume und Nadelholz stehen
an den Abhangen und der Talgrund ist von Mais und Boh-
nenpflanzen bedeckt. Gegen die Felsen stehen uberall bliihende
Oleanderbiische. Es ist eine Landschaft, wie ich sie friiher
einmal im „Jahr der Seele" geliebt habe, heute drang sie
vertrauter mit dem reinen fliichtigen Geschmack der griinen
Mandeln in mich ein, die ich am andern Morgen um sechs
Uhr von den Baumen stahl. Auf Fruhstiick konnte man nicht
rechnen; es war ein Ort abseits von aller Zivilisation. Mein
Begleiter war der Vollkommenste, den man fur so eine Gegend
583
sich denken kann. Ebenso unzivilisiert, ebenso hoch kultiviert.
Er erinnerte mich an einen der Briider Heinle, die so jung
gestorben sind und er hat einen Gang, der oft nach augen-
blicklichem Verschwinden aussieht. Ich hatte es einem andern
nicht so leicht geglaubt, wenn er erklart hatte, er kampfe
gegen einen EinfluB, den die Bilder Gauguins auf ihn hatten.
Bei diesem Jungen konnte ich genau begreifen, wovon er
sprach.
Etwas ganz anderes : in der Ziiricher Illustrierten erscheint
seit etwa drei Wochen der Abdruck des Buches, in dem ein
gewisser Trax Harding sich mit dem 1925 im brasilianischen
Urwald verschwundenen Obersten Fawcett befaBt. Ich las
den Beginn des Abdrucks und glaube, daB man es in dem
Tramp und Cowboy, der dieses Buch verfaBt haben will —
wahrscheinlich in der Tat verfaBt hat - mit einem sehr wich-
tigen und beispiellos begabten Autor zu tun hat. Wenn Sie
das erste Kapitel, das in einer der ersten Mai- oder letzten
Aprilnummern stehen muB, gelesen haben, werden Sie im
Bilde sein. Sie werden sich die betreffenden Nummern der
Ziiricher Illustrierten verschaffen, diese Serie mit atemloser
Spannung lesen und mir dann schicken. Ja?
Dafiir bekommen Sie einen Abdruck der Bennett-Rezen-
sion 3 sowie ich im Besitz von Dublikaten bin.
Immer wieder habe ich Ihnen fur eine der Anweisungen
zu danken, die piinktlich und zu dem verhaltnismaBig gun-
stigen Kurse von 2,7 ausgezahlt werden. Jede von ihnen ist
fiir mich ein kleines Modell von einem geborgenen Dasein
und vielleicht steht es mit ihnen wie mit den kleinen Modell -
hausern der Architekten, die oft viel reizender aussehen als
nachher das Leben in den wirklichen sich gestaltet. Und nun
wollen Sie schon an meinen Geburtstag denken. Ich habe
lange nachgedacht und mochte Sie nur mit meinem liebsten
Wunsch verbinden. Nun sagt Mac Orlan, fiir einen Mann
von vierzig Jahren konne es eigentlich kein grb'Beres Fest
geben, als einen neuen Anzug anzuziehen. Soweit gut - aber
nun werde ich einundvierzig und da braucht man Trost
nbtiger als Feste. Ja, gern mochte ich an diesem Tage blauen
Rauch zu meinem Schornstein heraussteigen lassen. Aber seit
584
langem hat er sick nicht mehr iiber meinem Dache gekrau-
selt und die Bilder, die ich in meinem letzten Briefe Ihnen
einschloB, waren die letzten, welche er geformt hat. Wenn
Sie einige edle Scheiter auf meinen Herd legten, so waren
Sie meinen schonsten Stunden verbunden und meine Rauch-
fahne liberal Haus wiirde am fiinfzehnten bis zu Ihnen
hiniiberwehn.
Liebe Felizitas, fur heute schlieBe ich ab. Natiirlich sollen
meine Biicher bei Ihnen bleiben. Nur die Skripten liefern Sie
bitte aus; diese, der Einfachheit halber, bitte vollzahlig. Es
sei denn, daB Sie zufallig auf irgendein Stiick besondern
Wert legten. Aber das wiirde die andern Stiicke vor den Kopf
stoBen, und deshalb nehme ich es kaum an. - Mein Brief-
papier ist zu ende und ich kann das mir — und hoffentlich
Ihnen auch — liebgewordene Kuvert nicht auftreiben. Neh-
men Sie diese Zeilen, die sich plumper in Ihre Hande spielen,
doch freundlich auf.
Wie immer Ihr Detlef
PS Ein freundlich er Brief der Europaischen Revue ist so-
eben gekommen.
1 Firmenzeichen der Handschuhfabrik in der G. A. damals tatig war.
2 Dieser Absatz ist wieder eingefiigt worden im Nachdruck der Rezen-
sion in: Dichten und Trachten. Jahresschau des Suhrkamp Verlages.
20. Folge. Frankfurt an Main 1962, S. 47.
3 B,'s pseudonym in der Frankfurter Zeitung vom 25. 5. 1955 (Jg. 11 \
Nr. 578/79) erscliienene Rezension von Arnold Bennett: Konstanze und
Sophie oder Die alten Damen. Munchen 1952.
224 An Jula Radt
[Poststempel 24. 7. 1933]
Liebe Jula,
es war eine groBe Freude Deinen Brief zu bekommen. Er
erschien namlich gerade an meinem Geburtstag, und das war
auf diese Weise natiirlich noch schoner als wenn Du an ihn
585
gedacht hattest. Denn es ergab sich, daB Dein UnbewuBtes
dem Weltpostverein zu meinen Ehren in die Hande gearbei-
tet hatte.
Aber auch Deine Nachrichten sind erfreulich gewesen.
Denn so wie Ihr es tut um diese Zeit im markischen Sand-
bo den sich zu verwurzeln ist riihmlich, wie wenig es sich
auch zur Nachahmung fiir jeden eignet. Solltest oder konn-
test Du mir aber iiber die Schultern sehen, wahrend ich dies
schreibe, so fandest Du iiber diesem seit langen Jahren in
Gunst bei mir befindlichen pariser Papier Schatten von
Kiefernadeln spielen, die Du von den markischen nicht
unterscheiden konntest und wenn Du geradeaus blicktest,
wiirdest Du das Meer nicht sehen, wenn es auch nur drei
Minuten von meinem Sommerversteck entfernt ist.
Ein solches habe ich namlich wieder mit meinem Liege -
stuhl bezogen seitdem es mir, nach einem weniger gliick-
lichen Debut am gegeniiberliegenden bebauten Ufer der
Bucht gelungen ist, das beinah unbebaute vom vorigen Jahre
wiederzugewinnen. Bis dahin war meine Lebensweise eine
unstetere, zwischen den ungeniigenden Arbeitsmoglichkeiten
von San Antonio und den zum Teil durchaus bemerkenswer-
ten Zerstreuungen von Ibiza geteilte. Dann aber legte eine
geschaftlich notwendige Reise nach Palma in meinen Auf-
enthalt eine Zasur. Ich habe Mallorca dieses Jahr ausgiebiger
kennen gelernt, auf Wanderungen und Autofahrten. So
schon die Insel aber ist, so hat mich das, was ich dort zu
sehen bekam, doch sehr in meiner Anhanglichkeit an Ibiza
bestarkt, das eine ungleich verschlossenere und geheimnis-
vollere Landschaft hat. Aus dieser Landschaft schneiden die
scheibenlosen Fensteroffnungen meines Zimmers die schon -
sten Bilder. Es ist das einzig notdiirftig^bewohnbare eines
Rohbaus, an dem noch eine ganze Weile gearbeitet werden
wird und den ich bis zur Fertigstellung als einziger Bewoh-
ner fiir mich habe. Die Einschrankung meiner Lebensbediirf-
nisse und Lebenskosten habe ich durch dieses Quartier auf ein
kaum mehr unterbietbares Minimum gesenkt. Das Fesselnde
daran ist aber, daB alles menschenwiirdig bleibt und daB,
wenn etwas mir hier fehlt, es vielmehr auf der Seite der
586
menschlichen Beziehungen empfindlich ist als auf der des
Komforts.
Diese die Inselchronik ausmachenden Beziehungen sind
fur mich meist sehr fesselnd, aber manchmal auch enttau-
schend und unbefriedigend. In diesem schlimmsten Falje
lassen sie mir freilich zu meinen Arbeiten und Studien desto
reichlicher Zeit.
Die „Berliner Kindheit um neunzehnhundert" von der Du
leider so wenig verstanden hast und an der es so viel zu ver-
stehen gibt, wachst, um wenige aber wichtige, Stiicke. Ein
Aufsatz iiber Stefan George — vielleicht der einzige, der zu
seinem 65ten Geburtstag erschienen ist — sagt, was ich im
Namen meiner nachsten Freunde zu diesem AnlaB zu sagen
hatte. Ich denke es wird Dir vor Augen gekommen sein. Ich
wage aber kaum zu hoffen, daB Gedanken, in denen wir uns
einmal begegnet sind, bei uns von einer gleichen Erfahrung
gereift wurden; zu dieser UngewiBheit ware mir freilich eine
genauere AuBerung von Dir so wertvoll, daB ich sie erbitte.
Ich lese weiterhin [Arnold] Bennett, in dem ich immer
mehr einen Mann erkenne, dessen Haltung meiner gegen-
wartigen sehr verwandt ist und durch den ich in dieser mei-
nigen mich bestarke: einen Mann namlich, bei dem eine
weitgehende Illusionslosigkeit und ein griindliches MiBtrauen
in den Weltlauf weder zu moralischem Fanatismus noch zu
Verbitterung fiihren sondern zu einer hochst durchtriebenen,
klugen und raffinierten Lebenskunst, die dahin fiihrt dem
eigenen Malheur die Chancen, der eigefien Schlechtigkeit
die paar anstiindigen Verhaltungsweisen, die aufs Menschen-
leben kommen, abzugewirinen. Der Roman „Clayhanger",
der in zwei Banden im Rheinverlage erschienen ist, sollte
Dir auch einmal in die Hande kommen.
DaB meine Post mir wenig Erfreuliches zutragt, wirst Du
Dir denken konnen. Gottseidank betrifft das relativ Beste
bisher den Stefan, der zur Zeit mit meiner Frau auf einer
Autoreise ist, die ihn durch Osterreich und Ungarn bis nach
Siebenbiirgen und Rumanien fiihrt. Die Nachrichten von
Freunden aus Paris sind niederdruckend und dem und jenem
geht es so hoffnungslos, daB er die Korrespondenz schon ein-
587
gestellt hat. Was etwa ich selbst von Paris zu erwarten hatte,
ist iiberaus problematisch. Ein nicht ungiinstiger Auftakt
lage allenfalls in einer meisterhaften (Jbersetzung der „Ber-
liner Kindheit", die ein pariser Freund mit meiner Hilfe hier
vornimmt. Aber sie schreitet sehr langsam vor.
Zwischen den Zeilen Deines Briefes ist zu lesen, daB Al-
fred sich immer noch auf die alte, mannhafte Art behauptet.
Ihn hatte ich gerne hier; er ist einer der wenigen, die ich mir
unter diesen schwierigen aber nicht unfruchtbaren Verhalt-
nissen der Insel vorstellen konnte. Aber besser, Du sagst ihm
nichts davon und griiBt ihn nur herzlich, wie auch Fritz.
Was uns betrifft, so sind Brief e vielleicht unsere groBte
Chance miteinander. Daher dieser sehr herzliche und die
Bitte um Deinen nachsten.
Walter
Meine Kritik von „Konstanze und Sophie" steht unterm
Titel „am Kamin" in der Frankfurter Zeitung vom 23. Mai
1933.
225 An Gerhard Scholem
San Antonio, 31. Juli 1933
Lieber Gerhard,
Dir, als der unbestrittenen Autoritat auf dem Gebiete meiner
Briefschreiberei, sollte der Anblick dieses Briefpapiers ge-
niigen, um zu erkennen, etwas sei nicht ganz in Ordnung.
Und dieser Umstand deckt mich jedenfalls fur einen Teil der
drei Wochen, die ich verstreichen lieB, ohne fur Deinen
schonen Brief zum Geburtstag Dir zu danken. Vor aliem aber
fiir das anhaltende Ausbleiben der Dir zustehenden Notizen
uber die Sprache.
Ich bin namlich seit ungefahr vierzehn Tagen krank. Und
da der Ausbruch des (an sich nicht bedeutsamen) Schadens
mit dem der Julihitze, vielleicht nicht zufallig zusammen
fiel, so hatte ich alle Hande voll zu tun, um mich unter so
588
schwierigen Umstanden halbwegs auf dem Posten zu halten.
Das geschah auf der einen Seite, indem ich alle verfiigbaren
Reserven an Kriminalromanen heranzog, auf der andern
durch intensive Wiederaufnahme der Arbeit an der „ Berliner
Kindheit um neunzehnhunderf". Ein neues Stuck, das ich den
friiheren hinzufiigte, hat mich fixr eine Weile von jeder
andern Arbeit abgeschnitten. Entstanden sind unter dem
Titel „Loggien" einige Seiten von denen ich nichts als sehr
Gutes ankiindigen kann und dazu, daB sie das genaueste Por-
trat enthalten das mir von mir selbst zu machen gegeben ist.
Ich hoffe, Du wirst in einiger Zeit dieses Stuck gedruckt
sehen.
Mit diesem wird dann freilich das Detlefsche Holz, das ich
in meine Lebensflamme geworfen habe, zum — mehr oder
minder — letzten Mai aufflackern, denn schon zeichnen die
neuen Pressegesetze sich ab, nach deren Inkrafttreten mein
Erscheinen in der deutschen Presse noch um vieles undurch-
dringlicher werden wird als bisher.
Von alien Biidiern und Papieren, die ja in San Antonio
liegen, bin ich getrennt. Wenn ich die geeigneten Biicher
hatte, so kbnnte ich mich wenigstens mit einem Auftrag der
frankfurter Zeitung", zum 200sten Todestage Wielands -
den ich so gut wie garnicht kenne — etwas zu schreiben be-
schaftigen. * Aber da hat man mir nur kummerliche Gelegen-
heitsliteratur zur Verfugung gestellt. Die franzosische t)ber-
setzung der „Berliner Kindheit" dagegen macht Fortschritte.
Wir arbeiten taglich daran. Der Ubersetzer2 kann kein Wort
deutsch. Die Technik, mit der wir vorgehen, ist, wie Du Dir
denken kannst, nicht von Pappe. Und so entsteht aber fast
durchweg Hervorragendes.
Wie gesagt - die groBe Hitze hat hier begonnen. Die Spa-
nier, welche ihre Wirkungen kennen, sprechen von „August-
Irrsinn" als einer ganz gelaufigen Sache. Mir macht es viel
SpaB, seinem Auftreten unter den Fremden nachzugehen. Es
sind jetzt nicht weniger, und - wie Du Dir leicht vorstellst —
recht bemerkenswerte Exemplare darunter.
589
Wenn Du nun auch auf die Sprachnotizen noch eine Weile
wirst warten miissen, so hoffe ich meinerseits sehr bald auf
ein Exemplar Deines Manuscripts fur Schocken, umsomehr
als ich, wie Du inzwischen gesehen haben wirst, mich um
die Ersatzbeschaffung aller Stiicke, die Du so freundlich
warst, aus dem Archiv meiner Sachen mir zu iiberlassen, ver-
dient gemacht habe. Daneben ist nun wohl auch mein Auf-
satz iiber Stefan George in Deinen Handen. Es scheint,
nach dem, was man mir berichtet, ein paar helle Kopfe
gegeben zu haben, die wuBten, was sie von „Stempf linger"
zu halten hatten. Gern wiirde ich wissen, was Du von diesem
Aufsatze denkst.
Soviel fur heute. Sei herzlichst gegriiBt
Dein Walter
1 Unter dem Pseudonym C. Conrad in der FZ vom 5. Sep. 1935. Jetzt
Sckriften II, S. 330-342.
2 Jean Selz.
226 An Gretel Adorno
[ohne Datum]
Liebe Felizitas,
gestern ist ein Kuvert mit einigen Drucksachen nach Rxigen
abgegangen. Vor allem solltest Du den „Ruckblick auf Stefan
George" kennen lernen; es tut mir so leid, daB ich selbst diese
schiittere Sendung noch mit der einschrankenden Bitte ver-
sehen muB, den „Ruckblick" mir wiederzusenden; ich habe
von ihm noch kein Dublikat.
Du weiBt, daB ich fur so Vieles zu danken habe, daB dieser
Brief an Dich schwer seinen Anfang gefunden hatte, wenn
ich ihn mit Dank begonnen hatte. Die eingangs erwahnte
Sendung stellt ihn gewiB nicht dar. Eher habe ich die Hoff-
nung, irgendwo in einem entlegenen pariser Bistro, wenn
Du ihn am wenigsten erwartest, aus dem Hinterhalt mit ihm
590
Dich zu erreichen. Ich werde dann daflir sorgen, daB ich nicht
gerade in dem Anzug stecke, den Du mir schenkst und wel-
cher mir zu vielem anderh eher die Freiheit geben mag als zu
diesem Dank. Vorlaufig aber nimm ihn bitte in der wetter -
f esten Verpackung dieser wenigen Worte hier.
Ich bin froh, daB Du Ferien hast und hoffe nur, daB es
sehr schone werden. Den Paulus [Paul Tillich] betreffend
wartest Du jedenfalls ganz umsonst auf mein Mitgefuhl;
wenn ich das fruher in dem gleichen Falle unerschopflich
aufbrachte, finde ich in diesem — der durch seinen Hinter-
grund ein so ganz anderer ist — viel eher Neid am Platze. Das
Vergniigen, ihn jetzt in ein Verhor zu nehmen, scheint mir
nicht der schlechteste Punkt eines Ferienprogramms. Immer-
hin — hoffentlich gibt es bessere und hat zu diesen die Vor-
lesung des „Tom" * gehort. Es wiirde mich natiirlich sehr
freuen, wenn ich das Manuscript hier zu sehen bekommen
konnte. Nicht als ob es mir hier an Lekture fehlte: aber ich
habe groBes Interesse daran.
Was aber die genannte „Lektureu betrifft, so steht die Lust
zu ihr manchmal im umgekehrten Verhaltnis zur Dringlich-
keit. Da hat mich beispielsweise Frankfurt mit dem Gedenk-
artikel zum 200sten Geburtstage von Wieland bedacht und
ich habe ein gut Teil seiner Werke in Reklam mir hersenden
lassen mussen. Bisher sind sie mir alle unbekannt gewesen
und es wird noch mehr Gliick als Verstand dazugehoren, in
der Kiirze der Zeit - und natiirlich auch auf kiirzestem
Raume - irgend etwas Manierliches zur Sache zu sagen.
Bevor ich ganz in dieser Lekture verschwinde, hoffe ich aber
noch ein weiteres Stuck der „ Berliner Kindheit" abzuschlie-
Ben, das „Der Mond" heiBt. Die Ahnlichkeit, welche Du
zwischen den „Loggien" und dem „Fieber" bemerkt hast,
besteht natiirlich. Mir selber aber stehen die beiden Stiicke
sehr unterschiedlich nah; weit niiher als das friihere das
erstgenannte, in dem ich eine Art von Selbstportrat erblicke.
Wahrscheinlich werde ich es anstelle jenes photographischen,
das in den „Mummerehlenu enthalten ist, an die erste Stelle
des Buches setzen. Mit der franzosischen Ubersetzung geht es
langsam, doch auf sehr zuverlassige Art voran.
591
Sehr herzlichen Dank fur die Miihe, mit der es Dir gelang,
mir Dublikate fur einige der „Briefe" zu verschaffen. Ich
bin froh, wenigstens diese zu haben.' [. . .]
Um zum SchluB noch auf die kleine Sendung, die diesen
Zeilen vorausging, zuriickzukommen, so handelt es sich bei
der „Chinoiserie" 2 um eben die kleine Geschichte, von der Dir
Elisabeth3 gesprochen hat. Wohl wissend, daB sie einen an-
dern Titel verdienen wiirde, gab ich ihr doch den, der ge-
druckt stent. Verwickelter und weniger erfreulich steht es mit
den „Schranken", deren Verfassername arbitrar gewahlt
worden ist und die mir selber erst sehr spat vor Augenkamen.4
Wiifite ich nicht je.langer je genauer, welche Verborgenheit
gerade jetzt Versuchen wie denen der „ Berliner Kindheit"
zukommt, so wiirde mich das publizistische Geschick derFolge
bisweilen zur Verzweiflung bringen. Nun aber ist es an dem,
daB dies Geschick mich lediglich in meiner Uberzeugung von
der notwendigen Verhiillung, in der allein Derartiges ent-
wickelt werden kann, bestarkt und diese Uberzeugung hilft
mir wieder, vorlaufig der Versuchung abzuschlieBen zu wider-
stehen. Dabei ist das Bemerkenswerte, daB es weniger von
langer Hand geplante Stlicke sind, die sich hinzufinden, viel-
mehr meist solche, zu denen der Gedanke mir erst kurz bevor
ich an sie gehe, gekommen ist. Nach einem Brief, den ich
gestern in der Sache meines pariser Quartiers erhalten habe,
werde ich kaum vor dem 15ten September von hier abfahren.
DaB ich ohne Illusionen dorthin aufbrechen werde, wirst Du
Dir denken ktinnen. Bisher enthalt die intellektuelle Lage
noch nicht viele Elemente, die einem Verstandnis meiner
Arbeiten zugute kommen" konnten. [. . .]
Ich wiinsche mir recht bald wieder von Dir zu horen. Und
hoffentlich bringen Dir die Ferien so ausgeglichene Tage wie
ich sie manchmal auf meinem Arbeitsversteck im Busch ver-
bringe.
Sehr herzlich Dein Detlef
1 Ein Singspieltext „Tom Sawyer" von Theodor W. Adorno, dessen
Komposition unvollendet blieb.
2 In der Kolnischen Zeitung vom 22. Juli 1933.
3 Elisabeth Wiener, eine Freundin von Gretel Adorno.
592
4 Der Text, zur „Berliner Kindheit" gehorend, erschien unter dem
Pseudonym C. Conrad in der Frankfurter Zeitung vonx 14. 7. 1933.
227 An Gerhard Scholem
Paris, 16. Oktober 1933
Lieber Gerhard,
wenn diese Gliickwiinsche viel zu spat zu Rosch ha Schanah
koramen, so doch immer noch rechtzeitig zu der von Dir er-
strebten und erreichten Anordnung Deiner akademischen
Obliegenheiten, der Professur nicht zu vergessen. Ehe ich
dies oder jenes aus unserm letzten Schriftwechsel beriihre, ein
kurzes Situationsbild. Ich bin schwer krank in Paris angekom-
men. Das will sagen, dafl ich auf Ibiza uberhaupt nicht mehr
gesiind gewesen bin, und der Tag meiner endlichen Abreise
fiel mit dem ersten einer Folge schwerster Fieberanfalle zu-
sammen. Die Reise habe ich unter unvorstellbaren Umstan-
den gemacht. Und hier wurde dann gleich nach meiner
Ankunft Malaria festgestellt. Eine energische Chininkur hat
mir inzwischen einen freien Kopf , wenn auch durchaus noch
nicht meine Krafte wiedergegeben. Diese sind uberhaupt
durch die vielfachen Unbilden — nicht zum wenigsten die
trostlose Ernahrung - meines ibizenkischen Auf enthalts sehr
geschwacht.
Mein Archiv ist, wenigstens was den handschriftlichen Teil
betrifft, zum uberwiegenden Teil durch Freunde hierher ge-
bracht worden. Von den handschriftlichen Dingen fehlt im
wesentlichen nur derNachlaB der Heinles. Was die Sicherung
meiner Bibliothek angeht, so ist das vor allem eine Geldfrage.
Mit einigem Unbehagen erwarte ich noch immer die Be-
statigung des Empfangs der Notizen iiber die Sprache, die ich
Dir von Ibiza aus in Schreibmaschinen- Ausfertigung gesandt
habe. Du mufit sie ja wohl kurz nach dem 19ten September,
593
dem Datum Deines letzten Brief es, erhalten haben. Meiner-
seits erwarte ich Deinen Beitrag im Schocken-Almanach.1
Dein Gedicht zum Angelus Novus habe ich wieder mit un-
verminderter Bewunderung gelesen. Ich versetze es unter die
Besten die ich kerme. Die Widmung der „EinbahnstraBe" 2
las ich mit Anteil, der belebt wurde durch eine neue brief -
liche Nachricht von K.M.-St. Bitte sage ihr bei der nachsten
Gelegenheit sehr herzliche GriiBe.
[...]
1 „Nach der Vertreibung aus Spanien."
2 Ein Widmungsgedicht an Karl und Kitty Steinschneider.
228 An Kitty Marx- Steinschneider
Paris, 20. Oktober 1933
LieBe ich es mir mit der Anrede so schwer machen, wie Sie es
vielleicht glauben, liebe Adressatin, so wurde sich dieses
Schreiben noch auf lange hinaus verzogern. Dahin soil es aber
nicht komrnen, und sei es auch nur, weil Sie in Ihrem letzten
mir so beherzte Auskunft iiber Dinge gegeben haben, derent-
wegen ich bei Gerhard nicht einmal anzufragen wage. Na-
tiirlich werde ich nicht verschweigen — wenn es denn noch
gesagt zu werden braucht — daB mein Einverstandnis mit
der Produktion von Brecht einen der wichtigsten, und be-
wehrtesten, Punkte meiner gesamten Position darstellt. Ich
habe ihn literarisch, wenn auch niemals umfassend so doch
6ft er annahernd umschreiben konnen. Und weiter mochte ich
annehmen, daB diese unvollkommenen Umschreibungen in
Palastina noch eher geneigte Augen finden kbnnten als die
erheblichen „Versuche", auf welche sie sich beziehen. Erstere
sind Ihnen zuganglich. Ich nehme leider nicht an, daB sie
mehr iiber Sie vermogen werden als iiber Gerhard, welchen
sie nur zu einem sehr bedeutungsvollen Schweigen und, wenn
ich mich nicht irre, nicht einmal zu dem Erwerb der Schrif-
ten bewegen konnten, iiber die unsere Auseinandersetzung
594
wohl nur vertagt ist, freilich, unbedingt, mit meinem Wil-
len, auch vertagt sein soil.
DaB aber wir, auf eigene Faust, sie nicht aufnehmen, das
wird sicher in Ihrem wie in meinem Sinne sein. Und somit
wiirde ich mich getrost einigen Bemerkungen iiber Paris zu-
wenden, wenn sie nur halbwegs erfreulich ausfallen konn-
ten. Das ist bisher nicht zu behaupten. Ich bin vielmehr
geneigt, Ihren Affekten meine Anerkennung iiber die magi-
schen Gewalten anzusprechen, die ihrer Befriedigung offen-
bar zu Gebote stehen. Denn sollte meine auBerst klagliche
Ankunft in dieser Stadt nicht das Werk des „leichten Neids"
sein, dessen mich Ihr letzter Brief versi chert? Ich kam mit
einer schweren Malaria an. Das Fieber ist inzwischen iiber -
wunden und die Ermattung, welche sie zuriicklieB, laBt mir
genau die Kraft, der trostlosen Lage inne zu werden, doch
keineswegs die, sie zu iiberwinden, indem ich nicht einmal
dieTreppenstufen der billigen Hotels ersteigen kann indenen
ich mein Unterkommen wahlen muB. Was von Juden und fur
Juden hier geschieht, kann man vielleicht am besten als fahr-
lassige Wohltatigkeit bezeichnen. Es verbindet mit der Per-
spektive auf Almosen — die selten eingelost werden — das
HochstmaB an Demiitigungen und es bleibt f iir ehemalige An-
gehorige der Biirgerklasse ewig denkwiirdig, deren mit Juden
befaBten AuBenforts zu studieren. Das ist denn auch die zur
Zeit handgreiflichste Beschaftigung Ihres ergebenen Dieners,
der im iibrigen — trotz vielversprechender Korrespondenz mit
der jiidischen Hochfinanz - weder einen Pfennig, noch eine
Matratze, noch einen Scheit Holz von dieser bis dato bezogen
hat.
Deutsche zu sehen, vermeide ich. Lieber spreche ich noch
mit Franzosen, die zwar kaum etwas tun kbnnen oder mogen,
aber die groBe Annehmlichkeit haben, einem nicht ihre
Schicksale zu erzahlen. Das gleiche Verhalten ist aber noch
unverzeihlicher, wenn es die Uberwindung von Entf ernungen
fiir sich in Anspruch nimmt und darum gedenke ich es nicht
fortzusetzen.
Wir miissen uns also schon gedulden, bis die Anekdote wie-
der ihren Platz in meiner Existenz eingenommen hat. Und
595
bis dahin wird - wie ich annehme - f iir Sie noch mancherlei
Zeit und Gelegenheit sein,micli miteinemGruBzubedenken.
Mit den freundlichsten Gedanken Ihr Walter Benjamin
229 An Gretel Adorno
Paris, 30. Dezember 1933
Liebe Felizitas,
diese GriiBe werden Dich - wenn schon nicht zu Neujahr so
doch sicher - im Augenblicke Deiner Riickkehr nach Berlin
erreichen. Denn ich denke, Du bist zu Neujahr noch in Frank-
furt. Ich habe wieder Dank fur Vieles zu sagen — auch fur
die frankfurter Ermahnung, von anderen, Wichtigeren nicht
zu sprechen. Diese betreffend hatte ich gewisse Schritte vor-
her schon unternommen. Ich bin noch ohne Bescheid und
habe alien Grund anzunehmen, daB sie vergeblich gewesen
sind, wie das von Anfang an zu erwarten war. Naturlich
macht es die damit verbundnen Folgen nicht leichter, sie vor-
hergesehen zu haben.
Und so laBt es sich nicht leugnen, daB ich nicht nur am
Ende des alten Jahres sondern auch meines Lateins bin. Ge-
wiB : ich habe — wie ich Dir wohl schrieb — vor kurzem mei-
nen ersten Auftrag hier eingebracht — einen Auf satz iiber den
Seineprafekten Haussmann1, der Paris unter Napoleon III
umgebaut hat. Auch sonst ist dies und jenes zu tun. Gegen
die graue Perspektive und die noch grauere Einsamkeit, die
jetzt urn mich ist, kommt das alles nicht auf. Der EntschluB,
zu dem ich vor allem die Kraft finden muBte, ware von hier
f ortzugehen. Noch muB ich Einiges hier abwarten, noch hoffe
ich - an erster Stelle — auf Dein Kommen, noch graut mir
vor dem danischen Winter, dem dortigen Angewiesensein auf
einen Menschen, das sehr leicht eine andere Form der Ein-
samkeit werden kann, einer ganz unbekannten Sprache, die
niederdruckend ist, wenn man fur alle alltaglichen Verrich-
tungen selbst aufzukommen hat.
596
Das neue Schulgesetz gibt mir Bedenken fiir Stefan ein.
Die Arbeit hat augenblicklich fast keine bestatigende Kraft
fiir mich, denn die, zu der es mich am meisten zieht — Fort-
setzung der „ Berliner Kindheit" kann ich mir nicht leisten.
"Qber den „Tom" das nachste Mai. „Vierhandig" 2 habe
ich mit Freude gelesen. So sonderbar es klingt, so miiBte ja
auch ich mich irgendwann an ahnliche Erinnerungen wagen.
Ich habe auch Studien dazu gemacht, aber noch ist es nicht
soweit.
[. . .]
Schreibe mir moglichst bald. Und einen sehr herzlichen
Gedanken ins neue Jahr hiniiber.
Dein Detlef
1 Ein Auftrag von Le Monde, aus dem dann nichts wurde. Vgl. aber
„Zeitschrift fiir Sozialforschung" 3 (1934), S. 442 f. und Schxiften I,
S. 419-422.
2 Ein Aufsatz von Theodor W. Adorno: Vierhandig, noch einmal, in:
Vossische Zeitung vom 19. 12. 1933.
230 An Gerhard Scholem
Paris, 18. Januar 1934
Lieber Gerhard,
zu einem langeren Brief e ausholend, mache ich mir Mut
durch das querkopfige Format. Vor allem danke ich Dir fiir
den Brief vom 24ten Dezember und fiir das Buch. Du weifit
mit welchem aufierordentlichen Anteil ich alles lese, was mir
von Agnon zuganglich ist. Auf dies en Band, den ich eben be-
endet habe, werde ich noch ofters zuriickgreifen. l Zunachst
weise ich darauf hin, wo es mir im Gesprach moglich ist.
Schoneres habe ich nicht in ihm gefunden als „die groBe
Synagoge", die ich als ein gewaltiges Musterstiick ansehe.
Dann scheint mir noch die Geschichte vom Biicherwart ganz
besonders bedeutsam. Musterhaft ist Agnon in jedem Stuck
und wenn ich „ein Lehrer in Israel" geworden ware - aber
ebenso leicht hatte ich wohl ein Ameisenlowe werden kon-
597
nen - so hatte ich mir eine Rede iiber Agnon und Kafka nicht
nehmen lassen. (Ich bemerke hier, daB, sollte ich je wieder in
den Besitz meiner Bibliothek kommen, der „ProzeB" darin
fehlen wird. Man hat ihn mir schon vor Zeiten gestohlen.
Wenn Du ihn auftreiben konntest, so waren die schlimmsten
Verwiistungen gutgemacht, die der Hochstapler seinerzeit
bei mir angerichtet hat. Das andere unverschmerzbare Stuck
— Brechts „Hauspostille" im ersten Druck, von dem es nur
25 Stuck gibt, habe ich hier dem Autor im Wege schwieri-
ger Verhandlungen abgewonnen.)
Kafkas Name veranlaBt mich, Dir zu schreiben, daB ich
hier einen Umgang mit Werner Kraft aufgenommen habe.
Er sah mich auf der Bibliotheque Nationale und wandte sich
daraufhin schriftlich an mich. Ich war iiberrascht, von ihm
einige Arbeiten zu lesen, denen ich weder Zustimmung noch
Respekt versagen kann. Zwei von ihnen sind Kommentar-
Versuche zu kurzen Kafkaschen Stucken, zuriickhaltende und
keineswegs einsichtslose. Kein Zweifel, daB er sehr viel mehr
als Max Brod von der Sache verstanden hat. — Es gibt unter
den Maximen und Refiexionen, die sich in Goethes NachlaB
gefunden haben und von deren wichtigsten man wohl raten
[kann], warum er sie nicht veroffentlicht hat, diese bemer-
kenswerte: „Gebranntes Kind scheut das Feuer; ein oft ver-
sengter Greis scheut, sich zu warmen." Auf sie spiele ich an,
um ohne viel Worte sagen zu konnen, welche die Stimmun-
gen sind, gegen die ich oft wochenlang zu kampfen habe, um
zu einer Initiative zu kommen, die auf die Plazierung mei-
ner Schriften gerichtet ist. Selten hat deren Uberwindung in
letzter Zeit zu etwas anderem gefiihrt als meinen Hemmun-
gen recht zu geben.
Schrieb ich Dir, daB mein Bruder zu Weihnachten aus dem
Konzentrationslager Sonnenburg entlassen worden ist? So-
weit ich weiB, schwebt aber noch ein Hochverratsverfahren
gegen ihn. Wirtschaftlich ist er mit seinem einjahrigen Sohn
zur.Not durch seine Schwiegereltern gesichert. Im xibrigen
muB ich es f iir fast sicher halten, daB er auf die eine oder die
andere Weise die illegale Arbeit wieder aufnimmt. Dies
598
naturlich in strengstem Vertrauen, Im iibrigen magst Du aus
dieser Stelle entnehmen, daB es in keiner Weise Angst vor
einer Zensur — vor welcher? — ist, die mich gelegentlich von
meinen eigenen Dingen mit einigem Lakonismus sprechen
laflt. Was mich dazu veranlaBt sind die iiberaus bednicken-
den Umstande. Und ich rede da nicht allein von den auBern.
Ich bin kaum je so vereinsamt gewesen wie hier. Wenn ich
Gelegenheiten suchen wiirde, mit Emigranten im Cafe zu
sitzen — die waren leicht beschaff bar. Aber ich meide sie.
Vergegenwartige Dir, wie auBerordentlich bedeutsam — aber
auch wie auBerordentlich klein - der Kreis war, der mein
Dasein in den letzten berliner Jahren bestimmte. Von den
Menschen, die sein Zentrum bildeten, ist - jetzt, nachdem
die Hauptmann, Brechts Sekretarin, nach Amerika gefahren
ist, nicht einer - von denen die seine Peripherie bildeten,
sind zwei hier. Die Reise nach Danemark schiebe ich nicht
nur der Jahreszeit wegen auf. So nah ich Brecht befreundet
bin, so hat doch das ausschlieBliche auf-ihn-angewiesen-sein,
welches mir dort in Aussicht steht, seine Bedenken. Dazu
kommt, daB man bei vblliger Mittellosigkeit, doch gut tut
jene Anonymitat zu suchen, die einem eine groBe Stadt gibt.
1 „In der Gemeinschaft der Frommen; sechs Erzahlungen aus dem
Hebraischen", Berlin 1935. Drei der Erzahlungen sind von Scholem
iibersetzt.
231 An Gretel Adorno
Paris, 3. Marz 1934
Liebe Felizitas,
endlich liegen wieder ein paar leichtere Tage und Wochen
vor mir.
Und das danke ich Dir. Aber der Dank - vor allem aus so
groBer Feme — ist ein schwacher Ausdruck. Wie lange wer-
den wir noch auf ihn angewiesen bleiben? -=■ Es war eine
599
schreckliche Lage, aus der Du mir geholf en hast. Aus Deiner
Hilf e sehe ich, daB Du sie verstanden hast und mir eine
nahere Schilderung hast sparen wollen.
Die neue Initiative, die ich durch Dich und Teddie ge-
wonnen habe, wende ich nun nach zweifacher Richtung auf.
Uber die eine — die der Passagenarbeit, die mich jetzt wieder
viel beschaftigt, Naheres ein andermal. Die andere beruht
darauf , daB man mir einen — ganz kleinen — Kunstsalon fur
einige Vortrage zur Verfiigung stellen will. Ich wurde dort,
vor einem franzosischen Publikum und in franzosischer
Sprache, einen Zyklus von Vortragen aus meinem Arbeits-
kreis halten: so iiber Kafka, Ernst Bloch und einige andere
im Rahmen einer geschlossenen Reihe sprechen. Natiirlich
steht es noch dahin, ob die Sache zustandekommt. Ich kann
nur sagen, daB ich es sehr hoffe und alle Verbindungen, die
ich hier habe, dafiir zu mobilisieren suche.
So wenig mich der Durchschnitt der Erfahrungen, die ich
mit alten franzosischen Bekannten bisher gemacht habe, zur
Wiederaufnahme der ehemaligen Beziehungen ermutigt, so
muB ich doch, eben im Interesse jenes Plans, Bedenken zu-
riickstellen. Und in den nachsten Tagen werde' ich auf die
alteste, die ich hier habe, zuriickgreifen. Ich weiB nicht, ob
Dir der ehemalige Verleger Francois Bernouard l ein Begriff
ist. Nach wechselvollen Schicksalen ist er jetzt wieder in den
Besitz einer Druckerei gelangt. Auch eine — freilich proble-
matischere — literarische Situation hat er sich wieder geschaf-
fen, indem er sich zum animateur eines Literaturklubs - der
amis de 1914 - machte. Da werde ich denn wohl eines diens-
tags erscheinen miissen; vorher aber bei einem Privatbesuch
feststellen, wie der Wind weht.
Sylvia Beach, die schon gelegentlich erwahnte Verlegerin
von Joyce habe ich neulich in ahnlicher Erwagung aufge-
sucht. Sie hat eine englische Leihbibliothek hier im Quartier.
Nur gibt es — so sagt sie mir wenigstens — keine Englander
mehr in Paris. In der Tat war ihre boutique recht still und
ich hatte alle Ruhe, mir schone Portraits und Handschriften
von Walt Whitmann, Oskar Wilde, George Moore, James
Joyce und anderen zu besehen, die bei ihr an den Wanden
600
hangen. Das englische Milieu bringt mich darauf, Dir viel
SpaB bei der Lektiire der Maughamschen Kriminalgeschich-
ten zu wiinschen, die ich morgen an Dich abschicke. Neulich
las ich, zufallig, in der Lu einen autobiographischen Riick-
blick dieses alten Mannes, der nun in Nizza auf seine vielen
Erfolge zuriicksieht. Und dieses Resumee klingt sehr melan-
cholisch. Man entnimmt ihm immerhin, daB er fur das intel-
ligence service gearbeitet hat und seinen Mr Ashendon dem-
gemaB nach dem Leben gezeichnet hat.
Vielen Dank fur das Verzeichnis der Biicher, die Du zu
schicken gedenkst. Nur nebenbei: befinden sich nicht viel-
leicht auch die „Trugbilder" sowie noch ein oder zwei andere
Biicher der gleichen Kategorie bei Dir? Nein - ich sehe noch
einmal in die Liste - da fehlen mir nur die Trugbilder (ein
Buch mit komischen optischen Spielereien auf bunten Ta-
feln.) Im iibrigen ist es nicht so sehr wichtig.
Ich bin froh, daB Dir der Agnon so nahe steht. Ja — meine
beiden liebsten Geschichten sind der Biicherwart und die
groBe Synagoge. Die letzere sollte vor ungefahr 15 Jahren
unter den Beitragen des ersten Heftes meines Angelus Novus
(der geplanten Zeitschrift) sich befinden.
[. . .]
So fallen selbst alte Bekannte weg und der Wert der ganz
wenigen, die bleiben, wird immer fxihlbarer. Damit aber bin
ich zum Ausgangspunkt dieses Briefes zuriickgekehrt und
mir bleibt nur, zum SchluB Dich zu erinnern, dem Zian
recht brav zu folgen und mir sehr bald zu schreiben.
Alles Alte und Liebe Dein Detlef
l W. B. hatte am 21. Juni 1929 einen Artikel iiber ihn in der „Litera-
rischen Welt" veroffentlicht.
601
232 An Bertolt Brecht
Paris, 5. 3. 1934
Lieber Brecht,
die Hauptmann1 hat mir einen Brief geschrieben, in dem
auBer GriiBen fur Sie audi einige Sie betreffende Zeilen
stehen. Vor allem was den Gedichtband angeht:
„Ist der Band2 schon heraus? Ich brauchte ihn so sehr. Aus
lauter Verzweiflung macht man hier immer noch Kuhle
Wampe 3. Brecht konnte eine groBe Sache hier sein, aber ich
habe nichts von ihm dabei. Wenn er heriiberkame, wiirde er
keinerlei Schwierigkeiten haben, sich schnell und ziemlich
breit durchzusetzen."
Wissing ist aus Berlin zuriick. [. . .] Immerhin steht soviel
fest, daB meine Biicher expediert worden sind — es handelt
sich ungefahr um die Halfte — aber die wichtigere Halfte —
der Bibliothek. Hoffentlich sind sie um diese Zeit schon auf
See. Bitte lassen Sie mich doch die Ankunft des Transports in
Svendborg gleich wissen. Der ganze Transport ist bezahlt;
es konnten wohl hochstens Abrollgebiihren in Svendborg
noch zu erlegen sein. Wenn Sie die gegebnenfalls auslegen
wollten, ware ich Ihnen sehr dankbar. DaB die Biicher so-
gleich zu Ihrer Verf iigung stehen, brauche ich wohl kaum zu
bemerken.
Mit der Arbeit xiber HauBmann steht es so, daB ich mich
nicht entschlieBen konnte, fur Monde sie zu schreiben. Die
Leute machten mir bei der zweiten Besprechung einen allzu
unzuverlassigen Eindruck. Dagegen ist mein Material zu die-
ser Arbeit vollig komplett, so daB ich sie an jedem beliebigen
Ort schreiben kann, ohne irgendein Buch einzusehen. Um mir
aber einige Mittel zu beschaffen, bin ich auf einen andern
-Gedanken gekommen.
Ich kiindige in den mir zuganglichen, und einigen andern
franzosischen Kreisen eine Vortragsfolge „L'avantgarde alle-
mande" an. Ein Zyklus von fiinf Vortragen — die Karten
miissen fiir die ganze Folge subscribiert werden. Aus den
verschiednen Arbeitsgebieten greife ich nur je eineFigur her-
602
aus, in der sich die gegenwartige Situation maBgebend aus-
pragt.
1) le roman (Kafka)
2) l'essay (Bloch)
3) theatre (Brecht)
4) journalisme (Kraus)
Vorangeht ein einleitender Vortrag „Le public allemand"
Soviel zu meinen derzeitigen Projekten.
Haben Sie das Weill -Interview, das ich Ihnen schickte, be-
kommen?
Alles Gute fur Ihre Arbeit mit Eisler und herzliche Griifie
Ihr Walter Benjamin
1 Elisabeth Hauptmann, Mitarbeiterin Brechts.
2 Vermutlich „Lieder, Gedichte, Chore", 1924 in Paris erschienen.
3 Film von Brecht.
233 An Gerhard Scholem
6. Mai 1934
Lieber Gerhard,
Dies, lieber Gerhard, stellt nicht den ersten Versuch dar, auf
Deinen letzten Brief Dir zu antworten. Wenn aber der wie-
derholte Ansatz auf eine Schwierigkeit deutet, so liegt sie
nicht im inhaltlichen Bescheid, den Du forderst, sondern in
der Gestalt Deiner Forderung, Du kleidest sie in eine - viel-
leicht theoretische - Frage: „Soll das ein kommunistisches
Credo sein?"
Solche Fragen ziehen — so scheint mir — auf dem Wege
iiber den Ozean Salz an und schmecken dann dem Gefragten
leicht bitter. DaB es mir so ergeht, leugne ich nicht. Ich kann
es mir nicht vorstellen, was der f ragliche Auf satz Dich eigent-
lich Neues iiber mich hiitte lehren kbnnen. DaB Du nun gar
in ihm eine summa — oder ein credo, wie Du es nennst — fin-
den willst, setzt mich in groBes Erstaunen.
603
Aus Erfahrung wissen wir beide, welche Beliutsamkeit der
bedeutsame Brief wechsel fordert, den wir einer jahrelangen
Trennung abringen. Diese Behutsamkeit schlieBt keineswegs
aus, daB schwierige Fragen beriihrt werden. Aber das kon-
nen sie doch nur als personlichste. Soweit das geschehen ist,
sind die betreff enden Stiicke - das kannst Du sicher sein - in
meiner „inneren Registrator" wohl aufbewahrt. Deiner letz-
ten Frage kann ich das nicht versprechen : sie scheint mehr
einer Kontroverse zu entstammen als unserm Briefwechsel.
DaB wir den kontrovers nicht fiihren konnen liegt auf der
Hand. Und wenn in seinem Verlaufe Bestandstiicke auftau-
chen, die so eine Behandlung nahe legen, so gibt es - scheint
mir - hier fur den Partner kein anderes Verfahren, als sich
an das lebendige Bild zu wenden, das einer von dem andern
in sich tragt. Ich denke, daB das meinige in Dir nicht das von
einem Manne ist, der leicht und ohne Not sich auf ein „ Credo"
festlegt. Du weiBt, daB ich wohl immer meiner Uberzeugung
gemaB geschrieben, selten aber, und nie anders als im Ge-
sprach, den Versuch unternommen habe, den ganzen wider-
spruchsvollen Fundus, dem sie in ihren einzelnen Manifesta-
tionen entspringt, zum Ausdruck zu bringen.
Und da sollte mir eine Ubersicht liber franzosische Litera-
turprodukte das Stichwort bieten ?! — Das Stichwort ist mir,
soweit ich zuriickdenken kann, freilich einmal gegeben wor-
den. Es konnte als ein solches gelten, weil es im Raum einer
Kontroverse fiel. Ich fand es in Gestalt eines Briefes, den
Max Rychner vor einigen Jahren an mich gerichtet hatte. *
Es sollte mich nicht wundern, wenn Du die Kopie meiner
Antwort seinerzeit von mir geschickt bekommen hattest.
Wenn nicht, so kann ich das jetzt nicht nachholen. Dieser
Brief liegt bei anderen Papieren in Berlin. Was sollte aber
auch dieser Dir Neues sagen?! DaB mein Kommunismus von
alien moglichen Formen und Ausdrucksweisen am wenig-
sten die eines Credos sich zu eigen macht, daB er — um den
Preis seiner Orthodoxie - nichts, aber gar nichts ist, als der
Ausdruck gewisser Erfahrungen, die ich in meinem Denken
und in meiner Exist enz gemacht habe. DaB er ein drasti-
scher, nicht unfruchtbarer Ausdruck der Unmoglichkeit des
604
gegenwartigen Wissenschaftsbetriebes ist, meinem Denken,
der gegenwartigen Wirtschaftsform, meiner Existenz einen
Raum zu bieten, daB er fur den der Produktionsmittel ganz
oder fast beraubten den naheliegenden, verniinftigen Versuch
darstellt, in seinem Denken wie in seinem Leben das Recht
auf diese zu proklamieren — daB er dies alles und vieles mehr,
in jedem aber nichts anderes als das kleinere Obel ist (siehe
den Brief von Kraus an jene Gutsbesitzerin, die sich liber
Rosa Luxemburg auBerte) ™ habe ich notig Dir das zu sagen?
Nun ware ich freilich bestiirzt, wenn Du in diesen Worten
etwas fandest, was einem Widerruf auch nur ahnlich sieht.
Das Ubel ist — im Vergleich zu denen, die uns umgeben — ein
soviel kleineres, daB es in jeder praktischen, fruchtbaren Ge-
stalt zu bejahen ist - nur in der unpraktischen, unf ruchtbaren
des Credos nicht. Und diese Praxis — im Falle des von Dir
bezichtigten Auf satzes eine wissenschaftliche — laBt derTheo-
rie — dem Credo, wenn Du willst — eine ungleich groBere
Freiheit als die Marxisten ahnen. Leider scheinst Du in die-
sem Falle ihre Ahnungslosigkeit gut zu heiBen.
Du zwingst mich, es auszusprechen, daB jene Alternativen,
die off enkundig Deiner Besorgnis zu Grunde liegen, fur mich
nicht einen Schatten von Lebenskraft besitzen. Diese Alter-
nativen mogen im Schwange gehen — ich leugne nicht das
Recht einer Partei, sie kundzugeben — es kann mich aber
nichts bewegen, sie anzuerkennen.
Wenn vielmehr etwas die Bedeutung kennzeichnet, die das
Werk von Brecht - auf das Du anspielst, zu dem Du aber,
soviel ich weiB, Dich zu mir nie geauBert hast, fur mich be-
sitzt, so ist es eben dies: daB es nicht eine jener Alternativen
aufstellt, die mich nicht kummern. Und wenn die nicht ge-
ringere Bedeutung des Werks von Kafka fur mich feststeht,
so ist es nicht zum wenigsten, weil nicht eine der Positionen,
die der Kommunismus mit Recht bekampft, von ihm einge-
nommen wird.
Soviel zu Deiner Frage. Und hier liegt nun der Ubergang
zu jenen Erwagungen Deines Brief es nahe, fur die ich Dir
vielen Dank sage. Wie viel mir an einem Auftrag, Kafka zu
behandeln, gelegen ware, brauche ich nicht zu sagen. MiiBte
605
icli seine Position im Judentum explizit behandeln, so waren
mir dafiir Fingerzeige von anderer Seite freilich unentbehr-
lich. Ich kann meine Unwissenheit da nicht zu Improvisatio-
nen ermutigen. Bisher hat Weltsch freilich noch nichts von
sich horen lassen.
DaB Deine Bemiihung bei Schocken vergeblich war, dasbe-
klage ich fur uns beide, ohne es iiberraschend zu finden.
[. . .] _ ■
Fur die kleine Biicherei 2, die Spitzer ediert, wiirde ich mich
gewiB gem tatig erweisen; mir ist nur bisher kein brauch-
barer Gedanken gekoramen. Auf der anderen Seite erspare
ich es uns, Dir eine Aufzahlung der vielen — zum Teil gewiB
geringwertigen — Versuche zu geben, mir hier eine Existenz-
grundlage zu schaffen. Sie haben mich nicht gehindert, einen
langern Essay — der Autor als Produzent 3 - zu schreiben, der
zu aktuellen Fragen der Liter aturpolitik Stellung nimmt. Ob
er gedruckt erscheinen wird, weiB ich noch nicht.
Mit dem „Visionaire" von Green habe ich eine groBe Ent-
tauschung erlebt. Zur Zeit beschaftigt mich eine elende Stu-
die iiber Flauberts Asthetik, die, in recht pretentioser Gestalt,
bei Klostermann in Frankfurt erschienen ist und von einem
gewissen Paul Binswanger stammt4. Auf der andern Seite
habe ich Freude an Brechts neuem politischen Drama „Die
Rundkopfe und die Spitzkopfe", das ich im endgiiltigen Ma-
nuscript vor einigen Tagen erhalten habe.
Welche Vorstellungen Du mit Deinem Vorschlag an mich,
Leon Schestow hier aufzusuchen, verbindest, bitte ich Dich,
mir wenigstens anzudeuten. Aus dem, was ich etwa in der
„Kreatur" von ihm gelesen habe, sind mir nicht gemigend
Anhaltspunkte fiir solchen Schritt geblieben. Ich kann keine
konkreten Daten, die ihn betreffen, in meinem Gedachtnis
vorfinden.
Und die herzlichsten GriiBe! Dein Walter
'l Vgl. den Brief vom 7. Marz 1931 und die anschlieBenden Briefe.
2 Die Schocken-Bucherei, eine der wichtigsten Erscheinungen des
Lebens der Juden in Deutschland von 1955-1938. Sie wurde von Dr.
Moritz Spitzer (jetzt in Jerusalem) herausgegeben.
606
3 Ungedruckt. Im Nachlai3 erhalten.
4 Von W. B. im Literaturblatt der FZ vom 12. Aug. 1954 besprochen.
234 An Robert Weltsch
Paris,. 9. Mai 1934
Sehr geehrter Herr Dr. Weltsch,
mit bestem Dank und postwendend bestatige ich Ihnen Ihr
Schreiben vom 4. Mai, das ich, auf dem Umweg liber meine
alte Adresse, erst gestern erhielt.
Fiir Ihre Aufforderung bin ich Ihnen sehr dankbar, insbe-
sondere aber verpflichtet fiir die Anregung, mich iiber Kafka
zu auBern1. Ichkann mir ein erwiinschteresThema nicht vor-
stellen; allerdings verkenne ich auch nicht die besonderen
Schwierigkeiten, die in diesem Falle zu beriicksichtigen sind.
Ich halte es fiir loyal und zweckmaBig, auf diese kurz hinzu-
weisen.
Die erste und gewichtigste ist sachlicher Natur. Als Max
Brod vor Jahren von Ehm Welk wegen Nichtbeachtung ge-
wisser Kafka'scher Testamentvorschriften angegriffen wurde,
habe ich Max Brod in der „Literarischen Welt" verteidigt. 2
Das hindert mich aber nicht, zu der Frage der Interpretation
Kafkas ganz anders zu stehen als Max Brod. Insbesondere
vermag ich methodisch mir in keiner Weise die gradlinige
theologische Auslegung Kafkas (die, wie ich wohl weiB, nahe
genug liegt) mir zueigen zu machen. GewiB denke ich nicht
im entferntesten daran, den von Ihnen vorgeschlagenen Arti-
kel mit polemischen Ausfiihrungen zu belasten. Auf der
anderen Seite aber glaube ich, Sie darauf hinweisen zu miis-
sen, daB mein Versuch, mich Kafka zu nahern - ein Versuch,
der nicht von heute und gestern ist — mich Wege gefiihrt hat,
die von seiner gewissermaBen „offiziellenu Reception ver-
schieden sind.
Die zweite und die dritte Schwierigkeit betreffen techni-
sche Fragen. Es hangt sehr viel vom RedaktionsschluB ab.
607
Ich wiirde Sie bitten - fur den Fall, daB Sie in den vorstehen-
den Ausfiihrungen kein Hindernis finden, mich mit der Ar-
beit zu betrauen, mir den Ablieferungstermin soweit wie
irgend moglich hinauszuriicken. Ein Aufsatz wie dieser stoBt
fur mich, der ich leider meine Bibliothek hier nicht zur Ver-
fiigung habe, auf nicht geringe bibliographische Schwierig-
keiten. Die Frage wiirde sich allerdings auBerordentlich ver-
einfachen, wenn Sie, sehr geehrter Herr Weltsch, es fiir
moglich hielten, mir gewisse hier kaum auf zutreibende Werke
— ProzeB, Landarzt, Verwandlung, Amerika — durch die
Redaktion der „Judischen Rundschau" auf kurze Zeit leih-
weise zur Verf iigung zu stellen.
MitgliedderReichsschrifttumskammerbin ich nicht. Eben-
sowenig bin ich aus den betreffenden Listen gestrichen wor-
den: Ich bin namlich iiberhaupt niemals Mitglied irgendeiner
Schriftstellervereinigung gewesen.
In der Hoffnung, baldigst in den Besitz Ihrer Antwort zu
gelangen
mit vorziiglicher Hochachtung Ihr sehr ergebener
Dr. Walter Benjamin
1 W. B.s Aufsatz erschien in der „Jiidischen Rundschau" vom 21. und
28. Dez. 1934. Die vollstandige Fassung in Schriften II, S. 196-228.
2 „Kavaliersmoral" in der L. W. vom 22. Nov. 1929.
235 An Bertolt Brecht
Paris, 21.5. 1934
Lieber Brecht,
es hat sehr lange gedauert, bis die Dinge hier ubersehbar
geworden sind. Ich wo lite Ihnen etwas Endgiiltiges mitteilen
und habe die Mitteilung darum immer wieder hinausgescho-
ben, Ihnen nicht einmal iiber die „Rundkopfeu geschrieben,
die ich ungemein wichtig und vollkommen gegliickt finde.
608
Vor ein paar Tagen sah ich Hanns [Eisler]. Er meinte, daB
ich Ihnen ausdriicklich schreiben miisse, von welcher Wich-
tigkeit mir eine Auffiilirung des Stiicks in London schiene.
Ich denke, diese Wichtigkeit versteht sich angesichts des Urn-
stands von selbst, daB man dem Publikum keine einleuchten-
dere, interessantere und faBlichere Darstellung des Gegen-
stands geben kann als Sie es tun. Damit iibergehe ich alle
andern Qualitaten des Stiicks, die allerdings in diesem Tat-
bestand eingeschlossen sind.
Kennen Sie Go? ein sehr altes chinesisches Brettspiel. Es
ist mindestens so interessant wie Schach — wir miiBten es in
Syendborg einfuhren. Beim Go werden Steine nie bewegt,
nur auf das, anfanglich leere, Brett gesetzt. Diese Bewandt-
nis scheint es mir mit Ihrem Stuck zu haben. Sie setzen jede
IhrerFiguren und Formulierungen an die richtigeStelle, von
der aus sie von selber und ohne sich geberden zu miissen die
richtige strategische Funktion ausuben. Ich glaube, daB die
auBerst leichte und sichere Hand, die Sie bei diesem Verfah-
ren beweisen, auf das Publikum — und besonders ein engli-
sches — viel grbBeren Eindruck machen wird als die Prozedu-
ren, mit denen das Theater sonst ahnliche Zwecke verfolgt.
Einige von den neuen Liedern bekam ich zu horen, die mir
sehr gut gefallen haben.
Unter dem Titel „Der Autor als Produzent" habe ich
versucht, nach Gegenstand und Umfang ein Pendant zu mei-
ner alten Arbeit uber das epische Theater zu machen. Ich
bringe es Ihnen mit.
Auf sehr bald und mit herzlichen GriiBen
Ihr Walter Benjamin
609
236 An Gerhard Scholem
Svendborg, 9. Juli 1934
Lieber Gerhard,
Ich habe nun Deine nacb Paris gerichteten Zeilen vom
20ten Juni bekommen. Aus ihnen entnehme ich zunachst, daB
mein Gedachtnis sich eine. BloBe gegeben hat. In der Tat war
ihm der fragende Brief l entschwunden, auf welchen Du Dich
beziehst. [. . .]
Du wirst meine Ansicht teilen: es ware unklug, die Aus-
sichten einer — wenn auch vielleicht noch entfernten miind-
lichen Aussprache durch unzulangliche Versuche schriftlicher
Auseinandersetzung zu vermindern.
Es stehen uns neben dem unmittelbaren so viele mittelbare
Wege zur Verfugung. Und so scheue ich mich — einen dieser
Wege beschreitend — nicht Dir die Bitte, einiges iiber Deine
Reflexionen zu Kafka mir mitzuteilen, zu wiederholen.2 Sie
ist umso fundi erter, als meine eigenen Uberlegungen zu die-
sem Gegenstande Dir ja nun vorliegen. Wenn sie in ihren
Hauptziigen auch dargelegt sind, so haben sie, seit meiner
Ankunft in Danemark, mich weiter beschaftigt und wenn ich
mich nicht irre wird die Arbeit an ihnen mir noch fur eine
Weile aktuell bleiben. Mittelbar ist diese Arbeit durch Dich
veranlaBt; ich sehe keinen Gegenstand in dem unsere Kom-
munikation naherliegend ware. Und mir scheint nicht, daB
Du meine Bitte abschlagen kannst.
Schreibe bitte baldigst. Mit herzlichen GriiBen und alien
guten Wiinschen fur Eschas weitere Genesung
Dein Walter
1 Scholems oben abgedruckter Brief vom 50. Marz 1931.
2 In einem ungedruckten Brief vom 15. Mai 1934.
610
237 [Aus einem Brief Scholems an Walter Benjamin^ etwa
10. Juli 1934]
Mit einem Exemplar von Kafkas „ProzeB"
Sind wir ganz von dir geschieden?
1st uns, Gott, in soldier Nacht
nicht ein Hauch von deinem Frieden,
deiner Botschaft zugedacht?
Kann dein Wort denn so verklungen
in der Leere Zions sein —
oder gar nicht eingedrungen
in dies Zauberreich aus Schein?
Schier vollendet bis zum Dache
ist der groBe Weltbetrug.
Gib denn, Gott, daB der erwache,
den dein Nichts durchschlug.
So allein strahlt Offenbarung
in die Zeit, die dich verwarf.
Nur dein Nichts ist die Erfahrung,
die sie von dir haben darf.
So allein tritt ins Gedachtnis
Lehre, die den Schein durchbricht:
das gewisseste Vermachtnis x
vom verborgenen Gericht.
Haargenau auf Hiobs Wage
ward gemessen unser Stand,
trostlos wie am jiingsten Tage
sind wir durch und durch erkannt.
In unendlichen Instanzen
reflektiert sich, was wir sind.
Niemand kennt den Weg im ganzen,
Jedes Stuck schon macht uns blind.
611
Keinem kann Erlosung frommen,
dieser Stern steht viel zu hoch,
warst du auch dort angekommen,
stiindst du selbst im Weg dir noch.
Preisgegeben an Gewalten,
die Beschworung nicht mehr zwingt,
kann kein Leben sich entfalten,
das nicht in sich selbst versinkt.
Aus dem Zentrum der Vernichtung
bricht zu Zeiten wohl ein Strahl,
aber keiner weist die Richtung,
die uns das Gesetz befahl.
Seit dies trauervolle Wissen
unantastbar vor uns steht,
ist ein Schleier jah zerrissen,
Gott, vor deiner Majestat.
Dein ProzeB begann auf Erden;
endet er vor deinem Thron?
Du kannst nicht verteidigt werden,
hier gilt keine Illusion.
Wer ist hier der Angeklagte?
Du oder die Kreatur?
Wenn dich einer drum befragte,
Du versankst in Schweigen nur.
Kann solch Frage sich erheben?
Ist die Antwort unbestimmt?
Ach, wir miissen dennoch leben,
bis uns dein Gericht vernimmt.
612
238 An Gerhard Scholem
Skovbostrand per Svendborg, 20. Juli 1934
Lieber Gerhard,
gestern kam nun die lange erwartete Bestatigung meines
„Kafka" von Dir. Sie war mir vor allem durch das sie be-
gleitende Gedicht hochst wertvolL Seit Jahren habe ich die
Grenzen, die uns zur Zeit durch die aufs Schriftliche be-
schrankte Kommunikation auferlegt sind, nicht mit so gro-
13em Ungeniigen empfunden wie hier. Ich bin sicher, daB Du
dieses Ungeniigen verstehst und nicht annimmst, ich konnte
Dir unter Verzicht auf die mannichfachen Experimente der
Formulierung, die nur das Gesprach ermoglicht, etwas Ent-
scheidendes iiber das Gedicht sagen. VerhaltnismaBig einfach
liegt nur die Frage nach der „theologischen Interpretation".
Ich erkenne nicht nur an diesem Gedicht die theologische
Moglichkeit als solche unumwunden an sondern behaupte,
daB auch meine Arbeit ihre breite — freilich beschattete —
theologische Seite hat. Gewandt habe ich mich gegen den un-
ertraglichen Gestus des theologischen professional, der — wie
Du nicht bestreiten wirst — die bisherige Kafka- Interpreta-
tion auf der ganzen Linie beherrscht und uns seine suffisan-
testen Manifestationen noch zugedacht hat.
Um meine Stellung zu Deinem Gedicht — das sprachlich dem
von mir so hoch gestellten auf den Angelus Novus nichts
nachgibt — wenigstens noch etwas eingehender anzudeuten,
will ich Dir nur die Strophen nennen, die ich mir ohne Vor-
behalt zueigen mache. Das sind 7 bis 13. Vorher einige. Die
letzte wirft das Problem auf, wie man im Sinne Kafkas die
Projektion des jiingsten Gerichts in den Weltlauf sich zu den-
ken habe. Macht diese Projektion aus dem Richter den Ange-
klagten? aus dem Verfahren die Strafe? ist es der Hebung
oder dem Verscharren des Gesetzes gewidmet? Auf diese Fra-
gen hat Kafka, so meine ich, keine Antwort gehabt. Die Form
aber, in der sie sich ihm stellten und die ich durch meine Aus-
fuhrungen iiber die Rolle des Szenischen und Gestischen in
613
seinen Biichern zu bestimmen suchte, enthalt Hinweise auf
einen Weltzustand, in dem diese Fragen keine Stellen mehr
haben, weil ihre Antworten, weit entfernt, Bescheid auf sie
zu geben, sie wegheben. Die Struktur dieser, die Frage weg-
hebenden Antwort ist es, die Kafka gesucht und manchmal
sie im Fluge oder im Traum erhascht hat. Jedenfalls kann
man nicht sagen, er hat sie gefunden. Und darum scheint
mir die Einsicht in seine Produktion unter anderem an die
schlichte Erkenntnis gebunden, daB er gescheitert ist. „Nie-
mand kennt den Weg im Ganzen, jedes Stuck schon macht
uns blind." Wenn Du aber schreibst: „Nur dein Nichts ist
die Erfahrung, die sie von dir haben darf", so darf ich mei-.
nen Interpretationsversuch gerade an dieser Stelle mit den
Worten anschlieBen: ich habe versucht zu zeigen, wie Kafka
auf der Kehrseite dieses „Nichts", in seinem Futter, wenn ich
so sagen darf, die Erlbsung zu ertasten gesucht hat. Dazu
gehort, daB jede Art von Uberwindung dieses Nichts wie die
theologischen Ausleger urn Brod sie verstehen, ihm ein Grauel
gewesen ware.
Ich glaube, Dir geschrieben zu haben, daB diese Arbeit
noch eine Weile mir aktuell zu bleiben verspricht; darin be-
steht denn auch der Hauptgrund meiner Bitte um Rikksen-
dung meines Manuscripts. Das in Deinen Handen befind-
liche ist schon jetzt an wichtigen Stellen iiberholt; denn, wie
ich Dir bereits geschrieben habe, hat mich die Arbeit hier
weiter beschaftigt. Ich bin aber bereit, Dir ein Manuscript
der endgiiltigen Fassung fur das Archiv zuzusagen.
■[...]
Ich denke Dir geschrieben zu haben, daB ich begonnen
habe, fiir die Nouvelle Revue Frangaise einen Aufsatz uber
Bachofen1 vorzubereiten. So komme ich zum ersten Male
dazu ihn selbst zu lesen; bisher war ich vorwiegend auf Ber-
noulli und Klages angewiesen gewesen.
Zu den groBen Annehmlichkeiten Svendborgs gehort ein
Radio, das man jetzt besser brauchen kann als je vorher. So
habe ich die Reichtagsrede von Hitler vernehmen konnen,
und da es das erstemal iiberhaupt war, daB ich ihn horte, so
kannst Du Dir ein Bild von der Wirkung machen.
614
Dies fur heute. Denn die Herkunft der Geschichte aus
dem „ Kafka" 2 bleibt mein Geheimnis, das zu liiften Dir nur
bei personlicher Anwesenheit gelingen wiirde, wo ich Dir
dann allerdings noch eine Anzahl gleich schoner versprechen
konnte. GriiBe Kitty Marx und mache sie darauf aufmerk-
sam, daB ich den Pfeil, den sie durch Nichtbeantwortung
meines letzten Briefes gegen mich gezielt hat, immer noch
in der Brust trage.
Herzlichst Dein Walter
1 Erst 1954, iiberarbeitet von Maurice Saillet, in „Les Lettres Nou-
velles", S. 28-42 verbffentlicht. Das einzige franzosisch abgefaflte
Essay W. B.s.
2 „TJber Potemkin" (Schriften II, S. 196 f .). Die Geschichte stammt aus
Puschkins „Anekdoten"; bei ihm heiJBt der Kanzlist Petuschkow, nicht
Schuwalkin.
239 An Werner Kraft
Svendborg, [Ende Juli 1934?]
Lieber Herr Kraft,
Herzlichen Dank fur Ihre beiden Briefe und die Beilage.
Es ist mir sehr wertvoll hier, wo die Weltpolitik im Vor-
dergrund der Interessen steht, durch Sie iiber Literarisches
aus Paris informiert zu werden. So hat mich das, was Sie
iiber Jouhandeau schreiben, veranlaBt, nach den Images de
Paris mich umzutun. ttbrigens weise ich Sie, was diesen
Dichter angeht, nochmals auf die Novelle Leda hin, die in
dem Band Prudence Hautechaume stehen diirfte.
[. . .] Es wird Sie nicht iiberraschen zu horen, daB ich — un-
beschadet einer anderen Hauptbeschaftigung — noch immer
mit Kafka befaBt bin. Den auBeren AnlaB dazu bietet die
Korrespondenz mit Scholem, der begonnen hat, sich mit mir
iiber diese Arbeit auseinanderzusetzen. Diese Uberlegungen
sind allerdings noch zu sehr im FluB, um ein abschlieBendes
Urteil zu ermoglichen. Immerhin wird es Sie inter essieren,
615
dafl er seine Ansicht der Sache in einer Art von theologischem
Lehrgedicht niedergelegt hat, das ich Ihnen bestimmt mittei-
len werde, falls wir uns in Paris wiedersehen. Auf eine - wie
Sie sich denken konnen — sehr unterschiedene Weise habe ich
iiber den gleichen Gegenstand mich mit Brecht heraten kon-
nen, und auch von diesen Besprechungen weist mein Text
Niederschlage auf.
Im iibrigen sind solche oder ahnliche Beratungen im
Augenblick nicht allzu haufig, da die gemeinsamen Abende
durchaus von der Aufmerksamkeit auf den Empf anger be-
ansprucht werden. Noch stehe ich unter dem Eindruck der
gestern um Mitternacht verlesenen Regierungserklarung von
Starhemberg, die einen grandiosen Hohn auf die gesamte
satirische Literatur von Juvenal bis Kraus darstellt. Ubrigens
gehen iiber die Stellung von Kraus recht verbiirgte aber doch
fast unglaubliche Nachrichten in dem Sinne um, daB er die
Politik von DollfuB als das kleinere Ubel akzeptiert habe.
(Immerhin sind die Burgschaften keine liickenlosen, so daB
ich Sie bitte, das streng fur sich zu behalten!)
Gerade hier scheint mir die Stelle, mit einem Wort auf
eine Formulierung Ihres letzten Briefes einzugehen. Sie ge-
stehen, den Kommunismus „als Menschheitslosung" vor der
Hand nicht annehmen zu wollen. Aber es handelt sich ja eben
darum, durch die praktikablen Erkenntnisse desselben die un-
fruchtbare Pratension auf Menschheitslosungen abzustellen,
ja iiberhaupt die unbescheidene Perspektive auf „totale"
Systeme aufzugeben, und den Versuch zumindest zu unter-
nehmen, den Lebenstag der Menschheit ebenso locker aufzu-
bauen, wie ein gutausgeschlafener, verniinf tiger Mensch sei-
nen Tag antritt.
Soviel hiervon. DaB Ihnen die „Kauferin" l gefallt, freut
mich sehr. AuBerst gespannt bin ich auf Ihr Urteil iiber den
nun eben abgeschlossenen Drei-Grosch en -Roman, Um zum
SchluB iiber meine Beschaftigung ein Wort zu sagen, so
wird sie augenblicklich vor allem durch das Studium von
Bachofen bestimmt, zu dem mich der Teil meiner Bucher, die
ich hier vorgefunden habe, vorziiglich ausriistet. Die Erschei-
nung dieses Mannes ist f aszinierend ; ich ware recht froh,
616
Gelegenheit zu haben, ihn in der Nouvelle Revue Franchise
zu portratieren.
1 Gedicht von Brecht.
240 An Gerhard Scholem
11. August 34
Lieber Gerhard,
den Augenblick, da ich die - nun wohl endgiiltig letzte -
Hand an den „Kafka" lege benutze ich urn explizit auf
einige Deiner Einwendungen zuruckzukommen, auch Fra-
gen, Deinen Standort betreffend, anzuschlieBen.
Ich sage „ explizit" — denn implizit geschieht dies in
einigen Hinsichten durch die neue Fassung. Ihre Verande-
rungen sind erheblich, das in Deinem Besitz befindliche
Manuscript ist, wie schon gesagt, uberholt.. Ich erwarte es
taglich. Das revidierte kann ich Dir aus technischen Griinden
unmoglich schicken, ohne [daB] das ursprungliche in meiner
Hand ist.
Einige dringende Bitten voraus : 1) wenn irgend moglich mir
„Hagadah und Halacha" von Bialik * baldigst zuganglich zu
machen; ich benotige die Lektiire. 2) den Brief an Schoeps, an
den Du mich erinnerst2, als Unterlage der zurzeit zwischen
uns anhangigen Aussprache mir zu senden.
Nun die paar Hauptpunkte :
1) Das Verhaltnis meiner Arbeit zu Deinem" Gedicht
mochte ich versuchsweise so fassen: Du gehst vom „Nichts
der Offenbarung" aus (vrgl. unten 7), von der heilsgeschicht-
lichen Perspektive des anberaumten Prozefiverfahrens. Ich
gehe von der kleinen widersinnigen Hoffnung, sowie den
Kreaturen denen einerseits diese Hoffnung gilt, in welchen
andererseits dieser Widersinn sich spiegelt, aus.
2) Wenn ich als starkste Reaktion Kafkas die Scham be-
617
zeichne, so widerspricht das meiner sonstigen Interpretation
in keiner Weise. Vielmehr ist die Vorwelt - Kafkas geheime
Gegenwart — der geschichtsphilosophische Index, der diese
Reaktion aus dem Bereich der Privatverfassung heraushebt.
Das Werk der Thora namlich ist — wenn wir uns an Kafkas
Darstellung halten — vereitelt worden,
5) Hiermit hangt die Frage der Schrift zusammen. Ob sie
den Schiilern abhanden gekommen ist oder ob sie sie nicht
entratseln konnen, kommt darum auf das gleiche binaus,
weil die Schrift ohne den zu ihr gehorigen Schliissel eben
nicht Schrift ist sondern Leben. Leben wie es im Dorf am
SchloBberg gefiihrt wird. In dem Versuch der Verwandlung
des Lebens in Schrift sehe ich den Sinn der „Umkehr", auf
welche zahlreiche Gleichnisse Kafkas — von denen ich „das
nachste Dorf" und den „Kiibelreiter" herausgegriffen habe,
hindrangen. Sancho Pansas Dasein ist musterhaft, weil es
eigentlich im Nachlesen des eignen wenn auch narrischen
und donquichotesken besteht.
4) DaB die Schiiler — „denen die Schrift abhanden gekom-
men ist" - nicht der hetarischen Welt angehoren, ist von mir
anfangs betont worden, indem ich sie gleich den Gehilfen zu
denjenigen Kreaturen st elite, fur die, nach Kafkas Wort,
„unendlich viel Hoffnung" vorhanden ist.
5) DaB ich den Aspekt der Offenbarung fur Kafkas Werk
nicht leugne geht schon daraus hervor, daB ich — indem ich
sie fur „entstellt" erklare — den messianischen fur sie aner-
kenne. Kafkas messianische Kategorie ist die „Umkehr" oder
das „Studium". Richtig vermutest Du, daB ich der theologi-
schen Interpretation an sich nicht den Weg verlegen will
- praktiziere ich sie doch selbst - sondern nur der f rechen und
leichtfertigen aus Prag. Die auf das Benehmen der Richter
gestiitzte Argumentation habe ich als unhaltbar zuriick gezo-
gen (sogar noch ehe Deine Vorstellungen eintrafen).
6) Kafkas stetes Drangen auf das Gesetz halte ich fur den
toten Punkt seines Werkes, womit ich nur sagen will, daB es
grade von ihm aus interpretativ mir nicht zubewegenscheint.
Mit diesem Begriff will ich mich in der Tat explizit nicht
einlassen.
618
7) Ich bitte Dich urn Erlauterung Deiner Umschreibung,
Kafka stelle „die Welt der Offenbarung in jener Perspektive
dar, in der sie auf ihr Nichts zuriickgefiihrt wird."
Soviel fiir heute. Gute Besserung fur Escha, alles Herz-
liche fiir Dich
Dein Walter
1 Diesen bedeutenden Aufsatz des groBen Dichters Chajim Nachman
Bialik (gest. 1934) hatte Scholem im „Juden" IV (1919), S. 61-77, aus
dem Hebraischen iibersetzt.
2 Vgl. den Brief vom 28. Februar 1933 (Nr. 215, S. 562).
241 An Gerhard Scholem
15. September 1934
Lieber Gerhard,
ich gestehe eigentlich vorgehabt zu haben, mit Schreib'en auf
die Bestatigung der letzten, numerisch eingeteilten Bemer-
kungen zu Kafka durch Dich zu warten. Aber nun verbietet
mir schon die fallige dankende Bestatigung des Cheks fiir den
Baader, diese Zeilen langer hinaus zu schieben. Auch bin ich
Dir Dank fiir den Sonderdruck der Kritik an [Isaak] Breuer l
und die Abschrift des an Schoeps gerichteten Briefes schuldig.
Damit soil nicht gesagt sein, daB [solchen AbschluB] der
Kafka selber gefunderi hat. Vielmehr gedenke ich ihn weiter
aus einer Reihe von Betrachtungen zu speisen, die ich inzwi-
schen fortgesponnen habe — und in denen mir eine bemer-
kenswerte Formulierung in Deinem Brief an Schoeps weite-
res Licht zu geben verspricht. Sie heifit: „Nichts . . . ist, auf
historische Zeit bezogen, mehr einer Konkretisation bediirftig
als . . . die . . . ^absolute Konkretheit" des Offenbarungs-
wortes. Ist doch das absolut Konkrete das Unvollziehbare
schlechthin." Damit ist gewiB eihe Kafka unbedingt betref-
fende Wahrheit ausgesprochen; gerade damit auch wohl eine
Perspektive eroffnet, in der der geschichtliche Aspekt seines
619
Scheiterns am ersten sinnfallig wird. Bis aber diese und an-
schlieBende Uberlegungen eine Gestalt finden, die sie definitiv
mitteilbar macht, wird wohl noch einige Zeit hingehen. Und
Dir wird das umso verstandlicher sein, als die wiederholte
Lekture meiner Arbeit wie auch meine brieflichen Glossen
zu ihr, Dir greifbar gemacht haben werden, daB gerade dieser
Gegenstand alle Eignung hat, sich als Kreuzweg der Wege
meines Denkens herauszustellen. Bei seiner grundlicheren
Markierung werde ich ubrigens auf den Aufsatz von Bialik
bestimmt nicht verzichten konnen. Ware es nicht mbglich,
das betreffende Heft des „Juden" leihweise fur mich ausfin-
digzumachen?
[...]
Ja, die letzte „Fackel" ist auch in meine Hande gekom-
men2. Aber nach dieser Beriihrung konnten wohl auch die
eines Galizianers ihre Beredtsamkeit einbiifien - von meinen
Lippen garnicht zu reden. Hier ist wirklich ein neuer Timon
aufgestanden, der den Erwerb seines Lebens hohnlachend
unter die falschen Freunde verteilt!
Zum SchluB : Du bist so gut, Dich der franzosischen Uber-
setzung der „Berliner Kindheit" zu entsinnen. Davon be-
stehen 5 Stiicke; an ihre Verwertung ist aber darum nicht zu
denken, weil ich mit dem Mitarbeiter mich iiberworfen habe,
aus Umstiinden die hbchst pittoresk aber brief licher Darstel-
lung nicht zuganglich sind - im iibrigen nichts mit dieser
Arbeit zu tun haben3. Aber vielleicht wird es uns doch noch
einmal so gut [gehen], daB ich Dir Glanz und Elend des
letzten ibizenkischen Sommers in abendlicher Ruhe vormalen
kann.
Soviel fur heute [. . .]
Dein Walter
1 „Politik der Mystik", aus der „Jiidischen Rundschau" 1934, no. 57.
2 Das groBe Heft 890-905 der „Fackel" vom JuH 1934, mit dem Titel
„Warum die Fackel nicht erscheint".
3 Vgl. die „Erinnerungen an W. B.u, die der Ubersetzer, Jean Selz, in
der „Neuen Ziircher Zeitung" vom 8. Oktober 1961 verbffentlicht hat.
620
242 An Max Horkheimer
Skovbostrand per Svendborg, 16. Sept. 1934
Lieber Herr Horkheimer,
ohne eine Vorstellung davon zu haben, wo diese Zeilen Sie
erreichen werden, will ich Ihnen — auf gut Gliick — kurz
Nachricht von meinem Sommer geben.
Durch Herrn [Friedrich] Pollock werden Sie gewiB erfah-
ren haben, daB wir uns — nach einem abweichenden Projekt —
auf eine Arbeit geeinigt haben, die die kulturwissenschaft-
liche und kulturpolitische Inventur der „Neuen Zeit" vor-
nimmt. Es war natiirlich nicht allein der gliickliche Umstand,
daB mir die Zeitschrift an Ort und Stelle vollstandig zur
Verfiigung stent, der mich zu diesem Vorschlag bestimmte.
Vielmehr traten zu diesem Umstand zwei Uberlegungen.
Erstens scheint es mir naheliegend, einmal an einem prak-
tischen Beispiel zu zeigen, wie kollektive Erzeugnisse des
Schrifttums einer materialistischen Bearbeitung und Analyse
besonders entgegenkommen, ja erst in solcher Bearbeitung
einer verniinftigen Abschatzung zuganglich werden. Dafiir
ist eine Zeitschrift vom Format der „Neuen Zeit" ein Muster.
Zweitens aber hatte ich die Absicht, durch eine Arbeit, deren
dokumentarisches Interesse — ganz abgesehen vom Stand -
punkt des Verfassers - ein gesichertes ist, auch von der tech-
nischen Seite her den Zwecken des „Instituts fur Sozialfor-
schung" zu dienen.
Obwohl ich die Studie mit dem ersten Halbjahrsband von
1914 abschlieBe — wahrend des Krieges tritt die Kulturpolitik
in der Zeitschrift natiirlich ganz zuriick — ist das zu priifende
Material, das sich auf 32 Bande verteilt (und fast alle sind ja
gedoppelt) recht umfangreich. Ich habe daher auch die Mate-
rialbeschaff ung noch lange nicht abgeschlossen und werde aus
diesem Grunde meinen Aufenthalt hier noch ausdehnen.
Immerhin ist das nur in gewissen Grenzen moglich und
daher wiiBte ich gern, ob die Zeitschrift, sei es komplett, sei
es in grbBeren Teilen, etwa in Ihrer oder in einer sonstigen
genfer Bibliothek vorhanden ist. DaB ich spaterhin durch
621
Ihre freundliche Vermittlung Mehrings „Geschichte der
Sozialdemokratie" und einige andere Werke, die ich zur Er-
ganzung meiner Materialien heranziehen muB, bekommen
kann, halte ich fiir sicher.
Wenn Sie Europa in absehbarer Zeit uberhaupt wieder
betreten, so werden wir uns — wie ich bestimmt hoff e — sehen
und kbnnen dann an Hand meines Materials die Arbeit be-
sprechen. Wahrscheinlich ware es giinstig, wenn das in Genf
geschehen konnte, und von mir aus ist das vielleicht nicht
ganz unmoglich, da ich unter Umstanden meinen Sohn in der
Schweiz treffen werde. In diesem Falle wiirde ich von hier
direkt in die Schweiz gehen. Aber diese Dispositionen sind
noch nicht ubersichtlich; immerhin wiirde es mich sehr
freuen, baldigst die Ihrigen zu erfahren.
Wollen Sie mir auch schreiben, ob Sie etwa durch Paris
koraraen, und wann?
Ihnen, und dem Institut, ist es, hoffe ich, in Amerika ganz
nach Wunsch gegangen. Ich fur mein Teil darf mit dem
Sommer zufrieden sein. Zwar ist diese Siidspitze von Ftinen
eine der abgelegensten Gegenden, die man sich denken kann
und ihre Unerschlossenheit hat nicht nur Vorteile, aber durch
vielfaltige Besuche und einen guten Radioapparat ist der
Kontakt mit der groBen Welt hergestellt. Freilich hatte man
gerade in diesem Sommer ja keinesfalls auf ihn verzichten
konnen. Den osterreichischen Putsch von Anfang an — er be-
gann ja auf dem wiener Sender — mitzuerleben, wie es mir
durch Zufall geschah, ist eine wirklich denkwiirdige Erfah-
rung gewesen.
Ihnen und Ihrer Frau sende ich einen herzlichen GruB
und die besten Wunsche
Ihr Walter Benjamin
622
243 An Werner Kraft
Svendborg, 27. September 1934
[. . .] Zu den Einzelheiten der groBen Darlegung der Fak-
kel1 kann ich mich noch nicht auBern, ja, ich muB dahin-
gestellt sein lassen, ob ich es je werde tun konnen. Die
Kapitulation vor dem Austrofaschismus, die Beschonigung
des gegen die Wiener Arbeiter eingesetzten weiBen Terrors,
die Bewunderung fur die - Lassalle ebenbiirtige - Rhetorik
von Starhemberg (dessen Worte ich zufallig selber im Rund-
funk horte) — all die hier einschlagigen Stellen — die ich las —
machen die Bef assung mit f erneren fur mich zu einer unver-
bindlichen Sache, die - ob ich ihr nun nahertrete oder nicht -
fur mich sich in der Frage schon liquidiert hat: Wer kann
nun eigentlich noch umf alien? Ein bitterer Trost — aber auf
dieser Front werden wir keinen Verlust mehr haben, der
neben diesem auch nur der Erwahnung wert ware. Der Da-
mon ist starker als der Mensch bezw. der Unmensch gewesen:
er konnte nicht schweigen und so hat er — im Selbstverrat —
den Untergang des Damons gefunden. - Sehr dankbar ware
ich Ihnen fur Bemerkungen zu meinem Kafka wie auch fur
sonstige sprachliche Glossen an meine Adresse, welche Sie
mir in Aussicht stellten.
1 Es handelte sich urn die von Karl Kraus eingenommene politische
Stellung.
244 An Gerhard Scholem
Svendborg, 17. Oktober 1934
Lieber Gerhard,
mit Kafka geht es immer weiter, und ich bin Dir darum
dankbar fur Deine neuen Bemerkungen. Ob ich den Bogen
jemals so werde spannen konnen, daB der Pfeil abschnellt, ist
623
natiirlich dahingestellt. Wahrend aber meine sonstigen Ar-
beiten recht bald den Terminus gefunden hatten, an dem ich
von ihnen schied, werde ich es mit dieser langer zu tun haben.
Warum, deutet das Bild vom Bogen an: hier habe ich es mit
zwei Enden zugleich zu tun, namlich dem politischen und
dem mystischen. Das soil iibrigens nicht heiBen, daB ich mich
in den letzten Wochen mit der Sache befaBt hatte. Vielmehr
wird die in Deinem Besitz befindliche Fassung fur eine Weile
unverandert ihre Geltung behalten. Ich habe mich darauf
beschrankt zur spateren Reflexion einiges bereitzustellen.
Bedrohlich ist die Tats ache, daB das Institut fiir Sozial-
forschung nach Amerika ubersiedelt. Eine Losung, ja nur
Lockerung meiner Beziehung zu seinen Leitern kbnnte leicht
davon die Folge sein. Was das bedeutet, will ich nicht aus-
f iihren. — Wenn Du das Buch von Borkenau * gelesen hast, so
bist Du iibrigens mit der Aktivitat des Instituts wohl besser
vertraut als ich. Denn die Kreise, mit denen ich diesen dick en
Band bisher von weitem umstrichen habe, enger zu ziehen,
kommt nach Deinem Bericht nun fiir mich wohl kaum mehr
in Frage.
Ich bin 14 Tage von hier fort, in Kopenhagen und in einer
kleinen Provinzstadt gewesen, wo ich eine Bekannte aus
Deutschland getroffen habe. Leider war ich die meiste Zeit
meiner Abwesenheit bettlagerig. Immerhin habe ich in Ko-
penhagen das Etablissement eines Tatowierkiinstlers entdeckt
und die kleine Sammlung von Bilderbogen^ die ich nach der
Trennung von den Kinderbiichern mir angelegt habe, urn
einige herrliche Original- Tat owier-Vorlagen, von derKiinst-
lerhand des Meisters, vermehrt. [. . .]
Ich hoffe Bloch demnachst zu begegnen. Von hier namlich
fahre ich in drei Tagen ab. Und zwar gehe ich zu Dora, die
in San Remo ein Etablissement ubernommen hat. Stefan ist
noch in Deutschland, soil aber im nachsten Fruhjahr eben-
falls herunterkommen. Ich schreibe mit klammen Fingern in
einem eiskalten Zimmer und kann nicht mehr viel hinzu-
fiigen. Solltest Du Kraft sehen, so sage ihm bitte Dank fiir
seinen Brief. Deine Neujahrsgluckwunsche erwidere ich spat
624
ab.er herzlich und habe umso triftigeren Grund, Dir die denk-
bar beste Gesundheit zu wiinschen als Du — Deiner AuBerung
nach — den Jakobsroman 2 lesen willst, wenn Du krank wirst.
Dein Walter
1 „Der Ubergang vom feudalen zum biirgerlichen Weltbild", Paris
1934. Scholem hatte sich sehr kritisch dazu geauBert.
2 Von Thomas Mann.
245 An Max Horkheimer
SanRemo [1934]
Lieber Herr Horkheimer,
Ihr Brief erreicbt mich eben im Augenblick meiner Abreise
von Paris. Herzlichen Dank fur Ihre Anfragel Die Moglich-
keit, in Amerika, sei es an Ihren Forschungen, sei es an denen
Ihnen befreundeter Institute tatig zu sein, wiirde ich auf das
Dankbarste begriiBen. Ja ich darf sagen: Sie verfiigen fiir
jedes Arrangement, das Ihnen zweckmaBig erscheint, im
voraus uber meine Zustimmung.
So dankbar ich Ihrem Brief fiir die — wenn auch unge-
wisse - Aussicht bin, die er mir mit Ihrer Anfrage eroffnete,
so schwer finde ich mich damit ab, unsere personliche Begeg-
nung auf lange hinausgeschoben zu sehen. Aus meinem letz-
ten Briefe werden Sie entnommen haben, daB ich sie mit dem
Winter in greifbare Nahe geriickt hoffte. — Das ware zunachst
fiir meine Arbeit sehr erwiinscht gewesen. Es wiirde ihr ge-
wiB zu statten kommen, wenn wir gemeinsam das umfang-
liche Material vornehmen konnten, das ich in den ungefahr
vierzig Doppelbanden der „Neuen Zeit" gesammelt habe. Ich
habe darauf Wert gelegt, es so zu wahlen, daB es mehrfache
Formen der Verarbeitung zulaBt. In der Tat wiirde ich mich
nicht gern auf einen definitiven Text festlegen, ohne die
Sache mit Ihnen durchgesprochen zu haben. Da auf der an-
dern Seite die Zeitschrift noch mein groBes Sammelreferat
625
zur Sprachsoziologie im Manuscript besitzt1, so konnte der
Artikel iiber die „Neue Zeit" vielleicht zu einem Termin
angesetzt werden, der uns fur eine mundliche Aussprache
Zeit laBt.
So sehr mir diese Arbeit am Herzen liegt, so wenig stellt
sie freilich den einzigen oder auch nur nachstliegenden
Gegenstand einer Aussprache mit Ihnen dar. Wir hatten, als
Sie im Fruhjahr das letzte Mai durdi Paris kamen, beide mit
einem friiheren Wiedersehen gerechnet. Sie lieBen damals
das Gesprach auch auf meine wirtschaftliche Lage kommen
und waren so freundlich, mich Hirer Hilfsbereitschaft auch
fur die Zeit Ihrer Abwesenheit zu versichern. Ich meinerseits
versprach Ihnen, von ihr nicht ohne auBerste Notwendigkeit
Gebrauch zu machen und so habe ich es auch gehalten. Ein-
mal in dieser Zeit habe ich mich an Herrn Pollock gewandt
und er hat mir auf meine Bitte den Betrag fur meine Uber-
siedlung nach Danemark und den inzwischen erfolgten
Transport eines Teils meiner Bibliothek zur Verfiigung ge-
stellt. Inzwischen ist es mir den Sommer iiber gelungen, mit
meiner kleinen Rate Haus zu halten, ja, durch Verkaufe aus
meiner Bibliothek habe ich auch noch die groBe, kostspielige
Reise bestreiten konnen, auf der ich mich eben befinde und
von der Paris eine Etappe ist.
Ich kann namlich, so leid es mir tut, hier nicht bleiben.
Nichts ware mir von Hause aus mehr erwiinscht. Nachdem
im Laufe dieses Sommers die letzten Moglichkeiten journa-
listischer Arbeit fur mich weggefallen sind - aus Deutschland
bekommt man ja keine Uberweisungen mehr — wiirde nichts
mehr im Wege stehen, jenes groBe, auf jahrelangen Studien
iiber Paris beruhende Buch in Angriff zu nehmen, von dessen
Plan ich Ihnen gelegentlich sprach. Ich habe mich im Som-
mer mit diesem Material weiter beschaftigt, und heute steht
der klare Bau des Buches vor meinen Augen. Es ware - nach
dem Urteil eines pariser Freundes — sehr denkbar, hiesige
Verleger fiir die Sache zu interessieren. Aber - ich bin im
Augenblick nicht in der Lage, selbst meinen Aufenthaltsort
zu bestimmen.
Ja, so dringend diese Arbeit Paris verlangt, so gliicklich
626
muB ich auf der andern Seite daruber sein, daB sich durch
ein kleines Pensionsunternehmen, das raeine friihere Frau an
der Cote d'azur sich eroffnet hat, mir die Moglichkeit bietet,
ein oder zwei Monate dort ein Unterkommen zu finden. Eben
diesem Umstand verdanke ich es, diese Zeilen nicht mit einer
Bitte abschlieBen zu miissen. Aber es sind nur ein bis zwei
Monate, die dergestalt als Ruhepause noch vor mir liegen und
wenn dieser Brief Sie erreicht, wird ein Viertel dieser Frist
schon verstrichen sein.
Ich habe Ihnen, lieber Herr Horkheimer, diese Darstellung
gegeben, um Ihnen den vollen Sinn meines Einverstandnisses
mit Ihrer Anfrage zum Ausdruck zu bringen. Sollte freilich
die amerikanische Moglichkeit sich vorlaufig nicht realisieren,
so wiirde ich — abgeschnitten von alien, auch den bescheiden-
sten deutschen Hilfsquellen - in Kiirze noch einmal iiber
meine Existenzmbglichkeiten mit Ihnen zu Rate gehen
miissen.
Mit herzlichen Wiinschen fur Sie und Ihre Frau sowie
vielen GriiBen im Umkreis
Ihr Walter Benjamin
1 Erschien in der „Zeitschrift fiir Sozialforschung" 4 (1935), S. 248
bis 268.
246 An Werner Kraft
SanRemo, 12. November 1934
Lieber Herr Kraft,
Unsere Korrespondenz hat mich im Laufe der letzten Mo-
nate gewaltig in Ihre Schuld versetzt und wenn ich eingehen-
dere Nachrichten immer bis auf einen ruhigeren Zeitpunkt
verschob, so kann ich doch selbst nun, da ich ihn fiir gekom-
men erachte, nicht alle aufnehmen, wie ich es gern tate. Fiir
das Wesentlichste handelt es sich allerdings nur um Aufschub,
wenn auch wohl einen geraumen. Denn Ihre letzten Briefe
627
habe ich bei denjenigen Papieren aufbewahrt, die ich im
Augenblick, da ich wieder an meinen Kafka gehen werde,
wieder vornehme.
Ich weiB nicht, ob ich Ihnen schrieb, daB eine eingehende
neue Befassung mit dieser Arbeit eigentlich schon im Mo-
ment ihres „letzten" Abschlusses bei mir feststand. Es kamen
in soldier Uberzeugung mehrere Umstande zusammen. An
erster Stelle die Erfahrung, daB diese Studie mich an einen
carrefour meiner Gedanken und Uberlegungen gebracht hat
und gerade die ihr gewidmeten weiteren Betrachtungen fur
mich den Wert zu haben versprechen, den auf weglosem Ge-
lande eine Ausrichtung im KompaB hat. Im xibrigen - falls
die Meinung einer Bestatigung bedurft hatte, so ware sie mir
in den lebhaften und verschiedenartigen Reaktionen gewor-
den, die diese Arbeit bei Freunden hervorgerufen hat. Die
Anschauungen, die Scholem uber sie hegt, sind Ihnen be-
kannt; bemerkenswert war mir, wie treffsicher Sie die Oppo-
sition erraten haben, die von Brechts Seite gegen diese Studie
zu erwarten war, wenn Sie auch von deren zeitweiliger Hef-
tigkeit kaum eine Vorstellung haben. Die wichtigsten Aus-
einandersetzungen uber diesen Gegenstand, die der Sommer
gebracht hat, habe ich seinerzeit schriftlich f estgehalten1, und
Sie werden ihrem Niederschlag wohl fruher oder spater im
Text selbst begegnen. Im iibrigen haben Sie sich ja diese Ein-
wande bis zu einem gewissen Grade zu eigen gemacht. In der
Tat kann man die Form meiner Arbeit als problematisch
empfinden. Aber eine and ere gab es fiir mich in dem Falle
nicht; denn ich wollte mir freie Hand lassen; ich wollte nicht
abschlieBen. Es diirfte auch, geschichtlich gesprochen, noch
nicht an der Zeit sein, abzuschlieBen — am wenigsten dann,
wenn man, wie Brecht, Kafka als einen prophetischen Schrift-
steller ansieht. Wie Sie wissen, habe ich das Wort nicht ge-
braucht, aber es laBt sich viel dafiir sagen, und das wird von
meiner Seite vielleicht noch geschehen.
Je mehr freilich meine Arbeit sich dem lehrenden Vortrag
nahern wiirde — ich glaube iibrigens, daB das auch in der
spatern Fassung nur in bescheidenen Grenzen der Fall sein
konnte. Desto deutlicher werden in ihr Motive zutage treten,
628
mit denen Sie sich wahrscheinlich weit schwerer befreunden
werden als mit ihrer derzeitigen Form. Ich denke vor allem
an das Motiv des Gescheitertseins von Kafka. Dieses hangt
aufs engste mit meiner entschlossen pragmatischen Inter-
pretation Kafkas zusammen. (Besser gesagt: es war diese
Betrachtungsweise ein vorwiegend instinktiver Versuch, die
falsche Tiefe des unkritischen Kommentars zu vermeiden,
Beginn einer Deutung, die bei Kafka das Geschichtliche mit
dem Ungeschichtlichen verbindet. Ersteres kommt in meiner
Fassung noch zu kurz.) In der Tat glaube ich, daB jede Inter-
pretation, die — im Gegensatz zu Kafkas eigenem, in diesem
Falle unbestechlichen und lauteren, Gefiihl — von der An-
nahme eines durch ihn realisierten mystischen Schrifttums
ausginge statt von eben jenem Gefiihl des Autors selbst, sei-
ner Richtigkeit und den Griinden des notwendigen Schei-
terns — den geschichtlichen Knotenpunkt des ganzen Werkes
verfehlen wiirde. Erst an diesem Punkte ist eine Betrachtung
moglich, die der legitimen mystischen Auslegung — die nicht
als Auslegung seiner Weisheit sondern seiner Torheit zu
denken ist — ihr Recht gibt. Das habe ich ihr in der Tat nicht
gegeben; aber nicht, weil ich Kafka zu wenig, sondern weil
ich ihm zu weit entgegengekommen bin. Immerhin hat Scho-
lem die Grenzen, iiber die schon die gegenwartige Nieder-
schrift sich nicht zu bewegen gewillt ist, sehr deutlich emp-
funden, wenn er mir zum Vorwurf macht, an Kafkas Begriff
der „Gesetze" voruberzugehen. Ich werde — in einem spateren
Zeitpunkt — den Versuch machen, aufzuzeigen, wieso — im
Gegensatz zum Begriff der „Lehre" — der Begriff der „Ge-
setze" bei Kafka einen uberwiegend scheinhaften Charakter
hat und eigentlich eine Attrappe ist.
Fur den Augenblick mag das geniigen. Leid tut mir, dafi
ich Ihnen ein Exemplar der gegenwartigen Fassung nicht zur
Verfiigung stellen kann und dies um so mehr als ja wohl
nicht die geringste Aussicht besteht, die Arbeit in dieser oder
sonst einer Form gedruckt zu sehen. Sie steht auch in auBerer
Hinsicht somit an einem extremen Ort und ist wohl geeignet,
mich hin und wieder zur Betrachtungsweise des „Essays"
zuriickzufiihren, die ich im iibrigen mit ihr abgeschlossen
629
haben mo elite. Dank fiir den Hinweis auf den Aufsatz von
Margarete Susman. 2 Noch mehr Dank wiirde ich Ihnen
schulden, wenn Sie mir Ihren Kommentar zum „Alten Blatt"
senden. 3
DaB wir unsere Betrachtungen iiber Kraus schriftlich nicht
fortsetzen, schlagen Sie mit Recht vor. Ich mochte Sie aber
auf einen kleinen Sonderdruck4 aufmerksam machen, in dem,
zu Kraus' sechzigstem Geburtstag, Freunde ihrem Dank und
ihrer Anhanglichkeit Ausdruck gegeben haben, weil ich nicht
weiB, ob er Ihnen zu Gesicht gekommen ist. (Vielleicht kon-
nen Sie diesen Privatdruck durch Jaray in Wien bekommen.)
Eine recht schone Betrachtung von Viertel stent darin; iibri-
gens auch ein Gedicht von Brecht.
Ja, schreiben Sie mir, was Sie sich zu Montaigne zurecht
gelegt haben. Ich kenne ihn wenig, etwas naher aller dings
den Lukrez, der nun in der Tat eine ganz wunderbare Figur
ist. Ihm verdanke ich die schonsten Lesestunden, die mir nach
meiner Knabenzeit noch gegeben waren. Das war im Sommer
vor zwei Jahren, als ich jeden Morgen von meinem Zimmer
am einsamen Strand von Ibiza um V2 7 ins Meer stieg, um zu
baden und dann an einer unzuganglichen Waldstelle, in
einem Polster von Moos und vor der schon heiBen Sonne
geschiitzt, eine Stunde lang, ehe ich zum Friihstiick ging,
Lukrez zu lesen. Und Lukrez ist vor mancherlei Sonnenpfei-
len ein Schutz. Sein Kapitel iiber die Liebe gehbrt sicher zu
den bemerkenswerten Dingen, die in der Weltliteratur dar-
iiber zu finden sind.
Ich wiirde mich freuen, bald Gutes von Ihnen zu horen.
Natiirlich ist mir auch an allem gelegen, was Sie mir iiber
Ihre Wahrnehmungen und Betrachtungen iiber Palastina
mitteilen konnen. — Lei der muB ich furchten, daB Ihre pri-
vaten Verhaltnisse sich durch die neuen Devisenvorschriften
von Deutschland nicht vereinfacht haben. Werden Sie vor der
Hand driiben bleiben? Meine Adresse finden Sie unten-
stehend. Ich werde wohl einige Monate an der cote bleiben,
sei es hier, sei es in Frankreich.
Ehe ich schlieBe, will ich Sie noch auf ein wenig bekanntes
Buch hinweisen, das ich vor kurzem las und. das ich an Be-
630
deutung fur mich iiber fast alle groBen Romane, ja unmittel-
bar hinter die Chartreuse de Parme stelle. Es ist „der Junker
von Ballantrae" von Stevenson. Verschaffen Sie sich das,
wenn Sie konnen.
1 Das Heft mit der Aufzeichnung dieser Gesprache ist in W. B.s Nach-
la!3 erhalten. Brecht erklarte, der Auf satz leiste dem „jiidischen Faschis-
mus" Vorschub.
2 Das Hiob-Problem bei Franz Kafka. In: „Der Morgen" V, 1, 1929.
3 In Kafkas „Landarzt".
4 Stimmen iiber Karl Kraus zum 60. Geburtstag, Wien 1934. Darin
von Brecht „Uber die Bedeutung des zehnzeiligen Gedichts in der
888. Nummer der Fackel (Oktober 1933)".
247 An Alfred Cohn
SanRemo, 19. Dezember 1934
Lieber Alfred,
ich hatte die Freude, Deinen Brief an der angegebenen Stelle
zu finden. Mit Ruhe und aller Aufmerksamkeit habe ich ihn
gelesen und daraus entnommen, mit wie kluger Hand Du die
zarte Flamme der Hoffnung vor dem WindstoB der Zeit-
geschichtebeschiitzt. Ich wunscheDireinenhauslichen, wohl-
bestellten Kamin, in dem sie eines guten Tages ziindet.
Und wie sieht es mit mir aus? So da6 man wirklich Beden-
ken haben muB, einem lebensklugen Manne wie Dir im
Langen und Breiten davon zu erzahlen. Wenn mir einer er-
klarte, ich konne von Gliick sagen, in der herrlichsten Gegend
- und San Remo ist wirklich besonders schon — ohne tagliche
Lebens- und Existenzsorgen meinen Gedanken promenierend
oder schreibend nachgehen zu diirfen — was sollte ich dem
Mann erwidern. Und wenn ein anderer sich vormiraufbaute,
um mir ins Gesicht zu sagen, es sei ein Elend und eine
Schande, so gleichsam in den Trummern seiner eignen Ver-
gangenheit sich einzunisten l, fern von alien Aufgaben, Freun-
den und Produktionsmitteln - vor dem Mann wiirde ich erst
recht betreten schweigen.
631
Natiirlich bin ich um das tagliche Pensum nicht in Ver-
legenheit. Aber es ware an der Zeit, es wieder einmal von
weitem und aus dem Ganzen her zu bestimmen; wie sehr, das
erkenne ich, seitdem ich begonnen habe, meine Studien zu
den „Passagen" genau und systematisch durchzugehen. Lei-
der besteht nicht die geringste Aussicht, meinen Aufenthalts-
ort in absehbarer Zeit frei wahlen zu konnen; ich werde froh
sein miissen, wenn ich ihn wechseln kann. Ob es im iibrigen
wieder in nordlichem Sinne geschehen wird, ist zweifelhaft
— seit Brecht in London ist — wo er sich offenbar immer noch
aufhalt — ist keinerlei Nachricht von ihm zu erhalten.
Kurz, um die Moglichkeit eines burgerlich-geselligen Urn-
gangs, der mir hier vollkommen abgeht, beneide ich Dich
nicht wenig. Entschadigt werde ich in den nachsten Tagen
durch Stefans Kommen werden, der die Weihnachtsferien
hier zubringen wird, um Ostern, wenn irgend moglich, auf
eine hiesige Schule iiberzugehen.
DaB Du von Deiner alten Gewohnheit, mich zu beschen-
ken, noch immer nicht lassen kannst, habe ich mit seltner
Freude vernommen. Ich hatte Lust, mich wieder einmal von
Hand zu Hand bei Dir zu bedanken - beziehungsweise den
Bilderbogen an Ort und Stelle in Empfang zu nehmen — aber
es ist doch sehr zweifelhaft, ob die Kiiste mich bis zu Dir
geleiten wird2. Dazu kommt, daB die so tief in mich einge-
grabnen Linien Ibizas in der letzten Zeit in schmerzhaften
Konfigurationen sich zusammengezogen haben. Damit meine
ich nicht nur und nicht an erster Stelle den Tod von Jean
Jacques Noeggerath3 — weil aber dessen Lebensfaden zufallig
durch einen Knoten des meinigen lief, hat mich dieser Tod
doch viel mehr betroff en als es nach der Art unseres Umgangs
vermutbar gewesen ware.
Zur Literatur wiiBte ich Dir heute nicht viel zu melden.
Erst vom Horensagen ist mir bekannt, daB im Verlag Oprecht
und Helbling — dessen Lektor Bernhard von Brentano ist —
das neue Buch von Bloch herausgekommen ist. Es soil — wie
mir von einer freilich nicht unbedingt unfehlbaren Stelle mit-
geteilt wurde - peinliche und bosartige Auseinandersetzungen
mit mir enthalten4. Warten wir ab! Brechts Roman5 ist bei
632
Allert de Lange in Amsterdam erschienen. Ein neues Buch
von Simenon habe ich gelesen „Les suicides", das mir gef alien
hat. DaB ich seit drei Monaten nicht miide werde, von Steven-
sons Roman „Der Junker von Ballantrae" zu sprechen, wirst
Du wohl schon gemerkt haben und ich werde Dich kaum auf
ihn hinzuweisen brauchen. — Vielleicht interessiert Dich, daB
Hessel, wie ich aus der Frankfurter Zeitung ersah, Greens
„Visionnaire" iibersetzt hat.
Soviel fur diesmal. Es ware schon, wenn ich nicht allzu
lange auf neue Nachrichten von Dir warten muB. Dir und
Grete die herzlichsten GriiBe
Dein Walter
1 W. B. wohnte in der von seiner geschiedenen Frau gefuhrten Pension
Villa Verde.
2 Alfred Cohn lebte damals als Kaufmann in Barcelona.
3 Sohn von Felix Noeggerath.
4 „Erbschaft dieser Zeit", 1935. Uber Benjamin vor allem S. 275 f£.
5 „Cer Dreigroschenroman", 1934.
248 An Karl Thieme
San Remo, 25. Dezember 1934
Lieber Herr Thieme,
langst habe ich vorgehabt, fiir die mehrfachen und gewichti-
gen Beweise Ihres Gedenkens Ihnen den aufrichtigsten Dank
zu sagen. Nun gibt das Eintreffen Ihrer letzten Sendung und
die Nahe des neuen Jahres, zu dem Sie meiner besonders
herzlichen Wunsche versichert sein sollen, dazu den doppel-
ten AnlaB.
Weil ich diesem Dank keine gemaBere Form geben konnte
als die der eingehenden Auseinandersetzung mit Ihrer be-
deutsamen abendlandischenBildungsgeschichte^muB erfrei-
lich als ein schriftlicher und den Bedingungen solcher AuBe-
rung unterworfener, sehr unvollstandig ausfallen. Mag das
Wenige, daB ich einer mundlichen Aussprache mit Ihnen, die
ich mir sehr erhoffe, voranschicke, Ihnen trotzdem willkom-
men sein!
633
Mit etwas mir dem Anschein nach Abliegendem zu begin-
nen: je weiter ich in Ihrem Brief vorankam und zumal als
ich der seinen ganzen letzten Teil erleuchtenden Kritik der
devotio moderna begegnete, desto ofter muBte ich an meinen
lange verstorbenen Freund Florens Christian Rang denken,
der mich in langen Gesprachen, die kaum je den Gegenstan-
den der Theologie galten, mit einer theologischen Gedanken-
welt vertraut gemacht hat, die tiefe Kommunikationen mit
der Ihrigen aufwies. Ich kann es nicht anders denken, als daB
sein Name Ihnen durchaus vertraut und seine „ Deutsche
Bauhiitte"2 langst bekannt ist. DaB Sie diesem Manne nicht
mehr begegnen konnten, scheint mir dennoch beklagenswert.
Ihm lebte, so wie Ihr Buch es fur Sie bekraftigt, die gesamte
abendlandische Kultur aus den Gehalten der jiidisch-christli-
chen Offenbarung und ihrer Geschichte. In einem umfang-
reichen Kommentar, der bestimmt zu den merkwiirdigsten
Hervorbringungen der Exegese gehort, hat er ihre Herrschaft
noch auf der Hohe der Renaissancedichtung — in Shakespeares
Sonetten — erweisen wollen.
Es liegt auf der Hand, daB mich bei einer ersten Lektiire
Ihres Werks die theologische Analyse der seit dem Humanis-
mus herrschenden Bildungsidee besonders gefesselt hat. Ihr
Begriff der Gemein- Wahrheit eroff net Ihnen, wie mir scheint,
hier auBerordentlich weittragende Erkenntnisse. Ihre Ana-
lyse desNeuhumanismus sowie derKlassik erscheint mir voll-
kommen durchgreif end ; ich habe diese Seiten mit auBer-
ordentlicher Spannung gelesen. Und wenn ich Ihnen dies
sage, so brauche ich Sie kaum daran zu erinnern, daB mein
Begriff der Gemein -Wahrheit — einen solchen erkenne ich
an! — nicht der Ihrige ist; merke ich es an, so geschieht es nur
um anzudeirten, wie breit der Weg durch die Bresche gebahnt
ist, die Sie in die hieratische Mauer der humanistischen Bil-
dung gehauen haben.
Unmoglich kann ich auf die vielen, vielen Stellen verwei-
sen, an denen Sie im Voriibergehen kleine Wegsteine auf-
richten, von denen aus einem Verweilenden sich klare und
wohlgebaute intellektuelle Landschaften oder auch von einem
Strahl der Einsicht erhellte Kluf te auftun : Ihre wunderbare
634
Charakteristik des Jesuitenstils als eines unbeteiligt aufge-
stellten Prospektes erlaubter Weltlust, Ihre Erhellung der
lutherischen Siindenlehre aus dem Begriff der „verdammten"
Pflicht und Schuldigkeit, Ihre theologische Kennzeichnung
des Welttriebs als innercalvinistischer Auseinandersetzung,
die Konfrontierung des Calvinismus, der nicht „gefragt" war
mit den ersten Christen, an welche die Frage erging oder Ihr
schoner Ursprungsnachweis des Jiingerschen „Arbeiterkrie-
gers".
DaB die Behutsamkeit und die Kraft, die Sie dem, was Sie
zu sagen hatten, zugewandt haben, nirgends verloren waren,
fiih.lt jeder halbwegs geweckte Leser Ihrer Sprache an. Nicht
jeder aber — nur darum erlaube ich mir diesen Hinweis — wird
merken — wie es zufallig mir geschah — , daB Sie an manchen
Stellen so tief in die Sache eingehen, daB vergangene Sprach-
gebarden mit ihr zum Vorschein kommen. So die des Pietis-
mus, die in Samuel Collenbusch unvergleichlich Gestalt an-
nahm3 und mit der dieser Mann selber auf Ihrer p 136 von
neuem vernehmbar wird: „ An die Stelle von Luthers aus
Dankbarkeit fur seine gnadenreiche Erlosung Gott das Gute
zu Liebe tuendem Glaubigen . . ."
Ich habe genug gesagt, um Ihnen meinen Dank, im Zu-
sammenhang Ihres eigenen meines Buches gedacht zu haben,
ganz fiihlbar zu machen; nicht genug — das weiB ich sehr
gut — um die kiinftige Aussprache, zu der ich kraft eben die-
ses Danks mich gedrungen fiihle, uberfliissig oder auch nur
weniger dringlich zu machen. Im Sinn einer solchen darf ich
Sie vielleicht — gewiB nurbehelfsweise — auf Fragmente einer
groBeren Arbeit „Franz Kafka" hinweisen, die eben in der
„Jiidischen Rundschau" erscheinen. Mir sind Exemplare
erst angekiindigt, so daB ich Ihnen leider keines mitsenden
kann.
Es eriibrigt nur noch, Ihnen zu sagen, mit wie groBem
Interesse ich die vier ersten Berichte iiber die gegenwartige
Lyrik4 gelesen habe, die Sie an mich gehen lieBen. Ich habe
ihnen viel Interessantes entnommen, freilich auch manche
Einrede gegen sie anzumeldem Worin ich Ihnen mit beson-
derem Nachdruck zustimme, das ist die Verwahrung, die Sie
635
gegen die Doktrin der Natur tel quel - vor allem in dem Ab-
schnitt liber Elisabeth Langgasser - einlegen und die so ein-
greif end in Ihrem Auf satz iiber Franziskus5 wieder zu Worte
kommt.
Ich werde vermutlich noch eine ganze Weile in San Remo
bleiben, wo die Arbeitsbedingungen gewiB absolut gesehen
ungiinstig, relativ gesehen aber ganz annehmbar liegen. Dafi
Sie in absehbarer Zeit in meine Nahe kommen, ist wohl
wenig wahrscheinlich, desto mehr wiirde es mich f reuen, von
Ihnen Nachricht zu erhalten.
Mit herzlichem Grufi
Ihr Walter Benjamin
1 „Das alte Wahre. Eine Bildungsgeschichte des Abendlandes", 1934.
2 Erschien 1924.
3 Ober Collenbusch hat W. B. in dem Vorwort zu des sen Brief an
Kant in „Deutsche Menschen" gehandelt,
4 Sammelrezensionen in der FZ, vom 21. Sept., 11. Okt., 27. Nov. und
5. Dez. 1934.
5 „Der Patron der tatholischen Aktion". In „Franziskanisches Leben",
Jg. 12. 1936.
249 An Gerhard Scholem
San Remo, 26. Dezember 1934
Lieber Gerhard,
Dein nach Danemark an mich gerichteter Brief hat vor zwei
Wochen endlich den Weg zu mir gefunden. Nicht so eine in
ihm angekiindigte deutsche Arbeit, die sich verloren haben
mufi. Ich hoffe sehr, daB es Dir moglich ist, mir ein anderes
Exemplar von ihr sehr bald hierher zu senden. Ich muBte
sonst auf den Gedanken kommen, dafi eine obere Kraft be-
flissen sei, von den Quellen des mystischen Schrifttums mich
abzuschneiden — und nicht nur den lauteren, sondern auch
den getriibteren. Da ist zum Beispiel seit Wochen Blochs
„Erbschaft dieser Zeit" erschienen. Aber glaubst Du, ich
636
hatte das Buch zu Gesicht bekommen? Nur soviel weiB ich,
daB Unruhe und Gezank im SchoBe der Getreuen dariiber
sich vorbereitet, indem ich teils zu den im Text mir erwiese-
nen Ehren begluckwiinscht, teils gegen die — angeblich in
denselben Stellen enthaltenen - Schmahungen in Schutz ge-
nommen werde. Auch vom Verfasser selbst ist schon ein Brief
eingetroffen. Nur eben fehlen die Unterlagen, die mir erlau-
ben wiirden, aus dem allem mir einen Vers zu machen.
Am wenigsten aber wirst Du zogern diirfen, mich mit
authentischen Dokumenten zu versehen wenn ich Dir anver-
traue, daB ich ins Hauptquartier der wirklichen Zauberjuden
gefallen bin. Es hat namlich [Oskar] Goldberg sich hier an-
sassig gemacht und seinen Schiiler Caspary in die Cafes, die
„Wirklichkeit der Hebraer" in den hiesigen Zeitungskiosk
delegiert, wahrend er selbst - wer weiB — im Casino die
Probe auf seine Zahlenmystik l anstellt. Uberniissig zu sagen,
daB ich nach dieser Seite keine Kommunikationen aufgenom-
men habe. Weniger selbstverstandlich — aber leider nicht
weniger wahr — daB solche auch nach sonst keiner Richtung
hier fur mich bestehen oder absehbar sind.
Den Worten, mit denen Dein letzter Brief meine Lage
streift, laBt sich ein Irrtum nicht nachsagen. Das Schlimmste
ist, daB ich miide werde. Und dies ist weniger eine unmittel-
bare Einwirkung meiner ungesicherten Existenz als der Iso-
lierung in die deren Zufalle mich versetzen. Sie war kaum je
vollendeter als hier, in einem Bade- und Fremdenpublikum,
von dem fur mich schwerlich etwas ErsprieBliches zu erwar-
ten ist, zu dem ich aber die Distanz, unter den obwaltenden
Umstanden, taglich von neuem herzustellen habe.
Es bediirfte nicht soviel, um mir eine Reise nach Palastina
als erwiinscht erscheinen zu lassen; in der Tat ware ja nichts
angezeigter, als wenn wir die Fundamente unseres Brief-
wechsels der mit den Jahren zu einem Wolkenkratzer heran-
gewachsen ist, einmal gemeinsam inspizieren wiirden. Auch
wiirde ich das Fahrgeld wohl am Ende zusammen bringen,
wenn die — Hin- und Ruckreise bestreitende — Summe sich
auf einen geniigenden Zeitraum verteilen lieBe. Schreibe mir
637
bitte naher, wie Du die Gestaltung der Sache Dir denken
wiirdest, ob ich sie mit Vortragen kombinieren konnte, usw.
In diesen Tagen ist wie Du gewifi gesehen hast der erste
Teil des „Kafka" erschienen und was lange gewahrt hat ist
nun leidlich geworden. Mir wird diese Publikation ein An-
stoB sein, demnachst das Dossier von fremden Einreden und
eigenen Reflexionen zu offnen, das ich mir — ein in meiner
Praxis durchaus neuer Fall — zu dieser Arbeit angelegt habe.
In absehbarer Zeit wird nun audi wohl, in der „Zeitschrift
fur Sozialforschung" mein groBes Sammelreferat zur Sprach-
theorie erscheinen, das ich — wie Du vielleicht schneller mer-
ken wirst als mir lieb ist — als ein Lernender geschrieben
habe. Immerhin habe ich aus diesem coram publico erfol-
genden Lehrvorgang Nutzen gezogen, und zwar noch ganz
neuerdings durch die Bekanntschaft mit Karl Biihlers „Sprach-
theorie".
Dein Walter
1 Eine Anspielung auf Goldbergs Jugendschrift „Die fiinf Biicher
Mosis, ein Zahlengebaude", Berlin 1908.
250 An TheodorW. Adorno
SanRemo, 7. 1. 1935
Lieber Herr Wiesengrund,
ich vermute Sie zuriick und gehe daran, Ihren groBen Brief
vom 17ten Dezember zu beantworten. Nicht ohne Zogern - er
ist so gewichtig und greift derart in die Mitte der Sache ein,
daB ich keine Aussicht habe, ihm auf brieflichem Wege ge-
recht zu werden. Umso wichtiger ist, daB ich Sie vor allem
andern noch einmal der groBen Freude versichere, die Ihr
lebendiger Anteil in mir erweckt hat. Ich habe Ihren Brief
nicht nur gelesen sondern studiert; er verlangt es, Satz fur
Satz uberdacht zu werden. Da Sie meine Intentionen1 aufs
638
genaueste erfaBt haben, so sind Ihre Fehlanzeigen von groB-
tem Belang. Das gilt in erster Linie von den Bemerkungen,
die Sie iiber die riiangelnde Bewaltigung des Archaischen
machen; es gilt also in ausgezeichneter Weise von Ihren Be-
denken zur Frage der Weltalter und des Vergessens. Im
iibrigen raume ich ohne weiteres Ihren Einwendungen gegen
den Terminus „Versuchsanordnung" das Feld und werde mit
den sehr bedeutsamen Bemerkungen zu Rate gehen, die Sie
iiber den stummen Film machen. Einen Fingerzeig gab mir
der Umstand, daB Sie so besonders nachdriicklich auf die
„Aufzeichnungen eines Hundes" hinweisen. Gerade dieses
Stuck ist mir — wohl als das einzige — noch im Verlauf meiner
Arbeit am „Kafka" fortdauernd fremd geblieben und ich
wuBte - habe es auch wohl Felizitas gegeniiber ausgespro-
chen — daB es mir sein eigentliches Wort noch zu sagen hatte.
Ihre Bemerkungen Ibsen diese Erwartung ein.
Nachdem nun zwei Teile — der erste und dritte — erschie-
nen sind, ist der Weg fur die Neufassung frei; ob er freilich
auf ein Publikationsziel hinauslaufen und Schocken die er-
weiterte Fassung in Buchform herausbringen wird, ist noch
fraglich. Die Umarbeitung wird, soviel ich jetzt sehe, beson-
ders den vierten Teil zu betreffen haben, der trotz des groBen
— oder vielleicht wegen des allzugroBen — Akzents der auf
ihm liegt, selbst Leser wie Sie und Scholem nicht zur Stel-
lungnahme vermocht hat. Im iibrigen fehlt unter den Stim-
men, die bisher laut geworden sind, auch Brechts nicht; und
so hat sich alles in allem eine Klangfigur um ihn gebildet,
der ich noch manches abzulauschen habe. Vorlaufig habe ich
eine Sammlung von Reflexioneh angelegt, um deren Projek-
tion auf den Urtext ich mich noch nicht kummere. Sie grup-
pieren sich um das Verhaltnis „Gleichnis = Symbol", in dem
ich die Kafkas Werke bestimmende Antinomie denkgerechter
gefaBt zu haben glaube als mit dem Gegensatz „Parabel =
Roman". Die nahere Bestimmung der Romanform bei Kafka,
iiber deren Notwendigkeit ich mit Ihnen einig bin und die
bisher fehlt, kann nur auf einem Umweg erreicht werden.
Ich wiirde wiinschen — und es ist garnicht so unwahrschein-
lich - daB manche dieser Fragen noch off en stehen, wenn wir
639
uns das nachstemal sehen werden. Falls ich mir namlich
wirklich Hoffnung im Sinn einer Andeutung von Felizitas
machen kann, nach der Sie eine. Osterreise nach San Remo
erwogen haben. Ich ware dariiber selir froh - ja mehr als Sie
es, ohne meine gegenwartige Isolierung ermessen zu konnen,
wohl mutmaBen. Im Augenblick stent hier allerdings eine
kurze Unterbrechung bevor; ich erwarte Wissing und so
werde ich vielleicht noch mittelbar Zeuge seiner letzten ber-
liner Monate, der en Ausklang Sie unmittelbar erlebten. Und
auch das laBt mich eine Begegnung mit Ihnen erhoffen.
Uber den Ostertermin hinaus sehe ich nicht. Brecht hat
mich wieder nach Danemark gebeten, und zwar schon jetzt.
Nun werde ich San Remo wohl keinesf alls vor dem Mai ver-
lassen, auf der andern Seite aber mein Hiersein, so wertvoll
es mir als refugium ist, nicht ununterbrochen andauern las-
sen, denn die Isolierung von Freunden und Arbeitsmitteln
macht es auf die Dauer zu einer gefahrlichen Belastungs-
probe. Dazu tritt natiirlich eine jeden Augenblick lahmend
empfundene Bindung an das striktest Lebensnotwendige. Da
mir nun — dies zur Antwort Ihrer freundschaftlichen An-
frage vom Dezember, fur die ich Ihnen herzlich danke -
unter den hiesigen Umstanden dieses Lebensnotwendigste
dank der 100 sfr des Instituts nicht abgeht, so ist es in der
Tat wohl kaum arigezeigt, meine Angelegenheiten an Ferner-
stehende heranzutragen. Wiewohl mir ein MindestmaB von
Bewegungsfreiheit, und damit ein groBes von Initiative, ge-
rade jetzt mit den kleinsten Mitteln zu vers chaff en ware.
Wie aber?
Und auf der andern Seite wissen Sie aus Erfahrung, daB
ein HochstmaB von Initiative fur die ersten Texte in fremder
Sprache aufgebracht werden muB. Ich spiire es an dem
„Bachofen", den ich zur Zeit fur die Nouvelle Revue Fran-
gaise schreibe. Es lieBe sich bei dieser Gelegenheit viel zu
unsern eigensten Dingen sagen. Fur Frankreich, wo niemand
Bachofen kennt — keine seiner Schriften ist ubersetzt — muB
ich Informatorisches in den Vordergrund stellen. Ich will
aber, gerade bei diesem Stichwort, nicht vergessen, Ihnen,
was die Bemerkungen zu Klages und Jung betrifft, meine
640
restlose Zustimmung zu Ihrem Brief vom 5ten Dezember zu
sagen. Genau in dem Sinne, in den Sie deuteten, halte ich es
fur notig, mir eine groBere Kenntnis von Jung zu verschaf-
fen. Haben Sie seine Studie iiber Joyce zufallig verfiigbar?
Sagen Sie mir doch bitte, woher das stammt: „So gut wie
nichts hat alles gut gemacht" ?2 Und wollen Sie mir nicht das
Stuck iiber die Fahrscheine Londons senden, auf das Sie an-
spielen? In jedem Fall erwarte ich sobald als nur moglich
Ihr Stuck iiber die Schallplatte zu lesen, das in so wichtige
Zusammenhange eingreift.
Das erste Exemplar von Blochs Buch, das an mich ging,
mufi mich verfehlt haben; der Verlag hat mir ein zweites
angekiindigt. Was ich sehr beklage ist, daB Bloch, der die
Ausrichtung an sachkundigen Freunden gewiB nicht weniger
notig hat als irgend einer von uns, seine geraumigen Reise-
zirkel scheinbar ohne Riicksicht auf sie schlagt und sichs an
der Gesellschaft seiner Papiere genug sein laBt.
Haben Sie den „Dreigroschenromari" gelesen? Mir er-
scheint er im hbchsten Grade gegliickt. Schreiben Sie mir,
was Sie dariiber d^nken. Geben Sie mir iiberhaupt recht aus-
fiihrliche Nachricht und vergessen Sie nicht den Stand Ihrer
eigenen Arbeiten.
Ich griiBe Sie fur heute aufs herzlichste.
Ihr Walter Benjamin
1 In dem Aufsatz uber Kafka.
2 Aus Adornos „Tom Sawyer".
251 An Bertolt Brecht
SanRemo, 9. 1. 1935
Lieber Brecht,
wie es mit Danemark steht, ist noch nicht ganz klar. Hork-
heimer hat mir geschrieben, daB er in Amerika ein Stipen-
dium fur mich auftreiben will, mit dem ich auf ein Jahr
641*
hiniiber kommen kann. Die Sache ist ganz unbestimmt. Aber
ich habe natiirlich geschrieben, daB ich annehmen wiirde.
Es ist sehr gut moglich, daB garnichts daraus wird, und
dann kame ich sehr gerne. - Hier ist es im iibrigen recht pas-
sabel was die auBeren Umstande angeht. Dagegen iibersteigt
die Isolierung - von Menschen, von Informationen, von Ar-
beitsmitteln - oft das Ertragliche.
Da haben Sie es in England anders gehabt. Gern wiiBte
ich naher, wie? Auch was iiber die Stiicke und den Roman
dort entschieden wurde?
Den [Dreigroschen-] Roman habe ich nun im Druck ge-
lesen, und zwar mit immer wieder erneutem Vergniigen an
vielen Stellen. Diesmal habe ich Walley besonders ins Herz
geschlossen. — Das Buch scheint mir sehr dauerhaft. Ich horte
auch von G., daB es ihm vollkommen gelungen erscheint.
Klaus Mann hatte ich gebeten, mir fur die Anzeige1 die
bisherigen Pressestimmen zu schicken. Es kann nutzlich sein
zu wissen, welchen Vers die Leute sich auf clas Buch gemacht
haben. Er schrieb, Landauer habe alles an Sie geschickt.
Konnten Sie mir vielleicht die Ausschnitte auf acht Tage
iiberlassen? Sie wiirden sie eingeschrieben zuriickerhalten.
Das Buch iiber die Photographie 2 ist noch Manuscript. Ob
ein Abzug verfiigbar ist, weiB ich nicht. Es geht von den
Anfangen bis an das Jahrhundertende. Wenn Sie wollen
konnte ich der Verfasserin schreiben.
Bis Ostern werde ich sicher hierbleiben; dann wird Stefan
auf die hiesige Schule kommen.
Haben Sie „Erbschaft dieser Zeit" von Bloch gesehen? Sie
sind darin behandelt.
Das nachste Heft der Zeitschrift fur Sozialforschung wird
ein sprachwissenschaftliches Referat von mir enthalten. Im
iibrigen bin ich dabei, meinen ersten grbBeren franzosischen
Aufsatz - „Bachofen" - abzuschlieBen. Eine Besprechung
mit dem Redakteur der Nouvelle" Revue Francaise war das
einzige Ergebnis meiner pariser Tage. Die Emigranten sind
niedergeschlagen; Kracauer war es besonders. Einige, wie
Heinrich Mann und Kesten, haben eine Binnenemigration
nach Nizza veranstaltet.
642
Wie geht es dem Auto? Gegebenenfalls legen Sie wohl in
meinem Narnen eine Blumenspende auf seinem erkalteten
Motor nieder.
Die herzlichsten GriiBe, bitte auch an Heli und die Kinder
Ihr Walter Benjamin
1 B. schrieb eine Rezension von Brechts Dreigroschenroman fur die
von Klaus Mann herausgegebene Zeitschrift „Die Sammlung"; ob-
wohl der Aufsatz bereits gesetzt war, erschien er dort nicht, vgl. dazu
die Brief e Nr. 257 und 258 an Scholem und Brecht. Er findet sich in:
Bertolt Brechts Dreigroschenbuch. Frankfurt 1960. S. 187-193.
2 Wahrscbeinlich Gisele Freund: La photographie francaise au XIXe
siecle. Paris 1936. Von W. B. in der „Zeitschrift fur Sozialforschung" 7
(1938), Seite 296 besprochen.
252 An Werner Kraft
San Remo, 9. Januar 1935
[. . .] Warum schreiben Sie mir nicht mehr iiber den „Drei-
groschenroman" ? In meinem, modisch vielleicht zentralen,
literarisch jedenfalls abgelegenen Winkel habe ich keinerlei
Vorstellung von der Aufnahme, die das Buch ringsum gefun-
den hat. Da ich augenblicklich selbst an seiner Rezension ar-
beite, habe ich Brecht gebeten, mir Einblick in diePressestim-
men zu geben. Was iibrigens dessen Gedicht in der Festschrift
fiir Kraus betrifft, so weiB ich zufallig, daB dieses sich nicht
ohne offenkundige Schroffheit hatte zuriickziehen lassen. DaB
aber Brecht eine solche nicht an den Tag legen wollte, erlaubt
— bei seiner ungemeinen Hoflichkeit — kaum weittragende
Schliisse. !
Noch weniger berechtigt aber ist die MutmaBung Ihrer
letzten Karte, Ihre brieflichen Bedenken gegen den „Kafka"
konnten meine Empfindlichkeit verletzt haben. Darf ich Sie,
ohne das Entsprechende nun Ihnen gegeniiber zu riskieren,
versichern, daB neben anderen Einwendungen, die. erhoben
worden sind, die Ihren wie gefiederte Pf eile unter Granaten-
wagen erscheinen (womit ich keineswegs insinuierenwill, daB
643
sie giftig seien). Eben die Kontroversen aber, die iiber diese
Arbeit sich, wie iiber keine andere erhoben haben, bestatigten
nur, daG auf ihrem Gelande eine Anzahl der strategischen
Punkte heutigen Denkens liegen und meine Miihe, es weiter
zu befestigen, keine unniitze ist.
Sie haben niir schon seit langem Reflexionen iiber Pala-
stina angekiindigt, die ich mit groBem Interesse, hoffentlich
bald, lesen werde. — Seume ist eine der bewundernswertesten
Gestalten des Burgertums und unter seinen Briefen gibt es
unvergleicbliche. — So feine Sachen wie die „ Corona" kom-
men mir langst nicht mehr zu, es sei derm, Sie waren in der
Lage, das Heft leihweise der von mir eingangs erbetenen
Sendung beizuschlieBen. Auf alle Falle sind Sie vielleicht so
freundlich, mir die Adresse der Redaktion mitzuteilen.
Haben Sie Ernst Blochs „Erbschaft dieser Zeit" gesehen?
Sie finden da audi ein Kapitelchen iiber mich, dessen Aspekte
freilich, wie mir der Autor rechtzeitig brief lich versicherte,
auf Vollstandigkeit keinen Anspruch erheben.
PS Ein gewisser Julius Kraft hat ein Buch mit dem Titel
„Die Unmoglichkeit der Geisteswissenschaften" erscheinen
lassen. Ist das ein Verwandter von Ihnen?2
1 Die Unstimmigkeiten zwischen Brecht und Kxaus gingen auf dessen
Pamphlet „ Warum die Fackel nicht erscheint" (Fackel 890-905) zu-
riick. Brecht reagierte mit dem Gedicht „TJher den schnellen Fall des
guten Unwissenden".
2 Nein.
253 An Helene Weigel
San Remo, 3. Februar 1935
Liebe Heli,
ich habe mich iiber Ihren Brief sehr gefreut. Natiirlich hatte
ich gern erfahren, wie es Ihnen und Brecht in London er-
gangen ist. Aber da bleibe ich wohl auf die sparlichen Nach-
richten meiner dortigen Korrespondenten angewiesen. Haben
Sie Schoen gesehen?
644
Um das Wichtigste voranzuschicken : zum 66 habe ich
niemanden. Die Leute sind hier viel zu gebildet zum Karten-
spielen. Es ist mir eineLehre: man soil nicht iiber seine Kreise
hinausstrebenl Nun bin ich freilich von unserm Stammtisch
weit abgetrieben und es wird bestimmt einige Zeit dauern
bis ich wieder an seinem Rande auftauche. Wenn mich das
Genfer Institut nicht nach Amerika holt, so komme ich wohl
im Laufe des Sommers. Leider hat Brecht mir keinerlei Aus-
schnitte iiber den Roman geschickt. Ich hatte sehr gem bei
meiner Anzeige, an der ich eben bin, gewuBt, was die Leute
sich fur einen Vers auf das Buch gemacht haben. Mir ist
keine einzige Kritik zu Gesicht gekommen, weil ich nur f ran-
zosische und italienische Blatter lese. Vielleicht konnten Sie
mir noch ein, zwei wichtige Stiicke senden.
Das Buch, nach dem Sie fragen, heiBt
Henri Damaye: Psychiatrie et Civilisation
Paris 1934(Alcan)
Es handelt sich aber da nicht um Massenjisy chosen sondern
um Bakterien als Erreger von Individualpsychosen. Insbe-
sondere behauptet der Verfasser, dafi bestimmte Formen des
KochschenBazillus nicht Tuberkulose sondern Psychosen her-
vorrufen.
Lesen Sie Of und Petrow: Ein Millionar bei den Sowjets —
wenn es deutsch zu haben ist. Ich lese es eben in der fran-
zbsischen Ausgabe und finde sehr lustige Sachen darin.
Recht herzliche Griifie!
Ihr Walter Benjamin
254 An Alfred Cohn
San Remo, 6. Februar 1935
Lieber Alfred,
ich ermanne mich aus einem fiebrigen Schnupfenabend, um
Dir fur Deine letzte Nachricht zu danken. Wenn das Februar-
wetter bei Euch dem hiesigen ahnlich sieht, so werdet Ihr
645
alle Miihe haben, die Kinder wohlbehalten hindurchzusteu-
ern. Die Vormittage, an denen die Sonne scheint, sind sehr
warm; am nachmittag, wenn die Sonne verschwunden ist,
setzt unvermittelt eine feuchte Kalte ein, mit deren unange-
nehmen Folgen ich mich seit einer Woche trage.
Dein letzter Brief sprach von einigermaBen ertraglichen
Verhaltnissen und vor allem von Aussichten auf verbesserte.
Es ware sehr schon, wenn diese sich inzwischen eingestellt
hatten. Hier hat sich indessen nichts fur mich verandert, es
sei denn, daB sich allmahlich der Fruhjahrstermin abzeich- .
net, iiber den hinaus ich meinen Aufenthalt wohl nicht aus-
dehnen werde. Solange werde ich mich indessen in die herme-
tische Isolierung ergeben miissen, mit der ich die relativ
angenehmen Umstiinde auBern Lebens zur Zeit erkaufe.
Diese geht weit iiber das MaB hinaus, in dem sie etwa meinen
Arbeiten forderlich sein konnte und ich beschranke mich
darauf halb handwerksmaBig und ohne mich sehr zu beeilen,
ein Stuck nach dem andern zurechtzuzimmern. Dazu kommt,
daB einigermaBen konzentrierte Arbeit teils der Raumver-
haltnisse, teils der Temperatur wegen uberhaupt nur im
Bett moglich ist, auf das ich mich gelegentlich in der Tat
vdllig zuruckziehe. Nur so habe ich schlieBlich den Bachofen-
essay, meine erste groBere Arbeit in franzosischer Sprache,
abschlieBen konnen, und ahnlich habe ich es mit der Rezen-
sion des „Dreigroschenromansu vor, die ich eben fur die
„Sammlung" unternehme.
Indessen hat, wie. es scheint, die Stabilisierung in Deutsch-
land ungeheure Fortschritte gemacht; und ich wiirde mich
nicht wundern, wenn es dort bald zu einer Art — von den
Quengeleien der Sozialdemokratie unbehelligten und der
Reichswehr horigen — Briiningregimes kommen wiirde. Das
diisterste, und doch wohl das angemessenste Zukunftsbild. Was
an personlichen Bindungen zu Deutschland noch vorhanden
war, lockert sich unter diesen Umstanden vollig. Zu den Aus-
riahmen gehort die an Gliick, mit dem ich zwar nicht im
Briefwechsel stehe, den ich aber dies Jahr bestimmt wieder-
zusehen hoff e. Tula und Fritz dagegen lassen durchaus nichts
horen. Auf der andern Seite werde ich auch iiber Ernst nur
646
ganz gelegentlich durch eine gemeinsame Freundin verstan-
digt. Merkwiirdigerweise scheint sich etwas wie ein Zentrum
fur uns noch am ehesten in England gebildet zu haben. Wie
schwer der franzosische Boden bestellbar ist, haben wir ja
noch in gemeinsamer Erinnerung. Und doch wird mir nichts
iibrig bleiben als da immer wieder anzusetzen und manchmal
frage ich mich, ob ich nicht a tout prix diesen Winter hatte
in Paris sitzen miissen und glaube mir versaumte Gelegen-
heiten vorwerfen zu miissen. Auf der andern Seite — und um
die Tragweite der eignen Ausfallserscheinungen nicht zu
uberschatzen — habe ich mich in letzter Zeit damit unter-
halten, was mich betrifft eine ,Liste der Fehler und Fehl-
schlage der beiden letzten Jahre' zu verfassen und es hat sich
der schwache Trost ergeben, daB die erstern durchaus nicht
immer die Bedingung der letztern waren,
Immerhin taucht die erste Emigrationszeit in Ibiza je
weiter sie zurucktritt in umso farbigern Schimmer. Und ich
sage das, um die folgenden Ibiza angehenden Fragen Dir
besonders anzuempfehlen. Vielleicht ist es Dir moglich, sie
mir wenigstens teilweise auf Grund eigner Erkundigungen
zu beantworten. Ich mochte namlich sehr gern wissen 1) ob
Noeggeraths noch auf der Insel sind 2) wo etwa und 3) ob sie
ihr Grundstiick noch besitzen oder es gar bebaut haben.
4) Wie es dem Bildhauer Jokisch in Ibiza geht und 5) ob der
Guy Selz noch seine Bar am Hafen hat?
Um nun auf Deine eigne Anfrage1 zu kommen, so glaube
ich nicht, daB der geeignete Weg, Deine Erkundigungen ein-
zuziehen, iiber Scholem fuhrt. Einen direkten weiB ich aller-
dings auch nicht. Aber ein naher - dem Namen nach Dir
vertrauter — Bekannter, dessen Adresse ich Dir gebe, wird
wenn Du ihm ausfiihrlich und unter nachdrucklicher Bezug-
nahme auf mich schreibst, vielleicht durch Verwandte oder
Freunde, die er dort hat, etwas fur Dich in Erfahrung brin-
gen konnen. Er selbst ist, wie Du weiBt, nicht Kaufmann
sondern Bibliothekar, so daB Du auBer Zweifel stellen muBt,
daB Du Dich nicht an seine personliche Kompetenz (die hier
fehlen wiirde) sondern durch ihn an etwaige Fachleute wen-
dest. Werner Kraft Jerusalem Rechavja Ben Maimon Street 37
647
bei Rosenberg. Dies war nocb nicht trocken, da kam die netie
Adresse: Rechavja Alphasi Street 31.
Ich entwische, so oft ich kann, von hier nach Nizza. Nicht
als ob es da viel Leute fur mich gabe, aber doch immerhin ein
oder zwei. Und dann verniinftige Cafes, Buchhandlungen,
gut versehene Zeitungskioske — kurz alles was hier in keiner
Weise zu finden ist. Dort versehe ich mich auch mit Krimi-
nalromanen, von denen ich nicht wenige brauche, da meine
Nachte hier um 1/2 9 zu beginnen pflegen. Neben Simenon
ist da neuerdings Pierre V6ry ein sehr guter Mann. Sonst las
ich (aus dem Russischen) Ilf et Petrow: Un millionaire au
pays des Sovjets — im ersten Teil auBerst komisch, spaterhin
schwacher; Drieu la Rochelle: La Com^die de Charlesroi -
mit der Novelle „Le Deserteur", in der ich mit Erstaunen
die genaue Darstellung meiner eignen politischen Haltung
fand; Montherlant: Les celibataires — die ich Dir wohl schon
fruiter sehr anempf ohlen habe ; Guehenno : Journal d'un
homme de quarante ans, in dem einige Erfahrungen unserer
Generation gut formuliert sind. Freilich nie so gut wie Wie-
land Herzfelde es tat als er mich im Sommer unvermutet in
einem kleinen Vorort von Kopenhagen auftauchen sah: „Na
ja — Benjamin. Sie sind doch auch 92er? Wir werden uns
noch ofter sehen. Denn, wissen Sie, mit dieser Generation
steht es doch so: die, die von zarterer Beschaffenheit waren,
die sind schon vor 1914, die die von torichter waren zwischen
1914 und 18 verschwunden. Die da iibrig geblieben sind, die
bleiben noch eine Weile."
Das neue Buch von Bloch, das ich Dir geschickt habe, wirst
Du bekommen haben. Ich ware Dir dankbar, wenn Du mich
etwas dariiberhorenlieBest. Die undankbare, auBerst schwie-
rige Aufgabe, ihm dariiber zu schreiben, habe ich mit vielen
Kunstgriffen immer wieder hinausgeschoben, werde sie nun
aber nicht mehr lange umgehen konnen. Der schwere Vor-
wurf , den ich dem Buch mache (wenn auch nicht dem Verfas-
ser machen werde) ist daB es den Umstanden, unter denen es
erscheint, in garkeiner Weise entspricht sondern so deplaziert
auftritt wie ein groBer Herr, der, zur Inspektion einer vom
Erdbeben verwusteten Gegend eingetroffen, zunachst nichts
648
eiligeres zu tun hatte als von seinen Dienern die mitgebrach-
ten — ubrigens teils schon etwas vermotteten — Perserteppiche
ausbreiten, die — teils schon etwas angelaufnen — Gold- und
Silbergefa.Be aufstellen, die — teils schon etwas verschosse-
nen — Brokat- und Damastgewander sich umlegen zu lassen.
Selbstverstandlich hat Bloch ausgezeichnete Intentionen und
erhebliche Ein&ichten. Aber er versteht es nicht, sie denkend
ins Werk zu setzen. Seine iibertriebnen Anspriiche hindern
ihn daran. In solcher Lage — in einem Elendsgebiet — bleibt
einem groBen Herrn nichts iibrig als seine Perserteppiche als
Bettdecken wegzugeben und seine Brokatstoffe zu Manteln
zu verschneiden und seine Prachtgefafie einschmelzen zu
lassen.
Die Liste der Zeitungsnummern, in denen die „Briefe"
erschienen sind, lege ich Dir bei. Ich selbst habe mir leider
durch die Stiirme der Jahre nur zwei komplette Folgen er-
halten konnen, deren eine ich jedenfalls solange in Reserve
halten mufl, als noch die leiseste Hoffnung einer Buchaus-
gabe fortbesteht. Viele der Nummern sind leider vergriffen.
So kann ich Dir leider in dieser Sache nicht weiter von Nut-
zen sein, obwohl ich der nachste dazu ware.
Erlauterndes zum Kafka vielleicht ein andermal. Aber be-
stimmt nicht, bevor ich von Dir einen langeren Bericht iiber
Dein Ergehen bekommen habe, auf den mir ein kraftiges
Recht zu verschaffen in meinen Augen den Wert des vorste-
henden bildet.
Mit den herzlichsten GruBen
Dein Walter
1 Tiber kaufmannische Moglichkeiten in Palastina.
649
255 AnMaxHorkheimer
SanRemo, 19.Febr. 1935
Lieber Herr Horkheimer,
ich danke Ihnen herzlich fiir Ihren Brief vom 28ten Januar.
Vor allem bin ich sehr froh iiber die Aussicht, daB wir nun
in absehbarer Zeit zu einer miindlichen Aussprache gelangen
werden.
Aber schon heute mochte ich Ihnen sagen, wie wichtig mir
Ihr dringlicher Wunsch die Arbeit iiber Fuchs l angehend ist.
Es ist mir nach Ihrem Brief selbstverstandlich, sie alien ande-
ren Projekten vorangehen zu lassen. Wenn sich das im Mo-
ment noch nicht auswirkt, so deshalb, weil ich Bedenken habe,
Fuchs zur Sendung neuer Biicher — mehrere habe ich im ver-
gangenen Sommer studiert — in einem Augenblick zu veran-
lassen, wo meine ferneren Dispositionen nicht iibersehbar
sind. Es ist leider, wie ich Ihnen schon schrieb, sehr fraglich,
ob ich mich hier uber Ostern hinaus halten kann, und was
dann wird, dariiber wage ich noch nicht einnial, mir Gedan-
ken zu machen.
Es ware fiir diese Arbeit unendlich viel wert, wenn ich
sie in Paris machen kbnnte. Nicht nur um wahrend ihrer
Dauer mich in Fiihlung mit Fuchs zu halten - obwohl auch
das seinen grofien Wert hatte — sondern auch um der Sache
das breite Fundament des Vergleichs, das Sie selbst in Ihrem
Briefe skizzieren, geben und ferner, um den Quellen von
Fuchs nachgehen zu kbnnen, die ja erst den vollen Einblick
in seine Methode erschliefien.
Ich habe hier einige wichtig e Arbeit en durchfuhren kon-
nen — so vor allem einen groBeren franzosischen Auf satz iiber
Bachofen geschrieben - aber jetzt fangt die Isolierung, in der
ich mich hier befinde, an, auch in bibliographischer Hinsicht
mir fiihlbar zu werden. Immerhin gehen auch die folgenden
Wochen nicht verloren, da ich das belletristische Referat zur
franzosischen Literatur vorbereite.
Hin und wieder gelingt es mir sogar noch, aus Deutschland
— von der Frankfurter Zeitung — einen Auftrag zu bekom-
650
men. Ich erwahne das nicht nur a titre de curiosite, sondern
audi urn Ihnen zu sagen, daB ich alles Erdenkliche unter-
nehme, urn die Lage zu meistern.
Der „Kafka", nach dem Sie fragen, ist in der Jiidischen
Rundschau erschienen, aber so fragmentarisch, daB ich, falls
er Sie interessiert, Ihnen lieber bei einer Begegnung mein
Manuscript als jetzt einen Abdruck aushandige.
Werde ich die Korrekturen des sprachsoziologischen Refe-
rats selbst lesen konnen?
Bitte, lieber Herr Horkheimer, lassen Sie mich jede nahere
Gestaltung Ihrer europaischen Projekte umgehend wissen, da
ich meine eignen Dispositionen so sehr wie moglich ihnen
anpassen will.
In herzlicher Verbundenheit Ihr Walter Benjamin
1 „Eduard Fuchs, der Sammler und der Historiker", „Zeitschrift fiir
Sozialforschung", 6 (1937), Seite 346-380. Jetzt in „Das Kunstwerk
im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit". Frankfurt 1963,
S. 95-156.
256 An Max Horkheimer
Nice, 8. April 1935
Lieber Herr Horkheimer,
vielen Dank fiir Ihren freundlichen Brief vom 19ten Marz.
Ich habe ihn mit einer Verspatung bekommen, deren Ge-
schichte zugleich die letzte Phase der meinen in nuce darstellt.
Viel friiher als ich irgend vorhersehen konnte, habe ich nam-
lich mein Asyl inSanRemo verlassenmiissen. Ich wollte dann
nach Paris gehen (wohin ich bereits meine Post dirigiert
hatte). Aber als es dann so weit war, wurde meine Schwester,
bei der ich dort allenfalls ein Unterkommen hatte fmden kon-
nen, schwer krank.
Wenn ich es unterlieB, Ihnen von all dem Nachricht zu
651
geben, so war es, weil ich audi den Anschein, von neuem aus-
driicklich ttiich an Ihre Hilfe zu wenden, vermeiden wollte.
Ich tat das in dem Vertrauen, daB Sie ohnehin das irgend
Mogliche tun, und Ihr letzter Brief bestatigt es mir. Ich sage
Ihnen dafiir meinen herzlichsten Dank. Es ist mir nichts
dringlicher als meine Arbeit so eng und so produktiv wie
moglich mit der des Instituts zu verbinden.
Es ist schade, daB Sie nicht nachEuropakommen. Anderer-
seits nehme ich an, daB Ihre Unabkommlichkeit ein gutes Zei-
chen fiir die Bedeutung ist, die das Institut drub en gewonnen
hat. Ich werde nun in der Osterwoche meinen Arbeitsplan
ausfiihrlich mit Herrn Pollock besprechen und zu diesem
Zweck ungefahr gleichzeitig mit ihm nach Paris kommen.
Hoffentlich um da zu bleiben! Auch dafiir werden die Mog-
lichkeiten im Gesprach mit Herrn Pollock zu klaren sein.
In diesenTagen gehen Ihnen die Korrekturen meinesSam-
melref erats zu.
Ihre Arbeit iiber Autoritat und Familie erscheint, wie ich
annehme, in der Sammelschrift des Instituts *. Wann wird sie
herauskommen? Die meinige iiber Bachofen wird Ihnen kaum
sehr viel Neues sagen. Sie ist bestimmt, Bachofen, der in
Frankreich ganzlich unbekannt und von dem nichts iibersetzt
ist, den Franzosen zu prasentieren. Ich habe zu diesem Zweck
mehr ihn selbst zu portratieren als seine Theorien wiederzu-
geben gesucht.
Nehmen Sie, mit Ihrer Frau, meine herzlichsten GriiBe!
Ihr Walter Benjamin
l Studien iiber Autoritat und Familie. Forschungstericlite aus dem
Institut fiir Sozialforschung. Paris 1936.
652
257 An Gerhard Scholem
20. Mai 1935
Lieber Gerhard,
du hast recht lange nichts von mir gehort. Die Ursache davon
hast Du wohl erraten. Es trat mit der tJbersiedlung nach
Paris wieder eine hochst kritische Periode ein, akzentuiert
durch auBere MiBerfolge. Ablehnung des Bachofen durch die
NRF, die ihn an den Mercure de France weitergab, wo ich
ihn jetzt liegen sehe; Auflosung meiner kurzen und doch zu
langen literarischen Beziehung zu Klaus Mann, fur den ich
den Dreigroschenroman besprochen hatte, und der meine Re-
zension, die schon gesetzt war, zuriicksandte, als ich ein uh-
qualifizierbares Honorar ablehnte. Und noch dies und jenes
derart: novissima meiner literarischen Laufbahn, nachdem
sie in meiner biirgerlichen nun schon seit geraumer Zeit sich
iiberbieten.
Dann trat, mit einer kleinen Atempause, ein weiterer Urn-
stand ein, der meine gesamte Korrespondenz stillegte. Das
Genfer Institut forderte, ganz unverbindlich, aus Hoflich-
keit mochte ich sagen, ein Expose der „Passagen" ein, von
denen ich dann und wann raunend etwas hatte vernehmen
lassen ohne viel davon zu verraten. Da in die gleiche Zeit die
cloture annuelle der Bibliotheque Nationale fiel, so war ich
wirklich und seit vielen Jahren zum ersten Male, mit meinen
Studien zu den Passagen allein. Und wie Dinge der Produk-
tion oft urn so unvorhergesehener eintreten je wichtiger sie
sind, so ergab sich, daB mit diesem Expose, das ich zugesagt
hatte, ohne mir viel dabei zu denken, die Arbeit in ein neues
Stadium eintrat, das erste, das sie — von fern - einem Buch
annahert.
Ich weifl nicht, wieviel Jahre meine Entwiirfe, die einem
Aufsatze fur den Querschnitt galten, der nie geschrieben
wurde, zuriickliegen. Ich wiirde mich nicht wundern, wenn
es die klassischen neun Jahre waren, womit dann die Bogen-
spannung in der Entstehung des Trauerspielbuches ubertrof-
f en wiirde, wenn dies pariser seinerseits zu Entstehung kame.
653
Das aber ist natiirlich die grofie Frage, da ich iiber meine
Arbeitsbedingungen nicht Herr bin. Die Aussichten etwa das
Institut in Genf tatig an diesem Buche zu interessieren, sind
minimal. Es gestattet Konzessionen nach keiner Seite und
wenn ich iiberhaupt etwas von ihm weiB, so dies, daB keine
Schule sich beeilen wird, es fiir sich zu beanspruchen.
Im iibrigen gebe ich ab und zu der Versuchung nach, in der
innern Konstruktion dieses Buches Analogien zum Barockbuch
mir zu vergegenwartigen, von dessen auBerer es recht weit
abweichen wiirde. Und ich will Dir soviel andeuten, daB auch
hier die Entfaltung eines uberkommenen Begriffs im Mittel-
punkt stehen wird. War es dort der Begriff des Trauerspiels
so wiirde es hier der des Fetischcharakters der Ware sein.
Wenn das Barockbuch seine eigene Erkenntnistheorie mobi-
lisierte, so wiirde das im mindestens gleichen MaBe fiir die
Passagen der Fall sein, wobei ich aber weder absehen kann,
ob sie eine selbststandige Darstellung finden noch wieweit sie
mir gliicken wiirde. Endlich ist der Titel pariser Passagen
verschwunden und der Entwurf heiBt „Paris, die Hauptstadt
des neunzehnten Jahrhunderts" l und im stillen nenne ich ihn
Paris, capitale du XIXe siecle. Damit ist eine weitere Analo-
gie angedeutet: wie das Trauerspielbuch das siebzehnte Jahr-
hundert von Deutschland aus, so wiirde dieses das neunzehnte
von Frankreich aus aufrollen.
Von den Studien, die ich im Laufe sovieler Jahre gemacht
hatte, hatte ich einen wer weiB wie groBen Begriff und be-
komme nun, wo ich etwas deutlicher ahne was ich eigentlich
zu machen hatte, einen sehr kleinen von ihnen. Zahlreiche
Fragen sind noch ungelbst. Allerdings bin ich in der ihnen
entsprechenden Literatur, und bis in ihre bas fonds hinunter,
so vollkommen zu Hause, daB sich fiir ihre Beantwortung
friiher oder spater Handhaben finden werden. In den un-
glaublichen Schwierigkeiten, mit denen ich es zu tun habe,
verweile ich manchmal mit nachdenklichem Vergniigen auf
der Betrachtung, welche dialektische Synthesis aus Misere
und Uppigkeit in diesen immer wieder unterbrochenen und
durch ein Jahrzehnt immer wieder erneuerten, in die entle-
gensten Gegenden vorgetriebenen Studien liegt. Sollte die
654
Dialektik des Buchs sich als gleich solide erweisen, so konnte
ich es mir gefallen lassen.
DaB der Gesamtplan nun vor mir stent, ist mittelbar iibri-
gens wohl auch eine Folge meiner Begegnung mit einem der
Institutsdirektoren, die gleich nach meiner Ankunft in Paris
stattfand. Sie hat zur Folge gehabt, daB ich zunachst einen
Monat ohne die landlaufigen Tagesprobleme leben konnte.
Aber der Monat ist urn und ich weiB durchaus noch nicht wie
mirs im nachsten gehen wird. Sollte ich grade jetzt mich in
die Arbeit liber [Eduard] Fuchs — die um die Wahrheit zu
sagen noch nicht einmal angefangen ist — begeben miissen, so
ware mir das freilich doppelt anstoBig. Auf der andern Seite
aber ware es ein Gliicksfall, mit dem ich auf keine Art rech-
nen kann, daB das Institut etwa ein materielles Interesse an
dem pariser Buch nahme.
Was ich mir wiinschte ware jetzt eine Reihe von Monaten
auf der Bibliothek arbeiten und nach einem mehr oder weni-
ger definitiven AbschluB meiner Studien im Oktober oder
November nach Jerusalem gehen zu konnen. Wenn es aber
auch wenige Umstande gibt die im Weltgeschehen geringere
Spuren hinterlassen als meine Wiinsche, so wollen wir doch
deren zweite Halfte gemeinsam festhalten. Vielleicht kann
ich hier zur gegebenen Zeit das Reisegeld mit einigen Kunst-
stiicken doch heranschaffen.
Ich werde mit Spannung die Biicher erwarten, welche Du
ankiindigst ; Dein Soharbandchen 2 an erster Stelle. Ich f iirchte,
daB es fur Bloch zu spat kommt, wie es ja auch mit meinem
Buch wenn es je geschrieben — und gar noch etwa gedruckt —
werden sollte der Fall sein wird.
Auch an dem Buch von Leo StrauB 3 ist mir viel gelegen.
Was Du mir von ihm sagst, paBt in das angenehme Bild, das
ich mir immer von ihm gemacht hatte. — Wenn ich zur Zeit
auch nichts auBer Quellen lese, so fiel mir doch neulich ein
Buch in die Hand, dessen Autor mir von Dir gelegentlich sig-
nalisiert wurde, die Potestas Clavium von Schestow. Naher
konnte ich mich nicht mit ihm beschaftigen sondern nur fest-
stellen, daB die darin befindliche Polemik gegen den plato-
nischen Idealismus kurzweiliger ausfallt als die iiblichen
655
Dinge von dieser Gattung. Berdjajew, den Dein letzter Brief
erwahnt, habe ich nicht gelesen.
Ja, Stefan wird demnachst beginnen, die Schule in San
Remo zu besuchen. Mein Bruder dagegen ist nach wie vor in
Deutschland, wo seine Frau eine gutbezahlte Stellung bei der
berliner Handelsvertretung der Sowjets hat. Er war nach sei-
ner Entlassung aus dem Konzentrationslager einmal im Aus-
land, aber nur als Erholungsreisender. Er hat einen Sohn, der
nach den Bildern, die ich gesehen habe, sehr gut aussieht.
Recht elend, daJ3 es urn Deinen Bruder so traurig steht. Aber
wessen Gesichtskreis ware nicht von derartigen Bildern er-
fullt!
Kraft schrieb mir einen beinahe nihrenden Brief, in dem
er sich erbietet, fiir mich einen einfluflreichen Franzosen zu
mobilisieren. Freilich kann ich davon keinen Gebrauch ma-
chen, weil die Voraussetzung dieser sehr problematischen
Kombination eine Arbeit ware die von dem, was mich jetzt
beschaftigt, allzuweit abliegt. Er scheint eine weite Reise ins
Land gemacht zu nab en und schickt mir davon einen schbnen
Bericht.
Schreibe mir gelegentlich welch e Angaben Dir zur Vorbe-
reitung meines Kommens erf orderlich waxen.
Dir und Escha die herzlichsten Griifie Dein Walter
1 Schriften I, S. 406-422.
2 Siehe S. 696.
3 „Philosophie und Gesetx", Berlin 1935.
258 An Bertolt Brecht
Paris, 20. Mai 1955
Lieber Brecht,
uber Asja habe ich vor 6 Wochen der Steffin von dem elenden
Vorfall mit Klaus Mann berichtet, der mich um die Publika-
tion meiner Anzeige Ihres Romans gebracht hat. Ich habe ihr
gleichzeitig mein Manuskript in der Hoffnung geschickt, daB
656
es, bei Ihrem rassischen Aufenthalt, Ihnen zukommen wiirde.
Nun habe ich weder von Ihnen noch von ihr etwas gehort,
so daB ich ungewiB bin, ob die Verbindung iiber Asja funk-
tioniert hat.
Das kurze und lange von der Sache ist, daB ich — ohne die
mindeste Neigung den Marktwert meiner Produktion zu iiber-
schatzen — den Honorarvorschlag von 150 £r frcs fur ein
zwblf Seiten umfassendes und von der Redaktion bestelltes
Manuscript, als eine Frechheit betrachtete. Ich habe in einem
kurzen Brief 250 fr frcs verlangt und es abgelehnt, unter
diesem Entgelt das Manuscript ihm zu iiberlassen. Darauf
habe ich es, obwohl es bereits gesetzt war, zuruckbekommen.
Selbstverstandlich hatte ich die Zumutung von Mann ein-
gesteckt, wenn ich das Ergebnis vorausgesehen hatte. Ich
habe mich fur dieses Leben nicht klug genug erwiesen und
das an einem Punkt, an welchem Klugheit mir viel wert ge-
wesen ware.
Das Manuscript der Rezension erhalten Sie mit gleicher
Post. Auch an die „Neuen deutschen Blatter" geht eines ab.
Mir ist es allerdings unwahrscheinlich, daB es jetzt noch dort
erscheinen kann. Dagegen habe ich mich gefragt, ob jetzt
— da das Buch auf tschechisch erscheint — nicht vielleicht eine
Moglichkeit bestehen wiirde, meinen Artikel ins Tschechische
iibersetzen zu lassen. Stehen Sie in personlicher Verbindung
mit Ihrem Ubersetzer?
Wie es in diesem Jahr mit Danemark wird, davon habe ich
iiberhaupt noch kein Bild. Vor allem miiBte ich Ihre Disposi-
tionen wissen. Werden Sie im Sommer in Svendborg sein?
— Aber dazu kommt ein anderes: ich habe nach meinen
ersten pariser Wochen festgestellt, daB mein Buch — das
groBe, iiber das ich Ihnen einmal berichtete — so sehr weit es
auch noch von Textgestaltung entfernt sein mag, ihr immer-
hin viel naher ist als ich geglaubt hatte. Und ich habe ein
ausfuhrliches Expose dariiber geschrieben. Auf dessen Grand -
lage habe ich mich iiber eine Reihe von Dingen zu informie-
ren, und diese Informationen kann ich nur auf der Biblio-
theque Nationale erhalten. Ich muB also um jeden Preis
— und es ist verteufelt schwierig — versuchen, mich noch in
657
Paris zu halten. Schreiben Sie mir doch in jedem Fall Ihre
Plane von Ende Juli ab, falls Sie schon welche haben.
Die „Fiinf Schwierigkeiten beim Schreiben derWahrheit"1
haben die Trockenheit und daher die unbegrenzte Konser-
vierbarkeit durchaus klassischer Schriften. Sie sind in einer
Prosa geschrieben, die es im Deutschen noch nicht gegeben
hat. Domke2 hatte vor, Ihnen dariiber zu schreiben.
GriiBen Sie bitte Heli und die herzlichsten GriiBe fur Sie
Ihr Walter Benjamin
1 1954 illegal in: „Unsere Zeit".
2 Martin Domke, geboren 1892,. Rechtsanwalt in Berlin, spater in
Paris und Amerika, Lichtenberg-Sammler.
259 An Werner Kraft
Paris, 25. Mai 1935
Lieber Herr Kraft,
Ich habe habe Ihnen fur mehrere Briefe, und fur mehr als
fiir Briefe, zu danken.
Es hat mich bewegt, daB meine wenigen Andeutungen
Ihnen meine Lage so gegenwartig gemacht haben, daB Sie
trotz aller Schwierigkeiten der Ihrigen Ihre Gedanken ihr
zugewendet haben.
Und es wird Ihnen paradox erscheinen, daB ein Mann in
meiner Lage nicht jeder Moglichkeit, sei es die schattenhaf te-
ste, sei es die fernstliegende, nachgeht. Nun sind es ganz be-
sondere Griinde, die mich dahin fiihren, mit einem besonders
herzlichen Dank fiir Ihre Bereitschaft von dem Weg abzu-
sehen, welchen sie weist. Und diese Griinde setze ich Ihnen
auseinander, weil sie in das Zentrum meiner derzeitigen pro-
duktiven Situation fiihren, wobei ich freilich in Kauf neh-
men muB, das sie auch das meiner materiellen noch einmal
streifen.
Ich kann mir im Augenblick nicht davon Rechenschaft
geben, ob gelegentliche Andeutungen, gewiB von der unbe-
658
stimmtesten Art, Sie davon unterrichtet haben, daB ich seit
einer langen Reihe von Jahren im stillen einer Arbeit nach-
hing, die in einem begrenzten Gegenstand die Anschauun-
gen und Probleme zusammenfaBt, die sich in meinen Schrif-
ten verstreut finden. Es mag sein, daB diese Arbeit von mir
nie erwahnt wurde. Die Studienmasse, die ihr zugrunde liegt,
ist auBerordentlich umfanglich. Aber nicht das war der
Grund, der ihre produktive Durchdringung Jahre hinaus
hintanhielt. Und auch die wirtschaftlichen Schwierigkeiten
waren es nicht allein. Vielmehr haben sie mir eine Arbeits-
technik nahegelegt, die mir erlaubte, meinen Anteil an die-
sem Werk iiber die langsten Fristen hinweg lebendig zu
halt en.
Das satumische Tempo der Sache hatte seinen tiefsten
Grund in dem ProzeB einer vollkommenen Umwalzung, den
eine aus der weit zuriickliegenden Zeit meines unmittelbar
metaphysischen, ja theologischen Denkens stammende Ge-
danken- und Bildermasse durchmachen muBte, um mit ihrer
ganzen Kraft meine gegenwartige Verfassung zu nahren.
Dieser ProzeB ging im stillen vor sich; ich selber habe so
wenig von ihm gewuBt, daB ich ungeheuer erstaunt war, als
— einem auBerlichen AnstoB zufolge - der Plan des Werkes
vor kurzem in ganz wenigen Tagen niedergeschrieben wurde.
Ich bemerke hier, daB Scholem von derTatsache dieser Arbeit
weiB, sonst aber in Palastina niemand, und daB ich Sie bitte,
nach keiner Seite etwas von diesem Vorhaben verlauten zu
lassen. Sollte ich im Winter nach Palastina kommen, was im
Bereich der Moglichkeit liegt, so werden Sie Naheres davon
erfahren. Fur jetzt kann ich Ihnen nur eben den Titel nen-
nen, aus dem Sie ersehen, wie weit dieser gegenwartige, mei-
nen Gedankenhaushalt diktatorisch beherrschende Gegenstand
von der klassischen Tragodie Frankreichs abliegt1. Er heiBt
„Paris, die Hauptstadt des neunzehnten Jahrrmnderts".
So weit auch immer meine Studien vorgetrieben sind oder
eines Tages vorgetrieben sein mogen, so wird die eigentliche
Niederschrift der Arbeit wohl nur in Paris erfolgen konnen.
Da liegt die wirtschaftliche Bedrangnis: ich weiB nicht, wie
lange ich meinen Auf enthalt in Paris zu finanzieren imstande
659
bin. Jede episodische und gelegentliche Arbeit ware mir zu
diesem Zweck willkommen. Aber in solcher Richtung konnen
weder Sie noch ich [Charles] Du Bos meines Erachtens urn
Rat angehen. Und noch weniger konnte ich das Projekt der
erwahnten Arbeit selbst ihm verstandlich machen. Es liegt
- nicht himmel, aber erden - weit von seiner Gedankenwelt
ab. Das hindert allerdings nicht, daB mir eine Nachricht iiber
seinen derzeitigen Aufenthalt, ja — wenn er in Paris sein
sollte — Ihre Mitteilung des meinigen an ihn von groBer
Wichtigkeit ware. Der irgendwie forderlichen oder auch nur
angenehmen Kommunikationen mit Franzosen gibt es ja
weniger und weniger.
Es ist mir nicht iiberraschend gewesen, daB die Nouvelle
Revue Franchise den Bachofen nicht genommen hat. Es war
ein allzu billiges Wohlwollen einer dritten Stelle gewesen,
dem nachgebend ich wider eigene Einsicht den Weg dieses
Versuchs beschritten habe. Jetzt liegt die Arbeit beim Mer-
cure de France, nicht ich sondern die Redaktion der NRF hat
sie dort eingereicht.
Die unschone Form der ersten Halfte dieses Schreibens
bitte ich Sie zu entschuldigen. Ich habe es in einem dazu
wenig geeigneten Cafe bei Radiolarm begonnen. Nun aber
will ich Ihnen vor weiterem fur Ihre Zeitschriftensendung
Dank sagen. Die Corona habe ich, bis auf den Aufsatz von
Jiinger, durchgeseheri. Zu diesem hatte ich noch keine Zeit.
Wie immer oder fast immer hatte ich nur an dem Aufsatz
von Fritz Ernst2 Freude. Das Wort der Rahel nach Goethes
Tod, das er mitteilt, ist kaum vergleichlich. Weiter war mir
sehr wertvoll, die friihen Gluckwunschbriefe Kafkas an Brod
kennen zu lernen. Uber den Gesamteindruck derHuldigungs-
schrift3 haben Sie alles gesagt und Sie haben auch zu dem
Vorf all mit Klaus Mann das richtige Wort gef unden, dem ich
meinerseits die Sentenz nachschicke „denn fur dieses Leben
ist der Mensch nicht klug genug" 4.
Ich denke, daB ich Ihnen, wenn schon nicht mit gleicher
Post so demnachst, ein Exemplar meiner Rezension des Drei-
groschenromans werde schicken konnen. Im Aprilheft der
Miinzenbergschen Zeitschrift „Die neue Zeit", die in Prag
660
und Paris erscheint, steht von Brecht „Fiinf Schwierigkeiten
beim Schreiben. der Wahrheit" — ein klassisches Stuck und
die erste vollendete theoretische Prose, die ich von ihm kenne.
Die Frage des Aufenthaltes im Kriege, die Sie anschnei-
den, ist darum schwer zu beantworten, weil ich kaum damit
rechnen kann, in solchem Augenblick, wo man wahrschein-
lich ohnehin schon zu spat handelt, gewiB aber binnen weni-
gerStunden handeln muB, die auBere Moglichkeit zurDurch-
fiihrung des mir richtig Erscheinenden zu haben. Ich kenne
von meiner Nordlandreise her eine Gegend, wo das Leben
hart ist, wo man sich aber gesichert nicht nur vor kriegeri-
schen Aktionen sondern auch vor Hungersnot mit einigem
Recht fiihlen diirfte.5 Im europaischen oder mittelmeerischen
Zivilisationskreis hatte ich dies Gef iihl nirgends. .
Da wir bei der Politik stehen, so will ich immerhin ein-
fiigen, daB ich eben die Nachricht von dem ersten groBeren
Streik lese, der in Deutschland seit Marz 1933 bekannt ge-
worden ist. Es streiken in den Chemnitzer [. . .?]-werken
6000 Arbeiter.
Das Gedicht, das Sie dem letzten Brief beilegten, scheint
mir besonders rein zu klingen und einem wirklichen Gliick
der sprachlichen Erfiillung zu entstammen.6 Ich danke Ihnen
dafiir wie auch fiir die Moglichkeit, mich gelegentlich von
neuem mit dem „Stillen Herd" 7 zu beschaftigen.
1 Kraft hatte W. B. vorgeschlagen, ein Buch iiber dies Thema, als
Gegenstiick zu dem Trauerspielbuch, zu schreiben.
2 „Rahels Traum". Jetzt in „Essais" II, Zurich 1946, S. 211-227.
3 Zu Karl Kraus' 60. Geburtstag.
4 Aus der Dreigroschenoper.
5 W. B. dachte an die Lofoten. Sie wurden 1940 Kriegsschauplatz.
6 Garten am See. In: „Figur der Hoffnung" ; Heidelberg 1955.
7 Ein Manuskript Krafts.
661
260 An Theodor W. Adorno
Paris, 31.5. 1935
Lieber Herr Wiesengrund,
wenn diese Zeilen ein wenig auf sich haben warten lassen, so
bringen sie Ihnen, in Verbindung mit dem sie Begleitenden,
den vollkommensten AufschluB iiber meine Arbeit, iiber
meine innere und auBere Lage.
Ehe ich mit einigen kurzen Worten auf den Inhalt des
Exposes eingehe, beriihre ich die Rolle, die es in meiner Be-
ziehung zum Institut einnimmt. Dariiber ist schnell gespro-
chen. Denn sie beschrankt sich vorlaufig auf den Umstand,
daB den AnstoB zu seiner Abfassung ein Gesprach gab, das
ich Ende April mit Pollock hatte. DaB dieser AnstoB ein
auBerlicher und disparater war, ist selbstverstandlich. Gerade
darum aber war er imstande, in die groBe, so viele Jahre lang
vor jeder Einwirkung von drauBen sorgfaltig behiitete Masse
jene Erschiitterung zu bringen, die eine Kristallisation mog-
lich macht. Ich betone sehr, daB in diesem Umstand, der in
der gesamten Okonomie dieser Arbeit ein legitimer und
fruchtbarer ist, die Bedeutung auBerer und heterogener
Faktoren sich erschopft. Und dies zu betonen veranlassen
mich die Besorgnisse Ihres Briefes, die mir verstandlich und
Ausdruck einer freundschaftlichsten Teilnahme, auch - nach
so langer Unterbrechung unseres iiber Jahre sich ausdehnen-
den Gesprachs - als unvermeidlich anzusehen sind. Sie fanden
noch heute fruh einen treuen Widerhall in einem Brief, der
von Felizitas eintraf . [. . .]
Ich weiB, daB das die Sprache der wahrsten Freundschaft
ist, keiner geringern als der, die Sie zu Ihrer Formulierung
fuhrte, Sie wiirden es fur ein wahres Ungliick ansehen, wenn
Brecht auf diese Arbeit EinfluB gewinnen sollte. Lassen Sie
mich dazu das Folgende sagen:
Wenn ich meinen gracianischen Wahlspruch „Suche in
alien Dingen die Zeit auf Deine Seite zu bringen", je ins
Werk gesetzt habe, so denke ich in der Weise, in der ich es
mit dieser Arbeit gehalten habe. Da steht an ihrem Beginn
662
Aragon — der Paysan de Paris, von dem ich des abends im
Bett nie mehr als zwei bis drei Seiten lesen konnte, weil mein
Herzklopfen dann so stark wurde, daB ich das Buch aus der
Hand legen mufite. Welche Warnung! Welcher Hinweis auf
die Jahre und Jahre, die zwischen mich und solche Lektiire
gebracht werden mufiten. Und doch stammen die ersten Auf-
zeichnungen zu den Passagen aus jener Zeit. — Es kamen die
berliner Jahre, in denen der beste Teil meiner Freundschaft
mit Hessel sich in vielen Gesprachen aus dem Passagen-
projekt nahrte. Damals entstand der — heute nicht mehr in
Kraft stehende-Untertitel „Eine dialektischeFeerie". Dieser
Untertitel deutet den rhapsodischen Charakter der Darstel-
lung an, die mir damals vorschwebte und deren Relikte — wie
ich heute erkenne — formal und sprachlich keinerlei ausrei-
chende Garantien enthielten. Diese Epoche war aber auch die
eines unbekummert archaischen, naturbefangenen Philo-
sophierens. Es waren die frankfurter Gesprache mit Ihnen
und ganz besonders das „historische" im Schweizerhauschen,
danach das gewiB historische um den Tisch mit Ihnen, Asja,
Felizitas, Horkheimer, die das Ende dieser Epoche herauf-
fiihrten. Um die rhapsodische Naivitat war es geschehen.
Diese romantische Form war in einem raccourci der Ent-
wicklung uberholt worden, von einer andern aber hatte ich
damals und noch auf Jahre hinaus keinen Begriff. Im iibrigen
begannen in diesen Jahren die auBern Schwierigkeiten, wel-
che es mir geradezu als providentiell haben erscheinen lassen,
daB die innern mir eine abwartende, dilatorische Arbeitsweise
schon vorher nahe gelegt hatten. Es folgte die einschneidende
Begegnung mit Brecht und damit der Hohepunkt aller Apo-
rien fiir diese Arbeit, der ich mich doch auch jetzt nicht ent-
fremdete. Was aus dieser jiingsten Epoche fiir die Arbeit
Bedeutung gewinnen konnte — und es ist nicht gering - das
konnte allerdings keine Gestalt gewinnen, ehe nicht die
Grenzen dieser Bedeutung unzweifelhaft bei mir fest standen
und also „Direktiven" auch von dieser Seite ganz auBer
Betracht fielen.
Alles was ich hier andeute, wird gerade fiir Sie seinen
sinnfalligen Niederschlag im Expose haben, dem ich jetzt ein
663
paar Worte nachschicke. Das Expose, das in keinem Punkt
meine Konzeptionen verleugnet, ist natiirlich noch nicht in
alien ihr vollstandiges Aquivalent. Wie die abgeschlossene
Darstellung der erkenntnistheoretischen Grundlagen des Ba-
rockbuches ihrer Bewahrung im Material folgte, so wird das
auch hier der Fall sein. Damit will ich mich allerdings nicht
dafur verbiirgen, daB sie auch diesmal in der Form eines
besondern Kapitels erscheinen wird — sei es am SchluB, sei es
am Anfang. Diese Frage bleibt offen. Auf diese Grundlagen
selbst aber enthalt das Expose entscheidende Hinweise, die
am wenigsten Ihnen entgehen werden und in denen Sie Mo-
tive wiedererkennen werden, die Ihr letzter Brief anschlagt.
Weiterhin: sehr viel deutlicher als in jedem vorhergehenden
Stadium des Plans (ja, in mir iiberraschender Weise) treten
die Analogien des Buchs zu dem Barockbuch zu tage. Sie
mussen mir erlauben in diesem Umstand eine besonders be-
deutsame Bestatigung des Umschmelzungsprozesses zu sehen,
der die ganze, urspriinglich metaphysisch bewegte Gedanken-
masse einem Aggregatszustand entgegengefiihrt hat, in dem
die Welt der dialektischen Bilder gegen alle Einreden ge-
sichert ist, welche die Metaphysik provoziert.
In diesem Stadium der Sache (und freilich in diesem zum
ersten Mai) kann ich mit Gelassenheit dem entgegensehen,
was etwa von Seiten des orthodoxen Marxismus gegen die
Methode der Arbeit mobil gemacht werden mag. Ich glaube,
im Gegenteil, in der marxistischen Diskussion mit ihr a la
longue einen soliden Stand zu haben, sei es auch nur weil die
entscheidende Frage des geschichtlichen Bildes hier zum
ersten Male in aller Breite behandelt wird. Da nun die Philo-
sophic einer Arbeit nicht sowohl an die Terminologie als an
ihren Standort gebunden ist, so glaube ich schon, daB dieses
Expose das der „groBen philosophischen Arbeit" ist, von der
Felizitas spricht, wenn mir diese Bezeichnung auch nicht die
angelegentlichste ist. Mir geht es, wie Sie wissen, vor allem
um die „Urgeschichte des 19ten Jahrhunderts".
In dieser Arbeit sehe ich den eigentlichen, wenn nicht den
einzigen Grund, den Mut im Existenzkampf nicht aufzu-
geben. Schreiben kann ich sie — so viel ist mir heute und
664
unbeschadet der groBen sie fundierenden Masse von Vor-
arbeiten vollkommen klar - vom ersten bis zum letzten Wort
nur in Paris. Natiirlich, zunachst, einzig in deutscherSprache.
Mein Minimalverbrauch in Paris sind 1000 frs im Monat;
soviel hat mir Pollock im Mai zur Verfugung gestellt, soviel
soil ich nochmals fiir Juni erhalten. Aber soviel brauche ich
auf eine Weile, um weiter arbeiten zu konnen. Schwierigkei-
ten machen sich ohnehin genug bemerkbar; heftige Migrane-
anfalle halten mir oft genug meine prekare Daseinsart
gegenwartig. Ob und unter welchem Tit el das Institut an der
Arbeit sich interessieren kann, ob es unter Umstanden notig
ware, seinem Interesse Anhaltspunkte durch andere Arbeiten
zu geben — das werden Sie vielleicht im Gesprach mit Pollock
eher klaren konnen als ich. Ich bin zu jeder Arbeit bereit;
aber jede von irgendwelcher Bedeutung, insbesondere die
iiber Fuchs, wiirde verlangen, daB ich fiir die Dauer ihrer
Darstellung die Passagen zuriickstelle. (Der Arbeit iiber die
„Neue Zeit" wiirde ich im Augenblick nicht gern naher-
treten. Daruber gelegentlich.)
DaB die Arbeit „so wie sie eigentlich konzipiert M", vom
Institut herausgegeben werden konne, habe ich so wenig
angenommen, daB ich Pollock noch im April mundlich mei-
nerseits das Gegenteil davon versichert habe. Eine andere
Frage ist es jedoch wieweit die neuen und eingreifenden
soziologischen Perspektiven, die den gesicherten Rahmen der
interpretativen Verspannungen hergeben, einen Anteil des
Instituts an dieser Arbeit begriinden konnen, die ohne ihn
weder so noch anders Wirklichkeit werden wiirde. Denn eine
Distanz, die im gegenwartigen Stadium sich zwischen Ent-
wurf und Gestaltung einschieben wiirde, ware wahrscheinlich
mit einschneidenden Gefahren fiir jede spatere Darstellung
verbunden. Der Rahmenentwurf dagegen enthalt zwar langst
nicht an alien Stellen, aber doch an den mir entscheidenden,
diejenigen philosophischen Begriffsbestimmungen, die jene
fundieren. Wenn gerade Sie manches Stichwort vermissen
werden — den Pliisch, die Langeweile, die Bestimmung der
„Phantasmagorie" - so sind gerade das Motive, denen ich
nur ihren Ort zu geben hatte; ihre Gestaltung, die bei mir
665
teilweise sehr weit gediehen ist, gehorte in dieses Expose*
nicht hinein. Dieses viel weniger aus Griinden seiner auBern
Zweckbestimmung als seiner innern: es hatte die alten, mir
gesicherten Bestande mit den neuen zu durchdringen, die ich
mir im Lauf e der Jahre erworben habe.
Den Entwurf, den Sie erhalten, bitte ich Sie ausnahmslos
niemandem zu zeigen und mir alsbald zuriickzuschicken. Er
dient nur meinen eigenen Studien. Ein anderer, der in Kur-
zem fertiggestellt sein wird, und zwar in mehreren Exem-
plaren, wird Ihnen spater zugehen.
San Remo diirfte als Ort einer Begegnung fiir uns dieses
Jahr wohl nicht in Betracht kommen. Konnen Sie nicht ein-
richten, den Weg von Oxford nach Berlin iiber Paris zu
nehmen? Erwagen Sie das doch bitte eingehend!
Sowohl Lotte Lenja wie Max Ernst wiirde ich gem sehen.
Konnen Sie etwas veranlassen, so sind Sie meiner Zustim-
mung sicher.
Ich hbre mit Freude, daft die Textgestaltung Ihrer Arbeit 1
absehbar geworden ist. Um Naheres von ihr zu erfahren,
muB ich wohl auf unsere Aussprache warten?
Nehmen Sie meine herzlichsten GriiBe!
Ihr Walter Benjamin
1 Das erst 1956, unter dem Titel „Zur Metakritik der Erkenntnis-
theorie", erschienene Buch.
261 An Max Horkheimer
Paris, 10. Juli 1935
Lieber Herr Horkheimer,
ich war langst ungeduldig, Ihnen das mit gleicher Post ab-
gehende Expose zu schicken. Sie werden zwar von Herrn
Pollock einige Andeutungen dariiber erhalten haben, aber
ich konnte es infolge seiner verfruhten Abreise nicht, wie es
unsere Absicht war, mit ihm durchgehen.
666
Ich fiige hinzu, daB ich auf Herrn Pollocks Veranlassung
gleichzeitig ein Exemplar meiner Studien zu dieser Arbeit
in Photocopie habe anfertigen lassen. Es ist an einem sichern
Ort hinterlegt und stent Ihnen jederzeit zur Verfugung.
Dem Expose selbst mochte ich zunachst sachlich nichts
hinzufiigen. Seit Mitte Mai arbeite ich aufs intensivste auf
der Bibliotheque nationale und dem Cabinet des Estampes an
dem AbschluB meiner Dokumentation. Dank der Erleichte-
rung meiner Lage in den letzten Monaten, die ich Ihnen und
Herrn Pollock verdanke, ist es mir gelungen, diese Dokumen-
tation dem AbschluB sehr erheblich zu nahern.
Ich werde freilich gegen Anfang August, wenn ich keine
andern Weisungen von Ihnen erhalte, das Buch wieder
zuriickstellen, um den Aufsatz iiber Fuchs zu schreiben. Bei
meinem letzten Zusammensein mit ihm habe ich mir vieler-
lei Interessantes aus seinen Anfangen unter dem Sozialisten-
gesetz erzahlen lassen. Im Interesse dieses Aufsatzes wie
meines Buches will ich versuchen, mich so lange wie moglich
in Paris zu behaupten.
Im letzten Heft der Zeitschrift habe ich zu meiner Freude
Ihren Aufsatz iiber die philosophische Anthropologie * gef un-
den. Unter seinen mehrfach entscheidenden Formulierungen
hat mir den groBten Eindruck die iiber den Zusammenhang
von egoistischer Triebstruktur mit dem Bediirfnis metaphy-
sischer Sicherung gemacht. [. . .]
Ich hore von Frau Favez2, daB Sie im Begriff sind, New
York fur eine Weile zu verlassen, wenn Sie es nicht schon
getan haben. Ich wiinsche Ihnen eine recht nachhaltige Er-
holung.
Mit herzlichen GruBen Ihr Walter Benjamin
1 Max Horkheimer: Bemerkungen zur philosophischen Anthropologie,
in: „Zeitschrift fur Sozialforschung" 4 (1935), S. 1-25.
2 Sekretarin des Instituts fur Sozialforschung in Genf.
667
262 An Alfred Cohn
Paris, 18. Juli 1955
Lieber Alfred,
wenn ich Dir fast postwendend auf Deinen Brief vom 12ten
antworte, so vor allem, weil ich mit der sehr herzlichen Er-
widerung Deiner Geburtstagswiinsche nicht allzusehr mich
von dem Tag entfernen mbchte, dem sie bestimmt sind.
Schreibe mir doch, ob mir der 21te richtig vorschwebt oder,
wenn nicht, an welchem Tage Ihr ihn gefeiert habt.
Von einer Feier konnte bei mir wohl die Rede nicht sein.
Desto zufriedener war ich, daB er in eine Reihe von Tagen
fiel, die mir die langentbehrte Annehmlichkeit einer Woh-
nung brachten. Meine Schwester ist seit kurzem verreist — sie
ist auf Mallorca - und hat mir fur die Wochen ihrer Ab-
wesenheit ihre Wohnung eingeraumt. Damit bin ich bei der
Stelle Deines Briefes, die ein Geburtstagsgeschenk in seiner
schonsten Gestalt enthalt: ich meine Eure Einladung in das
freistehende Zimmer. Wenn ich sie fur den Augenblick nicht
gut annehmen kann, einerseits weil ich meiner Schwester zu-
gesagt habe, die Wohnung nicht leerstehen zu lassen, ande-
rerseits weil ich gerade jetzt die Arbeiten auf der Bibliotheque
Nationale nicht unterbrechen kann, so will ich Dir doch mit
mehr als dem herzlichen Dank, der auch Grete gilt, antwor-
ten. Ich will es in Gestalt der Frage, ob Du glaubst, daB eine
Moglichkeit, Euch zu besuchen, etwa noch gegen die zweite
Septemberhalfte bestehen konnte. DaB Du die Frage jetzt
kaum mit Bestimmtheit wirst beantworten konnen, ist mir
klar. Immerhin sollst Du wissen, daB um diese Zeit wohl die
Moglichkeit zu Euch nach Barcelona zu kommen bei mir
bestehen wiirde und ich brauche Dir nicht zu sagen, wie gern
ich es tate.
Bis dahin werde ich, wie ich hoffe, diejenigen Studien, fur
die ich an die Bibliothek gebunden bin, im GroBen und Gan-
zen zuende gefiihrt haben. Ich habe mir jetzt, da es dem Ab-
schluB zugeht, noch zwei Arbeitsfelder eroffnet. Das eine ist
das Cabinet des estampes, in dem ich die Anschauungen von
668
Gegenstanden und Verhaltnissen, die ich mir aus Biicliem
gebildet habe, an Bildern zu kontrollieren suche und das
andere der Enfer der Bibliothek1, fur die [sic] das Recht auf
Benutzung erwirkt zu haben einer der wenigen Erfolge ist,
die ich auf dies em Bo den fur mich verzeichnen kann. Es ist
aufierordentlich schwer zu erhalten.
Es ware freilich fur mich ein groBes Vergniigen, Dir von
der Arbeit zu erzahlen. DaB ich vor einigen Wochen den
ersten zusammenfassenden Entwurf zu ihr geschrieben habe,
werde ich Dir berichtet haben. Dazu habe ich meine Studien,
um sie zu sichern, photographieren lassen. Meinen literari-
schen Kollegen, selbst Freunden, gegenuber lasse ich dagegen
nichts von dieser Arbeit verlauten; nichts Naheres. Sie ist in
einem Stadium, in dem sie alien denkbaren Unbilden, nicht
zum wenigsten den[en] des Diebstahls, besonders ausgesetzt
ware. DaB mich Blochs „Hieroglyphen des 19ten Jahrhun-
derts"2 etwas scheu gemacht haben, wirst Du begreifen.
Im iibrigen hat meine Aussprache mit ihm nun stattgefun-
den. Und wenn ich vor der schwierigen Auf gabe stand, unsere
Beziehungen aus der kritischen Verfassung der letzten Jahre
herauszufiihren ohne ihn im Unklaren iiber meine wesent-
lich negative und sehr negative Stellung zu seinem letzten
Buch zu lassen, so kann ich — unberechenbare verspatete Re-
aktionen auf seiner Seite vorbehalten — hoffen, diese Auf-
gabe gelost zu haben. Das erforderte natiirlich eine groBe
Loyalitat auch von seiner Seite und ich freue mich, dafi ich
auf sie gestoBen bin.
Es ist schon von Dir, daB Du an meine „ Brief e" und vor
allem an die „Berliner Kindheit um neunzehnhundert"
denkst.. Aber damit ist es traurig bestellt. Die verschiedenen
„Interessenten", die der Teufel holen soil, haben nichts wei-
ter zustande gebracht, als mich aller Exemplare zu berauben.
Mir verbleibt gerade das meinige, das abschreiben zu lassen
ich kein Geld habe.
Ich meine, Dir nicht geschrieben zu haben, seit'hier der
KongreB der antifaszistischen Schriftsteller „zur Rettung.
derKultur" stattfand. Bei dieser Gelegenheit war auchBrecht
hier und diese Begegnung war, wie Du Dir denken wirst,
669
fur mich das erfreulichste - fast das einzig erfreuliche -
Element der Veranstaltung. Brecht selber ist weit besser auf
seine Kosten gekommen ; kein Wunder, da er seit Jahren mit
dem Plan eines groBen satirischen Romans iiber die Intellek-
tuellen 3 umgeht. Unbestreitbar interessant war mir die ein-
gehende physiognpmische Bekanntschaft, die man mit ein-
zelhen Schriftstellern machen konnte. Allen voran Gide, des-
sen habitus auf dem KongreB nicht nur im Reden sondern
genau so im Schweigen die Bewunderung aller aufmerk-
samen Beobachter war. Aber auch Figuren wie diesen [Al-
fred] Kantorowi[c]z, den Du so richtig identifizierst, konnte
man in MuBe studieren.
Mich fesselt sehr, was Du iiber Rosenzweig schreibst. DaB
das eine sehr bemerkenswerte Erscheinung war, steht ja fest.
Die Brief e4 sind mir noch nicht in die Hand gekommen, aber
ich werde mir das Buch merken. Einen Vorbehalt will ich zu
dem machen, was Du in diesem Zusammenhang iiber Buber
sagst. Es ist nicht das wenigst merkwiirdige an meinem Ver-
haltnis zu Rosenzweig — dessen „Stern der Erldsung" mich
seinerzeit sehr beschaft[igt] hat und von dem ich von Scho-
lem oft gehort habe - daB seine Freundschaft mit Buber
meiner ungemein tief wurzelnden Abneigung gegen diesen
letzten niemals hat Abbruch tun konnen. Vielleicht fallt es
uns doch einmal ein, iiber diese Dinge miteinander zureden.
Ich begliickwiinsche Dich zu einem Freund. Es hat seit
Ibiza fur mich keine eingreifende Bekanntschaft mehr ge-
geben, selten gibt es unter den neuen eine erfreuliche wie es
unlangst die von John Heartfield 5 war, mit dem ich ein wirk-
lich schones Gesprach iiber Photographie hatte. Noch weniger
kann ich von neuer Lektiire berichten, da meine Lesestunden
ausschliefilich den Materialien zur Passagenarbeit zugute
kommen. Eine Ausnahme machte ich nur f iir den Roman von
Bredel „Die Priifung", den mir der Malikverlag zusandte.
Dieses Buch ist bestimmt lesenswert. Die Frage, warum der
Verfasser in seiner Darstellung eines Konzentrationslagers es
zu keinem restlosen Gelingen gebracht hat, legt lehrreiche
Uberlegungen nahe.
Mir bleibt noch ubrig, Dir einen recht baldigen und vor
670
allem recht stetigen Erfolg in Deiner Tatigkeit zu wiinschen,
Grete, deren GrliBe ich herzlich erwidere, den Kindern und
Dir eine gute Gesundheit und uns alien Kurage.
Herzlichst Dein Walter
1 Magazin der BN, in dem „schliipfrige" Biicher aufbewahrt werden.
2 „Erbschaft dieser Zeit", 1935, Seite 288 ff.
3 Der sogenannte Tui-Roman.
4 Franz Rosenzweig, „Briefe", 1935.
5 Dem Bruder von Wieland Herzfelde.
263 Theodor W . Adorno an Benjamin
Hornberg i. Schwarzwald, 2. August 1935
Lieber Herr Benjamin,
lassen Sie mich heute, endlich, versuchen, Ihnen einiges zu
dem Expose zu sagen, das ich aufs eingehendste studiert und
nochmals mit Felizitas durchgesprochen habe, die denn auch
an meiner Antwort voll mitbeteiligt ist. Es scheint mir der
Wichtigkeit des Gegenstandes — die ich, wie Sie wissen, aufs
hochste einsetze — angemessen, wenn ich in voller Aufrichtig-
keit spreche und ohne Praambeln an die zentralen Fragen
herangehe, die ich ja als fur uns beide in gleichem Sinne
zentral betrachten darf — nicht aber ohne der kritischen Dis-
kussion vorauszuschicken, daB mir bereits das Expose, so
wenig gerade bei Ihrer Arbeitsweise Umrifi und „Gedanken-
gang'* eine zureichende Vorstellung vermitteln konnen, der
wichtigsten Konzeptionen voll zu sein scheint, von denen ich
nur die groBartige Stelle iiber Wohnen als Spuren hinter-
lassen, die entscheidenden Satze iiber den Sammler und die
Befreiung der Dinge vom Fluch niitzlich zu sein [. . .] hervor-
heben mochte. Ebenso scheint mir der Entwurf des Baude-
lairekapitels als Deutung des Dichters und die Einfuhrung
der Kategorie der nouveaute S. 418 l voll gelungen.
Sie werden danach erraten, was Sie ohnehin kaum anders
671
erwartet haben, dafi es sich mir namlich wiederum urn den
Komplex handelt, der durch die Stichworter Urgeschichte des
neunzehnten Jahrhunderts, dialektisches Bild, Konfiguration
von Mythos und Moderne bezeichnet wird. Wenn ich dabei
von einer Scheidung in „materiale" und „erkenntnistheore-
tische" Frage absehe, so diirfte das, wenn schon nicht mit der
AuBendisposition des Exposes, so doch jedenfalls mit der
philosophischen Kernmasse korrespondieren, in deren Bewe-
gung ja eben gleichwie in den beiden tradierten neueren Ent-
wiirfen von Dialektik jene Entgegensetzung verschwinden
soil. Lassen Sie mich zum Ausgang nehmen das Motto auf
S. 408: Chaque epoque reve la suivante, das mir insofern ein
wichtiges Instrument scheint, als um den Satz alle jene Mo-
tive derTheorie des dialektischenBildes sich ankristallisieren,
die mir grundsatzlich der Kritik zu unterliegen scheinen, und
zwar als undialektisch ; so, daB mit der Eliminierung jenes
Satzes eine Bereinigung der Theorie selbst gelingen konne.
Denn er impliziert dreierlei : die Auff assung des dialektischen
Bildes als eines — ob auch kollektiven — BewuBtseinsinhaltes ;
seine geradlinige, fast mochte ich sagen: entwicklungs-
geschichtliche Bezogenheit auf Zukunft als Utopie; die Kon-
zeption der „Epoche" als eben des zugehorigen und in sich
einigen Subjekts zu jenem BewuBtseinsinhalt. Es diinkt mir
nun hochst belangvoll, daB mit dieser Fassung des dialek-
tischen Bildes, die eine immanente heiBen darf, nicht bloB
die Ursprungsgewalt des Begriffes, die eine theologische war,
bedroht ist, und eine Simplifizierung eintritt, die hier nicht
die subjektive Nuance, sondern den Wahrheitsgehalt selber
angreift - sondern eben damit auch gerade jene gesellschaft-
liche Bewegung im Widerspruch verfehlt wird, um deret-
willen Sie das Opf er der Theologie bringen.
Wenn Sie das dialektische Bild als „Traum" ins BewuBt-
sein verlegen, so ist damit nicht bloB der Begriff entzaubert
und umganglich geworden, sondern hat eben damit auch jene
objektive Schlusselgewalt eingebiiBt, die gerade materiali-
stisch ihn legitimieren konnte. DerFetischcharakter der Ware
ist keine Tatsache des BewuBtseins, sondern dialektisch in
dem eminenten Sinne, daB er BewuBtsein produziert. Das
672
besagt aber, dafl das BewuBtsein oder UnbewuBtsein ihn
nicht einfach als Traum abzubilden vermag, sondern mit
Wunsch und Angst gleichermaBen ihn beantwortet. Durch
den sit venia verbo Abbild-Realismus der jetzigen immanen-
ten Fassung des dialektischen Bildes geht aber gerade jene
dialektische Macht des Fetischcharakters verloren. Um auf
die Sprache des glorreichen ersten Passagenentwurfes zu
rekurrieren: wenn das dialektische Bild nichts ist als die
Auffassungsweise des Fetischcharakters im KollektivbewuBt-
sein, so mag sich zwar die Saint Simonistische Konzeption der
Warenwelt als Utopie, nicht aber deren Kehrseite enthul-
len, namlich das dialektische Bild des neunzehnten Jahrhun-
derts als Holle. Nur diese aber vermbchte das Bild des
goldenen Zeitalters an die rechte Stelle zu bringen und
gerade einer Interpretation Offenbaehs konnte dieser Doppel-
sinn sich hochst schliissig herausstellen : namlich der von
Unterwelt und Arkadien — beides sind explizite Kategorien
Offenbaehs und bis in Details der Instrumentation herein zu
verfolgen. So scheint mir die Aufgabe der Hollenkategorie
des Entwurfes und zumal der genialen Stelle iiber den Spie-
ler — fur die die Stelle iiber Spekulation und Glucksspiel
keinen Ersatz bietet — nicht nur eine EinbuBe an Glanz,
sondern auch an dialektischer Stimmigkeit. Nun verkenne ich
am letzten die Relevanz der BewuBtseinsimmanenz furs
neunzehnte Jahrhundert. Aber nicht kann aus ihr der BegrifE
des dialektischen Bildes gewonnen werden, sondern BewuBt-
seinsimmanenz selber ist, als „Interieur" das dialektische Bild
furs neunzehnte Jahrhundert als Entfremdung; darin muB
ich den Einsatz des zweiten Kierkegaardkapitels 2 auch beim
neuen jeu stehen lassen. Nicht also ware danach das dialek-
tische Bild als Traum ins BewuBtsein zu verlegen, sondern
durch die dialektische Konstruktion ware der Traum zu ent-
auBern und die BewuBtseinsimmanenz selber als eine Kon-
stellation des Wirklichen zu verstehen. Gleichsam als die
astronomische Phase, in welcher die Holle durch die Mensch-
heit hindurchwandert. Erst die Sternkarte solcher Wander-
schaft vermochte, so scheint mir, den Blick auf die Geschichte
als Urgeschichte freizugeben. - Lassen Sie mich den Einwand,
673
genau den gleichen, vom extremen Gegenpunkt aus nochmals
zu formulieren suchen. Im Sinne der Immanenzfassung des
dialektischen Bildes (der ich, um das positive Wort zu nennen,
Ihren friiheren ModellbegriK kontrastieren mochte) kon-
struieren Sie das Verhaltnis des Altesten und Neuesten, das
ja schon im ersten Entwurf zentral stand, als eines der uto-
pischen Bezugnahme auf „klassenlose Gesellschaf t" . Damit
wird das Archaische zu einem komplementar Hinzugefiigten
anstatt das „Neueste" selber zu sein; ist also entdialektisiert.
Zugleich aber wird, ebenfalls undialektisch, das klassenlose
Bild in den Mythos zuriickdatiert anstatt hier wahrhaft als
Hbllenphantasmagorie transparent zu werden. So scheint mir
denn die Kategorie unter welcher die Archaik in der Moderne
aufgeht weit weniger das goldene Zeitalter als die Rata-
strophe. Ich habe einmal notiert, das Jungstvergangene stelle
allemal sich dar als ob es durch Katastrophen vernichtet sei.
Hie et nunc wiirde ich sagen: damit aber als Urgeschichte.
Und gerade hier weifi ich mich mit der kiihnsten Stelle des
Trauerspielbuches in Ubereinstimmung.
Wenn die Entzauberung des dialektischen Bildes als
„Traum" es psychologisiert, so verfallt sie aber ebendadurch
dem Zauber der biirgerlichen Psychologie. Denn wer ist das
Subjekt zum Traum? Im neunzehnten Jahrhundert gewiB
nur das Individuum; aus dessen Traumen aber weder der
Fetischcharakter noch dessen Monumente unmittelbar ab-
bildlich gelesen werden konnen. Daher wird denn das Kol-
lektivbewuBtsein hergeholt, von dem ich freilich bei der
gegenwartigen Fassung furchte, daB es vom Jungschen sich
nicht abheben laBt. Der Kritik ist es von beiden Seiten offen:
vom gesellschaftlichen ProzeB her, indem es archaische Bilder
dort hypostasiert, wo dialektische durch den Warencharakter,
nur eben nicht in einem archaischen Kollektivich, sondern in
den burgerlich entfremdeten Individuen produziert werden;
von der Psychologie aus, indem, wie Horkheimer sagt, das
Massenich nur bei Erdbeben und Massenkatastrophen exi-
stiert, wahrend sonst der objektive Mehrwert gerade in
Einzelsubjekten und gegen sie sich durchsetzt. Das Kollektiv-
bewuBtsein wurde nur erfunden um von der wahren Objek-
674
tivitat und ihrem Korrelat, namlich der entfremdeten Sub-
jektivitat abzulenken. An uns ist es, dies „BewuBtsein" nach
Gesellschaft und Einzelnem dialektisch zu polarisieren und
aufzulosen und nicht es als bildliches Korrelat des Waren-
charakters zu galvanisieren. DaB im traumenden Kollektiv
keine Differenzen fur die Klassen bleiben, spricht deutlich
und warnend genug.
Die mythisch-archaische Kategorie des „goldenen Zeit-
alters" aber hat endlich — und das scheint mir gerade gesell-
schaftlich entscheidend — audi verhangnisvolle Konsequenzen
fiir die Warenkategorie selber. Wird am goldenen Zeitalter
die entscheidende „Zweideutigkeit" (ein Begriff iibrigens,
der selber der Theorie hochst bediirftig ist und keiriesfalls
bloB stehen bleiben darf), namlich die zur Holle, unterschla-
gen, so wird dafiir die Ware als die Substanz des Zeitalters
zur Hblle schlechthin und in einer Weise negiert, welche in
der Tat die Unmittelbarkeit des Urzustandes als Wahrheit
mochte erscheinen lassen: so. fiihrt die Entzauberung des
dialektischen Bildes geradeswegs in ungebrochen mythisches
Denken und wie dort Jung so meldet hier Klages als Gefahr
sich an. Nirgends aber bringt der Entwurf mehr an Remedien
mit als gerade an dieser Stelle. Hier ware der zentrale Ort der
Lehre vom Sammler, der die Dinge vom Fluch niitzlich zu
sein befreit; hierhin gehort audi, wenn ich recht verstehe,
Haussmann, dessen KlassenbewuBtsein gerade durch die
Vollendung des Warencharakters in einemHegelschenSelbst-
bewuBtsein die Sprengung der Phantasmagorie inauguriert.
Die Ware als dialektisches Bild verstehen, heiBt eben auch
sie als Motiv ihres Unterganges und ihrer „Aufhebung" an-
statt der bloBen Regression aufs Altere zu verstehen. Ware
ist einerseits das Entfremdete, an dem der Gebrauchswert
abstirbt, andererseits aber das Uberlebende, das fremd gewor-
den die Unmittelbarkeit ubersteht. An den Waren und nicht
fiir die Menschen haben wir das Versprechen der Unsterblich-
keit und der Fetisch ist — um die von Ihnen mit Recht
statuierte Beziehung zum Barockbuch weiterzutreiben - furs
neunzehnte Jahrhundert ein treulos letztes Bild wie nur der
Totenkopf. An dieser Stelle scheint mir der entscheidende
675
Erkenntnischarakter Kafkas, insbesondere des Odradek als
der nutzlos iiberlebenden Ware zu liegen: in diesem Marchen
mag der Surrealismus sein Ende haben wie das Trauerspiel
im Hamlet. Innergesellschaftlich sagt das aber, daB der bloBe
Begriff des Gebrauchswertes keinesfalls geniigt, den Waren-
charakter zu kritisieren, sondern nur aufs vorarbeitsteilige
Stadium zurucklenkt. Das war stets mein eigentlicher Vor-
behalt gegen Berta3 und ihr „Kollektiv" sowohl wie ihr un-
mittelbarer Funktionsbegriff sind mir darum stets suspekt
gewesen, namlich selber als „Regression". Vielleicht sehen
Sie aus dieser Uberlegung, deren sachlicher Gehalt genau die
Kategorien triff t, die im Expose Berta gemafi sein mogen,
daB mein Widerstand gegen diese nicht insulare Rettungs-
versuche fiir autonome Kunst oder irgend Ahnliches sind,
sondern mit jenen Motiven unserer philosophischen Freund-
schaft aufs tief ste kommunizieren, die mir die ursprunglichen
diinken. Wenn ich mit einem gewagten Griff den Bogen
meiner Kritik zusammenf assen diirfte, so miiBte er, und wie
konnte es anders sein, um die Extreme sich schlieBen. Eine
Restitution der Theologie oder lieber eine Radikalisierung
der Dialektik bis in den theologischen Glutkern hinein miiBte
zugleich eine auBerste Scharfung des gesellschaftlich-dialek-
tischen, ja des okonomischen Motivs bedeuten. Das ware
zumal audi historisch zu nehmen. Der fiirs neunzehnte Jahr-
hundert spezifische Warencharakter d. h. die industrielle
Warenproduktion miiBte material weit scharfer herausgear-
beitet werden, da es ja seit dem beginnenden Kapitalismus,
d. h. dem Manufakturzeit alter, eben dem Barock, Waren-
charakter und Entfremdung gibt — wie denh andererseits die
„Einheit" der Moderne seitdem eben im Warencharakter
liegt. Erst eine genaue Bestimmung der ihdustriellen War en -
form als einer historisch von den alteren scharf abgehobenen
konnte aber die „Urgeschichte" und Ontologie des neunzehn-
ten Jahrhunderts voll lief em; alle Beziehungen auf die
Warenform „als solche" verliehen dieser Urgeschichte einen
gewissen Charakter des Metaphorischen, der in diesem Ernst-
fall nicht geduldet werden kann. Ich mochte vermuten, daB,
wenn Sie sich hier Ihrer Verfahrungsweise, der blinden
676
Materialarbeit, ganz iiberlassen, die groBten Interpretations -
ergebnisse zu erzielen sind. Wenn meine Kritik sich dem-
gegeniiber in einer gewissen theoretischen Abstraktionssphare
bewegt, so ist das gewiB eine Not, aber ich weiB, daB Sie diese
Not nicht als eine von „ Weltanschauung" betrachten und
damit meine Vorbehalte beseitigen wer,den.
Immerhin erlauben Sie mir noch einige konkretere Einzel-
bemerkungen, die freilich nur vor jenem theoretischen Hin-
tergrund etwas bedeuten mogen. Zum Titel mochte ich
vorschlagen: Paris Hauptstadt des neunzehnten Jahrhundert;
nicht „die Hauptstadt" — falls nicht doch mit der Holle der
Passagentitel auferstehen sollte. Die Kapiteleinteilung nach
Mannern scheint mir nicht ganz gliicklich; von ihr geht ein
gewisser Zwang zur systematischen AuBenarchitektur aus,
der mir nicht recht behagen will. Gab es da nicht friiher
Abschnitte nach Materialien wie „Plusch", „Staub" usw.?
Gerade die Beziehung Fourier — Passage will nicht recht ein-
leuchten. Ich konnte mir als die geeignete Anordnung hier
eine Konstellation der verschiedenen stadtischen und Waren-
materialien denken, die sich in den spateren Teilen als das
dialektische Bild und dessen Theorie zugleich dechiffriert. -
Im Motto S. 406 gibt das Wort portique sehr schon das Motiv
von „Antike"; vielleicht ware zum Neuen als Altesten hier
eine Formenlehre des Empire elementar abzuhandeln (wie
imBarockbuch etwa dieMelencholia). Auf S. 407 ware jeden-
falls die Auffassung vom Staat als Selbstzweck im Empire
als bloBe Ideologie voll durchsichtig zu machen, als welche sie
ja nach der Fortsetzung wohl von Ihnen gedacht wird. Ganz
unerhellt steht hier der Begriff der Konstruktion, der, als
Materialentfremdung und Materialbeherrschung, bereits emi-
nent dialektisch und nach meinem Dafiirhalten auch sogleich
dialektisch zu exponieren ist (scharfe Grenze zum gegenwar-
tigen Konstruktionsbegriff ; wahrscheinlich bietet der sehr ins
19. Jahrhundert fallende Terminus ingenieur die Hand-
haben!). Der Begriff des kollektiven UnbewuBten, der hier
auftritt und zu dem ich prinzipiell schon einiges sagte, ist
iibrigens in seiner Einfuhrung und Exposition nicht ganz
durchsichtig. - Zu S. 407 mochte ich fragen, ob GuBeisen
677
wirklichder erstekiinstlicheBaustoff ist (Ziegelsteine!); iiber -
haupt ist mir beim „Ersten" manchmal nicht recht wohl.
Vielleicht liefie sich hier komplementar formulieren: Jede
Epoche traumt sich als durch Katastrophen vernichtete. —
S. 408. Die Formel da£ „das Neue sich mit dem Alten durch-
dringt" ist mir hbchst bedenklich im Sinne meiner Kritik am
dialektischen Bild als einer Regression. Nicht wird darin auf s
Alte zuriickgegriffen, sondern das Neueste ist, als Schein und
Phantasmagoric, selber das Alte. Hier darf ich vielleicht ohne
Zudringlichkeit an einige Formulierungen, auch iiber Zwei-
deutigkeit, im Interieurabschnitt des Kierkegaard erinnern.
Noch mochte ich hier erganzen: dialektische Bilder sind als
Modelle keine gesellschaftlichen Produkte, sondern objektive
Konstellationen, in denen der gesellschaftliche Zustand sich
selbst darstellt. Infolgedessen kann dem dialektischen Bild
niemals eine ideologische oder iiberhaupt soziale „Leistung"
zugemutet werden. Mein Einwand gegen den bloB negativen
Ansatz der Verdinglichung - die Kritik am „Klages" des
Entwurfes — stiitzt sich hauptsachlich auf die Stelle iiber die
Maschine auf S. 408. DieUberbewertung der Maschinentech-
nik und der Maschine als solcher ist stets biirgerlich retrospek-
tiven Theorien eigentumlich gewesen: es werden damit die
Produktionsverhaltnisse durch abstraktenRekurs auf die Pro-
duktionsmittel iiberdeckt. — Zu 409 f. gehort der Hegelsche,
von Georg Lukacs und anderen seitdem aufgenommene und
sehr wichtige Begriff der zweiten Natur. Der diable a Paris
kbnnte wohl in die Holle geleiten. - Zu 410: daB der Arbeiter
„zum letzten Mai" aufierhalb seiner Klasse als Staffage usf .
erscheine, mochte ich sehr bezweifeln. — Die Idee einer Urge-
schichte des Feuilletons, zu der Ihr Kraus soviel enthalt, ist
hochst bestechend; hier ware auch Heines Standort. Mir fallt
dazu ein alter Ausdruck der Journalistensprache ein: „Scha-
blonstil'*, dessen Ursprung wohl nachzugehen ware. Der
Terminus Lebensgef iihl ist, als einer der Kultur- oder Geistes-
geschichte, sehr anriichig. - Die glaubige Hinnahme des
Urerscheinens der Technik scheint mir mit der Uberwertung
des Archaischen als solchem zusammenzuhangen. Ich notierte
die Formel: Mythos ist nicht die klassenlose Sehnsucht der
678
wahren Gesellschaft, sondern der objektive Charakter der
entfremdeten Ware selber. - S. 411. Die Konzeption der Ge-
schichte der Malerei im 19. Jahrhundert als Flucht vor der
Photographie (der eine der Musik als Flucht vorm „Banalen"
iibrigens streng korrespondiert) ist sehr groBartig aber auch
undialektisch d. h. der Anteil der in die Warenform nicht
eingehenden Produktivkrafte an den malerischen Funden ist
so nicht konkret, sondern bloB im Negativ der Spur zu fassen
(der prazise Ort dieser Dialektik ist wahrscheinlich Manet).
Das scheint mir mit der mythologisierenden oder archaisti-
schen Tendenz des Exposes zusammenzuhangen. Die maleri-
schen Funde werden als vergangene gewissermaBen zu ge-
schichtsphilosophischen Fixsternbildem, aus denen der Anteil
der Produktivkraft entwichen ist. Unterm undialektisch
mythischen Blick, dem der Meduse, entweicht der subjektive
Anteil der Dialektik. - Das goldene Zeitalter von S. 412 ist
vielleicht der wahre Ubergang zur Holle. — Die Beziehung
der Weltausstellungen auf die Arbeit erschaft will mir nicht
einleuchten und wirkt als Konjektur; sie ist sicher nur mit
groBter Vorsicht zu behaupten. — Zu 412 f. gehort natiirlich
eine groBe Definition und Theorie der Phantasmagoric —
S. 415 war mir ein Mene Tekel. Ich erinnere mich mit Feli-
zitas des uberwaltigenden Eindruckes, den uns seinerzeit das
Saturnzitat machte; das Zitat hat die Ernlichterung nicht
iiberstanden. Nicht miiBte der Saturnring zum guBeisernen
Balkon werden, sondern dieser zum leibhaften Saturnring und
hier bin ich glucklich, Ihnen nichts Abstraktes entgegen-
zuhalten, sondern Ihr eigenes Gelingen: das unvergleichliche
Mondkapitel der „Kindheit", dessen philosophischer Gehalt
hier seine Stelle hatte. Mir fiel hier ein, was Sie einmalvon
der Passagenarbeit sagten: sie konne nur dem Raum des
Wahnsinns abgezwungen werden: daB sie von diesem sich
entfernte anstatt ihn zu unterwerf en bezeugt die Deutung des
Saturnzitats die davon abprallt. Hier sitzen meine eigentlichen
Widerstande. [. . .] hier muB ich um des ungeheuren Ernstes
der Sache willen so brutal reden. - Der Fetischbegriff der Ware
muB, wie es wohl auch in Ihrer Absicht liegt, mit den zustan-
digen Stellen dessen belegt werden der ihn fand. - Der eben-
679
falls S. 413 auftretende Begriff des Organischen, der auf eine
statische Anthropologie usw. weist, kann wohl auch nicht ge-
halten werden oder nur so, daB es lediglich vorm Fetisch als
solches existiert, also selbst historisch ist, wie etwa die „Land-
schaft". — Zu S. 414 gehort wohl jenes dialektische Waren-
motiv des Odradek. — Die Arbeiterbewegung scheint hier wie-
der ein wenig deus ex machina-haft; freilich mag hier wie bei
manchen analogen Formen die Abkiirzungsweise des Exposes
Schuld tragen — dies ein Vorbehalt der vielen meiner Vor-
behalte gegeniiber zu machen ist. Mir ist zu der Stelle xiber
die Mode, die mir sehr bedeutend scheint, aber in ihrer
Konstruktion vom Begriff des Organischen wohl abgelost und
aufs Lebendige bezogen werden muflte — d. h. also nicht auf
vorgesetzte „Natur" bezogen - noch eingefallen der Begriff
des Changeant, des schillernden Stoffes, der wohl fin* das
19. Jahrhundert Ausdrucksbedeutung hat, wohl auch an in-
dustrielle Verfahren gebunden ist. Vielleicht gehen Sie dem
einmal nach, sicherlich weiB Frau Hessel, deren Berichte in
der FZ wir stets mit groBem Interesse verfolgen, damit Be-
scheid. — S. 414 ist die Stelle, zu der ich insbesondere das
Bedenken gegen den zu abstrakten Gebrauch der Waren-
kategorie anzumelden habe: als sei sie als solche „erstmals"
im 19. Jahrhundert erschienen (beilaufig gesagt gilt der
gleiche Einwand auch gegen Interieur und Soziologie der
Innerlichkeit im Kierkegaard und gerade hier habe ich alles,
was ich gegen Ihr Expose vorbringe, auch gegen die eigene
altere Arbeit zu sagen). Ich glaube, daB die Warenkategorie
sich bereits durch die spezifisch modernen Kategorien Welt-
handel und Imperialismus sehr konkretisieren lieBe. Dazu
etwa: die Passage als Basar, auch etwa Antiquitatenladen als
Welthandelsmarkte f iirs Zeitliche. Die Bedeutung der Herein-
geholten Feme — vielleicht das Problem der Gewinnung
intentionsloser Schichten und die imperiale Eroberung. Ich
gebe nur Einfalle; natiirlich konnen Sie hier im Material
unvergleichlich viel Biindigeres zutage fordern und die spe-
zifische Gestalt der Dingwelt des 19. Jahrhunderts bestimmen
(vielleicht von ihrer Riickseite, Abfallen, Resten, Triimmern
her). — Auch die Stelle iiber das Kontor diirfte der historischen
680
Bestimmtheit entraten. Mir erscheint es weniger als blanker
Gegensatz zum Interieur denn als Relikt alterer Stubenfor-
men, wohl barocker (cf . Globen darin, Wandkarten, Barriere
und andere Materialformen). — S. 415. Zur Theorie des
Jugendstiles : wenn ich mit Ihnen darin ubereinstimme, daB
er eine entscheidende Erscbiitterung des Interieurs bedeutet,
so schlieBt das fur micb aus, dafi er „alle Krafte der Inner -
lichkeit mobilisiert". Vielmehr sucht er sie durch „VerauBer-
lichung" zu retten und zu verwirklicben (hierher gehort die
Theorie insbesondere des Symbolismus, vor allem Mallarmes
Interieurs, die genau die umgekehrte Bedeutung haben als
etwa Kierkegaards). Anstelle von Innerlichkeit steht im Ju-
gendstil Sexus. Auf ihn wird rekurriert, gerade weil einzig
in ihm.das private Individuum sich nicht als innerlich, son-
dern leibhaft begegnet. Das gilt f iir alle Kunst des Jugendstils
von Ibsen bis Maeterlinck und d'Annunzio. Der Ursprung ist
denn auch Wagner und nicht die Kammermusik Brahmsens.—
Beton scheint mir fur den Jugendstil uncharakteristisch, ge-
hort wohl in den merkwiirdigen Leerraum um 1910. Ich
halte es iibrigens fur wahrscheinlich, daB der eigentliche
Jugendstil mit der groBen Wirtschaftskrise um 1900 zusam-
menfallt; Beton gehort in die Vorkriegskonjunktur. — S. 415.
Ich mochte Sie auf die hochst merkwiirdige Interpretation des
Baumeister Solness in Wedekinds NachlaB aufmerksam ma-
chen. Psychoanalytische Liter atur iiber das Erwachen kenne
ich nicht, tue mich aber danach um. Aber: gehort nicht die
traumdeutende, erwachende Psychoanalyse, die sich ausdnick-
lich polemisch gegen die Hypnose absetzt (Belege bei Freud
in den Vorlesungen) selber znm Jugendstil, mit dem sie
zeitlich koinzidiert? Hier diirfte eine Frage ersten Ranges
liegen, die vielleicht sehr weit fiihrt. Korrektiv zu der prinzi-
piellen Kritik mochte ich hier einfiigen: wenn ich den Ge-
brauch des KollektivbewuBtseins ablehne, so naturlich nicht,
um das „burgerliche Individuum" als eigentliches Substrat
stehen zu lassen. Es ist auf Interieur als soziale Funktion
transparent zu machen und seine Geschlossenheit als Schein
zu enthiillen. Aber als Schein nicht gegenuber einemhyposta-
siertenkollektivenBewuBtsein, sondern gegenuber dem realen
681
gesellschaftlichen ProzeB selber. Das „Individuum" ist dabei
ein dialektisches Durchgangsinstrument, das nicht wegmythi-
siert werden darf, sondern nur aufgehoben werden kann. -
Nochmals mochte ich die Stelle von der „Befreiung der Dinge
von der Fron niitzlich zu sein" als den genialen Wendepunkt
zur dialektischen Rettung der Ware aufs nachdrucklichste
akzentuieren. - S. 416 ware ich froh, wenn die Theorie des
Sammlers und des Interieurs als Etui moglichst weit aus-
gefuhrt wiirden. - S. 417 mochte ich Sie auf Maupassants La
nuit aufmerksam machen, die mir das dialektische SchluB-
stuck zu Poes Mann der Menge als Grundstein erscheint. Die
Stelle iiber die Menge als Schleier finde ich wunderbar. -
S. 418 ist der Ort der Kritik am dialektischen Bild. DaB die
hier gegebene Theorie dem ungeheuren Anspruch der Sache
noch nicht gerecht wird, wissen Sie fraglos besser als ich. Ich
mochte nur noch sagen, daB nicht Zweideutigkeit die Uber-
setzung der Dialektik ins Bild ist, sondern dessen „Spur", die
selber durch die Theorie erst durchzudialektisieren ist. Ich
meine mich zu erinnern, daB es hierzu im Interieurkapitel
des Kierkegaard einen brauchbaren Satz gibt. Zu S. 418 viel-
leicht die SchluBstrophe der groBen Femmes damnees aus
den Pieces condamnees. — Der Begriff falsches BewuBtsein
erheischt m. E. vorsichtigsten Gebrauch und ist keinesfalls
mehr ohne Rekurs auf den Hegelschen [!] Ursprung zu be-
nutzen. — Snob ist urspninglich gerade kein asthetischer, son-
dern ein sozialer Begriff; er ist durch Thackeray arriviert.
ZwischenSnob und Dandy ist aufs scharfstezu unterscheiden;
wohl auch der Geschichte des Snobs selber nachzugehen, wozu
Sie ja durch Proust das groBartigste Material haben. — Die
These auf S. 419 iiber Tart pour l'art und Gesamtkunstwerk
scheint mir in dieser Form nicht zu halten. Gesamtkunstwerk
und Artismus im pragnanten Sinne sind die extrem entgegen-
gesetzten Versuche, aus dem Warencharakter auszuweichen,
und nicht identisch : so ist Baudelaires Beziehung zu Wagner
so dialektisch wie die Gemeinschaft mit der Hure. — S. 419 f.
will die Theorie der Spekulation mich durchaus nicht befrie-
digen. Hier fehlt einmal die Theorie des Gliicksspiels, die im
Passagenentwurf so groBartig stand; andererseits die wirk-
682
liche okonomische Theorie des Spekulanten. Die Spekulation
ist der negative Ausdruck der Irrationalitat der kapitalisti-
schen ratio. Vielleicht ware auch dieser Stelle durch „Extra-
polation auf die Extreme" beizukommen. — S. 420 ware wohl
eine explizite Theorie der Perspektive fallig; ich glaube, in
den Urpassagen gab es etwas dazu. Es gehort dazu das
Stereoskop, das zwischen 1810 und 1820 erfunden wurde. —
Die schone dialektische Konzeption des HauBmannkapitels
konnte vielleicht in der Darstellung pragnanter herauskom-
men als das Expose sie macht, aus dem man sie erst inter -
pretieren muB.
Nochmals muB ich Sie bitten, die meckernde Form dieser
Glossen zu entschuldigen; aber ich meine doch Ihnen wenig-
stens einige Lokalisierungen der prinzipiellen Kritik schuldig
zu sein. [. . .]
In wahrhafter Freundschaft.
1 Im folgenden sind die Seitenzahlen des Manuscripts ersetzt worden
durch die des Abdrucks in Schriften 1.
2 Von Adornos Kierkegaardbuch.
3 Deckname fur Brecht; der Brief ist aus dem nationals ozialistisch en
Deutschland an seinen Adressaten in Paris gegangen.
264 An Gerhard Scholem
9. August 1935
CJ
Ich habe einige Wochen intensiver Arbeit in der Bibliothek
hinter mir. Sie haben die Dokumentation fur mein Buch sehr
gefordert. Nun aber werde ich sie — ohne ihren AbschluB
erreicht zu haben - fixr einige Zeit unterbrechen miissen.
Mich rettet vor der Arbeit iiber Fuchs kein Gott mehr. Ja, ich
habe mehr denn je Grund, mich den Anregungen des Insti-
tuts gegeniiber gefiigig zu zeigen., Denn das Entgegenkom-
men, das ich bei meinen Verhandlungen im Mai gefunden
habe, kam nicht zustande ohne daB ich die Aussicht, einige
683
Monate in Palastina zu verschwinden und seiner Fiirsorge
enthoben zu sein, meinem Partner eroffnet hatte. Ihm, wie
Du Dir denken kannst, eine lockende Perspektive, die ihm
nunmehr zerstreuen zu mussen mich vor eine bedenkliche
Aufgabe stellt. DaB es mir im iibrigen aus bessern und
menschlichern Griinden sehr leid tut, unsere Begegnung
hinausgeschoben zu sehen, wird Dich nicht iiberraschen. Und
wir werden uns von einem Wiedersehen in Europa, das doch
wohl nur ein fliichtiges sein konnen wird, nicht das verspre-
chen diirfen, was uns einige Wochen in Palastina gegeben
hatten. Mir den Einblick in Dein Wirken und seine Um-
stande; Dir den in meine Arbeit, von deren Charakter Dir
eine Anschauung zu verschaffen nicht allein brieflich ganz
unmoglich, sondern selbst im Gesprach nur dann tunlich
ware, wenn es keine, allzu gelegentliche, vereinzelte ist. Dann
allerdings diirfte es fiir uns beide um so viel lohnender sein
als dies Buch von mir mit ungewohnlicher Vorsicht ins Werk
gesetzt wird und - je einsamer meine Arbeit an ihm verlauft,
im gegenwartigen Stadium um so mehr gewillt und fahig ist
alle Belehrung, die ihm aus freundschaftlichem Gesprach
kommen kann, fruchtbar zu machen. Ich glaube, daB seine
Konzeption, so sehr personlich sie in ihrem Ursprung ist, die
entscheidenden geschichtlichen Interessen unserer Generation
zum Gegenstand hat. Danach bedarf es nicht eines Wortes
mehr, um Dir anzudeuten, wie gern ich Dich mit ihr vertraut
machen wiirde.
Sachlich liegen die Dinge so, daB ein Expose fiir das Insti-
tut- will sagen zu auBerlichem, ja auBerlichstem, Gebrauch-,
das seit einiger Zeit vorliegt, mir selbst auf das genaueste
den Ort vergegenwartigt hat, an dem die konstruktive Arbeit,
die zugleich die Entscheidung iiber die schriftstellerische
Form und deren Gelingen einschlieBt, eines Tages ihren An-
fang zu nehmen hatte. Dieser Tag ist noch nicht gekommen.
Umstande die, so widerwartig sie sind, mich darin zu ihrem
Komplizen haben, verzogern ihn. Wenn ich ihn aber noch je
erlebe, so will ich mich nicht mehr iiber vjeles beklagen.
Ich will den Gegenstand nicht verlassen, ohne Dir zu sagen,
daB die alternativen Vermutungen, welche Du an ihn schlieBt,
684
beide zutreffen. Die Arbeit stellt sowohl die philosopbische
Verwertung des Surrealismus — und damit seine Auf hebung —
dar wie auch den Versuch, das Bild der Geschichte in den
unscheinbarsten Fixierungen des Daseins, seinen Abfallen
gleichsam festzuhalten.
Die Adresse meiner Schwester, die augenblicklich die mei-
nige ist, habe ich Dir, wenn ich mich recht entsinne, schon
auf meiner letzten Karte mitgeteilt. Ohne zu wissen, ob ich
bei Riickkunft von Frau Marx-Steinschneider noch hier
wohnen werde, bitte ich Dich, sie ihr mitzuteilen [. . .]
Paris ist zur Zeit klimatisch sehr angenehm; gesellschaft-
lich weniger, weil von den wenigen Bekannten entbloBt.
Selbst die Emigranten nehmen ihre paar Groschen zur Hand
und machen Sommer.
LaB also aufs baldigste von Dir horen und nimm die herz-
lichsten Wiinsche fiir Dein groBes hebraisches Unternehmen.
GriiBe an Dich und Escha.
Dein Walter
26 J An Gretel Adorno
16. August 1935
Liebe F.
Ich glaube recht zu tun, wenn ich diese wenigen Zeilen in
Deine Hande lege. Sie enthalten keine Auseinandersetzung
mit Eurem groBen und denkwiirdigen Brief vom 2. Diese
wird spaterem — und gewiB nicht einem Brief, sondern einer
Reihe von solchen im Laufe unserer Korrespondenz vorbehal-
ten sein — einer Korrespondenz, die sich in ihren vielen
Strbmen und Rinnsalen dann freilich doch eines nicht hof-
fentlich zu fernen Tages in das Bett gemeinsamer Gegenwart
ergiefien soil — nein — das ist keine Auseinandersetzung,
sondern, wenn Ihr so wollt, eine Empfangsanzeige. Aber sie
soil nicht nur sagen, daB die Hande es sind, die dieses Schrei-
685
ben empfangen haben. Und es ist audi nicht nur der Kopf,
mit ihnen. Sondern was ich Euch vorab und ehe irgend ein
Einzelnes beriihrt wird, versichem will, das ist, wie begliik-
kend f iir mich die Bestatigung unserer Freundschaft und die
Erneuerung so vieler freundschaftlicher Gesprache ist, die
Euer Brief vornimmt.
Das AuBerordentliche und bei aller Genauigkeit und
Dringlichkeit Eurer Einwendung fur mich so hochst Beson-
dere und Befruchtende in Eurem Brief ist, daB er die Sadie
iiberall im engsten Zusammenhang mit ihrem von mir er-
fahrenen Gedankenleben betrifft; daB jede Eurer Reflek-
tionen - oder so gut wie jede - in das produktive Zentrum
hinein - kaum eine daneben weist. In welcher Gestalt sie
also in mir audi fortwirken werden und so wenig ich liber
dieses Fortwirken weiB, so scheint mir doch zweierlei davon
f estzustehen :
1) daB es nur ein Forderliches,
2) nur ein unsere Freundschaft Bestatigendes und Bekraf-
tigendes sein kann.
Wenn es nach mir ginge, so ware das alles, was ich fur
heute sagte ; denn alles weitere fiihrt vorlaufig noch leicht ins
Ungeklarte und nicht zu Begrenzende. Aber da ich gerade
von diesen Zeilen nicht mochte, daB Sie Euch hart erscheinen,
so seien einige, ganz provisorische und ganz wenige Glossen
gewagt - nicht ohne zu hasardieren. DaB sie einen mehr
konf essionshaften als einen unmittelbar sachlichen Charakter
tragen, das rmiBt Ihr in Kauf nehmen.
Und so sei vorabgesagt: Wenn Euer Brief mit so nach-
driicklichen Wendungen auf den „1" Passagenentwurf ver-
weist, so ist zu konstatieren: Es ist von diesem „1" Entwurf
nichts aufgegeben und kein Wort verloren. Und was Euch
vorlag, das ist, wenn ich so sagen darf , nicht der „2" Entwurf,
sondern der andere. Diese bei den Entwurf e haben ein polares
Verhaltnis. Sie stellen Thesis und Antithesis des Werkes dar.
Es ist daher dieser „2" fiir mich alles andere als ein Ab-
schluB. Seine Notwendigkeit ruht darauf, daB die im „1"
vorhandenen Einsichten unmittelbar keinerlei Gestaltung
zulieBen — es sei denn eine unerlaubt „dichterische". Daher
686
der, langst preisgegebene, Untertitel im ersten Entwurf.
„Eine dialektische Feerie".
Nun habe ich die beiden Enden des Bogens — aber noch
nicht die Kraft, ihn zu spannen. Diese Kraft kann nur ein
langes Training verschaffen, fur das die Arbeit im Material
ein Element, neben anderen, darstellt. Meine ungliickliche
Lage bringt es mit sich, daB die anderen Elemente zu Gun-
sten des einen genannten in dieser zweiten Epoche der Arbeit
bisher zuriicktreten miissen. Das weifi ich. Und dieser Er-
kenntnis trage ich in der dilatorischen Art meines Vorgehens
Rechnung. Ich will keinem Fehler Gelegenheit geben, auf
den Kalkiil einzuwirken.
Welches sind diese anderen Elemente des Trainings? Die
konstruktiven. Wenn W. Bedenken gegen die Kapiteleintei-
lung hat, so hat er ins Schwarze getroffen. Dieser Disposition
fehlt das konstruktive Moment. Ich lasse dahin gestellt, ob es
in der Richtung zu suchen ist, die Ihr andeutet. So viel ist
sicher: das konstruktive Moment bedeutet fur dieses Buch,
was fur die Alchimie der Stein der Weisen bedeutet. Es laBt
sich im iibrigen davon fur jetzt nur das eine sagen: daB es
den Gegensatz, in dem das Buch zur bisherigen und iiber-
kommenen Geschichtsforschung steht, auf eine neue, biindige
und sehr einfache Weise wird resiimieren miissen. Wie? steht
dahin.
Nach diesen Satzen werdet Ihr Euch nicht des Verdachts
zu erwehren brauchen, als mische sich meinem Widerstand
gegen andere Einwendungen etwas wie Eigensinn bei. Ich
wiiBte keine Untugend, von der ich in dieser Sache weiter
entfernt ware. Und ich iibersehe, fur spat ere Betrachtung die
aufsparend, viele Punkte, in denen ich mit Euch einig bin.
(Selten bin ich es so sehr wie in den Reflektionen, die W. zum
Thema des „Goldenen Zeitalters" anstellt.) Nein — woran
ich im Augenblick denke, das ist die Saturnstelle Eures Brie-
fes. DaB „der guBeiserne Balkon zum Saturnring werden"
mtiBte, das will ich zwar ganz und gar nicht in Abrede stellen.
Wohl aber werde ich erklaren miissen: DaB diese Verwand-
lung zu vollbringen keineswegs Aufgabe einer einzelnen Be-
trachtung - und am wenigsten der der betreff enden Zeichnung
687
Grandvilles - sein kann, sondern dafl dies ausschlieBlich dem
Buche als Ganzen obliegt. Formen, wie die „ Berliner Kind-
heit" sie mir darbietet, darf gerade dieses Buch an keiner
einzigen Stelle und nicht im geringsten grade in Anspruch
nehmen: diese Erkenntnis in mir zu fundieren ist eine wich-
tige Funktion des zweiten Entwurfs. Die Urges chichte des
neunzehnten Jahrhunderts, die im Blick des auf seiner
Schwelle spielenden Kindes sich spiegelt, hat darin ein ganz
anderes Gesicht, als in den Zeichen, welche sie auf der Karte
der Geschichte eingraben.
Diese ganzlich vorlaufigen Bemerkungen beschranken sich
auf einige allgemeine Fragen. Ohne diese ihrem Umkreis
nach abzuschreiten, lassen sie alles Einzelne aus dem Spiel.
Vieles dayon werde ich bei spateren Gelegenheiten beriihren.
Zum Schlufl aber erlaubt mir, auf die Gefahr hin, auch dies
in der Form der confession zu tun, auf eine mir entscheidende
Problematik hinzuweisen. Indem ich sie aufwerfe, deute ich
zweierlei an, wie zutreffend mir Ws. Bestimmung des dialek-
tischen Bildes als „Konstellation" erscheint - und wie unver-
auBerlich mir gleichwohl gewisse Elemente dieser Konstella-
tion scheinen, auf die ich hinwies : namlich dieTraumgestalten.
Das dialektische Bild malt den Traum nicht nach - das zu
behaupten lag niemals in meiner Absicht. Wohl aber scheint
es mir, die Instanzen, die Einbruchsstelle des Erwachens zu
enthalten, ja aus diesen Stellen seine Figur wie ein Sternbild
aus den leuchtenden Punkten erst herzustellen. Auch hier
also will noch ein Bogen gespannt, eine Dialektik bezwungen
werden: die zwischen Bild und Erwachen.
266 An Max Horkheimer
Paris, 16. Oktober 1935
Lieber Herr Horkheimer,
ich danke Ihnen vielmals fiir Ihren Brief vom 18. September.
Natiirlich war er fiir mich eine grofie Freude. Die Anzahl
derer, vor denen meine Arbeit mich ausweisen kann, ist seit
688
der Emigration klein geworden. Jahre und LeTbenslage be-
wirken es andererseits, daB diese Arbeit im Haushalt des
Lebens einen immer groBeren Raum einnimmt. Daher die
besondere Freude durch Ihren Brief.
Gerade weil Ihre Stellungnahme zum Expose von so groBer
Wichtigkeit ist und mir eine Hoffnung eroffnet, hatte ich
dies em Brief gern jedes Eingehen auf meine Verhaltnisse
ferngehalten. In der Hoffnung auf ein „Wunder", die in
solchen Fallen verzeihlich ist, habe ich ihn denn auch auf-
geschoben. Nun aber, da ich den Ertrag einiger kleiner Ge-
schichten, die ich f iir die Schweizer Presse geschrieben hatte l
in einer Anzahl von Franken beisammen habe, die ich mir an
den Fingern abzahlen kann, ist auch ein Brief, der sich ein-
mal ganzlich auf meine Arbeit beschranken konnte, ein
unerschwinglicher Luxus geworden. Als ich das letzte Mai
mit Herrn Pollock sprach, sagte ich ihm, daB mehr als das
AusmaB jeder gegehwartigen Hilfe die Moglichkeit mir be-
deute, in ausweglosen Situationen auf Sie zuriickzugreifen.
Er ver stand das, und wenn die letzte Entscheidung des Insti-
tuts mir eine wirklich eingreifende Erleichterung fur ein
voiles Vierteljahr brachte, so wird Sie das, wie ich zuversicht-
lich hoffe, nicht hindern, meine Sache im Sinn der Worte zu
priifen, die ich damals Herrn Pollock sagte.
Meine Situation ist so schwierig, wie eine Lage ohne
Schulden es liberhaupt sein kann. Ich will mir damit nicht
etwa das geringste Verdienst zuschreiben, sondern nur sagen,
daB jede Hilfe, die Sie mir gewahren, eine unmittelbare
Entlastung fur mich bewirkt. Ich habe, verglichen mit mei-
nen Lebenskosten im April, als ich nach Paris zuriickkam,
mein Budget auBerordentlich beschrankt. So wohne ich jetzt
bei Emigranten als Untermieter. Es ist mir auBerdem ge-
lungen, Anrecht auf einen Mittagstisch zu bekommen, der
fur f ranzbsische Intellektuelle veranstaltet wird. Aber erstens
ist diese Zulassung provisorisch, zweitens kann ich von ihr
nur an Tagen, die ich nicht auf der Bibliothek verbringe,
Gebrauch machen; denn das Lokal liegt weit von ihr ab. Nur
im Vorbeigehen erwahne ich, daB ich meine Carte d'Identite
erneuern muBte, ohne die dafiir notigen 100 Francs zu haben.
689
Audi den Beitritt zur Presse fitrangere, den man mir aus
administrativen Griinden nahegelegt hat, habe ich, da die
Gebiihr 50 Francs betragt, noch nicht vollziehen konnen.
Es ist an dieser Lage das Paradoxe, daB meine Arbeit
wahrscheinlich nie einer offentlichen Niitzlichkeit naher ge-
wesen ist als eben jetzt. Durch nichts ist Ihr letzter Brief mir
so ermutigend gewesen als durch die Andeutungen, die er in
diesem Sinn macht. Der Wert Ihrer Anerkennung ist mir
proportional der Beharrlichkeit, mit der ich in guten und
bosen Tagen an dieser Arbeit festhielt, die nun die Ziige des
Plans annimmt. Und zwar neuerdings in besonders entschie-
dener Gestalt.
Wenn Herr Pollock mir bei seinem Hiersein den AnstoB
gab, das Expose niederzuschreiben, so war Ihr letzter Brief
die Veranlassung, das historische Bild der Sache, das nun
provisorisch fixiert war, zugunsten konstruktiver Uberlegun-
gen beiseite zu setzen, die das Gesamtbild des Werkes bestim-
men werden. So vorlaufig nun ihrerseits diese konstruktiven
Uberlegungen in der Gestalt sein mbgen, in der ich sie fixiert
habe, so darf ich doch sagen, daB sie in der Richtung einer
materialises chen Kunsttheorie einen VorstoB machen, der
seinerseits weit uber den Ihnen bekannten Entwurf hinaus-
fiihrt. Diesmal handelt es sich darum, den genauen Ort in
der Gegenwart anzugeben, auf den sich meine historische
Konstruktion als auf ihren Fluchtpunkt beziehen wird. Wenn
der Vorwurf des Buches das S chicks al der Kunst im neun-
zehnten Jahrhundert ist, so hat uns dieses Schicksal nur des-
wegen etwas zu sagen, weil es im Ticken eines Uhrwerks
enthalten ist, dessen Stundenschlag erst in unsere Ohren ge-
drungen ist. Uns, so will ich damit sagen, hat die Schicksals-
stunde der Kunst geschlagen, und deren Signatur habe ich in
einer Reihe vorlaufiger Uberlegungen festgehalten, die den
Titel tragen „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen
Reproduzierbarkeit" 2 Diese Uberlegungen machen den Ver-
such, den Fragen der Kunsttheorie eine wahrhaft gegen-
wartige Gestalt zu geben: und zwar von innen her, unter
Vermeidung aller unvermittelten Beziehung auf Politik.
Diese Aufzeichnungen, die fast nirgends auf historisches
690
Material Bezug nehmen, sind nicht umfangreich. Sie haben
einen lediglich grundsatzlichen Charakter. Ich konnte mir
denken, daB sie in der Zeitschrift an ihrem Platze waren.
Was mich betrifft, so ist es selbstverstandlich, daB ich diesen
Ertrag meiner Arbeit von Ihnen am liebsten publiziert sahe.
Keinesfalls will ich ihn drucken lassen, ohne Ihre Stimme
dariiber gehort zu haben.
Wenn Sie beriicksichtigen, daB die erwahnten Arbeiten
zeitlich im Hintergrund meines Tagesprogramms stehen, das
in seinem Hauptteile von der Studie iiber Fuchs bestimmt
wird, und daB ich spaterhin einen Vortrag fiir das Institut
des fitudes Germaniques vorbereite, so sehen Sie, daB meine
Zeit gut ausgefiillt ist. Es ware mir, um unter solchen Um-
standen einen Fixpunkt zu haben, lieb, wenn Sie selbst mir
einen Termin fiir das Manuskript iiber Fuchs vorschlagen
wollten.
Ein anderer und entscheidender Fixpunkt wird fiir mich
Ihre Europareise sein. Ich bin gewiB, daB sich dann fiir uns
die Gelegenheit zu einer eingehenden Beratung ergeben wird.
Zu den Harten meiner hiesigen Existenz gehort auch die,
iiber die wichtigsten Gedanken der Arbeit mich mit keinem
Anwesenden verstandigen zu konnen. In dem Stadium, in
welchem sie sich befinden, darf ich mit ihnen nicht leicht-
fertig verfahren. Daher habe ich das Expose niemandem hier
gezeigt. Mir fiel in Ihrem Brief, besonders ein Satz iiber das,
was „nicht weggelassen werden darf", auf. Dariiber hoffe ich
von Ihnen, am liebsten miindlich, noch mehr zu horen.
Ich bin hochst gespannt auf Ihren Essay iiber Dialektik
und hoffe vieles aus ihm zu lernen. Die beiden letzten Num-
mern der Nouvelle Revue Frangaise bringen einen Aufsatz
iiber das gleiche Thema. [. . .]
Ich gebe diesem Brief meine Hoffnung mit und meine
herzlichsten GriiBe.
Ihr Walter Benjamin
1 W.B. „Die Warming" in den Basler Nachrichten vom 26. Sept. 1935
und „Rastelli erzahlt . . ." in der NZZ vom 6, Nov. 1935.
2 „Zeitschrift fiir Sozialforschung" 5 (1936) S. 40-66 (in der Uber-
setzung von Pierre Klossowski). Jetzt Schriften I, S. 366-405.
691
2 67 An Margarethe Steffin
Paris, EndeOktober 1935
Liebe Grete,
diesmal hat es mit meiner Antwort etwas lange gedauert
- aber was lag auch alles zwischen dem Empfang Ihres ersten
Brief es und heute. Vor allem wieder einmal ein Umzug - die
neue Adresse finden Sie am Ende — , dazu besondere Schwie-
rigkeiten, wenn auch der gebrauchlichsten Art und in solcher
ihn begiinstigenden Lage ein Auf stand der Objekte im gan-
zen Umkreis: beginnend, da ich im siebenten Stock wohne,
mit einem Streik des Fahrstuhls, fortgesetzt durch eine Mas-
senabwanderung der paar Habseligkeiten, auf die ich halte,
gipfelnd in dem Verschwinden eines sehr schonen, fur mich
unersetzlichen Fullfederhalters. Es war eine ansehnliche
Misere.
Jetzt, da ich Ihnen schreibe, ist — ohne daB sich an der Lage
etwas geandert hatte - meine Verstbrung abgezogen, viel-
leicht fortgefegt von den tollen Herbststurmen, die tagaus
tagein mein(e) Hohe umpfeifen. Ein Trost ware es gewesen,
wenn die Ankunft Ihres Tabaks in diese Tage gef alien ware.
Aber auf die diirfen wir nicht mehr rechnen und auch keinen
Versuch mehr machen, sonst kommen die Zollbeamten gar-
ment aus dem Rauchen heraus. Aber sehr vielen Dank fur
Ihre Ausdauer!
Und dann weifi ich nicht einmal, ob ich Ihnen schon fur
Ihre ausgezeichnete Abschrift des „Epischen Theaters" ge-
dankt habe. Ich bin sehr froh, daB Sie mir dieses wichtige
Manuscript derart gesichert haben.
Nun zu den Brechtschen. Zuerst bekam ich die „Bemer-
kungen iiber die chinesische Schauspielkunst". Es liegt auf
der Hand, daB das ein ganz ausgezeichnetes Stuck ist. Un-
ubertreffliche Formulierungen sind darin, wie die vom Ge-
sicht als dem leeren Blatt, das durch den Gestus beschrieben
wird, die vom Nachbar, nicht dem Beschauer, der dargestellt
wird — und andern. Jetzt ist das Ungliick, daB ich hier per-
sonliche Beziehungen nicht zu einem einzigen tlbersetzer
692
habe. Auf der andern Seite kann Adrienne Monnier, Heraus-
geberin von Mesures, in die ich diesen Text sehr gem brin-
gen wiirde, keine Silbe deutsch. Und am bedenklichsten ist
die bedenkliche Art ihres Gewahrsmannes fur die deutschen
Sachen. Mit alledem will ich nur sagen, daB ich genotigt
sein werde, auf verschlungenen Wegen voranzugehen und
daB es nicht sicher ist, ob ich ankomme. Der Versuch jeden-
falls lohnt unbedingt und ich werde ihnbei nachsterGelegen-
heit unternehmen.
Es war sehr schon im Lehrstiick vor Augen zu haben, wie
Brecht die Erfahrungen mit der chinesischen Biihne seiner
eignen Sache zunutze macht. In der Tat scheint mir das letzte
Stuck unter alien der Art das vollkommenste. Ohne Zdgern
auBere ich mich zu der Frage, die Sie mir mit Bezug auf die
beiden Fassungen der Szene von dem [SchluB fehlt]
268 An Gerhard Scholem
Paris, 24. Oktober 1935
Lieber Gerhard,
Der Empfehlung, mich bald vernehmen zu lass en, mit der
Dein Augustbrief schlieBt, habe ich trotz des besten Willens
nicht entsprechen konnen. Es war urn mich zu duster und
ungewiB, als daB ich die diirftigen Stunden inneren Gleich-
gewichts meiner Arbeit zu entziehen gewagt hatte. Ein neuer
Umzug, mit allem, was unter solchen Umstanden ihm voran-
geht und folgt, fiel in die gleiche Epoche. Endlich konnte
mich in etwas die Moglichkeit entlasten, Dir einen miind-
lichen GruB durch Kitty Steinschneider zukommen zu lassen.
Der unmittelbarste AnlaB, Dir heute zu schreiben ist, Dir
fur den Empfang des Soharkapitels l zu danken. Es kann
keine Rede davon sein, daB ich das Buch — von Deiner Vor-
rede abgesehen — von Anf ang bis zu Ende gelesen hatte. Wohl
aber habe ich genug darinnen gelesen, um Dich zu dem, was
Du zustande gebracht hast, aufs hochste begluckwiinschen zu
konnen. Und zwar kann ich das, ohne die — zweifellos im-
693
mense - technische Kunstleistung, die diese "Qbersetzung
darstellt, im geringsten beurteilen zu konnen. Denn neben
ihr besteht unverkennbar die eminent e Humanitat, die aus
dem erfolgreichen Vorsatz spricht, einen derart hermetischen
Text dem ungeschulten, auf nicht s als seine Aufmerksamkeit
gestellten Verstande in die zweckdienlichste und zugleich
uberraschendste Niihe zu riicken. Die Ubersetzung des Dir
vorliegenden Textes war bestimmt nicht leichter als die eines
vollkommenen Gedichts. Nur verfiigen die "fibers etzer von
Dichtung fur gewohnlich nicht iiber die Entsagung, die hier
Bedingung des Gelingens ist und zugleich die methodische
Weisung gibt, mit der Ubersetzung den Kommentar zu ver-
binden. Insofern halte ich Deine Leistung fur vorbildlich
iiber die Grenzen der Materie hinaus.
Es wird Dich hoffentlich nicht iiberraschen von mir zu
horen, daB diese Materie mir noch immer sehr nahe stent,
wenn Du auch wohl das kleine Programm, in dem dieser
Umstand in Ibiza seinen Niederschlag fand — „Uber das
mimetische Vermogen" - nicht in diesem Sinne verstanden
hast. Wie dem auch sei, der dort entwickelte Begriff der
unsinnlichen Ahnlichkeit findet vielfache Illustration in der
Art wie der Soharautor die Lautbildungen, und mehr wohl
noch die Schriftzeichen als Depositen von Weltzusammen-
hangen auffaBt. Freilich scheint er an eine Entsprechung zu
denken, die auf keinerlei mimetischen Ursprung zuriickfuhrt.
Das diirfte mit seiner Bindung an die Emanationslehrezu-
sammenhangen, zu der in der Tat meine Mimesistheorie den
starksten Antagonismus darstellt.
Viele Stellen sind mir schon jetzt auf gef alien iiber die ich
mit Dir sprechen miiBte. Gern wufite ich mehr iiber die
„Kleinen Gesichter" der Keruwim. Gern wiiBte ich, welche
Gedanken Du Dir iiber den Ursprung der sehr sonderbaren
Mondtheorie p. 80/81 machst. Sehr wichtig ware ferner, sich
die Lehre von der Holle anzusehen. Im Vorwort hat mich
besonders die Ausfiihrung iiber Mose de Leon interessiert.
Und dann die Stelle iiber die primitive und volkstiimliche
Seite der Sohar-Damonologie.
694
Dein Kafkagedicht hast Du mir im Druck2 nicht geschickt,
und ich wiirde es gerne haben. Wenn von mir lange nichts
gekommen ist, so liegt das einmal daran, daB so gut wie
nichts publiziert wird, zum andern, daB die Blatter wegen
der Krise meist nur ein einziges Belegexemplar schicken, so
z. B. die Neue Ziiricher Zeitung.
Ungeachtet dieser Umstande hahe ich, urn auch hier das
Meine lieber doppelt und dreifach zu tun, einen kleinen StoB
Novellen geschrieben. Eine von ihnen sollte, wenn mich nicht
alles tauscht, leicht einen Platz finden und Du wirst sie dann
von mir geschickt bekommen. Manchmal traume ich den zer-
schlagenen Biichern nach — der berliner Kindheit um neun-
zehnhundert und der Briefsammlung — und dann wundere
ich mich, woher ich die Kraft nehme, ein neues ins Werk zu
setzen. Freilich mit sovielen Umstanden, daB sein Schicksal
noch unabsehbarer ist als die Gestaltung meiner eigenen Zu-
kunft. Auf der andern Seite ist es doch gleichsam das Wetter-
dach, unter das ich trete, wenn es drauBen zu schlimm wird.
Zu diesen Unbilden des drauBen gehort auch der Fuchs. Aber
mit der Zeit harte ich mich gegen seinen Text ab, dem ich
zudem weiterhin nur unter mannichfachen Vorkehrungen
mich aussetze. Im iibrigen beriicksichtige ich seine Biicher
ausschlieBlich soweit er das neunzehnte Jahrhundert behan-
delt. So entfernt er mich nicht allzusehr von meiner eigent-
lichen Arbeit.
Diese ist in der letzten Zeit durch einige grundlegende
Feststellungen kunsttheoretischer Art in entscheidender Weise
gefbrdert worden. Zusammen mit dem historischen Schema-
tismus, den ich vor ungefahr vier Monaten entworfen habe,
werden sie - als systematische Grundlinien - eine Art Grad-
netz bilden, in das alles einzelne einzutragen sein wird. Diese
tJberlegungen verankern die Geschichte der Kunst im neun-
zehnten Jahrhundert in der Erkenntnis ihrer gegenwartigen
von uns erlebten Situation. Ich halte sie sehr geheim, weil sie
zum Diebstahl unvergleichlich besser als die meisten meiner
Gedanken geeignet sind. Ihre vorlaufige Aufzeichnung heiBt
„das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzier-
barkeit".
695
Im Februar werde ich im Institut des fitudes Germaniques
einen Vortrag iiber die Wahlverwandtschaften halten. Wie
lange bei alldem meine Widerstandskrafte noch ausreichen
werden, das weiB ich nicht, denn ich verfiige hochstens vier-
zehn Tage im Monat iiber das Notigste. Jede geringste An-
schaffung aber ist auf das Eintreten eines Wunders angewie-
sen. Statt dessen ereignete es sich vor einigen Tagen, daB ich
meinen Fiillfederhalter — ein kostbares Geschenk — vielmehr
Erbstiick verlor. Und das war kein Wunder, vielmehr das
naturlichste Ergebnis tiefster Verstimmtheit und zudem eine
lehrreiche Bestatigung des Satzes, daB dem, der nichts hat,
das Seine genommen wird.
Fur heute werde ich, wie es scheint, den Weg zu lustigern
Betrachtungen nicht mehr zuriick finden, und so kommt der
SchluB nicht zu fruh. Schreibe mir bald und nimm, mit
Escha, die herzlichsten GriiBe
Dein Walter
1 „Die Geheimnisse der Schopfung, ein Kapitel aus dem Sohar",
Berlin 1935.
2 In der .Jiidischen Rundschau". 22. Marz 1935.
2 69 An Kitty Marx- Steinschneider
Paris, 24. Oktober 1935
Chere amie,
gestern ist Ihr Brief gekommen, und ich will Ihnen danken,
ohne Zeit verstreichen zu lassen. DaB in solchen Dingen der
„Erfolg" keineswegs das MaB des Danks sein kann, wissen
Sie gut genug, um den meinen so zu verstehen, wie er be-
schaffen ist.
Habe ich nicht gleichzeitig eine Gelegenheit, Ihnen zu
sagen, daB mir das groBe Gesprach mit Ihnen besonders ver-
traut im Gedachtnis geblieben ist?
Sehr lieb war mir, von Ihnen zu vernehmen, daB Sie das
696
Gesprach mit aller der Sache dienlichen Vorsicht gefiihrt
haben; freilich war ich dessen vollkommen gewiB, ehe ich sie
an Sie herantrug. In der Tat werde ich mit nicht verminder-
ter sondern vermehrter Spannung auf das warten, was Sie
eines friihern oder spatern Tages werden entratseln konnen.
An den allgemeinen Aspekten der Lage hat sich fur mich
in der letzten Zeit nichts geandert. Ich bin in den letzten
Wochen mit den Fixierungen einiger eingreifender Uber-
legungen zur Kunsttheorie beschaftigt, deren Ausgangspunkt
jenes vormittagliche Gesprach mit Ihrem Mann in der Bar
gewesen ist. Es ist als ob diese Uberlegungen, die sich immer
in den Friihen des abnehmenden Tages verborgen gehalten
hatten, mir erst greifbar geworden waren, als sie einmal ins
Mittagslicht h'erausgelockt worden sind. Bitte sagen Sie Ihrem
Mann in dieser Erinnerung die schbnsten GriiBe.
Schreiben Sie mir doch wieder sobald Sie mogen vmd
konnen. Neuigkeiten wie die Buber angehenden, finden bei
mir immer ein gewaltig gespitztes Ohr.
Mit recht herzlichen Griifien
Ihr Walter Benjamin
270 An Werner Kraft
Paris, 28. Oktober 1935
Lieber Herr Kraft,
Es hat mehrere Griinde, wenn ich Ihre letzten Nachrichten
vmd Sendungen weniger bald bestatige als ich es mir ge-
wiinscht hatte. Mindestens der erste von ihnen wird mich
entschuldigen. Er ist in denbesonderen und zeitweise bedroh-
lich geturmten Schwierigkeiten meiner Existenz zu suchen.
Ich sehe davon ab, deren Auswirkung Ihnen im Einzelnen
darzustellen ; eine von diesen kommt Ihnen in Gestalt meiner ;
veranderten Adresse ohnehin zu.
Solche Umstande verlangen, wie Ihnen leicht verstandlich
sein wird, ihre eigene Diiitetik, und so war es mir nicht ohne
697
weiteres moglich, Ihren letzten Karten mit derjenigen Spon-
taneitat zu antworten, die diese Form der Korrespondenz
verlangt.
Ich komme zuerst auf Ihr Gedicht 1 zuriick, das mir tief en
Eindruck gemacht hat. In seinen vier ersten Strophen scheint
es mir so vollkommen, daB es die Einwendung, die sich gegen
die funfte bei mir erhebt, sollte tragen konnen. Das Gedicht
ist mit dem Wort „Ende" zuende. Die Frage - so scheint
mir — mit der Sie es schlieBen, vermag den tief en Resonanz-
boden, den die vorhergehenden Strophen gebaut haben, nicht
zu fiillen.
Im iibrigen gehen mich diese Zeilen in der Traurigkeit,
die sie enthalten, gewiB nicht weniger an als in ihrer Kunst-
gestalt. Und das veranlaBt mich zu der Frage, ob es Ihnen
nicht mbglich sein sollte, mir einen einigermaBen pragmati-
schen Bericht iiber Ihr Leben driiben — oder iiber das Leben
driiben zu geben, und wie ich ihn, frei gestanden, schon so
lange von Ihnen erwarte. Im Zusammenhang sagen Sie mir
vielleicht auch mit einem Wort, welche Art von Arbeit Sie
driiben gefunden haben. [. . .]
Im iibrigen unterliege ich kaum der Notigung, mir auf
diesen Weltzustand im groBen und ganzen einen Vers zu
machen. Es sind auf dies em Planeten schon sehr viele Kul-
turen in Blut und Grauen zugrunde gegangen. Natiirlich
muB man ihm wiinschen, daB er eines Tages eine erlebt, die
beide hinter sich gelassen hat - ja, ich bin, ganz wie Scheer-
bart, geneigt, anzunehmen, dafi er darauf wartet. Aber ob
wir ihm dieses Geschenk auf den hundert oder vierhundert-
millionsten Geburtstagstisch legen konnen, das ist eben
furchtbarfraglich. Und wenn nicht, so wird er uns schlieBlich
zur Strafe, als seinen unaufmerksamen Gratulanten^ das
Weltgericht auf tragen lassen.
Was mich betrifft, so bemiihe ich mich, mein Teleskop durch
den Blutnebel hindurch auf eine Luftspiegelung des neun-
zehnten Jahrhunderts zu richten, welches ich nach den Ziigen
mich abzumalen bemiihe, die es in einem kiinftigen, von
Magie befreiten Weltzustand zeigen wird. Natiirlich muB
ich mir zunachst einmal dieses Teleskop selber bauen und bei
698
dieser Bemiihung habe ich nun als Erster einige Fundamen-
talsatze der materialistischen Kunsttheorie gefunden. Ich bin
augenblicklich dabei, sie in einer kurzen programmatischen
Schrift auseinanderzusetzen.
Fur den Februar bereite ich einen Vortrag im Institut des
fitudes germaniques an der Sorbonne vor. Ich habe eine kleine
Tournee bei den Professoren gemacht, von der mir geteilte
Eindriicke zuriickgeblieben sind. Den ungiinstigsten erhielt
ich von [Henri] Lichtenberger.
Sonst wenig Neues. Und vor allem eigentlich seit Monaten
keine Lektiire, da die Arbeit meine gesamte Zeit beansprucht.
Eine Ausnahme machte ich mit den Horatiern und Kuriatiern,
einem neuen Lehrstiick von Brecht, das ich vor kurzem im
Manuscript zu sehen bekam. Es stellt eine hervorragende
Verwertung gewisser Techniken des chinesischen Theaters
dar, das er bei seinem letzten moskauer Aufenthalt kennen
gelernt hat. Fur das, was Sie mir uber die Anzeige des
Dreigroschenromans sagten, vielen Dank! Und geben Sie
recht bald eine ausfiihrliche Nachricht.
1 „Wahnes Frage". In „Figur der HofEnung".
271 An Werner Kraft
Paris, 27. Dezember 1935
Lieber Herr Kraft,
Ich danke Ihnen sehr herzlich fur Ihren inhaltsreichen, wert-
vollen Brief vom 9. November. Er gab mir erstmals ein, wenn
auch im UmriB gehaltenes Bild von Hirer palastinensischen
Situation.
Ich begluckwiinsche Sie zu Hirer anthologischen Arbeit fiir
die Schockenbucherei. Es ist mir leicht zu denken, daB sie
Ihnen Freude macht und daB etwas Schones dabei herauskom-
men wird. DaB Sie auf der andern Seite mancher Erscheinung
und mancher Anforderung mit „heimlichem Widerstreben"
699
antworten, das ist mir in keiner Weise erstaunlich. So unzu-
langlich meine Kenntnisse von der materiellen und geistigen
Lage Palastinas sind, so kann ich mir doch aus vielerlei
Symptomen zusammenreimen, daB der geistige Lebensraum
dort viel enger ist als seine relativ komfortable politische
Verfassung es annehmen laBt.
Sie erwahnen — im Zusammenhang Ihres schonen Ge-
dichts - Leo Schestow. Es ist recht moglich, daB ich ihm
nachstens einmal begegne. „Auf Hiobs Wage" steht neb en
mir im Regal. Ich habe freilich noch keine rechte Zeit, mich
hineinzulesen, gefunden. Und in diesem Zusammenhang
bitte ich Sie, es nicht als Oberflachlichkeit zu verstehen, wenn
ich heute auf dieses Gedicht nicht zuriickkomme. Ich habe es
— hoffentlich ohne Ihren Willen zu verletzen- einem Freunde
zur Abschrift geliehen. [. . .]
Zum SchluB mochte ich noch anmerken, daB ich eine
programmatische Arbeit zur Kunsttheorie abgeschlossen habe.
Sie heiBt „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen
Reproduzierbarkeit". Sie steht stofflich in keinem Zusam-
menhang mit dem groBen Buch, dessen Plan ich erwahnt
habe, methodisch aber im engsten, da jeder geschichtlichen
Arbeit, besonders wenn sie beansprucht, vom historischen
Materialismus sich herzuschreiben, eine genaue Fixierung
des Standorts der Gegenwart in den Dingen vorhergehen
muB, deren Geschichte dargestellt werden soil : . . . das Schick -
sal der Kunst im neunzehnten Jahrhundert.
272 An Theodor W \ Adorno
Paris, 27. 12. 1935
Lieber Herr Wiesengrund,
bevor ich Ihnen von Max [Horkheimer] ausrichte, was der
erste AnstoB zu diesen Zeilen war, lassen Sie mich Ihnen
sagen, daB ich mit tief em Anteil Ihrer gedacht habe, als mich
gestern die Nachricht vom Tod Alban Bergs erreichte.
700
Sie wissen, wie sein Werk das einzige ist, in (lessen Zeichen
unsere Gesprache auf dem mir sonst ferner gelegenen Gebiet
die gleiche Intensitat erreichten wie auf den andern und be-
sonders das nach der Wozzek-Auffiihrung wird auch Ihnen
noch in Erinnerung sein. —
Max bittet Sie, unter keinen Umstanden den Kontinent
zu verlassen, ohne ihm telegrafisch Nachricht gegeben zu
haben, wo Sie vor Ihrer Uberfahrt zu erreichen sind. Es liegt
ihm auflerordentlich daran, Sie auf dem Festland zu spre-
chen, sei es in Holland, sei es in Paris. (DaB gerade dieses
letztere mir sehr erfreulich und wichtig ware, konnen Sie
denken.)
Und zwar erbittet er die Nachricht an mich, da er mich
fortlaufend iiber seine Adresse und zumal iiber die Ausdeh-
nung seines hollandischen Aufenthaltes, den er Ende der
Woche antritt, auf dem Laufenden halten wird.
Im librigen weiB natiirlich auch Max, wie sehr ich mir
wiinsche, dafi wir uns hier in Paris zu dritt sprachen.
Die herzlichsten GriiBe fiir Sie und Felizitas
IhrWB
27) An Alfred Cohn
Paris, 26. Januar 1936
Lieber Alfred,
leider sind die beiden kurzen Ankiindigungen eines Briefs,
fiir die ich Dir herzlich danke, im neuen Jahr noch ohne Folge
geblieben. Und nun komme ich ihm mit ein paar Worten zu-
vor.
Meine Gedanken wurden erst vor wenigen Tagen wieder
auf Dich zuriickgelenkt — und zwar: indem auf freilich un-
sichere, zu mindest nicht ganz verbiirgte Weise mir die Nach-
richt zukam, daB Noeggerath Vorlesungen in Barcelona ab-
halt. Etwas Genaueres habe ich nicht erfahren konnen — um
Vorlesungen an der Universitat kann es sich nicht handeln;
701
davon hatte P L Landsberg, der Schiller von Scheler, der an
der Universitat Barcelona liest, und den ich nach Noeggerath
fragte, wissen miissen.
Ich will Dir Noeggeraths Anwesenheit in der Stadt jeden-
falls signalisiert haben; es ist wohl gewiB, daB er sich aus
der miinchner Friihzeit an Grete erinnert und daB er mit
Freude eine Beziehung zu Euch aufnehmen wiirde. Ob dies
audi in Eurem Sinne liegt, dariiber kann ich mir allerdings
keine Ansicht bilden und das durfte auch von seiner Verfas-
sung abhangen, die als ich Ibiza verlieB, lei der nicht viel
Ermutigendes hatte. Inzwischen, so wurde mir weiter gesagt,
hat er die Insel endgiiltig verlassen. Und damit ware nach
wenigen Jahren die Vorstellung in Erfiillung gegangen, die
mir ein in grande compagnie unternommener Besuch der ent-
legnen Baustelle, die er sich fur sein Haus auf der Insel ge-
sichert hatte, geradezu zwingend aufgenotigt hatte.
Meinerseits denke ich immer noch viel an die Insel zuriick.
Aber ich bezweifle, ob, wenn ich mich wieder einmal von
Paris fur einige Zeit losmache, der Weg mich nach Siiden
fiihren wird. Eher werde ich vielleicht dies en Sommer nach
Danemark kommen. Irgendwelche Anschauung davon habe
ich aber noch nicht; spxire nur, daB nach so langer, mir unge-
wohnter SeBhaftigkeit eine Ortsveranderung nur willkom-
men ware.
Auf lange Dauer werde ich Paris vorlaufig nicht verlas-
sen - es sei denn, daB politische Umstande es erzwingen — weil
ich durch die Arbeit an meinem Buch auf die Bibliotheque
Nationale weiterhin angewiesen bleibe. Zunachst werde ich
allerdings die Studien dort auf eine gewisse Zeit unterbre-
chen, um mich an einem oder mehreren Gesamtentwiirfen zu
dem Buch zu versuchen. Meine Schrift iiber „das Kunstwerk
im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" ist jetzt
fertig geworden. Sie fixiert den gegenwartigen Standort, des-
sen Gegebenheiten und Fragestellungen maBgebend fiir den
Riickblick ins neunzehnte Jahrhundert sein sollen. Diese Pro-
grammschrift soil in der Zeitschrift des Instituts und zwar
auf franzosisch erscheinen. Die Arbeit an dieser Ubersetzung
wird in den Handen eines besonders befahigten Mannes lie-
702
gen; trotzdem wird es ohne Beeintrachtigung des Textes bei
der Sache wohl schwerlich abgehen. Auf der andern Seite ist
das Erscheinen des franzbsischen Textes mir aber mit Riick-
sicht auf meine hiesige Position sehr erwiinscht.
Diese letztere scheint sich ungefahr zu der gleichen Zeit
als ich zu der Einsicht gekommen bin auf unmittelbare fran-
zosische Fixierung meiner Gedanken mindestens bis auf wei-
teres verzichten zu miissen, auf andere Weise etwas zu bes-
sern. Das hangt auf der einen Seite mit dem Entschlufi des
Instituts zusammen, in Frankreich eine etwas intensivere
Aktion an den Tag zu legen, auf der andern mit der wachsen-
den Bedeutung von Adrienne Monnier im hiesigen Literatur-
betrieb; zu der Monnier bin ich im Laufe der Zeit in ein
Verhaltnis getreten, das sich einem freundschaftlichen im
deutschen Sinne sehr nahert. Du wirst Dich vielleicht der
ungewohnlichen Sympathie erinnern, die ich seit jeher fur
sie bekundet habe.
Diese Sympathie ist gesteigert worden durch die politische
Position, die sie im Laufe des letzten Jahres eingenommen
hat. In dessen zweite Halfte fallt die Griindung von „Ven-
dredi", das Dir vielleicht einmal in die Hande gekommen ist.
„Vendredi" ist eine sehr billige Wochenzeitung, die heute
schon eine Auflage von 300 000 Stuck haben soil. Sie macht
seit langer Zeit den ersten Versuch, die linke literarische Pro-
duktion in einem umfassenden Sinne mobil zu machen, und
einen im ganzen sehr gliicklichen. Meines Wissens hat Gide
sachlich und materiell an diesem Versuch groBen Anteil. Die
sehr wichtige Tatsache, daB dem Faschismus literarische
Wegbereiter so gut wie abgehen," ist zwar keine auf Frank-
reich beschrankte. Aber in Frankreich zum ersten Mai wird
sie — und vielleicht doch noch rechtzeitig - ins rechte Licht
geriickt. Das ist die wichtigste Leistung von „Vendredi". Das
beste an dieser Zeitung ist, abgesehen von der erwahnten
Klarstellung, zu erweisen, daB es eine Kommunistenfurcht
selbst bei der intellektuellen Vorhut des Liberalismus hier
nicht mehr gibt. An der gleichen Stelle an der Autoren wie
Gide oder Rolland ihre politische Haltung fixieren, stofit man
auf Leute wie Julien Benda, Alain, Jules Romain mit kaum
703
weniger energischen, jedenfalls unzweideutigen Kundgebun-
gen. Weiter ist fur uns, die wir gerade eine politische Reak-
tion gegen den Kryptof aschismus in der Belletristik in
Deutschland so ganzlich vermiBt haben, die rabiate Polemik,
die Vendredi gegen Leute wie Louis Bertrand, Camille Mau-
clair, Henri Beraud, Paul Morand fuhrt, etwas auBerordent-
lich Erfreuliches. Adrienne Monnier arbeitet von Zeit zu
Zeit an „Vendredi" mit und spielt, ohne der Redaktion anzu-
gehbren, bei dieser eine schwerlich geringe Rolle.
Um diese literarischen Informationen mit einer weniger
gewichtigen abzuschlieBen: versaume nicht „Les Pitard" von
Simenon zu lesen, falls Dir das Buch in die Hande fallt. Es
ist ein Unterhaltungsroman ersten Ranges.
Von uns nachstliegendem zu reden: WeiBt Du, ob Ernst
[Schoen] nach Moskau, beziehungsweise Leningrad gefahren
ist? Ich habe iibrigens zur Zeit den erwahnten Programm-
aufsatz in Moskau liegen und bin aufierst gespannt, ob man
ihn in RuBland publizieren wird. Es ist mbglich. Immerhin
wiirde mich eine positive Entscheidung mehr wunderri als
eine negative.
Brecht ist aus Amerika abzureisen im Begriff. Ich habe
erzahlen horen, die Auffiihrung der „ Mutter" sei driiben
ein groBer Erfolg gewesen. Etwas Genaueres weiB ich dar-
iiber bisher noch nicht. Ich denke die Tatsache meines Brief es
spricht eindringlich genug, um mir am SchluB die Bitte um
recht baldige Nachricht von Dir fast ersparen zu konnen. So
nimm fur heute nur die herzlichsten Wunsche und GriiBe.
Dein Walter
274 An Werner Kraft
Paris, 30. Januar 1936
Lieber Herr Kraft,
Heute sollen es nur wenige Zeilen werden, die die Aufgabe
haben, Ihnen fiir Ihre letzten Nachrichten und besonders fur
704
das schone Gedicht zu danken und inKiirze von mirberichten.
Mich hat interessiert, was Sie iiber Heine und Brecht
schreiben. Mir scheint viel Wahres darinnen, wenn ich auch,
bei meiner geringen Kenntnis von Heine verstandlich, keine
Verse von ihm im Sinne habe, die an Brecht genau erinnem
konnten. Weniger folge ich Ihnen, wenn die Frage, ob ein
Dichter traditionslos schaffen konne, Sie anlaBlich Brechts
beschaftigt. Da ist gewifi Tradition vorhanden. Nur wird
man in einer Richtung suchen miissen, in der wir uns wenig
umgetan haben : ich denke vor allem an bayrische Volkspoesie ;
zu schweigen von manifesten Ziigen, die auf die lehrhafte
und parabolische Predigt des siiddeutschen Barock zuruck-
fiihren.
Zufallig bin ich jetzt auf meine Weise dabei, in Heine zu
geraten. Ich lese die Prosa, soweit sie sich mit franzosischen
Zustanden beschaftigt. Sehr dankbar ware ich Ihnen, wenn
Sie mir angeben wollten, wo die Beschaftigung mit diesen
Zustanden etwa in seiner Poesie einen Niederschlag gefun-
den hat.
Zu Ihrer Bemerkung iiber mein sprachtheoretisches Refe-
rat, dem seine Grenzen durch die Form vorgeschrieben waren :
es prajudiziert nichts iiber eine „Metaphysik" der Sprache.
Und es ist von mir, wenn auch keineswegs manifest, so ein-
gerichtet, dafi es genau an die Stelle fiihrt, wo meine eigene
Sprachtheorie, die ich auf Ibiza vor mehreren Jahren in einer
ganz kurzen programmatischen Notiz niedergelegt habe,
einsetzt. Ich war sehr uberrascht, bedeutende Korrelationen
zwischen dieser Theorie und Freuds Essay „Telepathie und
Psychoanalyse" zu finden, den Sie im psychoanalytischen
Almanach auf 1935 finden.
Die Arbeit iiber „das Kunstwerk im Zeitalter seiner tech-
nischen Reproduzierbarkeit" wird zunachst franzosisch er-
scheinen. Die Arbeit liegt in der Hand eines fur sehr gut
geltenden Ubersetzers; aber auch f ur ihn werden die Schwie-
rigkeiten auBergewbhnliche sein. Wo ich den deutschen Text
publizieren kann, steht noch dahin. Augenblicklich bin ich
beschaftigt, zu dieser Arbeit eine Anzahl von Anmerkungen
zu schreiben.
705
Soweit ich Zeit fur mem Buch finde, wende ich sie gegen-
wartig dem Studium im Cabinet des Estampes zu, wo ich auf
den groBartigsten Portratisten der Stadt Paris, Charles
Meryon, gestoBen bin, einen Zeitgenossen Baudelaires. Seine
Radierungen gehoren zu den erstaunlichsten Blattern, die je
eine Stadt ins Leben gerufen hat; es ist ein ungeheurer Ver-
lust, daB der Plan, sie von Baudelaireschen Erlauterungen
begleiten zu lassen, infolge von Meryons Schrullen nicht aus-
gefiihrt wurde.
Nehmen Sie fur heute mit diesem Blatt vorlieb.
PS. Ich denke noch rechtzeitig daran, Ihnen zu sagen, mit
welchem Inter esse ich Ihren Aufzeichnungen iiber Sprache
entgegensehe.
Und haben Sie vielen Dank fur die schonen Satze von
Mallarme. *
1 Nach Erinnerungen von Henri de Regnier in dem Buch „Donc",
Paris 1927.
27 J An Werner Kraft
Paris [Friihjahr 1936]
Lieber Herr Kraft,
Ich bestatige Ihnen mit herzlichem Dank Ihre besonders
schone Arbeit iiber Else Lasker-Schiiler. l Unter Ihrer Lek-
tiire gewann mich mehr und mehr das Gefiihl, daB von dieser
Dichterin nie vorher mit soviel Liebe und Einsicht gespro-
chen worden ist. Sie haben gleich zu Beginn den gliicklichen
(dialektischen) Griff ins Unzulangliche dieser Erscheinung
hinein: das will aber hier besagen in ihr Tiefstes und ihr
Lebendigstes. So bekommt in Ihrer Darstellung das dichteri-
sche Gelingen der Frau etwas von der Seligkeit, das es dem
Fliegenden ist, der der Schwerkraft seinen Platz abgewinnt.
Bei Gelegenheit will ich mir das „Konzert" 2 verschaffen,
706
indessen glauben, daB Weniges sich darin schemer darstellt
denn die Zitate im Zusammenhang Ihres Textes. Es tut mir
besonders leid, nichts zu seiner Publikation tun zu konnen.
Was die „Zeitschrift fur Sozialforschung" betrifft, so han-
delt es sich um ein dreimal jahrlich erscheinendes Fachorgan,
mit genau abgestecktem Interessenkreis, mit dem dieser Essay
schon seinem Gegenstand nach nichts Gemeinsames hat. [. . .]
Ihren Brief vom 15. Februar, fur den ich Ihnen sehr herz-
lich danke, werde ich zu meinen Arbeitspapieren legen, um
seine vielen wertvollen Hinweise auf Heine nach MaBgabe
des Fortschritts in meinen Studien verwerten zu konnen.
Sie erwahnen im gleichen Brief Bemerkungen von mir
uber Brecht und die Tradition. Da es sich einerseits wahr-
scheinlich nur um ganz wenige Zeilen handelt, andererseits
deren Inhalt mir ganzlich entfallen ist, mute ich Ihnen viel-
leicht mit der Bitte, mir die paar Worte aus meinem Brief
zu kopieren, nichts allzu Lastiges zu. Im Augenblick, da ich
diese Bitte tue, ist es mir besonders leid Ihre Frage nach
Brechts Stellung zu meinem Kafka- Auf satz unbeantwortet
lassen zu miissen. Aber sie beantworten hieBe ein Dutzend
Seiten meines danischen Tagebuchs — das die wichtigsten
Gesprache enthalt, die ich im Sommer 1934 mit Brecht ge-
fiihrt habe — kopieren! 3 Davon hoff entlich miindlich einmal.
Leider ist Du Bos wieder sehr krank. Er hat seine Vor-
lesungen und Empfange absagen miissen. — Ich hbrte bei
Freunden eine herrliche Vorlesung von Paul Valery. Er trug
unter anderm „Le Serpent" vor. Uber eine Begegnung mit
Gide, die, bei ahnlicher Gelegenheit, schon langer zuriick-
liegt, wiirde ich Ihnen ebenfalls am liebsten miindlich berich-
ten.
PS Eben erhalte ich Ihr schemes Gedicht „Die Flote"4.
Herzlichsten Dank.
1 In Krafts „Wort und Gedanke", Bern 1959, wiederabgedruckt.
2 Erschien Berlin 1932.
3 Veroifenlicht in: Walter Benjamin „Versuclie uber Brecht", Frank-
furt am Main 1966, S. 117-135.
4 Ungedruckt.
707
276 An Theodor W. Adorno
Paris, 27. Februar 1956
Lieber Herr Wiesengrund,
ich hatte gedacht, diese Begleitzeilen zu meiner Arbeit eher
an Sie abgehen lass en zu konnen. Es war aber vor AbschluB
der franzosischen tJbersetzung kein deutsches Exemplar frei
zu machen. Wenn nun das Ihnen zugehende die Spuren der
Ubersetzungsarbeit tragt, so bitte ich Sie das zu entschul-
digen.
Ware im iibrigen diese Ubersetzungsarbeit eine in jeder
Hinsicht endgultig abgeschlossene, so wiirden Sie gleichzeitig
mit dem deutschen den franzosischen Text erhalten. Wie aber
die Sache liegt muG ich den letzteren, trotzdem er schon in
Druck gegangen ist, noch kurze Zeit hier behalten, urn ihn
ein letztes Mai mit dem Ubersetzer durchzugehen.
Durch diese Umstande ist auch mein Dank fur die Zu-
sendung Ihrer Gedenkaufsatze zum Tode von Alban Berg1
hintangehalten worden. Hatte ich nicht in der Tat 14 Tage
lang mich den Tag und einen groBeren Teil der Nacht iiber
an die Fersen meines Ubersetzers heften miissen, so hatten
Sie iiber diese auBerordentlichen Arbeiten schon friiher ein
Wort vernommen. Sie wissen, dafi mir die zweite von ihnen
ihrer vertrauteren Sphare nach die zuganglichere ist. Sie hat
mich darum am meisten beschaftigt und in der Tat scheint sie
mir von auBerordentlicher Schonheit zu sein. Sie tritt mir
an vielen einzelnen Stellen gesammelt entgegen.
So gleich am Anfang in der Beschreibung der „steinern
zarten" Ziige, die so wunderbar der Totenmaske entspricht
und dann der wirklich erstaunliche ja mich geradezu betref-'
fende Satz: „Er hat die Negativitat der Welt mit der Hoff-
nungslosigkeit seiner Phantasie unterboten" — eine Perspek-
tive in der mir die Begegnung mit der Musik des „Wozzecku
von neuem ganz gegenwartig geworden ist. Uber anderen
Satzen lasse ich mich so weit gehen, mir einzubilden Sie
konnten bei ihnen vaguement an mich gedacht haben; und
vor allem naturlich beim Hinweis auf die ..Freundlichkeit
708
des Menschenfressers". Ungemein habe ich mich auch an dem
Zusammenhang gefreut, in dem Sie Bergs Satz iiber den
Blechblaseraccord citieren.
Hoffentlich werde ich nicht allzu lange auf Ihren Brief
warten miissen. Wie kurz auch immer, so sicher mit Un-
geduld. Die zweiwochentliche iiberaus intensive Arbeit mit
meinem Ubersetzer hat mir dem deutschen Text gegeniiber
eine Distanz gegeben, die ich gewohnlich nur in langeren
Frist en gewinne. Ich sage das nicht um im Geringsten von
ihm abzuriicken, vielmehr weil ich erst aus dieser Distanz
ein Element in ihm entdeckt habe, das ich gerade bei Ihnen
als Leser gem zu einiger Ehre gelangen sehen wiirde: eben
die menschenfresserische Urbanitat, eine Umsicht und Be-
hutsamkeit in der Destruction, die wie ich hoffe etwas von
der Liebe zu den, Ihnen vertrautesten, Dingen verrat, die sie
freilegt.
Ich erwarte die Sammlung von Max [Horkheimers] Auf-
satzen2 fiir deren Ubersetzung ich Sorge tragen werde. Wenn
diese Arbeit organisiert wird, so werden wir uns, wie ich be-
stimmt annehme hier sehen. Ich denke und hoffe, bald.
Mit den herzlichsten GriiBen Ihr Walter Benjamin
1 Zur Lulu-Symphonie, und: Erinnerung an den Lebenden; beide Auf-
satze erschienen unter dem Pseudonym Hektor Rottweiler in der Wie-
ner Musikzeitschrift „23", Heft 24/25, Februar 1936.
2 Die Ausgabe kam nicht zustande.
277 An Kitty Marx-Steinschneider
Paris, 15. April 1936
Liebe Freundin,
es steht mit uns hoffentlich so, daB mein Schweigen in all
der Zeit Ihnen nicht die geringsten unbegriindeten Zweifel
geweckt hat. Allenfalls zeitweilige Zweifel an meinem Er-
gehen, die nicht notwendig stets unbegriindet gewesen sind.
Auf der anderen Seite wird es Sie nicht verwundem, wenn
709
ich windstille Stunden wahle, um Ihnen von mir zu erzahlen.
Die sind nicht haufig und brauchen es nicht zu sein.
Es ist inzwischen Friihling geworden; das Lebensbaum-
chen indessen kiimmert sich garni cht um die Jahreszeit, wei-
gert sich, die geringsten Bliiten zu tragen und bildet allenfalls
kleine Friichte. Einige wenige Naturfreunde schauen zu
deren letzter herauf, die Ihnen ja bereits angesagt worden ist.
Sie wird Ihnen in f ranzosischer Textverpackung, in ungefahr
einem Monat ins Haus kommen. Was die Naturfreunde an-
geht, so ist es ein zusammengewurfeltes Griippchen — be-
stehend aus einigen Emigranten, ein oder zwei franzosischen
Amateuren, einem Russen, der den Kopf zu der Sache schiit-
telt und einigen Personen verschiedenen Herkommens und
Geschlechts, die weniger der Frucht als dem Baumchen Neu-
gier bezeigen.
In diesem Sinnbildchen erhalten Sie einen ziemlich ge-
nauen Begriff von den derzeitigen Produktionsbedingungen.
Eigentlich gesprochen hat erst die Leitung der ungemein
schwierigen Ubersetzungsarbeit, dann die Bereinigung redak-
tioneller und technischer Verwicklungen in den letzten zwei
Monaten den Hauptteil meiner Kraft (wennschon nicht mei-
ner Zeit) beansprucht. Fur vielen VerdruB, der mit solchen
Interventionen fast immer verbunden ist, bin ich durch den
Reiz entschadigt, der mit der Beobachtung der friihesten, an
charakteristischer Pragung oft der spatern gleichsam offi-
ziellen iiberlegenen, Reaktionen auf eine derartige Arbeit
verbunden ist. Ich hatte fast Grund, aus ihnen zu schlieBen,
daB sie dort, wohin sie zustandig ist, in RuBland, am wenig-
sten ausrichten wird. Dagegen wird hier einiges in die Wege
geleitet, um die Arbeit Gide, Paul Valery und andern unter
den wichtigsten Schriftstellern Frankreichs auf eine ihr ent-
sprechende Weise zu prasentieren. Sie wird ein program-
matisches Begleitschreiben erhalten, an dem ich eben jetzt
arbeite.
Sonst beschaftigt mich eine aus leidigen Umstanden ein-
gegangene Verpflichtung, eine Arbeit iiber den russischen
Dichter Ljesskow zu schreiben — einen wenig bekannten, sehr
bedeutenden Zeitgenossen von Dostojewski. — Kennen Sie
710
ihn? Die Werke sind, bruchstiickweise, des oft em ins Deut-
sche iibersetzt worden. Diese Arbeit mache ich fur „ Orient
und Okzident", eine von dem ehemaligen Bonner Theologen
Fritz Lieb geleitete Zeitschrift1. Dieser Lieb ist Schweizer,
einstiger Schiller von Karl Barth und einer der weitaus besten
Leute, die ich hier kennen gelernt habe. AuBerdem ist er ein
Mann von aufiergewbhnlichem Mut, der schon bei dem
Schweizer Auf stand von 1918 eine Rolle gespielt hat. Ich lese
eben seine Schrift „Das geistige Gesicht des Bolschewismus",
die mir einen Schlussel fiir seine neuere ebensb interessante
wie gewinnende — bisweilen faszinierende Entwicklung ver-
schaff en soil.
Da ich im ubrigen garkeine Lust habe, mich in Betrach-
tungen der russischen Literaturgeschichte einzulassen, so
werde ich bei Gelegenheit Ljesskows ein altes Steckenpferd
aus dem Stall holen und versuchen, meine wiederholten Be-
trachtungen iiber denGegensatz vonRomancier und Erzahler
und meine alte Vorliebe fiir den letzteren an den Mann zu
bringen.
Ob Ihnen Ljesskow im ubrigen im Sinn Ihrer Bitte urn
literarische Hinweise von Nutzen sein kann, ist mir nicht
recht entscheidbar. Wenn sich ein oder der andere Novellen-
band einmal auf Ihrem Weg findet, sollten Sie ihn aber
jedenfalls mitnehmen. Im ubrigen bin ich, was verniinftige
Ratschlage angeht, in recht er Verlegenheit. Das ist nicht
verwunderlich. Auf der einen Seite lese ich die Sachen, die
mir durch meine Arbeiten mehr oder weniger vorgeschrieben
sind — das meiste davon steht in selten benutzten Rayons der
Magazine der Bibliotheque Nationale. Auf der anderen Seite
gewinne ich dadurch die Freiheit, von alien literarischen
Riicksichten unbeschwert meinem simplen Vergniigen als
Leser nachzugehen. Und da beim simplen Vergniigen immer
der private Geschmack mitspricht, und garni cht wenig, so ist
es mit der Empfehlung soldier Lektiire um nichts zuver-
lassiger bestellt als mit der von Gerichten. Mit solcher reser-
vatio will ich Ihnen mitteilen — sollte ich es nicht schon getan
haben? - daB ich jeden neuen Roman von Georges Simenon
lese und unter seinen letzten Les Pitard, Le Locataire, L'Evade
711
am besten finde. „Gehobenere" Literatur der Zeit lese ich,
wie Sie sich denken mo gen, so gut wie garnicht. Es gibt aber
Abenteuerromane, die es langst mit ihr aufnehmen konnen.
Einer der groflartigsten, die mir in der letzten Zeit unter-
kamen — er ist aber langst bekannt und in deutscher Uber-
setzung bei Knaur erschienen — ist Philipp Macdonald: Tod
in der Wiiste. (Man hat einen Film danach gedreht, der des
Buches nicht ganz unwiirdig ist.) —
Sie miissen nicht annehmen, daB ich die „Jiidische Rund-
schau" regelmaBig bekomme. Und nicht im Traume konnen
Sie meinen, dafi das, was ich da finde, mich entfernt soviel
angeht, wie das, was Sie mir auf einer Briefseite iiber palasti-
nensische Dinge schreiben konnen. - Mit dem Stellen von
Fragen hat es freilich seine Schwierigkeiten. Denn mich
interessiert ja wohl immer wieder das Gleiche: wo gehen die
Hoffnungen, die Palastina erweckt, iiber die hinaus, zehn-
tausenden von Juden, hunderttausenden von Juden ein Leben
zu fristen. Ein Umstand, bei dem, so unerlaBlich er ist, es sein
Bewenden nicht haben diirfte, ohne daB er unter den Ge-
fahren, welche dem Judentum drohen, sich als eine neue und
katastrophale erweisen muBte.
(Die Besprechung sprachphilosophischer Theorien, die Sie
gelesen haben, hat auch Scholem bekommen, ohne daB ich
darauf von ihm das Geringste vernommen hatte. Ich habe
ihm kiirzlich geschrieben und ihm dabei auch die neue kunst-
theoretische Arbeit angekiindigt, nicht ohne ihm freimiitig
zu sagen, wie vorsichtig ich die Chance beurteile, sie gunstig
von ihms auf genommen zu sehen. Das matte Kolorit seiner
seltenen Nachrichten und die langen Pausen, die zwischen
ihnen verstreichen kann ich mir kaum mehr anders als durch
Schwierigkeiten erklaren, mit denen er selbst sich ausein-
anderzusetzen hat. Die Aussichten seiner Europareise in die-
sem Jahr, auf die er im vorigen zu rechnen schien, werden
damit wohl auch zu ungewissen geworden sein - von denen
unserer Begegnung zu schweigen.)
Seit einem Jahr bin ich nicht aus Paris herausgekommen
und ich brauche eine Erholung sehr. Wenn moglich, will ich
in einem Monat nach Danemark zu Brecht fahren. Aber ob
712
das moglich sein wird, steht sehr dahin. Mir ware es schon
der politischen Lage wegen sehr lieb, den Sommer in Dane-
mark sitzen zu konnen. Hier fiihlte ich mich manchmal schon
recht ungemiitlich. Und von dort oben wurde ich Ihnen Be-
richte schicken, die Ihnen die Moglichkeit gegebenenfalls in
hohern Breiten „dem Frieden und dem Fischfange" nach-
zugehen, als entschieden verniinftiger erweisen sollten, als
Ihrem „Schicksal" nicht zu entgehen.
Wenn wir aber von Ihrem Schicksale reden, so wollen wir
annehmen, als nachstes verhange es iiber Sie, mir bald mit
einem langen Briefe zu antworten.
Die nun schon gewohnten sehr herzlichen GriiBe
Ihr Walter Benjamin
l Erschien im Oktober 1936, S. 16-53. Jetzt Schriften II, 229-258.
278 An Gerhard S cholera
2. Mai 1936
Lieber Gerhard,
es ist ein trauriger Epilog, den die letztjahrige Periode unse-
res Briefwechsels mit Deinem Schreiben bekommen hat.1 Ein
Epilog bei dem ich dazu nicht mehr als einen stummen
Horenden abgeben kann, der ihm, auch wo er sich in Andeu-
tungen bewegt, zu gut folgen kann, um ihm mit Worten
ohne Gewicht in die Rede zu fallen. Das wenige, das sich aus-
sprechen lafit lege ich in den Wunsch, daB die Einsamkeit,
wenn sie sich einstellen sollte, ihre Befristung von auBen und
ihre Befruchtung von innen erf ahre.
Ist es in dieser letzten Zeit unserm Briefwechsel nicht bes-
ser als Dir ergangen, so kannst Du mir keinesfalls das Zeug-
nis versagen, ihm mit Geduld zur Seite gestanden zu haben.
Es war nicht umsonst, wenn er mit der Zeit etwas von seinem
alten Adam zuriickgewinnt. Darum miissen wir beide wiin-
schen, daB diejenigen Elementargeister unseres Daseins und
713
unserer Produktion, die ein Anrecht auf unser Gesprach ha-
ben, nicht unbegrenzt lange mehr auf der Schwelle zu warten
haben. Andererseits darf man freilich ihre Chance nicht
aufier acht lassen, dank einer falligen Bereinigung weltpoli-
tischer Differenzen aus unseren Leibeszonen befreit mit-
einander konversieren zu konnen.
■ [...]
Deine Mitteilungen iiber das Geschick Deines Bruders
habe ich mit Entsetzen gelesen. Ich kenne ihn nicht; aber
schon einen Namen mit solchem Dasein verbinden zu miissen,
ist furchtbar. Auch mein Bruder ist nach wie vor in Deutsch-
land, aber in Freiheit. Er hat, da meine Schwagerin in der
russischen Handelsvertretung in Berlin arbeitet, keine un-
mittelbare Not zu lei den.
Was meine eigene Arbeit betrifft, so wird ihr jeweiliger
Stand von Deinen ihr zugewandten Gedanken offenbar stets
weit iiberfliigelt. Jedenfalls nehme ich an, daB Du unter
dem groBen Vorhaben, das Du erwahnst, die „Pariser Pas-
sagen" verstehst. Da bleibt es bei der alten Sache, dafi vom
eigentlichen Text noch kein Sterbenswort existiert, wenn
auch das Ende der Studien zu ihm absehbar geworden ist.
Auch liegt im Augenblick der Akzent nicht auf diesen, son-
dern auf der Planung des Ganzen, die ihrerseits ungemein
iiberdacht sein will und gewiB noch lange zu diesem und
jenem Versuche Veranlassung geben wird. Meine letzte Ar-
beit, deren franzosische Fassung in drei Wochen erscheinen
soil, ist aus diesen Planungen mithervorgegangen. Siebenihrt
sich mit der groBen Sache thematisch nur wenig, gibt aber
fur verschiedene ihrer Untersuchungen den Fluchtpunkt an.
Unter den erwahnten Versuchen eines Gesamtplans ist bisher
nur einer fixiert.
Ist Leo StrauB in Palastina? Ich hatte Neigung, mich mit
seinen Biichern2 in der Zeitschrift „Orient und Okzident" —
fur die ich den „Ljesskow" schreibe — zu beschaftigen. Viel-
leicht siehst Du den Autor und kannst ihn veranlassen, mir
die Biicher zu schicken. Fur heute schlieBe ich mit recht
herzlichen GriiBen
Dein Walter
714
1 Sch. hatte ihm seine Scheidung mitgeteilt.
2 Es handelte sich um „Philosophie und Gesetz; Beitrage zum Ver-
standnis Maimunis". Berlin Schocken, 1955.
279 An Alfred Cohn
4. Juli 1936
Lieber Alfred,
ich lasse keinerlei Zeit verstreichen, .um Dir zu sagen, wie
sehr mich Dein letzter Brief gefreut hat. Als besonderer An-
laB des Schreibens kommt Dein Geburtstag hinzu.
Habe ich den ersten Juli richtig im Sinn? Ich nehme es
an, und hatte Dir also friiher geschrieben, wenn Dein Schwei-
gen mich nicht in.einige Ratlosigkeit versetzt hatte. Ich habe
mich also doppelt gefreut, von Dir zu horen.
Gern hatte ich in Deinen Zeilen ein Wort gefunden, das in
Deinen auBern Umstanden eine gewisse Wendung zum Bes-
sern andeutet. DaB Du diese Umstande nicht beriihrst, laBt
mich vermuten, daB sich in dieser Hinsicht noch nichts ge-
andert hat; und das ist der einzige Schatten, der auf Deinen
Brief fallt.
Am meisten von allem, was Du zu meiner Arbeit schreibst,
hat mich gefreut, daB Du trotz ihrer neuen, vielfach gewiB
auch iiberraschenden Tendenz ihre Kontinuitat mit meinen
friihern Versuchen erkannt hast - eine Kontinuitat, die wohl
vor allem darin begriindet ist, daB ich mir durch all die Jahre
hindurch einen immer genauern und kompromiBlosern Be-
griff von dem, was ein Kunstwerk ist, zu machen gesucht
habe.
Mein Versuch, die Arbeit unter den hiesigen emigrierten
Schriftstellern zur Debatte zu stellen, war zu sorgfaltig vor-
bereitet, um nicht einen reichen informatorischen Ertrag zu
bringen. Dieser aber war nahezu sein einziger. Am inter-
essantesten war das Bestreben der Parteimitglieder un[ter]
den Schriftstellern, wenn schon nicht den Vortrag so die
Debatte meiner Arbeit zu hintertreiben. Das gelang ihnen
715
nicht und so beschrankten sie sich darauf, die Sache schwei-
gend zu verfolgen, soweit sie ihr nicht ganz fern blieben. Es
ist der Instinkt der Selbsterhaltung, der in solchen Fallen
die Mangel der Auffassungsgabe kompensiert: diese Leute
fiihlen ihren so wohl eingespielten belletristischen Betrieb
durch mich gefahrdet, diirfen sich aber eine Auseinander-
setzung mit mir sowohl vorlaufig sparen als auf die Dauer
nicht zutrauen. Im ubrigen diirfen sie sich wohl mit einigem
Recht solange in Sicherheit wiegen als auch Moskau das A
und O der Literaturpolitik in der Fdrderung linker Belletri-
stik erblickt, wie die neue Griindung „Das Wort" l es mich
fiirchten lafit.
Genaueres uber diese Zeitschrift werde ich in kurzer Zeit
von Brecht, der mit Feuchtwanger und Bredel zu ihrem Re-
daktionskomitee gehort, vernehmen. Ich denke, dafi ich im
Laufe des Juli nach Danemark fahre. Sehr lange habe ich mit
dem Gedanken gespielt, auf eine Zeitlang wieder nach Ibiza
zu gehen. Ich fiihle mich sehr erholungsbedurftig und habe
von einem danischen Aufenthalt mehr
[Rest des Briefes nicht erhalten]
1 Die erste Nummer des „Wortes" erschien im Juli 1936 in Moskau.
280 An Max Horkheimer
Skovsbostrand per Svendborg, 10. Aug. 1936
Lieber Herr Horkheimer,
mit vielem Dank bestatige ich Ihnen Ihre Brief e vom 13ten
und vom 25ten Juli, die mir hierher nachgesandt wurden.
Ich bin seit einer Woche bei Brecht. Mein Kommen fiel in
eine Regenperiode; seit gestern ist schones Wetter, und ich
freue mich auf die lang entbehrte landliche Lebensweise.
Uber die Auswirkungen meines Aufsatzes im letzten Heft
der Zeitschrift wollte ich Ihnen schon ehe ich den ersten Ihrer
716
beiden Briefe bekam, kurz schreiben. Die interessanteste habe
ich im Wortlaut noch nicht zu Gesicht bekommen. Es ist eine
Aufierung von Malraux auf dem Londoner Schriftsteller-
kongreB vom vorigen Monat, bei dem er das Hauptreferat
hatte. Da Etiemble der Generalsekretar des Kongresses war,
werde ich ihren Text von diesem erhalten.
Malraux ist vor dem Kongrefl auf meine Uberlegungen
eingegangen und hat mir dies bei einem Zusammentreffen in
Paris bekraftigt. Er ging soweit, mir eine genauere Bezug-
nahme auf den Aufsatz in seinem nachsten, offenbar theore-
tischen, Buch in Aussicht zu stellen. Natiirlich wiirde ich
mich dariiber freuen. Man darf aber nicht vergessen, daB
Malraux sehr temperamentvoll ist; nicht jeder seiner oft
impulsiven Vorsatze kommt zur Ausfuhrung.
Der Aufsatz hat weiter AnlaB zu einer Aussprache zwi-
schen Jean Wahl und Pierre Jean Jouve, der ein bedeutender
Dichter ist, gegeben. Ich war nicht zugegen; es ist mir davon
berichtet worden. Der Buchhandler Ostertag vom Pont de
1 'Europe erzahlte mir, das Heft der Zeitschrift sei, mit Hin-
weis auf meinen Aufsatz, mehrfach bei ihm gekauft worden.
SchlieBlich weiB ich, daB Jean Paulhan, der Redakteur der
NRF, nachhaltig auf die Arbeit hingewiesen worden ist. Man
hat ihm nahe gelegt, in seiner Zeitschrift mit einer Notiz auf
sie einzugehen. Ob er das tun wird, ist mir zweifelhaft. Der
Kreis um die NRF ist von jener Impermeabilitat, die eine
ganz bestimmte Art von Zirkeln seit jeher, und dreifaeh,
wenn es literarische sind, kennzeichnet.
Natiirlich gilt das alles in allem nur von der Zeitschrift,
nicht vom Verlag. Insbesondere von G. l nicht. Dennoch
macht sich die Unzuverlassigkeit, die durch diese Gruppie-
rung in die Personen, und die Verwicklung, die durch sie in
die Sachen getragen wird, abgeschwacht noch im Umkreis
bemerkbar. Man weiB unter diesen Umstanden selten, welche
Abreden man als verbindlich anzusehen hat, welche nicht.
Sie haben aus meinen letzten Berichten gesehen, wie leid es
mir ist, alledem jetzt in Ihrer Sache zu begegnen, und wie es
andererseits meinen Willen spannt, mit diesen Widernissen
zu Rande zu kommen.
717
Vor allem, scheint mir, miifite es den Leuten unmoglich
gemacht werden, die Verhandlungen unter Berufung auf den
mit Ihnen notigen Schriftwechsel dilatorisch zu fiihren. Eben
dazu ware wohl in der Tat ein offiziell von Ihnen Bevoll-
machtigter allein imstande. Der zu sein, bin ich jederzeit, wie
ich Ihnen gewiB nicht zu sagen brauche, bereit. Es ist aber
zu iiberlegen, ob es nicht zweckmaBiger ist, einen Franzosen
an diesen Platz zu stellen. Er iiberblickt ein weiteres Feld
und kann vielleicht besser vorgehen. Groethuysen kommt
allerdings kaum in Frage und auch Etiemble wiirde sich in
einer Doppelstellung vielleicht befangen fiihlen.
Bitte, lassen Sie mich Ihre Meinung hieriiber wissen.
An Wiesengrund schreibe ich, urn ihn zu bitten, so zu
disponieren, daB wir uns Anfang Oktober in Paris sehen. Urn
diese Zeit will auch Etiemble zuruckkommen und wir werden
dann die Redaktion des Bandes in Angriff nehmen. —
Einige Angaben, die Ihr Bild von der Septembertagung in
Pontigny deutlicher machen konnen, sandte ich Ihnen mit
meinem letzten Brief. Informationen, die ich mir seitdem
verschafft habe, machen mir die Reserve, die aus Ihrem letz-
ten Brief spricht, besonders verstandlich. [. . .]
Sollte sich fur das Institut meine Berichterstattung lohnen,
so wiirden Sie mir gewiB die Teilnahme der Tagung im Rah-
men der Angaben meines letzten Brief es ermoglichen. An-
dernfalls wiirde ich noch in den September hinein in Dane-
mark bleiben, um den fertigen Aufsatz iiber Fuchs nach Paris
mitzubringen.
Sie fragen mich nach meinem Vetter, Dr. [Egon] Wissing.
Von ihm selbst wissen Sie, daB wir seit langen Jahren be-
freundet sind. (Die beiderseitige Leidenschaft fur alte Biicher
war das Erste, was uns zusammenfuhrte, trotzdem wir Ver-
wandte waren.) Unsere Freundschaft wurde um die Wende
der dreiBiger Jahre zu einer sehr nahen, so daB der Tod von
Wissings Frau, der dann bald (1933) eintrat, auch mich
schwer traf . 2
Fiir Wissing war dieser Tod leider nur das schmerzlichste
in einer Kette von MiBges chicken, die ihm die letzten Jahre
gebracht haben. Er hat sich, trotz begriindeter depressiver
718
Hemmungen, immer wieder mit groBer Mannhaftigkeit und
(wie sein letztes deutsches Intermezzo beweist) nicht minder
groBem Geschick aus alien Verstrickungen befreit. [. . .] Nach
den bisherigen Brief en, die er mir aus New York schrieb,
scheint ihm der Aufbau seiner Existenz wirklich zu gliicken.
Jedenfalls betrachte ich es als eine groBe Hoffnung, daB
Sie ein Verhaltnis zu einander gefunden haben und daB er
an Ihnen und Ihrer Frau eine Stiitze besitzt.
Nehmen Sie in Gemeinschaft mit Ihrer Frau und Ihren
Freunden meine herzlichen GriiBe
Ihr Walter Benjamin
1 Wahrscheinlich Bernhard Groethuysen, der damals bei Gallimard
tatig war.
2 Sie starb 1934.
281 An Werner Kraft
Svendborg, 11. August 1936
Lieber Herr Kraft,
Leider bin ich auf mehrfache Weise in Ihrer Schuld. Langst
hatte ich sie, soweit das in meinen Kraften steht, abgetragen,
wenn nicht der vorige Monat mir die Ruhe verweigert hatte,
die selbst fur eine fluchtige AuBerung auf so groBe Entfer-
nung erforderlich ist.
Auf andere Weise beriihrt die gleiche Schuld aber wohl
auch eine Grenze der derzeit mir zur Verfiigung stehenden
Kraft. Ich meine die Kraft, mich fur kurze Zeit geistig mehr
oder weniger entschieden zu expatriieren. Eben das hatte
Ihr „ Heine" erfordert — nicht Ihre Auswahl sonderri die ihr
zu Grunde liegenden Materien. l Was die Materien angeht,
so sind mir gegenwartig einzig und allein seine politischen in
etwas assimilierbar — nicht dagegen, wie ich mir eingestehen
muB, seine poetischen. Der Text war mir wertvoll und unter-
richtend, aber es hieB vermutlich das Unmogliche von ihm
719
verlangen, derzeit die Stimmung von Heines dichterischem
Klang in mir zu erwecken. Nicht daB dies mich vom auf-
merksamen Lesen Ihres Bandes abgehalten hatte - sondern
vielmehr hat dessen aufmerksame Lektiire es mir ganz klar
gemacht. DaB darin kein Urteil, sondern eine ganzlich un-
maBgebliche und sehr bedingteReaktion zu sehen ist,brauche
ich Ihnen nicht zu sagen.
Im tibrigen wird niemandem klarer als Ihnen sein, daB
gerade heute die Aufrechterhaltung einer selbst bescheiden-
sten Arbeitsdisposition verlangt, gewissen subjektivstenReak-
tionen Raum zu gewahren. Wir alle konneri uns fragen, wie
lange wir uns der Halfte der Erdkugel, auf welcher wir uns
befinden, selbst unter Aufbietung iiuBersten Leichtsinns -
wie gegenwartig — noch werden anvertrauen konnen. Und ob
wir nach Ablauf einer gewissen Frist noch Zeit haben wer-
den, diese Halfte mit der anderen zu vertauschen.
Ich weiB nicht, ob die palastinensischen Vorgange Ihnen
ermoglichen, den spanischen eine erhebliche Aufmerksamkeit
zuzuwenden. Immerhin werden Sie darin mit mir einig sein,
daB der dortige Kampf von groBer Bedeutung auch fur uns
werden kann. (Es war iibrigens ein sonderbares Gefiihl, das
mich gestern bei der Nachricht iiberkam, daB auch Ibiza
Schauplatz des Biirgerkrieges geworden ist.) Ich entbehre es,
hier keine franzosischen Zeitungen zu finden. Weniges ist ja
bedeutsamer als die Wirkung der spanischen Dinge auf die
franzosischen. Ich bin auf die Ubersetzungen aus danischen
Zeitungen und auf den Rundfunk angewiesen.
Hier werde ich bis Ende des Monats, wenn moglich noch
langer bleiben. Es kann immerhin sein, daB ich genotigt sein
werde, Anfang September einen KongreB in der Bourgogne
zu besuchen. Gestern traf das zweite Heft des „Wort" - der
neuen in Moskau deutsch erscheinenden Literaturzeitschrift —
hier ein. Brecht war, wie Sie sich denken konnen, sehr un-
willig in dem ungezeichneten und daher die Verantwortlich-
keit der Redaktion, der auch er angehort, angehenden „Vor-
wort" einige sehr tbrichte und respektlose Worte iiber Kraus
zu lesen. Sie unterschieden sich allzuwenig von dem scham-
losen Text, den Benkard aus AnlaB des Todes in der Frank-
720
furter Zeitung hat drucken lassen. DaB dieser Tod Sie hart
trifft, verstehe ich wohl. Ich bin Ihnen dankbar fur die Kopie
der Briefstelle seiner Freundin.
Ob unter Umstanden wie den angedeuteten die Redaktion
des „Wort" ihre gegenwartige Zusammensetzung lange bei-
behalten wird, weiB ich nicht. Ich ware daran inter essiert,
daB sie es wenigstens solange tut, bis der Versuch, den nur
Brecht unternehmen kann, meine Arbeit iiber das „Kunst-
werk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" in
deutscher Fassung dort erscheinen zu lassen, gemacht wor-
den ist.
Hiermit komme ich auf einen zweiten Umstand, der der
Entschuldigung bedarf . Die Notwendigkeit, den f ranzosischen
Text der Arbeit einer Anzahl von Pariser Interessenten zu
senden, hat sich so ausgewirkt, daB mir fiir meine Freunde
kaum Exemplare bleiben. Eines habe ich an Scholem gesandt,
da er ein fast vollstandiges Archiv meiner Schriften besitzt.
Ich habe ihn gebeten, Ihnen den Druck auf Wunsch zugang-
lich zu machen. Es ware mir sehr wichtig zu horen, was Sie
von dieser Arbeit halten.
1 Heine, Gedicht und Gedanlce. Berlin 1936.
282 An Max Horkheimer
Skovbostrand per Svendborg, 51. Aug. 1936
Lieber Herr Horkheimer,
ich danke Ihnen fiir Ihren freundlichen Brief vom 17ten
August. Meinen ersten aus Danemark werden Sie inzwischen
erhalten haben.
Es ist mir zuguterletzt sehr willkommen gewesen, daB Sie
mir beziiglich der Tagung in Pontigny freie Hand gelassen
haben und ich habe Ursache, IKnen besonders dafiir zu
danken.
721
- Ich werde nicht an ihr teilnehmen. Die Schiffsverbindun-
gen mit dem Kontinent liegen so, daB ich, um rechtzeitig zum
KongreB zu kommen, eine voile Woche vorber von hier ab-
fahren miiBte. Diese Wocbe ginge sowohl fur meine Erho-
lung wie fiir meine Arbeit (die hier erfreulicherweise zu-
sammenf alien) verloren; auch wiiBte ich, da ich mein pariser
Zimmer bis Ende September vermietet habe, nicht recht, wo
ich sie zubringen sollte. So werde ich vorderhand in Dane-
mark bleiben.
Es ist im iibrigen, darin werden wir gewiB gleich empfin-
den, ein diisterer Sommer. Ich verf olge die Ereignisse in
RuBland natiirlich sebr aufmerksam. Und mir scheint, ich
bin nicht der einzige, der mit seinem Latein zuende ist. [. . .]
Aber wer weiB, was auf der weltpolitischen Tagesordnung
stent, wenn wir uns in hoffentlich nicht ferner Zeit wieder-
sehen.
Ich hoffe, daB Sie, ungeachtet der Hitze, zum GenuB Ibres
Sommeraufenthalts kommen. Hier macht sich die Sonne
eher rar.
Mit den herzlichsten GriiBen, die ich Sie bitte auch Ihrer
Frau und Herrn Pollock zu sagen
Ihr Walter Benjamin
283 An Max Horkheimer
Paris, 13.0ktober 1936
Lieber Herr Horkheimer,
bevor ich meinen Bericht aufnebme, mochte ich Ihnen mei-
nerseits herzlichen Dank dafiir sagen, daB Sie den hiesigen
Aufenthalt von Wiesengrund moglich gemacht haben. Unsere
Aussprache, die doch jahrelang angestanden hatte, lieB eine
Gemeinschaft in den wichtigsten theoretischen Intentionen
erkennen, die sehr erfreulich war, ja belebend wirkte. Diese
Ubereinstimmung hatte, angesichts unserer langen Tren-
nung, bisweilen etwas beinahe Erstaunliches.
722
Das unserer Aussprache zugrundeliegende Material: der
Jazz-Essai1, die Reproduktionsarbeit, der Entwurf meines
Buchs und eine Anzahl methodischer Reflexionen dazu von
Wiesengrund - dies Material war grofi genug, um die grund-
satzlichsten Fragen in Angriff zu nehmen. Und die uns zur
Verfugung stehende Zeit war im Verhaltnis zu den anhan-
gigen Fragen so kurz, dafi wir den Komplex der materialisti-
schen Erkenntniskritik, wie Wiesengrund sie sich in der
Oxf order . Arbeit 2 vorgesetzt hat, kaum hatten angreif en
konnen, selbst wenn uns das Manuskript vorgelegen hatte.
Unser nachstes Gesprach wird hoffentlich um dieses Funda-
ment bereichert sein, ebenso wie um gewisse Abschnitte mei-
nes Buchs, die ich nach AbschluB der Fuchs- Arbeit in Angriff
zu nehmen gedenke.
Die abgelaufene Woche hat in mir den regsten Wunsch er-
weckt, die Beratung iiber die wissenschaftliche Linie des
Instituts, die Sie in Ihrem Brief v. 8. September ins Auge
f ass en, mochte in absehbarer Zukunft stattfinden. So no tig
sie durch die Zeitumstande geworden ist, so viel verspreche
ich mir von ihr.
Ich bin mit Wiesengrund ubereingekommen, meinerseits
Ihnen eingehend iiber den Stand der tjbersetzerfrage zu be-
richten, wahrend er Ihnen die Situation bei Gallimard dar-
stellt. Ich neide ihm seine Aufgabe nicht. Dennoch will ich
mit einem Wort auf die Dinge eingehen, soweit mein Anteil
an ihnen in Frage kommt.
[. . .] Groethuysen hat sich [. . .] zu einer Initiative erbotig
gemacht, ohne sie im geringsten durchdacht zu haben. Es
diirfte ihm einzig und allein darauf angekommen sein, einen
prasumptiven EinfluB vor Ihnen ins Licht zu riicken. Als er
auf Schwierigkeiten stieB, anderte er (offenbar allmahlich
und ohne irgendwelche bewufite Kontrolle) seine Verhal-
tungsweise.
In welchem MaBe Groethuysen unkontrollierten Reflex en
ausgeliefert ist, ergab sich recht kraB in der letzten Verhand-
lung. Es kam da die Subventionsfrage zur Sprache, die, wie Sie
wissen, seit Monaten in alien Details geklart war. Groethuy-
sen dagegen bot, als ich eine diesbeziigliche Frage von ihm
723
mit dem Hinweis darauf erledigte, den Anblick einesMannes,
der nun endlich freie Bahn vor sich sieht. Das hinderte ihn im
ubrigen nicht, sich weiter jeder entschiedenen Auskunft zu
entziehen. Es handelt sich um „Fehlleistungen", in deren
Mechanisnrus kein wirklicher Einblick zu gewinnen war, so-
lange Etiemble die Ubersetzung in der Hand hehalten hatte
und Groethuysen alles in allem doch Kurs auf die N. R. F.
hielt.
[. • •]
Mit einem Wort mochte ich Ihnen zum SchluB von dem
groBen Eindruck sprechen, den „Egoismus und Freiheits-
bewegung" 3 auf mich gemacht hat. Von alien, z. T. mir sehr
wichtigen Einzelheiten sehe ich dabei ab: von der geschicht-
lichen Perspektive der Redekunst, die Sie von Sokrates iiber
die Predigt bis in die gegenwartige Volksversammlung ver-
folgen; von Ihren Ausf uhrungen iiber „diemedizinmannische
Gewichtigkeit" unseresKulturbetriebs; von Ihrer Entlarvung
des beliebten Appells an die Jugend. Das Eine, worauf es mir
ankommt, darf ich vielleicht so f ormulieren : daB der Geist
jener Notizen, die ich zuerst im Beisein von Asja Lacis bei
Ihnen in Cronberg horte, in dieser Arbeit den Konstruktions-
zusammenhang selbst bestimmt. Es handelt sich, wenn ich
recht sehe um einen doppelten Tatbestand.
Einmal ist es die Transparenz, mit der die konventionelle
Moral als Faktotum in der Denkokonomie des neurotischen
Individuums erscheint. Zum andern ist es die Kritik der fran-
zosischen Revolution nach ihrer ideologischen Seite. Und das
Entscheidende — der Zusammenhang dieser beiden Momente.
Die Einsichtigkeit, mit der der anthropologische Typus, den
Sie kennzeichnen, alsMiBgeburtdemSchoBederbiirgerlichen
Revolution entsteigt. Ich glaube, daB die politische Pragung
Ihrer These, die den Revers ihrer philosophischen Wahrheit
darstellt, niemandem eindrxicklicher sein kann, als dem, der
unter den hiesigen franzosischen Intellektuellen zu Hause ist,
und mit den Illusionen Bekanntschaft gemacht hat (und mit
den Folgen dieser Illusionen wer weiB welche Bekanntschaft
noch machen wird!), die sich aus dem Kult der groBen Revo-
lution ergeben, oder ihn vielmehr bilden.
724
Ich schlieBe mit sehr herzlichen GriiBen an Sie, Ihre Frau
und an Ihre Freunde
Ihr Walter Benjamin
1 [Adorno :] Uber Jazz ; unter dem Pseudonym Hektor Rottweiler er-
schienen in der Zeitschrift fiir Sozialforschung 5 (1956), S. 235-259.
2 Erst zwanzig Jahre spater verbff entlicht : Zur Metakritik der Er-
kenntnistheorie. Studien iiber Husserl und die phanomenologischen
Antinomien. Stuttgart 1956.
3 Zeitschrift fiir Sozialforschung 5 (1936), S. 161-234. .
284 An Max Horkheimer
Paris, 24. Dezember 1936
Lieber Herr Horkheimer,
zweifach und herzlichst mochte ich Ihnen danken. Einmal fiir
Ihren Brief vom l5ten des Monats, in dem Sie mir die Hin-
weise meines Sohnes wegen geben.
Vorgestern habe ich Ihren Aufsatz1 iiber Haecker gelesen.
Das von Ihnen besprochene Buch kenne ich nicht. Dagegen
habe ich mich vor mehreren Jahren in der „Literarischen Welt"
mitHaeckers „Vergil" befafit2. Ihr Aufsatz atmet-so scheint
mir — bei aller MaBigung die unbeirrbare Entschlossenheit
dessen, der gewillt ist, nun einmal deutsch zu reden. Sehr be-
deutsam steht die chinesische Geschichte darinnen. — Was Sie
iiber die Schwermut des Materialisten sagen, beriihrt mich
von einer besonderen Seite : ich meine, in meiner alten Liebe
zu Gottfried Keller. Dessen groBartige Traurigkeit war wirk-
lich die von bunten Faden der Lust durchzogene materia-
listische:
„Langsam und schimmernd fiel ein Regen,
in den die Abendsonne schien."
Aber das ist ein langes Kapitel. Sicherlich ist es mir von alien,
die fiir das materialistische Lesebuch vorgesehen sind, das-
jenige, dessen Funde die iiberraschendsten sein konnten.
725
Auf andere Weise spielt Ihr Aufsatz in das Gesprach hin-
ein, das sich gestern, bei unserer ersten Bekanntschaft, zwi-
schen [Franz] Neumann und mir entspann. Neumann sprach
von einer gegenwartig unter der jungen Generation ameri-
kanischer Juristen verbreiteten Parole, in der Rechtswissen-
schaft so sehr wie.moglich die Terminologie - nicht die iiber-
kommene allein sondern jedwede wissenschaftlicbe — zu
vermeiden, urn sich ganz und gar an die Sprache des Alltags
anzuschlieBen. DaB das Rechtswesen dergestalt fur jedebelie-
bige Demagogie mobilisiert zu werden droht, liegt auf der
Hand. Trotzdem scheint mir hier eine Tendenz vorzuliegen,
die in andern Bereichen nicht unter alien Umstanden so zwei-
schneidig sein muB wie im juristischen. Ich denke besonders
an das philosophische und frage mich (das wurde auch bei
Wiesengrunds Hier sein verhandelt), wieweit der „Abbau der
philosophischen Terminologie" ein Nebeneffekt des dialek-
tisch-materialistischen Denkens ist.
Die materialistische Dialektik scheint mir unter anderm
dadurch von den Schullehren abzuweichen, daB sie von Fall
zu Fall neue Begriffsbildungen verlangt; weiterhin aber da-
durch, daB sie solche verlangt, die tiefer in den Sprachschatz
eingebettet sind als die Neologismen der Fachsprache. Sie gibt
dem Denken damit eine gewisse Schlagfertigkeit und das Be-
wuBtsein davon verleiht ihm eine Ruhe und Uberlegenheit,
aus der es sich nicht leicht provozieren laBt. Die materialisti-
sche Dialektik so will ich sagen, konnte auf eine gewisse Frist
sehr wohl den Gewinn eines Vorgehens haben, das seinerseits
von der Taktik bedingt sein mag.
Ich breche hier ab in der Meinung, Sie werden erkennen,
wie sehr mir gerade Ihre letzten Texte zu diesen Uberlegun-
gen verholfen haben.
Zum SchluB nochmals meinen Dank und meine herzlich-
sten GriiBe.
Ihr Walter Benjamin
1 Zu Theodor Haecker : Der Christ und die Geschichte, in : Zeitschrift
fur Sozialforschung 5 (1936), S. 372-383.
2 Jetzt Schriften II, S. 315-323.
726
28 J An Max Horkheimer
Paris, 31. Jan. 1937
Lieber Herr Horkheimer,
ich danke Ilinen vielmals fur Ihre Briefe vom 30ten Dezem-
ber und 1 lten Januar und fur die freundlichen Wunsche, die
Sie zu Beginn des zweiten aussprechen.
[. • J
Was mich betrifft, so bin ich ausschlieBlich mit der Arbeit
iiber Fuchs beschaftigt. In drei Wochen soil der Text vorlie-
gen. Zur Grundlage der Darstellung mache ich die Doppel-
natur des Mannes, die er als Popularisator und Sammler ent-
faltet hat. Ich hoffe so neben den nicht zu libersehenden
Grenzen seiner Leistung die bedeutsamen Ziige seiner Natur
zur Geltung zu bringen.
In meinem letzten Brief habe ich etwas leichtfertig einen
Gegenstand beriihrt, den ich zunachst nur redend zur Sprache
hatte bringen sollen. Eine Abschaffung der philosophischen
Terminologie kann natiirlich nicht zur Debatte stehen. Wenn
Sie sagen, daB geschichtliche Tendenzen, „die in bestimmten
Kategorien aufbewahrt sind, auch im Stil nicht verloren
gehen" diirfen, so mache ich mir das durchaus zu eigen. Nur
mochte ich dsmit eine weitere Uberlegung verbinden; und
vielleicht korrigiert sie das MiBverstandliche meiner Formu-
lierungen. — Ich meine, es gibt einen Gebrauch der philoso-
phischen Terminologie, der einen nicht bestehenden Reichtum
vortauscht. Er iibernimmt die Termini ohne Kritik. Dagegen
schlieBt die konkrete dialektische Analyse des jeweiligen
Gegenstandes der Untersuchung die Kritik der Kategorien
ein, in denen er in einer fruheren Schicht der Wirklichkeit
und des Denkens bewaltigt wurde. (Ich hatte neulich nicht
nur das Gesprach mit Neumann im Sinn sondern auch das
triibe Exempel von Mannheims „Mensch und Gesellschaft",
das ich durch Wiesengrund kennen lernte.)
Im ubrigen kann gewiB Allgemeinverstandlichkeit kein
Kriterium sein. Nur wohnt der konkreten dialektischen Ana-
lyse wohl erne gewisse Transparenz im Einzelnen inne. Die
727
Allgemeinverstandlichkeitdes Ganzen stent freilich auf einem
andern Blatt. Hier gilt es der Tatsache ins Auge zu sehen, die
Sie kennzeichnen: daB auf lange maBgeblich fiir die Ber-
gung und Oberlieferung der Wissenschaft und der Kunst
kleine Gruppen sein werden. Es ist in der Tat nicht an der
Zeit, das was wir, wohl nicht ganz mit Unrecht, in Handen
zu halten glauben, in Kiosken zur Schau zu stellen; vielmehr
scheint es an der Zeit, an seine bombensichere Unterbringung
zu denken. Vielleicht liegt die Dialektik der Sache darin: der
nichts weniger als glatt gefiigten Wahrheit ein Gewahrsam
zu geben, das glatt gefiigt ist wie eine Stahlkassette.
[...]■
Das Buch von Gide hatte ich gerade vor als Ihr Hinweis
darauf in meine Hande kam. Die Stelle uber die Religion ist
ausgezeichnet; wohl die beste des Buches. - Zu den gegen-
wartigen Vorgangen in der Union fehlt mir jeder Schliissel.
Fiir heute schlieBe ich mit herzlichen GriiBen
Ihr Walter Benjamin
286 An Gerhard Scholem
Paris, 4. April 1937
Lieber Gerhard,
es hat mich auBerordentlich gefreut, daB Du Charakter und
Intention des Briefbuchs so durchaus verstanden hast. Genau
der Dir unerfullt gebliebene Wunsch war der meine: das
Buch auf den doppelten Umf ang zu bringen. Diesen Wunsch
in der Emigration zu verwirklichen, konnte ich nicht mehr
hoffen; allenfalls hatte ich es, auf die schweizer Bibliotheken
oder die des Britischen Museums gestiitzt versuchen konnen
— in Paris niemals. Es tut mir auch um manchen Kommen-
tars willen leid — schwerlich hatte ich einen lieber geschrie-
ben als den zu dem unvergleichlichen Briefe der Rahel beim
Tod von Gentz.
Ich freue mich, daB Dein Leben nun bald.wieder seinen
728
bestimmten Rahmen haben wird und gratuliere Dir und Dei -
ner Frau zu der neuen Wohnung. Die GriiBe Deiner Frau
erwidere ich herzlich. Wenn dieses Jahr ohne den Ausbruch
des Krieges zu bringen hingeht, so kann man in die aller-
nachste Zukunft vielleicht ein wenig getroster sehen und daB
ich in solch hellere Farbe mit Freude unser Wiedersehen ge-
taucht sahe brauche ich Dir nicht zu sagen - sei es daB die
Zinnen Jerusalems sei daB die graublauen Fassaden der Bou-
levards seinen Hintergrund ausmachen.
Schmucke mich nunmehr vor Deinem geistigen Auge mit
einer Heroldsriistung und versetze mich an den Bug eines
die Mittelmeerbrandung pf eilschnell durchschneidenden Vier-
masters, denn nur so kann die groBe Kunde gebiihrend zu
Dir getragen werden: der „Fuchs" ist beendet. Sein fertiger
Text hat nicht ganz den Charakter der Penitenz, als die Dir
die Arbeit an ihm, mit groBem Anschein des Rechts, erschie-
nen ist. Er enthalt vielmehr in seinem ersten Viertel eine An-
zahl von wichtigenUberlegungen zumdialektischenMateria-
lismus, die provisorisch auf mein Buch abgestimmt sind.
Meine folgenden Arbeiten werden sich auf dieses Buch nun
wohl unmittelbarer zu bewegen.
Der „Fuchs" hat groBen Beifall gefunden. Ich habe keinen
Grund zu verschweigen, daB der mit ihm geleistete tour de
force ebenso betrachtlich wie unbetrachtlich sein AnlaB ist.
Ich hoffe, daB Du den Aufsatz vor Ablauf des Jahres noch im
Druck erhalten wirst. Mich freut jedes Mai, von der Obhut
zu horen, die Du der Sammlung meiner Schriften zuteil wer-
den laBt. Bange Ahnungen sagen mir, daB eine liickenlose
Sammlung von ihnen heute vielleicht nur unsere vereinten
Archive darstellen konnten. Denn so exakt ich in der Verwal-
tung des meinen bin, so habe ich durch den iiberstiirzten Auf -
bruch aus Berlin und die unstete Existenz der ersten Emigra-
tions] ahre vermutlich doch einige Stuck e eingebuBt. Freilich
von eignen Arbeiten gewiB nur sehr weniges. Dagegen eine
verhaltnismaBig vollstandige Sammlung der iiber mich er-
schienenen offentlichen AuBerungen vorlaufig ganz. Fur die
kannst freilich auch Du keinen Ersatz stellen. Aus der letzten
Zeit fehlt Dir Nummer 5 vom ersten Jahrgang des „Wort"
729
(Moskau), in dem ich einen Essay iiber faschistische Kunst-
theorie habe1. Ich gebe meine Bemlihungen ihn Dir zu ver-
schaffen, noch nicht auf .
Der von Dir angekiindigte hebraische Text 2 stent noch aus.
Hier ist herrliches Wetter. „Ich wollte, daB jemand kame,
und mich mitnahme" — hinaus.
[....]■
Damit will ich fur heute schlieBen. Schreibe recht bald.
Herzlichst Dein Walter
4. April 1937
PS Sehr genau wurde ich iiber die letzten Lebenswochen von
Karl Kraus letzthin unterrichtet. Sie sind dieses groBen Lebens
wiirdig; und nachdem man von ihnen vernommen hat, er-
scheint einem das Ende Timons von Athen wie eine Dichtung
von Frieda Schanz, verglichen mit dem shakespearischen
Weltgeist der das von Kraus dichtete.
1 Paris er Brief. Andre" Gide und sein neuer Gegner. Das Wort 1936,
Heft 5, S. 86-95.
2 Ein umfangreicher Essay iiber die haretische Theologie der jiidi-
schen Anhanger Sabbatai Zwis: „Erlosung durch Siinde".
287 An Gerhard Scholem
San Remo, 2. Juli 1937
Lieber Gerhard,
leider habe ich die Hoffnungen, die Du im Brief vom 7. Mai
aussprichst, nicht erfiillen, nicht bald von mir Nachricht, ge-
schweige am Tage nach Eingang Deines Schreibens einen
Bericht iiber Karl Kraus geben konnen.
Die letzten pariser Monate sind etwas turbulent verlaufen;
die so richtig von Dir vermutete Verschlechterung des okono-
mischen Klimas in Paris - mehr eine Folge der franzosischen
Finanzpolitik als der Weltausstellung - hat mir eine Reihe
730
miihseliger Demarchen aufgenotigt. Und ich bin, ihrer unge-
achtet, noch immer nicht dazu gelangt, mich der bescheide-
nen Verbesserung des Lebensstandards, den mir das Friihjahr
zu bringen schien, auch weiterhin zu versichern — und sei es
in engsten Grenzen. Vielmehr sehe ich beklommen in die Ab-
flucht der nachsten Monate.
DaB dies alles recht eigentlich zu nehmen ist, wirst Du
verstehen, wenn ich Dir erzahle, daB ich bisher noch keinen
Schritt auf das Gel and e der Weltausstellung get an habe. Was
mich in etwa sonst vom Briefschreiben abhalten konnte, wird
Dir hoffentlich noch in diesem Jahre gedruckt vor Augen
kommen. Fur diesmal will ich nur berichten, daB die sanreme-
ser Wochen ganzlich dem Studium C G Jungs vorbehalten
sind. Es ist mein Wunsch, mir methodisch gewisse Funda-
mente der „Pariser Passagen" durch eine Kontroverse gegen
die Lehre von Jung, besonders die von den archaischen Bil-
dern und vom kollektiven UnbewuBten zu sichern. Das hatte
neben seiner internen methodischen Bedeutung eine offent-
lichere politische; vielleicht wirst Du gehbrt haben, daB Jung
neuerdings mit einer eigens ihr reservierten Therapie der
arischenSeele an dieSeite gesprungen ist. Das Studium seiner
Essaybande aus dem Anfang dieses Jahrzehnts — deren ein-
zelne Stiicke teilweise ins vorige zuriickreichen - belehrt mich
dariiber, daB diese Hilfsdienste am National-Sozialismus von
langer Hand vorbereitet waren. Ich gedenke bei dieser Gele-
genheit der besondern Figuration des arztlichen Nihilismus
in der Literatur — Benn, Celine, Jung — nachzugehen. Aller-
dings steht es noch nicht fest, daB ich mir den Auftrag fiir
diese Arbeit zu sichern vermogen werde.
Den „Erzahler" wirst Du erhalten haben; der nachste Text,
den ich Dir zukommen lassen kann, wird vermutlich der
„Eduard Fuchs" sein.
[. . .]
Die herzlichsten GriiBe Dein Walter
731
288 An Fritz Lieb
SanRemo, 9. 7. 1937
Lieber Fritz Lieb,
dieses befremdliche Briefpapier mag Dir ankiindigen, daB ich
aus der Fremde schreibe — wenigstens wenn ich Paris als Hei-
mat setze. Denn in anderm Sinn bin ich zur Zeit „zu Haus"
— im Hause meiner friiheren Frau in San Remo. Wir erwar-
ten Stefan [. . .].
SaBen wir beisammen: Du in der Verfassung, in der Du
Deinen Brief an mich richtetest, ich, wie ich gegenwartig an
diesem schreibe — wir hatten uns der harmonischsten Ver-
drossenheit zu erfreuen gehabt. Ob ich aber die meine so ge-
diegen verwerten kann, wie Du in der wundervollen Beschrei-
bung von Basel die Deinige, steht dahin. Ich frage mich, ob
es nicht vielleicht eine Art von weltgeschichtlichem Hall j ah r
gibt, in dem statt der Unfreien die Damonen sich ihres Da-
seins freuen und ob wir nicht in ein solches hineingerieten.
Ich kann mir vorstellen, daB wir durch unsere Lebensbedin-
gungen spiitern Geschlechtern so entstellt vorkommen, als
schleppten wir einen Knauel von MiBgeburten als damoni-
sche Parasiten mit uns herum.
Und aus welchem Fenster wir immer blicken, es geht ins
Triibe. Von dem okonomischen Guckloch, das einem bleibt,
nicht zu reden. Mir winkte, voriibergehend, ein wenig Blau
darinnen; inzwischen hat es sich wieder bedeckt. Die Hoff-
nung auf Besserung isthinausgeriickt; was aber nicht auf sich
warten laBt, ist die Teuerung. Erinnerst Du Dich an unsern
gemeinsamen quatorze juillet? Wie durchdacht erscheint jetzt
das MiBvergniigen, das wir damals nur halblaut zu auBern
wagten. Willst Du aber Deine Anschauung von der Politik
derVolksfront noch weiter f brdern, so wirf indiefranzosische
Presse der Linken einen Blick: sie alle hangen nur an dem
Fetisch der „ linken" Majoritat und es stort sie nicht, daB diese
die Politik macht, mit der die Rechte Aufstande provozieren
wurde. Nichts ist in dieser Hinsicht aufschluBreicher als die
Entwicklung von Vendredi, den ich seit zwei Jahren jede
732 ■ *
Woche lese. Niveau und Intelligenz seiner Mitarbeiter (der
immer gleichen!) sinken proportional mit der Dislocierung
der hinter ihnen stehenden Massen.
Auch arbeitstechnisch macht der Zustand der Dinge sich
bis in das mindeste Faktum fuhlbar. So wird vorlaufig mein
groBer Essay iiber Eduard Fuchs nicht erscheinen, um des-
sen endlose Verhandlungen umdieFreigabe seiner Sammlung
mit den deutschen Behbrden nicht ungiinstig zu beeinflussen,
gleichzeitig sehe ich einen Lieblingsplan seine fast greifbare
Gestalt wieder verlieren. Ich hatte eine Kritik der Jung'schen
Psychologie vor, deren faschistische Armatur ich mir aufzu-
zeigen versprochen hatte. Auch das ist aufgeschoben. Ich
wende mich jetzt einer Arbeit iiber Baudelaire zu.
Uber die Emigration weiB ich wenig zu sagen : von hier aus
noch weniger als von Paris aus. Die zerstorende Wirkung der
russischen Ereignisse wird notwendig immer weiter um sich
greifen. Und dabei ist das Schlimme nicht die schnellfertige
Entriistung der unentwegten Kampfer fiir die „Gedanken-
freiheit"; viel trauriger und viel notwendiger zugleich scheint
mir das Verstummen der Denkenden, die sich, eben als Den-
kende, schwerlich fiir Wissende halten konnen. Das ist mein
Fall, auch wohl der Deine.
Gide hat sein neues Buch „Retouches" 1 herausgegeben,
das sich mit seiner russischen Reise beschaftigt. Mir ist es
noch nicht zu Gesicht gekommen.
Hier lasse ich eine Bitte einfliefien: Du hast, glaube ich,
manche Gelegenheit, Leute, die etwas davon halten konnen,
mit meinen „Deutschen Menschen" bekannt zu machen. Ver-
siiume sie nicht.
Mit welcher Freude ich denLeBkow erhalten habe,brauche
ich Dir kaum zu sagen. GroB ist meine Betriibnis, daB er zur
Auskehr aufspielt.
Kommst Du im Oktober bestimmt nach Paris? Dann muBt
Du jetzt schon zwei (in Ziffern: 2) Abende fiir uns reservie-
ren. Hoffentlich* hast Du bis dahin einige von den sieben
Fakultatsschwaben mit dem Morgenstern Deines „Weigel"2
niedergeblitzt!
Nur weil ich Wert darauf lege, bei Theophrast3 als ein
733
Ehrenmann zu gelten, lege ich die 35 cts-Marke bei. Ich
trenne mich schwer von ihr, well sie Stefan gewiB f ehlt. Da-
mit er aber sieht, daB ein Ehrenmann ein gentilhomme ist,
lege ich ihm noch ein paar andere dazu.
Leider werde ich Ende des Monats, zum Philosophenkon-
greB, wieder in Paris sein miissen. Schreibe mir, bald und
noch hierher.
Und sei herzlich bedankt fur Deine Einladung. Nur
denke ich, leider, kaum, so bald in die Schweiz zu kommen.
Und dieser Dank gilt Deiner Frau ebenso. GriiBe sie von mir
und sei selbst herzlichst gegriiBt.
Dein Walter Benjamin
1 Andre* Gide: Retouches a mon Retour de l'U.R.S.S. Paris 1937.
2 Liebs Buch, Valentin Weigels Kommentar zur Schopfungsgeschichte
und das Schrifttum seines Schulers Benedict Biedermann. Eine literar-
kritische Untersuchung zur mystischen Theologie des 16. Jahrhun-
derts', das erst 1962 in Zurich erschien; der Autor widmete es dem
„Gedenken an meine beiden Pariser Freunde aus dem Hause Israel,
Lev Isaakovitsch Schestov und Walter Benjamin".
3 Liebs Sohn, der, wie Benjamins Sohn Stefan, Briefmarken sammelte.
289 An Gerhard Scholem
San Remo, 5. August 1937
Lieber Gerhard,
diese Zeilen, die fur Deinen Brief vom 10. Juli meinen Dank
sagen, schreibe ich in Paris, um 6 Uhr morgens. In Paris,
weil ich zurBerichterstattung iiber denhiesigenPhilosophen-
kongrefi von San Remo abberufen wurde; um 6 Uhr morgens,
weil eben dieser KongreB mir tags keine freie Minute lafit.
Es ware gewiB verfuhrerisch, Dir ein paar Worte iiber die-
sen KongreB zu schreiben; weit einladender ist aber von ihm
zu reden. Damit komme ich zu dem Teil des Briefes, dem
mein Dank an Dich und an Deine Frau an erster Stelle gilt.
734
Ich kame in der Tat, unter den von Dir angegebenen Be-
dingungen und fiir die gedachte Frist gerne zu Dir, gerne
nach Palastina. Und ich wurde Dir heute schon eine Zusage
schicken, ware ich in meinen Dispositionen unabhangig.
Rebus sic stantibus berichte ich dieser Tage ans Institut, was
ich vorhabe. Schwierigkeiten — dann allerdings solche, die
mich bestimmen wiirden, den Plan aufzugeben — werden
wohl nur entstehen, falls einer der Leiter im Winter Europa
zu besuchen gedenkt.
In ungefahr einem Monat hoffe ich Dir zusagen zu kon-
nen. Konstellationen, deren Darstellungen zu weit fiihren
wiirden, haben es mit sich gebracht, daB ich besonders genau
den Tagungen des Sonderkongresses gefolgt bin, den die
wiener logistische Schule — Bernay, Neurath, Reichenbach —
in diesen Tagen abhielt. Moliere n'a rien vu — darf man da
sagen. Die vis comica seiner debattierenden Arzte und Philo-
sophen verblaBt neben der dieser „empirischen Philosophen".
Auf dem HauptkongreB den deutschen Idealisten Arthur
Liebert zu horen, habe ich mir nicht nehmen lassen. Er hat
kaum die ersten Worte laut werden lassen, da fand ich mich
um funfundzwanzig Jahre zuriickversetzt, in eine Luft frei-
lich, in der man alle Faulnis der Gegenwart schon hatte wit-
tern konnen. Ihre Produkte saBen leibhaftig in Gestalt der
deutschen Delegation vor mir. [Alfred] Baumler ist ein-
drucksvoll: seine Haltung kopiert die von Hitler bis in das
Einzelne und sein Specknacken ist das vollendete Komple-
ment einer Revolverrmindung. — Leider versaumte ich die
alte Tumarkin (aus Bern) zu horen. /
Ich fahre mitte nachster Woche fiir ungefahr einen Monat
nach San Remo zuriick.
Mirbleibt unter den eingangs erwahnten Umstanden nichts
iibrig als mich kurz zu fassen. Zu der Dir bevorstehenden
- oder inzwischen erfolgten — Einladung nach New- York
sage ich Dir meine herzlichsten Gliickwunsche. (Kannst Du
unter Umstanden von dort aus mit mehr Aussichten auf Er-
folg etwas fiir Deinen Bruder versuchen?) Mich freut an die-
ser Einladung vor allem, daB sie uns fiir den Fall, daB ich
735
nicht sollte kommen konnen, eine Begegnung in Aussicht
stellt.
Ich wende mich einer neuen Arbeit zu die Baudelaire gilt.
Eh attendant habe ich in San Remo begonnen mich in die
Psychologie von Jung zu vertiefen - echtes und rechtes Teu-
felswerk, dem man mit weiBer Magie zu Leibe zu riicken hat.
Soviel fur heute. Schreibe doch bitte baldigst. Viel Gliick
zu den Prolegomena fiir das Kabbalawerk, von dem mich be-
sonders freut, daB es mir zuganglich wird.2
Herzlichst Dein Walter
1 Anna Tumarkins Vorlesungen hatten W. B. und Scholem 1918
gehort.
2 Die in Scholems New Yorker Vorlesungen gegebene Zusanamenf as-
sung seiner vieljahrigen Studien iiber die Kabbala erschien als Buch
(„Major Trends in Jewish Mysticism") erst 1941, ein halbes Jahr nach
W. B.'s Tod. So tragt das Buch, das 1957 auch deutsch erschien, nur
noch die Widmung „Dem Andenken an Walter Benjamin, dem lebens-
langlichen Freunde, in dessen Genius die Tiefe des Metaphysikers, das
Eindringen des Kritikers und das Wis sen des Gelehrten sich trafen".
290 An Max Horkheimer
Paris [10. 8. 37]
Lieber Herr Horkheimer,
diesen Augenblick hore ich zu meiner Freude, daB Sie im
Laufe des August nach Europa kommen. Ich hoffe, das bedeu-
tet, daB ich Sie noch in diesem oder Anfang des nachsten
Monats sehe.
Ich stelle darum die Gegenstande, iiber die ich Ihnen die-
ser Tage brief lich berichten wollte, zuriick und beschranke
mich darauf, Ihnen zu sag en, wie sehr ich mich iiber das be-
vorstehende Erscheinen des „Fuchsu freue.
Ihren Aufsatz „Traditionelle und kritische Theorie" l habe
ich gelesen; wie Sie vermuten werden mit ganzlicher Zustim-
mung. Wie Sie die Atmosphare, in der unsere Arbeit vor sich
geht, kennzeichnen und welche Ursachen Sie ihrer Isolierung
736
geben, betrifft mich besonders. Wir werden gewiB auch von
diesen Dingen sprechen.
Ich verlasse Paris vermutlich am gleichen Tage wie Wie-
sengrund, namlich am 12ten. Mein Sohn ist mittlerweile in
San Remo angekommen. Ich werde mir selbst ein Urteil iiber
seine jiingste Entwicklung zu bilden suchen. [. . .]
Darf ich Sie bitten, mir sogleich nach Ihrer Ankunft
- wenn nicht noch von New York aus — zu schreiben, wo und
wann ich Sie treffen kann?
Bitte gehen Sie davon aus, daft ich ohne Schwierigkeiten
von einem Tag auf den andern kommen kann, und zwar
ebensowohl riach Genf wie nach Paris.
Mit herzlichem Grufi Ihr Walter Benjamin
1 Zeitschrift fur Sozialforschung 6 (1937), S. 245-294.
291 An Karl Thieme
Boulogne, 10. Oktober 1937
Lieber Herr Thieme,
die Umstande stellen mich vor ein unliebsames Dilemma, das
ich, indem ich Sie von ihm unterrichte, entscheide. Ich hatte
die Wahl, diese Zeilen auf unbestimmte Zeit hinauszuschie-
hen oder aber ihnen das zu entziehen, was ihnen in Ihren
Augen zur Not einigen Wert hatte geben konnen: Bemer-
kungen, die ich zu Ihrem Aufsatz „Marxismus und Messianis-
mus" x zu machen gedachte.
Als ich aus den Sommerferien heimkehrte fand ich durch
eine nicht vorherzusehende Machination meiner ehemaligen
Wirtsleute mein Zimmer unter fremder Okkupation. Ich
hatte alle Hande voll zu tun, meine wichtigsten Papiere in
Sicherheit d. h. in ein provisorisches Quartier uberzufuhren.
Mit meiner Bibliothek konnte ich das noch nicht durchfiihren
und somit bin ich derzeit noch ohne die Moglichkeit, den
Text Ihres Essays mir zum zweitenmal zu vergegenwartigen.
737
Ich weiB, daB er mir bei der ersten Lektiire zu Reflexionen
AnlaB gab, die ich mir vorsetzte, Ihnen mitzuteilen. In dieser
Sache miissen wir uns demnach noch gedulden. Dafur kann
ich Ihnen, unterm unmittelbaren Eindruck Ihrer Kritik an
Weidle mein Einverstandnis zumindest mit der grundsatz-
lichsten Ihrer Reserven gegen das Buch mitteilen : ich meine
mit Ihrer Verwahrung gegen den simplen AnschluB an die
vorliegenden, zumeist von Mode urid Kompromissen beein-
fluBten Versuche christlich-religibser Kunst. Was ich mir
allenfalls dazugewiinscht hatte, ware ein Wort iiber die be-
sonders fahrlassige Handhabung des Begriffes „Stil" bei
Weidle gewesen. Er hat keine Vorstellung davon, wie sehr
das was wir Stile nennen mitbestimmt von dem jahrhun-
dertelangen Uberdauern der Produkte ist, an denen wir -ihn
vorfinden. Er scheint mir uberhaupt keinerlei Einblick in die
Dimension des Historischen zu haben und es ist sein planes
Argumentieren aus einer „Zeitlage" heraus, das mir den
journalistischen Einschlag seiner Darlegungen auszumachen
scheint, der in einigem MiBverhaltnis zu seinen sakularen
MaBstaben steht.
Wenn ich fur einen Augenblick auf den „Erzahler" zu-
riickkommen darf , so merke ich an, daB der Hinweis auf die
apokatastasis des Origenes bei mir lediglich als immanente
Explikation von LeBkows Vorstellungswelt gedacht war. Ich
selbst wollte zu dem Gegenstand nicht das Wort ergreifen.
Im iibrigen konnte ich mir denken, daB ich es friiher getan
hatte: daB Wiesengrund es getan hat, entnehme ich Ihrem
Brief. Wo findet sich dieser Begriff der „opferlosen" Erfiil-
lung"2 bei ihm? — Fiir alles, was Sie mir kiinftig etwa zur
Lehre vom „Aufschub" des Gerichts mitteilen konnen, bleibe
ich Ihnen sehr verpflichtet.
Begegnet Ihnen in Basel Fritz Lieb gelegentlich? Dann
griifien Sie ihn bitte von mir. Zur Zeit ist Brecht hier. Er hat
sich ein wenig um eine franzosische Neueinstudierung der
Drei-Groschen-Oper gekummert und studiert derzeit mit
seiner Frau ein kleines Stuck ein, das im spanischen Biirger-
kriege spielt3.
Dank fiir Ihre Nachfrage nach den „Deutschen Men-
738
schen". Es scheint, daB sie ihren Weg machen. Je verschlun-
gener der sich durchs deutsche Land windet, je weniger er
sich mit den LandstraBen iiberschneidet, desto besser!
Mich selber weist alles noch mehr als sonst auf den ein-
geschrankten Kreis weniger Freunde und den engern oder
weitern der eignen Arbeit hin.
Mit meinen herzlichen GriiBen —
Ihr Walter Benjamin
1 Vermutlich „Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen friih-
christlicher und marxistischer Eschatologie". In: Religiose Besinnung,
Jg. 4, 1931.
2 Wohl in einem Brief von Adorno gebraucht.
3 „Die Gewehre der Prau Carrar". Urauffuhrung am 16. Oktober 1937.
292 An Gerhard Scholem
[20. November 1937]
Lieber Gerhard,
Ich vermeide diesmal auch die kleinste Frist verstreichen zu
lassen, ehe ich Dir auf den letzten Brief antworte. Er enthielt
die Ankiindigung Deines Kommens und die Kritik am „Fuchs" .
Fur mich verschranken sich beide Gegenstande - nicht anders
als auch fur Dich. Es ware in der Tat dringlich, es ist fast
unaufschiebbar, daB wir bald miteinander reden. Nicht als ob
die Bedenken, die Du dem „Fuchs" entgegenhaltst, mich im
mindesten iiberraschen. Aber der Gegenstand dieser Arbeit
gibt — gerade durch seine Fadenscheinigkeit — eine Gelegen-
heit uber die durchscheinende Methode zu verhandeln, die
sich so giinstig vielleicht nicht bald prasentieren wird. Sie ist
geeignet, uns den Zugang zu den Bereichen zu erschlieBen, in
denen unsere Debatte ursprunglich zu Hause ist.
Unter diesen Umstanden stellen die Termine, die Du fur
Deinen europaischen Aufenthalt ins Auge faBt, fiir mich
— nach den mannichfachen gescheiterten Projekten meines
739
Erscheinens inPalastina-eine ganz erhebliche Enttauschung
dar.1
[• • •]
Ich habe mein altes Logis nicht wiederbekommen und mich
seit zwei Monaten mit einem jammerlichen beholfen, das mir
unentgeltlich zur Verfiigung gestellt wurde. Es liegt zu ebner
Erde an einerderHaupt-AusfallsstraBen auBerhalb von Paris
und ist von friih bis spat vom Larm zahlloser Lastwagen um-
braust. Meine Arbeitsfahigkeit hat unter diesen Umstanden
sehr gelitten. Ich bin bei dem „ Charles Baudelaire", den ich
vorbereite, iiber die Durchsicht der Literatur noch nicht hin-
ausgekommen.
Vom 15. Januar ab lauft meine Miete fur eine eigene
Wohnung. Sie hat nur ein Zimmer2. Dennoch stellt ihre
Einrichtung ein derzeit ungelostes Problem fiir mich dar. In
der Zwischenzeit bitte ich Dich, mir an die Adresse meiner
Sch wester eine hoffentlich erwiinschtere Nachricht baldigst
zu geben. Wenn Du taglich 65 bis 70 Francs zur Verfiigung
hast, so kannst Du in Paris recht bequem auskommen.
Herzlichst Dein Walter
1 W. B. und Sch. waren Mitte Fehruar 1938 fiinf Tage zusammen.
2 In der rue Dombasle 10. Dies war seine letzte Wohnung in Paris.
293 An Max Horkheimer
San Remo, 6. Jan. 38
Lieber Herr Horkheimer,
wie Sie wissen haben Wiesengrunds unsern alten Plan, uns
in der Pension meiner friiheren Frau zu treffen, kurz vor
ToresschluB realisieren konnen. Gleichzeitig ist mein Sohn
hier. Ich bin vor zehn Tag en angekommen und werde noch
einige Tage langer als Wiesengrunds bleiben, die leider iiber-
morgen abreisen.
Uber It alien geht augenblicklich eine rabiate Kaltewelle.
740
Wir miissen uns viel im Hause halten. Hoffentlich kommt
der Aufenthalt der Erholung von Teddie1 und seiner Frau
dennoch zu gute; ein wenig beschattet ihn gelegentlich beider
Angst vor der Seereise.
Fur unsere gemeinsamen Anliegen sind diese Tage gewiB
fruchtbar. Teddie hat mir eine Anzahl von Studien zum
„ Wagner" 2 vorgelesen. Das ergreif end Neue an ihnen war
fur mich, daB sie musikalische Tatbestande, die fiir nieman-
den entlegener sein konnen als fiir mich, in mir unbekannter
Weise gesellschaftlich transparent machen. Von einer andern
Seite her hat mich eine Tendenz dieser Arbeit besonders in-
teressiert: das Physiognomische unmittelbar, fast ohne psy-
chologische Vermittlung, im gesellschaftlichen Raum anzu-
siedeln. — Ich bin gespannt darauf, das Ganze, motivisch viel-
fach verschlungene, vor mir zu sehen.
Mehrf ach haben sich unsere Gesprache um die Vorarbeiten
zu dem „Baudelaire" bewegt. Mir ist in den letzten Wochen
ein seltener Fund zugefallen, der die Arbeit entscheidend be-
einflussen wird: ich bin auf die Schrift gestoBen, die Blanqui
in seinem letzten Gefangnis, dem Fort du Taureau als seine
letzte geschrieben hat. Es ist eine kosmologische Spekulation.
Sie heiBt „L'eternite par les astres" 3 und ist, soviel ich sehe,
bis heute so gut wie unbeachtet geblieben. (Gustave Geffroy
in seiner vorbildlichen Blanqui -Monographie „L'enf erme" 4
erwahnt sie, ohne zu erkennen, womit er es zu tun hat.) Es
ist zuzugeben, daB die Schrift beim ersten Blattern sich ab-
geschmackt und banal anlaBt. Indessen sind die unbeholfenen
Uberlegungen eines Autodidakten, die ihren Hauptteil aus-
machen, nur die Vorbereitung einer Spekulation iiber das
Universum, deren man von niemandem weniger als von die -
sem groBen Revolutionar sich versehen wiirde. Wenn die
Holle ein theologischer Gegenstand ist, kann man diese Spe-
kulation eine theologische nennen. Die Weltansicht, die
Blanqui in ihr entwirft, indem er der mechanistischen Natur-
wissenschaft seine Daten entnimmt, ist in der Tat eine infer-
nalische — ist zugleich in der Gestalt einer naturalen das
Komplement der gesellschaftlichen Ordnung, die Blanqui an
seinem Lebensabend als Sieger iiber sich erkennen muBte.
741
Das Erschiitternde ist, daB diesem Entwurf jede Ironie fehlt.
Er stellt eine vorbehaltlose Unterwerfung dar, zugleich aber
die furchtbarste Anklage gegen eine Gesellschaft, die dieses
Bild des Kosmos als ihre Projektion an den Himmel wirft.
Das Stuck hat in seinem Thema: der ewigen Wiederkunft,
zu Nietzsche die merkwiirdigste Beziehnng; eine verborge-
nere und tiefere zu Baudelaire, an den es an einigen groBarti-
gen Stellen fast wortlich anklingt. Diese letzte Beziehung
werde ich mich bemiihen, ins Licht zu setzen.
Gide hat recht, wenn er schreibt, es sei iiber keinen Dichter
des neunzehnten Jahrhunderts stupider geredet worden als
iiber Baudelaire. Die Signatur der Baudelaire-Literatur ist,
daB sie in allem Wesentlichen so hatte abgefaBt werden kon-
nen, wenn Baudelaire die „Fleurs du Mai" nie geschrieben
hatte. Ihr ganzer Umfang wird in der Tat von seinen theo-
retischen Schriften, von den memorabilien und, vor allem,
von der chronique scandaleuse bestritten. Das ruhrt daher,
daB man die Schranken des biirgerlichen Denkens, auch ge-
wisse burgerliche Reaktionsweisen, hinter sich gelassen haben
muB — nicht, um an dem einen oder andern dieser Gedichte
Gef alien zu finden, wohl aber um in den Fleurs du Mai zu
hause zu sein . . . Schwer genug, iibrigens, wenn das die ein-
zige Bedingung ware; es gibt andere, die auf der Hand lie-
gen, und fiir den nicht leichter erfullbar sind, dessen Mutter -
sprache nicht das Franz osische ist. Einmal nach Paris
zuruckgekehrt, werde ich trachten, mir Baudelaire -Gedichte
von einigen befreundeten Franzosen lesen zu lassen.
Gemeinsam haben wir uns hier gelegentlich an dem Auf-
satz fiir „MaB und Wert"5 versucht, sind aber iiber Bruch-
stiicke nicht hinausgekommen. Ich nehme an, daB Sie mich
Ihre Ansicht iiber den Brief von [Ferdinand] Lion bald wer-
den wissen lassen.
Fiir Ihren Brief vom 5ten Dezember sage ich Ihnen herz-
lichen Dank. Ihre Enttauschung beim Empfang von „Mesu-
res" ist mir sehr verstandlich. Die Zeitschrift hat erheblich
lesenswertereNummernherausgebracht.Demgedachten Salon
prasidiert iibrigens weniger eine Dame als ein Herr des Hau-
ses, ein Mazen namens Church, der derart seine eigenen
742
scripta zum Druck befordert. Adrienne Monnier hat au£ die
Redaktion wenig EinfluB; mit dem Ende des Jahres hat sie,
wie ich unlangst erfuhr, auch die Administration an die
Buchhandlung Joseph Corti abgegeben. Von den nachsten
Heften will ich sehr hoffen, daB sie sich besser prasentieren.
Im iibrigen hat Fraulein Monnier den Plan nicht ganz aufge-
geben, wieder zu einer eigenen Zeitschrift zu kommen, wie
dies vor Jahren das „Navire d'argent" war.
Zu erfahren, daB Monsieur Lyonnet Ihnen etwas gesagt
hat, war eine besondere Freude fur mich. Der Verfasser
schreibt meist fur Kinder. Diesen Roman hat er wohl nie
ubertroffen.
[. . .]
Darf ich Sie bitten, die Antwort auf Ihre freundliche Er-
kundigung nach meinen personlichen Verhaltnissen noch um
einige Wochen verschieben zu diirfen? Ich werde erst nach
meiner Riickkehr in Verhaltnisse kommen, die mir erlauben,
mein Budget genau zu kalkulieren. Es kommt hinzu, daB
nach einem in der letzten Sitzung der Kammer angenomme-
nen Gesetz die gesetzlich geregelten Mieten wieder in FluB
geraten. Ich werde erst in Paris erfahren, wieweit das fur
mich von Bedeutung ist.
Zum SchluB will ich die Hoffnung aussprechen, daB Ihre
Zeit Ihnen erlaubt hat, sich dem Montaigne6 zuzuwenden.
Eine gesellschaftliche Kritik der Skepsis ist Neuland, und ich
denke sehr kennenswertes.
Wollen Sie Herrn Pollock meine besten Griifie tmd Wiin-
sche fur die Gesundheit seiner Frau sagen und mit der Ihren
nochmals alles Freundliche zum neuen Jahre von mir ent-
gegennehmen?
Ihr Walter Benjamin
1 Adorno.
2 Jetzt: Versuch uber Wagner. Berlin, Frankfurt am Main 1952.
3 Paris 1872.
4 Paris 1897.
5 Diesen Aufsatz uber die Zeitschrift fiir Sozialf or seining- schrieb B.
dann allein; er erschien in: MaB und Wert 1 (1937/38), S. 818-822.
6 Max Horkheimer: Montaigne und die Funktion der Skepsis, in: Zeit-
schrift fiir Sozialforschung 7 (1938), S. 1-54..
743
294 An Karl Thieme
Paris, 9, Martf 1938
Lieber Herr Thieme,
Ihr Brief vom Dezember, selbst Ihre gehaltreiche Sendung
liegen schon eine langere Zeit vor mir. Sie werden des ge-
spaimten Anteils mit dem ich Ihre Auseinandersetzung mit
Buber-Rosenzweigs Bibeliibersetzung1 gelesen habe, im vor-
hinein sicher gewesen sein und die Verzogerung meiner
Antwort auf Umstande, die nicht in dieser Sacbe liegen, zu-
ruckgefiihrt haben.
Um solche handelt es sich in der Tat. Zu ihnen gehorten
eine Reihe sehr dringlicher Arbeiten - insbesondere aber
die vielfachen Zersplitterungen der Aufmerksamkeit, die
meine Ubersiedlung in eine kleine Wohnung — meine erste
seit den Emigrations] ahr en — mit sich brachte. Ich bin in
meinem neuen Logis weit entfernt, die erwunschtesten Be-
dingungen fiir meine Arbeit vorzufinden; es wird von vieler-
lei Gerauschen tagaus tagein belagert. Immerhin erlaubt es
mir, einmal meine Papiere, so weit ich sie gerettet habe, mehr
oder minder vollzahlig um mich zu versammeln; zum an-
dern, Freunde bei mir zu sehen.
Ich hoffe mit Bestimmtheit, daB, wenn Ihr Weg Sie das
nachste Mai nach Paris fiihrt, einige ruhige Stunden bei mir
uns in Aussicht stehen.
Einer der ersten, der sich hier herauffand, war Gerhard
Scholem; nach Newyork, wo er Gastvorlesungen abzuhalten
hat, unterwegs, hat er in Paris einige Tage Station gemacht.
Wir haben unter anderem auch von Buber gesprochen, zu
dem wir seit mehr als einem Jahrzehnt auf einigermafien
verschiedene Weise Stellung nehmen. Ich selbst, von Sach-
kenntnis leider kaum belastet, habe es leichter, mich eindeutig
dabei zu formulieren als er. Ihnen gegeniiber gilt fiir meine
Stellungnahme naturlich das gleiche. In Erinnerung an den
fliichtigen Einblick, den ich in den Jahren in die Bibelbande
genommen habe, mochte ich heute sagen, daB mir im inner-
sten Gefiihl zweifelhaft war, ob die Jahre, in denen dieses
744
Unternehmen zustande kam, wirklich die weltgeschichtliche
Stunde darstellten, zu der es gewagt werden diirfte. Uber
den grundsatzlichen Wert solchen Wagens denke ich — das
wissen Sie aus meiner „Aufgabe des ttbersetzers" — wie Sie.
Aber eben im AnschluB an diese Arbeit mochte ich, dring-
licher als Sie es tun, die Frage nach dem zeitlichen Index so
eines Versuches stellen. Mich iiberzeugen die Beispiele, mit
denen Sie Ihre Einwendungen gegen deutsche Wortfugungen
problematischer Art bei Buber stiitzen, durchaus. Ich glaube,
ich beurteile dergleichen VerstoBe noch strenger als Sie —
besser gesagt: ich bin geneigt, sie als symptomatisch anzu-
sehen und aus ihnen die gewichtigsten Vorbehalte gegen die
historische Berechtigung des Versuches, den Buber machte,
im gegenwartigen Augenblick abzuleiten.
Vielleicht liegt auch dies in Ihren eignen Reflexionen
eingeschlossen; dergleichen offentlich auszusprechen, ist ja
ohnehin um so weniger moglich, je besser es durch die offent-
lichen Verhaltnisse illustriert wird. Es ist selbstverstandlich,
daB es mit Ihrem eignen Unternehmen, das im ausgezeich-
neten Sinn ein christliches ist, eine vollkommen andere Be-
wandtnis haben wird. In dem Prospekt haben mich ganz
besonders die Bemerkungen angezogen, mit denen Sie den
Text im pneumatologischen Sinne begleiten, kaum weniger
die grundsatzlichen, mit denen Sie die Sprache so deutlich
gegen die kunstgewerblichen Unarten in Schutz nehmen, die
viele Ubersetzer ihr zumuten.
Irre ich nicht, und laBt sich nach der einen Probe urteilen,
so wissen [Richard] Seewalds Holzschnitte das Kunstgewerb-
liche leider nicht ebenso streng zu meiden. Gern vernahme ich
bei Gelegenheit Ihre Meinung uber diese.
Was RoeBler2 angeht, so habe ich mir sagen lassen, es sei
derzeit eine gebrauchliche Sitte — oder Unsitte — der Verleger,
das dritte oder vierte Hundert von einem Buche als „neue
Auflage" figurieren zu lassen. Trotz alledem wird es mir
schwer, mir vorzustellen, daB von dem Buch - wie seine Ab-
rechnung sagt - nur 200 Exemplare in IV4 Jahren an den
Mann gekommen sein sollen.
Fur das Buch von Grete de Francesco 3 habe ich mich hier
745
leider ohne den gewiinschten Erfolg umgetan. Die hiesigen
Verleger fiirchten die Kosten, die ein anstandig illustriertes
Buch ihnen bei der Herstellung macht.
Ich wiinschte sehr, von Ihnen recht bald zu horen, und
Gutes. Vielleicht kann ich Ihnen in absehbarer Zeit wieder
irgend ein Separatum senden. Aber bitte lassen Sie mich mit
einer Nachricht so lange lieber nicht warten!
Mit herzlichen GriiBen
Ihr Walter Benjamin
PS Lassen Sie mich bitte wissen, ob und wann von Ihren
Basler Vorlesungen etwas im Druck erscheint. Mein Interesse
an der Figur des Erzahlers hat nicht nachgelassen. - Das
Buch von Jolles 4, auf das Sie mich hinwiesen, lasse ich derzeit
suchen.
Und teilen Sie mir doch, wenn die Mlihe Sie nicht ver-
drieBt, einige Worte iiber die neuern Erfahrungen mit RoeB-
ler mit, auf die Sie hindeuten.
1 „Das ewige Wort in der Sprache unserer Zeit". In „Schweizer Rund-
schau", Februar 1938.
2 Gehb'rte zum Vita Nova Verlag in Luzern.
3 „Die Macht des Scharlatans", 1937. Von W.B. in der „Zeitschri£t
fur Sozialforschung" 7 (1938), S. 296 ff., besprochen.
1930.
29 5 An Karl Thieme
Paris, 27. Marz 1938
Lieber Herr Thieme!
Im gleichen Sinne, wenn auch nicht mit der gleichen Be-
griindung wie Sie es in Ihrem letzten Brief e. tun, bitte ich
Sie, mich zu entschuldigen, wenn ausnahmsweise die Ma-
schine zwischen uns in ihre Rechte tritt.
Ihr Brief vom 12. hat mich in seiner leidenschaftlichen
Reaktion auf die osterreichischen Ereignisse sehr bewegt; ich
mochte die Antwort nicht lange hinausschieben. Auf der
anderen Seite bin ich mit meiner Korrespondenz derart in
Riickstand, daB ich in auBerordentliche Prozeduren meine
746
Zuflucht suchen muB. Ich kann es nicht verhiiten, daB eine
lakonische AuBerung auf Ihre Zeilen Ihnen neben einem
Begriff von meiner Denkuhgsweise einen von meiner Stim-
mung gibt. Ich fiirchte die Ihre nimmt sich daneben fast
hellgetbnt aus.
Fur meine Person weiB ich, rund gesagt, kaum woher noch
einen Begriff sinnvollen Leidens und Sterbens nehmen. Das
Furchtbare scheint mir im Falle Oesterreich nicht minder
wie im Falle Spanien, daB das Martyrium nicht im Namen
der eigenen Sache, sondern vielmehr im Namen eines Kom-
promiBvorschlages erlitten wird: sei es der KompromiB der
kostbaren osterreichischen Stammeskultur mit einem ver-
ruchten Wirtschafts- und Staatsbetrieb, sei es der Kompro-
miB des revolutionaren Gedankens in Spanien mit dem
Machiavellismus der russischen und dem Mammonismus der
einheimischen Fiihrerschaft.
Kurz ich mag mein Blickf eld soweit ausspannen wie ich
will: ich finde den Horizont ebenso verhangen wie die mir
vor Augen liegenden Existenzen. Bei alledem muB ich selbst
noch von Gliick sagen, daB mein Sohn, der bis vor kurzem
in Wien war, inzwischen bei. seiner Mutter in Italien ist.
Was den osterreichischen Juden bevorsteht, von denen nun
nicht einmal dem bemittelten Teil, wie es in Deutschland der
Fall war, die Flucht offensteht, so ist der Gedanke an sie nur
schwer ertraglich. Es bleibt vielleicht nicht einmal der
mesquine Trost, der uns einfliistert, Sie und ich in gleicher
Lage waren kliiger gewesen. Ich glaube das namlich nicht.
Haben Sie einmal einen Gedanken daran verloren, daB
mit der Einnahme Wiens Vs oder Vg des europaischen Kunst-
schatzes in den Handen der Nationalsozialisten ist?
Ich freue mich sehr, in Balde Ihre Bibel erwarten zu
diirfen.
Uber meine Sommermonate weiB ich noch nichts. Es ist
immerhin recht moglich, daB ich in Paris bin, falls Sie im
August kommen.
Dank fur Ihre Mitteilung iiber RoeBler und recht herz-
liche Gru Be
Ihr Walter Benjamin
747
296 An Gerhard Scholem
14. April 1938
Lieber Gerhard,
deine erste Nachricht aus Amerika hat geraume Zeit auf sich
warten lassen.
Sie enthalt vieles, was mich freut.
Zuerst die Mitteilung iiber denErfolgDeinerVorlesungen.
Der bedeutet ja wohl, daB der Auf enthalt drub en, sprachlich
zumindest von geringerer Problematik fiir Dich ist als Du
angenommen hast. In Deinen nachsten Mitteilungen hoffe
ich davon zu profitieren,indemDu„Kultur- und Reisebilder"
aus den verschiedenen Landstrichen und Bevolkerungsschich-
ten vor mir entrollst. „Reisebilder" von Theodor Dielitz
waren eines meiner bevorzugten Knabenbiicher, und die han-
delten auch von driiben.
Weiter erwarte ich von Dir ins Geheimnis der jiidischen
Sterngeburt eingeweiht zu werden; dem vereinten Zau-
brerpaar1 freundliche Erwiderung seiner GriiBe.
Wirklich hat Mercy auf meine Bitte Brods Kafkabiogra-
phie und dazu den Band geschickt, der mit der „Beschreibung
eines Kampfes" beginnt.
Ich komme aber auf Kafka an dieser Stelle weil besagte
Biographic in ihrer Verwebung Kafkaschen Nichtwissens mit
Brodschen Weisheiten einen Distrikt der Geisterwelt zu off-
nen scheint, wo weiBe Magie und fauler Zauber aufs erbau-
lichste ineinander spielen. Ich habe ubrigens noch nicht sehr
viel darin lesen konnen, mir aber alsbald die Kafkasche For-
mulierung des kategorischen Imperativs „handle so, daB die
Engel zu tun bekommen" daraus zugeeignet.
Meine Lektiire ist eine intermittierende, weil meine Auf-
merksamkeit und Zeit jetzt fast ungeteilt dem „Baudelaire"
zugewandt ist. Noch ist kein Wort davon geschrieben; seit
einer Woche bin ich aber dabei, das Ganze zu schematisieren.
Die Einrichtung ist, wie sich versteht, entscheidend. Ich will
Baudelaire, wie er ins neunzehnte Jahrhundert eingebettet
748
ist, zeigen und der Anblick davon muB ebenso neu erschei-
nen, auch eine ebenso schwer definier[t]e Anziehung aus-
iiben, wie der eines seit Jahrzehnten im Waldboden ruhenden
Steins, dessen Abdruck, nachdera wir ihn mit mehr oder weni-
ger Miihe von der Stelle gewalzt haben, iiberaus deutlich und
unberixhrt vor uns liegt.
Deine Schilderung des Gesprachs mit den beiden Tillichs 2
hat mein hbchstes Interesse erregt, aber in geringerem Mafi
als Du denkst, meine Uberraschung. Denn hier geht es gerade
darum, daB Dinge, die de part et d'autre derzeit ihre Stelle
im Schatten haben, durch jederlei kiinstliche Beleuchtung ins
falsche Licht traten. Ich sage „derzeit", weil diese Epoche,
die so vieles unmoglich macht, dies ganz gewiB nicht aus-
schlieBt: daB im historischen Sonnenumlauf auf eben diese
Dinge ein rechtes Licht fallt. Ich will weiter gehen und
sagen, daB unsere Arbeiten an ihrem Teile MeBinstrumente
sein konnen, die, wenn sie gliicklich funktionieren, kleinste
Bruchstiicke dieses unvorstellbarlangsamenUmlaufes messen.
Ich mochte aus diesen Griinden Deiner Begegnung mit
Horkheimer und mit Wiesengrund, die vielleicht bei Emp-
fang dieser Zeilen schon stattgefunden, wenn nicht sich wie-
derholt hat, mit einigem Vertrauen entgegensehen. Dies
wird gesteigert durch die Begegnung mit dem Mitdirektor
des Instituts, die ich vor einigen Tagen hatte und die sich
ebenso herzlich gestaltete als sie kurz war.
Ich kann meine sommerlichen Dispositionen noch nicht
genau iiberblicken. Soviel ich sehe, ware alles ganz einfach,
wenn Du noch die zweite Augusthalfte fur Paris zur Verfii-
gung hattest [. . .] Berichte mir iiber „die Wege und Begeg-
nungen", die die Deinen waren. Richte meinen New Yorker
Freunden meine herzlichen GriiBe aus, wenn sich das ergibt
und vergiB keinesf alls, sie Moses Marx 3 zu sagen.
Alles Herzliche Dein Walter
1 Erich und Lucie Gutkind. Anspielung auf G's „Siderische Geburt".
2 Paul und Hannah Tillich.
3 Moses Marx, der hebraische Sammler und Freund Scholems aus den
Berliner Jahren, war seit 1927 Bibliothekar in Cincinnati. Kitty Marx-
Steinschneider ist seine Nichte.
749
297 An Max Horkheimer
Paris, 16.4. 1938
Lieber Herr Horkheimer,
Dies schreibe ich Ihnen drei Tage nach meiner Begegnung
mit Herrn Pollock. Sie verlief wie ich es mir nur wiinschen
konnte. Wir hatten zwei schone Stunden in einem kleinen
Restaurant bei Notre Dame, das ich - als alter Pariser! —
durch ihn kennenlernen muBte.
Unsere Aussprache, so kurz sie war, wird eine mir, wie ich
hoffe, niitzliche Bekanntschaft im Gefolge haben. Herr Pol-
lock hbrte von mir, wie erwiinscht ein gelegentlicher Gedan-
kenaustausch mit einem Okonomen mir sein wiirde, und ich
werde durch seine Vermittlung Herrn [Otto] Leichter ken-
nenlernen.
Natiirlich steht dieser Wunsch im Zusammenhang mit
meiner Arbeit, um die unser Gesprach sich eine zeitlang be-
wegte. Sie ist gegenwartig der Vorbereitung des „ Baudelaire"
zugewandt. Es hat sich - und das erzahlte ich Herrn Pollock -
bei ihr ergeben, daB diese Darstellung zu einer umfangreiche-
ren wird, in der wesentlichste Motive der „Passagen" kon-
vergieren. Das liegt ebensowohl am Sujet wie daran, daB
dieser als ein zentraler Abschnitt des Buchs geplante als erster
geschrieben wird. Diese Tendenz des „Baudelaire", sich zu
dessen Miniaturmodell zu entwickeln, hatte ich in den Ge-
sprachen mit Teddie vorausgesehen. Seit San Remo hat sich
das iiber mein Erwarten hinaus bestatigt.
Nun bat mich Herr Pollock, Ihnen das mitzuteilen, well
Sie urspriinglich ein Manuskript vom ublichen Umfang er-
wartet hatten. Das habe ich gewuBt, glaubte aber, es sei nur
umso besser, wenn einer meiner Aufsatze einmal das Format
einer groBeren Arbeit annehme. Ich hoffe auch heute noch,
daB dem keine entscheidenden Bedenken entgegenstehen ; ich
wiiBte in der Tat nicht, wie ich dem Gegenstande auf 30 oder
40 Seiten seine maBgebenden Aspekte abgewinnen konnte.
Als Maximalumfang schwebt mir — ich spreche von Manu-
skriptseiten — das dreifache, etwa das doppelte als Minimal -
750
umfang vor. Es wiirde also im letzteren Fall die Arbeit im
Umfang von der Reproduktionsarbeit sich nicht allzusehr
unterscheiden.
Die Schematisierung des Aufsatzes ist im Gange, die Be-
reitstellung des Materials abgeschlossen. Es bot sich in Fiille.
Ich werde meine Ehre darein setzen, Zitate aus der heutigen
Baudelaireliteratur so sparsam wie moglich zu geben. Weni-
ges von dem, was iiber Baudelaire gesagt worden ist, werde
ich zu wiederholen, ebensowenig auf die Biographie einzu-
gehen haben. Ausgiebig zitiert werden die Fleurs du Mai.
Ich habe vor, einzelne Stellen davon zu kommentieren ; das
ist bisher in anderer als anekdotischer Absicht nicht unter-
nommen worden.
Die Arbeit soil drei Teile haben. Ihre projektierten Titel
sind: Idee und Bild; Antike und Moderne; Das Neue und
Immergleiche. Der erste Teil wird die maflgebende.Bedeu-
tung der Allegorie in den Fleurs du Mai zeigen. Er stellt die
Konstruktion der allegorischen Anschauung bei Baudelaire
dar, wobei die fundamentale Paradoxie seiner Kunstlehre —
der Widerspruch zwischen der Theorie der natiirlichen Kor-
respondenzen und der Absage an die Natur - transparent
werden soil. — Eine Einleitung stellt die methodische Be-
ziehung der Arbeit zum dialektischen Materialismus in Ge-
stalt einer Konfrontation der „r\ettung" mit der landlaufigen
„Apologie" her.
Der zweite Teil entwickelt als Formelement der allegori-
schen Anschauung die Uberblendung, kraft deren die Antike
in der Moderne, die Moderne in der Antike zum Vorschein
kommt. Dieser Vorgang bestimmt die poetischen tableaux
parisiens wie die prosaischen. In diese Transposition von Paris
wirkt die Masse in entscheidender Weise hinein. Die Masse
legt sich als Schleier vor den flaneur: sie ist das neueste
Bauschmittel des Vereinsamten. — Die Masse verwischt,
zweitens, alle Spuren des Einzelnen: sie ist das neueste Asyl
des Geachteten. — Die Masse ist, endlich, im Labyrinth der
Stadt das neueste und unerforschlichste Labyrinth. Durch sie
pragen sich bi slang unbekannte chthonische Ziige ins Stadt -
bild ein. — Diese Aspekte von Paris zu eroffnen stand dem
751
Dichter als Aufgabe vor Augen, Der Begriff dieser Aufgabe
teilt die Struktur, yon der die Rede ist. Nichts kommt im
Sinne Baudelaires in seinem eigenen Jahrhundert der Auf-
gabe des antiken Heros naher als der Moderne Gestalt zu
geben.
Der dritte Teil behandelt die Ware als die Erfiillung der
allegorischen Anschauung bei Baudelaire. Es erweist sich,
dafl das Neue, welches die Erfahrung des Immergleichen, in
deren Bann der spleen den Dichter geschlagen hat, sprengt,
nichts anderes als die Aureole der Ware ist. Hier haben zwei
Exkurse ihren Platz. Der eine verfolgt, in wieweit in Baude-
laires Konzeption des Neuen der Jugendstil praformiert er-
scheint; der andere hat es mit der Dime als der die allegori-
sche Anschauung am vollkommensten erfiillenden Ware zu
tun. Die Zerstreuung des allegorischen Scheins ist in dieser
Erfiillung angelegt. Die einzigartige Bedeutung Baudelaires
besteht darin, als erster und am unbeirrbarsten die Produk-
tivkraft des sich selbst entfremdeten Menschen im doppelten
Sinne des Wortes dingfest gemacht - agnosziert und durch
die Verdinglichung gesteigert - zu haben. Die vereinzelten
Formanalysen, die die Arbeit in ihren verschiedenen Ab-
schnitten gibt, tret en damit in eineh einheitlichen Zusam-
menhang.
Wahrend im ersten Teil die Figur Baudelaires in mono-
graphischer Isolierung auftaucht, stehen im zweiten seine
wichtigsten virtuellen und realen Begegnungen - die mit
Poe, die mit Meryon, die mit Victor Hugo — im Vordergrund.
Der dritte Teil hat es mit der historischen Konfiguration zu
tun, in die die Fleurs du Mai durch die idee fixe des Neuen
und Immergleichen mit der Eternite par les astres von
Blanqui und dem Willen zur Macht (der ewigen Wi[e]der-
kunft) von Nietzsche treten.
Wenn ich in einem Bilde sagen darf , was ich vorhabe, so
ist es, Baudelaire zu zeigen, wie er ins neunzehnte Jahrhun-
dert eingebettet liegt. Der Abdruck, den er darin hinterlassen
hat, muB so klar und so unberiihrt hervortreten, wie der eines
Steins, den man, nachdem er jahrzehntelang an seinem Platz
geruht hat, eines Tages von der Stelle walzt.
752
Ich erhoffe Ihr Einverstandnis damit, die Arbeit nach dem
Schema abzufassen, das sich taglich deutlicher vor mir dar-
stellt. Die etwaige Problematik der Publikation wird wie mir
scheint, leichter zu bewaltigen sein als eine neuentstehende
fur den inneren Aufbau.
Neuerscheinungen Angehendes weiB ich fiir heute nicht zu
berichten. Gides Auseinandersetzung mit Celine im Aprilheft
der nrf werden Sie vielleicht gesehen haben. „S'il fallait voir
dans ,Bagatelles pour un Massacre'1 autre chose qu'un jeu,
Celine en depit de tout son genie, serait sans excuse de remuer
les passions banales avec ce cynisme et cette desinvolte le-
gerete." (p. 634) Le mot ,banal' en dit long. Durch den Mangel
an Ernst bei Celine war, wie Sie sich erinnern werden, auch
ich frappiert worden. Im ubrigen sieht Gide als der Moralist,
der er ist, nur auf die Absicht, nicht auf die Folgen des Buchs.
Oder hat er als Satanist, der er auch ist, gegen diese nichts
einzuwenden?
Da ich einmal in sumpfiges Gelande geraten bin, mochte
ich Ihnen eine besonders bizarre und giftige Brute einlegen,
die in dieser Gegend gewachsen ist. „Derriere Kant", heiBt es
im „Stupide XIXe siecle" von Leon Daudet, „il y a le juif
Hamann, auquel Kant emprunte la fameuse distinction de
phenomene et noumene." (p. 185) Das Buch ist 1922 erschie-
nen. — Wann wird das Biindnis der Unwissenheit mit der
Niedertracht, das eben damals in Deutschland geschlossen
wurde, auch hier in Aktion treten?
Nebenbei bemerkt finden Sie auf S. 96/97 des gleichen
Buches einen Vergleich zwischen Montaigne und Renan. Ich
teile Ihnen das mit, obwohl er mir zu uninteressant erschien,
um ihn zu kopieren. Sollte er Ihre Neugier reizen, so lassen
Sie es mich bitte wissen.
"Dber das Telegramm, aus dem ich ersah, dafi die Notiz fiir
„MaB und Wert" Ihnen gefallen hat, habe ich mich wirklich
gefreut. Ich danke Ihnen dafiir und bestatigte Ihnen gleich-
zeitig Ihre Briefe vom 7., 15. und 28. Marz. - Gestern be-
kam ich das Heft2, in dem meine Notiz in Gestalt einer
Anzeige der „Zeitschrift fiir Sozialforschung" und im Urn-
fang von vier Druckseiten erschienen ist. Es geht Ihnen mit
753
gleicher Post zu. - Ich bin froh, daB das unter Dach und
Fach ist, weil ich es bis zum letzten Moment fur moglich
hielt, von Lion vor ein fait inaccompli gestellt zu werden. [. . .]
Ich freue mich auf Ihren „Montaigne". Werde ich ihn im
nachsten Heft finden?
Bitte teilen Sie mit Ihrer Frau und den Freunden meine
herzlichsten GriiBe
Ihr Walter Benjamin
1 Celines antisemitisches Buch, 1937.
2 Von „MaB und Wert".
298 An Karl Thieme
Paris, l.Mai 1938
Lieber Herr Thieme,
mit wie bescheidener Erwartung Sie diesen Brief auch er-
offnen mogen, so wird er Ihnen, wie ich fiirchte, immer eine
kleine Enttauschung bringen. Mich jedenfalls bedriickt es,
Ihnen den Dank fur das Geschenk, das Sie mir mit Ihrer
Bibelausgabe l gemacht haben, nur unangemessen sagen zu
konnen.
Ich will nicht so anmaBend sein zu meinen, nur der konne
Ihnen geziemend danken, dem ein Einblick in den gewal-
tigen ArbeitsprozeB freisteht, der hinter Ihnen liegt. Aber
zumindest hatte ich iiber alles gern meinem Dank das Zeug-
nis einer stetigen Lektiire in diesem Werk verflochten. Meine
eigene Arbeit bringt es mit sich, daB das derzeit nicht mog-
lich ist.
Immerhin habe ich in den letzten 14 Tagen einige aus-
gedehntere Arbeitspausen an die Lektiire wenden konnen.
Ein Urteil, das auch nur den Anflug der Sachkenntnis pra-
tendiert, steht mir gewiB nicht zu. Immerhin will ich Ihnen
sagen, daB ich den Eindruck hatte, mit einer hervorragend
niitzlichen Sache Bekanntschaft zu machen. Ich nenne das
Buch niitzlich, weil es etwas sehr Wichtiges und sehr Schwie-
754
riges mir zustandezubringen scheint; sich vor der Lese- und
in der Lebensweise des heutigen Menschen zu behaupten. Ich
habe eine hohe Verfiihrung von Ihrer Texteinrichtung auf
mich ausgehen gefiihlt.
Das schlechthin Bedeutungsvo]le war fur mich die Deut-
lichkeit mit der die epischen und didaktischen Fundamente
des Textes sich in Ihrer Interpretation und in Ihren Inter -
polationen herausheben. Dadurch hat der Laie auf Schritt
und Tritt das Gefuhl, etwas zu lernen. Und ihm dieses Ge-
fiihl zu wecken, diirfte heute das A und O einer Bibellektiire
sein.
Ich muB es, aus Achtung vor Ihrem Werke, bei so vor-
laufigen Worten bewenden lassen, zumindest bis mich ein
sachlicher AnlaB zu genauerem Studium der einen oder an-
dern Passage fuhrt. Erkennen Sie dennoch in meinem Dank
den herzlichsten! —
Der Freund, dessen Besuch Sie mir ansagten, hat sich bis-
her bei mir nicht gemeldet. Er diirfte nach Ihrem Brief einer
freundlichen Aufnahme, auch ohne als Kenner meiner
Schriften sich auszuweisen, gewiB sein.
1st Ihnen die Zeitschrift Ordo, sous Comite juif des etudes
politiques, 22 rue Caumartin Paris IX zu Gesicht bekommen
[sic]. Was die Leute wollen, erscheint mir noch ungeklart.2
Von ihrer Kritik am offentlichen Auftreten und an den
offentlichen Reaktionen der Juderi will mir scheinen, daB sie
haufig den Nagel auf den Kopf trifft. Ich wolltej Sie wiirden
der Sache ansichtig und teilten mir Ihre Meinung von ihr
mit.
Ich lese Bendas „Un r^gulier dans le siecle". Sie haben sich
gewiB langst mit dem Mann beschaftigt und mir ware will-
kommen zu wissen, welche Figur er vor Ihnen macht?
Eine Frage zum SchluB. Im Jahre 1932 habe ich begonnen
ein schmales Buch „ Berliner Kindheit um neunzehnhun-
dert" zu schreiben. Vielleicht sind Ihnen Teile davon, die
vor Hitler in der Frankfurter Zeitung erschienen sind, zu
Gesicht gekommen. Dieses Buch habe ich in den letzten
Wochen vermehrt und eingehend iiberarbeitet. Es wird seines
Sujets wegen schwer einen Verleger finden. Findet es einen,
755
so konnte das Buch ein namhafter buchhandlerischer Erfolg
werden. Es hat tausenden von vertriebenen Deutschen etwas
zu sagen. Nur daB ein Verleger das vielleicht schwerer er-
kennt als ein Durchschnittsleser.
Haben Sie einen Begriff von dem Buch? Wiirde Ihnen, im
andern Falle, mit der Uberlassung seiner 100 Manuscript -
seiten auf vierzehn Tage gedient sein? Sehen Sie in Ihrem
Wirkungsbereich einen Menschen, den Sie an der Sache An-
teil zu nehmen vermbgen kbnnten?
Mit sehr herzlichem GruB
Ihr Walter Benjamin
1 Herders Laienbibel, 1958.
2 Or do verfolgte jiidisch-territorialistische aber antizionistische Ten-
denzen. Zu ihren Mitarbeitern gehorten u. a. Alfred Doblin (in der
Zeit vor seiner Konversion) und Victor Zuckerkandl.
299 An Gerhard Scholem
Paris, 12. Juni 1938
Lieber Gerhard,
auf Deine Bitte schreibe ich Dir ziemlich ausfuhrlich, was ich
von Brods „Kafka" halte; einige eigene Reflektionen iiber
Kafka findest Du anschlieBend.
Du muBt von vornherein wissen, daB dieser Brief ganz
allein diesem uns beiden gleich sehr am Herzen liegenden
Gegenstande vorbehalten sein wird; fur Nachrichten von mir
vertrbste ich Dich auf einen der nachsten Tage.
Das Buch von Brod ist durch den fundamentalen Wider-
spruch gekennzeichnet, der zwischen der These des Verf assers
einerseits seiner Haltung andererseits obwaltet. Dabei ist die
letztere danach angetan, die erstere einigermaBen zu diskredi-
tieren; zu schweigen von den Bedenken, die sich gegen diese
sonst erheben. Die These ist, daB Kafka sich auf dem Wege
zur Heiligkeit befunden habe. (S. 65) Die Haltung des Bio-
756
graphen ihrerseits ist die vollendeter bonhommie. Der Mangel
an Distanz ist ihre markanteste Eigentiimlichkeit.
Daj3 sich diese Haltung zu dieser Ansicht des Gegenstands
finden konnte, beraubt das Buch von vornherein seiner Auto-
ritat. Wie sie es tat, das illustriert z. B. die Redewendung, mit
der (S. 127) „unser Franz" dem Leser auf Photo vor Augen
gefuhrt wird. Intimitat mit dem Heiligen hat ihre bestimmte
religionsgeschichtliche Signatur: namlich den Pietismus.
Brods Haltung als Biograph ist die pietistische einer ostenta-
tiven Intimitat; mit andern Worten die pietatloseste, die sich
denken laBt.
Dieser Unreinlichkeit in der Okonomie des Werks kommen
Gepflogenheiten zugute, die der Verfasser sich in seiner Be-
rufstatigkeit hat erwerben mbgen. Jedenfalls ist es kaum
moglich, die Spuren journalistischen Schlendrians bis hinein
in die Formulierung seiner These zu iibersehen: „Die Kate-
gorie der Heiligkeit ... ist liberhaupt die einzig richtige,
unter der Kafkas Leben und Schaffen betrachtet werden
kann." (S. 65) Ist es notig, anzumerken, daB Heiligkeit eine
dem Leben vorbehaltene Ordnung istJ, der das Schaffen unter
gar keinen Umstanden zugehbrt? und bedarf es des Hin-
weises darauf, daB das Pradikat der Heiligkeit auBerhalb
einer traditionell begriindeten Religionsverfassung einfach
eine belletristische Floskel ist?
Es fehlt Brod jedes Gefiihl fur die pragmatische Strenge,
die von einer ersten Lebensgeschichte Kafkas zu fordern ist.
„Von Luxushotels wuBten wir nichts und waren dennoch
unbeschwert lustig." (S. 128) Infolge eines auffallenden
Mangels an Takt, an Sinn fur Schwellen und Distanzen
flieBen,Feuilletonschablonen in einen Text ein, der durch
seinen Gegenstand zu einiger Haltung verpflichtet ware. Das
ist minder der Grund als ein Zeugnis dafiir, wie sehr jede
originare Anschauung von Kafkas Leben Brod versagt ge-
blieben ist. Besonders anstoBig wird dieses Unvermogen, der
Sache selbst gerecht zu werden, wo Brod (S. 242) auf die be-
ruhmte testamentarische Verfiigung zu sprechen kommt, in
der Kafka ihm die Vernichtung seines Nachlasses auferlegt.
Hier wenn irgendwo ware der Ort gewesen, grundsatzliche
757
Aspekte von Kafkas Existenz aufzurollen. (Er war offenbar
nicht gewillt, vor der Nachwelt die Verantwortung fur ein
Werk zu tragen um dessen GroBe er doch wuBte).
Die Frage ist seit Kafkas Tod vielfach erortert worden; es
lag nahe, hier einmal innezuhalten. Allerdings hatte sie fiir
den Biographen die Einkehr bei sich selbst mit sich gefiihrt.
Kafka muBte den NachlaB wohl dem vertrauen, der ihm den
letzten Willen nicht wiirde tun wollen. Und weder der
Testator noch auch seinBiograph wiirden bei soldier Betrach-
tung der Dinge zu Schaden kommen. Aber sie verlangt die
Fahigkeit, die Spannungen zu ermessen, von denen Kafkas
Leben durcbzogen war.
DaB diese Fahigkeit Brod abgeht, erweisen die Stellen, an
denen er unternimmt, Kafkas Werk oder Schreibweise zu
erlautern. Es bleibt da bei dilettantischen Ansatzen. Die
Sonderbarkeit in Kafkas Wesen und Schreiben ist gewiB
nicht, wie Brod meint, eine „scheinbare" und ebenso wenig
kommt man den Darstellungen Kafkas mit der Erkenntnis
bei, daB sie „nichts als wahr" sind. (S. 68) Derartige Exkurse
liber Kafkas Werk sind danach angetan, Brods Auslegung
seiner Weltanschauung von vornherein prqblematisch zu
machen. Wenn Brod von Kafka aussagt, daB dieser etwa auf
der Linie von Buber gestanden habe (S..541), so heifit das,
den Schmetterling in dem Netz such en uber das er im Hin-
und Herflattern seinen Schatten wirft. Die „gleichsam reali-
stisch-judische.Deutung" des „Schlosses" unterschlagt die ab-
stoBenden und die grauenhaften Ziige, mit denen die obere
Welt bei Kafka ausgestattet ist, zugunsten einer erbaulichen
Auslegung, die gerade dem Zionisten suspekt sein miiBte.
Gelegentlich denunziert sich diese Bequemlichkeit, die
ihrem Gegenstande so wenig ansteht, selbst einem Leser, der
es nicht genau nimmt. Es ist Brod vorbehalten geblieben, die
vielschichtige Problematik von Symbol und Allegorie, die
ihm fur die Auslegung Kafkas erheblich scheint, am Beispiel
des „standhaften Zinnsoldaten" zu illustrieren, der ein voll-
gxiltiges Symbol darum vorstelle, weil er nicht nur „viel . . .
in die Unendlichkeit Verlaufendes ausdruckt", sondern „uns
auch mit seinem personlich detaillierten Schicksal als Zinn-
758
soldat" nahekommt (S. 237). Man mochte wohl wissen, wie
sich das Davidsschild im Lichte einer solchen Symboltheorie
ausnimmt.
Ein Gefiihl f iir die Schwache seiner eigenen Kafka- Inter-
pretation macht Brod gegen die Interpretationen von andern
empfindlich. DaB er das nicht so torichte Interesse der Surre-
alisten an Kafka wie die teilweise bedeutenden Auslegungen
der kleinenProsadurch Werner Kraft mit einer Handbewegung
beiseiteschiebt, wirkt nicht angenehm. Dariiber hinaus sieht
man ihn bemuht, auch die kiinf tige Kaf ka-Literatur zu entwer-
ten. „So konnte man erklaren und erklaren (man wird es auch
noch tun) doch notwendigerweise ohne Ende" (S. 69). Der Ak-
zent, der auf der Klammer liegt, f allt ins Ohr. DaB die „vielen
privaten akzidentellen Mangel und Leiden Kafkas" zum Ver-
standnis seines Werkes mehr beitragen als „theologische Kon-
struktionen" (S. 213),hort man von dem jedenfalls nicht gern,
der Entschlossenheit genug besitzt, seine eigene Darstellung
Kafkas unter dem Begriff der Heiligkeit vorzunehmen. Die
gleiche wegwerfende Gebarde gilt allem, was Brod bei seinem
Zusammensein mit Kafka storend vorkommt — der Psycho-
analyse ebenso wie der dialektischen Theologie. Sie erlaubt es
ihm. Kafkas Schreibweise der „erlogenen Exaktheit" Balzacs
(S. 69) zu konfrontieren (wobei er nichts anderes als jene
durchsichtigen Radomontaden im Sinne hat, die von Balzacs
Werk und seiner GroBe gar nicht zu trennen sind).
Das alles stammt nicht aus Kafkas Sinn. Brod verfehlt
allzu oft die Fassung, die Gelassenheit, die diesem eigen war.
Es gibt keinen Menschen, sagt Joseph de Maistre, den man
nicht mit einer maB vollen Meinung f iir sich gewinnen konnte.
Brods Buch wirkt nicht gewinnend. Es uberschreitet das MaB
sowohl in der Art, in welcher er Kafka huldigt, als in der
Vertrautheit, mit der dieser von ihm behandelt wird. Beides
hat wohl in dem Roman sein Vorspiel, dem seine Freund-
schaft zu Kafka als Vorwurf diente. Ihm Zitate entnommen
zu haben, stellt unter den MiB griff en dieser Lebensbeschrei-
bung keineswegs den geringsten dar. DaB in diesem Roman
Fernerstehende eine Verletzung der Pietat gegen den Ver-
storbenen sehen konnten, wundert den Verfasser, wie er
759
gesteht. „Wie alles miBverstanden wird, so audi dies . . .Man
entsann sich nicht, daB Platon sich auf ahnliche, allerdings
weit umfassendere Art seiri ganzes Leben lang seinen Lehrer
und Freund Sokrates als lebendig weiterwirkend, als mit-
lebenden, mitdenkenden Wegbegleiter dem Tode abgetrotzt
hatte, indem er ihn zum Helden fast aller Dialoge machte,
die er nach des Sokrates Tode schrieb." (S. 82)
Es ist wenig Aussicht, daB Brods „Kafka" einmal unter
den groBen griindenden Dichterbiographien, in der Reihe des
Schwabschen Hblderlin, des Bachtholdschen Keller, wird ge-
nannt werden konnen. Desto denkwiirdiger ist sie als Zeugnis
einer Freundschaft, die nicht zu den kleinsten Ratseln in
Kafkas Leben gehoren diirfte.
Du ersiehst aus dem Vorstehenden, lieber Gerhard, warum
Brods Biographie mir ungeeignet scheint, mein Bild von
Kafka — ware es auch nur auf polemische Weise — in der
Befassung mit ihr durchblicken zu lassen. Ob es den folgen-
den Notizen gelingt, dieses Bild zu skizzieren, lasse ich natiir-
lich dahingestellt. Auf jedenFall werden sieDir einen neuen, -
von meinen friiheren Reflektionen mehr oder minder unab-
hangigen Aspekt darauf nahelegen.
Kafkas Werk ist eine Ellipse, deren weit auseinander-
liegende Brennpunkte von der mystischen Erfahrung (die vor
allem die Erfahrung von der Tradition ist) einerseits, von
der Erfahrung des modernen GroBstadtmenschen andererseits,
bestimmt sind. Wenn ich von der Erfahrung des modernen
GroBstadtmenschen rede, so begreife ich in sie verschiedenes
ein. Ich spreche einerseits vom modernen Staatsbiirger, der
sich einer uniibersehbaren Beamtenapparatur ausgeliefert
weiB, deren Funktion von Instanzen gesteuert wird, die den
ausfiihrenden Organen selber, geschweige dem von ihnen
behandelten ungenau bleiben. (Es ist bekannt daB eine Be-
deutungsschicht der Romane, insbesondere des „Prozesses(t,
hierin beschlossen liegt.) Unter dem modernen GroBstadt-
menschen spreche ich andererseits ebensowohl den Zeitgenos-
sen der heutigen Physiker an. Liest man die folgende Stelle
aus Eddingtons „ Weltbild der Physik", so glaubt man Kafka
zu horen.
760
„Ich stehe auf der Tiirschwelle, im Begriffe, mein Zim-
mer zu betreten. Das ist ein kompliziertes Unternehmen.
Erstens muB ich gegen die Atmosphare ankampf en, die mit
einer Kraft von 1 Kilogramm auf jedes Quadratzentimeter
meines Korpers driickt. Ferner muB ich auf einem Brett zu
landen versuchen, das mit einer Geschwindigkeit von
30 Kilometer in der Sekunde urn die Sonne fliegt; nur den
Bruchteil einer Sekunde Verspatung, und das Brett ist be-
reits meilenweit entfernt. Und dieses Kunststiick muB
fertiggebracht werden, wahrend ich an einem kugelformi-
gen Planeten hange, mit dem Kopf nach auBen in den
Raum hinein, und ein Atherwind von Gott weiB welcher
Geschwindigkeit durch alle Poren meines Korpers blast.
Auch hat das Brett keine feste Substanz. Darauftreten
heiBt auf einen Fliegenschwarm treten. Werde ich nicht
hindurchf alien? Nein, denn wenn ich es wage und darauf
trete, so trifft mich eine der Fliegen und gibt mir einen
StoB nach oben; ich falle wieder und werde von einer an-
deren Fliege nach oben geworfen, und so geht es fort. Ich
darf also hoffen, das Gesamtresultat werde sein, daB ich
dauernd ungefahr auf gleicher Hohe bleibe. Sollte ich aber
ungliicklicherweise trotzdem durch den FuBboden hin-
durchfallen oder so heftig emporgestoBen werden, daB ich
bis zur Decke fliege, so wiirde dieser Unfall keine Ver-
letzung der Naturgesetze sondern nur ein auBerordentlich
unwahrscheinliches Zusammentreffen von Zufallen sein . . .
Wahrlich, es ist leichter, daB ein Kamel durch ein Na-
delohr gehe denn daB ein Physiker eine Tiirschwelle iiber-
schreite. Handle es sich um ein Scheurientor oder einen
Kirchturm, vielleicht ware es weiser, er fande sich damit
ab, nur ein gewohnlicher Mensch zu sein, und ginge ein-
fach hindurch, anstatt zu warten, bis alle Schwierigkeiten
sich gelost haben, die mit einem wissenschaftlich einwand-
freien Eintritt verbunden sind."
Ich kenne in der Literatur keine Stelle, die im gleichen
Grade den Kafkaschen Gestus aufweist. Man konnte ohne
Miihe fast jede Stelle dieser physikalischen Aporie mit Satzen
aus Kafkas Prosastiicken begleiten, und es spricht nicht wenig
761
dafur, daB dabei viele von den „unverstandlichsten" unter-
kamen. Sagt man also, wie ich das eben getan habe, daB die
entsprechenden Erfahrungen Kafkas in einer gewaltigen
Spannung zu seinen mystischen standen, so sagt man nur
eine halbe Wahrheit. Es ist das eigentlich und im prazisen
Sinne Tolle an Kafka, daB diese allerjungste Erf ahrungs welt
ihm gerade durch die mystische Tradition zugetragen wurde.
Das ist naturlich nicht ohne verheerende Vorgange (auf die
ich sogleich komme) innerhalb dieser Tradition moglich ge-
wesen. Das Kurze und Lange von der Sache ist, daB off enbar
an nichts Geringeres als an die Krafte dieser Tradition appel-
liert werden muBte, sollte ein Einzelner (der Franz Kafka
hieB) mit der Wirklichkeit konfrontiert werden, die sich als
die unsrige theoretisch z. B. in der modernen Physik, prak-
tisch in der Kriegstechnik projiziert. Ich will sagen, daB diese
Wirklichkeit fur den Einzelnen kaum mehr erfahrbar, und
daB Kafkas vielfach so heitere und von Engeln durchwirkte
Welt das geriaue Komplement seiner Epoche ist, die sich an-
schickt, die Bewohner dieses Planeten in erheblichen Massen
abzuschaffen. Die Erfahrung, die der des Privatmanns Kafka
entspricht, diirfte von groBen Massen wohl erst gelegentlich
dieser ihrer Abschaffung zu erwerben sein.
Kafka lebt in einer komplement ar en Welt. (Darin ist er
genau mit Klee verwandt, dessen Werk in der Malerei ebenso
wesenhaft vereinzelt dasteht wie das von Kafka in der Lite-
ratur). Kafka gewahrte das Komplement, ohne das zu gewah-
ren, was ihn umgab. Sagt man, er gewahrte das Kommende,
ohne das zu gewahren, was heute ist, so gewahrt er es doch
wesentlich als der Einzelne von ihm betroffene. Seinen Ge-
berden des Schreckens kommt der herrliche Spielraum zu
gute, den die Katastrophe nicht kennen wird. Seiner Erfah-
rung lag aber die Uberlieferung, an die sich Kafka hingab,
allein zugrunde; keinerlei Weitblick, auch keine „Sehergabe".
Kafka lauschte der Tradition, und wer angestrengt lauscht,
der sieht nicht.
Angestrengt ist dieses Lauschen vor alleiri darum, weil nur
Undeutlichstes zum Lauscher dringt. Da ist keine Lehre, die
man lernen, und kein Wissen, das man bewahren konnte.
762
Was im Fluge erhascht sein will, das sind Dinge, die fur kein
Ohr bestimmt sind. Dies beinhaltet einenTatbestand, welcher
Kafkas Werk nach der negativen Seite streng kennzeichnet.
(Seine negative Charakteristik wird wohl durchweg chancen-
reicher sein als die positive). Kafkas Werk stellt eine Er-
krankung der Tradition dar. Man hat die Weisheit gelegent-
lich als die epische Seite der Wahrheit definieren wollen.
Damit ist die Weisheit als ein Traditionsgut gekennzeichnet;
sie ist die Wahrheit in ihrer hagadischen Konsistenz.
Diese Konsistenz der Wahrheit ist es, die verloren gegan-
gen ist. Kafka war weit entfernt, der erste zu sein, der sich
dieser Tatsache gegemiber sah. Viele hatten sich mit ihr ein-
gerichtet, festhaltend an der Wahrheit oder an dem, was sie
jeweils dafiir gehalten haben; schweren oder auch leichteren
Herzens verzichtleistend auf ihre Tradierbarkeit. Das eigent-
lich Geniale an Kafka war, daB er etwas ganz neues auspro-
biert hat: er gab die Wahrheit preis, um an der Tradierbar-
keit, an dem hagadischen Element festzuhalten. Kafkas
Dichtungen sind von Hause aus Gleichnisse. Aber das ist ihr
Elend und ihre Schonheit, daB sie mehr als Gleichnisse
werden muBten. Sie legen sich der Lehre nicht schlicht zu
FiiBen wie sich die Hagada derHalacha zu FiiBen legt. Wenn
sie sich gekuscht haben, heben sie unversehens eine gewich-
tige Pranke gegen sie.
Darum ist bei Kafka von Weisheit nicht mehr die Rede. Es
bleiben nur ihre Zerfallsprodukte. Deren sind zwei: einmal
das Geriicht von den wahren Dingen (eine Art von theologi-
scher Fliisterzeitung, in der es um Verrufenes und Obsoletes
geht); das andere Produkt dieser Diathese ist die Torheit,
welche zwar den Gehalt, der der Weisheit zueigen ist, restlos
vertan hat, aber dafiir das Gefallige und Gelassene wahrt, das
dem Geriicht allerwege abgeht. Die Torheit ist das Wesen
der Kafkaschen Lieblinge; von Don Quijote iiber die Gehilfen
bis zu den Tieren. (Tiersein hieB ihm wohl nur, aus einer Art
von Scham auf die Menschengestalt und -weisheit verzichtet
haben. So wie ein vornehmer Herr, der in eine niedere Kneipe
gerat, aus Scham darauf verzichtet, sein Glas auszuwischen.)
Soviel stand ohne Frage fur Kafka fest: erstens, daB einer,
763
um zu helfen, ein Tor sein mu8; zweitens: eines Toren Hilfe
allein ist wirklich eine. Unsicher ist nur: verfangt sie am
Menschen noch? Sie hilft vielleicht eher den Engeln (vgl. die
Stelle VII, S. 209 iiber die Engel, die etwas zu tun bekom-
men) fur die es audi anders ginge. So ist denn, wie Kafka
sagt, unendlich viel Hoffnung vorhanden, nur nicht fur uns.
Dieser Satz enthalt wirklich Kafkas Hoffnung. Er ist die
Quelle seiner strahlenden Heiterkeit.
Ich uberliefere Dir dieses auf gefahrliche Weise perspek-
tivisch verkiirzte Bild umso ruhiger, als Du es durch die
Ansichten verdeutlichen magst, die von andern Aspekten her
meine Kafkaarbeit in der „Judischen Rundschau" entwickelt
hat. Was mich heute gegen diese am meisten einnimmt, ist
der apologetische Grundzug, welcher ihr innewohnte. Um
Kafkas Figur in ihrer Reinheit und in ihrer eigentiimlichen
Schonheit gerecht zu werden, darf man das Eine nie aus dem
Auge lassen: es ist die von einem Gescheiterten. Die Um-
stande dieses Scheiterns sind mannigf ache. Man mochte sagen :
war er des endlichen MiBlingens erst einmal sicher, so gelang
ihm unterwegs alles wie im Traum. Nichts denkwiirdiger als
die Inbrunst, mit der Kafka sein Scheitern unterstrichen hat.
Seine Freundschaft mit Brod ist fur mich vor allem ein
Fragezeichen, das er an den Rand seiner Tage hat malen
wollen.
Damit ware fur heute der Kreis geschlossen, und ich setze
die herzlichsten Grufie an Dich in seinen Mittelpunkt.
Dein Walter
300 An Gerhard Scholem
Svendborg? 8. Juli 1938
Lieber Gerhard,
mein Weitblick vom Friihjahr hat leider recht behalten und
unsere Herbstbegegnung wird zu meiner — und gewiB auch
Deiner — Betriibnis nicht statt haben konnen. Die Ursache
davon, gegen die nichts ankommt, ist meine Arbeit. Mein
764
hiesiger Aufenthalt kommt einer Klausur gleich; und ware
er nur das, die lange Reise ware gerechtfertigt. Ich brauche
diese Abgeschiedenheit; ich kann es in der Tat nicht wagen,
eine grbBere Unterbrechung, geschweige einen Milieuwech-
sel eintreten zu lassen, bevor die Arbeit im groBen und gan-
zen abgeschlossen vorliegt. Hinzukommt, daB die hiesigen
Arbeitsbedingungen 'nicht nur durch die Abgeschiedenheit
denen in Paris uberlegen sind. Ich habe einen groBen Garten
zu ungestbrter Verfugung und meinen Schreibtisch an einem
Fenster mit freiem Blick iiber den Sund. Die Schiffchen, die
ihn passieren, stellen denn auch, von der taglichen Schach-
pause mit Brecht abgesehen, meine einzige Zerstreuung dar.
Konnte ich mit dem Verzicht auf unsere Begegnung wenig-
stens den in New York gewiinschten Termin fur die Beendi-
gung der [Baudelaire-] Arbeit realisieren! Ich furchte trotz
allem werde ich ihn uberschreiten miissen. Hier konntest Du
ein gutes Werk tun, wenn Du gelegentlich Wiesengrund in
diesem Sinne unterrichtetest.
Unter den Griinden, die mir das MiBlingen unseres Vor-
habens betriibend machen, steht neben meinem Wunsch,
Deine Frau kennen zu lernen an erster Stelle der, mit Dir
iiber den Baudelaire sprechen zu konnen. Ich hatte mir davon
viel versprochen. Liegt es doch so, daB der Gegenstand not-
wendig die ganze Masse der Gedanken und der Studien in
Bewegung setzt, in denen ich mich seit geraumen Jahren
ergangen habe. In diesem Sinne kann ich sagen, daB im Falle
des Gelingens ein sehr genaues Modell der Passagenarbeit
erstellt sein wiirde. Welche Gewa.hr es fur dieses Gelingen
gibt, ist eine andere Frage. Noch immer ist die beste, die ich
kenne, Behutsamkeit, und so verwende ich denn eine lange
Kette von Reflexionen an die Komposition (die in der der
Wahlverwandtschaftenarbeit ihr Vorbild haben wird).
DaB Deine Ausbeute1 so reichlich ausgefallen ist, freut
mich sehr. LaB mich hoffen, daB Du mir, liegt die Jagdzeit
einmal hinter Dir, ausfuhrlich iiber die vielen Dinge berich-
ten wirst, die nun - auf wer weiB wie lange — wieder unserer
765
Korrespondenz anheimgestellt bleiben. Vor allem habe ich
hierbei meinen Kaf kabrief undDeinebevorstehendelnstituts-
visite im Sinne.
Mit den herzlichsten GriiBen
Dein Walter
1 Beim Studium kabbalistischer Manuskripte in Amerika.
3 01 An Kitty Marx-Steinschneider
Skovsbostrand, 20. Juli 1938
Liebe Freundin,
Sie haben, wie Sie mir sagen, fiinf Briefe von mir; ich weiB
nicht, wie ich es in ihnen rait der Anrede gehalten habe. Mit
der gegenwartigen webe ich einen Faden Ihres letzten Briefes
in den meinen hinein — und ein besseres Material habe ich
nicht.
Ich habe mir lange einen Brief von Ihnen gewiinscht und
als er, nach freilich noch langerer Zeit, kam, fand sich, da£
der Wunsch nur in leichten Schlummer gefallen war, aus
dem er, bei der ersten Beriihrung erwachte. Wenn aber ich
meinerseits Ihnen nicht schon viel fniher geschrieben hatte,
so wird es vielleicht in dem Gefuhl gewesen sein, wie gezahlt
unsere ersten personlichen und auch brieflichen Begegnungen
waren und in dem Wunsche, ihnen nicht den Reichtum dieses
Mangels zu entziehen. Nun lassen mich die Jahre und die
vielen Hindernisse, die Ihr letzter Brief hinter sich gebracht
hoffen, daB er den Anfang einer etwas dichteren Reihe macht.
Diese Hindernisse waren nicht alle iiberwunden, als er
mich eines Morgens e'rreichte. Denn das geschah eben in der
Zeit als ich nach Monaten unsteter Existenz und vielfaltiger
Abhaltungen mich einer groBeren Arbeit zugewendet hatte.
Durch die plotzliche EinbuBe meines Logis war ich im ver-
gangenen Herbst in Schwierigkeiten gekommen. Eine Weile
war ich in San Remo, bei meiner friiheren Frau; endlich
Ende Januar gelang es mir, eine kleine Wohnung zubeziehen.
766
Da ich alle dazu erforderlichen Dinge in Berlin im Stich
hatte lassen miissen, so gab das Arbeit auf eine Reihe von
Wochen. Meine laufenden Arbeiten waren in Riickstand ge-
kommen und das fuhrte zu immer mehr oder minder ver-
zettelter Schreiberei, die mich wieder fiir eine ganze Zeit in
At em hielt.
Als Ihr Brief kam, war es gerade einige Tage her, dafi ich
zu einem fundierten Plan zuruckgekehrt war, einem Essay
liber Baudelaire, der ein Teil der Arbeit iiber das vorige
Jahrhundert ist, die ich seit mehr als zehn Jahren im Sinne
fuhre. Der Aufsatz den ich schreibe und der seiner Anlage
nach eher ein Buch darstellt, soil davon einen Teil unter Dach
und Fach bringen.
Ich habe meine Siebensachen im Juni eingepackt und bin
nun seit vier Wochen in Danemark, sitze an einem geraumi-
gen schweren Tisch in einer Dachstube, zur linken Hand das
Ufer und den stillen und schmalen Sund, den auf der Gegen-
seite der Wald begrenzt. Es ist leidlich still; die Motoren der
Kutter, die hier vorbeifahren, machen ein Gerausch, das man
umso lieber hat, als es einem erlaubt, einmal aufzuschauen
und das Schiffchen in Augenschein zu nehmen.
Nebenan liegt das Haus von Brecht; da gibt es zwei Kin-
der, die ich gerne habe; das Radio; das Abendbrot; die freund-
lichste Aufnahme und nach dem Essen ein oder zwei aus-
gedehnte Schachpartien. Die Zeitungen kommen hierher mit
so grofier Verspatung, daB man sich etwas eher das Herz
nimmt, sie aufzuschlagen.
Scholem habe ich kurz vor meiner Abreise in Paris ge-
sehen. Die fallige philosophische Auseinandersetzung ist in
guter Form vor sich gegangen. Irre ich mich nicht, so hat sie
ihm von mir ungefahr das Bild eines Mannes gegeben, der
sich in einem Krokodilsrachen, den er mittels eiserner Ver-
strebungen gebffnet erhalt, hauslich niedergelassen hat.
Wir hatten urspriinglich vorgehabt, uns nach seiner Riick-
kehr aus Amerika in Paris noch einmal zu treffen. Aber ich
darf meine Arbeit nicht unterbrechen und werde keinesfalls
vor Anfang September1 nach Paris zuruckkehren. Darum
bitte ich Sie, mir hierher zu schreiben.
767
Ich gabe Vieles darum, wenn Sie einmal in dieses Zimmer
eintreten konnten. Darin hause ich wie in einer Zelle. Es ist
nicht das Mobilar, das es dazu macht sondern die Umstande,
unter denen ich es bewohne. Sie notigen mir eine Art Klausur
auf. Bei aller Freundschaft mit Brecht muB.ich dafur sorgen,
meine Arbeit in strenger Abgeschiedenheit durchzufuhren.
Sie enthalt ganz bestimmte Momente, die fiir ihn nicht zu
assimilieren sind. Er ist lange genug mit mir befreundet, urn
das zu wissen und ist einsichtig genug es zu respektieren. So
geht das denn auch sehr gut von statten. Aber nicht immer
ist es ganz leicht, das in Gesprachen zuriickzustellen was
einen tagaus tagein beschaftigt. So gibt es Augenblicke, in
denen ich einen Brief wie den Ihren noch einmal lese, um
entschlossen zur Arbeit zuriickzukehren. Und ich denke, dies
miiBte mir zu einem neuen verhelfen konnen.
Hoffentlich tragen die Verhaltnisse im Lande nicht allzu
groBe Unruhe in Ihr Dasein; schreiben Sie mir auch dariiber.
Und lassenSie mich mit rechtherzlichenGruBen schlieBen.
Ihr Walter Benjamin
1 Er blieb bis Mitte Oktober, als Scholem schon wieder in Jerusalem
war.
302 An Gretel Adorno
Skovsbostrand per Svendborg, 20. Juli 1958
Liebe Felizitas,
hattet Ihr geglaubt, daB Eure Geburtstagswiinsche gerade am
15ten, um 12 Uhr mittags, bei mir eintreten wiirden? So taten
sie es, mit dem Brieftrager. Es ist schlimm, daB zugleich mit
meiner Freude so das BewuBtsein meiner neulichen Ver-
saumnis auch intensiver wurde. Fiir die kann es nur eine
Verzeihung, keine Entschuldigung geben. Nun werde ich das
Datum desto besser im Sinn behalten, und da ist es gut auf-
gehoben.
768
Ich stelle mir vor, daB Ihr euer Eingedenken, aus nachst-
liegendem AnlaB, am I5ten werdet erneuert haben. (Bei,
dieser Vorstellung ergibt sich mir sehr natiirlich der Wunsch
zu erfahren, ob Deine Schwester1 geheiratet hat oder ob das
bevorsteht. Du hattest mir davon eingehender geschrieben,
ich Dir geantwortet. Ich glaube, es war in meinem letzten
Brief e, auf den ich noch nichts von Euch vernommen habe.)
Wie es hier mit mir steht, dariiber hast Du yielleicht von
Egon [Wissing] gehbrt, dem ich vor vierzehn Tagen ge-
schrieben habe. Ich bewohne ein leidlich stilles Zimmer in
der nachstenNachbarschaft vonBrechtsHaus. Zum Schreiben
habe ich ein en groBen stabilen Tisch — wie schon seit Jahren
keinen - und einen Blick auf den gemachlichen Sund, an
dessen Ufern Segelboote und auch kleinere Dampfer vorbei-
ziehen. So lebe ich in der contemplation opiniatre de Tceuvre
de demain, wie Baudelaire sagt, um den es sich in dem frag-
lichen ceuvre handelt.
Ich habe ihm nun einen Monat lang taglich seine acht bis
neun Stunden zugewandt und habe vor, das Manuscript in
der Rohfassung abzuschlieBen ehe ich nach Paris zuriick-
kehre. Darum habe ich die geplante Begegnung mit Scholem,
so leid mir das tut, aufgeben miissen: die Unterbrechung
ware in einen allzuwichtigen Arbeitsabschnitt hinein gef al-
ien. Wahrscheinlich habt Ihr das inzwischen von ihm gehbrt.
Hieran schlieBt sich ein Neues an, was ich mit Wider-
streben Dir anvertraue — Dir als erster und minder zu treuen
Handen als zu verstandigen. Ich werde den 15. September -
Termin bei allem Bemiihen nicht einhalten kbnnen.
In einem Brief e, den ich von hier an Pollock schrieb, sprach
ich ihm davon, daB eine geringe Terminuberschreitung sich
vielleicht als notwendig erweisen kbnnte. Inzwischen habe
ich mich entschlieBen miissen, die Schematisierung der Ar-
beit, die ich mir in Paris in einer Periode chronischer Mi-
graneanfalle gewaltsam auferlegt hatte, neu einzurichten.
Wir sind uns ja darin einig, dafi in Arbeiten wie dem Bau-
delaire Entscheidendes von der Konzeption abhangt; die ist
es, an der nichts forciert werden und in der nirgends f iinf als
gerade passieren darf. Es kommt hinzu, daB einigeder grund-
769
legenden Kategorien der Passagen hier zum ersten Male ent-
wickelt werden. Unter diesen Kategorien steht, wie ich Euch
wohl in San Remo bereits erzahlte, die des Neuen und
Immerwiedergleichen an erster Stelle. Weiter treten in der
Arbeit - und das gibt Dir vielleicht am besten einen Begriff
von ihr — Motive erstmals in Beziehung zueinander, die sich
mir bisher nur in von einander mehr oder minder isolierten
Denkfeldern prasentiert hatten: die Allegorie, der Jugendstil
und die Aura. - Je dichter der begriffliche Kontext ausfallt,
desto mehr Urbanitat muB natiirlich der sprachliche an den
Tag legen.
Dazu die Schwierigkeiten, die nicht in der Sache sondern
in der Zeit* liegen. Was gabe ich darum, Dich — und ware es
fur nur eine Woche — zu sehen! Da Du mich oft auf ein hal-
bes Wort schon verstehen wiirdest, wie wiirdest Du mir, eben
dadurch, erlauben, dessen anderer Halfte mich zu bemachti-
gen. Von ahnlichem kann hier nicht die Rede sein. Auf der
andern Seite empfinde ich die Einsicht sehr wohltatig, die
Brecht der Notwendigkeit meiner Isolierung entgegenbringt.
Ohne die wiirden die Dinge sich weniger angenehm anlassen.
Aber eben hat sie es mir ermoglicht, mich in dem Grade auf
meine Arbeit zuriickzuziehen, daB ich selbst seinen neuen Ro-
man2, der zur Halfte vollendet ist, noch nicht gelesen habe.
Natiirlich ist es nicht sowohl .die Zeit die mir fehlt als die
Moglichkeit, in das einzutreten, was meiner Arbeit fern liegt.
Der gleiche herrische Charakter, der ihre Inkompatibilitat
mit jeder andern Beschaftigung zur Folge hat, macht es mir
schwer, sie in allzuenge Termingrenzen einzuschlieBen. So
selbstverstandlich mir ihre Fertigstellung vor Ablauf des
Jahres ist — ich wiirde den 15. November als den spatesten
Termin ansetzen — , so toricht ware es von mir, nicht jetzt
schon es auszusprechen, daB ich ohne eine Fristverlangerung
von mindestens fiinf Wochen nicht werde zu Rande kommen
konnen.
Es wird mir natiirlich nichts iibrig bleiben als das auch
Max mitzuteilen. Weil meine Nachricht ihn aber erst erheb-
* will sagen: in der Epoche
770
lich spater erreichen wiirde als Dich die vorliegende, well ich,
weiterhin, Pollock erst kiirzlich in der Sache geschrieben
habe, weil ich mich - und das ist das Entscheidende - in die-
ser redaktionellen Schwierigkeit mit Deinem Verstandnis und
Deiner Hilf e auch der von Ted die versichern mbchte — darum
schreibe ich Dir, und das so ausfiihrlich.
Damitbin ich noch nicht am Ende. Ich will vielmehr gleich
eine Bitte anschlieBen, die Dir meinen ganzen Schreibtisch
vor Augen zaubern mag. Ich habe herausbekommen, dafi der
beriihmte R L Stevenson iiber Gasbeleuchtung geschrieben
hat; es gibt von ihm einen essai on gaz-lamps. Bisher war alle
meineMuhe umsonst, ihn aufzutreiben. Es eriibrigt sichjedes
Wort iiber die Wichtigkeit, die dieser essai fiir mich haben
konnte. Magst Du versuchen, ihn fiir mich aufzutreiben?
— Zu guterletzt: ist es Dir moglich, mir die franzosischen
Biicher, die Du noch von mir hast, im Laufe der nachsten
Wochen hierher zu senden, so wiirde mir das die Zollschwie-
rigkeiten ersparen, die die franzosischen Behordenbei Bixcher-
sendungen zu erheben lieben. Sie werden von hier mit meiner
iibrigen Bibliothek per Fracht nach Paris abgehen.
Ist es wahr, daB Ernst Bloch, wie mir zu Ohren gekommen
ist, in New- York ist? Berichte mir, falls das wahr sein sollte
— und griiBe ihn. Nach dem letzten Heft der Zeitschrift zu
schlieBen, gibt es dort auch Joachim Schumacher, seinen
Schiiler. Seine Beitrage im Besprechungsteil scheinen mir
nicht uneben; (dagegen ist ein Buch „Die Angst vor dem
Chaos", das er erscheinen lieB, kein gutes Zeugnis fiir die
Lehre, die er genossen hat.)
Mir kommt hier etwas mehr linientreues Schrifttum vor
Augen als in Paris und so geriet ich neulich an ein Heft der
„Internationalen Literatur" 3 in dem ich, anlaBlich eines Teils
meiner Wahlverwandtschaftenarbeit als Gefolgsmann von
Heidegger figuriere. Die Misere in diesem Schrifttum ist
groB. Ihr werdet, denke ich, Gelegenheit haben zu verneh-
men, welch en Vers Bloch sich darauf macht. Was Brecht be-
trifft, so macht er sich die Griinde der russischen Kulturpoli-
tik durch Spekulationen iiber die Erfordernisse der dortigen
Nationalitatenpolitik klar so gut er kann. Aber das hindert
771
ihn selbstverstandlich nicht, die theoretische Linie als kata-
strophal fiir alles das zu erkennen, wofiir wir uns seit 20 Jah-
ren einsetzen. SeinUbersetzer undFreund war, wieDu weiBt,
Tretjakoff . Er ist hochstwahrscheinlich nicht mehr am Leben.
Das Wetter ist triibe und verlockt wenig zuSpaziergangen;
desto besser, denn es gibt keine. Mein Schreibtisch ist auch
klimatisch bevorzugt: er stent unter einem abgeschragten
Dach, wo die Warme, die sparliche Sonnenstrahlen manchmal
abgeben, etwas langer vorhalt als anderswo. Ein oder zwei
Partien Schach, die etwas Abwechslung in das Leben bringen
sollten, nehmen ihrerseits die Farbe des grauen Sundes und
der Gleichf ormigkeit an : denn ich gewinne sie nur sehr selten.
Lebe recht wohl, meine liebe Felizitas; bedenke, daB ich
unter der Arbeit zum Briefschreiben ganz besonders erraun-
tert werden muB; tue dies, indem Du mir viel berichtest
— Deine Briefe sind immer kurz — und griiBe den Teddie so-
wie die andern aufs Herzlichste.
Dein Detlef
Neulich sah ich — zum ersten Mai! — Katharina Hepburn.
Die ist grofiartig und hat sehr viel von Dir. Hat man Dir das
noch nie gesagt?
1 Liselotte Karplus, Egon Wissings zweite Fran.
2 Die Geschafte des Herrn Julius Casar. Postum, Berlin 1957.
3 1930-1945 in Moskau erschienene deutschsprachige Zeitschrift; Jo-
hannes R. Becher war Hauptschriftleiter.
3 03 An Max Horkheimer
Kopenhagen, 28. September 1938
Lieber Herr Horkheimer,
vor allem sage ich Ihnen herzlichen Dank fiir Ihre Zeilen vom
6. September. Oft frage ich mich, ob und unter welch en Um-
standen wir in absehbarer Zeit einander begegnen werden.
Der Geist, vor der Zukunft scheu, blickt in die Feme.
772
Sie erhalten mit gleicher Post den zweiten Teil des Buches
iiber Baudelaire *. Er umfaBt drei Abteilungen. Von der ersten
fehlen am Anfang einige Seiten; ich muBte sie der Fertig-
stellung des restlichen Textes zum Opfer bringen und ent-
schloB mich dazu nicht allzu schwer, da diese erste Abteilung
fiir die Publikation in der nachsten Nummer der Zeitschrift
wohl minder in Frage kommt als die beiden andern Abteilun-
gen. Ich nehme an, dafi von diesen jede einzelne fiir die Be-
diirfnisse des nachsten Heftes ausgereicht hatte. Wenn ich
trotzdem alles daran setzte, um sie beide und dariiber hinaus
die wesentlichen Partien der ersten Abteilung fertig zu stel-
len, so darum, weil mir sehr viel daran gelegen war, Ihnen
durch die zusammenhangende Lekture des zweiten Teils des
Baudel aire- Buches einenVorbegriff von dessenGesamterschei-
nung zu geben.
Vielleicht darf ich bei dieser Gelegenheit kurz das Zustan-
dekommen dieses zweiten Teils resiimieren.
In meinem Brief vom 16. April glaubte ich, den ganzen
Baudelaire auf 80 bis 120 Seiten bewaltigen zu konnen. Auch
am 4. Juli war, in meinem Brief an Herrn Pollock, noch von
dem ganzen Baudelaire als Beitrag fiir die nachste Nummer
der Zeitschrift die Rede. In dem Brief, den ich am 3, August
an Sie richtete, sah ich zum ersten Mai die Notwendigkeit,
den zweiten Teil abzuzweigen. Am 28. August erst konnte,
oder muBte, ich dann Herrn Pollock mitteilen, daB der zweite
Teil fiir sich allein iiber den Umfang eines Zeitschriftenauf-
satzes hinausgehen werde.
Wie Sie wissen, war der Baudelaire urspriinglich als ein
Kapitel der „Passagen" geplant und zwar als das vorletzte.
So war er aber vor Abfassung der vorangehenden fiir mich
weder zu schreiben, noch ware er, so geschrieben, ohne die
vorangehenden verstandlich gewesen. Ich habe mich dann
selbst lange Zeit mit der Vorstellung hingehalten, der Baude-
laire konne, wenn schon nicht als ein Kapitel der „Passagen",
so doch als ein ausgedehnter Essay vom Maximalumf ang der
in der Zeitschrift publizierbaren, geschrieben werden. Erst
im Laufe des Sommers erkannte ich, daB ein Baudelaire-
Essay von bescheidenerem Umfang, der seine Zustandigkeit
773
zum „Passagen"-Entwurf nicht verleugnete, nur als Teil
eines Baudelaire -Buches zustande kommen konne. Im beifol-
genden erhalten Sie genau gesprochen drei solcher Essays
- namlich die drei untereinander relativ unabhangigen Be-
standsstiicke des durcliaus selbstandigen zweiten Teils des
Baudelaire-Buches.
Dieses Buch soil entscheidende philosophische Elemente
des „Passagen"-Projekts in, wie ich hoffe endgiiltiger Fixie-
rung, niederlegen. Wenn es neben dem urspriinglichen Ent-
wurf ein Sujet gab, das den grundlegenden Konzeptionen der
„Passagen" optimale Chancen bot, so war es der Baudelaire.
Aus diesem Grunde vollzog sich die Orientierung wesentlicher
materialer wie konstruktiver Elemente der „Passagen" an die-
sem Sujet von selbst.
Es ist allerdings Gewicht darauf zu legen, daB die philoso-
phischen Grundlagen des gesamten Buches von dem vorlie-
genden zweiten Teil aus nicht zu uberschauen sind und nicht
iiberschaubar sein sollten. Die Synthesis im dritten Teil - er
soil heiBen: die Ware als poetischer Gegenstand — ist so ange-
legt, daB sie weder vom ersten noch vom zweiten Teil aus
gesichtet werden kann. Das war nicht allein die Bedingung
der Selbstandigkeit des letzteren, sondern durch den Auf-
bau vorgezeichnet. In diesem Aufbau bringt der erste Teil
— Baudelaire als Allegoriker — die Fragestellung ; der dritte
Teil die Auflosung. Der zweite bringt die fur diese Auf-
losung erforderlichen Daten bei.
Die Funktion dieses zweiten Teils ist allgemein gesprochen
die der Antithesis. Er kehrt der kunsttheoretischen Frage-
stellung des ersten Teils entschlossen den Riicken und unter-
nimmt die gesellschaftskritische Interpretation des Dichters.
Diese ist eine Voraussetzung der marxistischen, erfullt aber
fiir sich allein deren Begriff nicht. Das zu tun, ist dem dritten
Teil vorbehalten, in dem die Form in den materialen Zusam-
menhangen ebenso entscheidend zu ihrem Recht kommen soil
wie sie es im ersten als Problem tat. Der zweite Teil ist als
Antithesis derjenige, in dem die Kritik in einem engeren
Sinne, namlich die Kritik an Baudelaire, ihre Stelle hat. Die
Grenzen seiner Leistung muBten in diesem Teil klargestellt
774
werden; die Interpretation derselben unternimmt endgiiltig
erst der dritte. Er wird einen selbstandigen Motivkreis haben.
Das Grundtliema der alten „Passagen" -Arbeit: das Neue und
Immergleiche kommt erst dort zur Geltung; es erscheint im
Begriff e der Baudelaires Schaffen bis auf den Grund determi-
nierenden nouveaute.
Die Entwicklung, die das Baudelaire-Kapitel der „Passa-
gen" durchzumachen im Begriff ist, wiirde ich in fernerer
Zeit noch zwei andern Kapiteln der „Passagen" vorbehalten
sehen: dem iiber Grandville tmd dem iiber Haussmann.
Ein Resumee schicke ich, sowie ich weiB, welchen Teil Sie
zur Publikation in der nachsten Nummer bestimmen. Bis da-
hin werden, wenn meine Riickkehr nach Frankreich moglich
ist, einzelne Liicken in den bibliographischen Nachweisen
ebenfalls ausgefiillt sein.
Fiir den Fall, daB eine Montage aus kleineren Abschnitten
Sie redaktionell interessieren sollte, habe ich das Thema fiir
jeden von ihnen am Rand bezeichnet. Als Titel kame in sol-
chem Falle in Frage: Sozialwissenschaftliche Studien zu Bau-
delaire. Dieser Titel, fiir den sonst nicht allzu viel sprechen
diirfte, hatte den Vorteil, bei einer gelegentlichen spateren
Publikation anderer Fragmente, sei es in der Zeitschrift sei es
in einem Jahrbuch, zur Hand zu sein.
Die franzosischen Zitate habe ich iibersetzt; der Text ware
anders bei ihrer Fiille unlesbar geworden. Ich wiirde es fiir
sehr wiinschenswert halten, in dem Teil, welchen Sie publi-
zieren, die Prosaiibersetzung der zitierten Verse in Anmer-
kungen zu bringen. Wir haben wohl vielfach mit deutschen
Lesern zu rechnen, die nicht franzosisch konnen. - Diese
Prosaversionen wiirde ich Ihnen gegebenenfalls gleichzeitig
mit dem Resumee schicken.
Unter welchen Umstanden die Arbeit in den letzten zwei
Wochen vor sich ging, brauche ich Ihnen nicht zu sagen. Es
war ein Wettrennen mit dem Krieg. Es kam die Unruhe um
meinen Sohn in Italien hinzu; dank groBter Anstrengungen
war es meiner Frau moglich, ihm die Einreise nach London
zu verschaffen - damit hat sich aber im Augenblick nur die
Ursache, um ihn zu bangen, verandert.
775
Ich habe alles daran gesetzt, die Spur dieser Umstande von
der Arbeit bis in ihr AuBeres hinein fernzuhalten und bin,
urn ein einwandfreies Manuskript herstellen zu lassen, seit
zehn Tagen in Kopenhagen. Morgen fahre ich zu Brecht zu-
riick. Er bat mich vor meiner Abreise darum, Ihnen GriiBe
von ihm zu sagen, und ich tue es sehr gern.
tJber meine Dispositionen weiB ich noch nichts. Meine dani-
sche Auf enthaltsbewilligung lauft, wie man mich versicherte :
definitiv, am 1. November ab. Kommt es zumKrieg, so glaube
ich alles daran setzen zu mussen, in Skandinavien zu bleiben.
Darum ware ich Ihnen sehr dankbar fur die Angabe dani-
scher, auch schwedischer und norwegischer Freunde — wenn
Sie solche kennen — an die ich in einem derartigen Falle mich
wenden konnte. 1st es mir moglich, nach Paris zuriickzukeh-
ren, so tue ich es, sobald es angeht.
Mit den herzlichsten GriiBen, mit denen ich auch die Ihrer
Frau erwidere
Ihr Walter Benjamin
1 Diese Fassung der Baudelairearbeit ist als Manuskript erhalten.
3 04 An Theodor W. Adorno
Skovsbostrand per Svendborg, 4. Oktober 1938
Lieber Teddie,
heut vor acht Tagen hatte ich die letzte Hand an den zweiten
Teil des Baudelaire gelegt; zwei Tage spater erfuhr die euro-
paische Situation ihr provisorisches denouement. Meine An-
spannung in den letzten Wochen war durch die Kollision der
geschicht lichen Termine mit den redaktionellen eine auBerste
gewesen. Daher der Verzug dieser Zeilen.
Gestern habe ich die mehreren Hundert hier befindlichen
776
Biicher fur den Transport nach Paris klar gemacht. Ich habe
nun aber mehr und mehr das Gefuhl, daB dieser Bestim-
mungsort fiir sie wie fiir mich zu einer Umladestation wird
werden miissen. Wie lange die Luft in Europa materialiter
noch zu atmen sein wird, weifi ich nicht; spiritualiter ist es
nach den Vorgangen der letzten Wochen schon jetzt der Fall
nicht mehr. Leicht kommt die Feststellung mich nicht an;
aber sie lafit sich wohl nicht mehr umgehen.
Soviel diirfte sich unwiderspriichlich herausgestellt haben:
daB RuBland sich die Extremitat Europa hat amputieren las-
sen. Was Hitlers Zusage : die europaischen Territorialansprii-
che seien bereinigt und die kolonialen konnten keinerlei
Kriegsfall bedingen, angeht, so deute ich so sie, daB die kolo-
nialen den Kriegsfall fiir Mussolini bedeuten werden. Ich er-
warte, daB das von einer groBen Zahl, wenn nicht einer
Mehrheit von Italienern bewohnte Tunis den nachsten „Ver-
handlungs"-Gegenstand abgibt.
Wie sehr ich meiner Frau und vor allem Stef ans wegen in
den letzten Wochen beunruhigt gewesen bin, konnt Ihr Euch
leicht denken. Zur Zeit braucht man, wie ich seit kurzem
weiB, Schlimmstes nicht zubefiirchten. Stefan ist in England;
meine Frau wird versuchen, das Unternehmen ohne allzu
fiihlbaren Verlust zu zedieren. Vorlaufig soil, um Zeit zu ge-
winnen, eine nur f ormelle Cession vorgenommen werden.
Um das Manuscript des Baudelaire herstellen zu lassen,
bin ich zehn Tage in Kopenhagen gewesen. Es war der herr-
lichste Spatsommer, der sich denken laBt. Ich sah aber von
der Stadt — die ich besonders liebe - diesmal nicht mehr als
was auf dem Wege von meinem Schreibtisch zum Radioappa-
rat im „Gesellschaftszimmer" lag. Nun beginnt hier der
Herbst mit den schwersten Sturmen. Ich fahre am kommen-
den Sonnabend iiber eine Woche, wenn nichts unerwartetes
eintritt, zuriick. Je natlirlicher und je spannungsloser mein
Umgang mit Brecht im vergangenen Sommer gewesen ist,
desto weniger unbekummert lasse ich ihn diesmal zuriick.
Denn ich bin befugt, in dieser Kommunikation, die diesmal
weit weniger problematisch war als ich es gewohnt war, einen
Index seiner wachsenden Isolierung zu sehen. Ich will die
777
banalere Deutung der Tatsache - daB diese Isolierung ihm
das Vergniigen an gewissen provokatorischen Finten, zu
denen er im Gesprach neigte, herabmindere — nicht ganz aus-
schlieBen; authentischer ist aber die, in jener wachsenden
Isolierung die Folge der Treue zu dem zu erkennen, was uns
gemeinsam ist. Unter den Lebensumstanden, die die seinen
geworden sind, wird er von dieser Vereinsamung wahrend
eines Svendborger Winters gewissermaBen Auge in Auge her-
ausgefordert.
Von seinem neuen „Casar" habe ich noch fast nichts gese-
hen, weil mir, wahrend ich selbst an der Arbeit war, jede Art
von Lektiire unmoglich war.
Ich nehme an, Sie werden, wenn dieser Brief kommt, den
zweiten Teil des Baudelaire schon gelesen haben. Es war ein
Wettrennen mit dem Krieg; und ich empfand, aller wiirgen-
den Angst zum Trotz, ein Gefuhl des Triumphes am Tage da
ich den seit fast fiinfzehn Jahren geplanten „flaneur" vor
dem Weltuntergang unter Dach und Fach (das gebrechliche
eines Manuscripts!) gebracht hatte.
Max wird Ihnen gewifi aus meinem eingehenden Begleit-
brief die Bemerkungen iiber das Verhaltnis des Baudelaire
zum Plan der Passagen mitgeteilt haben. Entscheidend ist,
wie ich es ihm formulierte, daB ein Baudelaire -Essay, der
seine Zustandigkeit zum Problembereich der Passagen nicht
verleugnete, nur als Teil eines Baudelaire-Z?ucA£s verfaBt
werden konnte. Was Sie aus unsern Gesprachen in San Remo
iiber das Buch wissen, erlaubt Ihnen per contrarium sich von
der Funktion des nun vorliegenden zweiten Teiles ein ziem-
lich genaues Bild zu machen. Sie werden gesehen haben, daB
die entscheidenden Motive - das Neue und Immergleiche,
die Mode, die ewige Wiederkehr, die Sterne, der Jugendstil —
zwar angeschlagen sind, aber von ihnen keines abgehandelt
wurde. Die augenfallige Konvergenz der. Grundgedanken
mit dem Passagenplan zu erweisen, ist Sache des dritten
Teils.
Von Ihrer eignen Hand habe ich noch wenig empfangen,
seit Sie die neue Wohnung bezogen haben. Ich hoffe auf eine
ausfuhrliche Nachricht von Ihnen, sobald Sie den Baudelaire
778
gelesen haben. Bei dieser Gelegenheit lassen Sie mich, bitte,
auch wissen, wie Ihr Radioprojekt1 vorschreitet und vor
allem, wie es eigentlich beschaffen ist. Denn das weiB ich
noch nicht.
Ich danke Ihnen sehr fiir das Luftschifferbuch: im Augen-
blick ruht es mit Ihrer gesamten Sendung in den versand-
fertigen Kisten. Ich freue mich darauf, es in Paris zu lesen.
Danken Sie bitte Felizitas sehr herzlich fiir diese Sendung.
Ich schreibe ihr, spatestens aus Paris. — Den Kierkegaard, fiir
den ich Ihnen danke, erhalten Sie mit dem Lowith2 durch
Mme Favez. Den letztern hatte ich seinerzeit, da ich ihn zum
dritten Teil des Baudelaire brauche, angefordert. Bitte sen-
den Sie ihn mir nach Gebrauch zuriick.
Von Elisabeth Wiener, nach der Felizitas fragt, habe ich
nichts gehbrt. Fiir mich fallt noch mehr ins Gewicht, dafi ich
von Scholem seit seiner Abreise aus Amerika keine Zeile habe.
Er scheint gekrankt zu sein, mich in Paris nicht angetroffen
zu haben. Fiir mich muftte aber alles hinter der Arbeit zu-
riickstehen, die ich ohne die strikte Klausur, die ich mir auf-
erlegt hatte, niemals hatte durchfiihren konnen. Hat er Euch
irgend ein Zeichen gegeben?
Ich warte mit Spannung auf das, was Ihr mir iiber Ernst
Blochberichtenktinnt. En attendant werfe ichhin und wieder
einen Blick auf den bei Brechts Sohn Stefan aufgespannten
Stadtplan New Yorks und spaziere die lange Strafie am
Hudson, an der Euer Haus liegt, auf und ab.
Seid auf das Herzlichste gegriiBt von Eurem Walter
1 Adorno leitete den musikalischen Teil des Princeton Radio Research
Project.
2 Karl Lowith: Nietzsches Philosophic der ewigen Wiederkunft des
Gleichen. Berlin 1955.
779
3 OS An Gretel Adorno
Paris, 1. November 1938
Meine liebe Felizitas,
Du siehst den bekannten Briefbogen wieder auftauchen — und
somit ware, nach dem neuigkeitsschwangeren Herbst, einiges
zum Alt en zuriickgekehrt. Wenn Du nach einem Riickblick
auf meinen Sommer Begehren tragst, so wird er sich Dir, wie
ich annehme,bald iiber derLesung des Baudelairemanuscripts
erofTnen, wenn das der Fall nicht schon gewesen ist. Es stellt
die Quintessenz der vergangnen Monate dar. Ich erwarte fur
die nachsten Tage den Bericht iiber seine Aufnahme in New-
york, und bestimmt hoffe ich, daB Teddie sich an ihm betei-
ligen wird.
Du muBt mir nun bald schreiben, wie Newyork sich beim
zweiten Blick anlafit, zumal da dieser zweite Blick auch einige
seiner neugebackenen Bewohner umfassen muB. Da bin ich
vor allem Deiner Erzahlung iiber Ernst Bloch und Euer Ver-
haltnis zu ihm gewartig. Nicht minder wunsche ich mir
eine Darstellung Eures Alltags und der Art, wie Ihr Euer
Dasein zu zweit sowie in dem engern Umkreise Euch ein-
gerichtet habt.
Ich glaube, mein letzter svendborger Brief gab zu erken-
nen, daB ich — bei aller Eingeschranktheit meiner danischen
Existenz — der Riickkehr ohne Enthusiasmus entgegen sah.
Ich war eingreif ender Veranderungen gewartig ; sie sind heute
selten zum Guten. Nun habe ich mien unter meinen franzo-
sischen Bekannten noch nicht genug umtun konnen, um zu
ersehen, in welchem Grade meine Befurchtungen berechtigt
waren. Ich sprach nur Adrienne Monnier, der jene niemals
gegolten hatten. Dafiir stieB ich auf Veranderungen dort,
wo ichs mich nicht versehenhatte. Meine Schwester ist schwer,
eigentlich hoffnungslos erkrankt. Zu dem chronischen Leiden,
das ihr seit Jahren zu schaffen machte, ist eine weit vorge-
schrittene Arterienverkalkung getreten. Meine Schwester ist
in ihrer physischen Leistungsfahigkeit auf das AuBerste re-
duziert und oft ganze Tage bettlagerig, Es trifft sich unter
780
diesen Umstanden giinstig, daB ich in ihrer unmittelbaren
Nahe wohne. — Mein Bruder ist ins Zuchthaus von Wilsnak
transferiert worden, wo er mit StraBenarbeiten beschaftigt
ist. Die Existenz soil dort noch ertraglich sein. Der Alp, der
auf den Leuten in seiner Situation liegt, ist, wie ich ofter aus
Deutschland hore, nicht so sehr der kommende Zuchthaustag
als das nach Jahren der Haft drohende Konzentrationslager.
— Was meine Frau betrifft, so ist sie, unversehens, kurz vor
meiner Riickkehr durch Paris gekommen und jetzt in London.
Dort scheint sie es von neuem mit einer Pension versuchen zu
wollen. Ich hoffe, daB ich sie gegen Weihnachten hier sehen
und dann gunstige Auskunft iiber Stefans englische Chancen
erhalten werde.
Um noch einmal die politische Entwicklung zu streifen:
das im Vordergrunde der Bermihungen stehende rapproche-
ment zwischen Deutschland und Frankreich wird, wie ich
furchte, die wenigen einander nahen Franzosen und Dent>
schen von einander entferneri miissen — unmittelbar oder mit-
telbar. Fiir das Ende der Woche erwartet man ein „statut des
etrangers". Inzwischen betreibe ich meine Naturalisation
umsichtig aber illusionslos. Waren vordem die Chancen des
Gelingens zweifelhaft, so ist nunmehr auch der Nutzen dieses
letztern problematisch geworden. Der Verfall der Rechts-
prdnung in Europa laBt jede Art von Legalisierung triiglich
werden.
Ich habe Grund, mir Gliick zu jedem Blatt Papier zu wiin-
schen, das ich im Marz 1935 in Deine Hande legte. Bei einem
nachhaltigen Versuch, noch einige von meinen berliner
Biichern, vor allem aber Schriften herauszubekommen, ergab
sich als bisher einziger, aber fast vollig gesicherter Ertrag die
Tatsache, daB der NachlaB der beiden Heinle, den ich voll-
standiggesammelthatte sowie mein unersetzliches Archiv zur
Geschichte der linksburgerlichen Jugendbewegung, daB end-
lich auch meine Jugendarbeiten - darunter die Holderlin-
arbeit von 1914 l — vernichtet sind.
Dafi den Seinigen der Herr, der den Wachenden soviel
nehmen kann, es im Schlafe gibt, will ich, um heiterer zu
schlieBen, nachtragen. [Franz] Hessel, der fiinfeinhalb Jahre
781
lang wie ein Mauschen im Gebalk in Berlin gesessen hat, ist
kiirzlich mit groBen Legitimationen und unter machtiger
Protektion in Paris eingetroffen. Ich glaube, seine Geschichte
wird denkwiirdig sein; dieser Tage will ich sie mir von ihm
erzahlen lassen.
Habt Ihr Euch der Bilder amerikanischer Primitiver erin-
nert, die ich Euch ans Herz legte.
Alles Liebe Dir und Teddie Dein Detlef
1 Die Arbeit blieb durch ein Exemplar im Besitz von Scholem erhal-
ten ; sie findet sich Schriften II, S. 375-400.
306 Theodor W . Adorno an Walter Benjamin
[New York], 10. November 1938
Lieber Walter,
die Verspatung dieses Briefes erhebt drohende Anklage gegen
mich und gegen uns alle. Vielleicht ist dieser Anklage aber
ein Granchen Verteidigung schon beigesellt. Denn es versteht
sich fast von selbst, daB die Verzogerung der Antwort auf
Ihren Baudelaire um einen vollen Monat nicht auf Lassigkeit
zuriickgehen kann.
Die Griinde sind ausschlieBlich sachlicher Art. Sie betref-
fen unser aller Stellung zu dem Manuskript und bei meinem
Engagement in der Frage der Passagenarbeit darf ich wohl
ohne Unbescheidenheit sagen meine im besonderen. Ich habe
dem Eintreffen des Baudelaire mit der auBersten Spannung
entgegengesehen und ihn buchstablich verschlungen. Ich bin
voller Bewunderung dafiir, daB Sie es vermocht haben, die
Arbeit bis zum Termin fertigzustellen. Und diese Bewunde-
rung ist es, die es mir besonders erschwert, von dem zu reden,
was sich zwischen meine leidenschaftliche Erwartung und
den Text gestellt hat.
Ihren Gedanken, im Baudelaire ein Modell zu den Passa-
782
gen zu stellen, habe ich ungemein schwer genommen und bin
dem satanischen Schauplatz nicht viel anders genaht als Faust
den Phantasmagorien des Brockens, wenn er meint, dafi sich
nun so manches Ratsel losen wird. 1st es verzeihlich, wenn
ich die Replik Mephistos, doch manches Ratsel kniipft sich
neu, mir selber habe geben miissen? Konnen Sie verstehen,
daB die Lektiire der Abhandlung, von deren Kapiteln eines
der Flaneur und eines gar die Moderne heiBt, eine gewisse
Enttauschung in mir produzierte?
Diese Enttauschung hat ihren Grund wesentlich darin,
daB die Arbeit in den mir bekannten Teilen nicht sowohl ein
Modell zu den Passagen darstellt, als ein Praludium. Es wer-
den Motive versammelt aber nicht durchgefiihrt. Sie haben
in Ihrem Begleitbrief an Max dies als Ihre ausdriickliche Ab-
sicht dargestellt, und ich verkenne nicht die asketische Diszi-
plin, die Sie walten lieBen, um die entscheidenden theoreti-
schen Ant wort en der Fragen allerorten auszusparen und wohl
gar die Fragen selber nur fur den Eingeweihten sichtbar wer-
den zu lassen. Aber ich mbchte fragen, ob solche Askese die-
sem Gegenstand gegeniiber und in einem Zusammenhang
von so gebietender innerer Pretention sich durchhalten laBt.
Als ein treuer Kenner Ihrer Schriften weiB ich sehr wohl,
daB es an Prazedenzfallen fur Ihre Verfahrungsweise in
Ihrem ceuvre nicht fehlt. Ich erinnere mich etwa an die Auf-
satze iiber Proust und uber den Surrealismus in der Literari-
schen Welt. Kann aber diese Verfahrungsweise auf den Kom-
pl ex der Passagen iibertragen werden? Panorama und „Spur",
Flaneur und Passagen, Moderne und immer Gleiches ohne
theoretische Interpretation — -ist das ein „ Material", das ge-
duldig auf Deutung warten kann, ohne daB es von der eige-
nen Aura verzehrt wiirde? Verschwort sich nicht vielmehr der
pragmatische Gehalt jener Gegenstande, wenn er isoliert
wird, in einer fast damonischen Weise gegen die Moglichkeit
seiner Deutung? Sie haben wahrend der unvergeBlichen Ge-
sprache in Konigstein einmal gesagt, daB jeder der Gedanken
der Passagen eigentlich einem Bereich entrissen werden
miiBte, in dem der Wahnsinn regiert. Es nimmt mich wunder,
ob solchen Gedanken die Vermaurung hinter undurchdring-
783
lichen Stoffschichten so forderlich ist, wie Ihre asketische
Disziplin es ihnen zumutet. In Ihrem gegenwartigen Text
werden die Passagen eingef iihrt mit dem Hinweis auf die
Schmalheit der Trottoirs, die dem Flaneur auf den StraBen
hinderlich sei. Diese pragmatische Einfiihrung scheint mir
die Objektivitat der Phantasmagorie, bei der ich schon zur
Zeit der Hornberger Korrespondenz so dickkopfig beharrte,
ebenso zu prajudizieren wie etwa die Ansatze des ersten
Kapitels, die Phantasmagorie auf Verhaltensweisen der lite-
rarischen Boheme zu reduzieren. Fiirchten Sie nicht, ich
mochte etwa dem das Wort reden, daB in Ihrer Arbeit die
Phantasmagorie unvermittelt iiberlebe oder daB die Arbeit
gar selber phantasmagorischen Charakter annehme. Aber die
Liquidation kann in ihrer wahren Tiefe nur dann gelingen,
wenn die Phantasmagorie als objektiv geschichtsphilosophi-
sche Kategorie und nicht als „Ansicht" von Sozialcharakteren
geleistet wird. Genau an dieser Stelle scheidet sich Ihre
Konzeption von allem, was sonst wohl an das neunzehnte
Jahrhundert sich herantraut. Die Einlosung Ihres Postulats
laBt sich aber nicht ad Kalendas Graecas vertagen und durch
eine harmlosere Darstellung der Sachverhalte „vorbereiten".
Das ist mein Einwand. Wenn im dritten Teil, um die alte
Formulierung aufzunehmen, anstelle der Urgeschichte des
neunzehnten Jahrhunderts die Urgeschichte im neunzehnten
Jahrhundert tritt, — am deutlichsten im Peguyzitat iiber
Viktor Hugo — so ist das nur ein anderer Ausdruck fur den
gleichen Sachverhalt.
Der Einwand scheint mir nun aber keineswegs bloB die
Fragwiirdigkeit des „Aussparens" an einem Gegenstand zu
betreffen, der gerade durch die Askese gegen die Deutung
mir in ein Bereich zu geraten scheint, gegen das die Askese
sich richtet: wo Historie und Magie oszillieren. Vielmehr
sehe ich die Momente, in denen der Text hinter sein eigenes
Apriori zuriickfallt, in enger Beziehung mit seinem Verhalt-
nis zum dialektischen Materialismus - und gerade an dieser
Stelle spreche ich nicht nur fur mich sondern ebenso fiir
Max, mit dem ich diese Frage aufs eingehendste durchge-
sprochen habe. Lassen Sie mich hier so simpel und hegelisch
784
mich ausdriicken wie nur moglich. Tausche ich mich nicht
sehr, so gebricht es dieser Dialektik an einem: der Vermitt>
lung. Es herrscht durchwegs eine Tendenz, die pragmatischen
Inhalte Baudelaires unmittelbar auf benachbarte Ziige der
Sozialgeschichte seiner Zeit und zwar moglichst solche oko-
nomischer Art zu beziehen. Ich denke etwa an die Stelle iiber
die Weinsteuer, gewisse Ausfiihrungen iiber die Barrikaden
oder die schon angezogene Stelle iiber die Passagen, die mir
besonders problematisch erscheint, weil gerade hier der Uber-
gang von einer prinzipiellen tlieoretischen Erwagung iiber
Physiologien zu der „konkreten" Darstellung des Flaneurs
besonders briichig bleibt.
Das Gefiihl solcher Kiinstlichkeit pragt sicb mir allemal
dort auf, wo die Arbeit anstelle der verpflichtenden Aussage
die metaphorische setzt. Hierher gehort vor allem der Passus
iiber die Verwandlung der Stadt ins Interieur fiir den Fla-
neur, wo mir eine der machtigsten Konzeptionen Ihres Werks
als ein bloBes Als ob prasentiert diinkt. In engsten Zusam-
menhang mit solchen materialistischen Exkursen, bei denen
man nie ganz die Befiirchtung los wird, die man um einen
Schwimmer hegt, der mit machtiger Gansehaut ins kalte
Wasser sich stiirzt, gehort der Appell an konkrete Verhaltens-
weisen wie hier die des Flaneurs oder spater die Stelle iiber
das Verhaltnis von Sehen und Horen in der Stadt, die nicht
ganz zufallig ein Zitat von Simmel heranzieht. Bei all dem
ist mir nicht recht geheuer. Fiirchten Sie nicht, daB ich die
naheliegende Gelegenheit beniitze, mein Steckenpferd zu be-
steigen. Ich begniige mich damit, ihm en passant ein Stuck
Zucker zu verabfolgen und versuche im iibrigen fur meine
Abneigung gegen jene besondere Art des Konkreten und des-
sen behaviouristische Ziige Ihnen den theoretischen Grund
anzugeben. Der ist aberkein anderer, als daB ich es fiir metho-
disch ungliicklich halte, einzelne sinnfallige Ziige aus dem
Bereich des Uberbaus „materialistisch" zu wenden, indem
man sie zu entsprechenden Ziigen des Unterbaus unvermittelt
urid wohl gar kausal in Beziehung setzt. Die materialistische
Determination kultureller Charaktere ist moglich nur vermit-
telt durch den Gesamtprozefi '.
785
Mogen immer Baudelaires Weingedichte motiviert sein
durch Weinsteuer und Barrieres, die Wiederkehr jener Motive
im ceuvre Baudelaires ist nicht anders zu bestimmen als durch
die gesellschaftliche und okonomische Gesamttendenz des
Zeitalters, d. h. im Sinn der Fragestellung Ihrer Arbeit sensu
strictissimo durch die Analyse der Warenform in Baudelaires
Epoche. Niemand kennt die damit verbundenen Schwierig-
keiten besser als ich : das Phantasmagoriekapitel des Wagner
hat sich fraglos ihnen noch nicht gewachsen gezeigt. Die
Passagen in ihrer definitiven Gestalt werden sich jener Ver-
pflichtung nicht entziehen konnen. Der unmittelbare Riick-
schluB von der Weinsteuer auf L'Ame du Vin schiebt den
Phanomenen eben jene Art von Spontaneitat, Handgreiflich-
keit und Dichte zu, deren sie im Kapitalismus sich begeben
haben. In dieser Art des unmittelbaren, fast mochte ich wie-
derum sagen, des anthropologischen Materialismus, steckt ein
tief romantisches Element, und ich spiire es um so deutlicher,
je krasser und rauher die Baudelairesche Formwelt mit der
Notdurft des Lebens von Ihnen konfrontiert wird. Die „Ver-
mittlung", die ich vermisse, und verdeckt finde durch mate-
rialistisch-historiographischeBeschworung,istnunabernichts
anderes als eben die Theorie, die Ihre Arbeit ausspart. Das
Aussparen der Theorie affiziert die Empiric Es verleiht ihr
einen triigend epischen Charakter auf der einen Seite und
bringt auf der andern Seite die Phanomene, als eben bloB
subjektiv erfahrene um ihr eigentliches geschichtsphilosophi-
sches Gewicht. Man kann es auch so ausdriicken: das theolo-
gische Motiv, die Dinge beim Namen zu nennen, schlagt
tendenziell um in die staunende Darstellung der blofien Fak-
tizitat. Wollte man sehr drastisch reden, so konnte man sagen,
die Arbeit sei am Kreuzweg von Magie und Positivismus
angesiedelt. Diese Stelle ist verhext. Nur die Theorie ver-
mochte den Bann zu brechen: Ihre eigene, die rlicksichtslose,
gut spekulative Theorie. Es ist deren Anliegen allein, das
ich gegen Sie anmelde.
Verzeihen Sie, wenn ich dabei auf einen Gegenstand
komme, der mir nach den Erfahrungen des Wagner ganz be-
sonders angelegen sein muB. Es handelt sich um den Lum-
786
pensammler. Dessen Bestimmung als der unteren Grenzfigur
der Armut scheint mir schlechterdings nicht einzulosen, was
das Wort Lumpensammler verspricht, wenn es in einem
Ihrer Texte auftritt. Nicht s ist darin vom Hiindischen, nichts
vora iibergeworfenen Sack, nichts von der Stimme, wie sie
noch etwa in Charpentiers Louise gewissermaBen die schwarze
Lichtquelle einer ganzen Oper abgibt; nichts vom Kometen-
schweif der johlenden Kinder hinter dem Alten. Wenn ich
mich einmal in die Region der Passagen wagen darf: am
Lumpensammler hatte der Einstand von Kloake und Kata-
kombe theoretisch entziffert werden miissen. Ist meine
Annahme jedoch iibertrieben, daB dieser Mangel damit zu-
sammenhangt, daB die kapitalistische Funktion des Lumpen -
sammlers, namlich noch denBettel dem Tauschwert zu unter-
werfen, nicht artikuliert wird. An dieser Stelle nimmt die
Askese der Arbeit Ziige an, die Savonarolas wiirdig waren.
Denn die Reprise des Lumpensammlers im Baudelairezitat
des dritten Teils kommt diesem Zusammenhang zum Greifen
nah. Was muB es Sie gekostet haben, ihn nicht zu greifen!
Damit meine ich an das Zentrum zu riihren. Die Wirkung,
die von der ganzen Arbeit ausgeht, und die sie keineswegs
bloB auf mich und meine Passagenorthodoxie gemacht hat,
ist die, daB Sie sich darin Gewalt , angetan haben, [. . .] um
dem Marxismus Tribute zu zollen, die weder diesem noch
Ihnen recht anschlagen. Dem Marxismus nicht, da die Ver-
mittlung durch den gesellschaftlichen GesamtprozeB ausfallt
und der materiellen Enumeration aberglaubisch fast eine
Macht der Erhellung zugeschrieben wird, die niemals dem
pragmatischen Hinweis sondern allein der theoretischen
Konstruktion vorbehalten ist. Ihrer eigentumlichsten Sub-
stanz nicht, indem Sie sich Ihre kiihnsten und fruchtbarsten
Gedanken unter einer Art Vorzensur nach materialistischen
Kategorien (die keineswegs mit den marxistischen koinzidie-
ren) verboten haben, ware es auch bloB in der Form jener
Vertagung. [. . .] Es gibt in Gottes Namen nur die eine
Wahrheit, und wenn Ihre Denkkraft sich dieser einen Wahr-
heit in Kategorien bemachtigt, die Ihnen nach Ihrer Vorstel-
lung vom Materialismus apokryph diinken mogen, so werden
787
Sie von dieser einen Wahrheit mehr heimbringen, als wenn
Sie sich einer Denkarmatur bedienen, gegen deren Griffe
Ihre Hand ohne UnterlaB sich straubt. Schliefilich steht auch
in Nietzsches Genealogie der Moral mehr von der einen
Wahrheit als in Bucharins ABC. Ich glaube, daB diese These,
von mir ausgesprochen, iiber dem Verdacht der Laxheit und
des Eklektizismus ist. [. . .] Gretel hat einmal im Scherz ge-
sagt, daB Sie die Hohlentiefe Ihrer Passagen bewohnten, und
darum vorm AbschluB der Arbeit zuriickschreckten, weil Sie
furchteten, den Bau dann verlassen zu miissen. Lassen Sie
uns Sie dazu ermuntern, uns doch Zugang zum Allerheilig-
sten zu verschaffen. Ich glaube, Sie brauchen weder um die
Stabilitat des Gehauses besorgt zu sein, noch dessen Profa-
nierung zu furchten.
Was nun das Schicksal der Arbeit anlangt, so hat sich eine
recht sonderbare Situation ergeben, bei der ich mich etwa zu
verhalten hatte, wie der Sanger des Liedes: es geht bei ge-
dampfter Trommel Klang. Eine Publikation im gegen warti-
gen Heft der Zeitschrift schied aus, weil die wochenlangen
Diskussionen iiber Ihre Arbeit den Drucktermin ins Un-
ertragliche hinausgezogert hatten. Es bestand nun der Plan,
das zweite Kapitel in extenso und das dritte zum Teil
abzudrucken, besonders Leo Lowenthal hat das nachdriicklich
vertreten. Ich selber bin unzweideutig dagegen. Und freilich
nun nicht aus redaktionellen Riicksichten, sondern Ihrer selbst
und des Baudelaire willen. Die Arbeit reprasentiert Sie nicht
so, wie gerade diese Arbeit Sie reprasentieren muB. Da ich
aber der festen und vollig unbeirrten t)berzeugung bin, daB
es Ihnen moglich sein wird, ein Baudelairemanuskript von
volliger Durchschlagskraf t herzustellen, so mochte ich Sie aufs
instandigste bitten, auf die Publikation der gegenwartigen
Fassung zu verzichten und jene andere zu schreiben. Ob diese
eine neue Formstruktur haben muBte oder sich wesentlich
mit dem ausstehenden SchluBteil Ihres Baudelaire&ucte
decken konnte, ist meiner MutmaBung entzogen. Dariiber
konnen allein Sie selber entscheiden. Ausdrucklich mochte
ich sagen, daB es sich hier um eine Bitte von mir handelt und
nicht um einen RedaktionsbeschluB oder eine Ablehnung.
788
Lassen Sie mich schlieBen mit einigen Epilegomena zum
Baudelaire. Zunachst eine Strophe aus dem zweitenMazeppa-
gedicht von Hugo (der Mann, der all das erblicken soil, ist
Mazeppa, auf den Riicken des Pf erdes gebunden) :
Les six lunes d'Herschel, l'anneau du vieux Saturne,
Le pole, arrondissant une aurore nocturne
Sur son front boreal,
II voit tout; et pour lui ton vol, que rien ne lasse,
De ce monde sans borne a chaque instant deplace
L'horizon ideal.
Dann die von Ihnen beobachtete Neigung zu „unein-
geschrankten Aussagen", fur die Sie Balzac und die Beschrei-
bung der Angestellten im Mann der Menge anfiihren, gilt,
erstaunlich genug, audi fur Sade. Von einem der ersten Pei-
niger Justines, einem Bankier heifit es: „Monsier Dubourg,
gros, court, et insolent comme tous les financiers". — Das
Motiv der unbekannten Geliebten kommt rudimentar bei
Hebbel in dem Gedicht auf eine Unbekannte vor, das die
merkwiirdigen Zeilen enthalt: „und kann ich Form Dir und
Gestalt nicht geben, so reiBt auch keine Form Dich in die
Gruft". — Endlich ein paar Satze aus der Herbstblumine von
Jean Paul, die wohl eine wirkliche trouvaille sind: „Eine
einzige Sonne bekam der Tag, aber tausend Sonnen die Nacht,
und das blaue endlose Meer des Athers scheint in einem
Staubregen von Licht zu uns herabzusinken. Wieviele StraBen-
laternen schimmern nicht die ganze lange MilchstraBe hinauf
und hinab? Diese werden noch obendrein — auch angeziindet,
es mag immerhin Sommer sein oder der Mond scheinen. In-
dessen schmiickt sich die Nacht nicht bios mit dem Mantel
voll Sterne, in dem die Alten sie abbilden und den ich ge-
schmackvoller ihren geistlichen Ornat als ihren Herzogs-
mantel nenne, sondern sie treibt ihre Verschonerung noch
viel weiter und ahmt die Damen in Spanien nach. Gleich
diesen, welche im Dunkeln die Brillanten durch Johannis-
wurmchen auf dem Kopfputze ersetzen, besteckt die Nacht
den unteren Theil ihres Mantels, an dem keine Sterne glan-
zen, auch mit solchen Thierchen, und die Kinder nehmen sie
789
oft." In den gleichen Zusammenhang scheinen mir die fol-
gendeh Satze aus einem ganz anderen Stuck derselben Saram-
lung zu gehoren :
„Und mehr dergleichen; denn ich bemerkte nicht nur, dafi
uns armen Treibeis-Menschen Italien darum ein mondhelles
Eden . . . sei, weil wir taglich oder nachtlich da den allgemei-
nen Jiinglingstraum von durchwanderten, durchsungenen
Nachten lebendig erfiillt antreffen, sondern fragte auch,
warum Nachts die Menschen in den Gassen herumgingen
und herumsangen bios als verdriefiliche Nachtwachter, an-
statt daB ganze Abend- und Morgenstern- Parti en sich zu-
sammenschlagen und so in bunter Reihe (denn jede Seele
liebte) die herrlichsten Laubwaldchen und die mondhellsten
Blumenauen selig durchstreichen sollten, und der harmoni-
schen Lust noch zwei Flotenansatze geben konnten, namlich
die doppelendige Verlangerung der kurzen Nacht durch
Sonnen-Auf- undUntergang und der beigefugten zwei Dam-
merungen dazu." Der Gedanke, daB die Sehnsucht, die nach
Italien zieht, die nach dem Lande ist, wo man nicht zu schla-
fen braucht, ist aufs tiefste verwandt dem spateren Bilde der
iiberdachten Stadt. Das Licht aber, das auf beiden Bildern
gleichermaBen liegt, ist wohl kein anderes als das der Gas-
laterne, die Jean Paul nicht kannte.
Tout entier Ihr
3 07 An Tkeodor W \ Adorno
Paris, 9. 12. 58
Lieber Teddie,
es hat Sie gewiB nicht verwundert, wahrzunehmen, daB die
Abfassung meiner Antwort auf Ihren Brief vom 10. Novem-
ber nicht im Handumdrehen erfolgt ist. Wenn das lange Aus-
bleiben Ihres Briefes seinen Inhalt ins Bereich des Vermut-
baren fallen lieB, so hindert das nicht, daB er mir einen StoB
versetzte. Es kam hinzu, daB ich die von Ihnen angekiindig-
790
ten Fahnen abwarten wollte, erst am 6. Dezember erhielt ich
sie. Die gewonnene Frist gab mir die Moglichkeit, so beson-
nen als angangig Ihre Kritik abzuwagen. Ich bin weit entf ernt,
sie fur unfruchtbar, geschweige fiir unverstandlich zu halten.
Ich will versuchen mich grundsatzlich zu ihr zu auBern.
Den Leitfaden sollmir ein Satz bieten, der auf der ersten
Seite Ihres Brief es zu fin den ist. Sie schreiben: „Panorama
und Spur, Flaneur und Passagen, Moderne und Immerglei-
ches ohne theoretische Interpretation — ist das ein Material,
das geduldig auf Deutung warten kann?" Die begreifliche
Ungeduld, mit der Sie das Manuskript nach einem bestimm-
ten Signalement durchmusterten, hat Sie meines Erachtens
in einigen wichtigen Stiicken von der Sache abgefiihrt. Ins-
besondere muBten Sie zu der Sie enttauschenden Ansicht vom
dritten Abschnitt kommen, sobald es Ihnen einmal entgangen
war, daB dort nicht an einer Stelle die Moderne als das
Immergleiche zitiert — dieser wichtige Schlusselbegriff viel-
mehr im vorliegenden Teil der Arbeit uberhaupt nicht ver-
wertet wird.
Da der zitierte Satz gewissermaBen ein Kompendium Ihrer
Ausstellungen bietet, so mbchte ich ihn Wort fiir Wort durch-
gehen. Da ist zunachst die Rede vom Panorama. In meinem
Text ist sie beilaufig. In der Tat ist im Zusammenhang von
Baudelaires ceuvre die panoramatische Auffassung nicht zu-
standig. Da die Stelle weder im ersten noch im dritten Teil
Korrespondenzen zu haben bestimmt ist, so wiirde man sie
vielleicht am besten streichen. - Das zweite Glied Ihrer Auf-
zahlung ist die Spur. In meinem Begleitbrief habe ich ge-
schrieben, daB die philosophischen Grundlagen des Buches
vom zweiten Teil aus nicht iiberschaubar sind. Sollte ein
Begriff wie die Spur eine schlagende Deutung erfahren, so
muBte er mit aller Unbefangenheit in der empirischen Ebene
eingefiihrt werden. Das konnte noch iiberzeugender geschehen.
In der Tat war mein erstes nach meiner Riickkunft, eine
wichtigste Poestelle zu meiner Konstruktion der Detektiv-
geschichte aus der Verwischung beziehungsweise Fixierung
der Spuren des Einzelnen in der GroBstadtmenge ausfindig
zu machen. In dieser Schicht aber hat die Abhandlung der
791
Spur im zweiten Teil gerade dann zu verbleiben, wenn sie
spater in den entscheidenden Zusammenhangen ihre blitz -
artige Erhellung erfahren soil. Diese Erhellung ist vor-
gesehen. Der Begriff der Spur findet seine philosophische
Determination in Opposition zum Begriff der Aura.
Es folgt sodann in dem Satz, dem ich nachgehe, der Fla-
neur. So gut ich den innersten Anteil, den sachlichen und
audi den personlichen, kenne, der Ihren Einwendungen zu-
grunde liegt - angesichts dieser Ihrer Fehlanzeige droht mir
der Boden unter den FiiBen wegzusinken. Gottseidank gibt es
da einen Ast, an den ich mich klammern kann, und er scheint
mir aus gutem Holz. Es ist der, mit dem Sie an anderer Stelle
auf die fruchtbare Spannung anspielen, in der Ihre Theorie
vom Konsum des Tauschwerts zu meiner von der Einfuhlung
in die Warenseele steht, Auch ich meine, dafi es sich hier um
eine Theorie im strengsten Sinne des Wortes handelt, und
die Abhandlung uber den Flaneur kulminiert in ihr. Hier ist
die Stelle, und freilich die einzige, in welcher die Theorie in
diesem Teile unverstellt zu ihrem Recht gelangt. Sie bricht
als ein einzelner Strahl in eine kunstlich verdunkelte Kam-
mer ein. Dieser Strahl aber ist hinreichend, im Prisma zer-
legt, von der Beschaffenheit des Lichtes einen Begriff zu
geben, dessen Fokus im dritten Teil des Buches liegt. Darum
lost diese Theorie des Flaneurs — auf deren Verbesserungs-
f ahigkeit in einzelnen Punkten ich weiter unten zu sprechen
komme - im wesentlichen das ein, was mir seit langen Jahren
als eine Darstellung des Flaneurs vorgeschwebt hat.
Ich stofie weiter auf den Terminus der Passage. Zu ihm
mochte ich umso weniger etwas vorbringen, als die abgriin-
dige Bonhomie seines Gebrauchs Ihnen nicht entgangen ist.
Warum sie beanstanden? Die Passage ist in der Tat, wenn
mich nicht alles tauscht, nicht bestimmt in anderer als dieser
verspielten Form in den Zusammenhang des „Baudelaire"
einzugehen. Sie kommt hier vor wie das Bild der Felsenquelle
auf einem Trinkbecher. Darum wird auch wohl die unschatz-
bare Jean-Paul-Stelle, auf die Sie mich hinweisen, im „Bau-
delaire" keinen Ort haben. — Was endlich die Moderne be-
trifft, so ist das, wie aus dem Text hervorgeht, ein Terminus
792
von Baudelaire selbst. Der so iiberschriebene Abschnitt durfte
nicht iiber die durch Baudelaires Gebrauch dem Wort vor-
bezeichneten Schranken hinausfiihren. Sie werden sich in-
dessen aus San Remo entsinnen, daB diese keineswegs end-
giiltig sind. Die philosophischeRekognoszierung derModerne
ist dem dritten Teil zugewiesen, wo sie unter dem Begriff des
Jugendstils angebahnt, in der Dialektik des Neuen und Im-
mergleichen abgeschlossen wird.
Da ich unserer Gesprache in San Remo gedenke, mochte
ich auf die Stelle zu sprechen kommen, an welcher Sie Ihrer-
seits das tun. Wenn ich mich dort weigerte, im Namen eigener
produktiver Interessen mir eine esoterische Gedankenent-
wicklungzu eigen zu machen und insoweit iiber die Interessen
des dialektischen Materialismus [. . .] hinweg zur Tagesord-
nung iiberzugehen, so war da zuletzt nicht [. . .] bloBe Treue
zum dialektischen Materialismus im Spiel, sondernSolidaritat
mit den Erfahrungen, die wir alle in den letzten funfzehn
Jahren gemacht haben. Es handelt sich also um eigenste
produktive Interessen von mir auch hier; ich will nicht
leugnen, daB sie den urspriinglichen gelegentlich Gewalt an-
zutun versuchen kbnnen. Es liegt ein Antagonismus vor, dem
enthoben zu sein ich nicht einmal im Traum wiinschen
konnte. Seine Bewaltigung macht das Problem der Arbeit
aus, und dieses ist eins ihrer Konstruktion. Ich meine, daB die
Spekulation ihren notwendig kiihnen Flug nur dann mit
einiger Aussicht auf Gelingen antritt, wenn sie, statt die
wachsernen Schwingen der Esoterik anzulegen ihre Kraft-
quelle allein in der Konstruktion sucht. Die Konstruktion
bedingte es, daB der zweite Teil des Buches wesentlich aus
philologischer Materie gebildet ist. Es handelt sich dabei
minder um eine „asketische Disziplin" als um eine methodi-
sche Vorkehrung. Ubrigens war dieser philologische Teil der
einzige, der als ein selbstandiger vorwegzunehmen war — ein
Umstand, der von mir beriicksichtigt werden muBte.
Wenn Sie von einer „staunenden Darstellung der Fakti-
zitat" sprechen, so charakterisieren Sie die echt philologische
Haltung. Diese muBte nicht allein um ihrer Resultate willen,
sondern eben als solche in die Konstruktion eingesenkt wer-
793
den. In der Tat ist die Indifferenz zwischen Magie und Posi-
tivismus, wie Sie es treffend formulieren, zu liquidieren. Mit
anderen Worten: die philologische Interpretation des Autors
ist von dialektischen Materialisten auf hegelsche Art auf-
zuheben. - Die Philologie ist diejenige an den Einzelheiten
vorriickende Beaugenscheinigung eines Textes, die den Leser
magisch an ihn fixiert. Fausts schwarz auf weiB nach Haus
Getragenes und Grimms Andacht zum Kleinen sind eng
verwandt. Sie haben das magische Element gemeinsam, das
zu exorzisieren der Philosophie, hier dem SchluBteil, vor-
behalten ist.
Das Verwundern, so schreiben Sie in Ihrem Kierkegaard,
meldet „die tiefste Einsicht uber das Verhaltnis von Dialek-
tik, Mythos und Bild an". Es konnte mir vielleicht nahe-
liegen, auf diese Stelle mich zu berufen. Ich will im Gegenteil
zu ihr eine Korrektur vorschlagen (wie ich es iibrigens bei
andrer Gelegenheit zu der anschlieBenden Definition des
dialektischen Bildes vorhabe). Ich meine, es sollte heifien: das
Verwundern sei ein hervorragendes Objekt einer solchen Ein-
sicht. Der Schein der geschlossnen Faktizitat, der an der
philologischen Untersuchung haftet und den Forscher in den
Bann schlagt, schwindet in dem Grade, in dem der Gegen-
stand in der historischen Perspektive konstruiert wird. Die
Fluchtlinien dieser Konstruktion laufen in unserer eignen
historischen Erfahrung zusammen. Damit konstituiert sich
der Gegenstand als Monade. In der Monade wird alles das
lebendig, was als Textbefund in mythischer Starre lag. Es
scheint mir darum eine Verkennung des Sachverhalts, wenn
Sie im Text einen „ unmittelb ar en Rucks chluB von der Wein-
steuer auf Tame du vin" finden. Das Junctim ward vielmehr
auf legitime Art im philologischen Zusammenhang herge-
stellt - nicht anders als es entsprechend in der Interpretation
eines antiken Schriftstellers zu geschehen hatte. Es gibt dem
Gedicht das spezifische Gewicht, das es in der echten Lektiire
annimmt, die an Baudelaire bisher nicht viel geiibt worden
ist. Erst wenn dieses Gedicht an ihm zur Geltung gekommen
ist, kann das Werk von der Deutung betroffen, um nicht zu
sagen erschiittert werden. Diese schlieBt fur das fragliche
•794
Gedicht ihres Ortes nicht an Steuerfragen an sondern an die
Bedeutung des Rausches fiir Baudelaire.
Wenn Sie an andere meiner Arbeiten zuriickdenken, so
werden Sie finden, daB die Kritik an der Haltung des Philo-
logen bei mir ein altes Anliegen — und zuinnerst identisch
mit der am Mythos *- ist. Sie provoziert jeweils die philologi-
sche Leistung selbst. Sie dringt, um in der Sprache der Wahl-
verwandtschaft zu reden, auf die Herausstellung der Sach-
gehalte, in denen der Wahrheitsgehalt historisch entblattert
wird. Ich verstehe, daB diese Seite der Sache fiir Sie zuriick-
trat. Damit aber auch einige wichtige Interpretationen. Ich
denke nicht nur an solche von Gedichten — A une passante —
oder von Prosastiicken — Der Mann der Menge — sondern vor
allem an die AufschlieBung des Begriffs der Modernitat, bei
der es mir besonders darauf angekommen ist, sie in den philo-
logischen Schranken zu halten.
Das Peguy-Zitat, das Sie als Evokation der Urgeschichte
im neunzehnten Jahrhundert beanstanden, war — um dies im
Vorbeigehen anzumerken — dort am Platze, wo die Erkennt-
nis vorzubereiten ist, dafi die Interpretation Baudelaires auf
keinerlei chthonische Elemente sich zu berufen hat. (Im
Expose zu den Passagen hatte ich dergleichen noch versucht.)
Darum hat, wie ich meine, die Katakombe in dieser Interpre-
tation keine Stelle, sowenig wie die Kloake. Dagegen konnte
ich mir viel von der Oper von Charpentier versprechen; ich
will Ihrem Hinweis folgen, wenn die Gelegenheit sich ergibt.
Die Figur des Lumpensammlers ist hollischer Provenienz. Im
dritten Teil wird sie, gegen die chthonische Figur des Hugo'-
schen Bettlers abgesetzt, wiederauftauchen.
[...] ..
Lassen Sie mich ein offenes Wort anschlieBen: Ich glaube,
daB es den „Baudelaire" eher ungiinstig prajudizieren wiirde,
wenn dieser — einer Anspannung, der ich nicht leicht eine
f riihere literarische bei mir vergleichen konnte, entsprungene —
Text an keinem seiner Teile Zugang zur Zeitschrift fande.
Einmal hat die Druckgestalt, die dem Autor vom Text Ab-
stand gibt, darin einen mit nichts zu vergleichenden Wert.
Hinzukommt, daB der Text in solcher Gestalt der Aussprache
795
zugefiihrt werden konnte, die - wie unzulanglich ihre hie-
sigen Partner immer sein mogen — in etwas die Isolierung,
in der ich arbeite, kompensieren konnte. Den Schwerpunkt
einer solchen Veroff entlichung wiirde ich in der Theorie des
Flaneurs erblicken, die ich als einen integrierenden Teil des
„ Baudelaire" ansehe. Ich spreche durchaus nicht von einem
unveranderten Text. Als Zentrum muBte sich deutlicher als
es im vorliegenden der Fall ist, die Kritik des Begriffs der
Masse, wie die moderne Grofistadt sie sinnfallig macht,
herausheben. Diese Kritik, die ich in den Absatzen iiberHugo
anbahne, ware an der Interpretation wichtiger literarischer
Zeugnisse zu instrumentieren. Als Muster steht mir der Ab-
schnitt iiber den Mann der Menge vor Augen. Die euphemi-
stische Interpretation der Masse — die physiognomische —
ware durch die Analyse der im Text erwahnten Novelle von
E. T. A. Hoffmann zu illustrieren. Fur Hugo ist eine ein-
gehendere Verdeutlichung noch ausfmdig zu machen. Ent-
scheidend ist der theoretische Fortgang in diesen Ansichten
von der Masse; die Klimax ist im Text angedeutet, kommt
aber nicht ausreichend zur Geltung. An ihrem Ende steht
Hugo,' nicht Baudelaire. Den Erf ahrungen, die die Gegen-
wart mit der Masse macht, ist er am weitesten entgegen-
gekommen. Der Demagog ist ein Bestandteil seines Genies.
Sie erkennen, da6 mir gewisse Einsatzstellen Ihrer Kritik
uberzeugend erscheinen. Ich furchte freilich,. dafi eine unmit-
telbare Korrektur im eben angedeuteten Sinne sehr prekar
ware. Die mangelnde theoretische Transparenz, auf die Sie
zu Recht hinweisen, ist keineswegs eine notwendige Folge
der in diesem Abschnitt vorwaltenden philologischen Proze-
dur. Ich sehe darin eher das Resultat des Umstandes, daB
diese Prozedur als solche nicht namhaft gemacht ist. Diese
Ausf allserscheinung geht zum Teil auf den gewagten Versuch
zuriick, den zweiten Teil des Buches vor dem ersten zu schrei-
ben. Auch konnte nur so der Anschein entstehen, die Phantas-
magoric werde beschrieben, statt in der Konstruktion auf-
gelost, — Die genannten Korrekturen werden dem zweiten
Teil nur dann anschlagen, wenn er nach jeder Richtung hin
im Gesamtzusammenhange verankert sein wird. Eine Nach-
796
priifung der Gesamtkonstruktion wird demnacli mein erstes
sein.
Was die oben berufene Traurigkeit angeht, so hatte sie,
von dem genannten Vorgefixhl einmal abgesehen, hinrei-
chende Griinde. Es ist einmal die Lage der Juden in Deutsch-
land, gegen die sichkeiner von uns abdichten kann. Es kommt
eine schwere Erkrankung meiner Schwester dazu. Bei ihr hat
•sich im Alter von 37 Jahren eine hereditar bedingte Arterien-
verkalkung herausgestellt. Sie ist fast bewegungs- und damit
auch fast erwerbsunf ahig ; (zur Zeit hat sie wohl noch ein
Miniaturvermogen). Die Prognose ist in diesem Alter fast
hoff nungslos. Von alledem abgesehen ist, hier zu atmen, auch
nicht immer ohne Beklemmung moglich. Es ist naturlich,
daB ich alles daran setze, meine Naturalisation zu fordern.
Die notwendigen demarchen kosten leider nicht nur viel Zeit,
sondern auch einiges Geld — der Horizont ist mir im Augen-
blick also auch von dieser Seite eher verhangen.
Das beiliegende Fragment eines Brief es an Max vom
17. November 1938 und die beiliegende Nachricht von Brill
betreffen eine Angelegenheit, an der meine Naturalisation
scheitern kann. Sie ermessen damit ihre Wichtigkeit. Darf
ich Sie bitten, sie in die Hand zu nehmen und Max zu bitten,
unverziiglich, am besten wohl telegrafisch, Brill Genehmi-
gung zu erteilen, unter meine Rezension im nachsten Heft,
statt meines Namens das Pseudonym Hans Fellner zu setzen.
Ich komme auf Ihre neue Arbeit1 und damit auf den be-
sonnteren Teil dieses Schreibens. Mich betrifft sie sachlich in
zwei Beziehungen - beide von Ihnen angedeutet. Einmal in
den Teilen, die gewisse Merkmale der gegenwartigen akusti-
schen Apperzeption des Jazz in Beziehung zu den von mir
beschriebenen optischen des Films setzen. Ich vermag ex
improviso nicht zu entscheiden, ob die verschiedene Vertei-
lung der Licht- und Schattenpartien in unseren respektiven
Versuchen aus theoretischen Divergenzen hervorgeht. Mog-
iicherweise handelt es sich um nur scheinbare Verschieden-
heiten der Blickrichtung, die in Wahrheit, gleich adaquat,
verschiedne Gegenstande betrifft. Es ist ja nicht gesagt, daB
akustische und optische Apperzeption einer revolutionaren
797
Umwalzung gleich zuganglich sind. Damit mag zusammen-
hangen, daB die Ihren Essai abschlieBende Perspektive eines
umspringenden Horens mindestens fiir den nicht ganz deut-
lich wird, dem Mahler nicht eine bis ins letzte erhellte Er-
f ahrung ist.
In meiner Arbeit2 versuchte ich, die positiven Momente so
deutlich zu artikulieren, wie Sie es fiir die negativen zuweg
bringen. Eine Starke Ihrer Arbeit sehe ich infolgedessen dort,
wo eine Schwache der meinigen lag. Ihre Analyse der von der
Industrie erzeugten psychologischen Typen und die Darstel-
lung ihrer Erzeugungsweise ist iiberaus gliicklich. Wenn ich
meinerseits dieser Seite der Sache mehr Aufmerksamkeit zu-
gewandt hatte, so hatte meine Arbeit groBere historische
Plastizitat gewonnen. Immer mehr stellt sich mir heraus, daB
die Lanzierung des Tonfilms als eine Aktion der Industrie
betrachtet werden muB, welche bestimmt war, das revolutio-
nise Primat des stummen Films, der schwer kontrollierbare
und politisch gefahrliche Reaktionen begiinstigte, zu durch-
brechen. Eine Analyse des Tonfilms wiirde eine Ihre und
meine Ahsicht im dialektischen Sinne vermittelnde Kritik der
heutigen Kunst abgeben.
Was mich im AbschluB der Arbeit besonders ansprach, ist
die dort anklingende Reserve gegen den Begriff des Fort-
schritts. Sie begriinden diese Reserve vorerst beilaufig und
mit dem Hinblick auf die Geschichte des Terminus. Ich
mochte ihm gern an der Wurzel und in seinen Ursprungen
beikommen. Aber ich verhehle mir nicht die Schwierigkeiten.
Endlich zu Ihrer Frage, wie Ihre in diesem Essai entwik-
kelte Ansicht zu der im Abschnitt iiber den Flaneur dar-
gelegten sich verhalten mag. Die Einfiihlung in die Ware
stellt sich der Selbstbeobachtung oder inneren Erfahrung als
Einfiihlung in die anorganische Materie dar: neben Baude-
laire ist hier Flaubert mit seiner Tentation Kronzeuge.
Grundsatzlich diirfte aber die Einfiihlung in die Ware Ein-
fiihlung in den Tauschwert selbst sein. In der Tat kann man
sich unter dem „Konsum" des Tauschwerts schwerlich etwas
anderes vorstellen als die Einfiihlung in ihn. Sie sagen :
„Recht eigentlich betet der Konsument das Geld an, das er
798
selber fur die Karte zum Toscanini-Konzert ausgegeben hat."
Einfiihlung in ihren Tauschwert macht noch Kanonen zu
demjenigen Konsumgegenstand, der erfreulicher ist als But-
ter. Wenn der Volksmund von jemandem sagt „der ist fiinf
Millionen Mark schwer" so fiihlt sich derzeit die Volksgemein-
schaft selbst einige hundert Milliarden schwer. Sie fiihlt sich
in diese hunderte von Milliarden ein. Formuliere ich so, so
erreiche ich vielleicht den Kanon, der dieser Verhaltungs-
weise zugrunde liegt. Ich denke an den des Hasardspiels. Der
Spieler fiihlt sich unmittelbar in die Summen ein, mit denen
er der Bank oder dem Partner die Stirne bietet. Das Hasard-
spiel, als Borsenspekulation, hat fur die Einfiihlung in den
Tauschwert ahnlich bahnbrechend gewirkt wie die Weltaus-
stellungen. (Diese waren die hohe Schule, auf der die vom
Konsum abgedrangten Massen die Einfiihlung in den Tausch-
wert lernten).
Eine besonders wichtige Frage mocht ich mir fur einen
spateren Brief, um nicht zu sagen furs Gesprach, vorbehalten.
Welche Bewandtnis hat es mit dem Komischwerden der Mu-
sik und der lyrischen Dichtung? Ich kann mir schwer vor-
stellen, daB es sich dabei um ein Phanomen mit rein nega-
tivem Vorzeichen handelt. Oder hat der „Verfall der sakralen
Versbhnlichkeit" fur Sie ein Positives? Ich gestehe, daB ich
da nicht ganz herausfinde. Vielleicht finden Sie Gelegenheit,
auf diese Frage zuruckzukommen.
In jedem Fall bitte ich Sie, bald von sich horen zu lassen.
Wollen Sie Felizitas bitten, mir gelegentlich die Marchen von
Hauff zu schicken, die mir wegen der Bilder von Sonderland
lieb sind. Ich schreibe ihr in einiger Zeit, wurde aber gern
audi von ihr horen.
Wie immer, herzlichst Ihr Walter
1 Uber den Fetischcharakter in der Musik und die Regression des
Horens, jetzt in: Dissonanzen. Musik in der verwalteten Welt. 3. Ausg.,
Gottingen 1963. S. 9-45.
2 Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit.
799
3 08 An Gerhard Scholem
Paris, 4. 2. 1939
Lieber Gerhard,
Urn mein Mitteilungsvermogen zu entbinden, muB ich, wie
Du aus den ungewohnten Lettern entnimmst, eine Art Aus-
nahmezustand iiber unsere Korrespondenz l verhangen. Mich
dazu zu vermogen, ist das Verdienst Deines Briefes vom
25. Januar, fur den ich Dir herzlich danke.
Ware mein Schweigen Dir transparent gewesen, so waren
Deine Blicke in medias res gedrungen. Den Eingang des
Winters begleitete eine Periode nachhaltiger Depression, von
welcher letzteren ich sagen kann, je ne l'ai pas vole. Es kam
Mehreres zusammen. Zunachst sah ich mich der Tatsache
gegeniiber, daB mein Zimmer im Winter zum Arbeiten
nahezu unbrauchbar ist; im Sommer habe ich die Moglich-
keit, bei geoffneten Fenstern die Gerausche des Fahrstuhls
durch die der pariser StraBe in Schach zu halten; an den
kalten Wintertagen nicht.
Diese Sachlage kombinierte sich aufs gliicklichste mit einer
Entfremdung vom gegenwartigen Sujet meiner Arbeit.— Wie
ich Dir wohl schrieb, habe ich im Sommer mit Riicksicht auf
die redaktionellen Anforderungen der Zeitschrift fur Sozial-
forschung vorgreifend einen Teil, und zwar den zweiten,
meines Buches iiber Baudelaire fertiggestellt. Dieser zweite
Teil prasentiert sich in drei von einander relativ abgehobe-
nen Abhandlungen. Eine oder die andere davon hoffte ich im
letzten Heft der Zeitschrift, das eben herauskommt, gedruckt
zu sehen. Anfang November aber kam, und zwar von Wiesen-
grunds Seite, die ausfuhrlich begrundete Ablehnung, wenn
nicht der Arbeit so doch ihrer Drucklegung.
In das Detail dieser gewiB Dich interessierenden Frage
Dich einzufiihren, ist mir naturlich nicht eher moglich, als
ich Dir das fragliche Manuskript zuganglich machen kann.
Das habe ich, fur den Fall, daB Du Dich mit einem unkorri-
gierten, nicht ausnahmslos die letzte Fassung darstellenden
abfinden konntest, vor. Von Deiner Stellungnahme, die im
800
iibrigen der Wiesengrundschen vielleicht in wesentlichen
Stiicken verwandt sein wird, verspreche ich mir in jedem
Falle einen Ertrag fur meine Fortsetzung des Buches. An
diese werde ich namlich unverziiglich gehen miissen.
Es f allt mir nicht leicht. Die Isolierung, in der ich hier lebe,
zumal arbeite, schafft eine anormale Abhangigkeit von der
Aufnahme, die das, was ich mache, findet. Abhangigkeit will
nicht heiBen Empfindlichkeit. Die Vorbehalte, die gegen das
Manuskript gemacht werden konnen, sind zum Teil raison-
nabel und diirfen mich umso weniger beirren, als die Schlus-
selpositionen des „Baudelaire" sich in diesem zweiten Teil
nicht abzeichnen konnten noch sollten. Hier aber stoBe ich an
die Grenze brieflicher Mitteilung und kann nun meinerseits
nur bedauern, daB wir einander im August nicht gesprochen
haben. Dieses Bedauern bitte ich Dich, in der ihm zustehen-
den Abwandlung Deine Frau wissen zu lassen — was meine
Begegnung mit ihr angeht.
Wenn Dir von meinen wenigen Publikationen in der letz-
ten Zeit durch mich selbst nichts zuging, so liegt das daran,
daB die wenigsten Redaktionen sich heute noch zu mehr als
einem Belegexemplar dem Autor gegeniiber verbunden fiih-
len. In diesen Dingen darfst Du Nachlassigkeit von mir umso
weniger annehmen, als die Vollstandigkeit deines Archivs
meiner Schriften von jeher mein Anliegen war. Heute ist es
um soviel dringlicher, als die einzige Sammlung von einigem
Umfange, die auBer der Deinen in dritten Handen ist, seit
kurzem verloren gegeben werden muB. Sie befindet sich bei
den Effekten, die ein Freund von mir in Barcelona hat zu-
riicklassen miissen. (Als Kuriosum sei Dir anvertraut, daB
kurzlich in einer kleinen englischen Denkschrift des Institu-
tes eine, freilich iiberaus kursorische, Bibliographie meiner
Schriften — wie auch einer solchen von anderen Mitarbei-
tern — erschienen ist). Die letzte Nummer der Zeitschrift
VII, 3 enthalt im Besprechungsteil von mir einen Aufsatz
tiber Julien Benda, der Dir plaisirlich sein wird. Aber was
soil ich tun? ich habe kein Duplikat.
Damit Du siehst, daB ich tue, was in meinen Kraften stent,
werde ich Dir, zur Einverleibung in das Archiv, von nun ab
801
gelegentlich Maschinenmanuskripte iibersenden. Wahrend ich
die moglichst baldige Riicksendung des Dir in Aussicht ge-
stellten Baudelaire -Manuskripts von Dir erbitte, sollst Du
die es begleitenden Rezensionen von Honigswald und Stern -
berger als Dir dediziert betrachten. Das Buch von [Dolf]
Sternberger - ^Panorama [oder] Ansichten vom 19. Jahrhun-
dert" [. . .] solltest Du Dir einmal in die Hande spielen lassen.
Das Beatrice-Sonett2 wirst Du ebenfalls bei der Sendung
finden. -
Von den Bewegungen im Verlagswesen nehme ich mit
Interesse Kenntnis. Ungefahr gleichzeitig mit Deiner Nach-
richt von der SchlieBung des Schocken-Verlages fand sich
Rowohlt in meinem Zimmer ein. Er muBte Deutschland
einigermaBen schleunig den Riicken kehren. Nicht deshalb,
sondern weil er Hessel (der vor einem Vierteljahr herkam) in
Berlin lange Zeit das Leben erleichtert hat, auch lange an
jiidischem Personal festhielt, hat er bei mir einen Stein im
Brett. Politisch war er nie ernst zu nehmen. Er geht nach
Brasilien; wie ich denke, vor allem um seine Familie zu
etablieren, und sich dann wieder in Europa umzusehen. Sei-
nen alten Verlag, wenn es um diesen ginge, hat er derzeit in
Paris halbwegs komplett beisammen. Polgar und Speyer sind
seit kurzem hier eingeruckt.
Dora kam vor 6 Wochen durch Paris. Ich habe den Ein-
druck, daB die Liquidation ihres Unternehmens in San Remo
auf gutem Wege ist. Sie hat inzwischen mit einem englischen
Partner in London ein Boarding- House aufgemacht. Die
Aussichten fur Stefans Naturalisation scheinen giinstig. Es
ist zu hoffen, daB er das Abiturium in London machen wird.
Gern wiirde ich von Dir horen, wie es bei Euch aussieht.
Sollten die SchieBereien in Jerusalem nicht abgenommen
haben? Vor allem aber: bist Du nunmehr mit Deinen Augen
ganz in Ordnung? - Zu horen, daB Ihr noch immer an die
Moglichkeit denkt, mich bei Euch zu Besuch zu sehen, hat
mich sehr gefreut. Ich glaube nur, die Liste der wild en und
zahmen Volker, die man da um Erlaubnis wiirde ersuchen
mxissen, wird taglich langer.
Dein Amerikabericht2a war recht groflartig. Er hat mich in
802
dem, was Du iiber Land und Leute sagst, iiberzeugt (diesen
Teil habe ich hin und wieder zur Erbauung eines erlesenen
Publikums zum Besten gegeben); er hat mich in den Partien,
die "dem Institut gewidmet sind, kaum auf Gedanken ge-
bracht, die nicht schon meine eigenen gewesen waren. Umso
mehr Grund habe ich, Dir fur das Verhalten zu danken, das
Du in so richtiger Einschatzung meiner Interessen dort be-
obachtet hast.
Ein Arzt wohnt hier im Hause3, der die Witwe von Sche-
stow behandelt. Die Arme sitzt nun unter den unaufgeschnit-
tenen Werken ihres Gatten — was werden wir Andern eines
Tages hinterlassen als unsere eigenen unaufgeschnittenen
Schriften ? Um ihr Interieur f reundlicher zu gestalten, schleppt
sie hin und wieder einige dieser Schriften ab, und so sammeln
sich bei mir langsam Schestows Werke. Kurz entschlossen,
habe ich mir eines Tages „Athen und Jerusalem"4 vorgenom-
men. Denkt man sich eine gnadige Fee, die, aus purer Laune,
eines Tages die dreckigste Sackgasse im verlorensten Winkel
des Weichbildes einer grofien Stadt in ein unwegsames Hoch-
tal verwandelt, in dem die Bergwande ebenso senkrecht ab-
stiirzen wie vordem die Fassaden der Mietskasernen - dann
hat man das Bild, unter dem mir Schestows Philosophie er-
scheint. Sie ist, glaube ich, ziemlich bewunderungswurdig,
aber nichtsnutzig. Als Kommentator kann man vor ihm nur
den Hut ziehen, und seine Schreibweise scheint mir groBartig.
Ich hoffe, ich werde Anlafi haben eine Anzeige von dem
genannten Buch abzufassen.
Von Schestow ist der Weg zu Kafka fur den, der sich ent-
schlossen hatte, vom Wesentlichen abzusehen, nicht weit. Als
dieses Wesentliche erscheint mir bei Kafka mehr und mehr
der Humor. Er war natiirlich kein Humorist. Er war vielmehr
ein Mann, dessen Los war, iiberall auf Leute zu stoBen, die
aus dem Humor eine Profession machten: auf Klowns. Be-
sonders „ Amerika" ist eine groBe Klownerie. [. . .] Wie dem
nun immer sei — ich denke mir, dem wxirde der Schlussel zu
Kafka in die Hande fallen, der der jiidischen Theologie ihre
komischen Seiten abgewonne. Hat es so einen Mann gegeben?
oder warst Du Manns genug, dieser Mann zu sein?
803
Hannah Stern5 erwidert Deine GriiBe aufs Schonste.
Dir und Deinem Haus alles Herzliche
Dein Walter
PS Was meint Dein den SchluB des Dreigroschenromans
betreffender Hinweis auf Kafka?
Wiesengrunds Adresse: T. W. Adorno 290 Riverside Drive
13 D, New- York City.
1 Der Brief ist mit der Mas chine geschrieben, d. h, diktiert.
2 Von Brecht. W. B. hatte es Scholem in Paris vorgelesen.
2a Scholems Brief vom 8. November 1958 im Stuck unautorisiert in
Alternative" 1969, S. 190, gedmckt.
3 Dr. Fritz Frankel.
4 Das letzte Buch von Leon Schestow, aus dem er bei seinem Besuch
in Jerusalem (im "Winter 1937/58) vorgelesen hatte. Scholem, der
Schestow in Brief en an W. B. dfters besprochen hatte, hatte diese
Vorlesungen eingeleitet.
5 Hannah Arendt.
3 09 An Gerhard Scholem
Paris, 20. Februar 1939
Lieber Gerhard,
ich habe Hannah Arendt nahegelegt, Dir das Manuscript
ihres Buches iiber Rahel Varnhagen l zuganglich zu machen.
Es soil in den nachsten Tagen an Dich abgehen.
Auf mich hat dieses Buch groBen Eindruck gemacht. Es
schwimmt mit starken StoBen wider den Strom erbaulicher
und apologetischer Judaistik. Du weiBt am besten, dafi alles
was man iiber „die Juden in der deutschen Literatur" bis dato
lesen konnte2, von eben dieser Stromung sich treiben lieB.
Entre temps habe ich mich wieder einmal der Reflexion
iiber Kafka zugewandt. Ich blatterte auch in alter en Papieren
und fragte mich, warum Du denn meine Kritik des Brodschen
Buches Schocken bisher nicht hast zukommen lassen. Oder ist
das inzwischen vor sich gegangen?
Ich hoffe baldigst ausf iihrlich von Dir zu horen. Herzlichst
Dein Walter
804
1 Erschien erst 20 Jahre spater, Miinchen 1959.
2 Dieses Thema hat W. B. selber in der Encyclopaedia Judaica V
(1930), Sp. 1022-1034 behandelt.
310 An Theodor W. Adorno
Paris, 23. 2. 39
Lieber Teddie,
on est philologue ou on ne l'est pas. Als ich Ihren letzten Brief
studiert hatte, war mein erstes, auf das bedeutsame Konvolut
zuriickzugreifen, das ich an Ihren AuBerungen zu den „Pas-
sagen" besitze. Die Lektiire dieser zum Teil weit zuriick-
reichenden Brief e war eine groBe Starkung: ich erkannte
wieder, daB die Fundamente unverwittert und unbeschadigt
geblieben sind. Ich holte mir aus diesen friiheren AuBerungen
aber vor allem Aufschliisse iiber Ihren letzten Brief und be-
sonders iiber die dem Typus geltenden tlberlegungen.
„Alle Jager sehen gleich aus." — so schrieben Sie am
5. Juni 1935 gelegentlich eines Hinweises auf Maupassant.
Das fiihrt in eine Zelle des Sachverhalts, in welcher mich
einzurichten mir in dem Augenblick moglich wird, wo ich die
Erwartung der Redaktion auf eine Abhandlung iiber den
Flaneur zentriert weiB. Sie haben meinem Brief e mit soldier
Ausrichtung die gliicklichste Interpretation gegeben. Ohne
den Ort, welchen das Kapitel im Buch iiber Baudelaire haben
muB, preiszugeben, kann ich mich nun — nachdem die off en-
kundigeren soziologischen Befunde gesichert sind - in ge-
wohnter monographischer Form der Bestimmung des Flaneurs
im Gesamtkontext der Passagen zuwenden. Im folgenden
zwei Hinweise darauf, wie das zu denken ist.
Die Gleichheit ist eine Kategorie des Erkennens ; sie kommt
in der niichternen Wahrnehmung streng genommen nicht
vor. Die im strengsten Sinne niichterne, von jedem Vor-Urteil
freie Wahrnehmung stieBe im auBersten Falle immer nur
auf ein Ahnliches. Solch Vorurteil, das der Wahrnehmung
im Regelfall ohne Schaden beiwohnt, kann im Ausnahmefall
805
AnstoB bieten. Es kann den Wahrnehmenden als einen, der
nicht niichtern ist, kenntlich machen. Das ist zum Beispiel
der Fall des Don Quijote, dem die Ritterromane zu Kopfe
gestiegen sind. Dem kann das verschiedenste begegnen: er
nimmt darinnen immer das Gleiche wahr — das Abenteuer,
das des fahrenden Ritters harrt. Nun Daumier: der malt, wie
Sie sehr mit Recht andeuten, im Don Quijote sein Ebenbild.
Daumier stoftt auch immer wieder aufs Gleiche; er nimmt in
alien den Kopfen der Politiker, Minister und Advokaten das
Gleiche wahr — die Gemeinheit und Mediokritat der Burger -
klasse. Wichtig ist aber hierbei vor allem eines: die Hallu-
zination der Gleichheit (die von der Karikatur nur durch-
brochen wird, um sich alsbald wieder herzustellen; denn ]e
weiter eine groteske Nase von der Norm entfernt ist, desto
besser wird sie als Nase schlechthin das Typische des bena-
sten Menschen zeigen) ist bei Daumier, wie fur Cervantes,
eine komische Angelegenheit. Das Gelachter des Lesers rettet
im Don Quijote die Ehre der Biirgerwelt, im Vergleich zu
der sich die ritterliche als einfdrmig und einfaltig prasentiert.
Daumiers Gelachter gilt vielmehr derBurgerklasse; er durch-
schaut die Gleichheit, mit der sie prunkt: namlich als die
windige egalite, wie sie sich im Beinamen Louis Philippes
breitmachte. Im Gelachter raumen sowohl Cervantes wie
Daumier mit einer Gleichheit auf, die sie als geschichtlichen
Schein dingfest machen. Die Gleichheit hat ein ganz anderes
Ansehen bei einem Poe, geschweige bei einem Baudelaire.
Im „Mann der Menge" blitzt wohl noch die Moglichkeit
eines komischen Exorzismus auf. Bei Baudelaire ist davon
keine Rede. Er kam vielmehr der historischen Halluzination
der Gleichheit, die mit der Warenwirtschaft sich eingenistet
hatte, kiinstlich zu Hilfe. Und die Figuren, in welchen der
Haschisch sich bei ihm niederschlug, sind in diesem Zusam-
menhang dechiffrierbar.
Die Warenwirtschaft armiert die Phantasmagorie des
Gleichen, welche als Attribut des Rausches sich zugleich als
zentrale Figur des Scheins beglaubigt. „Du siehst, mit diesem
Trank im Leibe, Bald Helenen in jedem Weibe." Der Preis
macht die Ware alien denen gleich, die fur den gleichen Preis
806
kauflich sind. Die Ware fiihlt sich - das ist die maBgebende
Korrektur an dem Text vom Sommer — nicht nur und nicht
sowohl in den Kaufern ein, denn vor allem in ihren Preis.
Eben darin aber stimmt der Flaneur sich auf die Ware ab;
er tut es ihr durchaus nach; in Ermangelung der Nachfrage,
das heiBt eines Marktpreises fur ihn, richtet er sich in der
Kauflichkeit selbst hauslich ein. Der Flaneur iiberbietet die
Hure darin; er fuhrt gleichsam ihren abstrakten Begriff spa-
zieren. In der letzten Inkarnation des Flaneurs erst erfullt er
ihn: ich will sagen als Sandwichmann.
Von der Baudelairearbeit aus betrachtet nimmt sich die
Umkonstruktion folgendermaBen aus: die Definition der Fla-
nerie als eines Rauschzustandes kommt zu ihrem Recht; da-
mit ihre Kommunikation zu den Erf ahrungen, welche Baude-
laire mit den Rauschgiften angestellt hatte. Der Begriff des
Immergleichen wird als die immergleiche Erscheinung schon
im zweiten Teil eingefiihrt, wahrend er in seiner definitiven
Pragung als der des immergleichen Geschehens weiterhin
dem dritten vorbehalten ist.
Sie sehen, daB ich Ihnen fiir Ihre Anregungen iiber den
Typus Dank weiB. Wo ich iiber sie hinausgegangen bin, ge-
schah es im urspriinglichsten Sinn der „Passagen" selbst.
Dabei hebt sich mir Balzac sozusagen weg. Er ist hier nur
von anekdotischer Wichtigkeit, indem er weder die komische
noch die grauenvolle Seite des Typus zur Geltung bringt.
(Beides zusammen hat, glaube ich, im Roman erst Kafka ein-
gelost; bei ihm haben sich die Balzacschen Typen solide im
Schein einlogiert: sie sind zu „denGehilfen", „den Beamten",
„den Dorfbewohnern", „den Advokaten" geworden, denen
K. als der einzige Mensch, mithin als ein in all seiner Durch-
schnittlichkeit atypisches Wesen gegeniibergestellt ist.)
An zweiter Stelle greife ich in Kiirze Ihren Wunsch auf,
die Passagen nicht nur als das Milieu des Flanierenden einzu-
fiihren. Ich kann Ihr Vertrauen in mein Archiv einlosen und
werde die merkwiirdigen Traumereien zu Wort kommen
lassen, die um die Jahrhundertmitte die Stadt Paris als eine
Folge von glasernen Galerien, von Wintergarten gleichsam,
erbaut haben. Der Name des Berliner Cabarets — von dem
807
ich zu ermitteln suchen werde, von wann er datiert - gibt zu
verstehen, welches das Leben in dieser Traumstadt hatte sein
konnen. - Das Flaneur- Kapitel wird damit dem ahnlicher,
das seinerzeit in dem physiognomischen Zyklus auftrat, in
dem es von den Studien iiber den Sammler, den Falscher und
den Spieler umgeben war.
Die Notizen, die Sie zu einzelnen Stellen machen, mochte
ich heute nicht griindlich durchgehen. Einsichtig war mir
z. B. die zu dem Zitat von Foucauld. Nicht zustimmen kann
ich u. a. Ihrem Fragezeichen zu Baudelaires sozialem Signa-
lement als Kleinbiirger. Baudelaire lebte von einer kleinen
Rente aus Terrainbesitz in Neuilly, die er mit einem Stief-
bruder zu teilen hatte. Der Vater war eiri petit maitre, der
unter der Restauration eine Sinekure als Verwalter des
Luxembourg hatte. Entscheidend ist, daB Baudelaire von
alien accointancen mit der Finanzwelt undderGroBbourgeoi-
sie lebenslang abgeschnitten gewesen ist.
Ihr scheeler Blick auf Simmel — Sollte es nicht Zeit wer-
den, einen der Ahnen des Kulturbolschewismus in ihm zu
respektieren? (Ich sage das nicht, um fur das Zitat einzutre-
ten, das ich zwar nicht missen mochte, auf dem aber an seiner
Stelle ein zu starker Akzent liegt.) Letzthin nahm ich seine
„Philosophie des Geldes" vor. Sie ist gewiB,nicht umsonst
Reinhold und Sabine Lepsius gewidmet; sie stammt nicht
umsonst aus der Zeit, in der Simmel sich dem Kreis um
George „nahen" durfte. Man kann aber in dem Buch, wenn
man von seinem Grundgedanken abzusehen entschlossen ist,
sehr Interessantes finden. Mir war die Kritik der Werttheorie
von Marx frappant.
Ein wahres Vergniigen waren mir die Betrachtungen iiber
die Philosophie der absolutenKonzentration im letztenHeft1.
Das Heimweh nach Deutschland hat seine problematischen
Seiten; Heimweh nach der weimarer Republik (und was
ware diese Philosophie sonst?) ist einfach tierisch. Die An-
spielungen auf Frankreich im Text hauen in die Kerbe eigen-
ster Erfahrungen und Reflexion en. Ich habe in meinem letz-
ten Literaturbericht an Max ein Lied davon singen konnen.
Wie der Wind weht, davon mag Sie das eine Fait divers un-
808
terrichten, daB die Zeitung der hiesigen Zweigstelle der Par-
tei neuerdings im [Hotel] Littre ausliegt. Ich stieB auf sie, als
ich Kolisch2 besuchte. Ich horte seinen Quartettabend und hatte
vor seiner Abreise noch eine angenehme Stunde mit ihm. [. . .]
Bei der gleichen Gelegenheit sah ich iibrigens Soma Morgen-
stern3, der sich in der letzten Minute aus Wien gerettet hat.
Wenn es Ihnen entbehrlich ist, wiirde ich das Buch von
Hawkins4 gern einsehen. Einer Beziehung von Poe zu Comte
nachzugehen, ware bestimmt verlockend. Von Baudelaire zu
ihm gibt es meines Wissens keine, so wenig wie eine von
Baudelaire zu Saint- Simon. Comte dagegen ist eine Zeitlang,
als er ungefahr zwanzig Jahre war, disciple attitre von Saint -
Simon gewesen. Er hat u. a. die Mutter- Spekulation von den
Saint- Simonisten lib ernommen, ihnen abereinpositivistisches
cachet gegeben - mit der Behauptung sich hervortuend, die
Natur werde es dahin bringen, in der Vierge-mere das weib-
liche Wesen, welches sich selbst befruchtet, hervorzubringen.
Vielleicht interessiert es Sie, daB Comte beim Staatsstreich
vom 2. September nicht minder prompt umfiel als die Pariser
Schongeister. Dafur hatte er vorher in seiner Menschheits-
religion einen Jahrestag vorgesehen, der der feierlichen Ver-
fluchung Napoleon I. gewidmet war.
Da wir gerade bei Biichern stehen: Sie haben mich friiher
auf „La nuit, un cauchemar" von Maupassant hingewiesen.
Ich habe gegen 12 Bande seiner Novellen durchgesehen, ohne
den Text zu finden. Konnen Sie mir mitteilen, wie es darum
bestellt ist? Eine nicht minder dringende Bitte: mir, falls Sie
vom Kierkegaard noch ein verfiigbares Exemplar haben, die-
ses zu schick en. Leihweise die „Theorie des Romans" [von
Georg Lukacs] zu erhalten, ware mir ebenfalls sehr willkom-
men.
Ich hdre mit Traurigkeit, auch von Kolisch, was Ihre Eltern
durchgemacht haben. Hoff entlich sind sie mittlerweile gliick-
lich entronnen.
Mit schonstem Dank bestatige ich den Empfang des Hauff.
Felicitas schreibe ich in der nachsten Woche.
Herzlichst Ihnen und ihr
Ihr Walter
809
1 Max Horkheirner: Die Philosophic der absoluten Konzentration, in:
Zeitschrift fur Sozialforschung 7 (1938), S. 376-587.
2 Rudolf Kolisch, bedeutender Musiker, Primarius des Kolisch-Quar-
tetts, Schwager von Arnold Schonberg.
3 Soma M org ens tern, Dr. jur., Schriftsteller. In Polen geboren, lebte
Morgenstern nach dem ersten Weltkrieg in Wien und schrieb fiir die
Frankfurter Zeitung. Er war befreundet mit Alban Berg und Joseph
Roth. Er emigrierte iiber Paris nach New York.
4 Richmond Laurin Hawkins: Positivism in the United States (1853
bis 1861). Cambridge, Mass., 1938.
311 An Gerhard Scholem
Paris, 8. April 1939
Lieber Gerhard,
Das Grim der Hoffnung durchwirkt Deinen Brief so sparsam
wie das diesen kalten Friihlings die StraBen von Paris. Desto
praziser die winterlichen Ausblicke zwischen Deinen Zeilen.
Ich war niemals ein Feind der Klarheit, und ich bin es am
wenigsten jetzt, wo ich mit den Jahren einen genauen Begriff
von dem zu haben glaube, womit ich meinen Frieden machen
kann und auch von dem, womit ich das nicht im Sinne habe.
Dafi auch diese zweite Seite der Alternative vertreten sei
— diese Bedeutung hatte es, dafi mein Brief vom 14ten Marz
von einer bestimmten Summe sprach - keine andere.
Eben die Umstande, die meine europaische Situation so
sehr bedrohen, werden meine Ubersiedlung nach den U.S.A.
wohl unmoglich machen. [. . .]
Auf ein hilfsbereites Interesse bin ich hier in Paris bei
Hannah Arendt gestofien. Ob ihre Bemuhungen zu irgend-
etwas fiihren, steht dahin.
Du wirst vielleicht verstehen, dafi mir gegenwartig Arbei-
ten, die auf das Institut ausgerichtet sind, schwer fallen.
Wenn Du dazu nimmst, dafi Umarbeitungen ohnehin einen
geringeren Reiz haben als das neu in Angriff genommene,
wirst Du begreifen, dafi die Umformulierung des Flaneur-
810
Kapitels langsam vom Fleck riickt. Ich hoffe, daB es sich als
gliicklich erweisen wird, wenn der geplante Text eingrei-
f ende Veranderungen aufweist. Vielleicht wird in ihrem Ge-
folge auch det habitus des Flaneurs in Baudelaires Person
selber jene Plastizitat bekommen, die Du im vorliegenden
Text wohl mit Recht vermissest. Dazu wird die Problematik
des „Typs" in einem philosophisch exponiertern Sinne.ent-
wickelt werden. Endlich wird das groBe Gedicht Les sept
vieillards, dem sich iioch keine Interpretation je zugewendet
hatte, eine iiberraschende, doch, wie ich hoffe, iiberzeugende
Auslegung erfahren.
In der Tat: Deine Einwande beriihren sich da, wo Du es
vermutest, mit denen von Wiesengrund. Ich bin nicht weit
davon entfernt zu gestehen, daB ich sie provozieren wollte.
Die Gesamtkonzeption des „ Baudelaire" — die freilich bisher
nur in einem Entwurf vorliegt — weist eine philosophische
Bogenspannung von groBem AusmaB auf. Mit ihr eine
schlichte, ja hausbackene Methode der philologischen Aus-
legung zu konfrontieren, war eine groBe Versuchung fur
mich gewesen, der ich im zweiten Teil stellenweise nachgege-
ben habe. In diesem Zusammenhange will ich anmerken, daB
Deine Vermutung, die Stelle iiber die Allegorie sei absicht-
lich verschlossen gehalten, zu Recht besteht.
Von der Bitte, mir das Manuscript sob aid als moglich zu-
riickzusenden, konnte ich nur dann absehen, wenn Du mich
mit dem deutschen oder franzosischen Manuscript deiner Ab-
handlung iiber jiidische Mystik entschadigen wiirdest1. Du
kannst Dir denken, wie sehr mir am Studium dieses Textes
gelegen ware. Beiliegend das Brecht-Sonnet zur Versohnung.
(Das vorletzte Wort der zweiten Zeile lautete in der ersten
Fassung, die ich Dir auswendig sagte 2, wie Du Dich erinnern
wirst, abweichend).
Gern wiirde ich von dem Eindruck wissen, den die' „Rahel
Varnhagen" auf Dich gemacht hat. In einigem Ab stand in-
teressiert mich auch, ob Dir einmal der Roman, „der Sohn
des verlorenen Sohns" zu Gesicht gekommen ist, den Soma
Morgenstern 1935 bei Erich Reisz hat erscheinen lassen.
Wenn das der Fall ist, so laB mich doch wissen, was Du von
811
dem Buche mein&t Sein Verfasser, der Schwiegersohn von
Heinrich Simon,3 kreuzte in Frankfurt in friihern Jahren
meinen Weg. Nun begegnete ich ihm wieder; er hatte Wien
noch eben zur Zeit verlassen. Das Buch ist der erste Band
einer Trilogie, von der der zweite im Manuscript vorliegt.
Dir und Deiner Frau die herzlichsten GriiBe
Dein Walter
1 Die fiir ein jiddisches Handbuch ,/The Jews", unter Herausarbeitung
der sozialen Bedeutung dieser Bewegung? abgefafit war; New York
1939, vol. II, col. 211-254.
2 Die gedruckte Fassung bringt nur das blassere Verbum.
3 S.M. war mit Inge von Klenau, der Nichte von H. S., verheiratet.
312 An Bernard Brentano
Paris, 22. 4. 39
Lieber Brentano,
herzlichen Dank fiir Ihren Brief. Mir war es audi wichtig,
daB wir uns gesprochen haben. Wenn nicht Kriegs- oderFrie-
densliifte die letzten Faden des deutschen Altweibersommers
zerreiBen, der uns gemeinsam war, so werden wir das Ge-
sprach ja wohl wieder aufnehmen — beide wissender.
Fiir Ihre Bemiihung um den Spitteler vielen Dank. Wenn
ich zwischen 150 und 175 frz frcs dafiir erhalte, so erscheint
mir das angemessen, Ich schicke Ihnen das Buch dieser Tage,
mit dem Winkler l.
Wenn Sie sagen wollen, daB Winkler in seiner Generation
unter den Vereinzelten ist, die wollen, daB nicht alles, worum
es der meinen ging, verloren sei, so pflichte ich Ihnen bei.
Nur ist das winklersche Denken mir substantiell nicht ein-
deutig. Vielmehr scheint mir an ihm iiberaus deutlich zu
werden, dafi die Erfahrungen der heutigen Menschen sich
idealistisch nicht mehr behandeln lassen, ohne daB Material
und Moral der Erkenntnis zu schaden kommen. Winkler geht
812
idealistisch vor. Und unversehrt scheint mir da im Grunde
nur das Niveau zu bleiben.
Schadenkonnte entstehen, wie mir scheinen will. Denn die-
ses Denken kreist in der Tat nicht urn das Erste Beste. (Ich
sage das obwohl ich Autoren wie Giono oder der Kunstge-
werblerin Langgasser mit allem Vorbehalt gegeniiber stehe.)
Wenn es etwas gibt, worin ich ein passionierendes Bemuhen
erkenne, Funde festzuhalten, die das Festhalten wirklich loh-
nen, so ist es in der Vorstellung von der Erf ahrung selbst, die
bei Winkler ins Spiel gemischt ist. Im Essay iiber Jiinger ge-
fallt mir die Supposition, kraft deren an die „Stelle des Er-
kennens, bei dem der Denkende sich zur Wirklichkeit von
Anfang an in einem Verhaltnis der Aktivitat befindet, . . .
das Erfahren als ein Zustand der Passivitat" tritt. Gerade in
dem, was er iiber Jiinger schreibt, scheint mir aber diese Pas-
sivitat nicht zu walten und die Erf ahrung nicht zu Worte
gekommen zu sein. Ich glaube nicht, daB er, ohne sich Gewalt
anzutun, mit der grobschlachtigen Metaphysik von Jiinger
seinen Frieden hat machen konnen. (Dabei habe ich nichts
gegen die Metaphysiker. Sie sind die wahren Troubadoure
der sproden Vernunft. Aber Jiinger fiihrt sich ihr gegeniiber
wie ein Landsknecht auf .)
Sehr erfreulich ist die Arbeit iiber Holderlin. Man miiBte
ihr Verhaltnis zu [Wilhelm] Michels Schrift „Holderlins
abendlandische Wendung"2 ins Auge fassen. Bei weitem am
lichtvollsten scheint mir der erste George- Essay, von dem der
Herausgeber etwas abriickt. Vielversprechend die richtig ge-
setzten Zeilen iiber Paul Valery.
DaB iiber die Umstande von Winklers Tod aus dem Nach-
wort nichts hervorgeht, vermisse ich.3 Vielleicht liegen poli-
tische Motive der Tat zu Grunde, vielleicht erotische. (Der
Aufsatz iiber Platen spricht nicht dafiir, daB sein Autor in-
vertiert gewesen sei; aber da ist die kleine Anzeige der Ge-
dichte von Appel.) Aufschliisse in dieser Richtung waren mir
wiinschbar, um das [Bild] des Verfassers genauer ins Blick-
f eld zu bekommen. Soviel scheint mir klar zu liegen, daB er
weit entfernt war, mit sich im Reinen zu sein.
An meinen Verhaltnissen hat sich bis dato nichts geandert;
813
das heiBt ich lebe in Erwartung einer iiber mich hereinbre-
chenden Ungliicksbotschaft. Bis dahin habe ich mein Aus-
kommen; nur vorsorgen kann ich nicht. Wenn die Zwischen-
zeit larig genug ist, um Ihre Aktion in Basel zum Ausreifen
zu bringen, so will ich mir Gliick wimschen. Ihnen danken
will ich in jedem Fall, sie in die Wege geleitet zu haben.
Brecht hat sich, vermutlich nur schweren Herzens, ent-
schlossen, das Haus auf Fiinen aufzugeben. Es wird wohl so
richtig gewesen sein, denn in Danemark diirften die Wahlen
im Sommer einige Unruhe mit sich fuhren. Brecht bermiht
sich, nach Schweden hereinzukommen. (Indessen mobilisiert
man dort, wie ich gestern horte.)
Ich bin bei einem Abschnitt meines Buchs iiber Baudelaire,
der es mit dem Spektrum des MiiBiggangs in der biirgerlichen
Gesellschaft zu tun hat. Er unterscheidet sich sehr markant
von der „MuBe" in der feudalen, die den Vorzug hat, von der
vita contemplativa auf der einen, von der Representation auf
der andern Seite flankiert zu sein. Baudelaire ist der profun-
deste Praktiker des MiiBiggangs in jener Epoche, da aus die-
ser Haltung heraus noch Entdeckungen zu machen waren.
Lassen auch Sie wieder von sich horen.
Mit herzlichem GruB, auch Ihrer Frau
Ihr Walter Benjamin
1 Eugen GottloL Winkler: Gestalten und Protleme. Dessau 1937, u.
ders. : Dichter. Axbeiten. Dessau 1937.
2 Jena 1923.
3 Er nahm sich im Oktober 1936 das Leben.
313 An Adrienne Monnier
Paris, 29. Avril 1939
Chere amie,
Void la reponse qui me parvient a l'instant de Pontigny. Le
nom de Tinstitution en question est: caisse des recherches
scientifiques.
814
Je vous confie, ci-joint, une copie de mon texte pour la
communiquer a Valery. Pour y inscrire un hommage, j'etais
hesitant. Si vous le jugez a propos, je le ferai. En ce cas je
vous prie d'apporter le cahier a notre prochain rendez-vous
que j'espere imminent.
Peut-etre serait-il utile que nous nous revoyons avant votre
visite chez Valery. J'ajoute, a toutes fins utiles, ceci: ladite
caisse des recherches a obtenu, a ce qu'on m'a dit, des fonds
de la part de l'Alliance Israelite Universelle pour qu'elle soit
en mesure de venir en aide a certains savants juifs. Cela peut
avoir son importance puisque Sylvain Levy qui presidait
l'Alliance jusqu'a sa mort m'a juge digne d'une subvention
de la part de son organisation. Cela etait en 1934; les fonds
respectifs de l'Alliance n'etaient pas encore joints a la caisse
des recherches.
Voulez-vous telephoner lundi matin?
Sincerement a vous.
Walter Benjamin.
314 AnKarlThieme
Paris, 8. Juni 1939
Lieber Herr Thieme,
iiber die Nachricht, die Sie mir von dem ungewohnlichen
Erfolg Ihres Buches1 geben konnten, habe ich mich sehr ge-
freut. Inzwischen habe ich es gelesen, und es liegen mir nun
zumindest einige Ursachen dieses Erfolges klar vor Augen.
Sie haben in der Darstellung eine sehr gluckliche Hand ge-
habt. Die denkbar sprodeste Form haben Sie bewaltigt und
zwar indem Sie zum Unterschied von den Dilettanten, die
sich in der Form des Gesprachs versuchen, diese Sprddigkeit
nicht vertuscht haben. Gehe ich fehl in der Annahme, daB
Sie die Technik der Soirees de Saint- Petersbourg studiert
haben?
Gerade indem Sie auf jedes anekdotische Detail verzich-
teten, konnten Sie dieser Form eine hohere Urbanitat ab-
815
gewinnen, die Ihnen auBerordentlich zu gute kommt. Die
Popularitat, die Sie vielfach, besonders im adolescens -Kapitel
und stets ohne Konzessionen erreichen, wird an Ihrem Erfolg
Anteil haben. Die Konfrontierung der Dominikaner mit den
Franziskanern, besonders aber die Verhandlung der Streit-
sache zwischen Jesuiten und Jansenisten scheinen mir mei-
sterhaft.
Vielleicht ist die Urbanitat bei Ihnen nur die Kehrseite
des Muts, wie das garnicht selten ist. Es ist fur mich ein
asthetisches Schauspiel hohen Ranges, wie sich in Ihrem Buch
die politische und theologische Kiihnheit die Wage halten.
Die eschatologischen Spekulationen des SchluBabschnitts sind
echte Theologie, wie man ihr heute wohl nicht mehr oft
begegnet. (Ich habe bei der Lektiire Ihres Buches bedauert,
Barth nicht zu kennen, um mir von dem Verhaltnis Ihrer
Denkweise zur dialektischen Theologie Rechenschaft geben
zu konnen. Mein Gefiihl sagt mir, daB die Opposition fast
durchgehend sein muB.) Wenn ich den theologischen Ent-
wicklungen gegeniiber mich mit der aufmerksamen Rezep-
tion begniigen muB, so ist mein Anteil an den politischen
Intentionen Ihres Buches natiirlich ein sehr spontaner. Ihren
Ausfiihrungen iiber die Unzuliinglichkeit der privaten Heili-
gung gebe ich auf dem Wege zu Ihrer Leserschaft meinen
herzlichen Reisesegen. Die unmittelbar politischen Dar-
legungen scheinen mir nicht alle von Problematik frei und
besonders in der Stelle iiber die franzosische Revolution
scheint mir eine zu gewagte Abbreviatur zu stecken. Ich
wenigstens zweifle, ob man die GroB bourgeoisie wirklich als
die urspriinglicheMandantinderBewegung bezeichnen kann.
DaB der Vertrieb des Buches nicht scfton auf Grund der
Bemerkung iiber das Volk - ich meine die ausgezeichnete
Alternative auf p 41 - ist unterbunden worden, dahinter ist
man beinah versucht, eine Sabotage bei der Zensurbehorde
zu wittern. (Solche Mbglichkeiten sind nicht unbedingt aus-
geschlossen.) Der Exkurs iiber die mit Heuchelei erkaufte
„Sicherheit" und das „immer weiter mitgerissen werden" ist
etwas mehr getarnt aber nicht minder eindrucksvoll.
Ich habe Lion auf Grund meiner Lektiire noch einmal an
816
Ihr Buch erinnert und mochte annehmen, daB die Sache auf
gutem Wege ist. In der nachsten Nummer von „MaB und
Wert" finden Sie von mir einen (anonymen) Aufsatz iiber die
Dramaturgie von Brecht2.
Die erbetenen Photographien werden inzwischen in Ihren
Handen sein.
Ich schlieBe mit den herzlichsten GriiBen
Ihr Walter Benjamin
PS Bedeutet es einen negativen Bescheid, daB ich iiber das
Buch von Munch bisher nichts vernahm ?
1 „Am Ziel der Zeiten?", 1939.
2 „Was ist das epische Theater?". Jetat Schriften II, S. 259-267.
31 5 An Bernard Brentano
Paris, 16. Juni 1939
Lieber Brentano,
Ihr schoner Satz „sagen lassen sich die Menschen nichts, aber
erzahlen lassen sie sich alles" bringt mich darauf, Ihnen als
Gegengabe fur den schbnen Auswahlband eine kleine Be-
trachtung iiber den Erzahler zu schicken. Ich habe sie vor
ein paar Jahren veroff entlicht ; sie wird Ihnen schwerlich
untergekommen sein.
Kellers Gedichte liebe ich sehr, und seit jeher!
Lassen Sie sich wieder einmal ausfuhrlicher vernehmen?
Die freundlichsten GriiBe Ihr Walter Benjamin
817
316 An Margarete Steffin
[Juni 1959?]
Liebe Grete,
seit vierzehn Tagen bin ich aus meiner burgundischen
Cistercienserabtei zuriick. Der Aufenthalt dort, so nutzlich er
mir dairk der wundervollen Bibliothek gewesen ist, war von
diesem Gewinn abgesehen, im buchstab lichen und jedem
andern Sinn verregnet. Es waren zudem keine Leute da, an
die man sich halten konnte. Oder sollte es welche gegeben
haben, so kamen sie infolge der Atmosphare nicht zur Gel-
tung. Dieses letzte diirfte bei einer Frau Stenbock-Fermor
der Fall gewesen sein. Brecht wird sich des Namens von
ihrem Mann her vielleicht entsinnen. Er hat kurz vor Hitler
eine kommunistische Reportage iiber die Lebensverhaltnisse
der Bergarbeiter verbffentlicht1.
In der Gegend der Abtei waren zwei Dutzend spanische
Legionare einquartiert. Ich hatte mit ihnen keine Fuhlung;
aber die Frau Stenbock-Fermor hielt Kurse bei ihnen ab. Da
sie sich sehr fur Brechts Sachen interessierte, so habe ich ihr
nach meiner Riickkunft „Furcht und Zittern" 2 [sic] auf ein
paar Tage geschickt und sie hat den spanischen Brigadiers
(es waren meist Deutsche und Osterreicher) daraus vorge-
lesen. „Den groBten Eindruck" schreibt sie mir „machte auf
sie das Kreidekreuz, der Entlassene, Arbeitsdienst und Stunde
des Arbeiters und alles wurde echt und einfach empfunden."
Wenn Sie diese Zeilen erhalten, werden Sie wohl schon
wissen — denn Stockholm wird doch literarisch besser als
Svendborg versorgt sein - daB in den Juni-Nummern der
Nouvelle Revue Francaise Stiicke aus dem Zyklus in der
Ubersetzung von Pierre Abraham erschienen sind; im Gan-
zen wohl sechs oder sieben. Ich konnte bisher nur eben auf
der Bibliothek hineinsehen. Mir scheint die Ubersetzung
recht gut gelungen. Die Nouvelle Revue Francaise macht
eine kurze einfaltige FuBnote. Brecht sei der Dichter der
opera de quatre sous und der sept p^ches capitaux.
Jetzt noch ein Wort zu meinen Gedichtkommentaren3. Sie
818
werden ganz und gar nicht in „MaB und Wert" erscheinen;
vielmehr habe ich fiir diese Zeitschrift sogleich nachdem Sie
mir die Nachricht von dem Verschwinden des „Wortes" ge-
geben hatten, einen neuen Essay iiber die Dramaturgie von
Brecbt gescbrieben4. Er diirfte in ganz kurzer Zeit erschei-
nen. Was die Kommentare angeht, so liegt mir natiirlich
daran, daB sie erscheinen sehr. Konnte mir Brecht den Ge-
f alien erweisen, sie von sich aus an die Internationale Lite-
ratur zu sen den, so ware mir das sehr lieb. Ich denke nicht
so sehr daran, daB er dies als Verfasser der im Kommentar
behandelten Gedichte tate denn im Namen der Redaktion
des Wort bei deren Manuscripten sich mein Aufsatz befindet.
(Ich spreche figiirlich, denn ich habe kein Manuscript an
Erpenbeck sondern nur eines an Sie gesandt.) Wie dem auch
sei, Brecht steht in Verbindung mit der Internationalen
Literatur und mir fehlt sie. Fiir Brecht ist es, denke ich, ein
Leichtes, anzufragen, ob solche Kommentare die Leute inter-
essieren. Wenn er sie dann nicht selbst einsenden will, so
kann er die Redaktion doch gewiB veranlassen, sie von mir
anzufordern. Wenn jetzt der Gedichtband erscheint5, so er-
leichtert das alles, wahrend mir eine Initiative aus eignen
Stiicken bei der Internationalen Literatur recht schwer fallt.
Bitte schreiben Sie mir dariiber.
Vom Baudelaire ist derzeit leider nichts zu berichten. Die
Newyorker haben eine Umarbeitung verlangt. Das Manu-
script lage in umgearbeiteter Gestalt, von der ich glaube, daB
sie entscheidende Verb ess erungen mit sich fuhrt, wahrschein-
lich langst fertig vor, wenn meine Arbeitsbedingungen nicht
so unbeschreiblich ungiinstig waren. Ich bin garnicht iiber-
maBig larmempfindlich, aber ich muB standi g unter Bedin-
gungen existieren, in denen ein wirklich larmempfindlicher
Mensch in Jahren auch nicht eine Zeile aufs Papier brachte.
Jetzt im Sommer, wo ich mich auf meiner Terrasse auf einige
Zeit vorm Getose des Fahrstuhls sichern konnte, hat sich auf
einem ihr gegenuberliegenden Balkon (und Gott weiB wie
schmal die StraBe ist) ein Nichtsnutz von Maler etabliert, der
den ganzen Tag vor sich hinpfeift. Ich sitze oft mit Wagen-
ladungen von Beton, Paraffin, Wachs usw. in den Ohren da,
819
aber es hilft nichts. Soviel also vom Baudelaire, der freilich
nun unbedingt vorwarts kommen muf3.
Wie immer, wenn eine Arbeit sehr dringlich wird, habe
ich Allotria vorgenommen. Ich habe zur 150-Jahr-Feier der
franzosischen Revolution eine kleine Montage — ganz in der
Art meines Briefbuches — gemacht, die die Wirkung der
franzosischen Revolution auf die zeitgenossischen deutschen
Schriftsteller und auch noch auf eine spatere Generation, bis
1830, zeigen soil. Dabei bin ich wieder auf einige jener Tat-
bestande geraten, die von der deutschen Literaturgeschichte
durch hundert Jahre planmaflig verschleiert wurden. Stellen
Sie sich mein Erstaunen vor als ich, bei genauer Lektiire f est-
stellte, daB von den beiden Banden Oden, die es von Klop-
stock gibt, der zweite, der die spat era entha.lt, sich in einem
Fiinftel samtlicher Stiicke mit der franzosischen Revolution
beschaftigt.
Ich komme wenig unter Leute; wenn ich schon nicht
schreibe, so geht doch der Tag liber den Versuchen dazu hin.
So habe ich auch Dudow lange nicht gesehen; horte aber
gestern von Kracauer, daB es ihm nicht gut geht.
Schrieb ich Ihnen, daB ich das Geheimnis der Tabakpack-
chen ergriindet zu haben glaube? Sie diirfen nicht verschnurt
sein. Dagegen passieren sie als Muster ohne Wert wenn Sie
sie im Kuvert (mit einer Stift-Klammer) schicken. Wollen
Sie es wieder einmal versuchen? Ich wiirde mich damit
freuen.
Lernen Sie brav schwedisch? Schreiben Sie bald! Mit herz-
lichem GruB an Sie und Brecht
Ihr Walter Benjamin
PS Karl Kraus ist denn doch zu friih gestorben. Horen Sie:
die Wiener Gasanstalt hat die Belieferung der Juden mit
Gas eingestellt. Der Gasverbrauch der judischen Bevolkerung
brachte fur die Gasgesellschaft Verluste mit sich, da gerade
die groBten Konsumenten ihre Rechnungen nicht beglichen.
Die Juden benutzten das Gas vorzugsweise zum Zweck des
Selbstmords.
PPS Ich habe jetzt die „Versuche" vollstandig bis 15/16 -
mir fehlt nur das Heft mit dem „DreigroschenprozeB" etc.
820
Konnten Sie mir das von Brecht erschnappen?? Und konnten
Sie mir sagen, ob es einen Druck der „Spitzkopfe" in den
„Versuchen" gibt6? Uberhaupt, was nach 15/16 erschienen?
i Alexander Graf Stenbock-Fermor, „Meine Erlebnisse als Bergarbei-
ter", 1929.
2 „Furcht und Elend desDrittenReiches". Damals nur hands cbriftlich
bekannt.
3 Erst postum veroffentlicht, „Schriften" II, 351-572.
4 „Was ist das epische Theater?".
5 „Svendborger Gedichte", London 1939.
6 „Versuche" Heft 8 (Versuche 17); 1933 bereits gesetzt, wurde aber
nicht mehr gedruckt und ausgeliefert.
317 An Gretel Adorno
Paris, 26. Juni 1939
Liebe Felizitasr
heute will ich zum „geliebten Deutsch" zuriickkeliren. Wenn
aber mein Brief aus Pontigny ein eigentliches Verlangen
nach demFranzosischen inDir zuriickgelassen hat, so wurdest
Du mir eine Freude machen, wenn Du zu guter Stunde ein
Exemplar der fleurs du mal aufschlugest, Dich mit meinen
Augen darinnen umsahest. Da meine Gedanken nun Tag und
Nacht an diesen Text fixiert sind, so wiirden wir einander
gewiB begegnen.
Was nun den Niederschlag dieser Gedanken angeht, so
wirst Du nicht leicht den Baudelaire vom vorigen Sommer in
ihnen wiederfinden. Das Flaneurkapitel — es ist ja dessen
Ausarbeitung allein, die mich beschaftigt - wird in der neuen
Fassung entscheidende Motive der Reproduktionsarbeit und
des Erzahlers, vereint mit solchen der Passagen zu integrie-
ren such en. Bei keiner fruhern Arbeit bin ich mir in dem
Grad des Fluchtpunkts gewiBgewesen, auf welch em (wie mir
nun scheint: seit jeher) meine samtlichen und von divergen-
testen Punkten ausgehenden Reflexionen zusammenlaufen.
821
Ich habe es mir nicht zweimal sagen lass en, dafi Ihr es audi
mit den extremsten meiner dem alten Fond entstammenden
Uberlegungen zu versuchen entschlossen seid. Eine Ein-
schrankung bleibt natiirlich: es ist immer nur der Flaneur,
nicht der Gesamtkomplex des Baudelaire, mit dem Ihr es zu-
nachst werdet zu tun haben. Auch ohnedies wird dieses Kapi-
tel weit iiber den Umfang des vorjahrigen „Flaneurs" hin-
ausgehen. Da es jedoch nun seinerseits in drei von einander
abgehobene Teile zerfallen wird - die Passagen, die Menge,
der Typ — so wird das die redaktionelle Bewaltigung des Tex-
tes wohl erleichtern. Ich bin von der Abfassung der Rein-
schrift noch weit entfernt. Aber die Epoche der langsamen
Ausarbeitung liegt hinter mir und es vergeht kein Tag ohne
Niederschrift.
Vor kurzem habe ich zu meiner Freude die Fahnen von
meiner Rezension des tome XVI der Encyclop^die' francaise
bekommen1. Bei dieser Gelegenheit ist mir wieder das allsei-
tige Schweigen aufs Herz gefallen, dem meine Besprechung
von Sternbergers „ Panorama" 2 begegnet ist. Nicht einmal
Du hast es gebrochen als Du mir letzthin iiber das Buch selbst
schriebst. (Die schone Photp-Sammlung von Allan Bott kenne
ich.) Ich hatte gedacht, dafi mein Referat, ganz abgesehen
von seiner kritischen Ausrichtung, in den Betrachtungen
etwas Neues sagt, die der Struktur des „Genre" gewidmet
sind. Willst Du mir dazu nicht etwas schreiben?
Einen kleinen literarischen Sieg verzeichne ich. Es ist zehn
Jahre her, dafi ich auf Veranlassung der Frankfurter Zei-
tung einen Aufsatz „Was ist das epische Theater?" schrieb.
Er wurde damals, nachdem die Fahnen (die ich noch besitze)
bereits gedruckt waren, auf ein Ultimatum von Diebold
durch Gubler zuriickgezogen. Jetzt habe ich ihn, mit gering-
fiigigen Anderungen in „MaB und Wert", die eine Debatte
iiber Brecht eroffnen, untergebracht. Du findest ihn in der
nachsten Nummer.
Meine Sommerplane, nach denen Du Dich erkundigst, sind
der Frage untergeordnet, wann mit Schapiros3 Kommen zu
rechnen ist. Oder ist es ein langer Auf enthalt, den er in Paris
zu nehmenbeabsichtigt? Dann ware die Chance, ihn zu sehen,
822
in jedem Fall gegeben. — Ich werde dieses Jahr Frankreich
nicht verlassen und auch Paris keinesf alls bevor die Rohschrift
des „Flaneurs" vollig beendet ist.
Ob nun mein Geburtstagswunsch noch zurecht kommt?
In Wahrheit bin ich nicht weit entfernt, die Abschrift der
Reproduktionsarbeit als diesen anzusehen. Damit Du aber
nicht denkst, daB fur diese ein Termin gelte, will ich auch
auf ein Biichlein verwiesen haben. Ich denke, Du machst mir
eine Freude, wenn Du mir das letzte Buch von Robert Drey-
fus schenkst, der eben gestorben ist. Er war ein alter Freund
von Proust; betitelt hat er es „De Monsieur Thiers a Proust"
und es stehen viele Geschichten von Madame Straus darin,
welche ich mich Euch zu berichten gem verpflichte.
Das Bild von Picasso, nach dem Du fragst, habe ich nicht
gesehen.
GruBe den Teddie herzlich und sei zart und schon gegniBt
von Deinem Detlef
1 Die Rezension ist nicht erschienen, aber als Manuskript erhalten.
2 Auch diese - vorhandene - Rezension ist bisher unverbffentlicht
3 Meyer Schapiro, Professor fur Kunstgeschichte an der Columbia
University in New York.
318 An Theodor W. Adorno
Paris, 6. August 1939.
Lieber Teddie,
ich denke Sie mit Felicitas in den Ferien. Vermutlich werden
Ihnen diese Zeilen mit einiger Verspatung zukommen, und
das wird dem Baudelaire-Manuscript, das vor einer Woche
an Max abging1, Zeit geben, sie einzuholen.
Seien Sie mir im iibrigen nicht bbse, wenn diese Zeilen
mehr einem Stichwort-Register als einem Brief ahnlich sehen
sollten. Nach der wochenlangen rigorosenKlausur, die fiir die
Fertigstellung des Baudelaire-Kapitels Bedingung war, und
823
unter der Einwirkung des greulichsten Klimas bin ich unge-
wohnlich abgekampft. Aber das soil mich nicht hindern,
Ihnen und Felicitas zu sagen, wie sehr auch ich mich iiber
die Aussicht auf ein Wiedersehen freue. (Ich darf nicht ganz
aus dem Auge verlieren, daB zwischen dieser Aussicht und
der Verwirklichung noch Schwierigkeiten zu iiberwinden sein
werden. Wegen des Verkaufs meines Bildes von Klee habe
ich Morgenroth geschrieben ; wenn Ihr ihn seht, vergeBt nicht
danach zu fragen.)
So wenig das neue Baudelaire-Kapitel noch als eine >Um-
arbeitung< eines der Ihnen bekannten gelten kann, so merk-
lich wird Ihnen, denke ich, die Auswirkung unserer Korre-
spondenz iiber den Baudelaire vom vorigen Sommer. darin
geworden sein. Vor allemhabe ich es mir nicht zweimal sagen
lassen, wie gern Sie den panoramatischen Uberblick iiber
die Stoffkreise fiir eine genauere Vergegenwartigung der
theoretischen Armatur in Kauf gaben. Und wie Sie bereit
seien, die Kletterpartie zu absolvieren, die die Besichtigung
der hoher gelegenen Partien dieser Armatur mit sich bringt.
Was das oben erwahnte Stichwort-Register angeht, so be-
steht es in dem Verzeichnis der vielen und weitschichtigen
Motive, die in dem neuen Kapitel, (verglichen mit dem ihm
entsprechenden Flaneur-Kapitel vom vorigen Sommer) fort-
geblieben sind. Diese Motive sind natiirlich nicht aus dem
Gesamtkomplex des Baudelaire zu eliminieren; es sind ihnen
vielmehr an ihrem Ort eingehende interpretative Entwick-
lungen zugedacht.
Die Motive der Passage, des noctambulisme, des Feuille-
tons, sowie die theoretische Einfuhrung des Begriffs der
Phantasmagorie sind dem ersten Abschnitt des zweiten Teils
vorbehalten. Das Motiv der Spur, des Typs, der Einfuhlung
in die Warenseele sind dem dritten Abschnitt zugedacht. Der
jetzt vorliegende mittlere Abschnitt des zweiten Teils wird
erst zusammen mit dessen erstem und dritten Abschnitt die
vollstandige Figur des „Flaneurs" stellen.
Den Bedenken, die Sie im Brief vom 1. Februar gegen das
Zitat von Engels und das von Simmel formulierten, habe ich
Rechnung getragen; freilich nicht durch deren Streichung.
824
Was mir an dem Zitat von Engels so wichtig ist, habe ich
diesmal angegeben. Ihr Einwand gegen das Simmel- Zitat
schien mir von vornherein begriindet. Es hat in dem jetzigen
Text durch den veranderten Stellenwert eine minder an-
spruchsvolle Funktion iibernommen.
Uber die Aussicht, den Text im nachsten Heft zu finden,
bin ich sehr froh. Ich schrieb Max, wie sehr ich mich bemuht
habe, alles Fragmentarische von dem Aufsatz fernzuhalten
,und dabei die vorgesehenen Grenzen des Umfangs strikt ein-
zuhalten. Ich ware gliicklich, wenn ihm keine einschneiden-
den Veranderungen (pour tout dire : Streichungen) zugedacht
werden wiirden.
Ich lasse meinen christlichen Baudelaire von lauter jiidi-
schen Engeln in den Himmel heben. Es sind aber die Anstal-
ten schon getroffen, daB sie ihn im letzten Drittel der Him-
melfahrt, kurz vor dem Eingang in die Glorie, wie von
ungefahr fallen lassen.
Zum Schlufi will ich Ihnen, lieber Teddie, dafiir danken,
daB Sie zu dem festlichen Heft, dem wir entgegengehen, mei-
nen Jochmann2 eingeladen haben.
Schone Ferien und eine angenehme Heimkunft Ihnen und
Felicitas wtinscht
Ihr Walter
Ein besonderes Wort des Dankes, liebe Felicitas, fur das
Buch von [Robert] Dreyfus3 und die Zeilen, die es ankiindig-
ten und begleiteten. Ich denke viel an Euch.
1 Diese Fas sung der Baudelairearbeit wurde in der Zeitschrift fur
Sozialforschung veroffentlicht; sie findet sich jetzt Schriften I, S. 426
bis 472.
2 Benjamin: Einleitung zu Carl Gustav Jochmann: Die Riickschritte
der Poesie, in: Zeitschrift fur Sozialforschung 8 (1939), S. 92-103.
3 Robert Dreyfus, De Monsieur Thiers a Proust.
825
319 An Bernard Brentano
[Sommer 1939]
Lieber Brentano,
ichbin vor kurzem gliicklich wieder indenBesitzIhresBuchs1
gekommen und habe es in achtundvierzig Stunden gelesen.
Bei mir, der ich drei Wochen zu eiriem Kriminalroman brau-
che, ein seltenes Vorkommnis. Aber Ihr Buch ist fascinierend.
Zum ersten Male fand ich ein mir nachstgelegnes Sujet be-
handelt: die historischen Konditionen der Liebe, ihre ge-
schichtlichen Tag- und Jahreszeiten.
Mit der Gestalt der Grafin Orloff ist Ihnen ein grofier
Wurf gegliickt: Sie haben eine Frau auf den Plan gerufen, in
deren Liebe die Jahre nicht mehr Gewicht haben als die Tage
in den kurzlebigen Neigungen unsererZeitgenossen. Ich habe
eine Frau von dieser Art, die zwanzig Jahre alter war als ich
und moglicherweise noch am Leben ist, gut gekannt. (Aus
dieser Kenntnis heraus meine ich, daB die Grafin geradezu
pradestiniert zum Goethekultus ist. Sie hatte, wie die Figur,
an die ich denke, von sich sagen konnen: ich habe meinen
Christian Vulpius geheiratet.) Die glucklichste Formel dieser
archaischen Liebe, der die Zeit des Wartens auch die des
Wachstums ist, habe ich immer im „Unverhofften Wieder -
sehen" von Johann Peter Hebel gefunden,
Bei aller Niichternheit der Darstellung, bei fast volliger
Enthaltung von aller Schilderung umgeben Sie den Leser
doch mit der Luft der Hauptstadt. Der Salon, dessen Fenster
auf die Corneliusbriicke hinausgehen, [ist] eine Vignette, die
einem ganzen Kapitel berliner Daseins die Stimmung gibt.
Auf dem Fond der historischen Verhaltnisse wie sie in das
Verhaltnis zwischen Mann und Frau eingreifen, erscheinen
die Abwandlungen der Regierungsformen wie Falten, die
das, was auf einem Gobelin eingewebt ist, nicht beeintrach-
tigen. (Ich denke, Ihre beilaufigen Anspielungen auf das neue
Regime beinhalten zugleichdie scharfstenVerurteilungender
weimarer Republik, die sich denken laBt.)
Haben Sie nochmals - und nun erst en pleine connaissance
826
de cause — Dank fur das ausgezeichnete Buch. Ich hoffe, daB
ihm die Ubersetzung ins Franzosische — bei Grasset? - bald
folgen wird.
Sie werden in diesen Tagen zwei Arbeiten von mir erhal-
ten. Der „ Baudelaire" ist eine erste Publikation, der andere
iiber den Dichter folgen werden, wenn die Umstande es er-
moglichen. — In
[SchluB fehlt]
1 Die ewigen Gefuhle. Amsterdam 1959, jetzt: Darmstadt 1965.
320 An Adrienne Monnier x
Camp des travailleurs volontaires
Clos St. Joseph Nevers (Nievre)
21 Septembre 1939
Chere Mademoiselle Monnier,
Peut-etre votre concierge vous a-t-elle dit que je suis passe*
samedi — huit jours avant la declaration de guerre - chez vous
pour vous dire au revoir. Par malchance, vous etiez absente.
Nous tous, nous nous trouvons f rappes avec la meme vigueur
par l'horrible catastrophe. Esperons que les temoins et les
temoignages de la civilisation europeenne et de l'esprit fran-
cais survivent a la fureur sanglante d'Hitler.
Je serais infiniment heureux d'avoir un mot de votre part.
Mon adresse : Camp des travailleurs volontaires, groupement
6 Clos St. Joseph NEVERS (Nievre)
Je me porte passablement. La nourriture est tres large.
Nous attendons avec impatience d'etre fixes sur notre sort.
Les hommes valides s'empressent de souscrire leur engage-
ment militaire. Je voudrais absolument servir notre cause au
mieux de mes forces. Quant a mes forces physiques elles ne
valent rien. Je me suis affaisse au cours de la marche qui nous
a conduit de Nevers a notre camp. Les medecins du cantonne-
ment m'ont mis „au repos".
827
J'ai sur moi les temoignages de Valery et de Romains.
Mais je n'ai pas encore eu l'occasion de les produire. Un
temoignage semblable mais de date recente et plus approprie
a. la situation ou je me trouve, pourrait probab lenient me
rendre le plus grand service.
Je termine par les voeux les plus ardents pour votre sauve-
garde et la sauvegarde de tous les hommes et toutes les valeurs
qui vous tiennent a cceur.
Croyez, chere Mademoiselle Monnier, a mon attachement
indefectible.
Walter Benjamin.
PS: - Si vous en avez l'occasion, communiquez mon adresse
a Gisele [Freund], et dites-moi la sienne.
1 Im Interniemngslager, im bedrohten Paris und auf der Flucht vor
den deutschen Truppen geschxieben, sind die franzosischen Briefe
nach Kriegsausbruch als document numain des Emigrant en unkorri-
giert abgedruckt.
321 An Gretel Adorno
Clos Saint- Joseph Nevers (Nievre) 12. 10. 1959
Camp des travailleurs volontaires
Ma tres chere,
j'ai fait cette nuit sur la paille un reve d'une beaute telle que
je ne resiste pas a l'envie de le raconter a toi. II y a si peu de
choses belles, voire agreables, dont je puis t'entretenir. — C'est
un des reves comme j'en ai peut-etre tous les cinq ans et qui
sont brodes autour du motif „lire". Teddie se souviendra du
role tenu par ce motif dans mes reflexions sur la connaissance.
La phrase que j'ai distinctement prononce vers la fin de ce
reve se trouvait etre en francais. Raison double de te faire ce
r^cit dans la meme langue. Le docteur Dausse qui m'accom-
pagne dans ce reve est un ami qui m'a soigne au cours de mon
paludisme.
828
Je me trouvais avec Dausse en compagnie de plusieurs per-
sonnes dont je ne me souviens pas. A un moment donne nous
quittames cette compagnie, Dausse et moi. Apres nous etre
^cartes des autres, nous nous trouvions dans une fouille. Je
m'appercus que, presque a meme le sol, s'y trouvait un drole
genre de couches. Elles avaient la forme et la longueur des
sarcophages; aussi semblaient elles etre en pierre. Mais en
m'y agenouillant a demie, j'appercus qu'on s'y enfoncait
mollement comme dans un lit. Elles etaient couvertes de
mousse et de lierre. Je vis que ces couches etaient distributes
deux a. deux. A l'instant ou je pensai m'etendre sur celle qui
voisinait avec une couche qui me semblait destinee a Dausse,
je me rendis compte que le chevet de cette couche etait deja
occupe par d'autres personnes. Nous reprimes done notre
chemin. L'endroit ressemblait toujours a une foret; mais il y
avait dans la distribution des futs et des branches quelque
chose d'artificiel qui donnait a cette partie du decor une vague
ressemblance avec une construction nautique. En longeant
quelques poutres et en traversant quelques marches en bois
nous nous trouvames sur une sorte de pont de navire minus-
cule, une petite terrasse en planches. G'etait la que se trou-
vaient les femmes avec lesquelles vivait Dausse. Elles etaient
au nombre de trois ou quatre et me paraissaient d'une grande
beaute. La premiere chose qui m'^tonnait fut que Dausse ne
me presenta pas. Cela ne me gena pas plus que la decouverte
que je fis a Tinstant ou je deposai mon chapeau sur un piano
a queue. C'^tait un vieux chapeau de paille, un „panama"
dont j'avais herite de mon pere. (II n'existe plus depuis long-
temps.) Je fus frappe, en m'en debarrassant, qu'une large
fente avait ete appliquee dans la partie superieure de ce
chapeau. Au surplus les bords de cette fente presentaient des
traces de couleur rouge. — On m'approcha un siege. Cela ne
m'empecha pas d'en apporter un autre, moi aussi que je
plagais un peu a l'ecart de la table ou tout le monde etait assis.
Je ne m'asseyais pas. Une des dames s'etait entre temps occu-
pee de graphologie. Je vis qu'elle avait en main quelque chose
qui avait ete ecrit par moi et que Dausse lui avait donne. Je
m'inquietais un peu de cette expertise, craignant que certains
829
de mes traits intimes ne fussent ainsi deceles. Je m'approchais.
Ce que je vis etait une etoffe qui etait couverte d'images et
dont les seules elements graphiques que je pus distinguer
etaient les parties superieures de la lettre d dont les lon-
gueurs effilees decelaient une aspiration extreme vers la
spiritualite. Cette partie de la lettre etait au surplus munie
d'une petite voile a bordure bleue et la voile se gonflait sur le
dessin comme si elle se trouvait sous* la brise. C'etait la la
seule chose que je pus „lire" - le reste off rait des motifs
indistincts de vagues et de nuages. La conversation tourna un
moment autour de cette ecriture. Je ne me souviens pas des
opinions avancees; en revanche je sais tres bien qu'a un mo-
ment donne je disais textuellement ceci: „I1 s'agissait de
changer en fichu une poesie." (Es handelte sich -darum, aus
einem Gedicht ein Halstuch zu machen.) J'avais a. peine
prononce ces mots qu'il se passa quelque chose d'intriguant.
Je m'appercus qu'il y avait parmi les femmes une, tres belle,
qui etait couchee dans un lit. En entendant mon expli-
cation elle eut un mouvement bref comme un eclair. Elle
ecarta un tout petit bout de la couverture qui 1'abritait dans
son lit. C'etait en moins d'une seconde qu'elle avait accompli
ce geste. Et ce ne fut pas pour me faire voir son corps, mais
le dessin de son drap de lit qui devait offrir une imagerie ana-
logue a celle que j'avais du „ecrire", il y a bien des annees,
pour en faire cadeau a Dausse. Je sus tres bien que la dame
fit ce mouvement. Mais ce qui m'en avait informe, etait
une sorte de vision supplemeritaire. Car quant aux yeux de
mon corps, ils etaient ailleurs et je ne distinguais nullement
ce que pouvait offrir le drap de lit qui s'etait fugitivement
ouvert pour moi.
Apres avoir fait ce reve, je ne pouvais pas me rendormir
pendant des heures. C'etait de bonheur. Et c'est pour te faire
partager ces heures que je t'ecris.
Rien de neuf. Pas de decision a notre sujet, jusqu'a present.
On annonce 1'arrivee d'une „ commission de triage" - mais
on ne sait pour quand. Ma sante est mediocre; le temps plu-
vieux n'est pas fait pour l'ameliorer. D'argent, point; on n'a
pas le droit de toucher des sommes au dela de vingt francs.
830
Vos lettres me seraient (Tun grand reconfort. [. . .] Quant a
mes affaires parisiennes, une amie francaise s'en occupe, avec
l'aide de ma soeur.
A part vos lettres vous ne pourrez pas m'offrir de plaisir
plus grand que de me communiquer les epreuves (ou le manu-
scrit) du „Baudelaire".
Si tu trouves des fautes dans cette lettre il faudra que tu
m'excuses. Elle est ecrite dans ce vacarme perpetuel, qui
m'entoure depuis plus d'un mois.
Ai-je besoin d'ajouter que je suis impatient de me rendre
plus utile a mes amis et aux adversaires d' Hitler que je puis
l'etre dans ma condition actuelle. Je ne cesse d'en esperer le
changement et je suis sur que vous joigniez vos efforts et vos
voeux aux miennes. Mes souvenirs les plus sinceres a tous les
amis. Je t'embrasse
Detlef
322 An Gisele Freund
Nevers (Nievre), 2. Nov. 1939
Chere amie,
Je supposais votre rentree d'apres quelques mots de la part de
Sylvia1. Ma joie de la voir confirmee n'en a pas ete moins
grande. Les quelques lettres qui portent un accent comme
vous en avez su le donner a la votre me valent, ici, les seuls
moments heureux. Et, dans les ci-rconstances actuelles, bon-
heur, pour moi, egale espoir.
Je voudrais que vous soyez entierement retabli en lisant
ces lignes. Vos nouvelles d'Angleterre — je veux dire celles
dont vous me faites part dans votre derniere lettre, car je
n'ai pas recu de message anterieur - m'ont interesse au plus
haut point. Quant au traitement des refugies, j'en etais in-
forme; votre tableau de Londres, par contre, offrait des traits
tout a fait inattendus et poignants. Ce que je regrette beau-
coup, c'est que vous n'avez pu attendre la „seance" que le
831
gouvernement devait vous accorder pour faire prendre son
image par vos soins. Esperons que l'occasion se presentera
plus tard.
Lorsque j'ai recu votre lettre la bonne nouvelle que m'en
rapporte le post-scriptumm'etait deja parvenue par Adrienne
[Monnier]. II y a deux jours que je lui ai ecrit pour la remer-
cier de tout coeur. Entre temps j'ai appris que le Pen Club
doit connaitre les details de ma situation du fait que Her-
mann Kesten a ete libere. Kesten se trouvait dans un camp a
proximite du mien. Nos relations, originairement de pure
courtoisie, ont ete empreintes d'assez de loyaute depuis co-
lombe. Nous nous sommes revus deux ou trois f ois, ici meme.
On m'apprend que Kesten a ete loge, des son retour, a la
maison d'accueil du Pen Club et qu'il y a vu Jules Romains.
Quant aux temoignages de loyalisme que vous m'engagez
de demander de la part de mes amis, je m'en occupe dans la
lettre a Adrienne. Elle vous fera voir cet endroit. J'y men-
tionne un temoignage splendide de [Paul] Desjardins. II y
profess e „la plus grande admiration" pour mes travaux (il y
nomme meme le „Baudelaire"); il y professe en plus une
estime profonde pour mon „ invincible attach ement aux idees
liberales et democratiques" pour lesquelles la France est
entree en lutte. [. . .] Je n'ai pas besoin de vous dire combien
quelques lignes d' Adrienne elle-meme me seraient precieuses.
Toutefois je ne puis croire qu'un dossier en ce genre (que je
chercherai a rassembler) soit suffisant. C'est, parait-il,a Paris,
c'est devant une commission interministerielle que les diffe-
rents cas seront traitds a fond. Voila pourquoi tous mes espoirs
se sont attaches a la demarche qu' Adrienne vient de faire. Et
voila pourquoi je voudrais, avec son assentiment, m'adresser
par quelques lignes a Benjamin Cremieux2. Peut-etre y
aurait-il quelque utilite a lui indiquer que je n'ai pas seule-
ment ete le traducteur de Proust mais le premier qui se soit
employe a faire connaitre en Allemagne un [Julien] Green,
un [Marcel] Jouhandeau, un de ceux qui, la-bas, ont prone,
durant des annees Foeuvre d'un Gide, d'un Valery. Si vous
etes d'accord, Adrienne et vous, vous me ferez plaisir en me
communiquant Tadresse de Benjamin Cremieux.
832
Je n'ai pas besoin de vous dire que, pour les „ Jeunes Filles"
de Montherlant, j'abonde en votre sens. Quant a moi, je ne
me suis remis a lire que tout recemment. A present je lis les
Confessions de Rousseau qui me charment profondement.
Pour les echecs, vous avez devine juste.
Je suis navre de n'avoir pas pu corriger les epreuves du
„ Baudelaire". J'avais decide d'y apporter des retouches qui
auraient fait disparaitre quelques scories. Je ne sais si le texte
est deja sorti. De toute facon vous allez l'obtenir et il faut que
vous m'ecriviez ce que vous en pensez.
Ne soyez pas parcimonieuse de vos nouvelles. Songez que
le nombre de mes joies est des plus reduit et que votre ecriture
m'en annonce. Tous mes souvenirs a Adrienne et a Helen.
Tres amicalement a vous.
Walter Benjamin
1 Sylvia Beach, Eigentiimerin der Buchhandlung „Shakespeare et
Compagnie", Verlegerin von Joyce.
2 Franzbsischer Literaturkritiker, Tiber setzer Pirandellos ; B. veroffent-
lichte ein Interview mit Cremieux in der Literarischen Welt vom 2.12.
1927 (Jg. 3, Nr.48), S. 1.
323 An Max Horkheimer
Paris, le 30 novembre 1939
Cher Monsieur Horkheimer,
enfin, je puis done vous donner un signe de vie. Je ne sais ce
que nous aurons encore a traverser, et si des choses a. venir ne
vont pas f aire palir en moi le souvenir des semaines passees.
N'empeche que, pour l'instant, je suis heureux de les voir
revolues. Vous imaginez facilement que ce qu'il y avait en
elles de plus penible, e'etait le d^sarroi moral dans lequel on
se voyait plonge sinon soi-meme, au moins les voisins et les
camarades. Si moi-meme, j'ai pu, dans la plupart des cas,
echapper a un tel desarroi, e'est en premier lieu a vous que
j 'en suis redevable, et je ne parle non seulement de votre
sollicitude pour ma personne, mais de votre solidarite envers
833
mon travail. L'appui que m'a donne la facon dont vous avez
accueilli le „Baudelaire", m'a ete hors prix. Vous devez
1'avoir compris par une lettre a Madame Adorno et aussi par
mon telegramme recent qui a ete retarde par des formalites.
Quant a ma liberation, il n'etait pas facile du tout a y
arriver. S'il n'est pas rare de quitter le camp pour cause de
maladie ou autre, il n'est pas frequent de pouvoir le quitter
par la grande porte, a savoir par .une decision de la commis-
sion interministerielle. C'est la mon cas et cela equivaut a
une reconnaissance de loyalisme absolu de la part de l'admi-
nistration franchise. Si j'avais fini par sortir du camp d'une
facon ou d'une autre, fen suis toutefois redevable a Adrienne
Monnier de 1'avoir quitte parmi les tout premiers dont ce
comite ait examine le dossier. Elle a ete inlassable et d'une
determination absolue. Suivant un ordre de Jules Romains, le
Pen- Club s'est egalement employe pour moi; Madame Favez
m'a informe de demarches aupres du Congres Juif Mon-
dial. Tout cela a ete pour moi d'un grand reconfort, mais tout
cela aurait mis bien longtemps a aboutir. (Le secretaire du
Pen Club m'en a fait l'aveu lui-meme lorsque je suis venu le
trouver, un de ces jours.) C'est encore par Madame Favez que
je viens d'apprendre vos demarches aupres de M. Scelle et
M. [Maurice] Halbwachs. Je vous en remercie de tout coeur,
bien que tardivement.
Un dossier ou j'avais rassemble un petit nombre de temoi-
gnages choisis sur ma personne et mes travaux, ne m'a peut-
etre pas desservi. La lettre que vous m'avez adresse au camp
y occupait une place decisive. J'espere que vous n'allez pas
me trouver trop niais si je vous confesse que tout en sachant
Tintention qui a dicte la tournure de votre message, il m'a
fait un bien tout a fait intime. II a ete la petite b ranch e
autour de laquelle se sont cristallises mes espoirs. J'ai souffert
de pas avoir pu vous en remercier sur le champ. Mais on
n'avait pas le droit d'expedier plus de deux lettres par semaine ;
et celles-la devaient etre affectees aux necessites les plus
rudimentaires. Car il m'a fallu quelques semaines pour ras-
sembler ce dont j'avais besoin pour ne pas etre trop affecte par
les intemperies.
834
Quant a l'epreuve des nerfs, je ne vous en parle pas. Car
vous imaginez sans peine ce qu'un vacarme continuel et
l'impossibilite de se separer des autres, ne serait-ce que pour
une heure, devaient a la longue signifier pour moi. Je me
sens done, a present, une fatigue extraordinaire, et je suis
extenue au point de devoir frequemment m'arreter en pleine
rue, du fait de ne pouvoir pas poursuivre mon chemin. II
s'agit la, certainement, d'un epuisement nerveux qui va pas-
ser — pourvu que le temps a venir ne nous reserve rien de trop
terrible. II n'y a pas mal de gens qui reviennent a Paris
actuellement ; je ne pourrais, quant a moi, guere m'en absen-
ter puisqu'on a beaucoup de difficultes a se procurer le sauf-
conduit, de rigueur pour un etranger.
La Bibliotheque Nationale a ete rouverte, et je compte
reprendre mes travaux apres m'etre quelque peu remis et
avoir ramene" de l'ordre dans mes papiers. Je viens d'avoir
par Geneve la mise en page du „ Baudelaire" ; vu les difficul-
tes de tout ordre par lesquelles on vient de passer, les erreurs
d'impression sont minimes. Comme je ne sais pas la date de la
parution du cahier, je me suis permis de demander a M. Favez
les epreuves de votre essai 1 qu'l me tarde de connaitre.
Si vous ne voyez pas d'autres taches a me confier, je vou-
drais reprendre le „ Baudelaire" aussitot possible, pour en
ecrire les deux parties qui, avec celle que vous connaissez,
devront former le livre meme. (Le chapitre imp rime en con-
stituerait le milieu. Je donnerais au premier et au troisieme
6galement la forme d'essais existants ind^pendamment l'un
de l'autre.)
Une chose a vous proposer, ce serait une etude comparee
des „Confessions" de Rousseau et du „Journal" de Gide. J'ai
lu, la-bas, les „Confessions" que je n'avais pas connues encore.
Le livre m'a paru constituer l'ebauche d'un caractere social
dont le „ Journal" de Gide (qui vient de paraitre en Edition
complete), presenterait le declin. Cette. comparaison devrait
fournir une sorte de critique historique de la ,sincerit6\
Je serais tres heureux d'avoir de vos nouvelles et de celles
des Adorno. Je compte du reste leur ecrire ces pro,chains jours.
Dites, cher Monsieur Horkheimer, mes souvenirs tres
835
sinceres a Monsieur Pollock et veuillez trouver ici l'expression
des mes sentiments de fidelite et de gratitude.
Walter Benjamin
1 Max Horkheimer: Die Juden und Europa, in: Zeitschrift fair Sozial-
forschung 8 (1939), S. 115-157.
324 An Gretel Adorno
Paris, 14. 12. 39
Ma chere Felicitas,
voila que tu m'ecris en anglais et je lis tes lettres sans
difficulte aucune. II m'arrive meme de les dechiffrer plus
facilement que si elles etaient ecrites en allemand. Je suis
actuellement en quete d'un professeur pour apprendre l'ang-
lais. J'en ai meme fait la tentative au camp; mais il m'a vite
fallu r^signer. Ainsi bien je n'ai rien pu faire la-bas. L'uni-
que texte que j'y ai ecrit, je te l'ai envoye* sans tarder; c'etait
le recit d'un reve qui m'avait combl6 de bonheur. Ce serait
bien dommage si la lettre ne t'^tait pas parvenu; mais je le
suppose presque, paree que tu n'y fais pas allusion.
II m'arrive encore frequemment d'etre la-bas avec ma
pensee. On ne sait pas comment les choses vont tourner pour
ceux qui y sont encore; puisqu'aussi bien il n'y a pas de
certitude meme pour ceux qui se trouvent etre liberes. Bruck !
que j'avais espere de revoir ici n'est pas sorti encore et je ne
suis pas sur que ce sera pour bientot.
II y a quinze jours j'ai recu ta lettre du 7 novembre. II m'a
ete doux a lire et je t'aurais ecrit plus tot si je ne me sentais
pas une faiblesse extreme. J'ai du, dans les premiers jours de
ma rentree consacrer tout mon temps (et le peu de forces) au
demarches indispensables et aux soins qu'il mefallait apporter
aux epreuves du Baudelaire. (Le resume francais2 a ete, en
effet, tres insuffisant, au moins au point de vue langage et
836
j'ai ete content d'avoir pu le refaire. A tout prendre le
prochain cahier me parait d'une presentation achevee. II
est excellent qu'en un moment ou l'activite spirituelle de
Immigration allemande parait atteindre son point le plus bas
(tant du fait des contingences de la vie quotidienne que du
fait de la situation politique) les cahiers de l'lnstitut peuvent
se tenir si brillamment. J'ai confle a une lettre pour Max tout
le bien que je pense de son essai3 extraordinaire. Cet essai
dispose, du reste, d'une vigueur de style magnifique.
Je suis curieux de ce que Teddie va faire de la correspon-
dance entre George et Hof mannsthal 4 ; il parait qu'un
millesime nous separe des temps ou ces lettres (que je ne
connais pas encore) ont ete echangees. D'autre part il n'est
pas recommandable du tout d'etre trop a la page. J'ai bien
peur que cela ait ete le cas de notre ami Ernst [Bloch] ; et
d'apres ce qu'on entend dire a son sujet il me semble actuelle-
ment quelque peu depayse; non seulement sur la terre mais
aussi dans l'histoire mondiale.
Avez-vous fait la connaissance, la-bas, de Martin Gum-
pert? C'est quelqu'un que j'ai bien connu dans le temps.
Puisqu'il vient de publier sa biographie5 je me suis demande
si j'y figurerais, par hasard. Ce serait la premiere ou cela me
paraitrait possible.6
Max va te faire voir la copie d'une lettre du National
Refugee Service qui souleve un probleme serieux. Je doute
que la chance qui s'offre, pour moi, dans cette lettre pourrait
facilement m'echoir deux fois. Vous allez done y reflechir
attentivement. (Jevousledemanderais si j'en n'etais pas assure
sans cela.) La question est extremement complexe et il ne me
parait pas possible de l'aborder sans vous.
II y avait alerte, juste la premiere nuit apres que je fus
rentre chez moi. Depuis, il n'y en a pas eu, n'empeche que
le train de vie a profondement change. Des quatre heures de
l'apres-midi la ville est plongee dans l'obscurite. Les gens ne
sortent pas le soir et la solitude vous guette. Le travail serait
done, pour moi, actuellement l'abri veritable et je compte le
reprendre un de ces jours, malgre tout.
Je t'embrasse amicalement et te charge de bien des souve-
837
nirs pour Teddie. Et mille excuses pour le papier; l'envie de
t'ecrire m'est venue lorsque je n'avais rien d'autre sous la
main.
Detlef
1 Hans Brack, Kapellmeister, aus Frankfurt stammend; in Berlin,
dann in New York.
2 des Baudelaire-Auf satzes ; den deutschsprachigen Beitragen in der
Zeitschrift fiir Sozialforschung sind franzosische und englische Zu-
sammenfassungen beigegeben.
3 Vgl. Brief vom 50. 11. 1959 an Horkheimer, Aran. 2.
4 Jetzt in: Prismen. Kulturkritik und Gesellscbaft. Berlin, Frankfurt
am Main 1955. S. 232-282; vgl. auch Brief vom 7. 5. 1940 an Theodor
W. Adorno.
5 Martin Gumpert: Hblle im Paradies. Stockholm 19J9.
6 W. B. kommt dort in der Tat vor.
325 An Max Horkheimer
Paris, 15 decembre 1939
Cher Monsieur Horkheimer,
je viens de recevoir la lettre -du National Refugee Service
dont vous trouvez la copie ci-inclus. Cette lettre ne m'ayant
point ete arinoncee par vous, je suppose qu'elle ne m'a pas ete
adressee a la suite de vos propres demarches. Je crois plutot
que c'est Mrs. Bryher qui s'est employee pour me Fobtenir
par des amis a elle. Mrs. Bryher assure la direction de „Life
and Letters to-day"; elle me suit dans mes travaux depuis
assez longtemps, et s'etait, elle aussi, beaucoup inquietee de
mon internement.
Je pense que cette lettre pourrait constituer une chance
serieuse d'ameliorer ma situation. Et il ne me parait pas
certain du tout qu'une telle chance se presentera deux fois.
Mes amis de Paris (avec, il faut le dire, l'exception marquee
de Mile. Adrienne [Monnier]) sont unanimes a me vouloir
voir partir. Mais vous savez que les decisions natives ne sont
838
point mon affaire. Elles le sont meme trop peu. J'ai, en
revanche, l'habitude d'obeir sans difficulte aux conseils de mes
quelques amis eprouves (et je n'oublierai pas que je n'aurais
jamais eu la sagesse de quitter l'Allemagne des le mois de
mars 1933 si Mme. Adorno n'y avait pas insiste).
Je n'ai pas besoin de vous dire combien je me sens attache
a la France, tant par mes relations que par mes travaux. Rien
du monde, pour moi, ne pourrait remplacer la Bibliotheque
Nationale. De plus, je n'ai qu'a me feliciter de l'accueil que
j'ai trouve en France des 1923; de la bienveillance des auto-
rites aussi bien que du devouement de mes amis.
Cela n'exclut pas que mon existence et mon activite scien-
tifique peuvent, ici, se voir mises en question d'un jour a
l'autre. II se peut, notamment, que les repercussions de la
'guerre imposeront des reglements d'une rigidite telle que les
meilleurs devront souffrir avec les pires. Voila les reflexions
qui me forcent de prendre en consideration l'offre contenue
dans la lettre du Refugee Service.
II est bien entendu que c'est votre conseil qui devra, en ces
circonstances, avoir le plus de poids pour moi. Car je ne
voudrais pas que ma venue en Amerique, en soulevant des
difficultes d'ordre materiel, puisse apporter un element de
trouble dans une amitie qui, presentement, est non seulement
1'unique support de la vie materielle, mais encore presque le
seul appui moral dont je dispose. Je peux d'autant moins
songer a prendre une decision a la legere qu'il me faudrait
surement des demarches laborieuses pour obtenir le visa de
sortie. (II ne me parait meme pas certain que je l'obtienne
avant ma 49eme annee dont quelques mois me separent
encore.) C'est a quoi je fais allusion dans ma lettre de
reponse au Refugee Service dont je vous donne copie.
Je vous prie done de me f aire savoir de f aeon aussi explicite
que possible votre propre point de vue dans la question, si je
devrais rester en France ou venir vous rejoindre la-bas. Je
tiens vraiment beaucoup a ce que vous compreniez cette
priere dans son sens exact, et que vous sachiez qu'elle ne
contient nulle tentative de me decharger de la responsabilite
envers ce qu'il me fait, malheureusement, nommer „mon
839
sort". Son but unique est, au contraire, de me faire prendre
ma decision en pleine connaissance de cause.
J'ai enfin vu les epreuves de votre essai sur les Juifs et
l'Europe. Depuis bien des annees, il n'y en a pas eu d'analyse
politique qui m'ait impressionne a ce point. C'est le son de
cloche que nous avons attendu pendant tres longtemps. Et ce
son ne pouvait probablement se faire entendre plus tot. Tout
le long de ma lecture, j'ai eu le sentiment de tomber sur des
verites que j'avais bien plutot pressenties que penetrees et
qui venaient enfin d'etre exprimees avec toute la force et
tout le relief necessaire. Mon inimitie farouche contre l'opti-
misme beat de nos leaders de gauche, se voit, par votre essai,
nourri des arguments les plus substantiels. Bien que vous ne
prononciez pas de noms, ces noms sont presents a tous.
Ce qu'il y a, peut-etre, de plus beau dans votre expose,
c'est la construction historique etayee par Mandeville et par
Sade. Elle a l'imprevu et la nettete d'un panorama qui se
presente a. celui qui atteint le sommet a. l'heure ou la lumiere
est la plus propice. — Votre article sera tres mal vu par tous
les affairistes et les petits pontifs qui ne manquent ni chez
vous, ni ici. Raison de plus pour nous en rendre fiers et
extremement curieux des repercussions qu'il va avoir. Je vous
envie la chance de les voir se produire en toute liberte.
Je viens de recevoir votre lettre du 28 novembre, et je vous
remercie sincerement des mots que vous y trouvez pour ma
mise en liberte. Vous vous informez, en meme temps, des
circonstances de cette derniere. Deja., ma lettre du 30 no-
vembre vous a appris que j'etais informe par Mme. Favez de
ce que vous avez demande, pour moi, 1'appui de Mr. Scelle et
de Mr. Halbwachs. Je n'ai pas l'impression qu'une demarche
ait ete faite de leur cote. II est vrai qu'il n'existe pas de
certitude absolue en pareille matiere. Mais je suppose que ces
personnalites n'auraient pas manque d'informer notre bureau
de Paris s'ils avaient entrepris quelque chose. Tout ce que je
sais, est que les demarches decisives ont ete faites par un
proche ami de Mile. Adrienne qui est.un des personnages les
mieux places au Quai d'Orsay. J'hesite done, tout en vous
renouvelant 1' expression de ma gratitude pour avoir pres-
840
senti les professeurs nommesy d'aller les voir. J'ai peur que
je semblerais indiscretement leur rappeler un service qu'ils
n'ont probablement pas rendu.
Je vous serre la main, cordialement.
Walter Benjamin
3 26 An Gretel Adorno
Paris 17. 1. 1940
Ma petite Felicitas,
je me propose de vous ecrire une longue lettre, bien que je
n'aie recu que de minuscules billets de ta part — et de Teddie
pas de lettre du tout depuis six mois. Votre dernier signe de
vie est un mot date du 21 novembre (mais partie plus tard,
certain ement, puisque vous y faites allusion a ma rentree qui
est seulement du 23). J'apprends que ta sante n'est toujours
pas satisfaisante. [. . .] Quant a ma sante a moi j'en ai pas a
dire beaucoup de bien non plus. Dequis qu'un froid intense
s'est installe chez nous je ressens des difficultes extraordinaires
pour la marche en plein air. Je suis oblige de m'arreter tous
les trois ou quatre minutes, en pleine rue. Naturellement j'ai
ete voir le medecin qui a constate une myocardite, qui parait
s'etre beaucoup accrue dans ces derniers temps. Je suis actu-
ellement en quete d'un medecin qui m'etablira un cardio-
gramme; chose assez difficile puisqu'il n'y a que peu de spe-
cialistes qui disposent de l'installation necessaire et puisqu'cn
meme temps, il faut chercher a s'arranger a I'amiable.avec
l'operateur. Le prix de ces tours-la est, parait-il, assez eleve.
Le temps, mon etat de sante, et l'etat general des choses
— tout s'accorde pour m'imposer la vie la plus casaniere. Mon
appartement est chauffee, pas assez, pourtant, pour me per-
mettre d'ecrire s'il fait froid. Ainsi je reste couche la moitie
du temps, comme en ce moment meme. II est vrai que les
semaines passees les occassions ne m'ont pas manque d'aller
en ville malgre tout. Car toutes les petites a cotes de la vie
841
civile demandaient a etre refaits: il fallait faire debloquer
mon compte en banque, solliciter de nouveau l'acces a la Bib-
liotheque Nationale, et ainsi de suite. Tout cela demandait
bien plus de demarches que tu ne voudrais le croire. Mais
enfin, ca y est. II me faut dire que le jour ou la premiere fois
je repassai a la bibliotheque ce fut une sorte de petite fete
dans la maison. Surtout dans le service de la photo ou apres
avoir photocopie, il y a bien des annees, une partie de mes
fiches, ils se sont vu apporter, pour en faire des copies, pas mal
de mes papiers personnels, au cour-s des derniers mois.
Ce qu'il y avait de plus reconfortant, ces temps derniers,
c'etait une magnifique lettre de Max en date du 21 decern -
bre - lettre ou il me demande de reprendre mes comptes-ren-
dus sur les lettres francaises et ou il s'informe en meme temps
du plan de mes travaux a venir. Je voudrais, ma chere Felici-
tas, que tu te charges a lui dire, provisoirement, combien la
lecture de ses lignes m'a ete precieuse et que tu lui commu-
niques, en meme temps, cette ebauche de reponse. Ce mot
d'ebauche veut dire que je ne suis pas fixe encore sur le fond
de la question: c'est a dire si je ferais mieux d'etablir l'etude
comparee de Rousseau et Gide ou bien d'aborder immediate-
ment la suite du Baudelaire. Ce qui determine mon hesitation
c'est l'apprehension d'etre oblige* de delaisser mon Baudelaire
une fois que j'en aurais entame la suite. C'est la un travail de
grande halaine qu'il serait assez precaire de reprendre et de-
laisser a plusieurs reprises. C'est la pourtant le risque qu'il
faudrait courir et qui m'est constamment present dans mon
petit reduit par le masque a gaz que je me suis procure depuis
peu - double deconcertant de cette tete de mort dontles moines
studieux ornaient leur cellule. Voila pourquoi je n'ai pas ose
encore d'aborder a fond cette suite du Baudelaire qui decide-
ment me tient plus a cceur que tout autre travail mais qui
souffrirait mal d'etre neglige — serait- ce meme pour assurer
la survie de son auteur. (II est vrai, du reste, qu'il est tres diffi-
cile sinon impossible d'aviser utilement a ce sujet, meme dans
la prise des suppositions. II n'y a pas, pour moi, moyen de
quitter Paris sans une autorisation prealable qui est tres diffi-
cile a obtenir et qu'il ne serait, peut-etre, pas meme sage de
842
demander puisque la possibility d'y retourner ne me serait pas
assuree du meme coup.)
Independamment des autres travaux je reprendrai avec
plaisir les analyses des nouveautes francaises. II y en a du
reste une, assez drole, qui vient de voir le jour en Argentine.
C'est la-bas que [Roger] Caillois vient de publier en pla-
quette une requisition contre le nazisme dont l1 argumentation
reprend, sans nuance ni modification aucune celle qui occupe
les quotidiens du monde entier. II ne fallait pas s'acheminer
vers les regions les plus lointaines ni du monde intelligible ni
du monde terrestre pour en rapporter cela. II est vrai que
Caillois publie, d'autre part, dans la Nouvelle Revue Fran-
chise, une theorie de la fete, dont je parlerai dans ma premiere
relation a Max. Je m'y occuperai egalement d'un curieux livre
de Michel Leiris „Age d'homme" qui a ete beaucoup remar-
que avant la guerre.
La lettre que Max m'a ecrit a la date du 21 decembre a
croise en chemin celle que je lui ai adressee sous le 15 decem-
bre. Je me suis, entre temps, rendu au consulat d'Amerique
ou on m'a communique le questionnaire d'usage. II contient
comme point 14 la question: „Etes-vousle ministre d'un culte
quelconque ou le prof esseur d'un college, seminaire, academie
ou universite?" Cette question a, si je ne me trompe, une por-
tee decivise pour moi, puisque, d'une part, une reponse affir-
mative vous donnerait le droit de passer en dehors de la quote
(non-quota-visum), puisque, d'autre part, on m'assure, au
consulat-meme, que 1'attente dans l'ordre de la quote nedure-
rait pas moins de 5 ou 6 ans! II importerait done absolument
de me referer aux cours que j'ai professes dans le cadre de
l'lnstitut a Francfort. Comme je n'ai pas voulu en faire etat
sans 1'assentiment de l'lnstitut je n'ai pas encore rempli mon
questionnaire. Je devrai done suspendremes demarches jusqu'a
ce que je sois fixe de votre cote. (Les services du consulat sont
transferes a Bordeaux. C'est de la-bas qu'on me communique-
rait, le cas echeant, mon numero; mais seulement apres la
remise du questionnaire.)
Ce n'est peut-etre pas pure vanite si le dernier Cahier me
parait un des meilleurs que l'lnstitut a pu sortir au cours des
843
dernieres annees. L'article de Max m'a profondement impres-
sionne et je l'ai fait lire a tous ceux que je pouvais toucher.
Au cours des entretiens frequents que j'ai eu a son sujet et qui
en ont fait ressortir toute la solidite il m'est venu l'idee qu'il
serait peut-etre aussi interessant qu'utile de creuser la ques-
tion dans quelle mesure le mouvement antisemite qui s'y
trouve analyse depend ou bien s'oppose a. l'antisemitisme
moyennageux comme Teddie l'evoque au sujet de Wagner
(Der Jude im Dorn).
J'ai profite de 1'impression des Fragments sur Wagner1
pour les relire. Puis j'ai consulte le manuscrit integral du texte
pour comparer les endroits qui m'avaient le plus frappe* a la
premiere lecture avec ceux que j'ai souligne dans le cahier.
De cette comparaison resulte qu'a present, impregne de la
verite fonciere de la conception globale, je me suis plus qu'au-
paravant attache a certains aspects particuliers de la question.
Un sujet sur lequel il nous faudra revenir, c'est la reduction
(Verkleinerung) comme artifice de la fantasmagorie. Ce pas-
sage m'a rappelle un de mes projets les plus anciens dont tu te
souviens peut-etre m'avoir entendu parler: je veux dire le
commentaire de la Nouvelle Melusine de Goethe. Cela pourrait
etre d'autant plus a propos que Melusine appartient sans doute
au genre des creatures ondinesques dont il est parle vers la
fin. - Certaines formules heureuses m'ont frappe dans les
resumes: celle sur l'opposition virtuelle de Freud et de Jung
dans l'ceuvre de Wagner meme; celle, aussi, ou l'homog^nite
du „style" wagnerien est denonce comme symptome d'une
decheance intime. (II faudrait un jour que Teddie rassemble,
dans ses analyses, les passages qui s'occupent de la musique
comme Einspruch et qu'il developpe la theorie de Topera qui
y est incluse.)
Pour terminer cette longue lettre j'y inscrirai quelques
informations sur des gens, susceptibles de t'interesser. J'ai vu,
recemment, Dora qui rentrait a Londres. [. . .] - Je ne crois
pas t'avoir ecrit que Gliick, il y a a peu pres deux ans, s'est
installe a Buenos -Aires ou il a trouve un emploi, peut-etre
moins brillant que sa position anterieure mais, parait-il, tres
solide. Je suis sans nouvelles de lui depuis la guerre. — Notre
844
ami Klossowski qui est definitivement inapte a quitte Paris
et vient de trouver un emploi dans un bureau municipal de
Bordeaux. [Egon Erwin] Kisch dont vous vous souvenez plus
ou moins bien a reussi d'avoir une chaire au Chile. Notre
pauvre ami Brtick2, enfin, est toujours dans un camp. L'espoir
de le voir sortir bientot n'est pas interdit; mais en attendant
il souffre beaucoup. Quelqu'un qui vous dira oralement de
mes nouvelles, et sous peu, est Soma Morgenstern. II parait
qu'il va partir pour New York avant le printemps.
Comme la poste a present est rudement cher, Max va m'ex-
cuser de t'avoir confie certains renseignements qui le regar-
dent peut-etre plus encore que toi. Et toi de ta part tu m'ex-
cuseras £galement. Tu ne te tiendras pas quitte, la prochaine
fois, je l'espere, avec une de tes petites fiches bleues, si ravis-
santes qu'elles soient. Je compte beaucoup sur une lettre de
quelques pages de ta part comme de Teddie. (J'aimerais bien
avoir des nouvelles sur ses travaux.) Je t'embrasse bien ami-
calement
Dein alter Detlef
PS Mes legons anglaises vont commencer la semaine pro-
chaine.
1 Vgl. Brief vom 6. 1. 1938 an Horkheimer, Anm. 1; Vier Kapitel aus
dem Wagnerbuch Adornos erschienen im selben Heft der Zeitschrift
fur Sozialforschung, in dem B.s Baudelairearbeit stand.
2 Der Dirigent Hans Bruck, jetzt in New York.
327 An Gerhard Scholem
Paris, 11. Januar 1940
Lieber Gerhard,
Dein Brief vom 15. Dezember war schon Ende des Monats in
meiner Hand. Ich hoffe auch dieser wird fiir die Reise nicht
allzulang brauchen.
Es war starkend und erfreulich fiir mich, daB Du so unab-
gelenkt wie die Umstande es zulassen, Deinem Handwerk
845
nachgehst. Ich hoffe, dafl Du insbesondere dieRedaktionDei-
ner newyorker Vorlesungen nicht fiirder mehr auf die lange
Bank schiebst.1 Jede Zeile, die wir heute konnen erscheinen
lassen, ist — so ungewiB die Zukunft, der wir sie iiberantwor-
ten - ein Sieg der den Machten der Finsternis abgerungen.
Es ware im ubrigen allzu trist, wenn Du mit Deinen Publika-
tionen in englischer Sprache in dem Moment saumig zu wer-
den beginnen wiirdest, da der Unterfertigte sich ernstlich
anschickt, die Sprache zu erlernen. Ich bin gegenwartig in
Verhandlung uber Privatstunden, die ich geraeinschaftlich
mit Hannah Arendt und ihrem Freund zu nehmen vorhabe.
Was „die Bewahrung des uns Gemeinsamen", der Du
Deine Wiinsche zuwendest, angeht, so ist, soweit ich sehen
kann, fur diese noch bessere Vorsorge getroffen als vor funf-
undzwanzig Jahren. Ich denke dabei nicht an uns, sondern an
die Veranstaltungen des Zeitgeistes, der die Wiistenlandschaft
dieser Tage mit Markierungen versehen hat, die fur alte Be-
duinen wie wir unverkennbar sind. So trist es ist, nicht mit
einander konversieren zu konnen, so habe ich doch das Gefiihl,
daB die Umstande mich dabei keinesfalls so feuriger Dispu-
tationen berauben, wie sie hin und wieder zwischen uns statt
hatten. Heute ist dazu kein AnlaB mehr. Und vielleicht ist es
sogar schicklich, einkleines Weltmeer zwischen sich zuhaben,
wenn der Moment eingetreten ist, einander spiritualiter in
die Arme zu fallen.
Die Vereinsamung, in der ich mich von Hause aus finde,
ist durch die Zeitumstande gewachsen. Der Rest von Ver-
stand, der den Juden, nach allem was sie durchgemacht haben,
noch geblieben ist, scheint ihnen locker zu sitzen. Die Zahl
derer, die sich auf dieser Welt zurechtfinden, schmilzt mehr
und mehr. Unter diesen Umstanden war fur mich eine zwei-
malige kurze Begegnung mit Dora eher erfreulich [. . .] Sie
sprach iibrigens von Anzeichen, die darauf deuten, daB der
italienische Antisemitismus in absehbarer Zeit aus dem Ver-
kehr gezogen werden diirfte.
Die Schilderung, die Du mir von dem Vorlesungsabend bei
Schocken lieferst, ist auBerst packend. Ich habe sie Hannah
Arendt — die Deine GriiBe herzlichst erwidert — nicht vor-
846
enthalten. Dein Bericht lafit mich, der ich nicht so schnell bei
der Hand bin, im schabigen Benehmen der Leute das Werk
der Damonen zu sehen, nach Rache diirsten [. . .] Hannah
Arendt meinte begiitigend, in der Tiefe seines Gemiits hielte
Schocken gewiB auf Max Brod allein weitaus hohere Stiicke
als auf Dich und mich zusammengenommen. Rebus sic stan-
tibus wiinsche ich Dir und, in gemessenem Abstande, Deinen
Collegen auch, dafi seine amerikanische Expedition von Er-
folg2begleitet sei.
Uber Deinen EinfluB als Lehrer bin ich, wie Du Dir den-
ken kannst, hoch erfreut. Du solltest mich baldigst wissen las-
sen, was es mit der scholemschen Schule auf sich hat.
Vor kurzem ist das Doppelheft der Instituts-Zeitschrift
herausgekommen, das den Jahrgang 1939 inauguriert. Du
findest darin zwei groBe Essays von mir. Naturlich werde ich
Dir von ihnen Separata schicken sobald ich welche in Handen
habe. Ich lege Dir aber dringend nahe, Dir dem ungeachtet
das Heft zu kaufen oder sonstwie zuganglich zu machen. Per-
sonlichbin ichdaran zwiefach interessiert: erstens wird Deine
Propaganda fiir meine Produkte derart auf eine breitere
Basis gestellt; zweitens wiinsche ich Deine Meinung uber den
Aufsatz „Die Juden und Europa" zu erfahren.
Damit sei es genug fiir heute. Nimm die herzlichsten
GriiBe, die auch Deiner Frau gelten.
Dein Walter
1 „Major Trends in Jewish Mysticism". Erschien erst ein halbes Jahr
nach W. B.'s Tod und ist seinem Andenken gewidmet.
2 Salman Schocken stand damals an der Spitze der Verwaltung der
Hebraischen Universitat.
847
328 An Theodor W. Adorno
Paris, d. 7. V. 40
Mein lieber Teddie
Fiir Ihren Brief vom 29. Februar Dank. Leider miissen wir
uns zur Zeit mit Fristen wie sie zwischen der Abfassung Ihrer
Zeilen und dem Eingang meiner Antwort liegen, vertraut
machen. Hinzu kommt, daB dieser Brief, wie Sie ihm leicht
ansehen, ebenso wenig wie Rom an einem Tag ist gebaut
worden.
Natiirlich war (und bin) ich sehr gliicklich uber Ihre Stel-
lung zu meinem „ Baudelaire". Sie wissen vielleicht, daB das
Telegramm, das Sie mit Felizitas und Max gemeinsam an
mich gesandt hatten, mir erst im Lager zukam, und welche
Bedeutung es dort, monatelang in meinem psychischen Haus-
halt gehabt hat, ermessen Sie.
Ich habe die Stellen1 iiber das regressive Horen, auf die
Sie mich hinwiesen, nochmals gelesen und stelle die Uberein-
stimmung in der Tendenz unserer Untersuchungen fest. Es
gibt kein besseres Beispiel der die Erfahrung zerstorenden
Registrierung als die Zuordnung eines Schlagertexts zur
Melodic (Es zeigt sich hier, daB das Individuum seinen Stolz
darein setzt, die Inhalte moglicher Erfahrung so zu behan-
deln wie die Administration die Elemente einer moglichen
Sozietat.) Warum soil ich Ihnen verheimlichen, daB ich die
Wurzel meiner „Theorie der Erfahrung" in einer Erinne-
rung aus der Kindheit finde. Meine Eltern machten an den
Orten, wo wir auf Sommerwohnung waren, wie natiirlich,
mit uns Spaziergange. Wir Geschwister waren zu zweit oder
zu dritt. Der, an den ich hier denke, ist mein Bruder. Wenn
wir von Freudenstadt, von Wengen oder von Schreiberhau
aus irgendeines der obligaten Ausflugsziele besucht hatten,
so pflegte mein Bruder zu sagen: „Da "waren wir nun gewe-
sen." Das Wort hat sich mir unvergeBlich eingepragt. (Es
sollte mich ubrigens wundern, wenn Sie mit Ihrer Vorstel-
lung von meiner Ansicht Ihrer Arbeit iiber den Fetischcha-
rakter im Recht waren. Sollte Ihnen hier nicht eine Verwechs-
848
lung mit der liber den Jazz unterlaufen? Gegen diese letztere
hatte ich Ihnen Einwande angemeldet. Der ersteren bin. ich
ohne Vorbehalt gefolgt. Sie ist mir gerade in der letzten Zeit
in einigen Bemerkungen, die Sie dort, bei Gelegenheit Mah-
lers, zum „musikalischen Fortschritt" machen, recht gegen-
wartig gewesen.)
Es kann kein Zweifel dariiber bestehen, daB das Vergessen,
das Sie in die Diskussion der Aura einwerfen, von groBer
Bedeutung ist. Ich behalte die Moglichkeit einer Unterschei-
dung zwischen epischem und reflektorischem Vergessen im
Auge. Betrachten Sie es bitte nicht als ein Ausweichen, wenn
ich heute iiber diese Feststellung nicht hinausgehe. Ich hatte
die Stelle im fiinften Kapitel des Wagner, auf die Sie anspie-
len, deutlich im Gedachtnis. Aber wenn es sich in der Aura
in der Tat um ein „vergessenesMenschliches" handeln diirfte,
so doch nicht notwendig um das, was in der Arbeit vorliegt.
Baum und Strauch, die belehnt werden, sind nicht vom Men-
schen gemacht. Es muB also ein Menschliches an den Dingen
sein, das nicht durch die Arbeit gestiftet wird. Dabei mochte
ich aber innehalten. Es scheint mir unvermeidlich, daB die
von Ihnen auf geworf ene Frage mir im Verlauf meiner Arbei-
ten wiederbegegnen wird. (Ob schon in derFolge des Baude-
laire" weiB ich nicht.) Das erste wird dann sein, daB ich auf
den locus classicus der Theorie des Vergessens zuriickgehe,
den fur mich, wie Sie wohl wissen, der „blonde Eckbert"
[von Tieck] darstellt.
Ich glaube, man braucht, um dem Vergessen das Seine zu-
zubilligen, den Begriff der memoire involontaire nicht in
Frage zu stellen. Die kindliche Erfahrung des Geschmacks
der Madeleine, die Proust eines Tages involontairement wie-
der ins Gedachtnis tritt, war in der Tat unbewuBt. Nicht
wird es der erste Bissen in die erste Madeleine gewesen sein.
(Kosten ist ein BewuBtseinsakt.) Wohl aber wird das Schmek-
ken unbewuBt in dem MaBe als der Geschmack vertrauter
wurde. Das „Wiederschmecken" des Herangewachsenen ist
dann, naturlich, bewuBt.
Da Sie mich nach Maupassants „La nuit" fragen: Ich habe
das wichtige Stuck sehr genau gelesen. Es gibt ein Fragment
849
des „Baudelaire", das es behandelt, und das Sie ja wohl eines
Tages sehen werden. (En attendant sende ich Ihnen mit vie-
lem Dank durch das Pariser Biiro den geliehenen Band zu-
riick.)
Was die Alternative Gide-Baudelaire betrifft, so ist Max
so freundlich gewesen, mir die Wahl freizustellen. Ich habe
mich fiir den „Baudelaire" entschieden; es ist dieser Gegen-
stand, der derzeit mir als der intransigenteste vor Augen steht ;
seinen Forderungen zu geniigen, ist mir am dringlichsten.
Ich verhehle Ihnen nicht, daB ich ihm mich noch nicht mit
der Intensitat habe zuwenden konnen, wie ich es gewiinscht
hatte. Ein Hauptgrund davon ist die Arbeit an den Thesen2
gewesen, von denen in diesen Tagen einige Fragmente bei
Ihnen eingehen werden. Diese stellen ihrerseits freilich eine
gewisse Etappe meiner Refiexionen zur Fortsetzung des „Bau-
delaire" dar. Ich erhoffe mir fiir die niichsten Tage den Be-
ginn einer hoffentlich kontinuierlichen Arbeitsperiode, die
ich dieser Fortsetzung zuwenden werde.
Nun zum Briefwechsel George- Hofmannsthal, Es ist da-
fur gesorgt, daB die Baume nicht in den Himmel wachsen.
Einmal in der Lage, Ihnen in einem Bereich zu begegnen, in
dem icn mich ganz zu Hause fiihle, bleibt mir der beschei-
dene Wunsch unerfiillt, das Buch, von dem Sie berichten, aus
eigener Anschauung zu kennen. Da ich auf dem Gebiet der
Musik zu solcher Anschauung nicht befahigt bin, so diirfen
Sie mein Urteil liber Ihren Essay vielleicht nicht allzu kate-
gorisch nehmen. Wie dem auch sei, soweit mein Einblick
reicht, ist es das Beste, was Sie jemals geschrieben haben. Im
Folgenden eine Reihe von Einzelbemerkungen. Ihnen will
ich vorherschicken, daB mir das Entscheidende des Essays in
dem ungemein sicheren, schlagenden und uberraschenden
AufriB der historischen Perspektive liegt: wie der Funken,
der zwischen [Ernst] Mach und Jens Peter Jacobsen iiber-
springt, der geschichtlichen Landschaft die Plastizitat gibt,
die der Landschaft im schlichten Sinne ein Blitz iiberm nacht-
lichen Himmel leiht.
Es scheint mir aus Ihrer Darstellung hervorzugehen, daB
Georges Bild sich in dem Briefwechsel scharfer abdriickt als
850
das Hofmannsthals. Der Kampf urn eine literarische Position
dem Partner gegeniiber war eben doch wohl ein Grundmotiv
dieses Briefwechsels, und der Angreifer war undblieb George.
Wahrend ich eine in gewissem Sinn vollendete Portratfigur
Georges in Ihrem Essay finde, bleibt bei Hofmannsthal man-
ches im Hintergrund. An einigen Stellen wird es ganz deut-
lich, daB es bei Ihnen stiinde, bestimmte Partien dieses Hinter-
grundes aufzuleuchten. Die Bemerkung iiber denSchauspieler,
mehr noch die iiber das Kind in Hofmannsthal, die fur mich
in dem wundervollen Zitat aus der „Ariadne" gipfelt, das
durch die Art, wie Sie es in Ihren Text stellen, ergreifend
wirkt — alles dies fiihrt in die Tiefe. Gern hatte ich Ihre An-
sicht iiber Anklange aus der Kinderwelt gefunden, wie sie,
verloren, bei George vorkommen im „Lied des Zwergen" oder
in der „Entfiihrung".
Es bleibt eine Seite an Hofmannsthal unberiihrt, die mir
am Herzen liegt. Mir ist fraglich, ob Ihnen die Andeutungen,
mit denen ich (vielleicht nicht zum ersten Mai?) Ihnen von
ihr sprechen will, wirklich Neues sagen. Sollte das der Fall
sein, bleibt noch offen, wieweit sie Ihnen einleuchten. Unge-
achtet der briichigen Verfassung solcher Formulierungen will
ich sie dem Transport anvertrauen. Es sind eigentlich zwei
Texte, deren rapprochement das absteckt, was ich zu sagen
habe. Auf den einen nehmen Sie selbst Bezug, denn Sie zitie-
ren den Chandosbrief. Mir liegt, hier, der folgende Passus
im Sinn: „Ich weiB nicht, wie oft mir dieser Crassus mit sei-
ner Murane als ein Spiegelbild meines selbst, iiber den Ab-
grund der Jahrhunderte hergeworfen in den Sinn kommt . . .
Crassus . . ., mit seinen Tranen um seine Murane. Und iiber
diese Figur, deren Lacherlichkeit und Verachtlichkeit mitten
in einem die erhabenstenDingeberatenden, weltbeherrschen-
den Senat so ganz ins Auge springt, iiber diese Figur zwingt
mich ein unnennbares' Etwas in einer Weise zu denken, die
mir vollkommen toricht erscheint, im Augenblick, wo ich ver-
suche, sie in Worten auszudriicken." (Im „Turm" begegnet
das gleiche Motiv: das Innere des geschlachteten Schweins,
in das der Prinz in seiner Kindheit einen Blick hat tun miis-
sen.) Im iibrigen findet sich gleichfalls im „Turm"'die zweite
851
der beiden Stellen, von denen ich sprach: es ist das Gesprach
zwischen dem Arzt und Julian. Julian, der Mann, dem nichts
als ein winziges Aussetzen des Willens, als ein einziger Mo-
ment der Hingabe f ehlt, um des Hochsten teilhaft zu werden,
ist ein Selbstportrat Hofmannsthals. Julian verrat den Prin-
zen: Hofmannsthal hat sich von der Aufgabe abgekehrt, die
im Chandosbriefe auftaucht. Seine „Sprachlosigkeit" war eine
Art von Strafe. Die Sprache, die Hofmannsthal sich entzogen
hat, diirfte eben die sein, die um die gleiche Zeit Kafka gege-
ben wurde. Denn Kafka hat sich der Aufgabe angenommen,
an der Hofmannsthal moralisch versagte und darum auch
dichterisch. (Die suspekte, auf so schwachen FiiBen stehende
Opf ertheorie, auf die Sie hinweisen, tragt alle Spuren dieses
Versagens.)
Ich glaube Hofmannsthal hat zu seinen Gaben zeitlebens
so gestanden wie Christus zu seiner Herrschaft gestanden
hatte, wenn er sie seiner Verhandlung mit Satan zu danken
gehabt hatte. Die ungewohnliche Versatilitat geht bei ihm, wie
mir scheint, mit dem BewuBtsein zusammen, Verrat an dem
best en in sich geubt zu haben. Darum konnte ihn keinerlei
Vertrautheit mit dem Gelichter schrecken.
Demungeachtet geht es meiner Uberzeugung nach nicht
an, [Hans] Carossa einer „Schule", deren Haupt Hofmanns-
thal gewesen sei, zurechnend, von der Gleichschaltung der
deutschen Schriftsteller im Zeichen dieser Schule, das heiBt
Hofmannsthals selbst zu reden. Hofmannsthal ist 1929 ge-
storben. Er hat ein non liquet in der Strafsache, die Sie gegen
ihn vertreten, wenn es ihm sonst nicht gesichert ware, mit
seinem Tod erkauft. Ich wurde meinen, Sie sollten diese Stelle
nochmals uberdenken ; ich bin nahe daran, Sie darum zu bitten.
Sie haben natiirlich Recht an Proust zu erinnern. Ich habe
mir in der letzten Zeit meine eigenen Gedanken liber das
Werk gemacht; und wieder einmal trifft es sich, daB sie sich
mit den Ihren begegnen. Sehr schon sprechen Sie von der Rr-
fahrung des „das ist es nicht" — eben der, die die Zeit zu einer
verlorenen macht. Mir will nun scheinen, daB es ein tief ver-
stecktes (aber nicht darum auch unbewuBtes) Mo dell dieser
Grunderfahrung fur Proust gegeben habe: namlich das „das
852
ist es nicht" der Assimilation der franzosischen Juden. Sie
kennen die beriihmte Stelle in „ Sodom et Gomorrhe", an der
die Komplizitat der Invertierten mit der besonderen Konstel-
lation verglichen wird, die das Verhalten der Juden unterein-
anderbestimmt. Gerade, daB Proust nur Halbjude war, konnte
ihn zu Einblicken in die prekare Struktur der Assimilation
befahigen; eineEinsicht, die ihm durch die Dreyf uscampagne
von auBen nahe gelegt worden ist.
Uber George durfte kein Text bestehen, der sich, selbst im
Abstand, neben dem Ihren darf sehen lassen. Ich habe da kei-
nerlei Vorbehalt; ich scheue mich nicht, Ihnen zu gestehen,
daB ich aufs Gliicklichste uberrascht wurde. Wenn es heute
iiberaus schwer erscheinen muB, anders von George zu spre-
chen als von dem Dichter, der mit dem „Stern des Bundes"
das choreographische Arrangement des Veitstanzes vorge-
zeichnet hat, der uber den geschandeten deutschen Boden
dahingeht — so war das von Ihnen gewiB nicht zu gewar-
tigen. Und diese, unzeitgemaBe und undankbare Aufgabe:
eine „Rettung" Georges, Sie haben sie so schlussig wie es nur
sein kann, so unaufdringlich, wie es sein muB, bewaltigt. In-
dem Sie den Trotz als den dichterischen und politischen Fun-
dus in George erkannten, haben Sie die wesentlichsten Ziige
ebensowohl kommentierend (Bedeutung der Ubersetzung) wie
kritisch (Monopol und Ausschaltung des Marktes) erhellt. Es
ist da alles aus einem GuB, alles iiberzeugend, mit einigen
Stellen, die fur sich allein beweisen wurden, daB die Miihe,
die Sie an diesen Text gewendet haben, und mochte es die
langste gewesen sein, nicht verloren war. Ich denke da an die
hervorragende Glosse zum „ Gentleman", an so weittragende
Zitate wie „es ist worden spat". Mit Ihrer Arbeit ist vorstell-
bar geworden, was bisher unvorstellbar, und womit das Nach-
leben Georges beginnen wiirde: eine Anthologie seiner Verse.
Gewisse stehen in Ihrem Text besser als am Fundorte.
Ich mochte einen wichtigen Punkt nicht iibergehen, uber
den wir uns verstandigen muBten (und wohl auch konnten).
Er betrifft das, was Sie unter dem Stichwort „Haltungu ab-
handeln. Der Vergleich mit dem Rauchen wird der Sache
schwerlich gerecht. Er konnte zu dem Glauben verfuhren,
853
Haltung sei in alien Fallen „zur Schau getragen" oder „ein-
genoirimen". Sie kann aber durchaus als unbewuBte vorge-
funden werden ohne darum weniger Haltung zu sein. Und so
sehen doch auch wohl Sie die Sache, indem Sie die Anmut, der
bewuBtes zur Schau getragen werden nur selten anschlagt,
unter den gleichen Begriff befassen. (Ich will, was die Anmut
betrifft, nur von den Kindern sprechen und tue es ohne darum
ein Naturphanomen von der Gesellschaft, in der es auftritt
emanzipieren, das heiBt schlecht abstrakt behandeln zu wol-
len. Die Anmut der Kinder besteht und sie besteht vor allem
als ein Korrektiv der Gesellschaft; sie ist eine der Anweisun-
gen, die uns auf das „nicht disziplinierte Gliick" gegeben
sind. Ein Festhalten an der kindlichen Unschuld, wie man es
Hof mannsthal in einer unguten Regung zum Vorwurf machen
konnte (an der Unschuld, die es ihm erlaubte, die Feuilletons
von [Felix] Salten kaum weniger als mein Barockbuch zu
schatzen). berechtigt uns nicht zur Preisgabe dessen, was wir
an ihr lieben konnen.)
Den Vorbehalt, den das, was Sie iiber die Haltung im enge-
ren Sinn sagen, in mir erweckt, will ich mit einer Wendung
andeuten, die ich Ihrem eigenen Text entnehme. Und zwar
eben der Stelle, wo Sie mit der schonen Formel, der Einsame
sei der Diktator aller, die wie er einsam sind, auf meinen
Baudelaireaufsatz hinweisen. Ich glaube nicht, daB es zu
kuhn ist, zu sagen, daB wir da auf Haltung stoBen, wo die
essentielle Einsamkeit eines Menschen in unser Blickfeld
riickt. Die Einsamkeit, die sehr wohl, weit entfernt der Ort
seiner individuellen Fiille zu sein, der Ort seiner geschichtlich
bedingten Leere, der persona als seines MiBgeschicks sein
konnte; Ich verstehe und teile jeden Vorbehalt, wo Haltung
die zur Schau getragene der Fiille ist (so wurde sie von George
in der Tat vers tan den). Es gibt aber auch die unverauBerliche
der Leere (so in den Ziigen des spaten Baudelaire). Kurz:
Haltung, wie ich sie verstehe, unterscheidet sich von der, die
Sie denunzieren, so wie das Brandmal von der Tatowierung.
Die beiden letzten Seiten Ihres Essays waren mir ein Ge-
burtstagstisch, auf dem die Stelle iiber das „nicht diszipli-
nierte Gliick" das Lebenslicht darstellt. Ubrigens hat die
854
Arbeit audi sonst etwas vom Gabentisch; die terminologische
Marke haftet so wenig mehr an den Gedanken wie die Preis-
auszeichnung an einem Geschenk.
Zum SchluB iibernehme ich Ihre gute Gepflogenheit, eini-
ges in Gestalt von Marginalien anzudeuten. „eben geht der
letzte zug ins gebirg" ist ein Satz, der genau in der schwabin-
ger Atmosphare zustandig ist, wie [Alfred] Kubins Traum-
stadt „Perle". „Perle" ist iiberhaupt die Stadt, in der der
„Tempel" steht, hinter dessen Mauern, die den Schwamm
haben, der „Siebente Ring" verwahrt liegt.
Dem Hinweis auf Kraus hatte vielleicht eine Beziehung
auf die Kritik, die Kraus an derGeorgeschenUbersetzung von
Shakespeares Sonetten vorgenommen hat, noch mehr Gewicht
gegeben, zumal Sie Ihrerseits das Problem der Ubersetzung
beriihren.
Georges anerkennendes Urteil iiber Hofmannsthal kopiert
haarscharf das beriihmte von Victor Hugo iiber Baudelaire:
„Vous avez cree un frisson nouveau." Wo George von dem
graniten-germanischenbeiHofmansthal spricht, schwebt ihm
vielleicht nach Ton und Sujet eine Stelle aus Holderlins Brief
an Bohlendorf vom 4. Dezember 1801 vor.
Im Vorbeigehen konnte man die Frage streifen, ob nicht
auf den Briefwechsel der zwischen Goethe und Schiller einge-
wirkt hat — jener Briefwechsel, der als Dokument einer
Freundschaft unter Dichterfiirsten, so erheblich zur Ver-
schlechterung der Luft beigetragen hat, die in Deutschland
gerade um die Gipfel gewesen ist.
Zu Ihrem „Das Edle ist edel kraft des Unedlen" — Victor
Hugos groBartiges Wort: „L'ignorant est le pain que mange
le savant."
Ihre Medaillen auf Carossa und Rudolf Borchardt sind sehr
gliicklich gepragt und die Devise lucus a non lucendo, die Sie
dem Symbolismus widmen, hat mich, wie Sie sich denken
konnen, entziickt. Auch erscheint mir die sie stiitzende Ana-
lyse der „Voyelles" [von Arthur Rimbaud] durchaus triftig.
Die Verschrankung von Technik und Esoterik, die Sie so
friih nachweisen, ist mit einem Regime, das Ordensburgen
fiir Piloten auffiihrt, sinnfallig geworden.
855
Zum SchluB: mir gefallt sehr die Rolle, die Jacobsen in
Ihrem Essay spielt. Da kommen wohl friihe Motive zur Gel-
tung. Jedenfalls wirkt der Name von Ihren Refiexionen urn-
schrieben wie die Erscheinung eines Knaben, der mit heiBen
Wangen aus dem Wald stiirzend uns in einer kiihlen Allee
entgegentritt.
Sie frag en nach meinen englischen Stun den. Als ich von
Felizitas die Adresse einer Lehrerin bekam, hatte ich meinen
Unterricht schon bei einer andern begonnen. Es ist zu fiirch-
ten, daB meine Forts chritte, die nicht stiirmisch sind, der
gesprachsweisen Verwendung meiner Kenntnisse weitvoraus-
eilen. DaB das Affidavit von Miss Razowski ein „erhebliches
Aktivum" sei, wie Sie sagen, war auch meine Meinung. Ich
habe sie leider andern miissen. Alle Informationen, die ich
uber die derzeitige Praxis des amerikanischen Konsulats (das
seinerseits noch nichts von sich horen liefi) bekommen habe,
stimmen darin iiberein, daB die Abwicklung der normalen
Falle sehr langsam von statten geht. Nun ist aber mein Fall,
ohne mein Zutun, leider zu einem „normalen" geworden und
dies durch die Ubersendung des Affidavits. Andernfalls ware
es mir moglich geworden, ein Besuchsvisum einzureichen,
wie es dem Schriftsteller Hermann Kesten z. B. vor kurzem
bewilligt wurde. [. . .]
Um auf die Frage des Visums zuruckzukommen, so wird
zur Bedingung fur die Erteilung eines non quota Visums (und
das ist das einzige, das mir die Moglichkeit eroffnen wiirde,
in kurzer Zeit heriiberzukommen) abgesehen von der Beru-
f ung der Nachweis offentlicher Lehrtatigkeit gemacht. Neuer-
dings wird hier in dieser letzten Bestimmung, gerade der
Passus besonders streng genommen, der den Nachweis dieser
Lehrtatigkeit fur die letzten beiden Jahre vor Erteilung des
Visums vorschreibt. Das macht mich sehr zogernd jetzt schon
anSchapiro zu schreiben. Ich mochte mich an ihnnichtf ruber
wenden, als bis ich die GewiBheit habe, sein Interesse fur
mich voll auswerten zu konnen. Das kann erst der Fall sein,
wenn der Termin meines Erscheinens drub en naher geriickt
ist; sei es, daB die Abwicklung der Einwanderung wieder
856
beschleunigt wird, sei es, daB die Bestimmungen, die fiir die
Erteilung eines non quota Visums maBgebend sind, wieder
minder rigoros gehandhabt werden. So wie es im Augenblick
liegt, fiirchte ich, daB sie, selbst die Berufung vorausgesetzt,
eher gegen mich spielen wiirden. Aber natiirlich wiirde ich
ohne Bedenken an Schapiro schreiben, wenn Sie meinen, daB
er etwas fiir meine Berufung tun konnte.
Kennen Sie Faulkner? Dann wiifite ich gern, was Sie von
seinem Werke denken. Ich lese gegenwartig Lumiere d'aout.
Ihr Brief ist mir ohne besondere Verzogerung zugekom-
men. Ich denke, Sie konnen mir deutsch und sollten mir also
ofter schreiben. Von meiner Seite werden Briefe in deutscher
Sprache freilich die Ausnahme bilden mussen. — SchlieBen
Sie Ihrem nachsten Brief den „Rickert"3 bei. Ich bin ja
Schiiler von Rickert (wie Sie Schuler von [Hans] Cornelius
sind) und ich freue mich formlich auf Ihren Text.
Sehr herzlich immer Ihr Walter Benjamin
1 aus Adorn os Arbeit iiber den Fetischcharakter in der Musik, jetzt
in den „Dissonanzen".
2 Jetzt Schriften I, S. 494-506.
3 Adorno: [Besprechung] Heinrich Rickert: Unmittelbarkeit und Sinn-
deutung. Tubingen 1939, in: Studies in Philosophy and Social Science 9
(1941), S. 479-482.
329 An Max Horkheimer
Lourdes, 16 juin 1940
Cher Monsieur Horkheimer,
je vous avais promis de vous donner de mes nouvelles aussi
souvent que possible. Elles consistent aujourd'hui essentielle-
ment en mon changement de domicile.
Vous allez certainement me dispenser d'etre plus long,
aujourd'hui — surtout que je me ressens encore des grandes
fatigues des derniers quinze jours et du voyage.
857
II est surement superflu de vous renouveler la demande de
ma derniere lettre, a savoir d'agir de facon aussi immediate
et expeditive que possible aupres des autorites americaines. Je
ne sais pas l'adresse actuelle du consulat. Je compte done sur
vous pour communiquer, de New York, au consulat mon
adresse actuelle. Une lettre du consulate rn attestant que je
peux attendre mon visa en un bref delai pourrait, pour moi,
avoir une importance primordiale.
La situation favorisee qui est actuellement la mienne me
permettrait probablement d'atteindre dans le plus bref delai
New York, le visa une fois delivre. Je suppose, comme je vous
1'ai expose dans ma derniere lettre, qu'une nomination a une
chaire, me valant un visa hors quote, serait facon la plus expe-
ditive pour faire avancer les choses. II y a bien des chances
que ce soit la seule.
Aux reflexions multiples qui m'obscurcissent s'ajoute l'in-
quietude au sujet de mes manuscrits que j'ai ete force de
laisser a Paris — ainsi que tous mes effets.
Dites mes amities aux amis et croyez, Cher Monsieur
Horkheimer, a mon attachement profond et sincere-
Benjamin
330 An Adrienne Monnier
Lourdes, [Juni?] 1940
Chere amie,
Ces quelques mots, je vous les ecris en vitesse, sur un bout de
table.
J'ai vivement regrette de ne plus vous avoir vue. Des cir-
constances imprevues ont fait que je suis parti pour Lourdes
ou la femme d'un ami qui, elle, est parti en meme temps etait
vaguement attendue.
Je n'ai pas a me plaindre de cet hasard. Le pays est tres bon
marcher j'ai trouve une chambre a 200 frs. L'accueil qu'on
trouve aussi bien de la part des particuliers que du cote de la
858
mairie est d'une gentillesse qui est sans prix, dans les circon-
stances actuelles.
Beaucoup de monde, surtout des refugies beiges. II parait
que les choses, pour ces derniers, sont organisees au mieux;
nul trouble, aucune nervosite. Une confiance et un calme du
meilleur aloi.
J'aimerais tellement que Gisele [Freund] vienne ici, si,
entre temps, elle n'a pas reussi a trouver un arrangement qui
lui plaise reellement. Je pense que Lourdes lui conviendrait
a. bien des points de vue. (Le pays qui m'etait inconnu est
tres beau).
Je pense a vous; je penserai a. vous sans cesse tant que tout
danger ne sera pas ecarte de Paris. Je vous retrouve non seule-
ment en songeant a Paris et a la rue del'Odeonque je voudrais
vouer a la plus puissante et la moins sollicitee des divinites
protectrices — mais aussi a bien des carrefours de ma pensee.
Je vous salue en vous disant mon attachement le plus
profond.
Benjamin.
PS — Ayez la bonte, d'envoyer mon adresse a Gisele; et qu'elle
m'envoie la sienne. Dites a Sylvia [Beach] mes meilleurs
souvenirs, voulez-vous. Merci de la belle lettre de H. et de
son livre.
3 31 An Hannah Arendt
Lourdes, 8 juillet 1940
Chere Hannah,
j'espere que ces lignes vous trouveront a Montbahus. Elles
sont destinees a vous dire que je vous remercie de votre carte
du 5, et je vous felicite d'avoir mis la main sur Monsieur.1
Que je vous prie d'assurer de mes meilleurs amities. (<Ja c'est
le style de Hetz qui est en train de former le mien!)
Mme P a retrouve son mari, passablement abime, parait -il.
De Fritz2 on a des nouvelles, mais il parait qu'il ne soit
pas libere encore.
859
Je serais plonge dans un cafard plus noir encore que celui
qui me tient a present, si, tout depourvu que je suis de livres,
je n'avais pas trouve dans mon seul la devise qui s'applique le
plus magnifiquement a ma condition actuelle: „Sa paresse l'a
soutenu avec gloire, durant plusieurs annees, dans Tobscurite
d'une vie errante et cachee." (La Rochefoucauld en parlant de
Retz.) Je vous cite cela avec le sourd espoir d'attrister Monsieur.
Votre vieux Benjamin
1 Heinrich Bliicher, H. Arendts spaterer Mann.
2 Der Psychiater Dr. Fritz Fraenkel, ein Freund W. B.'s, der in Paris
im selhen Haus wohnte.
3 32 An Theodor W . Adorno
Lourdes, 2. 8. 40
Mein lieber Teddie,
iiber Ihren Brief vom 15. Juli habe ich mich aus mehreren
Griinden sehr gefreut. Einmal war es Ihr freundliches Ge-
denken des Tags; dann das Verstandnis, das aus Ihren Zeilen
hervorging. Nein, es ist mir wirklich nicht leicht, einen Brief
zu schreiben. Ich sprach zu Felicitas von der volligen Unge-
wiBheit, in der ich mich iiber meine Schriften befinde. (Fur
die den „Passagen" gewidmeten Papiere ist relativ etwas
weniger zu fiirchten als fiir die andern. l) Es stent aber, wie
Sie wissen, so, daB ich meinen Schriften gegenuber nichts
voraus habe. Von einem Tag auf den andern konnen die
Mafmahmen, die im September iiber mich hereinbrachen,
sich wiederholen, nun aber mit ganz anderm Vorzeichen. Ich
habe in^den letzten Monaten eine Anzahl von Existenzen von
dem burgerlichen Dasein nicht etwa absinken sondern von
einem Tage auf den andern absturzen sehen; so daB jede
Sicherung mir, neben dem problematischen auBern einen
minder problematischen innern Halt gibt. In diesem Sinne
habe ich das Dokument „a ceux qu'il appartient" mit wahrer
860
Dankbarkeit in die Hand genommen. Ich konnte mir vorstel-
len, daft der Briefkopf, der mich freudig iiberrascht hat, die
etwaige Wirkung des Schriftstiicks nachhaltig unterstiitzt.
Die vollige UngewiBheit iiber das, was der nachste Tag,
was die nachste Stunde bringt, beherrscht seit vielen Wochen
meine Existenz. Ich bin verurteilt, jede Zeitung (sie erschei-
nen hier nur noch auf einem Blatt) wie eine an mich ergan-
gene Zustellung zu lesen und aus jeder Radiosendung die
Stimme des Ungliicksboten herauszuhoren. Mein Bestreben,
Marseille zu erreichen urn dort beim Konsulat meine Sache
zu pladieren, war umsonst. Fur den Auslander ist seit lan-
germ keine Ortsveranderung zu erwirken. So bleibe ich auf
das angewiesen, was Ihr von drauBen bewirken kbnnt. Mich
hat besonders zur Hoffnung bewegt, daB Sie mir eine Nach-
richt vom Konsulat in Marseille in Aussicht stellen. Ein Brief
dieses Konsulats wiirde mir vermuth ch die Erlaubnis ein-
tragen, mich nach Marseille zu begeben. (In der Tat kann
ich mich nicht entschlieBen, mit den Konsulat en im besetzten
Gebiet in Verbindung zu treten. Ein Brief, den ich noch vor
der Okkupation von hier aus nach Bordeaux gerichtet hatte,
ist freundlich aber auf gegenstandslose Weise beantwortet
worden: die fraglichen Akten lagen noch in Paris.)
Ich vernehme von Hirer Unterhandlung mit Havanna, von
Ihrer Bemiihung um San Domingo. Ich bin fest davon iiber-
zeugt, daB Sie das Unternehmbare oder, wie Felicitas sagt,
„mehr als das Mogliche" versuchen. Meine Befiirchtung ist,
die uns zur Verfiigung stehende Zeit konnte weit begrenzter
sein als wir annahmen. Und obwohl ich vor vierzehn Tagen
an eine solche Moglichkeit nicht gedacht habe, haben neue
Auskunfte mich bestimmt, Mme Favez zu bitten, durch In-
tervention von Carl Burckhardt, wenn irgend moglich, einen
interimistischen Auf enthalt in der Schweiz mir bewilligen zu
lassen. Ich weiB, daB von Hause aus vieles gegen diesen Aus-
weg spricht: aber es spricht ein machtiges Argument dafiir:
die Zeit. Ware dieser Ausweg nur zu realisieren! — Ich habe
mich in einem Brief e an Burckhardt gewandt.2
Ich hoff e, daB ich Ihnen bisher den Eindruck gegeben habe,
auch in schwierigen Augenblicken gefaBt zu bleiben. Glau-
861
ben Sie nicht, daB sich das geandert hat. Aber ich kann mich
dem gefahrlichen Charakter der Lage nicht verschlieBen. Ich
fiirchte, die, die sich aus ihr haben retten konnen, werden
eines Tages zu zahlen sein.
Sie erhalten via Genf — wie ich auch wohl diese Zeilen diri-
gieren werde - mein curriculum vitae. Die Bibliographie
habe ich in den Lebenslauf eingearbeitet, weil mir hier alle
Handhaben fehlen, sie als solche ausfuhrlicher zu gestalten.
(Sie umfaBt alles in allem gegen 450 Nummern.) Wenn den-
noch eine Bibliographie im engern Sinne benotigt wiirde, so
ist Ihnen die in der Programmschrif t des Instituts zur Hand ;
eine b ess ere konnte ich derzeit nicht liefern.
Es ist mir eine groBe Beruhigung, daB Sie in New York,
sozusagen „erreichbar" und im eigentlichen Sinne wachsam
bleiben. In Boston, Commonwealth Avenue 384 lebt Mr
Merril Moore. Er ist von Mrs W Bryher, der Herausgeberin
von Life and letters to-day mehrfach auf mich hingewiesen
worden, hat wahrscheinlich einen Begriff von der Lage und
den Willen zu ihrer Veranderung beizutragen. Ich denke, es
konnte von Wert sein, wenn Sie sich mit ihm in Verbindung
setzen.
Mich betriibt, daB die Verfassung von Felizitas so unbe-
standig bleibt. [. . .] Sagen Sie Ihr meine sehr herzlichen
Wiinsche.
Bitte richten Sie Herrn Pollock den auf rich tigsten Dank
und die freundlichsten GriiBe aus.
Und nehmen Sie alles Liebe von Ihrem
Walter Benjamin
PS Verzeihen Sie die peinlich komplette Signatur; man ver-
langt sie.
1 Aufzeichnungen und Materialien zur Passagenarbeit wurden bei
B.s Flucht aus Paris mit der Beihilfe von Georges Bataille, der dort
Bibliothekar war, in der Bibliotbeque Nationale versteckt; sie sind
erhalten.
2 Es gelang BurcMiardt nicht, die zustandige Schweizer Behorde vor
W. B»'s illegalem Grenziibertritt nach Spanien zu einem positiven Be-
scheid auf seine Intervention zu bewegen.
862
V-ffifW^VV ■■ ' ' : ' ■-■■ '»T- "
ANHANG
Verzeichnis der Brief empf anger
Adorno, Gretel (geboren 1902), geb. Karplus, Dr. phil., verheiratet mit
Theodor W. Adorno, seit 1928 mit Benjamin befreundet. 210, 217,
223, 226, 229, 231, 265, 302, 305, 317, 321, 324, 326
Adorno, Theodor W[iesengrund] (geboren 1903), o. 6, Professor der
Philosophie und Soziologie an der Johann Wolfgang Goethe-Univer-
sitat Frankfurt, Direktor des Instituts fur Sozialf orschung. Habilitiert
1931. Emigration 1934, zuerst nach Oxford, dann nach Nordamerika
ans Institut fur Sozialforschung. Riickkehr nach Frankfurt 1949,
Aus seiner Bekanntschaft mit Benjamin, die bis auf 1923 zuriick-
datiert, entwickelte sich eine intensive Freundschaft; sie waren
auch wahrend der Emigration viel in Paris und in San Remo zu-
sammen. 213, 250, 260, 272, 276, 304, 307, 310, 318, 328, 332
Arendt, Hannah (geboren 1906), Schriftstellerin. War in erster Ehe
mit Giinter Stern, dem Sohn von W. Bs Vetter Professor William
Stern, verheiratet. Umgang mit W. B. seit dem An fang der drei-
Biger Jahre, besonders eng in den Jahren der Emigration, als sie
das Pariser Biiro der Jugend-Alijah leitete. 331
Benjamin, Walter 195, 202, 204, 237, 263, 306
Belmore, Herbert (geboren 1893 in Kapstadt), kam als Kind aus
Siidafrika mit seinen Eltern nach Deutschland zuriick. Mitschuler
und enger Jugendfreund von W. B., besonders in der Zeit der Ju-
gendbewegung. Studierte Graphik. Ging im Friihjahr 1914 nach
England und war wahrend des ersten Weltkrieges in der Schweiz.
,1917 brach die Freundschaft ab. Lebt jetzt als Ubersetzer in Rom.
1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 12, 13, 16, 17, 18, 19, 22, 23, 31, 32, 35,
36, 40, 43, 47
Brecht, Bertolt (1898-1956). W. B. gehorte zu den fruhesten Bewun-
derern von Brechts dramatischem und lyrischem Werk, das er wie-
derholt offentlich gewiirdigt hat. Von Paris aus hat er ihn wieder-
holt fur langere Zeit in Svendborg besucht und in langen Diskussio-
nen seinen eigenen und den Standpunkt Brechts in politischen wie
literarischen Fragen zu klaren sich bemiiht. 200, 232, 235, 251,
258
Brecht, Helene (geboren 1900), geb. Weigel. Leiterin des Berliner
Ensembles, 253
Brehtano, Bernard von (1901-1964), 1925-1930 Korrespondent der
frankfurter Zeitung< in Berlin. Freundeskreis Benjamin, Benn,
Brecht, Bronnen, Rudolf Grossmann und andere. 1932 Warming
vor Hitler mit dem Buch >Beginn der Barbarei in Deutschland<.
Nach dem Reichstagsbrand 1933 Emigration in die Schweiz. Erst in
865
Zurich, dann in Kiisnacht/Zurich, schrieb er seine Rbmane und
Essays, ein Drama und eine Biographie. 312, 315, 319
Buber, Martin (1878-1965). Verbrachte seine Jugend in Lemberg. Gab
von 1916 bis 1924 die Zeitschrift >Der Jude<, von 1926-1930 >Die
Kreatur< heraus. Bis 1933 Honorar-Professor fur allg. Religions-
wissenschaft in Frankfurt, seit 1938 Prof, fur Sozialphilosophie in
Jerusalem, W. B. hat sein Stadtebild iiber Moskau in der >Kreatur<
verbifentlicht. Buber lud ihn 1916 zur Mitarbeit am >Juden< ein.
44, 45, 161, 163
Caro, Hiine (eigentlich Siegfried) (geboren 1898 in Berlin), enger
Freund von Erwin Loewensohn, verkehrte mit W. B. auch in den
Schweizer Jahren und nachher in Berlin. Lebt in Jerusalem, 83.
Cohn, Alfred (1892-1954), Klassenkamerad und Jugendfreund von
W. B., mit dem er bis in die Emigrations jahre in enger Verbindung
blieb. War Kaufmann in Berlin, spater in Mannheim, dann wieder
in Berlin, dann in Barcelona. Von 1936 an in Paris, wahrend des
zweiten Weltkrieges Lehrer am Zentrum der jiidischen Pfadfinder
in Moissac. Seit 1921 verheiratet mit Grete Radt, die als Studentin
1914 bis 1916 mit W, B. verlobt war. 173, 183, 247, 254, 262,
273, 279
Freund, Gisele (geb. 1908 in Berlin), Journalistin und Photographin.
Lernte W. B. in dessen Pariser Zeit kennen. Beide verkehrten ' in
denselben literarischen Zirkeln und hatten neb en der Photographie
eine zweite gemeinsame Leidenschaft : das Schachspiel. W. B. zeigte
Gisele Freunds Dissertation in der Zeitschrift fur Sozialforschung
an. Einige der schonsten erhaltenen Photos Benjamins werden ihr
verdankt. Lebt in Paris. 322
Hofmannsthal, Hugo von (1874-1929), Hofmannsthal erkannte im
Gegensatz zu den deutschen Universitatskreisen friihzeitig W. B's
iiberragende Bedeutung und veroffentlichte 1924/25 in seinen
>Neuen Deutschen Beitragen< dessen Wahlverwandtscha ft en- Arbeit.
W. B. seiners eits hat in mehreren Aufsatzen die verschiedenen Fas-
sungen von Hofmannsthals >Turm< gewiirdigt. 129, 139, 143, 146,
149, 151, 158, 162, 164, 166, 167, 169, 170, 172, 176, 188
Horkheimer, Max (geboren 1895 in Stuttgart), emeritierter Ordinarius
der Philosophie und Soziologie an der Johann Wolfgang Goethe-
Universitat in Frankfurt, habilitiert in Frankfurt 1925. 1930 ordent-
licher Professor ebenda und Direktor des Instituts fur Sozialfor-
schung. Emigration 1933, Fortfiihrung des Instituts im Rahmen der
Columbia Universitat, New York. Riickkehr aus der Emigration
1948. Kannte Benjamin seit dessen Frankfurter Zeit; dieser wurde
wahrend der Emigration Mitglied des Instituts. 242, 245, 255,
256, 261, 266, 280, 282, 283, 284, 285, 290, 293, 297, 303, 323,
325, 329
Kraft, Werner (geboren 1896 in Hannover), Dichter und Schrifts teller
(bis 1933 Bibliothekar in Hannover), studierte neuere Sprachen in
866
Berlin, wo er W. B, 1915 kennenlernte. Bis 1921 stand er mit ihm in
enger Verbindung, die nach 1935 in Paris wieder aufgenommen
wurde, zuerst personlich und dann nach Krafts Ubersiedlung nach
Jerusalem auch brieflich. 239, 243, 246, 252, 259, 270, 271, 274,
275, 281
Lieb, Fritz (geboren 1892 in Rothenfluh), Privatdozent fur Sy sterna-
tische Theologie 1924 Basel; 1930 Bonn, a. o. Professor ebenda
1931. 1933 aus politischen Griinden abgesetzt. Emigrant 1934-1936
Paris; a. o. Professor 1936 Basel, o. Gast-Professor 1946/47 Berlin,
o. Professor 1958 Basel, emeritiert 1962. 288
Monriier, Adrienne (1892-1955) Buchhandlerin und Schriftstellerin.
Urspriinglich literarische Sekretarin, eroffnete 1915 ihren beruhm-
ten Buchladen 7 rue de 1' Ode on. In engstem Kontakt mit der fran-
zosischen avantgardistischen Literatur, insbesondere mit Pierre
Reverdy, Henri Michaux und Michel Leiris, aber auch mit Valery.
Maurice Saillet hat unter dem Titel >rue de POdeon< ein Buch
veroffentlicht, das Zeugnisse iiber sie und eine Reihe ihrer eigenen
Arbeiten enthalt, darunter auch zwei Aufsatze iiber Benjamin, mit
dem sie in dessen Pariser Jahren befreundet war. 313, 320, 330
Radt, Jula (geboren 1894 in Berlin), Schwester von Alfred Cohn.
Lange Zeit, vor allem 1912 bis 1915 und 1921 bis 1933 eng mit
W. B. befreundet. Bildhauerin. Lebte von 1916 bis 1922 in Heidel-
berg, wo sie dem Kreis um Stefan George nahestand; nachher wie-
der in Berlin. Seit 1937 in Holland. Seit 1925 mit Fritz Radt, dem
Bruder von Grete Radt, verheiratet. 152, 154, 155, 159, 224
Rang, Florens Christian (1864-1924), zunachst im preufiischen Ver-
waltungsdienst; entschloB sich 1895 Theologie zu studieren, kehrte
nach fiinfjahriger Tatigkeit als Pfarrer in den Staatsdienst zuriick,
bis 1917 Regierungsrat, bis 1920 Vorstand des Raiffeisenverbandes.
Danach, auf Grund seiner letzten Wandlung, die ihn zur Nieder-
legung aller seiner Amter veranlaBte, Privatmann. Er stand in sei-
nen letzten Lebensjahren mit Benjamin, den er etwa 1918 in Berlin
kennengelernt hat, in enger Verbindung. 112, 115, 116, 117, 118,
119, 120, 121, 122, 123, 124, 126, 127, 128, 130, 131
Rilke, Rainer Maria (1875-1926). W. B. ist mit Rilke erst kurz vor
dessen Tode in Beziehung getreten. Rilkes Gedichte hat er in seiner
Jugend geschatzt und zitiert, nie aber sich in grofierem Zusam-
menhange iiber ihn geauBert. Er ubernahm die Ubersetzung der
>Anabase< von Saint- John Perse, fur die eigentlich Rilke vorgesehen
war. 144, 148
Rychner, Max (1897-1965), Literaturkritiker. Wurde 1921 mit einer
Arbeit iiber G. G. Gervinus promoviert. Von 1922 an Redakteur der
>Neuen Schweizer Rundschau<, in welcher Eigenschaft er mit W. B.,
dessen Mitarbeit suchend, bekannt wurde. Lebte 1931-1937 als
Redakteur und Korrespondent in Kbln. 165, 174, 182, 187, 192,
201, 222
867
Sachs, Franz (geboren 1894 in Berlin), Mitschuler und Jugendfreund
von W. B. in der Zeit der Jugendbewegung bis 1914. Studierte Jura
und lebt als chartered accountant in Johannesburg. 14, 21
Schoen, Ernst (1894-1960), Musiker, Dichter und Ubersetzer. Mit-
schuler von W. B. und auch spater mit ihm freundschaftlich ver-
hunden. Seit seiner Jugend in Verhindung mit der Familie des
Komponisten Busoni. Lehte vor allem in Berlin, spater als Pro-
grammleiter des Rundfunks bis 1955 in Frankfurt. Von 1953 bis
1952 in England, dann wieder in Berlin. W. B. hat ein >Gesprach
mit Ernst Schoen< in der >Literarischen Welt< vom 30. August 1929
verb Sen tlicht. W.Bs Briefe an ihn haben sich nur bis 1921 erhalten.
25, 33, 34, 37, 38, 48, 51, 54, 59, 62, 68, 69, 70, 72, 73, 75, 77, 80,
82, 85, 87
Scholem, Gershom Gerhard (geboren 1897 in Berlin), studierte Mathe-
matik, Philosophic und Semitistik. Lernte W. B. 1915 kennen, war
1918 und 1919 in Bern mit ihm zusammen. Enger persb'nlicher Urn-
gang in den Jahren bis 1923, als er nach Palastina ging. Nochmali-
ges persbnliches Zusammensein in Paris 1927 und 1938. Seit 1925
Dozent und spater ordentlicher Professor fiir Geschichte der jiidi-
schen Mystik an der Universitat Jerusalem. In erster Ehe verheiratet
(bis 1936) mit Elsa Burchardt, in zweiter Ehe mit Fania Freud.
41, 42, 46, 49, 50, 52, 53, 55, 56, 57, 58, 60, 61, 63, 64, 65, 66, 67,
71, 74, 76, 78, 79, 81, 84, 86, 88, 89, 90, 91, 92, 93, 94, 95, 96, 97,
98, 99, 100, 101, 102, 103, 104, 105, 106, 107, 108, 109, 110, 111,
113, 114, 125, 132, 153, 134, 135, 156, 137, 158, 140, 141, 142, 145,
147, 150, 153, 156, 157, 160, 168, 171, 175, 177, 178, 179, 180, 181,.
184, 185, 186, 189, 190, 191, 193, 194, 196, 197, 198, 199, 203, 205,
206, 207, 208, 209, 211, 212, 214, 215, 216, 218, 220, 221, 225, 227,
230, 235, 236, 258, 240, 241, 244, 249, 257, 264, 268s 278, 286, 287,
289, 292, 296, 299, 300, 308, 509, 311, 327
Seligson, Carla (1892-1956), studierte Medizin und nahm lebhaften
Anteil an der Jugendbewegung, in deren Bliitezeit sie mit W. B. eng
befreundet war. Seit 1917 mit Herbert Belmore verheiratet. Ihre
Schwestern Rika und Traute, die ebenfalls intensiv an diesem
Kreise teilnahmen, begingen im ersten Kriegsjahr (1914/15) Selbst-
mord. 11, 15, 20, 24, 26, 27, 28, 29, 30
Steffin, Margarete (1908-1941), Buchhalterin. Sie war armer Leute
Kind. Brecht lernte sie im Winter 1931/32 kennen. Sie spielte das
Dienstmadchen in der Urauffuhrung der >Mutter< (Januar 1952).
Mit kurzen Unterbrechungen teilte sie Brechts Exil von 1933 an,
iibersetzte auch fiir ihn Griegs >Niederlage< und anderes. Sie starb
auf dem Wege in die Vereinigten Staaten in Moskau. Benjamin
lernte sie in Paris kennen. 267, 316
Steinschneider, Kitty (geboren 1905 in Kbnigsberg), lernte noch als
Kitty Marx W. B., kurz bevor sie Anfang 1933 nach Palastina ging,
kennen und stand in den folgenden Jahren mit ihm in freundschaft-
868
licher Verbindung. Seit 1933 verheiratet mit Karl Stein Schneider.
Lebte zuerst in- Rechobot und spater in Jerusalem. 219, 228, 269,
277, 301
Thieme, Karl (1902-1963), geboren in Leipzig, Studium der Philoso-
phic, Geschichte und Theologie. Sozialist. Lehrtatigkeit an der
deutschen Hochschule f iir Politik und der Padagogischen Akademie
Elbing. Emigrierte 1935, Einbiirgerung in der Schweiz 1943. Seit
1947 Lehrtatigkeit an der Hochschule fur Verwaltungswissenschaf-
ten, 1954 Professor am Ausland- und Dolmetscherinstitut der Uni-
versitat Mainz in Germersheim, 248, 291, 294, 295, 298, 314
Weltsch, Robert (geb. 1891 in Prag), aus dem Prager zionistischen
Kreis hervorgegangen, war von 1921-1939 Chefredakteur der
>Jiidischen Rundschau<, fur die W. B. seinen Kafka-Essay, schrieb.
Lebte spater in Jerusalem, seit 1945 in London. 234
Wyneken, Gustav (1875-1964), der Fuhrer der radikalen Schul-
reform, Begriinder der Freien Schulgemeinde Wickersdorf. Autor
von >Schule und Jugendkultur< und Herausgeber der Zeitschrift
>Der Anfang<. War W.B's Lehrer im Landeserziehungsheim Hau-
binda und stand seitdem mit ihm in engem Kontakt bis 1915, be-
sonders 1912 bis 1914. Nur W. B's Absagebrief an ihn, mit dem er
die Beziehung abbrach, ist bisher zum Vorschein gekommen. 39
Namenr egister
Abraham, Pierre 818
Ach, NarziB von 564
Adorno, Gretel geb. Karplus 12,
6+0, 662, 663, 664, 671, 679,
741, 779, 788, 799, 809, 823,
824, 825, 828, 834, 835, 839,
848, 856, 860, 861, 862
Adorno, Marie geb. Cavelli 809
Adorno, Oscar 809
Adorno, Theodor Wiesengrund 7,
11, 12, 13, 169, 552, 556, 565,
569, 592, 597, 600, 685-688,
718, 722 f ., 726, 727, 737, 739,
741, 749, 750, 765, 771, 780,
800, 801, 804, 811, 828, 835,
837,838,841,844,845
Aeschylus 338
Aflah, Abu 344
Agnon, S.J. 212, 225, 2281, 240,
243, 255, 257 £., 261, 272, 275,
281, 283, 286, 289, 291, 357,
369, 374, 383, 417, 468, 494,
579, 601
Alain 703
Alanus ab Insulis 238, 367
Albert 77
Alewyn, Richard 469
Andersen, Johann Christian 198,
199
Andreas Salome, Lou 601
Andrian, Leopold von 454
Angelus Silesius 28, 97
D'Anrmnzio, Gabriele 498, 681
Apollinaire, Guillaume 340
Appel 813
Aragon, Louis 446, 663
Arendt, Hannah' 12, 804, 810,
846 f.
Aretino, Pietro 31, 198
Arndt, Ernst Moritz 229
Asselineau, Charles 238
Ave-Lallemant, Friedrich Chri-
stian Benedict 211 f,
Baader, Franz von 134/135, 137,
139,369,494,502,619
Bachenschwanz, Lebrecht 307
Bachofen, Johann Jakob 409, 416,
614, 616, 640, 642, 646, 650,
652, 653, 660
Baechtold, Jakob 504, 760
Baeck, Leo 476
Baumker, Clemens 224 f., 230,
235, 236
Baumler, Alfred 735
Balfour, Arthur James 520
Ball, Hugo 216
Balzac, Honore de 1 07, 111,
215 f., 307, 356, 395, 402, 759,
789, 807
Barbizon, Georg 8, 53, 54, 69, 74,
77, 79, 98, 99, 104, 117, 200
Baron, Erich 579
Barth, Karl 711, 816
Barthel, Ernst 152, 175
Bassiano, Marguerite von 420
Bauch, Bruno 143, 159
Baudelaire, Charles 120,133,171,
198, 213, 219, 223, 235, 238,
247, 250, 253, 255, 259, 265,
268, 287, 290, 294, 300, 302,
307, 318, 319, 321, 327, 330,
334, 339, 351 f., 356, 362, 366,
402, 671, 682, 706, 736, 738,
741, 742, 748 f., 750 ff., 765,
767, 769, 773-776, 777, 778,
779, 780, 782-790, 791-796,
798, 800, 801, 802, 805-809,
870
811, 814, 819 f., 821 f., 823-
825, 827, 831, 832, 833, 834,
835, 836, 842, 845, 848, 849,
850, 854, 855
Baumgardt, David 183, 252, 253,
258, 369
Baumgartner, Alexander 477
Beach, Sylvia 600, 831, 859
Becher, Johannes R. 772
Behrend, Suse 107
Belmore, Abraham 29
Belmore, Clara 29
Belmore, Genia 100 f., 105
Belmore, Gertrude Henriette 29
Belmore, Helmut 80
Belmore, Herbert 11, 12, 39, 55,
74, 102, 140
Benda, Julien 466, 703, 755, 801
Benjamin, Dora 8, 38, 78, 85,
409, 579, 651, 668, 685, 738,
780 f., 797, 831
Benjamin, Dora Sophie geb. Kell-
ner 8, 11, 19, 100, 101, 102,
103 f., 105, 107, 111, 117, 124,
133, 136, 143, 144, 147, 148,
153, 154, 156, 157, 158, 159,
164, 167, 170, 172, 175, 181,
182, 183, 184, 185, 190, 191,
194, 198, 200, 202, 204, 208,
212, 215, 221, 222, 224, 226,
227, 234-, 236, 238, 239, 241,
242, 245, 250, 252, 253, 256,
258, 261, 263, 264, 266, 270,
273, 274, 275, 276, 279, 283,
288, 290, 292, 299, 301, 302,
304, 307, 311, 317, 368, 380,
408, 445, 448, 458, 476, 479 f\,
500, 513, 572, 587, 624, 627,
633, 732, 740, 747, 766, 775,
777, 781, 802, 844, 846
Benjamin, Emil 8, 29, 38, 41, 50,
73, 78, 85, 133, 176, 185, 210,
216, 222, 226, 227, 235 f., 239,
241, -243, 250, 256, 273, 279,
290, 291 £., 293, 297, 392, 408,
435
Benjamin, Georg 8, 34, 7S, 79,
85, 191, 397, 408, 525, 579,
598, 656, 714, 739, 781, 848
Benjamin, Hilde geb. Lange 409,
656
Benjamin, Paula geb. SchonflieB
8, 29, 38, 41, 50, 73, 76, 78,
80, 81, 85, 91, 98, 133, 176,
185, 198, 210, 216, 222, 226,
227, 235 f., 239, 243, 250, 256,
290, 291, 292, 293, 297, 392,
408, 476, 488, 499, 501, 520,
521, 525
Benjamin, Stefan Rafael 185 f.,
202, 209, 210, 211, 213, 221,
226, 227, 228, 231, 240, 243,
245, 258, 262, 282, 317, 319,
350, 369, 408, 409, 410, 476,
480, 539, 543, 553, 572, 587,
596, 622, 624, 632, 642, 656,
725, 732, 734, 737, 747, 775,
777, 781, 802
Benjamin (Freiburg i. B.) 70
Benkard, Ernst 720
Benn, Gottfried 731
Bennett, Arnold 584, 587
Beraud, Henri 704
Berdjajew, Nicolaij, Alexandro-
vitsch 656
Berg, Alban 700 f., 708 f., 810
Bergmann, Hugo 341,. 357, 417,
428 f.
Bergmann, Lisa 103, 105, 106
Bergson, Henri 59, 166, 170
Berl, Emmanuel 506, 507
Bernay, Leonhard 735
Bernfeld, Siegfried 85
Bernhard (W. B.'s Wirtin in
Munchen) 263
Bernhardi, AugustFerdinand 198,
252
Bernouard, Francois 427, 600
Bernoulli, Carl Albrecht 186,
191, 409 1, 416, 614
Bertram, Ernst 523
Bertrand, Louis 704
871
Bethge, Hans 418
Bialik/ChajimNachman 617,620
Biedermann, Benedict 734
Binswanger, Paul 606
Biram, Else 283
Blanqui, Jerome Adolphe 741 f.,
752
BlaB, Ernst 83
Blei, Franz 181, 457
Bloch, Carola 480
Bloch, Elsa 253, 261
Bloch, Ernst 8, 212, 217, 218 f.,
224, 227, 229, 232 f\, 234 f.,
241, 247, 249, 253, 254, 255,
261, 263, 264, 275, 284, 291,
295, 320, 343, 350, 353, 362,
369, 374, 376, 377, 380, 396,
417, 420, 424, 428, 429 f., 448,
476, 480, 509, 520, 529, 533,
541, 547, 567, 570, 600, 603,
624, 632, 636 f., 641, 642, 644,
648 f., 655, 669, 771, 779, 780,
837
Bloch, Linda 353, 420, 480
Bloy, Leon 358 £.
Bliicher, Heinrich 846, 860
Bluher, Hans 118,289,571
Boccaccio, Giovanni 198
Bocklin, Arnold 77
Bohlendorf , Kasimir Ulrich Anton
855
Boehlich, Walter 13
Bbninger, Theodor 27, 29
Bogdanow, Alexander Alexandro-
witsch 419
Bonaventura 77
Borchardt, Rudolf 160, 163,168,
171, 188 fT., 192, 194, 224, 305,
341, 453, 459 f., 855
Borel, Henri 278
Borkenau, Franz 561, 624
Bott, Allan 822
Boucher, Francois 56
Boy-Ed, Ida 118
Boy, Eva 544
Braker, Ulrich 413
Brahms, Johannes 681
Brandes, Georg 477
Brandt, (Freihurg i. B.) 70, 77
Brandt, Wolfgang 70
Brecht, Bertolt 8, 12, 13, 19, 20,
494, 502, 514, 518, 519, 525,
529 f., 534 f., 539, 546, 567,
572, 574, 575, 594, 596, 598,
599, 602, 603, 605, 606, 616,
628, 630, 631, 632, 639, 640,
641, 645, 644, 645, 646, 655,
660 f., 662, 663, 669, 670, 683,
692 L, 699, 704, 705, 707, 712,
716, 720, 721, 740, 767, 768,
769, 770, 771, 772, 776, 777,
802,804, 811,814, 817, 818 f.,
820, 822
Brecht, Helene s. Weigel
Brecht, Steff 779
Brecht, Walther 393, 400, 436,
438,464,465,471,475
Bredel, Willi 670, 716
Brentano, Bernard von 520, 522,
632
Brentano, Christian 198
Brentano, Clemens 135, 184, 198
Breton, Andre 9, 507
Breuer, Isaak 619
Breysig, Kurt 112,119
Brill, Hans 797
Brod, Max 468, 470, 473, 539,
564, 598, 607, 614, 660, 748,
756-761, 764, 804
Bronnen, Arnolt s. Bronner
Bronner, Arno 113
Bruck, Hans 856, 845
Bruning, Heinrich 646
Bruhn 31
Brust, Alfred 453, 464
Bruun, Laurids 279
Bryher, W. 838, 862
Buber, Martin 12, 102, 106, 111,
112, 113, 132, 142, 184, 268,
283, 300, 303, 305, 310, 343,
384, 597, 429, 452, 435 454,
455, 456, 469, 470, 474, 491,
670, 697, 744 f., 758
872
Bucharin, Nikolaj Ivanovitsch
417, 546, 788
Biichner, Georg 69
Biihler, Karl 638
Burger, Gottfried August 191
Burchardt, Elsa s. Scholem
Burckhard, Max 28
Burckhardt, Jacob 31, 35, 174,
363, 434
Burckhardt, Carl Jacob 371, 861
Burschell, Friedrich 241, 487
Busoni, Feruccio 191
Caillois, Roger 843
Calderon, Pedro 366, 377, 386,
406
Calvin, Johannes 635
Caro, Hiine 208, 222, 252
Carossa, Hans 852, 855
Caspary, Adolf 369, 637
Cassirer, Ernst 300, 362, 407,
470
Catull 184, 186, 194
Celine, Louis Ferdinand 731,753
Cervantes, Miguel 132, 765, 806
Chagall, Marc 155, 214, 260
Chardin, Jean Baptiste Simeon
56
Charpentier, Gustave 787, 795
Church 742 f.
Claudel, Paul 228, 330
Cocteau, Jean 503
Cohen, Hermann 137, 180, 185,
245, 254, 259
Cohen, Jakob und Isaak 433
Cohen (Freiburg i. B.) 75
Cohn, Alfred 8, 12, 15, 19, 111,
120, 194, 210, 233, 420, 588,
801
Cohn, Emil 410
Cohn, Jonas 61
Cohn, Jula s. Radt-Cohn
Cohn-Radt, Grete 8, 13, 100, 102,
104, 106, 107, 108, 111, 114,
115, 116, 117, 118, 668, 702
Cohrs, Ferdinand 106 f., 271
Collenbusch, Samuel 554, 635
Comte, Auguste 809
Cornelius, Hans 379, 392, 857
Courths-Mahler, Hedwig 293
Cranach, Lukas 548
Cremieux, Benjamin 832
Crepet, Eugene 213
Croce, Benedetto 344
Curtius, Ernst Robert 228
Cysarz, Herbert 354, 393, 558
Czaczkes s. Agnon
Daubler, Theodor 380
Damaye, Henri 645
Dante, Alighieri 142, 307
Daudet, Leon 349, 755
Daumier, Honore 806
Dausse 828 ff.
Dauthendey, Max 569
Deborin, Alexander 398
Dehmel, Richard 78
Delcroix, Carlo 364
Derain, Andre 499
Descartes, Rene 214, 223, 410
Desjardins, Paul 832
Diebold 822
Dielitz, Theodor 748
Dilthey, Wilhelm 43, 203, 216
Dionysius Areopagita 256
Doblin, Alfred 756
Dollfu!3, Engelbert 616
Domke, Martin 658
Dostojewskij, Fedor Michajlo-
. vitsch 133, 157, 171, 173, 205,
219, 247, 710
Dreyfus, Alfred 853
Dreyfus, Robert 823, 825
Driesch, Hans 417
Drieu la Rochelle, Pierre 648
Du Bos, Charles 660, 707
Dudow, Swetlav 820
Durer, Albrecht 76, 366, 471
Duns Scotus, Johannes 235, 246
Eckermann, Johann Peter 198
873
Eckhard, Meister 260
Eddington, Arthur Stanley 761
Ehrenberg, Hans 266, 268
Eichendorif, Joseph von 28, 53
Eisler, Hanns 603, 609
Eisler, Robert 224,240, 291, 410,
417, 429
Eleutheros 54
Elsenhans, Theodor 144, 162
Engels, Friedrich 824 f.
Englert (Freiburg i. B.) 45, 51,
70
Erdmann, Otto 305
Ermatinger, Emil 503 f.
Ernst, Fritz 660
Ernst, Max 666
Erpenbeck, Fritz 819
Etiemble 717, 718, 724
Ettlinger, Karl 30
Euripides 337, 338
Ewers, Hanns Heinz 46
Farrere, Claude 213
Faulkner, William 857
Favez, Juliane 667, 779, 834,
835, 840, 861
Fawcett 584
Feuchtwanger, Lion 716
Fichte, Johann Gottlieb 107
Fischer, Samuel 244, 279
Flattau, Dow 341 1, 347, 348,
481
Flaubert, Gustave 133, 198, 406,
487, 606, 798
Forster-Nietzsche, Elisabeth 191,
349
Foucauld 808
Fourier, Charles 677
Fraenkel, Fritz 859
Fragonard, Jean Honore 56
France, Anatole 163, 165, 169,
171,215,285
Francesco, Grete von 745
Frank, Leonhard 181
Franz I. 31
Franz von Assisi 636
Freud, Sigmund 681, 705, 844
Freud, Fania s. Scholem
Freund, Gisele 643, 828, 859
Freundlich, Otto 279
Frey, Adolf 283, 284
Friedlander, Samuel 191, 230,
236, 247, 253, 254
Friedrich II. 458
Friedwagner, Mathias 392
Fromm, Erich 527
Fuchs, Eduard 650, 655, 665,
667, 683, 691, 695, 718, 723,
727, 729, 731, 733, 736, 737
Fiirst, Julius 242
Galsworthy, John 228
Gamillscheg, Ernst 549
Ganghofer, Ludwig 349
Garve, Christian 191
Gauguin, Paul 279, 548, 577,
582 £., 584
GefTroy, Gustave 741
Geiger, Moritz 247, 256
Gelblum, Chawa 347 f .
Gentz, Friedrich von 728
George, Stefan 15,102, 107, 111,
114, 115, 142, 144, 156, 161,
171, 189, 190, 194, 250, 341,
343, 420, 500, 502, 517, 577 f.,
583, 587, 590, 808, 813, 837,
850 f., 853, 854, 855
Gert, Valeska 424
Gide, Andre 214, 219, 227, 249,
374, 4571, 460, 499, 506, 551,
670, 703, 707, 710, 728, 730,
733, 742, 753, 832, 835, 842,
850
Giono, Jean 813
Giotto di Bodone 363
Giraudoux, Jean 365, 415, 427,
446
Gladys (Paris) 83
Gluck, Christoph Willibald 60
Gluck, Gustav 529, 542, 646, 844
Godin, Amelie 229
Gorres, Joseph von 270, 314
874
Goethe, Johann Wolfgang 1 5,
28, 45, 52, 54, 79, 88, 177 f.,
181, 191, 194, 199, 204, 205,
211, 214, 220, 223, 247, 257,
259, 265, 275 £., 281, 284, 287,
291, 297, 300, 302, 305, 308,
319, 321, 330, 331, 346, 350,
351, 362, 367, 368, 371, 372,
373, 374, 377, 378, 383, 389,
391, 399, 404, 409, 416, 428,
433, 437, 441 1, 454, 470, 473,
475, 477, 481, 482, 483, 496,
547, 598, 660, 696, 765, 771,
783, 794, 795, 806, 826, 844,
855
Gogh, Vincent van 115
Gogol, NikolajWassiljewitsch 205
Goitein, Schlomo Dob Fritz 458
Goldberg, Dora s. Hiller
Goldberg, Oskar 253, 274, 275,
410, 481, 483, 489, 492, 637,
638,
Goldf eld, Rudolf 82
Goldstein, Kurt 207, 501
Gontscharow, Iwan Alexandro-
witsch 503
Goya, Francisco Jose de 402
Grab von Hermann s worth, Her-
mann 558
Gracian, Baltasar 553, 574, 662
Grandville, Jean Ignace Isidore
688
Greco, El Dominicos Theokopu-
los 56 f.
Green, Julien 482, 501, 504, 507,
514, 606, 633, 832
Gretor s. Barbizon
Grimm, Jacob 189, 394, 794
Grimm, Wilhelm 389, 394
Groethuysen, Bernhard 391, 420,
572, 717, 718, 723 f.
Groot, Johann Jakob Maria de
205
Griinewald, Matthias 76
Gryphius, Andreas 140, 144
Gubler 822
Guehenno, Jean 648
Guerin, Maurice de 140, 193
Gumpert, Martin 55, 287, 837
Gundolf, Friedrich 181,250,264,
265, 266, 284, 423, 523, 560
Gurlitt, Ludwig 28, 102
Gutkind, Erich 8, 161, 169, 175,
238, 239, 240, 242, 243, 244,
248, 250, 262, 278, 280, 283,
287, 290, 293, 301, 307, 309,
311, 317, 328, 341, 345, 347,
348, 378, 396, 474, 481, 577,
580, 749
Gutkind, Lucie 238, 243, 244,
248, 262, 290, 301, 307, 317,
328, 341, 345, 378, 396, 474,
481, 580, 749
Guttmann, Simon 98 f., 102, 103,
106, 107, 183, 215, 253
Haan, Jakob de 357
Haas, Willy 413, 464, 468, 518
Haberlin, Paul 168, 174
Haecker, Theodor 538, 542, 543,
725
Halbwachs, Maurice 834, 840
Halevi, Jehuda 242, 346
Halle, Erna 231, 236
Halle, Toni 161,231
Halm, August 78, 103, 107, 110 f.
Hamann, Johann Georg 526, 753
Hanussen, Jan 571
Hardekopf, Ferdinand 451
Harding, Trax 584
Hardt, Ludwig 369
Harnack, Adolph von 152, 166,
180, 349
Hartwig, Franz 156
Hatzfeld, Adolf von 348
Hauff, Wilhelm 198, 799, 809
Hauptmann, Elisabeth 599, 602
Hauptmann, Gerhart 62 f ., 64,
69, 70, 73, 79
Hauser, Kaspar 31
HauBmann, Georges-Eugene 596,
602, 675, 683, 775
875
Hawkins, Richmond Laurin 809
Haym, Rudolf 203
Heartfield, John 670
Hebbel, Friedrich 39, 260, 789
Hebel, Johann Peter 432 f ., 502,
503, 826
Heckel, Erich 115
Hegel, Georg Wilhelm Friedrich
166, 170, 171, 355, 373, 506,
675, 678, 682, 784
Hegemann, Werner 396, 458
Heidegger, Martin 130, 235, 246,
252,506,514,524,771
Heimann, Moritz 55
Heine, Heinrich 678, 705, 707,
719 f.
Heine, Wolfgang 105, 116
Heinle, Friedrich G. 8, 45, 50,
51, 52, 53, 54, 58, 60 f., 63, 69,
70, 71, 74, 79, 80, 82, 83, 84,
85, 94 ff., 98, 99, 102, 106,
107, 109, 115, 116, 119, 157,
175, 202, 234, 240, 271, 274 1,
280, 298 f., 305, 306, 312 f.,
321,331,584,593,781
Heinle Wolf 8, 115, 116, 207,
209, 210, 211, 235, 274 f., 280,
290,. 297, 298, 299, 306, 312,
■ 331, 584, 593, 781
Heinle, Frau Wolf 274
Held, Hans Ludwig 129
Heller, Otto 545 f.
Hellingrath, Norhert von 130,
133, 140, 166, 173
Hennings, Annemarie 214 f,
Hennings, Emmy 214 f.
Hepburn, Katharina 772
Herbertz, Richard 170, 174, 179,
188, 203, 210, 222, 223, 227,
249
Herder, Johann Gottfried 756
Hermann, Use 440
Herzfelde, Wieland 116, 648, 671
Herzl, Theodor 225
Herzog, Rudolf 293
Hesse, Hermann 82
Hessel, Franz 360, 390, 400, 413,
415, 420, 424, 429, 431, 458,
474, 485, 489, 494, 502, 633,
663, 781 f., 802
Hessel, Helen 388, 390, 405,
415, 419, 680, 833
Heym, Georg 115, 185
Heymann, Alice 175
Heymann (Musiker) 147
Hildebrandt, Karl 305
Hildebrandt, Kurt 343
Hiller, Dora 273
Hiller, Kurt 114, 147, 185, 237
Hirsch, Julian 279, 280 .
Hirsch, Mendel 242
Hirsch, Samson Raphael 129
Hitler, Adolf 20, 614, 735, 755,
777, 818, 827, 831
Hobbes, Thomas 396
Hobrecker, Karl 359, 366
Holderlin, Friedrich 28, 43, 106,
124, 129, 131, 133, 140, 142,
144, 160 f., 166,173, 175,216,
760, 781, 813, 855
Honigswald, Arthur 802
Hofer, Karl 115
Hoffmann, Ernst Theodor Ama-
deus 796
Hoffmann, Paul 55
Hofmannsthal, Hugo von 7, 12,
13,20,29,72,114,171,294,
302, 305, 506, 308, 312, 515,
519, 320 f., 325, 327 f., 352,
341, 577, 581, 385, 591, 593,
416, 457, 462, 473, 479, 499,
502, 504, 837, 850 ff., 854, 855
Hofmannswaldau, Christian Hof-
mann von 528
Holbein d. A. 76
Holitscher, Arthur 468
Hollander, Kathe 247
Holzmann 279
Homer 118
Horkheimer, Max 7,12,557,569,
641, 663, 674, 700, 701, 709,
749 f., 770 f., 778, 783, 784,
876
797, 808, 825, 857, 842, 843,
844, 845, 848, 850
Horovitz, Joseph 382
Huch, Ricarda 449
Hueber, Victor 78 1, 92, 93
Hugo, Victor 752, 784, 789, 795,
796, 855
Humboldt, Wilhelm von 378, 395,
398, 400, 526
Husserl, Edmund 77, 162, 210,
246, 725
Ibsen, Henrik 39, 57, 681
Ihering, Herbert 519
Ilf-Petrow (Ilf, Ilja Arnoldo-
witsch-Petrow, Jewgenij Petro-
witsch) 645, 648
Jacobsen, Jens Peter 150, 850,
856
Jammes, Francis 133, 214
Jaray (Wien) 650
Jaspers, Karl 266, 268
Jean Paul 243, 372, 789, 790,
792
Jennings, Hargrave 366
Jentzsch, Robert 115, 183, 185
Jeremias, Alfred 250
Jochmann, Gustav 825
Joel, Ernst 221,456
Joel, Karl 143
Jokisch 647
Jolles, Andre 746
Joseephy, Friederike (Tante von
W.B.) 81,91
Jouhandeau, Marcel 490, 506 1,
515,615,832
Jouglet, Rene 465
Jouve, Pierre Jean 717
Joyce, James 600, 641, 833
Jung, Carl Gustav 640 f., 674,
675,731,733,736,844
Juvenal 616
Kafka, Franz 397, 475 f., 555,
539, 564 f., 5711, 600, 605,
605 f., 607 f., 610, 6111, 6131,
6151, 617 fl, 620, 6231, 628
bis 631, 635, 6381, 6431, 649,
651, 660, 676, 680, 695, 707,
748, 756-764, 766, 803, 804,
807, 852
Kahr, Gustav von 273
Kaiser, Georg 421
Kalb, Charlotte von 118
Kandinsky, Wassily 155, 214,
229, 260
Kant, Immanuel 41, 47, 50, 59,
61, 81, 136, 137, 138, 1491,
1511, 1581, 161, 163, 165,
174, 176, 180, 187, 188, 223,
542, 554, 636, 753
Kantorowicz, Alfred 670
KarlV. 31
Karplus, Gretel s. Adorno
Kassner, Rudolf 255
Katz, Erich 81
Kautzsch, Rudolf 392
Keller, Gottfried 47, 204, 428,
446, 4481, 451, 452, 5031,
523, 725, 760, 817
Keller, Philipp 45, 46, 51, 52, 53,
54, 57, 60, 61, 70, 71, 72, 77
Kellermann, Bernhard 78
Kellner, Dora Sophie s. Benjamin
Kellner, Leon 185, 213, 223, 235,
241, 291 ft., 317, 342, 392
Kellner (Schwiegermutter von
W.B.) 185, 213, 241, 260,.
292, 317
Kellner, Rafael 186
Kellner, Victor 297, 572
Kerr, Alfred 466, 484, 490
Kesten, Hermann 482, 642, 832,
856
Keyserling, Hermann von 468
Kiepenheuer, Gustav 529
Kierkegaard, Soren 47, 48, 79,
130, 565, 581, 673, 678, 680,
681,682,779,794,809
Kisch, Egon Erwin 845
Klages, Ludwig 112, 247, 409,
877
477, 514, 5151, 554,614, 640,
675, 678
Klee, Paul 12, 1541, 214, 242,
260, 262, 268, 282, 283, 543,
762, 824
Kleinberg, Alfred 480
Kleist, Heinrich von 115, 150
Klenau, Inge von 812
Klopstock, Friedrich Gottlieb 820
Klossowski, Pierre 691, 702 f.,
705, 708, 709, 845
Knebel, Karl Ludwig von 194,
220
Kohn, Hans 537
Kolisch, Rudolf 809
Kolmar, Gertrud 504
Kommerell, Max 481, 500, 502
Konstantin I. 174, 434
Korff, Hermann August 319
Korschel (Mitschiiler W. B.'s) 36
Kracauer, Siegfried 352, 429,
432, 480, 567, 642, 820
Kraft, Julius 644
Kraft, Werner 7, 9, 12, 13, 134,
144, 153, 156, 159 1, 161, 163,
168, 184, 186, 189, 197, 231,
236, 244, 247, 254, 396, 576,
598, 624, 647, 656, 759
Kraker, Gertrud 175
Kralik, Richard 401
Kranold, Hermann 75, 77
Kraus, Karl 238, 251, 254, 296,
377, 423, 424, 466, 484, 490,
492, 514, 518, 524, 525, 526,
603, 605, 616, 620, 623, 630,
643, 678, 720, 730, 820, 855
Krauss, Samuel 245, 250
Kroner, Richard 59, 61
Krupskaja, Nadeshda Konstanti-
nowa 503
Kubin, Alfred 233, 855
Kuhnert, Herbert 75
Kurella, Alfred 520
Kutscher, Arthur 401
Lacis, Daga 440, 553
Lacis, Asja 8, 347, 348, 351, 355,
380, 440, 478, 483, 486, 501,
553, 656 f., 663, 724
Lagerlof, Selma 42
Landau, Henryk 265, 266
Landau, Moses Israel 242
Landauer, Carl 642
Landauer, Gustav 310
Landsberg, Paul Ludwig 702
Langenscheidt, Gustav 183 f., 186
Langgasser, Elisabeth 636, 813
Langweil 341
Larbaud, Valery 405
La Rochefoucauld, Francois 860
Lasker-Schiiler, Else 1141,169,
179, 706 f.
Lassalle, Ferdinand 623
Leal, Juan Valdez 402
Lechter, Melchior 347
Lederer, Emil 252, 254, 255, 264,
268, 270, 295
Lederer, Frau Emil 270
Lehmann, Siegfried 49
Lehmann, Walter 130, 225, 2811
Leibniz, Gottfried Wilhelm 323
Leichter, Otto 750
Leiris, Michel 843
Lenclos, Ninon de 43
Lenin, Wladimir Iljitsch 374,
397, 477, 503
Lenya, Lotte 666
Lenz, Jakob Michael Reinhold
115
Leon, Mose de 694
Leonardo da Vinci 67
Lepsius, Reinhold 808
Lepsius, Sabine 808
Lesser, geb. Falkenhain [?] 48
Lessing, Gotthold Ephraim 132,
186, 212, 436
Levin, Hertha 104
Levy, Sylvain 815
Lewin, Schmarja 519, 538
Lewy, Ernst 247, 248, 268, 2791,
398, 401
Lewy, Frau Ernst 280
878
Lichtenberg, Georg Christoph
152, 538, 549, 562 f.
Lichtenberger, Henri 699
Lieb, Fritz 12,13,711,740
Liebert, Arthur 246 f., 735
Liebstockel, Hans 560
Linke,Paul 143 f\, 162,383
Lion, Ferdinand 742, 754, 816 f.
Litt, Theodor 395
Littauer 369, 403
Ljesskow, Nikolaj Semjonovitsch
460, 710 £., 714, 733,739
Louis XV 194
Louis Philippe 192, 806 -
Loewenson, Erwin 185, 369
Lbwenthal, Leo 788
Lowith, Karl 779
Ludwig, Emil 476
Lukacs, Georg 263, 295, 350,
355, 374, 381, 396, 417, 482,
509, 678, 809
Lukrez 630
Luther, Martin 434, 635
Luxemburg, Rosa 250 f., 486, 605
Lyk, Hugo 287, 288
Macchiavelli, Nicolo 314
Macdonald, Philipp 712
Mach, Ernst 850
Macke, August 260
Maeterlinck, Maurice 681
Magnes, Judah L. 454, 455, 462,
463 f\, 469, 470, 471, 472, 473,
475, 476, 478, 479, 491, 493,
510, 560
Mahler, Gustav 798, 849
Maimon, Salomo 262
Maimonides, Moses 258
Maistre, Joseph de 759
Male, Emile 460
Mallarmee, Stephan 681, 706
Malraux, Andre* 717
Mandeville, Bernard de 840
Manet, Edouard 679
Mann, Klaus 642, 653, 656 f.,
660
Mann, Heinrich 71, 77^ 195, 642
Mann, Thomas 131, 195, 256,
374, 377 f., 381, 625
Mannheim, Karl 295, 727
Manning (Freiburg i. B.) 45, 51,
52, 54, 61, 70
Marcus, Ahron 242
Marees, Franz von 115
Margueritte, Paul 213
Margueritte, Victor 213
Marx, Karl 8, 416, 506, 604, 740,
787, 808
Marx, Moses 290, 397, 417, 749
Marx- Steinschn eider, Kitty 12,
13, 562, 564, 565 £., 572, 573,
575 f., 579, 594, 615, 685, 693,
749
Mathisson, Friedrich 39
Matthias, Leo 54
Mauclair, Camille 704
Maugham, William Somerset 601
Maupassant, Guy de 81 f., 682,
805, 809, 849 f.
Maurras, Charles 349
Mauthner, Fritz 28
May, Karl 343
Mayer, Max 493, 497, 499, 502
Mehring, Franz 502, 508, 524,
622
Mendelssohn, Anja 477
Mendelssohn, Georg 477
Mendelssohn, Moses 404
Mercy, Heinrich 748
Meryon, Charles 706, 752
Meyer, Conrad Ferdinand 301,
495
Meyrink, Gustav 279
Meyerhold, Wsewolod Emile-
witsch 440
Michel, Ernst 305
Michel, Wilhelm 813
Michelangelo, M. Buonarroti 363,
364
Milton, John 314
Mirgeler, Albert 472, 482
Moliere, Jean Baptiste 251, 735
879
Molitor, Franz Joseph 134, 136,
208, 218
Molkentin 105
Monnier, Adrienne 12, ,693, 703,
704, 743, 780, 831, 832, 833,
834, 838, 840
Montaigne, Michel de 743, 753,
754
Montherlant, Henri de 648, 833
Moore, George 600
Moore, Merril 862
Morand, Paul 704
Morgenstern, Soma 809, 811 f.,
845
Miiller, Adam 181
Miiller, Ernst 470
Miiller (Freiburg i. B.) 83, 85
Mullerheim, Kathe 82
Muller-Jabusch, Maximilian 75
Munch 817
Miinchhausen, Thankmar von
390, 405, 414, 419, 420
Miinzer, Thomas 284, 291
Munch, Edward 115
Murillo, Bartolome Estehan 404
Musil, Robert 111,575
Mussolini, Benito 353, 777
Nadhemy von Borutin, Sidonie
721
Napoleon Buonaparte 458
Napoleon III. 596
Natorp, Paul 316
Neresheimer, Eugen 251
Nestroy, Johann 290
Nettesheim, Agrippa von 223
Neumann, Franz 726, 727
Neurath, Otto 735
Nietzsche, Friedrich 29, 52, 33,
36, 47, 86, 107, 163, 166, 186,
191, 205, 232, 260, 410, 554,
742,752,779,788
Noeggerath, Felix 135, 138 £.,
150 f., 158,178, 183,211,224,
278, 287, 574 £., 551, 554, 568,
572, 577, 633, 647, 701 f.
Noeggerath, Jean Jacques 632
Novalis 135, 137 f., 192, 193, 343
Ohler, August 351
Off enbach, Jacques 466,518, 673
Oko, Adolf 550
Olschki, Leonardo 265
Oppler-Leyhand 60
Origenes 739
Ostertag, Ferdinand 717
Ostwald, Wilhelm 54, 58, 279
Otto, Adolph 300
Otway, Thomas 321
Overbeck, Franz 163, 166, 186,
191, 410
Palladio, Andrea 435
Panferow, Fjodor Iwanowitsch
486
Panofsky, Erwin 366, 457, 460
Paquet, Alfons 505
Paracelsus 755 f.
Paulhan, Jean 717
Pauly, Jean de 435
Peguy, Charles 214, 217, 220,
232, 244, 449, 784, 795
Perse, St.-John 380 f., 388, 390,
395, 405
Pestalozzi, Johann Heinrich 546
Petrarca, Francesco 232
Pflaum, Heinz 264, 266, 410, 557
Philippe, Charles Louis 165 f.,
171, 175, 215
Picard, Max 518
Picasso, Pablo 155 f., 823
Pindar 130, 133, 140, 142, 173,
184
Pinthus, Kurt 81
Pirandello, Luigi 833
Piscator, Erwin 502
Platen, August von 115,190, 195,
813
Platon 92, 150, 171, 199, 525,
337, 760
Plechanow, Georgij Valentino-
witsch 520, 521
880
Plessner, Helmuth 246
Podszus, Friedrich 266
Poe, Edgar Allan 299, 597, 682,
752,791,806,809
Polgar, Alfred 494, 802
Pollack, Dora Sophie s. Benjamin
Pollack, Lisa s. Bergmann
Pollack, Max 100, 105, 107, 108,
111
Pollock, Friedrich 12, 621, 626,
652, 662, 665, 666 f., 689, 690,
749, 750, 769, 771, 775, 836,
862
Pourtales, Guy de 420
Properz 183 f., 186, 194
Proust, Marcel 395, 403, 405,
406, 409, 410, 411, 412, 414,
420, 423, 427, 429, 431 £., 433,
445, 473, 480, 485 f., 492, 496,
497, 509, 538, 557 f., 682, 783,
823, 832, 849, 852 f.
Pulyer, Max 137
Puschkin, Alexander Sergeje-
witsch 615
Quentin, Franz s. StrauB, Ludwig
Radt, Fritz 9, 114, 414, 515, 588,
646
Radt, Grete s. Cohn-Radt
Radt-Cohn, Jula 8, 11, 12, 13,
120, 172, 195, 204, 227, 233,
260, 262, 264, 266, 414, 467,
515, 646
Raffael, Santi 154, 365
Raimund, Ferdinand 409
Rang, Bernhard 334
Rang, Emma get. Kressner 357,
361, 362, 370, 397
Rang, Florens Christian 7, 12,
13, 20, 268, 271, 275 ff., 278,
280, 283, 285, 286 f., 294, 319,
329, 331,' 340, 545, 5561,
561 f. 569, 570 £., 373, 374,
389, 392, 397, 406, 438, 447,
453, 464, 465, 634
Rang, Helmuth 300, 315, 524,
525, 534, 557, 362
Rathenau, Walter 181, 189, 310,
448
Razowski 856
Redon, Odilon 233
Regnier, Henri de 706
Reich, Bernhard 409
Reichenbach, Hans 735
Reinhardt, Karl Friedrich von
220
Reinhold, Chanoch 545
Renan, Ernest 755
Retz, Jean Francois de 859, 860
Richter, Hans 356
Rickert, Heinrich 41, 61, 176,
246, 266, 268, 857
Riehl, Alois 81
Rilke, Rainer Maria 58, 60, 87,
106, 140, 169, 380 £., 591, 395
Rimbaud, Arthur 855
Ritter, Johann Wilhelm 542 f .
Riviere, Jacques 265
Rodin, Auguste 106
Roefller, Rudolf 745, 746, 747
Rolland, Romain 228, 705
Romain, Jules 705, 828, 852, 854
Rops, Daniel 402
Rosenberg, Arthur 558, 648
Rosenstock, Eugen 295 f ., 324
Rosenzweig, Edith 295, 296
Rosenzweig, Franz 264,265, 281,
282, 295, 296, 545, 545, 575,
454,468,508,557,670,744
Rosetti, Dante Gabriel 420
Roth, Joseph 810
Rousseau, Jean Jacques 853, 855,
842
Rowohlt, Ernst 446, 522 f., 802
Rubiner, Ludwig 181
Rychner, Max 12, 497, 525 f.,
528, 545, 604
Sachs, Franz 8, 11, 59, 44, 45,
50, 55, 60, 62, 64 f., 66, 77, 80,
100 f., 104 f. 106, 117
881
Sade, Donatieu Alphonse Fran-
cois de 789, 840
Saillet, Maurice 615
Saint Simon, Claude Henri de
673, 809
Salomon, Gottfried 297, 320, 373,
376, 392
Salten, Felix 854
Saturnus (Freiburg i. B.) 75
Savonarola, Girolamo 787
Saxl, Fritz 366, 470, 479
Scelle 834,. 840
Schaeder, Grete 470, 504
Schaeder, Hans Heinrich 470, 504
Schafer, Dietrich 349
Schafer, Wilhelm 118
Schaffner, Jakob 33
Schanz, Frieda 349, 730
Schapp, Wilhelm 383
Schapiro, Meyer 822, 856 f .
Scheerbart, Paul 136, 223, 227,
238,247,282,698
Scheffler, Karl 49, 115
Scheler, Max 181, 417, 702
Schelling, Friedrich Wilhelm
Joseph 137
Schestow, Lew 606, 655, 700,
734, 803
Schestow, Frau Lew 805
Schiller, Friedrich 59, 61, 191,
855
Schlegel, August Wilhelm 34,
135,137,186,191,199
Schlegel, Friedrich 135, 137 f.,
181, 186, 191, 193, 199
Schleiermacher, Friedrich Ernst
Daniel 137, 166, 169, 176, 191,
203
Schlosser, Rudolf 190
Schmidt, Julian 436
Schmidt-RotlufE, Karl 102, 115
Schmitz, Alfred 176
Schmitz, Alice s. Heymann
Schnorr von Carolsf eld, Julius 247
Schneider (Freiburg i. B.) 75
Schocken, Salman 550, 660, 846f.
Schoen, Ernst 10, 11, 19, 116,
263, 266, 319 f., 373, 384, 396,
409, 429, 494, 556, 559, 567,
644, 646 1, 704
Schoen, Hansi (Johanna von Ro-
gendorf) 12 f., 429
Schonberg, Arnold 810
SchonflieB, Arthur 474
SchonfLieB, Paula s. Benjamin
Schoeps, Hans Jochaim 539, 561,
563 ff., 571, 617, 619
Scholem, Arthur 225, 237, 239,
367, 373, 538
Scholem, Betty geb, Hirsch 171,
264, 416, 525
Scholem, Elsa geb. Burchardt
263, 264, 265, 267, 270, 272,
273, 279, 282, 284, 286, 289,
291, 343, 348, 350, 368, 417,
448, 458, 481, 610, 619
Scholem, Erich 261,457,474, 525
Scholem, Fania geb. Freud 729,
734, 765, 801
Scholem, Gerhard 19 f., 103, 125,
141, 188, 189, 190, 191, 192,
202, 208, 302, 308, 328, 448,
463 1, 487, 522, 573, 574, 594,
615 f., 628, 629, 639, 642, 647,
,659, 670, 712, 721, 744, 767,
768, 779, 782
Scholem, Reinhold 230, 237
Scholem, Werner 368, 409, 575,
576, 656, 714, 735
Schottky, Ferdinand 130
Schottlaender, Rudolf 412, 413,
485
Schreher, Daniel Paul 397
Schroder, Rudolf Alexander 171
Schuler, Alfred 516
Schultz, Franz 249,297,308, 373,
375, 379, 392, 393
Schulze-Gavernitz, Friedrich Gott-
lob 410
Schumacher, Joachim 771
Schwab, Christoph Theodor 760
Seewald, Richard 745
882
Seidmann-Freud, Tom 560
Seligson, Carla 77, 82, 116, 124
Seligson, Rika 96, 506
Seligson-Ritter, Marianne 97, 98
Selz, Guy 647
Selz,Jean 556,569,589, 591, 620
Seume; Johann Gottfried 644
Shakespeare, William 59, 45, 81,
250, 285, 285, 286, 562, 586,
589, 406, 415, 518, 654, 676,
750, 855
Shaw, George Bernard 206
Signorelli, Luca 564
Simenon, Georges 655, 648, 704,
711 f.
Simmel, Georg 162, 785, 808,
824 f.
Simon, Ernst 552, 568
Simon, Heinrich 427,565,812
Sokrates 152, 557, 581, 724, 760
Sophokles 557, 558
Sorel, Georges 252
Sparnaay, H. 546
Speyer, Wilhelm 498 £., 501, 802
Spinoza, Benedictus de 102
Spira, Theodor 505, 590
Spitteler, Carl 28, 56, 37, 57, 62,
90,91,812
fepitzer, Moritz 606
Spranger, Eduard 395
Starhemberg, Ernst Riidiger von
616, 623
Steffin, Margarete 656
Stein, Heinrich von 171, 186
Stein, Ludwig 152
Steiner, Herbert 391
Steinfeld, Alfred 35, 59, 122
Steinheim, Salomon Ludwig 450,
454
Steinschneider, Gustav 277, 571,
576
Steinschneider, Karl 576, 594,
697
Steinschneider, Kitty s. Marx-
Steinschneider
Steinschneider, Toni s. Halle
Steinschneider s. Hanussen
Steinthal, Hajim 398
Stent ock-Fermor, Alexander von
818
Stenbock-Fermor, Frau Alexander
von 818
Stendhal 81, 235, 307, 550, 651
Stern, William 86
Sternberger, Dolf 802, 822
Sterne, Laurence 108, 152, 168,
450, 451, 579
Stevenson, Robert Louis 651,
655, 771
Stifter, Adalbert 166, 187, 188,
195, 195 if., 205 ff., 255, 254
Stone, Reynold (Sascha) 440
Storm, Theodor 28
Straus, Genevieve 823
Straufi, Fritz 74, 105
StrauB, Leo 489, 492, 537, 655,
714
StrauB, Ludwig 50, 55, 61, 144,
153, 239, 468
StrauB, Max 212, 258, 240, 261
Strich, Fritz 469, 471
Strindberg, Johann August 59, 88
Suares, Andre* 216
Susmann, Margarete 650
Swift, Jonathan 261
Swinburne, Algernon Charles 224
Tacitus 192
Terenz 364
Thackeray, William Make-Peace
682
Theokrit 260
Thibaudet, Albert 406
Thieme, Karl 12
Thieme, Susanne 13
Tiberius 348
Tibull 183 f., 186
Tieck, Ludwig 137, 381, 383, .
849
Tiedemann, Rolf 12
Tillich, Hannah 749
Tillich, Paul 591, 749
883
Toller, Ernst 377
Tolstoij, Lew Nikolajewitsch 31,
34 f.
Tonndorf, Max 216
Toscanini, Arthuro 799
Tramer, Hans 370
Tretjakow, Sergej 772
Trotzkij, Lew Davidowitsch 409,
553, 574
Tscherning, Andreas 407
Tuchler, Kurt 8, 44, 49
Tiirkischer, Karl 253
Tumarkin, Anna 174, 735
Tzara, Tristan 356
Unger, Erich 252, 253, 254,
273 f., 280, 288, 289, 291, 369,
411, 481, 515, 516
Unger (Freiburg i. B.) 77
Unruh, Fritz von 404, 416, 426 f.,
432
Valentin, Karl 353
Valery, Paul 381, 393, 542, 707,
710, 813, 815, 828, 832
Varnhagen von Ense, Rahel 660,
728, 804, 811
Verlaine, Paul 215, 484
Very, Pierre 648
Vesper, Will 28
Vesper-Waentig, Kathe 28
Viertel, Berthold 630
Viktor Imanuel III. 364
Virgil 364, 725
Vollmoller, Karl 397
Voltaire 514
Vulliaud, Paul 435
Wagner, Richard 205, 681, 682,
741, 786, 844, 849
Wahl, Jean 717
Wallach, Eugen 424
Walser, Robert 502
Walzel, Oskar 436
Warburg, Aby 438
Wassermann, Jakob 31
Watson, John Broadus 514
Watteau, Jean Antoine 56
Weber, Alfred 295
Weber, Marianne 295
Wedekind, Frank 39, 681
Wegner, Paul 586
Weidle, Wladimir 759
Weigel, Helene 645, 658, 740
Weigel, Valentin 733'
Weill, Kurt 603
Weisgerber, Leo 580
WeiJBbach, Richard 250, 255,
259, 264, 267 £., 271, 272, 290,
294, 319, 321, 327, 539
Welk, Ehm 607
Welti, Albert Jakob 77
Weltsch, Robert 491, 606
Werder, Dietrich von dem 374
Wesselski, Albert 385 f.
Whitman, Walt 600
Wiegand, Willy 531, 578, 581,
588 f., 395, 399, 400, 401, 446,
459
Wieland, Christoph Martin 589,
591 "
Wiener, Elisabeth 592, 779
Wiener, Meir 429
Wiesengrund, Theodor s. Adorno
Wiesenthal, Grete 60, 496
Wiertz, Antoine 402
Wieruzowski, Lena 101
Wilamowitz-Moellendorff, Ulrich
von 345
Wilde, Oscar 42,-600
Willstadter, Richard 359
Winkler, Eugen Gottlob 812 f.
Winter, Joseph 401
Wissing, Egon 517, 552, 602,
640, 718 1, 769
Wissing-Feis, Gert 517
Wissing-Karplus, Liselotte 718,
769
Wittig, Joseph 442, 447
Witz, Konrad 76
Wolfflin, Heinrich 43
Wolde, Ludwig 331
884
Wolff, Kurt 244
Wolff, Lotte 363
Wolfradt, Willy 39, 53, 62, 81, 108
Wolfskehl, Karl 458, 492, 559
Wolter, Charlotte 238
Wolters, Friedrich 516
Wyneken, Gustav 8, 9, 17, 44,
48, 52, 54, 55, 57, 59, 63, 66,
68, 70, 74, 79, 80, 82 f., 86, 93,
95, 103, 104, 108, 110
Zech, Paul 484
Zeitlin, Hillel 129
Zilsel, Edgar 129
Zuckerkandl, Victor 756
Zur Linden, Luise 199
Zweig, Arnold 360
Zweig, Stefan 351 1, 356, 395
Zschokke, Heinrich Daniel 35